ich endlich aus Ermüdung die Feder niederlegen mußte , so war mir zu Muthe , als sey ich bei Ihnen gewesen , bei Ihnen und bei dem Leben meines Lebens , das ich an Ihrer Seite so sicher mir denke , als es das Kind im Arme der Mutter ist . « » Und doch , warum sollte ich es Ihnen verhehlen wollen ? es ergreift mich zuweilen ein Gefühl des Verlassenseyns , wie es nur der arme Verbannte empfinden mag , der in Sibiriens eisigen Wüsten sein trostloses Daseyn zwischen Leben und Erstarren kümmerlich fristen muß , weit geschieden von der schönen Sonne , die in bessern Tagen und glücklichern Zonen ihm leuchtete . Warum soll ich Ihnen nicht bekennen , es steht oft so schmerzlich klar und lebendig vor meinem Geiste , daß ich es kaum zu ertragen weiß , wie unbegreiflich lange ich nun schon von Ihnen und Vicktorinen geschieden bin ; so ganz getrennt , daß auch nicht das leiseste Zeichen ihres Andenkens , kaum Ihres Daseyns mich erreicht . Und dennoch kann ich es nicht lassen , immer von neuem den trüben Blick der noch trübern Zukunft zuzuwenden , und , zerrissen von Sehnsucht und Ungeduld , zur Erhöhung meiner eigenen Qual , die Zahl der langen , unabsehbar langen Reihe von Tagen im Voraus zu berechnen , die ich alle noch in dieser fürchterlichen Abgeschiedenheit werde durchleben müssen . « » Sie sind so mild , Sie zürnen gewiß keinem , der Ihnen vertrauend naht , und so will ich diesem Geständnisse auch noch das hinzufügen : es gesellt sich zu jenen Qualen oft ein sehr herbes Gefühl der Reue , der bittersten Reue darüber , daß ich es nie wagte eine Bitte auszusprechen , welche mir in Ihrer Nähe stets auf den Lippen schwebte , die heiße innige Bitte : doch zuweilen , sey es auch noch so selten , in noch so wenigen Zeilen , mir von Sich und Vicktorinen Nachricht zu ertheilen . Ich durfte diese Bitte nicht wagen , weil ich Vicktorinens erzürnten Vater einst versprach , jeder Mittheilung zwischen uns beiden auf unbestimmte Zeit zu entsagen . Die Überzeugung , daß auch Vicktorine mich ermahnen würde , dieses Versprechen in keiner Art zu verletzen , bestärkte mich in meinem Schweigen . Denn sind wir nicht Eins ? Muß nicht jedes Gefühl , das in mir laut wird , auch in ihrem Herzen wiederhallen . Wenn ich aber indessen wieder bedachte , daß mich dennoch in Hinsicht auf Sie , hochwürdige Frau ! kein Versprechen binde , dann freilich , dann verlor ich doch zuweilen die fein gezogene Linie aus dem Gesichte , die einzig bestimmen konnte , was hier erlaubt sey ? was nicht ? Sie soll entscheiden , beschloß ich endlich , sie selbst , Anna von Falkenhayn . Hält sie es für erlaubt , so wird sie gewiß aus eigenem Antriebe mich auffordern , ihr zu schreiben , und sich auch erbieten , mir von Vicktorinen Nachricht zu geben . « » Wie oft , hochwürdige Frau , wie oft lauschte ich damals , als ich noch an jedem Morgen Ihrer wohlthuenden Nähe mich erfreuen durfte , der Erfüllung dieses sehnlichsten Wunsches , mit bangbewegtem Herzensschlag entgegen ! Wie oft glaubte ich ihr ganz nahe zu seyn , wenn Sie so mütterlich theilnehmend über die nahe lange Trennung mit mir sprachen ! Irrte ich wirklich , wenn ich in jener Zeit auch in Ihren Augen zuweilen den Wunsch zu lesen glaubte , dem armen Scheidenden , der all ' sein Hoffen einzig auf Sie gestellt hatte , auch aus der Ferne ein Wort des Trostes sagen zu dürfen ? Doch Sie schwiegen immer , unabänderlich ! Und so ergab ich mich endlich nicht nur darein , den einzigen Trost zu entbehren , welchen nur Sie mir gewähren konnten , sondern ich beschloß auch sogar , Ihnen selbst nie zu schreiben , um mir die hoffnungslose Qual des Erwartens einer Antwort zu ersparen . « » Ohnerachtet dieses festen Entschlusses wage ich es aber doch heute nicht nur freien Muthes Ihnen zu schreiben , sondern auch schon jetzt mein Tagebuch Ihren Händen zu übergeben , was ich eigentlich erst später in einer glücklichern Zeit zu thun gedachte , denn ein über allen Ausdruck erhabenes , aber zugleich auch höchst schauerliches Ereigniß , hat vor kurzem mich von der Nothwendigkeit überzeugt , vorher mein Haus zu bestellen , ehe ich den Weg betrete , den ich zu wandeln habe . Und so übergebe ich denn , hochwürdige Frau , im reinsten Vertrauen auf Ihre nachsichtige Milde meinen letzten Willen Ihren Händen , ehe ich Europa verlasse ; oder vielmehr , ich gestehe Ihnen , daß ich dieses zum Theil schon früher gethan habe , ohne daß Sie darum wußten . « » Sie erinnern sich unstreitig einer kleinen Schatulle , die ich kurz vor meiner Abreise Ihnen mit der Bitte übergab , sie mir aufzubewahren ; ich füge diesem Briefe den Schlüssel zu derselben bei , den ich , überwältigt vom Schmerze der Abschiedsstunde , Ihnen zu überreichen vergas . Das kleine Behältniß verschließt in sicheren Papieren mein ganzes väterliches Erbtheil und zugleich auch eine Abschrift meines gerichtlich niedergelegten Testamentes , durch welches alles , was ich besitze , nach meinem Tode Vicktorinens Eigenthum wird . Gegen die Reichthümer , welche das theure Wesen dereinst von seinem Vater zu erwarten hat , muß zwar alles , was ich geben kann , nur als höchst unbedeutend erscheinen , aber es ist dennoch genug , um Vicktorinen über den Zwang des Lebens zu erheben , der auf ihrem Geschlechte weit schwerer lastet als auf dem unsern . Mein kleines Vermächtniß kann sie vielleicht einst von der harten Nothwendigkeit retten , ihre Neigung jenem Zwange opfern , sich Pflichten aufbürden lassen zu müssen , deren Erfüllung sie stets als ein stilles Unrecht empfinden würde , und der Gedanke ist mir unbeschreiblich tröstlich , selbst wenn ich nicht mehr bin , der Geliebten das höchste Gut , die Freiheit ihres Gemüths , auf diese Weise sichern zu können . Meine letzte Bitte , bis wir uns wiedersehen , ist für jetzt , daß Sie , hochwürdige Frau , dieses Kästchen eröffnen und mein Tagebuch denen darin schon befindlichen Papieren beilegen . « » Sollte ich nicht wieder kehren , so wird Herr Kleeborn hoffentlich nichts dagegen haben , daß dieses letzte Denkmahl des trüben Daseyns eines Menschen , der dann seinen Plänen nicht weiter hinderlich seyn kann , in Vicktorinens Händen komme . Ich war bei ihr , als ich es niederschrieb , und vielleicht wird es mir vergönnt , sie tröstend zu umschweben , wenn sie einsam , oder an Ihrer Seite mit trübem Blicke diese Ergießungen des treuliebenden Herzens überschaut , das nur ihr zu eigen war , so lange der warme Strom des Lebens Regung ihm lieh . « » Auch das Kästchen , in welchem ich meine ganze Habe niederlegte , gehört Vicktorinen , wenn ich nicht mehr bin , und ich bitte die Geliebte , es hochzuhalten , um meines Vaters willen , denn es war ihm werth . So lange der theure Greis noch unter uns wandelte , durfte keine fremde Hand es berühren und sein brechendes Auge erstarrte in dessen Anblick . Noch denke ich mit tiefem Schmerze daran , wie ich es ihm zum letztenmal hinreichen mußte ; ich sah deutlich , wie er mit sichtbar peinlicher Anstrengung sich bemühte , mir etwas darüber zu sagen , doch der Schlagfluß , dessen Wiederholung ihm tödlich ward , hatte gleich im ersten Anfange seines plötzlichen Erkrankens ihn der Sprache und zugleich der Kraft zum Schreiben beraubt . Nach seinem Ableben fand ich bei der sorgfältigsten Untersuchung nichts weiter in der Schatulle , als die , unser Vermögen betreffenden Dokumente , welche bis diesen Augenblick noch darin aufbewahrt liegen . Und so muß ich denn glauben , daß nur das Kästchen selbst für ihn als Andenken einer früheren Zeit hohen Werth hatte , denn der Gedanke an Gold und irrdische Habe konnte unmöglich diesen reinen edlen Geist noch in der letzten Scheidestunde bis zu diesem Grade beunruhigen . So lange ich denken kann , sah ich den geliebten Vater sehr oft im schmerzlichen Kampfe mit wahrscheinlich recht trüben Erinnerungen aus seinem früheren Leben , und dieses bestärkt mich in meinen Muthmaßungen von dem Kästchen . Indessen mochte ich es nie wagen , die seltnen Augenblicke , in denen er eines kurzen Vergessens sich erfreute , durch unzeitiges Forschen zu unterbrechen , und so ist mir alles fremd geblieben , was auf seine Jugendgeschichte Bezug haben mochte . Mein eignes Daseyn ist mir sogar gewissermaßen ein Räthsel , dessen Auflösung mir indessen wenig Sorge macht . Seit mein Vater nicht mehr ist , kenne ich niemand , der durch Bande des Bluts mir verwandt wäre , und sogar das Land , aus dem ich eigentlich stamme , ist mir unbekannt . Denn aus einzelnen Äußerungen , die zuweilen meinem Vater entschlüpften , mußte ich beinahe vermuthen , daß er kein Deutscher sey , obgleich er der Sitte und Sprache dieses Landes vollkommen mächtig war , und auch mich darin erzog . « » Die Bitte : Vicktorinen einstweilen sowohl die Verfügungen , die ich einer ungewissen Zukunft wegen treffen zu müssen glaubte , als überhaupt den ganzen Inhalt dieses Briefes zu verschweigen , wäre gewiß überflüssig . « » Sagen Sie dem geliebten Wesen nur , daß ich lebe , und der Erfüllung meiner Pflicht freudigen Muthes entgegen gehe . Dieses ist erlaubt , und mehr braucht es zwischen uns beiden nicht . Und nun vergönnen Sie mir , noch ehe ich von Ihnen scheide , mein Tagebuch zu ergänzen , indem ich Ihnen die Ereignisse dieser letzten Tage mittheile . Ich weiß , daß diese auf vielfache Weise Ihr Mitgefühl in Anspruch nehmen werden , um so mehr , da in Ihnen die Veranlassung zu diesem Schreiben und meiner früher ausgesprochenen Bitte liegt . « » Ich will mich , hochwürdige Frau ! nicht weitläuftig darüber verbreiten , wie wenig erfreulich und unter welchem Drange , mitunter recht unangenehmer Geschäfte , ich meine Zeit in Marseille hinbringen mußte . Meine einzige Erholung nach jedem mühsam durchkämpften Tagewerk war Abends ein Spaziergang , sobald die Sonne sich dem Untergange zuneigte , und am liebsten wallfahrtete ich dann auf ziemlich steilem Pfade dem Gipfel eines , nicht zu weit von der Stadt entfernten Berges zu , um mich dort an der , um diese Stunde vom Meer herrüberwehenden Kühle und der herrlichen Aussicht zu erquicken . Gleich einer Mauerkrone schmückte hier eine alte Zitadelle mit ihren von Wind und Wetter gebräunten Zinnen und Thürmen den nackten Scheitel des fünfhundert Fuß hoch über dem Meer stolz und kühn sich erhebenden Felsens , und bildet mit dem dunkeln Blau des darüber sich hinwölbenden Himmels den wunderbarsten Contrast , den ich täglich mit neuer Lust betrachtete . Ganz in ihrer Nähe hat frommer Glaube schon seit undenklicher Zeit eine Kapelle hingebaut , in welcher die heilige Jungfrau unter dem Namen notre Dame de la Garde verehrt wird , und sowohl die Festung als der Felsen selbst werden in der Umgegend nach diesem kleinen Tempel benannt . Wenn ich diese Kapelle besuchte , so ergriff mich sowohl ihre Bestimmung als ihre Lage auf unbeschreiblich rührende Weise . Von der hervorragendsten Stelle des Felsens winkt sie dem scheidenden Schiffe den letzten Gruß aus der Heimath noch lange nach , wenn der übrige Theil der Küste seinem Auge schon entschwunden ist , und dem Wiederkehrenden leuchtet sie zuerst entgegen , wie ein aus den Wogen auftauchender , Freude und Wiedersehen verkündender Stern , ehe noch das Land selbst seinem Auge sichtbar werden kann . Das sonst als wunderthätig hier verehrte Gnadenbild von gediegenem Silber ward freilich schon damals , als frevelnde Hände jedes Heiligthum ungestraft antasten durften , von den Kürmagnolen entführt ; aber der alte fromme Glaube haftet doch noch an der Stelle , die es einst heiligte . Die Seefahrer empfehlen sich vertrauensvoll dem Schutz der notre Dame de la Garde , wenn sie den Hafen verlassen , und rings umher an den Wänden hängen zahllose Dankopfer von denen , die ihrem Beistande Errettung aus der Sklaverei der Barbaren , oder Erhaltung mitten in der drohendsten Gefahr schuldig zu seyn glauben . Morgens und Abends eilen Frauen und Mädchen aus der Umgegend hieher die für ein geliebtes Leben zittern , das im Kampf mit dem wilden Elemente begriffen ist , welches sich hier unabsehbar wie die Ewigkeit vor dem geblendeten Auge ausbreitet . Sie schmücken den kleinen Altar mit frischen Blumen und geweihten Kerzen , und kehren hoffnungsvoll und beruhigt zu ihrem Tagewerk zurück , wenn sie im brünstigen Gebet den geliebten Mann der mächtigen notre Dame de la Garde empfohlen haben . Wie oft stand ich da , gedachte Vicktorinens und suchte in den ländlichen Gestalten irgend eine Ähnlichkeit mit dem geliebten Wesen aufzufinden , dessen reines inniges Gebet vielleicht in der nehmlichen Stunde für mich zum Himmel aufstieg , bis auch mich mein Gefühl neben die Beterinnen am Fuße des kleinen ärmlichen Altares hinzog , wenn gleich mein Glaube keiner heiligen Vermittler zwischen mir und Gott bedarf . Am längsten und liebsten aber pflegte ich hier auf der Terrasse dicht vor der kleinen Zitadelle zu verweilen , von welcher aus sich eine wahrhaft unermeßliche Aussicht vor mir ausbreitete , die ich bis jetzt noch keiner andern zu vergleichen weis . Land und Meer , die große lebensreiche Stadt mit ihrem Gewühl , von dem kein Ton bis hier hinaufgelangt , die malerisch geformten Felsen , der Hafen mit seinen vielen fremdartigen , in ihrer Bauart so verschiedenen Schiffen und Fahrzeugen aller Art , die viel tausend kleinen Bastiden ringsumher , welche gleich leuchtenden weißen Punkten hervorglänzen aus ihrem Myrthengesträuch , ihren Olivenbäumen , ihren Pinien ; alles dieses zusammen gewährt hier beim Untergange der Sonne ein Bild , dessen Darstellung weder Pinsel noch Feder unternehmen darf . Und doch fühlt sich Jeder zu dem Versuche hingerissen und ich selbst muß jetzt gewaltsam mich davon abwenden . « » Hieher , hochwürdige Frau ! wallfahrtete ich auch noch am letzten Abende , den ich vor meiner Abreise nach Toulon in Marseille zuzubringen gedachte . Arbeitsmüde , geistig erschöpft von tausend kleinen neckenden Widerwärtigkeiten , die ich des Tages über zu bekämpfen gehabt hatte , machte ich mich etwas später als gewöhnlich auf den Weg . Die Sonne war schon dem Untergange nahe , und ich bemerkte es kaum , daß ein dünner durchsichtiger Schleier den sonst ewig heitern Himmel wie mit einem Flor zu bedecken begann . Der Weg kam mir ungewöhnlich lang vor , der Felsen schien mir steiler als je , kein Lüftchen wehte mir Kühlung zu , wie sonst immer um diese Stunde , wo der Seewind sich aus dem Meere erhebt ; eine für diese Jahreszeit sehr drückende Schwüle erschwerte mir das Athmen , und ich empfand eine so ungewohnte lähmende Mattigkeit , daß ich recht froh war , den Felsen endlich erstiegen zu haben . « » Ich eilte sogleich der Terrasse zu , um noch einmal an der köstlichen Aussicht mich zu erfreuen , ehe es dunkel ward , denn unter diesem Himmelsstrich ist die Zeit der Dämmerung so kurz , daß die Nacht gleich nach dem Sinken der Sonne ihre Rechte geltend zu machen beginnt . Zugleich wollte ich von dem alten Invaliden Abschied nehmen , der hier oben als Wächter angestellt ist und so lange der Tag währt , jedes am Horizonte auftauchende Seegel vermittelst eines großen Fernrohrs beobachtet , um dessen Ankunft sogleich der Stadt durch Signale kund zu thun , sobald sich nur die Flagge des ankommenden Schiffes erkennen läßt . « » Zwischen mir und dem alten wackern Graukopfe war während meiner öftern Besuche hier oben eine Art freundlichen Verkehrs entstanden , von dem ich ihm ein kleines Andenken zurückzulassen wünschte . Ich hatte gewissermaßen sein Herz gewonnen , weil ich ihm freundlich zuhörte , wenn er mir mit der , alten Franzosen so eignen Redseligkeit , von seiner Jugendzeit erzählte , die er gleich allen Greisen der jetzigen weit vorzog , von der vormals unter dem unglücklichen Ludwig in Versailles herrschenden Pracht und von der Schönheit und Huld seiner noch unglücklicheren Königin , die er sogar einmal gesprochen zu haben versicherte , als er eben im Park von Versailles Schildwache stand . « » Der gute Alte pflegte mich sonst immer mit so lauter Freude zu empfangen , als es die alt französiche Höflichkeit ihm nur erlauben mochte , doch heute war auch dieses anders wie sonst . » Kehrt um Herr ! « rief er mir schon von weitem zu , sobald er mich ansichtig ward , » geht zurück , um Gotteswillen was wollt Ihr heute hier oben ? Ein fürchterliches Unwetter zieht herauf , und Ihr habt von Glück zu sagen , wenn Ihr noch vor dessen völligem Ausbruche die Stadt erreicht . « » Ich begriff den alten Regnand anfangs nicht , die Luft war vollkommen still , kein Hälmchen regte sich ; nur der Schleier , der jetzt den ganzen Himmel bedeckte , verdichtete sich unmerklich , aber schnell , und über dem Meere hin stiegen weißgraue , zackige Wolkengebilde auf . Doch plötzlich veränderte sich alles . Mit wildem ängstlichem Geschrei flog jetzt auf einmal ein unzählbares Heer großer und kleiner Wasservögel von allen Seiten dem Ufer zu , und suchte mit bangem Geflatter sich in die Höhlen und Spalten der Felsen zu verbergen . Nahe am Strande war das Meer noch still , es war , als ob seine helle , jetzt blaßgraue Fläche nur innerlich erzitterte , ohne jedoch eigentlich Wellen zu bilden , doch weiterhin in der offnen See thürmte es sich schon Haus hoch , und ein dumpfes schauerliches Getöse stieg immer lauter und grausenvoller aus der entsetzlichen Tiefe zu uns herauf . « » Wie kurz vorher die Möven und das übrige Geflügel dem schützenden Strande zugeeilt waren , so sah ich jetzt auf den Wogen unzähliche kleine schwarze Punkte in ängstlicher Eile ihm zustreben , lauter Fischernachen , die mit Anstrengung aller Kräfte das Land zu erreichen suchten . Einer davon schlug nahe am Ufer um , aber die rüstigen Fischer retteten sich schwimmend . In einiger Entfernung wandten sich ein Paar große Schiffe mit vollen Seegeln durch die kleinen Nachen durch ; wie ein Paar Schwäne theilten sie in stiller Majestät die schäumenden Wogen und erreichten glücklich den nahen Hafen , ehe der Sturm mit seinem vernichtenden Fittig sie ereilen konnte . « » Die Luft war am Ufer still , aber das bange Grausen , das auf der ganzen Natur ruhte , hatte auch mich ergriffen , und ich stand da und blickte , unfähig mich abzuwenden , den kommenden Schrecken entgegen . Mein alter Freund saß indessen unbeweglich , wie fest gebannt , vor seinem Fernrohr , und obgleich die hereinbrechende Dunkelheit ihm nicht mehr erlauben mochte , weit zu sehen , so starrte er dennoch mit unverkennbarer Angst in die Wasserwüste hinaus , wo der Kampf der Elemente sich immer wilder erhob . Von mir nahm er dabei keine Notiz , nur daß er , ohne es vielleicht selbst zu wissen , daß er es that , mich dann und wann ermahnte , heimzukehren so lange es noch Zeit sey . « » Heulend , pfeifend , brüllend , mit gräßlichem Tosen brach jetzt der Sturm los , und das Meer antwortete ihm . Bergehoch , mit weißem , hell durch die Dämmerung leuchtenden Perlenschaume gekrönt , thürmte sich am Ufer die Brandung auf , brach am Felsen in sich zusammen , erhob im Momente sich von neuem , und unabsehbar tief gähnte der schwarze furchtbare Abgrund zwischen den immer von neuem wieder erstehenden Wogen . So weit das Auge reichte , siedete das Meer in unbeschreiblicher Wuth , stürzten auf der unermeßlichen Fläche Berge über Berge ineinander . Blitze fuhren daher und die ganze Atmosphäre stand in Flammen , Donner und Meer brüllten um die Wette . Der jetzt ganz schwarze Himmel schien sich in das Meer versenken zu wollen , die gewaltigen Wogen thürmten gegen ihn sich an , als wollten sie , gleich ergrimmten Titanen , mit ihm kämpfen , und der Fels , auf dem ich stand , schien in seiner Grundfeste zu erbeben . « » Dichte Finsterniß bedeckte die grausenvolle Scene und erhöhte ihre Schrecken . Jetzt zerrissen Blitze von allen Seiten die schwarze Wolkendecke , und bei der , einige Sekunden lang anhaltenden und nach jedesmaligem Verschwinden schnell wiederkehrenden blendenden Helle , entdeckte mein scharfes Auge in nicht zu großer Entfernung einen dunklern Gegenstand , den eine Woge der andern im gräßlichen Spiele zuwarf , der uns bald näher gerollt ward , bald weiter sich entfernte , bald auf drohender Höhe schwebte , bald tief hinab dem entsetzlichen Abgrund zugeschleudert wurde . Es war ein Schiff , allmächtiger Gott ! ein Schiff ! Wie klein ist alles Menschenwerk gegen die unermeßliche Natur ! Und was sind wir , die wir uns rühmen , die Elemente unserem Dienste zu unterjochen ! « » Jetzt begann der Regen in großen schweren einzelnen Tropfen niederzufallen ; beim Scheine der Blitze glänzten diese wie Feuerfunken . Mir kam es nicht in den Sinn , ein schützendes Dach aufzusuchen , es war mir als gäbe es keinen Schutz mehr in der Welt vor dieser vernichtenden Gewalt der Natur . Von Ehrfurcht durchschauert in den tiefsten Tiefen meines Gemüths fühlte ich mich in der unmittelbaren Gegenwart des Herrn der Welt und ich vermochte es nicht einen andern Gedanken zu fassen , als seine unbegreifliche Größe und die arme Endlichkeit alles irdischen Beginnens . « » Kommt herein , Herr , verschmäht meine arme Hütte nicht , Ihr werdet unter meinem Dache wenigstens im Trocknen seyn , « sprach jetzt mein alter Invalide , und zog mich mit höflicher Gewalt seiner kleinen , ganz in der Nähe befindlichen Wohnung zu . » Ich sage es Euch vorher , ich habe Euch gewarnt , Herr , aber da war kein Gehör , schalt er recht väterlich , während er in seinem ärmlichen Stübchen den durchnäßten Rock mir auszog und ihn an das Kamin hing , in welchem er mit einigen Bündeln trockner Weinreben und ein Paar dicht belaubten Zweige der immergrünen Eiche , die hier einheimisch ist , ein hellaufloderndes Feuer anzündete . « » Ich bin das gewohnt , « brummte er während dieser Beschäftigung nach seiner gutmüthigen Weise fort ; » einem alten Soldaten schadet so etwas nicht leicht , aber Ihr , junger Herr , ich sage Euch , ihr könnt eine Brustentzündung davon tragen . Folgt mir nur wenigstens diesmal , und nehmt einen Tropfen von meinem guten Curaçao , das wird Euch wohl thun . « » Ich that alles , was der Alte wollte , ließ ihn ungestört um mich herum sein Wesen treiben , und horchte nur auf den Sturm , der immer furchtbarer die Hütte umtobte . Plötzlich vernahm ich , mitten durch den wilden Aufruhr der Elemente , einen von diesen sich unterscheidenden Schall wie von einer , in nicht gar zu weiter Entfernung gelösten Kanone , gleich darauf noch einen , und wieder einen . » Notre Dame de la Garde nehme der armen Seelen sich in Gnaden an ! die werden den Morgen schwerlich wiedersehen , « seufzte , recht innerlich betrübt , der Alte . » Habt Ihr es gehört , Herr ? das waren Nothschüsse . Wohl mag das arme Schiff in großer Noth schweben , aber da ist bei Menschen keine Hülfe . Bei diesem Wetter wagt kein Lootse sich hinaus . « » Ich will hin ! rief ich , und griff nach meinem am Feuer hängenden Rock , ich will hinunter , sagt mir wo finde ich die Lootsen , ich will ihnen Gold bieten , vielleicht - « » Bleibt , sage ich Euch , bleibt ! « erwiederte der Greis , indem er mich fest hielt , » ich sage Euch , bötet Ihr auch Millionen , hier ist nichts zu thun . Die Lootsen wohnen weit von hier , nahe am Hafen , es sind brave Leute darunter , die ihr Leben nicht achten , wenn Hülfe möglich ist . In dieser Nacht aber wäre jeder Versuch an das Schiff zu gelangen wirklich Tollheit , und könnte nur zum Untergange führen . Solchen Sturm hat niemand seit Menschengedenken erlebt ! Ich kenne das Schiff wohl , ich glaube daß es sogar Lootsen am Bord hat , denn seit mehreren Stunden sah ich unter großer Besorgniß zu , wie es auf der Höhe lavirte . Es ist der Phönix , ein braves Schiff , eines der schönsten und größten von Marseille . Aber so viel ich durch das Fernrohr sehen konnte , hat es während dieser Reise durch frühere Stürme schweren Schaden erlitten , denn es konnte sich nicht recht regieren . Sonst hätte es wohl eben so gut noch den Hafen erreicht , wie die Syrene und der Merkur , die Ihr vorhin kurz vor dem vollen Ausbruche des Unwetters einlaufen saht . Horch ! sie schießen wieder - und wieder - arme Leute ! arme Leute ! mögen Gott und die Heiligen sie trösten . So dicht vor dem Hafen ! es ist ein grausames Geschick . « » Die Thüre flog jezt weit auf , und hereinstürzte mit der Geberde einer Verzweiflenden ein junges Mädchen , von dem ich mich erinnerte , es sehr oft in der Kapelle beten gesehen zu haben . Wild flog ihr langes rabenschwarzes Haar um das todtenbleiche Gesicht , ihre Kleider waren durchnäßt , sie wollte reden , aber der Athem fehlte ihr . « » Suzon , Mamsell Suzon , barmherziger Gott wo kommt Ihr her in dieser Schreckensnacht ! « rief der Alte und schlug voller Entsetzen beide Hände zusammen . « » Die Lampe , die Leuchte , Eure Laterne Vater Regnaud - » stammelte das arme Mädchen , » ich muß hinab an den Strand , hört Ihr das ängstliche Nothschießen denn nicht ? - ich will hin , ihnen muß Hülfe werden - sie müssen gerettet - « ihre Knie brachen bei diesen Worten unter ihr zusammen . Vater Regnaud hielt sie im Fallen auf , sie zitterte konvulsivisch , aber sie verlor nicht das Bewußtseyn . Wir standen ihr bei , so gut wir es vermochten , der Alte trug sie in seinen gepolsterten Sorgstuhl neben dem Kamin , rieb ihr die Schläfe mit gebranntem Wasser und versuchte es , ihr ein Paar Tropfen davon einzuflößen . » Armes , armes Kind ! seufzte er dazwischen , und eine Thräne zitterte in seinen grauen Wimpern . » Die Unglückselige ! in dieser Nacht den Felsen zu erklimmen , es ist unglaublich ! Betet , Mamsell Suzon , betet zu Gott und unsrer lieben Frau für die armen Leute , sie sind in Gotteshand , hofft auf ihn . « » Gebt mir die Laterne , erwiederte Suzon mit wildem , fast wahnsinnigem Blick , ich sage Euch , ich muß hinab an den Strand ! Sie wollte aufstehen , doch sie vermochte es nicht , sie sank halb ohnmächtig zurück in den Stuhl , und ihre Augen fielen von selbst zu , wie die einer Todmüden . » Ich habe gebetet , so betet niemand wieder , « sprach sie leise und immer leiser , » notre Dame de la Garde - ich wußte , er käme heut , Euer Signal - sie sagtens mir in der Stadt - sechs Stunden lag ich am Fuße ihres Altars , sie hat mein Gelübde angenommen , sie winkte mir - ich muß hinab , ich rette ihn , notre Dame de la Garde - « » Die arme Suzon sprach die letzten Worte halb im Traume , ihr Köpfchen sank zurück , ein eignes Lächeln glitt über das bleiche Gesicht hin , die an das Stuhlkissen gedrückte Wange röthete sich ein wenig , sie athmete leiser und ohnerachtet der innern furchtbaren Angst machte die erschöpfte Natur ihre Rechte geltend , indem sie dem armen Kinde kurzes Vergessen aller Noth gewährte . « » Sie schläft , « flüsterte der Alte , und schlug ein Kreuz über die Schlummernde , dann wollte er auf die Terrasse hinaus , sich umzusehen und ich begleitete ihn . Der Regen hatte aufgehört , der Sturm tobte fürchterlicher als zuvor , kaum daß ich seiner Macht widerstehen konnte und mich aufrecht erhielt . Unaufhörliche Blitze gossen noch immer Ströme von Feuer über das siedende Meer aus und noch deutlicher als zuvor erblickten wir bei ihrem Leuchten das unglückliche Schiff , ringend mit dem Untergange . Dunkle undurchdringliche Grabesnacht umgab uns gleich darauf wieder , und durch die dichte Finsterniß leuchteten einzelne kleine schnell wieder verschwindende Funken zu uns auf ; es war das Aufblitzen der Kanonen , durch deren unaufhörliches Abfeuern die verzweifelnde Mannschaft des Phönix noch immer menschliche Hülfe herbeizurufen strebte , aber der Schall verschwand unhörbar und ungehört in dem furchtbaren Aufruhr der Natur . « » Ich konnte mich nicht entschließen , zurück in die Hütte zu gehen , und auch der Alte blieb draußen , wahrscheinlich um Suzons herzzerreißenden Anblick auszuweichen . Noch immer bestürmte ich ihn mit Bitten und Fragen , um Mittel und Wege , dem augenscheinlich dem Untergange geweihten Schiffe zur Hülfe zu kommen , aber er wies mich unabänderlich ab , wie man ein Kind abweist , das Unmögliches verlangt , obschon das Herz des mit allen diesen Schrecken längst vertrauten Greises für die unglückliche Suzon blutete . « » Er sagte mir , sie sey seine Pathe , die Tochter eines armen Fischers , aus einem kleinen Dörfchen nahe am Fuße des Felsens von notre Dame de la Garde ; das schönste , sittsamste , anmuthigste Mädchen weit und breit umher