am zweiten oder dritten Feiertag ins Wäldchen gehen , ob es nicht anständiger wäre , ins Wilhelmsbad zu fahren , ob man am vierten Feiertag nach Bornheim oder ins Vauxhall gehen solle , oder beides , diese Fragen schienen bei weitem wichtiger , als jene , die doch für andächtige Feiertagsleute viel näherlag , ob die Apostel damals auch Englisch und Plattdeutsch verstanden haben ? Muß ein so aufgeweckter Sinn den Teufel nicht erfreuen , der an solchen Tagen mehr Seelen für sich gewinnt , als das ganze Judenquartier in einer guten Börsestunde Gulden ? Auch diesmal wieder kam ich zu Pfingsten nach Frankfurt . Leuten , die von einem berühmten Belletristen verwöhnt , alles bis aufs kleinste Detail wissen wollen , diene zur Nachricht , daß ich im Weißen Schwanen auf Nr. 45 recht gut wohnte , an der großen Table d ' hôte in angenehmer Gesellschaft trefflich speiste , den Küchenzettel mögen sie sich übrigens von dem Oberkellner ausbitten . Schon in der ersten Stunde bemerkte ich ein Seufzen und Stöhnen , das aus dem Zimmer nebenan zu dringen schien . Ich trat näher , ich hörte deutlich , wie man auf gut deutsch fluchte und tobte , dann Rechnungen und Bilanzen , die sich in viele Tausende beliefen , nachzählte , und dann wieder wimmerte und weinte , wie ein Kind , das seiner Aufgabe für die Schule nicht mächtig ist . Teilnehmend , wie ich bin , schellte ich nach dem Kellner und fragte ihn , wer der Herr sei , der nebenan so überaus kläglich sich gebärde ? » Nun « , antwortete er , » das ist der stille Herr . « » Der stille Herr ? lieber Freund , das gibt mir noch wenig Aufschluß , wer ist er denn ? « » Wir nennen ihn hier im Schwanen den stillen Herrn , oder auch den Seufzer , er ist ein Kaufmann aus Dessau , nennt sich sonst Zwerner , und wohnt schon seit vierzehn Tagen hier . « » Was tut er denn hier ? ist ihm ein Unglück zugestoßen , daß er so gar kläglich winselt ? « » Ja ! das weiß ich nicht « , erwiderte er , » aber seit dem zweiten Tag , daß er hier ist , ist sein einziges Geschäft , daß er zwischen zwölf und ein Uhr in der neuen Judenstraße auf und ab geht , und dann kommt er zu Tisch , spricht nichts , ißt nichts , und den ganzen Tag über jammert er ganz stille und trinkt Kapwein . « » Nun das ist keine schlimme Eigenschaft « , sagte ich , » setzen Sie mich doch heute mittag in seine Nähe . « Der Kellner versprach es , und ich lauschte wieder auf meinen Nachbar . » Den 12. Mai « - hörte ich ihn stöhnen , » Metalliques 84 3 / 4. Österreichische Staatsobligationen 87 3 / 8. Rothschildsche Lotterielose , der Teufel hat sie erfunden und gemacht ! 132 . Preußische Staatsschuldscheine . 81 ! o Rebekka ! Rebekka ! wo will das hinaus ! 81 ! Die Preußen ! ist denn gar keine Barmherzigkeit im Himmel ? « So ging es eine Zeitlang fort ; bald hörte ich ihn ein Glas Kapwein zu sich nehmen , und ganz behäglich mit der Zunge dazu schnalzen , bald jammerte er wieder in den kläglichsten Tönen und mischte die Konsols , die Rothschildschen Unverzinslichen , und seine Rebekka auf herzbrechende Weise untereinander . Endlich wurde er ruhiger . Ich hörte ihn sein Zimmer verlassen und den Gang hinabgehen , es war wohl die Stunde , in welcher er durch die neue Judenstraße promenierte . Der Kellner hatte Wort gehalten . Er wies , als ich in den Speisesaal trat , auf einen Stuhl : » Setzen sich der Herr Doktor nur dorthin « , flüsterte er , » zu Ihrer Rechten sitzt der Seufzer . « Ich setzte mich , ich betrachtete ihn von der Seite ; wie man sich täuschen kann ! Ich hatte einen jungen Mann von melancholischem , gespenstigem Aussehen erwartet , wie man sie heutzutage in großen Städten und Romanen trifft , etwa bleichschmachtend und fein wie Eduard , von der Verfasserin der » Ourika « , oder von schwächlichem , beinahe lüderlichem Anblick , wie einige Schopenhauersche oder Pichlersche Helden . Aber gerade das Gegenteil ; ich fand einen untersetzten , runden jungen Mann mit frischen , wohlgenährten Wangen und roten Lippen , der aber die trüben Augen beinahe immer niederschlug , und um den hübschen Mund einen weinerlichen Zug hatte , welcher zu diesem frischen Gesicht nicht recht paßte . Ich versuchte , während ich ihm allerlei treffliche Speisen anbot , einige Male mit ihm ins Gespräch zu kommen , aber immer vergeblich ; er antwortete nur durch eine Verbeugung , begleitet von einem halbunterdrückten Seufzer . In solchen Augenblicken schlug er dann wohl die Augen auf , doch nicht , um auf mich zu blicken ; er warf nur einen scheuen , finstern Blick geradeaus , und sah dann wieder seufzend auf seinen Teller . Ich folgte einem dieser Blicke , und glaubte zu bemerken , daß sie einem Herrn gelten mußten , der uns gegenüber saß und schon zuvor meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte . Er war gerade das Gegenteil von meinem Nachbar rechts . Seine schon etwas kahle , gefurchte Stirne , sein bräunlichtes , eingeschnurrtes Gesicht , seine schmalen Wangen , seine spitze , weit hervortretende Nase deuteten darauf hin , daß er die fünfundvierzig Jährchen , die er haben mochte , etwas schnell verlebt habe . Den auffallendsten Kontrast mit diesen verwitterten , von Leidenschaften durchwühlten Zügen , bildete ein ruhiges süßliches Lächeln , das immer um seinen Mund schwebte , die zierliche Bewegung seiner Arme und seines Körperchens , wie auch seine sehr jugendliche und modische Kleidung . Es saßen etwa fünf oder sechs junge Damen an der Tafel , und nach den zärtlichen Blicken , die er jeder zusandte , dem süßen Lächeln , womit er seine Blicke begleitete , zu urteilen , mußte er mit allen in genauen Verhältnissen stehen . Dieser Herr hatte , wenn er mit der abgestorbenen , knöchernen Hand einen Spargel zum Munde führte und süßlich dazu lächelte , die größte Ähnlichkeit mit einem rasierten Kaninchen , während mein Nachbar rechts wie ein melancholischer Frosch anzusehen war . Warum übrigens der Seufzer das Kaninchen mit so finsteren Augen maß , konnte ich nicht erraten . Endlich , als die Blicke meines Nachbars düsterer und länger als gewöhnlich auf jenem ruhten , fing das Kaninchen an , die Schultern und Arme graziös hin und her zu drehen , den Rücken auf künstliche Art auszudehnen , und das spitzige Köpfchen nach uns herüber zu drehen ; mit süßem Lächeln fragte er : » Noch immer so düster , mein lieber Monsieur Zwerner ? etwa gar eifersüchtig auf meine Wenigkeit ! « An dem zarten Lispeln , an der künstlichen Art das » r « wie » gr « auszusprechen , glaubte ich in ihm einen jener adeligen Salonsmenschen zu erkennen , die von einer feinen , leisen Sprache Profession machen . Und so war es , denn mein Nachbar antwortete : » Eifersüchtig , Herr Graf ? auf Sie in keinem Fall . « Graf Rebs , so hörte ich ihn später nennen - faltete sein Mäulchen zu einem feinen Lächeln , drückte die Augen halb zu , bog die Spitznase auf komische Weise seitwärts , strich mit der Hand über sein langes knöchernes Kinn , und kicherte . » Das ist schön von Ihnen , lieber Monsieur Zwerner ; also gar nicht eifersüchtig ? und doch habe ich die schöne Rebekka erst gestern abend noch in ihrer Loge gesprochen . Ha , ha ! Sie standen im Parterre und schauten mit melancholischen Blicken herauf . Darf ich Sie um jenes Ragout bitten , mein Herr ? « » Ich war allerdings im Theater , habe aber nur vorwärts aufs Theater , und nicht rückwärts gesehen , am wenigsten mit melancholischen Blicken . « » Herr Oberkellner « , lispelte der Graf , » Sie haben die Trüffeln gespart ; aber nein ! Monsieur Zwerner , wie man sich täuschen kann ! Ich hätte auf Ehre geglaubt , Sie schauen herauf in die Loge mit melancholischen Blicken . Auch Rebekka mochte es bemerken und Fräulein v. Rothschild , denn als ich auf Sie hinabwies - Kellner , ich trinke heute lieber roten Engelheimer , ein Fläschchen - ja , wollte ich sagen - das ist mir nun während des Engelheimers gänzlich entfallen , so geht es , wenn man so viel zu denken hat . « Meinem Nachbar mochte das unverzeihlich schlechte Gedächtnis des Grafen nicht behagen ; obgleich er vorhin das Kaninchen ziemlich barsch abgewiesen hatte , so schien ihm doch dieser Punkt zu interessant , als daß er nicht weiter geforscht hätte . » Nun , auch Fräulein von Rothschild hat bemerkt , daß ich melancholisch hinaufsahe « , fragte er , indem er seine bitteren Züge durch eine Zutat von Lächeln zu versüßen suchte ; » freilich , diese hat ein scharfes Gesicht durch die Lorgnette - « » Richtig , das war es « , erwiderte Rebs , » das war es ; ja , als ich auf Sie hinabwies und Rebekkchen Ihre Leiden anschaulich machte , schlug sie mich mit ihrem Jockofächer auf die Hand , und nannte mich einen Schalk . « Mein Nachbar wurde wieder finster , seine roten Wangen röteten sich noch mehr , und die ansehnliche Breite seines Gesichtes erweiterte sich noch durch wilden Trotz , der in ihm wütete . Er zog den Kopf tief in die Schultern , und blitzte das Kaninchen hin und wieder mit einem grimmigen Blick an . Er hatte nie so große Ähnlichkeit mit einem angenehmen Froschjüngling , der an einem warmen Juniabend trauernd auf dem Teichel sitzt , als in diesem Augenblicke . Graf Rebs bemerkte dies . Mit angenehmer Herablassung , wobei er das r noch mehr schnurren ließ , als zuvor , sprach er : » Werter Monsieur Zwerner . Sie dürfen aus dem Schlag mit dem Jockofächer keine argen Folgerungen ziehen . Es ist nur eine Façon de parler unter Leuten von gutem Ton . Wegen meiner dürfen Sie ruhig sein . Zwar solange man jung ist « , fuhr er fort , indem er den Halskragen höher heraufzog und schalkhaft daraus hervorsah , wie das Kaninchen aus dem Busch , » zwar solange man jung ist , macht man sich hie und da ein Späßchen . Aber ein ganz anderer Gegenstand fesselt mich jetzt , Liebster ! Haben Sie schon die Nichte des englischen Botschafters gesehen , die seit drei Tagen hier in Frankfurt ist ? « » Nein « , antwortete mein Nachbar , leichter atmend . » Oh , ein deliziöses Kind ! Augenbraunen wie , wie - wie mein Rock hier , einen Mund zum Küssen und in dem schönen Gesicht so etwas Pikantes , ich möchte sagen so viel englische Race . Nun , wir sind hier unter uns , ich kann Sie versichern , es ist auffallend aber wahr , ich sollte es nicht sagen , es beschämt mich , aber auf Ehre , Sie können sich drauf verlassen , obgleich es ein ganz komischer Fall ist , übrigens hoffe ich mich auf Ihre Diskretion verlassen zu können ; nein , es ist wirklich auffallend , in drei Tagen ... « » Nun so bitte ich Sie doch um Gottes willen , Herr Graf , was wollen Sie denn sagen ? « Es war ein eigener Genuß , das Kaninchen in diesem Augenblick anzusehen . Ein Gedanke schien ihn zu kitzeln , denn er kniff die Äuglein zu , sein Kinn verlängerte sich , seine Nase bog sich abwärts nach den Lippen , und sein Mund war nur noch eine dünne , zarte Linie ; dazu arbeitete er mit dem zierlich gekrümmten Rücken und den Schulterblättern , als wolle er anfangen zu fliegen , und mit den abgelebten Knöchlein seiner Finger fuhr er auf dem Tisch umher . Noch einmal mußte der Seufzer ihn ermuntern , sein Geheimnis preiszugeben , bis er endlich hervorbrachte : » Sie ist in mich verliebt . Sie staunen ; ich kann es Ihnen nicht übelnehmen , auch mir wollte es anfangs sonderbar bedünken , in so kurzer Zeit ; aber ich habe meine sicheren Kennzeichen , und auch andere haben es bemerkt . « » Sie Glücklicher ! « rief der Seufzer nicht ohne Ironie , » wo Sie nur hintippen , schlagen Ihnen Herzen entgegen ; übrigens rate ich , diese Engländerin ernstlicher zu verfolgen , bedenken Sie , eine so solide Partie - « » Merke schon , merke schon « , entgegnete Rebs mit schlauem Lächeln , » es ist Ihnen um Rebekka , Sie wollen , ich solle dort gänzlich aus dem Felde ziehen . Solide Partie ! Sie werden doch nicht meinen , daß ich schon heiraten will ? Gott bewahre mich ! aber wegen Rebekkchen dürfen Sie ruhig sein ; ich ziehe mich gänzlich zurück . Und sollte vielleicht eine vorübergehende Neigung in dem Mädchen - Sie verstehen mich schon - , das wird sich bald geben , ich glaube nicht , daß sie mich ernstlich geliebt hat . « » Ich glaube auch nicht « , entgegnete der Seufzer mit einem Ton , in welchen sich bittere Ironie mit Grimm mischte . Die Gesellschaft stand auf , wir folgten . Graf Rebs tänzelte lächelnd zu den Damen , welchen er während der Tafel so zärtliche Blicke zugeworfen ; ich aber folgte dem unglücklichen Seufzer . 2. Trost für Liebende » Was war doch dies für ein sonderbarer Herr ? « fragte ich meinen Nachbar , indem ich mich dicht an ihn anschloß . » Findet er wirklich bei den Damen so sehr Beifall , oder ist er ein wenig verrückt ? « » Ein Geck ist er , ein Narr ! « rief der Seufzende , indem er mit dem Kopf aus den Schultern herausfuhr , und die Arme umherwarf ; » ein alter Junggeselle von fünfundvierzig , und spielt noch den ersten Liebhaber . Eitel , töricht , glaubt , jede Dame , die er aus seinen kleinen Äuglein anblinzelt , ist in ihn verliebt , drängt sich überall an und ein - « » Nun da spielt dieser Graf Rebs eine lächerliche Rolle in der Gesellschaft , da wird er wohl überall verhöhnt und abgewiesen ? « » Ja , wenn die Damen dächten wie Sie , wertgeschätzter Herr ! aber so lächerlich dieser Gnome ist , so töricht er sich überall gebärdet , so - o Rebekka ! der Teufel hat die Weiberherzen gemacht . « » Ei , ei ! « sagte ich , indem ich schnell Nro . 45 aufschloß und den Verzweifelnden hineinschob , » ei ! lieber Herr Zwerner , wer wird so arge Beschuldigungen ausstoßen . Und auf Fräulein Rebekka , setzen Sie sich doch gefälligst aufs Sofa , auf das Fräulein sollte er auch Eindruck gemacht haben , dieser Gliedermann ? « » Ach , nicht er , nicht er ; sie sieht , daß er lächerlich ist und geckenhaft , und doch kokettiert sie mit ihm ; nicht mit ihm , sondern mit seinem Titel . Es schmeichelt ihr , einen Grafen in ihrer Loge zu sehen , oder auf der Promenade von ihm begrüßt zu werden , vielleicht wenn sie eine Christin wäre , hätte sie einen solidern Geschmack . « » Wie , das Fräulein ist eine Jüdin ? « » Ja , es ist ein Judenfräulein ; ihr Vater ist der reiche Simon in der neuen Judenstraße , das große gelbe Haus neben dem Herrn von Rothschild , und eine Million hat er , das ist ausgemacht . « » Sie haben einen soliden Geschmack , und wie ich aus dem Gespräch des Grafen bemerkt habe , können Sie sich einige Hoffnung machen ? « » Ja « , erwiderte er ärgerlich , » wenn nicht der Satan das Papierwesen erfunden hätte . So stehe ich immer zwischen Türe und Angel . Glaube ich heute einen festen Preis , ein sicheres Vermögen zu haben , um vor Herrn Simon treten , und sagen zu können : Herr ! wir wollen ein kleines Geschäft machen miteinander , ich bin das Haus Zwerner und Comp . aus Dessau , stehe so und so , wollen Sie mir Ihre Tochter geben ? Glaube ich nun so sprechen zu können , so läßt auf einmal der Teufel die Metalliques um zwei , drei Prozent steigen , ich verliere , und meinem Schwiegerpapa , der daran gewinnt , steigt der Kamm um so viele Prozente höher , und an eine Verbindung ist dann nicht mehr zu denken . « » Aber kann denn nicht der Fall eintreten , daß Sie gewinnen ? « » Ja , und dann bin ich so schlecht beraten wie zuvor . Herr Simon ist von der Gegenpartei . Gewinne ich nun durch das Sinken dieser oder jener Papiere , so verliert er ebensoviel , und dann ist nichts mit ihm anzufangen , denn er ist ein ausgemachter Narr und reif für das Tollhaus , wenn er verliert . Ach , und aus Rebekkchen , so gut sie sonst ist , guckt auf allen Seiten der jüdische Geldteufel heraus . « » Wie , sollte es möglich sein , eine junge Dame sollte so sehr nach Geld sehen ? « » Da kennen Sie die Mädchen , wie sie heutzutage sind , schlecht « , erwiderte er seufzend . » Titel oder Geld , Geld oder Titel , das ist es , was sie wollen . Können Sie sich durch einen Lieutenant zur Gnädigen Frau machen lassen , so ist er ihnen eben recht , hat ein Mann wie ich Geld , so wiegt dies den Adel zur Not auf , weil derselbe gewöhnlich keines hat . « » Nun , ich denke aber , das Haus Zwerner und Comp . in Dessau hat Geld , woher also Ihr Zweifel an der Liebe des Fräuleins ? « » Ja , ja ! « sagte er etwas freundlicher , » wir haben Geld , und so viel , um immer mit Anstand um eine Tochter des Herrn Simon zu freien ; aber Sie kennen die Frankfurter Mädchen nicht , werter Herr ! Ist von einem angenehmen , liebenswürdigen jungen Mann die Rede , so fragen sie , Wie steht er ? Steht er nun nicht nach allen Börsenregeln solid , so ist er in ihren Augen ein Subjekt , an das man nicht denken muß . « » Und Rebekka denkt auch so ? « » Wie soll sie andere Empfindungen kennenlernen in der neuen Judenstraße ? Ach ! Ihre Neigung zu mir wechselt nach dem Kurs der Börsenhalle ! Man weiß hier , daß ich mich verführen ließ , viele Metalliques und preußische Staatsschuldscheine zu kaufen . Mein Interesse geht mit dem der hohen Mächte und mit dem Wohl Griechenlands Hand in Hand . Verliert die Pforte , so gewinne ich und werde ein reicher Mann ; gewinnt der Großtürke und sein Reis-Effendi , so bin ich um zwanzigtausend Kaisergulden ärmer , und nicht mehr würdig , um sie zu freien . Das weiß nun das liebenswürdige Geschöpf gar wohl , und ihr Herz ist geteilt zwischen mir und dem Vater . Bald möchte sie gerne , daß die Pforte das Ultimatum annehme , um mein Glück zu fördern ; bald denkt sie wieder , wieviel ihr Vater durch diese Spekulation des Herrn von Metternich verlieren könnte , und wünscht dem Effendi so viel Verstand als möglich . Ich Unglücklicher ! « » Aber , lieben Sie denn wirklich dieses edle Geschöpf ? « fragte ich . Tränen traten ihm in die Augen , ein tiefer Seufzer stahl sich aus seiner Brust . » Wie sollte ich sie nicht lieben « , antwortete er , » bedenken Sie , fünfzigtausend Taler Mitgift , und nach des Vaters Tod eine halbe Million , und wenn Gott den Israelchen zu sich nimmt , eine ganze . Und dabei ist sie vernünftig und liebenswürdig , hat so was Feines , Zartes , Orientalisches ; ein schwarzes Auge voll Glut , eine kühn geschwungene Nase , frische Lippen , der Teint , wie ich ihn liebe , etwas dunkel und dennoch rötlich . Ha ! und eine Figur ! Herr ! wie sollte man ein solches Geschöpf nicht lieben ! « » Und haben Sie keinen Rival als den Gnomen , den Grafen Rebs ? « » Oh , einige Judenjünglinge , bedeutende Häuser , buhlen um sie , aber ihr Sinn steht nach einem soliden Christen ; sie weiß , daß bei uns alles nobler und freier geht als bei ihrem Volk , und schämt sich , in guter Gesellschaft für eine Jüdin zu gelten . Daher hat sie sich auch den Frankfurter Dialekt ganz abgewöhnt und spricht Preußisch ; Sie sollten hören , wie schön es klingt , wenn sie sagt , ißßt es möchlich ? oder : Es jienge wohl , aber es jeht nich . « Der Seufzer gefiel mir ; es ist ein eigenes , sonderbares Volk , diese jungen Herren vom Handelsstand . Sie bilden sich hinter ihrem Ladentisch eine eigene Welt von Ideen , die sie aus den trefflichsten Romanen der Leihbibliotheken sammeln ; sie sehen die Menschen , die Gesellschaft nie , es sei denn wenn sie abends durch die Promenade gehen oder sonntags , gekleidet wie Herren comme il faut , auf Kirchweihen oder sonstigen Bällen sich amüsieren . Reisen sie hernach , so dreht sich ihr Ideengang um ihre Musterkarte und die schöne Wirtin der nächsten Station , welche ihnen von einem Kameraden und Vorgänger empfohlen ist ; oder um die Kellnerin des letzten Nachtlagers , die , wie sie glauben , noch lange um den » schönen , wohlgewachsenen , jungen Mann « weinen wird . Sie haben irgendwo gelesen oder gehört , daß der Handelsstand gegenwärtig viel zu bedeuten habe ; drum sprechen sie mit Ehrfurcht von sich und ihrem Wesen , und nie habe ich gefunden , daß einer von sich sagte : Kaufmann oder Bänderkrämer , sondern : » Ich reise in Geschäften des Hauses Bäuerlein oder Zwierlein « , und fragte man in welchen Artikeln , so kann man unter zehn auf neun rechnen , sie ganz bescheiden antworten hören : Knöpfe , Haften und Haken , Tabak , Schnupf-und Rauch- , und dergleichen bedeutende Artikel . Haben sie nun gar im Städtchen ihrer Heimat ein » Schätzchen « zurückgelassen , so darf man darauf rechnen , sie werden , wenn von Liebe die Rede ist , » ihre sehr interessante Geschichte « erzählen , wie sie Fräulein Jettchen beim Mondschein kennengelernt haben , sie werden die Brieftasche öffnen und unter hundert Empfehlungsbriefen Annoncen von Gasthöfen etc. , ein Seidenpapier hervorziehen , das ein » Pröbchen Haar von der Stirne der Geliebten « enthält . Glückliche Nomaden ! Ihr allein seid noch heutzutage die fahrenden Ritter der Christenheit ; und wenn es euch auch nicht zukommt , mit eingelegter Lanze à la Don Quijote eurer Jungfrauen Schönheit zu verteidigen , so richtet ihr doch in jeder Kneipe nicht weniger Verwüstung an , wie jener mannhafte Ritter , und seid überdies meist euer eigener Sancho Pansa an der Tafel . Eine solche liebenswürdige Erziehung , aus Comptoir-Spekulationen , Romanen , Mondscheinliebe und Handelsreisen zusammengesetzt , schien nun auch mein Nachbar Seufzer genossen zu haben . Nur etwas fehlte ihm , er war zu ehrlich . Wie leicht wäre es für einen Mann von Zweimalhunderttausend gewesen , Kuriere nicht von Höchst , oder von Langen , sondern von Wien , sogar mit authentischen Nachrichten kommen zu lassen , um seinem Glücke aufzuhelfen . Ist denn auf der Erde nicht alles um Geld feil ? und wenn Rothschild mit Geld etwas machen kann , warum sollte es ein anderer nicht auch können , wenn sein Geld ebensogut ist , als das des großen Makkabäers ? Zwar ein solcher Sperling macht keinen Sommer ; eine solche Handelsseele mehr oder weniger mein , kann mir nicht nützen ; doch die Nüanzen ergötzen mich , jenes bunte Farbenspiel , bis ein solcher Hecht ins Netz geht , und darum beschloß ich ihm zu nützen , ihn zu fangen . » Ich bin « , sagte ich zu ihm , » ich bin selbst einigermaßen Papierspekulant , daher werden Sie mir vergeben , wenn ich Ihre bisherige Verfahrungsart etwas sonderbar finde . « » Wie meinen Sie das ? « fragte er verwundert . » Als ich in Dessau war , ließ ich mir nicht jeden Posttag den Kurszettel schicken ? und hier , gehe ich nicht jeden Tag in die Börsenhalle ? gehe ich nicht jeden Tag in die neue Judenstraße , um das Neueste zu erfragen ? « » Das ist es nicht was ich meine , ein Genie wie Sie , Herr Zwerner ( er verbeugte sich lächelnd ) , das heißt , ein Mann mit diesen Mitteln , der etwas wagen will , muß selbst eingreifen in den Lauf der Zeiten . « » Aber mein Gott « , rief er verwunderungsvoll , » das kann ja jetzt niemand als der Rothschild , der Reis-Effendi und der Herr von Metternich ; wie meinen Sie denn ? « » Über Ihr Glück , Sie geben es selbst zu , kann ein einziger Tag , eine einzige Stunde entscheiden ; zum Beispiel , wenn die Pforte das Ultimatum verwirft , die Nachricht schnell hieher kömmt , kann eine Krisis sich bilden , die Sie stürzt . Ebenso im Gegenteil , können Sie durch eine solche Nachricht sehr gewinnen , weil dann Ihre Papiere steigen ? « » Gewiß , gewiß « , seufzete er ; » aber ich sehe nur noch nicht recht ein - « » Nur Geduld ; wer gibt nun diese Nachricht , wer bekommt sie ? Das Ministerium in Wien , oder ein guter Freund , der sehr nahe hingehorcht und dem großen Portier ein Stück Geld in die Hand gedrückt hat , läßt noch in der Nacht einen Kurier aufsitzen ; der reitet und fährt und fliegt nach Frankfurt , und bringt die Depesche , wem ? « » Ach , dem Glücklichsten , dem Vornehmsten ! « » Nein , dem , der am besten zahlt . Einen solchen Kurier kann ich Ihnen um Geld auch verschaffen , ich habe Konnexionen in Wien . Man kann dort mancherlei erfahren , ohne gerade der österreichische Beobachter zu sein ; kurz , wir lassen einen Brief mit der Nachricht einer wichtigen Krisis , eines bedeutenden Vorfalls , kommen - « » Etwa , der Sultan habe einen Schlag bekommen , oder der Kaiser von Rußland sei plötzlich - « » Nichts davon , das ist zu wahrscheinlich , als daß es die Leute glauben ; Unwahrscheinliches , Überraschendes , muß auf der Börse wirken - « » Also etwa der Fürst von M. sei ein Türke geworden ; habe dem Islam geschworen ? « » Ich sage Ihnen ja , nichts Wahrscheinliches ; nein , geradezu , die Pforte habe das Ultimatum angenommen . Bekommen Sie nun diese Nachricht mit allem möglichen geheimnisvollen Wesen , lassen Sie den Kurier sogleich ein paar Stationen weiterreisen , lassen Sie den Brief einige Geheimniskrämer lesen , gehen kurze Zeit darauf in die Börsenhalle , so kann es nicht fehlen , Sie sind ein wichtiger Mann und setzen Ihre Papiere mit Gewinn ab . « » Aber , lieber Herr « , erwiderte der Kaufmann von Dessau kläglich , » das wäre ja denn doch erlogen , wie man zu sagen pflegt , eine Sünde für einen rechtlichen Mann , bedenken Sie , ein Kaufmann muß im Geruch von Ehrlichkeit stehen , will er Kredit haben . « » Ehrlichkeit , Possen ! Geld , Geld , das ist es , wornach er riechen muß , und nicht nach Ehrlichkeit . Und was nennen Sie am Ende Ehrlichkeit ? ob Sie Ihre Kunden bei einem Pfunde Kaffee betrügen , ob Sie einem alten Weib ihr Lot Schnupftabak zu leicht wiegen , oder ob Sie dasselbe Experiment im großen vornehmen , das ist am Ende dasselbe . « » Ei , verzeihen Sie , da muß ich denn doch bitten ; an der Prise , die das Weib zu wenig bekömmt , stirbt sie nicht , wie man zu sagen pflegt , aber wenn ich einen solchen Kurier kommen lasse , so kann er durch seine falsche Nachricht ein Nachrichter der ganzen Börse werden ; viele Häuser können fallieren , andere wanken und im Kredit verlieren , und das wäre dann meine Schuld ! « » So , mein Herr ? « sagte ich mit mitleidigem Lächeln zu der schwachen Seele , » so , Sie schämen sich nicht , die Moral , das Herrlichste was man auf Erden hat , so zu verhunzen ? also wegen der Folgen wollen Sie nicht ? nicht vor dem Beginnen an sich , als einem unmoralischen , beben Sie zurück ? Wer den Anfang einer Tat nicht scheut , darf auch ihr Ende nicht scheuen , ohne für eine kleine Seele zu gelten . Oder glauben Sie , eine Rebekka könne man dadurch verdienen , daß man im Weißen Schwanen wohnt und seufzt , daß man zur Tafel geht und mit dem Kaninchen , dem Grafen Rebs , grollt ? « » Aber , mein Herr « , rief der Seufzer etwas pikiert , » ich weiß gar nicht , was Sie mir , als einem ganz Fremden für eine Teilnahme erzeigen ; ich weiß gar nicht , wie ich das nehmen soll ? « » Mein Herr , das haben