» Meine Braut , gnädigster Herr ; « versicherte der Geck wohlgefällig : » sie hat den Wunsch geäußert , einige Tage in dem Hause des Wildmeisters zu Mörsburg zuzubringen , dessen Gattin ihr sehr nah befreundet ist , und ich hielt ' s für meine Pflicht , ihr unterwegs meinen Arm zum Schutz zu leihen . « - » Ein kräftiger Schirm allerdings ; « versetzte Sigmund mit leisem Spott : » um so unangenehmer wird es mir , Euch in der Erfüllung süßer Pflicht zu hemmen . Ich bedarf Eurer ; noch in dieser Nacht sende ich Euch von hinnen in einem wichtigen Auftrage , den ich nur Eurer Klugheit anvertrauen darf . Säumt also nicht , sogleich in meinem Gefolge gen Costnitz umzukehren . « - » Der edle Herr stand verblüfft neben seinem Pferde , und wußte nur mit einem Bückling , und einer verlegnen Hinweisung nach der Sänfte zu antworten . « - » Die Wohlfahrt Eurer Zukünftigen sey Eure geringste Sorge ; « versicherte ihm der Kaiser : » der Zufall will , daß der Wildmeister sich gerade hier befindet . Er wird für die Sicherheit der Freundin seines Hauses stehen . Nicht wahr , mein wackrer Herr von der Rhön ? « - » Wie für mein eigen Haupt ; « entgegnete Bilger , der aus Unterwürfigkeit in eine Sache einging , deren Zusammenhang er nicht begriff . - Königseck verharrte indessen noch immer in Unschlüssigkeit . Die Sänfte kam immer näher . » Nun denn aber auch , beim Erlöser ! steigt doch auf ! « rief der Kaiser dem Zaudernden heftig zu : » Des Königs Wille geht vor der Minne . Ihr wißt , wie ich Euch begünstige ; seyd indessen auch meiner Gnade werth . Frisch zu Gaule ! Da die Zucht mir nicht erlaubt , die Dame Eurer Wahl auf offner Heerstraße , in der Dämmerung des Abends , zu begrüßen , so folgt mir unverzüglich . Der Wildmeister wird die seinem Schutz Befohlne begrüßen , und Euch , wegen Eures schnellen Abschieds , mit meinem Gebote entschuldigen . « - Der Königsecker neigte sich verlegen , und stieg langsam in die Vügel . » Seht doch den faulen Knecht ! « sprach Sigmund , seinen langen Bart streichelnd : » Ich hätte Euch mir nicht so saumselig gedacht . Da war der Montfort flinker , da ich ihm heute befehlen ließ , in meinen Geschäften nach Frankfurt zu reiten . Kaum nahm er sich die Zeit , noch eine Messe zu hören , und fort war er , wie ein Irrlicht . Dennoch ist er dem Tyroler zugethan , mehr , denn Ihr es mir zu seyn scheint . « - Diese Neuigkeit belebte auf einmal den zwischen Pflicht , Minne und Eifersucht Schwankenden . » Gott erhalte Euch , kaiserlicher Herr ! « rief er hochaufathmend : » so der Montfort von Costnitz gewichen , will ich ja gerne für Euch reiten , denn nun weiß ich meine Lieb vor seinen Drohungen sicher . Doch ein Wort des Abschieds mögt Ihr mir wohl gönnen , Herr König ! « - Sigmund winkte ihm kurz , aber billigend ; und , nachdem er dem Wildmeister den Befehl zugeflüstert , keiner Seele , - ihn , den Kaiser ausgenommen - Zutritt zu der Fremden zu gestatten , zog er mit seinen Stallmeistern seines Wegs , ohne auch nur den Kopf nach der Sänfte zu drehen , die indessen in des Wildmeisters und Königseck ' s Nähe anlangte . Der Letztere öffnete zierlich und geschmeidig die Vorhänge , hinter welchen eine dichtverschleierte Frau saß , - sprach mit glatten Worten von des Kaisers Willen , seinem Gehorsam , und dem Schmerz , den er empfinde , sie nicht gänzlich an Ort und Stelle geleiten zu können . Zugleich stellte er ihr den Herrn von der Rhön vor , als ihren weitern Schirm und Beschützer . » So lebt denn wohl , und nehmt meinen Dank , Herr von Königseck ! « erwiederte eine gleichgültige Stimme , die dem Wildmeister bekannt und drohend in die Ohren klang : » Ich bin mit meinem neuen Geleitsmann völlig zufrieden , setzte sie hinzu , und aus dem gelüfteten Schleier blickte ein Antlitz , das Bilger ' s Herz mit starrem Entsetzen erfüllte . « Er schwankte auf seinem Rosse , da er in Wallradens Züge schaute . Das Fräulein grüßte ihn unbefangen , reichte dem scheidenden Bräutigam die Hand , und verschloß wieder sorgfältig die Vorhänge ihres Tragsessels , da Königseck von dannen sprengte , und der Zug sich gen Mörsburg weiter bewegte . Bilger war zu Stein geworden , während im innersten Busen sein Herz tobte und hämmerte , wie das eines flüchtigen Verbrechers . Erschüttert ritt er der Sänfte nach , und blickte vergebens zum Himmel nach Trost und Fassung auf . Sein Geschick lag schwer auf ihm , und schwarz war ihm wieder plötzlich die Zukunft geworden , dunkel wie die Nacht und der Nebelschleier des Firmaments , der nur so viel Mondstrahl durchließ , als nöthig war , um die fürchterliche Pracht der kämpfenden Wolkengebirge bewundern zu können . » Das ist kein gut Zusammentreffen ! « seufzte er vor sich hin : » Was soll daraus werden ? O ich Unglücklicher ! Ich selbst muß das Unheil in mein Haus führen , ... mein eignes Verderben an der Flamme meines Herdes niedersitzen lassen ! Wehe mir ! « - Des Wildmeisters Hausfrau empfing die Kommenden auf der Schwelle des Schlosses mit gastlicher Freundlichkeit . Wallrade erwiederte ihren Gruß auf dieselbe Weise , und wandelte an Katharinens Hand zu der Wohnstube , woselbst ein einfaches Mahl bereitet war . » Fürwahr ; « sprach das Fräulein mit zuvorkommender Sanftmuth , die den Herrn von der Rhön wohlthätig anregte : » Ich weiß nicht , edle Frau , wie ich zu einer genügenden Entschuldigung gelangen soll ; daß ich mich so störend in Eure Hauswesen dränge . Wahrscheinlich verdanke ich nur der auserlesensten Fürsprache den biedern Willkomm , der mich in Euerm kleinen Familienkreise schon im Augenblick meines Eintritts heimisch macht . Vergebt daher der Überlästigen . « - Bilger ' s Ehewirthin antwortete auf diese bescheidnen Worte aus der Fülle ihres guten Herzens , und ein gutes Verständniß , wie es öfters zwischen Frauen sich befestigt , - wenn auch nur durch luftgewebte Bande - spann sich auch hier an . Die Fremde wußte durch alle kleine Künste , die sich unbemerkt in Gespräch und Thun entfalten , das Vertrauen der Hausfrau zu erringen , und sich über das Gemüth derselben in ' s Klare zu setzen . Katharine , dieß einfach herzlichgute Wesen , schlicht , wie das Kleid , das sie trug , aber auch rein wie dieses , verhüllte nicht lange den Spiegel ihrer Seele , ohne daß sie daran gedacht hätte , einen Blick unbescheidner Neugier in die Augen des Gastes zu werfen . Die von dem Kaiser und ihrem Gatten ihr Anvertraute nahm nun die erste Stelle in ihrem Hauswesen ein . Sie war das Ziel aller kleinen Sorgen und Rücksichten geworden . Zart und anspruchslos bot ihr Katharine ihre dienstfertige Freundschaft , empfahl sie ihrer Güte das aus dem Schlummer erwachte Kind . Bilger sah dieß Alles mit an , und freute sich der Milde seines gefürchteten Besuchs ; aber diese Freude war im Grunde nur die scheue Hoffnung auf einen bessern Ausgang . So unbefangen und heiter auch seine Züge schienen , wenn der Wohlstand verlangte , dem Gaste einige Worte der Theilnahme zu schenken , oder auf irgend eine gleichgültige Frage desselben zu antworten , so finster wurde sein Auge , so sturmbewegt sein Herz , wenn er sein Kind in den Armen der Fremden sah ; wenn er vernahm mit welchen Schmeicheltönen sie das Mägdlein kirrte , - mit welcher Bereitwilligkeit das Kind ihre Liebkosungen erwiederte . Ihm war , als müsse er dazwischen treten , sein Eigenthum an seine Brust drücken , um es vor bösem Zauber zu retten ; aber kraftlos sank der aufgerichtete Nacken , und die ausgestreckte Hand , so bald Wallradens Blicke auf ihn fielen , und seine Gattin in ihrer unschuldigen Fröhlichkeit betheuerte , ihre Tochter habe sich außer den Eltern noch Niemand so liebevoll genähert , als ihrer werthen Gastfreundin . - Erst spät trennte man sich . Katharine geleitete das Fräulein auf ihr Gemach , und verrichtete den Zofendienst bei ihr , während der Wildmeister im weiten Armsessel bei düstrer Lampe Schimmer einsam und unruhig sich bald hin und her warf , bald mit verschränkten Armen wehmüthig und kummervoll vor sich hinsah . Die kurze Viertelstunde , binnen welcher sein Weib abwesend war , dünkte ihm eine Ewigkeit , und mit einer besondern Ängstlichkeit , schlecht verhehlt , um desto auffallender jedoch , suchte er in den Augen der Zurückkehrenden zu lesen . Katharine konnte nicht Ausdrücke genug finden , um die sanfte Herablassung und Bescheidenheit des Fräuleins zu beloben , und machte schließlich dem Gatten kund , daß die Fremde ihn morgen auf ihrem Gemache erwarten werde , um ihm einen Auftrag von hoher Wichtigkeit anzuvertrauen . Flammen schlugen nun aus dem bisher bleichen Gesichte des Herrn von der Rhön , und Katharinens Unbefangenheit konnte nicht umhin , diesen schnellen Farbenwechsel zu bemerken . - » Was ist Dir , guter Rudolf ? « fragte sie besorgt : » bist Du krank ? Dein Antlitz ist bald Glut , bald Asche . Du fieberst . Rede doch ; - reiße mich aus meiner Angst . « - Der Wildmeister lächelte verlegen , und versuchte es , ihrer Besorgniß zu spotten . » Ei , lieb Weib , wo denkst Du hin ? « erwiederte er , so gefaßt als möglich : » Mir ist wohl , trotz Einem , und Du wirst mir ' s glauben , wenn ich Dir sage , daß ich jetzt noch nach den Fallen sehen will , die ich im Zwinger stellte . Ich vernahm vorhin einen Laut , wie das Gebelle eines Fuchses . Gewiß hat der Feind unsers Hühnerstalles , dem ich so lange nachgestellt , die Schnauze oder eine Klaue in der Falle gelassen . Geh indessen zu Bette ; ich komme bald zurück . « - Katharine wollte ihn von diesem späten Rundgange abwendig machen , allein er blieb unbeugsam bei seinem Vorhaben . Ihm ward leichter , da er in der freien Luft stand , und der Nachtfrost kühlte wie ein weicher Balsam seine glühenden Pulse . Er löschte die Leuchte , die des Mondes Schein entbehrlich machte , und wandelte in dem Mauerschatten des schmalen Zwingers nachdenkend und überlegend dahin , bis ihn endlich im Dahinlaufen auch die Bewegung verließ , und er sich unwillkürlich fest in die dunkle Ecke schmiegte , welche das vorspringende Marienbild am Brunnen bildete . Während er nun sich in unbeweglicher Fühllosigkeit seinen trüben Gedanken überließ , hörte er jenseits des Verhau ' s am Graben einen leisen Werdaruf , und das Gesumme zweier Männerstimmen , das im Anfang unverständlich , dem aufmerksamen Zuhörer in der stillen Nacht bald vernehmlich wurde . » Ei so rede , Bertram , « sprach die eine Stimme : » überall verschlossen , sagst Du ? « - » Wie ein Kloster ; « erwiederte der andre Mann : » Der grimmige Thorhüter berichtete mir , daß in der Nacht niemals ein Pförtchen geöffnet werde . « - » Sie ist aber doch im Schlosse ? « fragte der Erste weiter . » Ohne Zweifel , « antwortete der Zweite : » man hat sie ja in der Dämmerung einreiten gesehen . Der Wildmeister hatte sie eingeholt . « - » Teufel ! wenn ich genarrt wäre ! « brummte der Erste : » Ihr Brieflein lautet so honigsüß , aber auch Gift kann man mit Honig würzen . « - » Ja wohl , Herr Graf ; « meinte der Andre : » ' s wäre nicht die Erste , die einen biedern Rittersmann Meilenweit am Faden gezogen hat . « - » Wenn das wäre , - wehe ihr ! « sprach der Herr mit entschloßnem Tone : » Morgen wird sich ' s finden . Bleibt mir auch noch dann der Zugang zu ihr versperrt , so weiß ich , was davon zu halten sey , und kann das Schwert wetzen nach Lust und Rache . Ha ; wäre der Kaiser nicht zurückgeritten nach der Stadt , ich würde glauben , das Weib lasse sich gefallen , mit uns den Fasching zu verlängern , aber der Himmel verdamme mich , wenn ich ...... « Die Worte verklangen ; weil der Sprechende sich vom Graben entfernte , und auch die Fußtritte der beiden Nachtwandrer verhallten bald in den nächsten Gassen . Der Wildmeister machte sich aus seinem Versteck hervor , und schlich nach seinem Wohngebäude . Bitter lächelnd schüttelte er den Kopf , schlug er die Arme übereinander . » Vor einem solchen Weibe muß ich schweigen ? « seufzte er : » Sie , die mit Jedem ihr Spiel treibt , wie ich ververmuthe , - sie muß ich scheuen ! Hartes Verhängniß , das mich in Fesseln schlug , die nur der Tod zu lösen vermag ! Rette nur Weib und Kind von Gefahr . Nur sie verschone ! « Wohl streckte er sich auf das weiche Lager , wohl schloß er die Augen zum Schlummer , aber das Bette wurde ihm zur Dornenhecke ; ein qualvolles Wachen , nur dann und wann in Fieberträume ausartend , machte ihm die Nacht zu einer Ewigkeit von Pein . Und dennoch bangte ihm , da der Morgen graute , vor dem Tage . Zögernd entwich er seiner Lagerstätte , und ängstlich zählte er die Stunden , bis endlich diejenige herankam , die ihn zu seinem Gaste beschied . Erst nach wiederholter Aufforderung von Seiten seiner Gattin trat er den sauren Weg an , und klopfte mit zagendem Finger an die Thüre von Wallradens Gemach . Das Fräulein saß mit weiblicher Arbeit beschäftigt unfern von dem Ofen des weitläufigen Zimmers , und nickte kaum mit dem Haupte auf Bilger ' s geziemenden Gruß . Der Wildmeister fragte , näher tretend , mit unsichrer Stimme nach der Herrin Begehr . Wallrade heftete einen langen Blick auf den Schüchternen , einen Blick , in dem der Triumph eines entschiednen Übergewichts lag , und sprach , von der Frage abweichend , mit der Freundlichkeit , die den Scorpionstachel führt : » Zuvörderst meine Entschuldigung , Herr von der Rhön . Ich konnte mir jedoch die Lust nicht versagen , Euch in Eurem Hause heimzusuchen . Meine Ankunft kam Euch überraschend , fürchte ich . « - » Ich läugne es nicht ; « antwortete Bilger mit Ruhe : » welches indessen auch der Beweggrund sey ; laßt mich ihn vernehmen . « - » Ich stelle Euren Scharfsinn auf die Probe ; « fuhr Wallrade nach einer kleinen Überlegung fort : » Errathet , was mich zu Euch führt . « - » Dürfte ich , « sprach Bilger gemessen : » dürfte ich Euerm Munde glauben , was er gestern Abend sprach zu mir , zu Katharinen und dem Kinde , so möchte ich fast hoffen , daß Friede in Euerm Gefolge kömmt . War jene Freundlichkeit nur Larve , so fürchte ich um so mehr für meine Ruhe . « - » Das böse Gewissen pocht wieder an die Pforte ; « entgegnete schlau lächelnd das Fräulein : » ich bin indessen nicht so böse , als Ihr glaubt , Bilger . Ich komme , Euch Gelegenheit zu geben Eurer Sünden quitt zu werden , mit einemmale . Es gilt die Erfüllung eines geringen Wunsches , und ich verspreche Euch , « - sie begleitete diese Verheißung mit einem verächtlich niedergleitenden Blicke - » mich ferner weder um Euch zu bekümmern , noch um diejenige , die Ihr Euer Weib nennt . « - » O sprecht , .. was ist ' s ? « fiel der von der Rhön lebhaft ein : » Sprecht , wodurch werde ich Eurer Verachtung würdig ? womit erkaufe ich das Glück , mich von Euch vergessen zu sehen ? « - » Es gab eine Zeit , « versetzte Wallrade beißend : » wo alle Schätze der Welt Euch nicht über meine Gleichgültigkeit hätten trösten können . Die Jahre wechseln jedoch : mit ihnen des Menschen Sinnesart . Wohlfeiler kauft Ihr übrigens keine Lust auf Erden , als meine Verachtung , wenn Euer Arm noch nicht verlernte , das Schwert zu führen , oder Euch noch ein Keller zu Gebote steht , in dem sich ' s allenfalls sterben läßt , ohne von der neugierigen Mitwelt zu Grabe geleitet zu werden . « - » Eure Worte sind mir eben so viele Räthsel , « erwiederte Bilger : » spannt meine Erwartung länger nicht auf die Folter . Hat jemals Mitleid Eure Brust bewegt , - o so versetzt Euch in meine Lage . Ein der Hölle Verfallner dürstet nach der Möglichkeit , wieder den Frieden zu gewinnen . Sprecht , ... wie erringt er das verlorne Kleinod ? « - » Euer häuslich Glück hat Euch zum Kinde gemacht ; « spöttelte Wallrade . » Indessen , ohne lange zu grübeln oder zu zögern , vernehmt , was ich von Euch begehre . Ein Mann wird sich heute oder morgen an den Thoren dieses Schlosses zeigen , und den Zutritt zu mir begehren ; er wird sich auf eine Aufforderung von meiner Hand stützen . Ein kühner Blick , ein braunes Antlitz und eine hohe Schulter zeichnen ihn aus . Mit einem Worte : der Graf von Montfort ist ' s , den ich zu fürchten Grund habe . Der Eitle warb um meine Gunst , bildete sich ein , in deren Sonnenhöhe zu stehen , und hat mir entsetzliche Rache geschworen , da er seinen Irrthum einsah . Ich , ein schwaches unvertheidigt Weib , müßte früh oder spät seiner Unversöhnlichkeit zum Opfer fallen ; darum hab ich ' s vorgezogen , den Eisenkopf durch List in eine Schlinge zu ziehen , der er nicht entrinnen soll , sobald Ihr mir die Hand reicht . Der Kaiser hat mich Euch vertraut ; ich weiß es , denn ich halte die Fäden des Gewebes . Verseht Euer Amt ; der zudringliche Frauenschreck finde an Euerm Schwerte seinen letzten Augenblick , oder verkümmre auf ewig in Euerm Verließe . So nur sättigt sich mein beleidigt Ehrgefühl , so nur beruhigt sich mein Herz . « - Bilger schwieg betroffen eine lange Weile ; darauf wandte er sein kummertrübes Auge zu Wallraden , und sprach : » Ist es denn nicht genug , Wallrade , daß Deine grausame Arglist gerade mein Haus ausgesucht zum Schauplatze Deiner trügerischen Ränke ? Gerade meine Obhut angesprochen zum Schutze gegen betrogne Freier , zum Deckmantel eines unwürdigen Verhältnisses , das eine Königskrone selbst nicht zu adeln vermag ? Muß denn auch meine Hand es seyn , die Du aufforderst in unritterlichem Thun ? « - » Und wessen Hand sonst ? « fragte Wallrade kurz und herrisch : » Ist sie nicht mein ? Ich dinge keine Miethlingsfaust , so lange ich einer Leibeigenen zu befehlen habe . Auf Euch kömmt ' s an , ob Ihr meinem Recht im Stillen huldigen wollt durch Gehorsam , oder ob ich mein Eigenthum vor dem Reiche zurückzufordern habe . « - » Welch einen Preiß verlangt Ihr , Unbarmherzige ! « wendete Bilger seufzend ein : » Um ein Vergehen zu sühnen , soll ich ein doppelter Verbrecher werden ! « - » Wählt ! « rief Wallrade streng : » Der , der mir Rache schwur , darf nicht mehr athmen unter den Lebendigen . Schafft ihn hinweg , und Vergessenheit des Vergangnen , die Ruhe Eurer Zukunft sey Euer Lohn . Weigert Euch hingegen , und aus sey das Gaukelspiel . Ich werde reden , wo Ihr verstummt , und aus meinem Munde sprudle ich Schande auf Euer zerbrochnes Wappenschild , Schande und Tod auf Euer Haupt , Zeter und Schmach auf Alle , die Euch angehören . « - » Halt ein ! giftgeschwollner Wurm , der meines Lebens Blüte zernagte ! « unterbrach Bilger ungestüm die Zürnende : » Die tiefste Erniedrigung hat eine Gränze . Zehnfach schon büßte ich für den mir abgedrungnen Frevel ; nicht länger will ich vor den Drohungen eines Weibes , zittern , das ich verabscheue . Zu Deinem Wächter wurde ich bestellt , nicht zu Deinem Mordknechte . Das will der Kaiser nicht , der getäuschte Kaiser , der nicht ahnt , was Deine glänzende Hülle birgt . Aber , er wird meine Stimme hören ; zu seinen Füßen will ich Alles bekennen ; er wird verzeihen , mir die Ritterhand reichen ! « - » Verzeihen ? retten ? « lachte Wallrade tückisch : » Thor ! vergeßt Ihr , daß Sigmund zu meinen Füßen liegt ; daß er seine Pflichten hintansetzt , um mir hier in stiller Abgeschiedenheit seine Huldigung darzubringen ? Ein Wort nur kostet ' s mir , und Ihr steht auf dem Rabensteine , .. Katharine wandert zum Spittel , und Eure Kinder - hört Ihr ? - Eure Kinder , Blödsinniger , sind schmachbedeckte Bettler ! « - Mit einem Laut aufzuckender Verzweiflung taumelte Bilger zur Thüre , die jedoch im selben Augenblick von einem rasch Daherstürmenden aufgerissen wurde . Der Graf von Montfort stand vor den Staunenden . » Ich will doch sehen , « sprach er in ungestümer Jast : » ich will doch sehen , ob eine Thüre hier im Schlosse dem Geschlechte Montfort verboten seyn kann , das in Habsburg ' s Vesten frei aus- und eingeht . Ihr habt unhöfliche Wächter zu Euren Thoren bestellt , Herr von der Rhön . Die Bursche wagten es , einem Manne von meinem Ansehen den Einritt streitig zu machen , obwohlen mich Ehre und Minne hieher berufen . « - » Sie thaten nach meinem Gebot ; « erwiederte Rudolph , der in dem Trotz des Fremdlings seine Fassung wieder gefunden hatte . - » Desto schlimmer ! « brauste der Graf auf : » Ich werde , sobald ich diese Dame hier gesprochen , auch mit Euch ein Wort reden , wie es waffenfähigen Mannen zukömmt . Bis dahin verlaßt uns ! « - Bilger gab nichts auf die wegweisende Geberde , und versetzte kalt und bestimmt : » Ich bin der Hüter dieser Edelfrau ; befugt , zudringliche Gäste von ihr abzuhalten . Ihr seyd ein solcher , und sie fürchtet von Euch Gefahr . Darum geht in Gutem , ehe ich vergesse , welches Wappen Ihr führt . « - » Montfort ' s Heerschild war seinen Gegnern immer schrecklich ; « antwortete der Graf mit blitzendem Auge : » ich muß mich wundern , in Euch einen hartnäckigen Feind zu treffen , da Euch Niemand aufgefordert , mir die Spitze zu bieten . Das Fräulein von Baldergrün ist von keinem Manne abhängig , und als die Freundin Eures Ehgemahls nicht Eure Magd geworden . Ihr Wunsch berief mich hieher ; ich begreife deßhalb nicht , wie Ihr es wagen mögt , zwischen mich und meine Braut zu treten . « - » Eure Braut ? « lachte Bilger bitter : » Gleichviel ; ich muß Euch bitten , außer diesem Schlosse den Freiwerber zu machen ; so lange Fräulein Wallrade in dem Hause wohnt , das ich bewache , treibe ich die Überlästigen von meiner Schwelle . « - Ein Blick , zermalmend wie der Blitz , flammte aus Montfort ' s Auge über den kühnen Wächter , und zornschnaubend wendete sich der Graf zu Wallraden . » So sprecht doch Ihr , Fräulein ; « stammelte er : » sprecht doch selbst . Duldet es nicht , daß Euer Bräutigam , ein Werdenberg , von einem Dienstmanne beleidigt werde , wie man einem unverschämten Possenreisser zu thun pflegt . Redet : bin ich nicht hier mit Eurer Genehmigung , in Folge Eures Begehrs ? « - Unverwandten Blicks betrachteten die beiden Männer Wallraden , die , gleich einer verschämten Braut , die Augen niederschlug , und endlich zögernd begann : » Was uns bindet , was uns verknüpft , edler Montfort - gehört es wohl vor den Richterstuhl des harten Mannes , der ohne meine Zustimmung den Meister über mich zu spielen wagt ? Der Gewalt des Augenblicks unterthan , darf ich nicht reden , wie mein Herz es verlangt . Wenn Freiheit wieder mir geworden - nur dann fragt mich wieder . « - » Bei des Erlösers Geburt ! « antwortete Montfort , den Kopf schüttelnd : » Eure Reden sind mir dunkel wie die sybillinischen Bücher . Das Eine nur ersieht mein Verstand daraus , daß Ihr weniger ein Gast in dieser Burg seyd , denn eine Gefangene , und wenn ich mir alles zusammenreime ...... so steckt Lüzelburgsche List hier unter der Decke . Darum sollt ' ich gen Frankfurt reiten ? Höll ' und Teufel ! weiche aus dem Gemache , königlicher Kuppelknecht ! « Die schwere Beleidigung entrüstete den Wildmeister dermaßen , daß er wüthend nach der Klinge faßte , aber eine rasche Geberde Wallradens , die ihm über die Schulter des vertretenden Grafen ein Zeichen gab , denselben nicht zu schonen , bändigte das Gefühl gereizter Ehre , um nur der unbegränztesten Verachtung Raum zu lassen . Bilger hielt den Arm des streitlustigen Montfort auf , und sprach zu dem Staunenden : » Laßt die Waffen ruhen , Herr Graf , und scheltet mich nicht feige , ob solcher Aufforderung . Schön ist ' s , für die Ehre einer tugendhaften Frau das Leben auf das Spiel zu setzen ; aber allzukostbar ist das Blut zweier Biedermänner , wenn es dem Verrath zum Opfer fließen soll ! « - » Was bedeuten diese Worte ? « fuhr der Graf auf : » Hinter Euch lauscht der Verrath , der mich verderben soll , und meines einst ' gen Weibes Ehre . « - » Wünscht Euch das Ungeheuer nicht zum Weibe ! « brach Bilger los von Wallradens Trotz empört : » Nicht ich legte Euch Schlingen ; - die Gräßliche hat selbst Euch verlockt , und mich zu einem Henkerdienste aufgefordert , den ich ihr verweigerte . Verrathner ! Sie hintergeht Euch , den Königsecker , und ihren fürstlichen Buhler . Ihr Leben war nur eine Lüge . Nie hat diese stolze Felsenbrust das Gefühl gekannt ; nie noch Liebe empfunden . Blos das Feuer wilder Lust , oder des Hasses Glut entzündet ihr Herz . Die Bande des Blutes , wie der Neigung tritt sie zu Boden , und nimmer noch verzieh sie dem , der nur mit einem Blicke sie geschmäht . Glaubt mir , getäuschter Montfort ; ich kenne die in böser Leidenschaft Unersättliche . Verlaßt sie , folgt nicht ihrer Spur . Lächelnd mordet sie Euch , und spottet Eurer im Arme eines Andern , dem ihre Hinterlist ein Grab neben dem Eurigen gräbt . « Bilger schwieg erschöpft mit bebender und bleicher Lippe , und seine heftige Rede hatte ihre Wirkung auf Montfort ' s Gemüth nicht verfehlt . Der Graf stierte den Sprecher athemlos an , und trat scheu von Wallraden zurück . - » Welch ein Scheusal malt Ihr mir ! « sprach er endlich mit halb unterdrückter Stimme : » Diese gleisende Hülle wäre also wirklich nur der Balg einer giftigen Schlange ? Meine Ahnung , meine innerste Seele hätten mich also nicht hintergangen ? Ja , ja , Herr von der Rhön ! Ihr habt wahr geredet ; Wallradens stumme Lippe bezeugt es , die Todtenfarbe , die ihr Antlitz überzieht . Eure unerwartete Offenherzigkeit hat ihre Gestalt in Stein verwandelt , aber diese Hülflosigkeit der Sünde erregt nicht mein Mitgefühl ; sie reizt mich nur auf zur That , und ich will untersuchen , ob auch ihr Herzblut zu Eis geworden ist ! « - Mit einem durchdringenden Schrei flog Wallrade zum Fenster , da der blindwüthende heftige Mann mit dem Stahle in der Faust auf sie zustürzte . Bebend wie das Laub der Espe umklammerte sie den gehaßten Rudolph , der sich mit aller Mannskraft zwischen die Beiden geworfen hatte , und mit übermenschlichem Ringen den gereizten Tiger von seiner Beute abhielt . Nach heftigem Kampfe mußte der schwächere Graf von seinem blutigen Vorhaben ablassen , und ergab sich zähnknirschend in den Willen des Überwinders , der seine Pflicht , Wallraden nichts Leides geschehen zu lassen , als eine heilige behauptete , und den Bezwungnen ermahnte , augenblicklich das Schloß zu verlassen , und des Königs Frieden nicht länger zu stören , wolle er nicht Hand und Haupt verwürken . » Wohl ! « keuchte Montfort , mit seinen wilden Blicken Wallraden durchbohrend , die eine wundersame Mischung von Frechheit , Wuth , Furcht und drohender Schadenfreude in ihren Zügen trug : » Der Bann des Königs ist mir heilig ; des Königs Metze nicht . Zittre Weib , mir jemals wieder zu begegnen ! Zittre vor meiner Vergeltung . Montfort kennt nur eine Liebe , aber auch nur einen ewigen Haß ! « Mit furchtbaren Geberden ging er davon , schwang sich auf das Roß , das sein Leibknecht im Hofe hielt , und sprengte wie ein Rasender über die Schloßbrücke . Bilger hatte nach ihm Wallradens Zimmer verlassen wollen ; das Fräulein hielt ihn jedoch mit Riesenkraft zurück , obgleich ihre Pulse flogen , die Lippe zitterte , und der Busen sich so ungestüm hob , daß jedes Wort nur gebrochen und klanglos ihrem Munde entfliehen konnte . » Einen Augenblick noch ; « stammelte sie , während die Hölle in ihrem Auge aufflackerte : » hört mein letztes Wort zu Euch . Ihr habt mich entehrt und dem Feinde in tiefster Schmach gezeigt