, daß ist , was sein muß ? Der Zusammenhang meines Geschicks liegt so klar vor mir , daß ich diesem rück- und vorwärts in allen seinen Verzweigungen folgen kann . Hätte ich nicht immer die unverfälschte Wahrheit des Bewußtseins so hoch gehalten , hätte ich nicht den Trug der Einbildungskraft gefürchtet , und künstliche Spiele gemachter Poesie für ein Verbrechen gegen ihr erhabenes Urbild angesehen , ich würde , weniger mißtrauisch , die innere Stimme in mir beachtet haben , deren prophetischer Ton mich so oft mit unnennbarer Trauer durchbebte . Aber ich verwarf jede aufsteigende Ahndung über die Natur meiner Gefühle für Hugo . Ich schalt mich selbst romanhaft , verlachte die Sucht , das Gewöhnliche ungewöhnlich finden zu wollen , mit schonungslosem Spott , und erröthete zuletzt beschämt bei dem Vorwurf , einer Grille wegen , die schöne , beseelende Freundschaft aufopfern zu wollen . Die kleinen Häckeleien häuslicher und menschlicher Mißverständnisse thaten mir nur darum wehe , weil sie andern , weniger unabhängigen Gemüthern zu schaffen machten . Ich sah wohl Störungen voraus , doch in mir blieb noch Alles ruhig . Der Vorfall am Hofe erschreckte mich . Es ward mir dadurch klar , welche Wichtigkeit man auf ein Verhältniß legte , das sich so von selbst , so natürlich , ja so nothwendig gemacht hatte . Ich sprach mit Eduard darüber . Er litt , aber er glaubte mir . Wir sahen beide damals die Sache aus demselben Gesichtspunkte an . Die Dazwischenkunft der Oberhofmeisterin mußte eine Ehe stören , in welche sie nur widerstrebend willigte . Eduards kluge Menschenkenntniß gab mir noch manchen Aufschluß , der mich völlig über mich selbst beruhigte . Doch Hugo machte mich irre . Er zeigte sich mir ungleich heftiger . Ich zitterte , daß seine Phantasie sich verirrt , daß er sich sehr zur Unzeit leidenschaftlich erregt habe . Tavanelli ' s Winke , sein zudringliches Einmischen in die innern Angelegenheiten meines Glaubens störten mich . Auf unbegreifliche Weise ward ich mir fremd . Ich flüchtete in dieser Unruhe zu Hugo . Ich richtete mich an ihm auf . Aber ich lernte zugleich einsehen , daß ich ohne ihn nichts mehr war , daß ich nur noch in ihm dachte und empfand . Was von da an geschah , was mich traf , was noch geschehen kann : es ist unvermeidliche Folge dieses erschreckenden Erkennens . Ja , ich habe aufgehört , dieselbe zu sein . Und da die Umwandlung nun doch einmal geschehen ist , so konnte ich mich auch länger nicht in erborgter Gestalt dulden . Die einzige Möglichkeit , ferner zu existiren , liegt darin , daß ich mich selbst verstehe , und mich zeige , wie ich bin . Diese Freiheit hat mir mein lebendiger Tod genommen . Ich werde mich ihrer nicht ganz ungern bewußt . Sophie , ich gestehe es , wahr sein zu dürfen , ist bei dem Wahrheitsliebenden ein unschätzbares Gut . So lebe ich denn , und liebe in meiner Welt , auf meine Weise . Niemand ist mir um ein Haar breit ferner gerückt , als er früher zu mir stand . Der Gedanke , das Gefühl erreicht jeden Gegenstand mit unermüdeter Innigkeit . Hier , wo mich nichts daran erinnert , daß es noch ein anderes Dasein giebt , als das , was ich in mir trage , hier , wie in höherer Region , findet keine Trennung statt . Georg - - mein süßes Kind ! und du , armer , guter Eduard ! - ich darf euch mit dem Freunde zusammen denken , der mich aus euern Armen riß . Sehen Sie , Sophie , so giebt es dennoch eine Art Leben für mich , um das mich wenige beneiden werden , in welchem ich gleichwohl denke , empfinde und handle . Ich bin , wie in frühern Jahren , im Hause meiner Tante , einer guten , arglosen , überaus einfachen , vielleicht beschränkten Frau . Sie ist gerade , was ich jetzt brauche , eine theilnehmende Seele . Immer nur das Allernächste mit empfindend , von unbedeutenden , aber dafür auch wenigen Worten , und thätig im Hause . Vielerlei , meist Kleinliches vornehmend , und so beschäftigt , daß mir viel Zeit , und ihr das Bedauern bleibt , mich so wenig genießen zu können . Das stille Dorf , der kleine Garten , mein Stübchen im Erker , liebe Sophie ! die äußere Beschränkung hat zu gewissen Zeiten einen eignen Reiz . Man ist so eingeschlossen in sich selbst . Es fällt gar nichts Fremdes da hinein . Ich weiß nicht , wie lange die gute Tante mich bei sich behalten kann . Sie erwartet ihren Sohn Curd , der von seiner Reise nach Italien zurückkommt . Ich möchte nicht mit ihm zusammentreffen , überall ist auch wohl von keinem langen Verweilen vor der Hand bei mir die Rede . Ich bin ja hier erst wieder zu mir selbst gekommen . Noch brauche ich Zeit , mich zu besinnen . Sophie ! ich bitte Sie nicht , meiner zu gedenken . Sie werden mich gewiß nicht vergessen . Aber schreiben ! darum ersuche ich Sie , schreiben Sie mir . Durch die gute Lindhof höre ich wöchentlich zweimal von meinem Georg . Aber all die Uebrigen - Sophie - sein Sie menschlich , schreiben Sie mir von ihm . Ich selbst hatte nicht den Muth , ihm zu sagen , wo ich mich hinbegäbe . Ist denn Emma wirklich mit ihrer Mutter gegangen ? War es möglich , konnte sie ihn in dem Augenblick verlassen . O diese Mutter übt eine fürchterliche Gewalt über sie aus ! Leben Sie wohl , theure , großmüthige Freundin ! Ich gehe , einen Augenblick Luft zu schöpfen . Hinter dem Garten führt ein Fußweg am grünen Wiesengrunde hin , unter schattige Bäume . Mittags rasten die Schaafe hier und suchen Schutz vor der Sonne unter den Aesten einer mächtigen Eiche . Da hat sich der Schäfer seinen Sitz von Rasen gemacht . Ich sah des Abends von hier aus , die Sonne hinter das freundliche Dorf niedersinken , und wenn die Purpurstrahlen an dem gelben Metallknopf des Kirchthurms widerleuchten , die Heerden über die Wiesen ziehn , der Hirt ein frommes Lied auf seiner Schalmei bläst , die Abenddünste einen leichten Flor über die Gipfel der Bäume weben und alles so still wird , die Erde in Schlummer sinkt , dann - O dann - ! Gute Nacht , Sophie ! gute Nacht ! Hugo an Heinrich Zwei Deiner Briefe liegen vor mir . Ich habe den ersten noch nicht gelesen , und würde keinen beantworten , fiele mir nicht ein , mein Schweigen könne Dir wunderliche Gedanken machen , und Dir den Einfall geben , hierher zu kommen und mich aufzusuchen . Thue das nicht , Heinrich ! Bilde Dir auch nichts Besonderes von mir ein . Ich scheue nun noch mehr als sonst das laute Denken . Darum rede ich lieber nichts , und mag auch nicht viel hören . Ich versichere Dich , das Wort ist sehr roh . Hauche ihm die tiefste Seele ein , und es giebt Dir von dieser nichts , als die verpuppte Larve . Das beschwingte Leben entflieht mit dem Oeffnen der Lippe . Wie dürr , wie entkleidet von allem Duft innerer Wärme steht so ein ausgesprochenes Gefühl da . Und wie starrt die Welt es an ! wie unkenntlich wird es selbst Dir , dessen Innerm es sich in Entzücken oder Schmerz entwandt ! Darum , Heinrich , höre auf , das Senkblei prüfender Fragen in meine Brust fallen zu lassen . Du hast ja längst Grund darin gefunden . Was willst Du denn sonst noch wissen ? Die alte , todtgesprochene Geschichte von Emma und Eduards Unglück , von meiner Schuld , und dem tragischen Heroismus der schönen Sünderin , die mußt Du ja wohl auswendig können . Das Historische solcher Haupt- und Staatsactionen singen Dir mit Nächstem die Jungen auf der Straße vor . Erlaß mir das Sprechen darüber . Ja , ja mein Freund , das wäre auch vorbei ! Die Menschen können das Natürliche und Wahre nicht natürlich und wahr nehmen . Sie zerren so lange daran , bis sie wirklich das Greuelbild daraus machen , was sie sich darunter denken . Es ist ein niedriges Gelüst in den Meisten ! ein Vernichtungstrieb , der selbst den Schwächling kitzelt , seinen Fuß zu heben und in den Staub zu treten , was ihm über den Kopf wächst ! Das ist der gemeine Gang der Dinge ! Es scheint uns nur ungewöhnlich , wenn wir darunter leiden . Gäbe es keine Tyrannei , so hätte sich der Gedanke wohl niemals frei gemacht . Ich habe viel mit mir zu thun gehabt , ehe ich den Zorn überwand , der sich meiner zu bemeistern drohte . Mich hatte der Auftritt empört . Alles sehe ich entweiht . Das Heiligste und Geheimste . Mir widersteht jede Verletzung zarterer Rücksicht . Ich fuhr zurück vor der Verwilderung des Schmerzes , und sah mit Unwillen das Edelste von der dammlosen Fluth der Gemeinheit fortgerissen . Die rohen Hände waren gehoben , um das Geheimniß zu enthüllen . Ich hörte die schneidenden Töne des Schreckens , und Alles , selbst die Geliebte ward mir fremd . Nachher mußte ich mich tadeln , so einseitig empfunden zu haben . Aber wahr blieb es doch , ich hatte die Blüthe zerstäuben sehen , und konnte die kahlen Staubfäden nicht wieder mit ihrer duftigen Krone umschließen . Heinrich , ich bin aus meinem Himmel gefallen , und das ist von allem das Schlimmste . Ich mochte deshalb immer noch nicht an Elisen schreiben . Mich dünkt , der natürliche Vermittler unserer Gefühle , der Schlüssel zu jener Zeichensprache des Herzens sei nicht mehr in ihren Händen . Ich fürchte , ihr nicht ganz verständlich zu sein . Es ist etwas in mir verletzt , das ich weder verbergen noch auch angeben kann . Siehst Du , wir wurden einen Augenblick , jeder in die eigne , besondere Welt zurückgeworfen . Der Augenblick ließ eine Lücke . Ich bin verlegen , bei dieser zu verweilen , oder sie zu überspringen . Die Zeit mag sie füllen ! Die Zeit mag überhaupt hier walten . Ich lasse sie machen ! - - - - Wir sind geboren , unsere eigene Narren zu sein . Da nehme ich dies Blatt nach mehreren Tagen wieder zur Hand , und muß mich gleich in den ersten Zeilen auf einer gewissen coquettirenden Misantropie ertappen , die gar nicht zu meiner jetzigen Stimmung paßt . Lieber Heinrich ! wenn ich mich anders recht verstehe , suchte ich längst eine Veranlassung , Dir mit guter Manier Nachricht von mir zu geben . Ich scheute dieses , wie ich auch Deine Ankunft scheue , und doch Beides wünsche . Was aber vor Allem lächerlich herauskommt , ist meine Verachtung gegen das gesprochene Wort , indeß ich mehrere , als gescheut ist , darüber mache . Du siehst , daß ich noch nicht zur Ruhe in mir gekommen bin , und von einem Aeußersten zum andern übergehe . Diese Widersprüche machen mich zuweilen muthlos . Ich war auch zeither nicht wohl . Der Streifschuß am Arm machte mir doch mehr zu schaffen , als ich Anfangs dachte . Ich habe gelitten , und , des Kränkelns ungewohnt , gerieth ich in einen gereizten , ärgerlichen Zustand , aus dem ich noch nicht heraus kann . Vorzüglich verdroß mich die ungeschickte und einfältige Art , eine ernsthafte , auf die stille , innere Ueberzeugung des Menschen , beruhende Handlung , wie einen brutalen Anfall behandelt zu sehen . Das Sühnofer der Ehre , wie diese auch immer verstanden werden mag , muß ehrenvoll gefordert und gebracht werden . Es ist denn auch nicht mit einem Bischen Pulverdampf und ein Paar Blutstropfen abgethan . Die Leidenschaft genügt sich schnell . Das gekränkte Selbstgefühl aber muß sich wieder herstellen oder erliegen . Der außer sich gerathene Mann lief mir wie ein Rasender in den Weg , drang mir ein Pistol auf , und , ganz achtlos gegen Duellgesetze , schrie er mir zu , in beliebiger Nähe loszudrücken , wenn er es thun würde . Ohne einen andern als den höchsten Zeugen über uns , schnell mit mir einverstanden , stand ich ihm , schoß in die Luft , und erhielt die leichte Wunde . Zufällig floß mein Blut rascher und häufiger , als es die unbedeutende Verletzung sonst wohl vermuthen ließ . Ich mußte in der That lachen , wie erschrocken und stolz mein Gegner um sich sah . Es fiel augenscheinlich eine Last von seiner Seele , während er doch nicht ganz sicher vor den Folgen schien . Ich beruhigte ihn völlig über mich . In der Ueberraschung , die Angelegenheit so schnell beendigt , und sich selbst vor der Welt behauptet zu haben , sagte er ziemlich unbewacht : » Nun , so gehen Sie , mein Herr , gehen Sie , sich heilen zu lassen ! Ich will Ihr Leben nicht länger in Gefahr setzen . Ich habe , glaube ich , gezeigt , daß ich nicht zu den Elenden gehöre , die ungestraft mit sich spielen lassen . « Er ging bei diesen Worten nach seiner Wohnung zurück , fragte aber doch noch einmal , ob er mir Jemand zu schnellerm Fortkommen schicken solle ? Ich dankte ihm , indem ich stehen blieb , und ihm unter den seltsamsten Gefühlen nachsah . Es war kein Groll darunter , ich versichere Dich . Im Gegentheil rührte mich der Mann in seiner harmlosen Selbstzufriedenheit . Mein Blut hatte ihn losgekauft von Spott und Tadel . Alle Stimmen waren für ihn gewonnen . Er stand rein gewaschen vor den eigenen , wie vor den Augen der Gesellschaft da . Und damit war es gut ! Elisens Verlust kann er verschmerzen . Seine bisherige glänzende Stellung hat er gegen eine andere , nicht minder ausgezeichnete , vertauscht . Der Fürst ernannte ihn zum Gesandten in P ... Er wird die beste Aufnahme dort finden . Die Geschichte läuft vor ihm her . So ein vom Schicksal Gezeichneter ist sicher , allgemeine Aufmerksamkeit zu erregen . Während man das Anathem über die Werkzeuge seiner Adversität spricht , gebietet die Tugend , die Unbilden des trügerischen Glückes an ihm gut zu machen . Zudem ist der Fall von der Art , daß selbst unsere Kirche die Scheidung gestattet , Elisens eigene Anklage duldet keinen Zweifel . Eduard kann zu einer zweiten Wahl schreiten . Er wird , ich bin es gewiß , nicht lange zu wählen brauchen . Das Vergangene ist dann in Nacht begraben . Niemand spricht weiter davon . Das Meiste in der Welt gleicht sich auf ähnliche Weise aus . Nur , wo die innern Saiten zersprangen , und die ganze Harmonie mit einem einzigen Mißgriff zerstört ward , da flickt und knüpft und zieht man sein Lebelang dran , und nichts als falsche Töne in der Seele . - - - Ich komme von einer langen Wanderung durch Feld und Wald zurück . Zu den alten , lieben Stellen mochte ich nicht hingehen . Es ist noch soviel Krankes in mir , das geschont sein will . Ich ging weiter hinauf , nach der großen Heerstraße zu . In einiger Entfernung von mir zieht sich die Chaussee an den Bergen hin . Ich folgte dem weißen Streif in seinen Krümmungen , und maß die Ferne , unter beengenden Gefühlen . Die kleinen Staubwirbel , welche die Forteilenden zurückließen , umhüllten die Wipfel der Pappeln in aschgrauen Schleier , während unterhalb die flache , fahle Straße öde da lag . Das ist das Leben ! seufzte ich . So verwischen sich seine Spuren ! So zerrinnt jede Erinnerung in die große , allgemeine Auflösung der Dinge ! Ich gestehe Dir , Heinrich , mir schauderte vor dem Gedanken ! Allein , und losgerissen , wie eins dieser schwirrenden Stäubchen , fühlte ich mich mehr als je überflüßig auf der Erde ; das Leben schien mir unnütz , und der Schmerz so bedeutungslos , wie die Freude . Nenne es Zufall , oder wie Du willst , daß gerade jetzt der frische Gesang eines Wanderers aus dem Thale , zu mir heraufschallte , ein dunkler Zug mir etwas Bekanntes zurückrief , und mich zwang , den Ton zu begleiten . Was ich hörte , war die Melodie eines unsrer Regimentslieder . Ich hatte sie unzähligemal gehört . Jetzt besann ich mich darauf . In demselben Augenblick trat auch ein junger Bursche in der wohlbekannten Dragoneruniform , Pallasch und Helm auf der Schulter tragend , aus dem Gebüsch . Er trällerte sein Liedchen , während er , von ungewohntem Gehen wohl ein wenig ermüdet , in läßiger Weile , über den Wiesengrund schlenderte . Die Exerzierzeit war nun überstanden , das braun gebrannte Gesicht trug noch die Spuren von Hitze und Anstrengung , aber der kriegerische Schmuck , und die scharfe Waffe ruhten friedlich auf dem Nacken , der sie doch mit Stolz in die Heimath zurücktrug . Das Metall blinkte hell in der Sonne , es war , als tanzten goldne Fünkchen neben dem guten Jungen her , ihm die Mühen des Lebens zu überglänzen . Ich kann Dir nicht sagen , was alles zugleich in mir wach ward . Freude , das Alte wieder zu sehen , Erinnerung an Gemeinschaft und Verbrüderung , an die Zeit , wo all der Sturm und Drang im Innern etwas wollte , wo kein Zweifel über die große Absicht des Daseins entstehen konnte , die Brust weit , der Wille stark , das Herz offen und frei war . Heinrich , ich sehe Dich , die Freunde , mich selbst , jünger , besser wieder . Ich wurde jung , wie damals , ich rief den Dragoner an . Er stand stille und sah herauf zu mir . Ich nannte ihm meinen Namen . Er wußte nichts von mir . Er war nach mir zum Regiment gekommen , gleichwohl traten wir cameradschaftlich zusammen . In seinen Augen blitzte angenehme Ueberraschung , hier Anhang und Schutz zu finden . Er betrug sich gegen mich mit ehrfurchtsvoller Zurückhaltung . Ich kann Dich versichern , mir war seit lange einmal wieder wohl . Eine Weile gingen wir mit einander , dann theilte sich unser Weg . Er ist nicht weit von hier zu Hause . Ich beschenkte ihn , was er mit jener Beschämung stolzen Selbstgefühls , nicht ohne einiges Erröthen , und , wie er sagte , nur von einem ehemaligen Herrn Offizier seines Regiments annahm . Als er nun mit erfrischtem Muthe weiter ging , und mehrmals , unter wiederholten Begrüßungen , nach mir zurücksah , da ward mir , als trennte sich ein Bekannter von mir . Ich sah ihm gerührt nach . Ist es das ? fragte ich mich . Ruft das Leben aus diesem Ton ? Will es mich dahin zurück haben ? Ich fragte mich das seitdem öfter . Heinrich ! wahr ist es , Etwas muß der Mensch doch wollen , oder er geht unter . Was soll ich aber ? Und dann . - So kann es doch nicht wieder werden ! Alles ist dagegen . Es paßt auch nicht . Wirst Du mich verstehen , Heinrich , wenn ich Dir sage , daß es Emma ist , die mich hier festhält ? Sie ist so plötzlich , so unnatürlich , möchte ich sagen , von mir losgerissen worden . So läßt es ihr Herz , so läßt es das Leben nicht . Ich weiß das gewiß . Ich bleibe deshalb , und warte , bis sie mir sagt , was sie will , was ich soll . Erkläre mir , wenn Du kannst , die unbegreiflichen Widersprüche des Herzens . Ich gehe nie an ihrem Fenster vorüber , ohne daß es mich heiß durchrieselt , ohne daß mein nasses Auge sie hinter den Scheiben sucht . Heute bei meiner Heimkehr erschütterte es mich unaussprechlich , als ich die Fenster ausgehoben , die Vorhänge aufgeschlagen fand , und das tiefe Zimmer so dunkel und öde nach Außen heraustrat . Ich stand lange davor . Drüben auf dem Altane saß der Oheim . Er hatte den Kopf in die Hand gelegt , und betrachtete mich gedankenvoll . Ich fühlte , was in ihm vorging . O wäre Emma in diesem Augenblick - nun und was dann ? wirst Du fragen . Ja , dies dann , ist eine lange , unbestimmte Zukunft , und der Mensch , Heinrich , ist ein Mensch . Lebe wohl ! Ich will morgen zu meinen Dragonern hinüber reiten , und mich wieder jung schwatzen . Curd an die Gräfin Ulmenstein Wie beschämen Sie mich , gnädige Frau ! Sie lassen sich herab , mir zuerst wieder zu schreiben , mich willkommen zu heißen in der Heimath ! mir zu sagen , daß ich erwartet werde , daß ich nur eilen soll , mich der großmüthigsten Beschützerin zu Füßen zu legen , die ihren reichen Vorrath launiger , unterhaltender Mittheilungen für mich in Bereitschaft hält . Wahrhaftig , kann mich etwas mit dem Gedanken versöhnen , wieder in unsere gute , alte Stadt zurückzukehren , so ist es allein Ihre Gnade , Ihre liebenswürdige Gesellschaft , das elegante Haus der einzigen Frau in Deutschland , die Hoffnung , den Zirkel dort wieder zu finden , der sich allein um solchen Mittelpunkt versammelt . Sie , Gnädigste , könnten den Aufenthalt in Paris allein vergessen machen ! Welche Ansprüche auf die Dankbarkeit des deutschen Reisenden haben sie nun vollends dadurch , daß er bei Ihnen nichts von Allem vermißt , was er im Auslande zurückließ ! Wüßte ich nur , was ich thun könnte , um mich einigermaßen eines solchen Glückes würdig zu zeigen ! die schwachen Beiträge , welche ich zu Ihrer Unterhaltung liefern kann , sind nicht von der Art , um mir ein Recht auf die mir so vielfach bewiesene Aufmerksamkeit zu geben . Kleine Reiseabentheuer , in denen sich mein unbedeutendes Selbst verflochten findet , war ich schon so dreist , Ihnen vorzulegen . Leider ist mir aber nichts Bedeutendes begegnet . Ehrlich gesprochen , gnädige Gräfin , Leute , die nichts Besonderes sein wollen , erfahren sehr selten etwas Außerordentliches . Die gebildete Gesellschaft duldet nirgends auffallende Ereignisse . Ueberall giebt es einander ähnlich sehende Gesetze , strenge Polizei , geebnete Straßen , über die man pfeilschnell hinfliegt , große Städte , große Welt , und fast nur eine Sprache , ob diese französisch , englisch oder deutsch heißt , Menschen von Erziehung reden alle aus einem Tone . Das bestätigen uns die neuesten Reisebeschreibungen . Sie sagen immer dasselbe , wenn sich nicht so ein guter , wandernder Künstler auf die Beine macht , und uns sein Abentheuer zum Besten giebt . Ich versichere Sie , der Parmesankäse schmeckt in Parma nicht anders als in unsrer Residenz , der ächte Syllerie wird überall nur ächt geschätzt , französische Köche an jedem Orte gut bezahlt , Trüffeln aus Perigord , so wie Strasburger Pasteten machen die Reise bis nach Neapel , der Mann von Geschmack ißt im Norden und Süden gern gut , und die Frauen dürfen nur die Augen in den Spiegel werfen , um zu unterscheiden , ob eine Pariser Toilette sie kleide ? Uebrigens wissen Alle , was ein hübscher Fuß in der Welt gilt , wie er am zierlichsten beschuhet , wie am vortheilhaftesten gesetzt wird . Wer sucht , der wird finden , heißt es . Es suchen die Klügsten dasselbe , und Einige finden es überall . Der ganze Unterschied besteht darin , daß dies mit mehr oder weniger Grazie geschieht . Indeß , gute Tanzmeister finden sich dann doch an den meisten bedeutenden Orten . Selbst in Deutschland ist , Gott sei ' s gedankt ! die Erziehung hierin soweit vorgeschritten , daß man dreist eine Comtesse Ulmenstein neben die gewandtèste Pariserin stellen darf . Sie sehen , gnädige Frau , etwas Neuem begegnete ich eben nicht . Wie sehr muß ich auch hierin gegen Sie zurückstehen , Sie , die mir den aller reichhaltigsten Brief , voll der bizarrsten Katastrophen mitzutheilen die Gnade hatten . Welch ein Wahnsinn befiel denn Ihre Nachbarn ! Die Tragi-Komödie am See beschreibt Ihre meisterhafte Feder im Styl einer Seriguee . Ich war dadurch so überrascht , daß ich Anfangs die ganze Sache für eine Fiction Ihrer scherzhaften Laune hielt . Die außerordentliche Wahrheit , mit der Sie das Gemälde hinstellen , konnte mich auch nicht so leicht irre machen , da ich wohl schon öfter Gelegenheit hatte , ein Talent zu bewundern , das eben so täuschend trifft , als glücklich malt . Indeß sollte ich in Kurzem durch den Augenschein über jene Zweifel belehrt werden . Ja , gnädigste Frau , durch den Augenschein . Die schöne Elise hält sich im Hause meiner Mutter auf . Denken Sie sich die Ueberraschung , als ich hier ankam , und die Verbannte unter einem Dache mit mir fand ! Es mochte sie wohl nicht weniger überraschen ; denn ich eilte dem Briefe , der meine Ankunft bestimmt meldete , fast um acht Tage voraus , und verhinderte sie so an der Ausführung des Vorsatzes , mir das Feld zu räumen . Ich gestehe , ich wußte es ihr Dank , daß sie nicht eben begierig auf meinen Anblick war . Es setzte mich in große Verlegenheit , ihr gerade an diesem Orte zu begegnen . Ueberhaupt macht man immer ein einfältiges Gesicht , wenn man Jemand nach einem Unfall oder sonstiger Veränderung seiner Lage , wiedersieht . Hier war nun vollends etwas Beleidigendes im Spiel , das mir das verwandte Blut ziemlich warm durch die Adern jagte . Ich konnte es weder mir noch meiner Mutter verbergen , daß , nach der einfältigen Geschichte , Elisens Aufenthalt hier im Hause einen Theil des Ridiculs auf uns zurückwerfe , das sie auf sich lud . Ich stritt lange mit der nachsichtsvollen Frau , die zu fern von der Welt lebt , um das Gewicht ihres Urtheils zu kennen . Es verdroß mich , gleich beim Wiedersehen gerade hierdurch gestört zu werden . Leider giebt es ohnehin bei jeder Nachhausekunft Störungen , die auf der gänzlichen Verschiedenheit der Verhältnisse beruhen , und die noch erhöht werden , wenn zu den eigenen Unannehmlichkeiten , fremde hinzukommen . In solcher totalen Verstimmung machte ich den nächsten Morgen , ganz gegen meine Gewohnheit , in aller Frühe einen weiten Spatziergang , querfeldein durch Wald und Wiesen . Ich hetzte mich gewissermaßen müde , in dem Gedanken , zahmer und williger das Ungemach über mich ergehen zu lassen . Es gelang mir auch . Die freie Luft hatte mich um Vieles abgekühlt , der Anblick einer ganz hübschen Besitzung , mit angenehmen Aussichten für die Zukunft erfüllt . Vorzüglich verhieß der Wald , mit seinen starken , lang geschonten Holzungen , die letzten Reisekosten zu decken . In Gedanken dieses schnell berechnend , nahm ich meinen Rückweg nach Hause . Ich ging rasch , wie man unter dem Entwerfen vortheilhafter Pläne geht , ohne rechts und links zu sehen . Plötzlich stehe ich vor meiner hübschen Cousine . Sie ruhte ganz idillisch , wie man sonst Figuren auf Tassen malte , unter einer Eiche am Wiesenrande , vor ihr weideten die Schafe . Ein großer Strohhut beschirmte ihr Gesicht , sie lehnte sich seitwärts gegen den aufgestemmten Arm , so daß sie halb liegend den Rasensitz einnahm . Sie sah allerliebst aus . Ich blieb eine Weile stehen , um sie genauer zu betrachten . Als sie mich bemerkte , richtete sie sich schnell in die Höhe . Sie sah mich verwundert an . » Wie ? « fragte sie , ohne Verlegenheit oder Affectation , ganz in ihrem gewöhnlichen Tone : » sind Sie es , Curd ? So frühe ? das ist wohl etwas Neues , was Sie von Reisen mitbringen ? « Sie lächelte bei diesen Worten , und zeigte zwischen den frischen Lippen die schönen , weißen Zähne , die ich so oft an ihr bewunderte . Weiß der Himmel , ich gerathe doch sonst nicht leicht aus der Fassung , aber diese unbefangene Art , mich zu bespötteln , verwirrte mich . Sie bemerkte es . » Nun , « sagte sie , » was stocken Sie denn so ? Haben Sie es verlernt , mit mir zu reden ? oder scheuen Sie es etwa ? « » Ich sehe , « erwiederte ich schnell gesammelt , indem ich Platz neben ihr nahm . » Ich sehe , Sie fangen es da wieder mit mir an , wo Sie es gelassen haben , Sie machen sich sogleich wieder über mich lustig . « » Ach , mein lieber Curd , « seufzte sie mit ganz unveränderter Miene . » Es fängt sich im Leben niemals , wie in einem Buche , auf der Stelle wieder an , wo man stehen blieb ; und das Lustigmachen hängt genau mit der Lust zum Lachen zusammen . Aber kommen Sie , « fuhr sie fort , » wir sind wohl hiermit fertig . Sie haben den Schreck überwunden , mich zu sehen . Ich habe Ihnen über die Verlegenheit der ersten Anrede weggeholfen , weiter möchten wir doch nicht leicht kommen , und Ihre Mutter will frühstücken . « Sie stand hier von ihrem Sitze auf , band die Hutschleife unter dem Kinn fester , und ging , diesen vor dem anhebenden Wind mit der einen Hand haltend , so leicht und frei vor mir her , als könne weder Vorwurf noch Kummer ihr etwas anhaben . Gerade in solchem Morgenanzuge , mit demselben feinen florentinischen Hute hatte ich sie auf der Jagdparthie am Tage meiner Abreise das Letztemal im vollen