, von dichterischen Worten lebhaft begleitet , vorstellen und in großen Konturen hastig ausmalen mußte . Das Wunderlichste dabei war , daß diese Bilder nicht die mindeste Beziehung auf seine eigene Lage hatten , es waren vielmehr , wenn man so will , reine Vorarbeiten für den Maler , als solchen . Er glaubte niemals geistreichere Konzeptionen gehabt zu haben , und noch in der Folge erinnerte er sich mit Vergnügen an diese sonderbar inspirierte Stunde . Wir selbst preisen es mit Recht als einen himmlischen Vorzug , welchen die Muse vor allen andern Menschen dem Künstler dadurch gewährt daß sie ihn bei ungeheuren Übergängen des Geschickes mit einem holden energischen Wahnsinn umwickelt und ihm die Wirklichkeit so lange mit einer Zaubertapete bedeckt , bis der erste gefährliche Augenblick vorüber ist . Auf diese Weise hat sich unser Freund beträchtlich von der Stadt entfernt , und ehe er ihr von einer andern Seite wieder näher kommt , sieht er unfern in einer anmutigen Kluft die sogenannte Heermühle liegen , einen ihm wohlbekannten , durch manchen Spaziergang wert gewordenen Ort . Er war ein stets gerne gesehener Gast bei dem Müller , welcher zu derjenigen Gattung von Pietisten gehörte , mit denen jedermann gut auskommt . In gewisser Art konnte der Mann für unterrichtet gelten , nur hatte er Ursache , manche Eigenheiten zu verbergen deren er sich mitunter schämte ; so hatte er , da er anfänglich zur Schreiberei bestimmt , in alten Sprachen nicht ganz unwissend war , sich noch bei vorgerücktem Alter in den Kopf gesetzt die heiligen Schriften alten und neuen Testaments im Urtexte zu lesen , wobei es hauptsächlich auf chiliastische Zwecke mochte abgesehen sein . Nach einem sehr mühsamen und wenig geordneten Studium von mehreren Jahren sah er sich ungern überzeugt , daß alles eitel Stückwerk bei ihm sei und das ganze schöne Unternehmen auf nichts hinauslaufe . Aus Verdruß über die verlorene Zeit warf er sich in kecke ökonomische Spekulationen , dabei er denn zwar keinen Schaden , doch auch nicht ganz seine Rechnung fand . Seine Frau , eine kluge und stille Haushälterin , wußte ihn mit guter Art zu lenken und zu leiten , niemals rückte sie ihm seinen Irrtum ausdrücklich vor , auch wenn sie ihn denselben fühlen ließ , und da ihm nichts Unangenehmeres begegnen konnte , als wenn er irgendwie an die Nichtigkeit jenes wissenschaftlichen Treibens erinnert ward , ja da er , um nur kein Unrecht einzugestehen , sich auch wohl die Miene gab , als würden ihm jene Forschungen seinerzeit noch die reichlichsten Zinsen abwerfen , so schonte das Weib diese Schwachheit gerne und war heimlich zufrieden , wenn sie ihm eine neue falsche Idee vergessen machen konnte . Übrigens kannte man ihn als einen muntern , redseligen Gesellschafter , als den besten Gatten und Vater seiner größtenteils schon wohlversorgten Familie . Nolten sehnte sich nach der harmlosen Gegenwart eines menschlichen Wesens ebensosehr , als er sich ungeschickt fühlte , an irgend einer Gesellschaft teilzunehmen ; er überlegte deshalb soeben , ob er den Pfad nach der Mühle hinunter einschlagen oder nach der Stadt zurückkehren werde , als ihm ein Müllerknecht begegnet , der ihm sagt , Herr und Frau wären über Feld und kämen vor Abend nicht nach Hause . Wie erwünscht war dem Maler die Nachricht ! eigentlich wollte er ja nur sein trauliches Plätzchen in des Müllers Wohnstube aufsuchen : es schien ihm dies der einzige Ort der Welt , der seiner gegenwärtigen Verfassung tauge . Und er hatte recht ; denn wer machte nicht schon die Erfahrung , daß man einen verwickelten Gemütszustand , gewisse Schmerzen , Überraschungen und Verlegenheiten weit leichter in irgendeiner fremden ungestörten Umgebung , als innerhalb der eignen Wände bei sich verarbeite ? Nolten gab sein Pferd in den Stall , wo man ihn schon kannte , und trat in die reinliche braungetäfelte Stube , wo er niemanden traf , nur in der Kammer neben saß auf dem Schemel ein zehnjähriges Mädchen , das ein kleineres Brüderchen im Schoße hatte . Eine ältere Tochter Justine , eine Prachtdirne , schlank und rotwangig mit kohlschwarzen Augen , trat herein unter dem gewöhnlichen treuherzigen Gruß , bedauerte , daß die Eltern abwesend seien , lief gleich nach den Kellerschlüsseln und freute sich , als Nolten ihr erlaubte , weil man im Hause schon gegessen hatte , ihm wenigstens ein Stückchen Kuchen bringen zu dürfen . Er nahm sogleich seine alte Bank und das Fenster ein , von wo man unmittelbar auf die Wassersperre hinunter und weiter hinaus auf das erquickendste Wiesengrün und runde Hügel sah . Um wieviel lieblicher , eigener kam ihm an dieser beschränkten Stelle Frühling und Sonnenschein vor , als da ihn dieser noch im Freien und Weiten umgab ! Lange blickte er so auf den Spiegel des Wassers , er fühlte sich sonderbar beklommen , bange vor der Zukunft , und zugleich sicher in dieser eingeschloßnen Gegenwart . Auf einmal zog er die Papiere aus der Tasche , das nächste , was ihm in die Hände kam , wollte er ohne Wahl zuerst öffnen : es waren Briefe seiner Braut , vermeintlich an Theobald geschrieben . Er sieht hinein und augenblicklich hat ihn eine Stelle gefesselt , bei der sein Inneres von einer ihm längst fremd gewordnen Empfindung anzuschwellen beginnt ; er will zu lesen fortfahren , als er Justinen mit Gläsern kommen hört ; ganz unnötigerweise verbirgt er schnell den Schatz , aber ihm ist wie einem Diebe zumut , der eine Beute vom höchsten , ihm selber noch nicht ganz bekannten Wert , bei jedem Geräusche erschrocken zu verstecken eilt . Das Mädchen kam und fing lebhaft und heiter zu schwatzen an , in dessen Erwiderung Nolten sein möglichstes tat . Sie mochte merken , daß sie überflüssig sei , genug , sie entfernte sich geschäftig und ließ den Gast allein . Er ist zufällig vor einen kleinen schlechten Kupferstich getreten , der unter dem Spiegel hängt und eine kniende Figur vorstellt ; unten stehn ein paar fromme Verse , die er in frühester Jugend manchmal im Munde seiner verstorbenen Mutter gehört zu haben sich sogleich erinnert . Wie es nun zu geschehen pflegt , daß oft der geringste Gegenstand , daß die leichteste Erschütterung dazugehört , um eine ganze Masse von Gefühlen , die im Grunde des Gemüts gefesselt lagen , plötzlich gewaltsam zu entbinden , so war Noltens Innerstes auf einmal aufgebrochen und schmolz und strömte in einer unbeschreiblich süßen Flut von Schmerz dahin . Er saß , die Arme auf den Tisch gelegt , den Kopf darauf herabgelassen . Es war , als wühlten Messer in seiner Brust mit tausendfachem Wohl und Weh . Er weinte heftiger und wußte nicht , wem diese Tränen galten . Die Vergangenheit steht vor ihm , Agnes schwebt heran , ein Schauer ihres Wesens berührt ihn , er fühlt , daß das Unmögliche möglich , daß Altes neu werden könne . Dies sind die Augenblicke , wo der Mensch willig darauf verzichtet , sich selber zu begreifen , sich mit den bekannten Gesetzen seines bisherigen Seins und Empfindens übereinstimmend zu vergleichen ; man überläßt sich getrost dem göttlichen Elemente , das uns trägt , und ist gewiß , man werde wohlbehalten an ein bestimmtes Ziel gelangen . Nolten hatte keine Ruhe mehr an diesem Ort , er nahm schnell Abschied und ritt gedankenvoll im Schritt nach Hause . Wie er den Rest des Tages hingebracht , was alles in ihm sich hin und wieder bewegte , was er dachte , fürchtete , hoffte , wie er sich im ganzen empfunden , dies zu bezeichnen wäre ihm vielleicht so unmöglich gewesen als uns , zumal er die ganze Zeit von sich selbst wie abgeschnitten war durch einen unausweichlichen Besuch , den er zwar endlich an einen öffentlichen Ort , wo man viele Gesellschaft traf , glücklich abzuleiten wußte , ohne sich jedoch ganz entziehen zu dürfen . Entschieden war er nun freilich so weit , daß er Agnesen aufsuchen müsse und wolle . Noch hatte er die schriftliche Darstellung der Tatsachen , welche so sehr zur Rechtfertigung des teuren Kindes dienten , gar nicht angesehn ; ein stiller Glaube , der das Wunderbarste voraussetzte und keinen Zweifel mehr zuließ , war diese letzten Stunden in ihm erzeugt worden , er wußte selbst nicht wie . Doch als er in der Nacht die merkwürdigen Berichte des Försters las , als ihm Larkens ' Tagebuch so manchen erklärenden Wink hiezu gab , wie sehr mußte er staunen ! wie graute ihm , jener schrecklichen Elisabeth überall zu begegnen ! mit welcher Rührung , welchem Schmerz durchlief er die Krankheitsgeschichte des ärmsten der Mädchen , dem die Liebe zu ihm den bittern Leidenskelch mischte ! Und ihre Briefe nun selbst , in denen das schöne Gemüt sich wie verjüngt darstellte ! - Der ganz unfaßliche Gedanke , dies einzige Geschöpf , wann und sobald es ihm beliebe , als Eigentum an seinen Busen schließen zu können , durchschütterte wechselnd alle Nerven Theobalds . Auf einmal überschattete ein unbekanntes Etwas die Seligkeit seines Herzens . Diese zärtlichen Worte Agnesens , wem anders galten sie , als ihm ? und doch will ihm auf Augenblicke dünken , er sei es nicht : ein Luftbild habe sich zwischen ihn und die Schreiberin gedrungen , habe den Geist dieser Worte voraus sich zugeeignet , ihm nur die toten Buchstaben zurücklassend . Ja , wie es nicht selten im Traume begegnet , daß uns eine Person bekannt und nicht bekannt , zugleich entfernt und nahe scheint , so sah er die Gestalt des lieben Mädchens gleichsam immer einige Schritte vor sich , aber leider nur vom Rücken ; der Anblick ihrer Augen , die ihm das treueste Zeugnis geben sollten , war ihm versagt ; von allen Seiten sucht er sie zu umgehn , umsonst , sie weicht ihm aus : ihres eigentlichen Selbsts kann er nicht habhaft werden . Zu diesen Gefühlen von ängstlicher Halbheit , wovon ihn , wie er wohl voraussah , nur die unmittelbare Nähe Agnesens lossprechen konnte , gesellten sich noch Sorgen andrer Art. Das unbegreifliche Verhängnis , daß die rätselhafte Person der Zigeunerin aufs neue die Bahn seines Lebens , und auf so absichtlich gefahrdrohende Weise durchkreuzen mußte , der Gedanke , wie nahe er selbst ihr , ohn es zu wissen , neuerdings wieder gekommen ( denn des Schauspielers Tagebuch entdeckte ihm ihre zweimalige Anwesenheit ) , dies alles gab ihm mancherlei zu sinnen und weckte die Besorgnis , es möchte die Verrückte über kurz oder lang ihm in den Weg treten , oder hinter seinem Rücken , vielleicht in diesem Augenblick , zu Neuburg wiederholte Verwirrung anstiften . Ein weiterer Gegenstand seiner Unruhe war Larkens , er wußte die treffliche Absicht des Freundes wenn er gleich die einzelnen Schritte nicht billigen konnte , ja zum Teil sie bitter zu schelten geneigt war , doch von der rechten Seite zu nehmen und dankbar zu schätzen ; er erkannte auch darin eine kluge Vorsicht desselben , wenn er durch seine eigene Entfernung alles weitere Unterhandeln über die Pflicht , über Neigung oder Abneigung Noltens in dieser zweifelhaften Sache völlig zwischen sich und ihm abschneiden und den Maler , indem er ihn ganz auf sich selber stellte , zwingen wollte , das Gute , Notwendige frisch zu ergreifen - Aber was sollte man überhaupt von der eiligen Flucht des Schauspielers denken ? welchem Schicksal ging der unfaßliche Mann entgegen ? Beinahe seiner sämtlichen häuslichen Habe hat er sich entäußert , ein großer Teil war ohne Zweifel ins Geld gesetzt , ein anderer , der hier zurückblieb , entweder zu Geschenken bestimmt , oder sollte er durch Nolten verwertet und zu Befriedigung der Gläubiger verwendet werden . Mangel für Larkens selber war nicht zu fürchten . Aber wenn aus allem hervorging , daß eine tiefe Erschöpfung , ein verjährter Schmerz ihn in die Weite trieb , wenn sogar einige Stellen seines Briefs auf eine freiwillig gewaltsame Erfüllung seines Schicksals gedeutet werden konnten - so frage man , wie Nolten dabei zumute gewesen ! Eine dritte und nicht die kleinste Sorge war ihm die schlimme und selbst verächtliche Meinung , womit die Gräfin , seit sie durch Larkens einseitig und falsch von dem Verhältnis zu Agnesen unterrichtet worden , ihn notwendig ansehen mußte Nicht als ob er fürchtete , es hätte sie eine solche Entdeckung irgend unglücklich gemacht , denn in der Tat war seine Vorstellung von der Leidenschaft Constanzens bedeutend herabgestimmt , und höchstens wollte er glauben , daß ihr seine Liebe einigermaßen habe schmeicheln können , aber da er ihr doch seine Absicht damals so dringend , so entschieden bekannt hatte , wie elend , wie verrucht mußte er als Verlobter vor ihr erscheinen , wie tückisch und planvoll sein Schweigen über diese Verbindung ! Mußte sie sich , abgesehn von jedem eignen leidenschaftlichen Interesse , nicht insofern persönlich für beleidigt halten , als schon der Versuch , sie mit zum Gegenstande eines so zweideutigen Spieles zu machen , einen Mangel der Achtung bewies , deren sie sich von Nolten hätte versichert halten dürfen ? Schien in diesem Sinne der Zorn und die Kälte , womit sie ihn seit jenem Abende keines Blicks mehr würdigte , nicht sehr verzeihlich und gerecht ? Unser Maler fühlte das Beschämende , die ganze Pein dieses Verdachts : keine Stunde mehr konnte er ruhen , der Boden brannte unter seinen Füßen , er wollte eilen , wollte sich reinigen , es koste was es wolle Aber das ging so schnell nicht an . Wie sollte er an Constanzen gelangen ? wie war es möglich , sich zu rechtfertigen und doch zugleich die höchste Delikatesse zu beobachten ? Denn gar leicht konnte die Gräfin ihn dergestalt mißverstehn , als wenn er gekränkte Liebe bei ihr voraussetzte , ein Irrtum , der ihn , wie er meinte , zum lächerlichsten Menschen in den Augen der schönen Frau machen müßte . Er überlegte sich die Sache fleißig , und wollte warten , bis ihm ein glücklicher Weg erschiene . Am folgenden Tage fiel ihm ein , von dem Hofrat , dem er ohnehin einen Besuch schuldig war , die Stimmung der Zarlinschen zu erlauschen , und sogleich machte er sich auf den Weg . Bei der Wohnung des Hofrats angelangt , fand er zufällig die Haustüre nur angelehnt , was ihn sehr wundernahm , da es einen der ersten Grundsätze in der Hausordnung dieses Mannes ausmachte , die Eingänge jederzeit geschlossen zu halten . Außer dem Briefträger und einer alten Magd , welche auswärts wohnte , und zu gesetzten Stunden mit dem Essen erschien , betrat nur selten ein Besuch die Schwelle , und wenn jemals , so mußte die Glocke gezogen werden , worauf ein grauer Diener , das einzige lebende Wesen , das den Hofrat umgab , bedächtig aus dem Fenster schaute und öffnete . Im untern Hausflur , wo sich sogleich der Geschmack und die Kunstliebhaberei des Hausherrn in gut aufgestellten Gipsfiguren ankündigte , findet Theobald einen unscheinbar gekleideten Knaben auf der Treppe sitzen und Zuckerwerk aus seiner Mütze naschen , der übrigens ganz hier zu Hause zu sein scheint . Eine unglaublich angenehme Gesichtsbildung , die hellsten Augen , sehr mutwillig , lachen dem Maler entgegen , dem besonders die zierlich gelockten Haare auffallen . Der Knabe , nachdem er unsern Freund ruhig vom Kopf bis zum Fuße gemessen , stand auf und gab der Türe einen tüchtigen Tritt , daß sie schmetternd zuschlug . » Kannst du sagen , artiger Junge , ob der Herr Hofrat daheim ist ? « Der Kleine antwortete nicht , sondern indem er die Treppe hinaufging , winkte er Theobalden , zu folgen . Oben öffnet er leis eine schmale Türe und deutet schalkhaft hinein . Nolten befand sich allein in einem kleinen Vorzimmer , wollte eben an einem zweiten Eingang klopfen , als ihm ein kleines Seitenfenster , dessen Vorhang von innen schlecht zugezogen ist , die wunderbarste stumme Szene im Nebenzimmer zeigt . In einer gespannten Beleuchtung , fast nur im Dämmerlichte , sitzt weiß gekleidet ein Frauenzimmer , bis an den Gürtel entblößt . Ihre Stellung ist sinnend , das Haupt etwas zur Seite geneigt , eine Hand oder vielmehr nur den Zeigefinger hat sie unterm Kinne , dies kaum damit berührend . Ihr Sessel steht auf einem dunkelroten Teppich , auf welchen herab die reichen Falten des Gewandes und der Tücher sich prächtig ergießen . Ein Bein , das über das andre geschlagen ist , läßt den Fuß nur bis über die Knöchel blicken , wo ihn die andre Hand bequem zu halten scheint . Aber welch ein herrlicher Kopf ! mußte Theobald unwillkürlich für sich ausrufen ; die römische Kraß im Schwunge des Hinterhaupts vom starken Nacken an kontrastierte so rührend gegen das Kindliche des Angesichts , dessen Ausdruck nur lautre Scham verriete , wenn sich die letztere nicht soeben zur liebevollsten Ergebung in die Notwendigkeit des Augenblicks zu neigen schiene . Offenbar war das Frauenzimmer nicht gewohnt , als Modell zu dienen . Und in des Hofrats Hause ? Sollte der alte Narr etwa selbst den Pfuscher machen ? Leider war es unmöglich , eine zweite Person , die sich gewiß im Zimmer befinden mußte , zu entdecken auch hörte man keinen Laut : die Schöne verharrte wie ein Marmor in derselben Stellung , nur die leisen Bebungen der Brust verrieten , daß sie atme , auch schien es einmal , als ob sie einen müden Blick gegen das Fenster hinüber wagte , von wo das Licht hereinfiel . Nolten hätte geschworen , dort sitze der Hofrat Sagte nicht ein Gerücht , daß der alte Herr früher wirklich die Kunst getrieben ? und wollten nicht einige behaupten , er habe den Meißel noch in seinem Alter insgeheim ergriffen ? Wie überraschte es daher unsern Maler , als auf ein Geräusch , das in der Ecke entstand , die Jungfrau sich erhob und ein schlanker , schwarzbärtiger Mann anständig auf sie zutrat , ihr mit einem Kusse auf die Lippen dankte , so herzlich und unbefangen , als wenn es eine Schwester wäre . Theobald erkannte in dem Krauskopf auf der Stelle einen Bildhauer , Raymund , den er öfters und namentlich bei dem Larkensschen Abschiedsschmause gesehen , ohne ihm irgend nähergekommen zu sein . Doch es war endlich Zeit zum Rückzuge , so schwer er sich von diesem Anblick trennen konnte , der ihm ebenso rührend und schuldlos deuchte , als er reizend und erhebend war . Kaum hat er die Tür hinter sich zugezogen und sich gefreut , daß der verräterische kleine Schelm nicht etwa wieder um den Weg war , um Zeuge seiner gestillten Neugierde zu sein - so streckt der Hofrat den Kopf aus dem Saale , und beide begrüßen sich mit merklicher Verlegenheit , die denn auch noch eine Weile fortdauerte , nachdem das Gespräch bereits in Gang gekommen . Theobald war durchaus zerstreut von seinem schönen Abenteuer ; auf seinem Gesicht , in seinen Augen lag eine ungewöhnliche Glut , deren Grunde der Alte schlau genug nachkam . » Ich merke , merke was ! « schmunzelte er und klopfte dem Freund auf die Achsel ; » nur lassen Sie ja sich sonst nichts anmerken ! es ist ein wilder Eber , der Raymund , und nicht mit ihm zu spaßen . « Nolten gestand offenherzig den sonderbaren Zufall . » Unter uns « , sagte der Hofrat , » Sie sollen wissen , wie alles zusammenhängt . Der junge Mann , furios in seiner Kunst so wie im Leben , verlangte von seiner Braut , an der er außer einem hübschen Wuchs lange keinen Vorzug mochte gekannt haben , daß sie ihm sitze , stehe , wie er ' s als Künstler brauche . Das Mädchen konnte sich nicht überwinden , es kam zum Verdruß , der bald so ernstlich wurde , daß Raymund das störrige Ding gar nicht mehr ansah . So dauert es ein halb Jahr und das Mädchen , sonst ein sanftes , verständiges Geschöpf , das ihn unbändig liebt , überdies armer Leute Kind ist , fängt an im stillen zu verzweifeln . Überdem bekömmt sie einen vorteilhaften Antrag , sich fürs Theater zu bilden , da sie sehr gut singen soll . Sie schlägt es standhaft aus , und diese wackere Resignation bringt den Trotzkopf von Bräutigam plötzlich auf ganz andere Gedanken von dem Werte des Mädchens , so daß er sie vor etlichen Tagen zum erstenmal wieder besuchte . Auf beiden Seiten soll die Freude des Wiedersehens ohne Grenzen gewesen sein , und gleich in der ersten Viertelstunde , so erzählt er mir , habe sie ihm die Gewährung seiner artistischen Grille freiwillig zugesagt . Da nun Raymund durch sein Zusammenwohnen mit einem andern Künstler um ein Lokal verlegen war , so fand er bei mir , der ich ihm auch sonst zuweilen nützlich zu sein suche , gerne den erforderlichen Raum . Heut ist die zweite Sitzung . Das Närrische dabei ist , daß er sich nicht entschließen kann , was er eigentlich machen soll . Er behauptet , wenn man eine Weile ins Blaue hinein versuche und den Zufall mitunter walten lasse , so gerate man häufig auf die besten Ideen . « » Er hat recht ! « sagte Theobald . » Er hat nicht unrecht « , versetzte der Alte ; » wenn mir aber solch ein Verfahren am Ende nur nicht gar zu dilettantisch würde ! So fängt er neulich einen Amor in Ton zu formen an , wozu er das Muster auf der Gasse unter den Betteljungen aufgriff , wirklich ein delikates Füllen , schmutzig , jedoch zum Küssen die Gestalt . Seitdem nun aber die Geliebte sich eingestellt , durfte der Liebesgott springen ; jetzt liegt ihm die aufdringliche Kröte , die sich gar gut bei dem Handel gestanden , tagtäglich auf dem Hals , und daß der Bursche nicht schon im Hemdchen unters Haus kömmt , ist alles ; neulich ward er gar boshaft und paßte der Braut mit einem Prügel auf ; recht ein Cupido dirus ! « » Ein Anteros ! « rief Theobald lachend . » Suchen Sie doch einiges Verhältnis zu Raymund « , fuhr der Hofrat fort , » es wird Ihnen leicht werden : er respektiert Sie höchlich , und das will bei dem stolzen Menschen schon etwas heißen . Sie finden das ehrlichste Blut in ihm und ein eminentes , leider noch wildes Talent . Es ärgert manches an ihm , Kleinigkeiten vielleicht , die indessen doch einen Mangel an Bildung verraten , genug , mich indignieren sie ; nur ein Beispiel und Sie werden mir beistimmen . Man traut mir billig zu , daß ich kein Pedant bin mit archäologischer Vielwisserei , insofern sie dem Künstler nichts hilft . Stellt mir einer eine lobenswerte Ariadne hin , so frag ich den Henker darnach , ob er wisse , daß die Gemahlin des Bacchus auch Libera heißt . Macht es einen Mann aber nicht lächerlich , wenn er von Göttern und Halbgöttern nur eben wie ein Dragoner spricht ? Werden es ihm diejenigen vergeben , die auf den ersten Blick unmöglich wissen können , daß dieser Mensch , so gut als einer , Charakteristik der Mythen versteht und plastischen Sinn genug in Aug und Fingern sitzen hat ? Nun stellen Sie sich vor , neulich abends im Spanischen Hofe , es waren lauter gründliche Leute da , kömmt auf ein paar Kunstwerke die Rede , Raymund fällt in seinen begeisterten Schuß und sagt wirklich vortreffliche Dinge , aber er spricht statt von Panen und Satyrn , mir nichts dir nichts , und in vollem Ernste immer von Waldteufeln ! Ist so was auch erhört ? Ich saß wie auf Nadeln , schämte mich in sein Herz hinein , trat ihm fast die Zehen weg und wollt ihm helfen ; nichts da ! ein Waldteufel um den andern ! und merkte das Lächeln nicht einmal , das hie und da auf die Gesichter schlich . Nachher verwies ich ihm die Unschicklichkeit , und was ist seine Antwort ? Er lacht ; nun , alter Papa , rief er , es muß mir doch erlaubt sein , mitunter so zu sprechen , wie die Niederländer malen durften ! « Der Hofrat lachte selber aufs herzlichste , und man sah ihm an , wie lieb er den hatte , den er soeben schalt . » Ein stupender Eigensinn ! Mich dauert nur die Braut . « » Wer ist sie denn eigentlich ? « fragte Nolten . » Des Schloßwärters F. Tochter . « » Was ? hör ich recht ? « rief Nolten voll Verwunderung aus . » O gute Henriette ! Wie manchmal hat dein wehmütiger Gesang unter meinen Gittern mich getröstet ! « » Ja ja « , versetzte der Hofrat , » das war noch zur Zeit der liebekranken Nachtigall ! « Der Maler fiel auf einige Augenblicke in süße Gedanken . Die glückliche Vereinigung dieser Liebenden war ihm von guter Vorbedeutung für sich ; denn hatte nicht jene Verlassene in seiner kranken Einbildung einigemal die Stimme Agnesens geborgt ? und war er nicht auf dem Wege , der letztern auch den Bräutigam zurückzugeben ? Nun aber fand er erst Zeit , den Hofrat in der Angelegenheit zu befragen , um derentwillen er eigentlich gekommen war . Der alte Herr bedachte sich und zuckte die Achseln . » Ich weiß nicht , an Ihrer Stelle ging ' ich geradezu selbst hin - die Gräfin zwar soll unpaß sein , den Grafen können Sie immer sprechen . Mein Gott , was sollten denn diese Leute eigentlich gegen Sie haben ? « Soviel indessen Theobald aus dem weitern Gespräch entnehmen konnte , war es geratener , sich nicht persönlich auszusetzen . Der beste Ausweg fiel ihm aber ein . Eine Frau von Niethelm , die intimste Freundin Constanzens , eine feine hochbegabte Dame , deren Zeit und Talent vorzüglich der Bildung zweier Prinzessen gewidmet war , hatte sich ihm von jeher gewogen gezeigt ; ihrer hoffte er sich nun als Mittelsperson zu bedienen , und der glückliche Gedanke erfüllte ihn augenblicklich dergestalt , daß er den Hofrat eilends verlassen wollte , als eben Raymund hereintrat . Der feurige Mann umarmte ihn alsbald mit Enthusiasmus , und suchte ihm seine Achtung auf jede Art zu bezeugen Um nicht unfreundlich zu erscheinen , verweilte Nolten noch eine Viertelstunde , worauf er sich bestens empfahl . Gegen Abend trat er den Gang zur Gouvernantin an , nachdem er auf sein Anmelden eine höfliche Einladung erhalten hatte . Unterwegs erst fiel ihm auf , wie wenig er auf das , was zu sagen und wie es zu sagen war , vorbereitet sei ; er nahm sich schnell zusammen ; eh er sich ' s versah , stand er im Zimmer der Gouvernantin . Die zarte Dame empfing ihn im ganzen freundlich genug , und wenn dennoch etwas von Zurückhaltung fühlbar war , So schien es , als ob sie nur ungerne und mit Rücksicht auf Constanzen sich einigen Zwang auflegte . » Ich bin « , begann Nolten , als er der liebenswürdigen Frau gegenüber Platz genommen hatte , » ich bin veranlaßt , in kurzem dieser Stadt und Gegend Lebewohl zu sagen ; Pflicht und Neigung führen mich auswärts ; aber wie sehr muß ich wünschen , mit vollkommen beruhigtem Sinne scheiden zu können ! Es ist so schön und tröstlich , sich im Andenken seiner Freunde gesichert wissen ! Die Liebe , die Neigung , die wir an einem Orte zurücklassen , gibt uns eine stille Gewähr , daß uns auch anderswo ein guter Stern erwarte . Möchte denn auch ich diesen Trost mit mir nehmen dürfen ! möchten Sie , meine Gnädige , mich in dieser frohen Zuversicht bestärken können ! - Indem sich mir in diesen Tagen eine Reihe ausgezeichneter Personen , deren Bekanntschaft ich mich im Laufe dreier Jahre vielfach zu erfreuen hatte , doppelt lebendig vor dem Geiste aufstellt , und indem ich mich anschicke , den einzelnen noch ein herzliches Wort zu sagen , muß ich vor allen jenes verehrten Hauses gedenken , dessen Gastfreundschaft mir unvergeßlich bleibt , das mit den Edelsten dieser Stadt , und , wie freudig spreche ich es aus ! auch mit Ihnen , gnädige Frau , mich in freundliche Verbindung setzte . Leider hat das schöne Verhältnis zuletzt eine Störung erlitten , die mir das ganze Glück einer dankbaren Erinnerung für alle Zukunft trüben muß , und um so schmerzlicher , da man mir aus den Gründen meines Mißgeschicks , insofern ich dieses selbst verschuldet haben soll , ein Geheimnis macht . Sollte nun auch Ihnen , Verehrteste , nicht erlaubt sein , meine Zweifel zu lösen , so gestatten Sie doch , daß ich die Versicherung bei Ihnen niederlege , ich sei mir , Ihrer teuren Freundin , sowie dem Herrn Grafen gegenüber , eines solchen Vergehens nicht bewußt ; vergönnen Sie , daß ich den Freunden , die mich nicht mehr zu sehen wünschen , die Aufrichtigkeit meiner Gesinnungen durch Ihren Mund beteure . « Die Gouvernantin , die in den Mienen des Malers , solange er sprach , mit Aufmerksamkeit zu lesen gesucht hatte , schien keineswegs ungerührt ; zwar erwiderte sie nur das Allgemeinste , doch sah man ihr an , sie hätte herzlich gerne mehr gesagt . Nolten gewann nun Mut , folgendergestalt fortzufahren : » Wie wäre Ihnen zu verargen , gnädige Frau , wenn sich Ihnen , so wie wir uns jetzt einander gegenüber befinden , und nach dem , was indessen alles zur Sprache gekommen sein mag , ein unüberwindliches Mißtrauen gegen mich im Herzen aufwerfen sollte ! Ich fühle wohl , und Sie selber verbergen sich ' s nicht , wie fremde in ganz kurzer Zeit Ihnen ein Mann geworden sei , der Ihnen früher nicht ganz unwert gewesen . Sonst war es uns willkommener Genuß ,