Leckerbissen zu verschaffen , allein ihr bloßer Anblick flößte ihr meistens schon wieder Ekel ein . Ich hatte sie oft an die Nothwendigkeit erinnert , die Rechte ihres kleinen Knabens durch eine gesetzliche Aussage vor einem Advocaten zu sichern . Da sie dieser Schritt an die Feierlichkeit eines Testaments erinnerte , weigerte sie sich beständig ihn zu thun , versichernd , daß es , sobald sie ganz hergestellt wäre , ihr erstes Geschäft seyn sollte . Nun war sie schon seit einer geraumen Zeit nicht mehr fähig , das Zimmer zu verlassen . Ich nahm wohl wahr , daß sie sehr gern einen Miethwagen zu einer Spazierfahrt hätte haben mögen , allein meine Mittel litten das nicht ; und so weh es mir that , beharrte ich ihre Winke nicht zu verstehen . List und Langeweile gaben ihr endlich ein , die Schritte , die sie zum Besten ihres Kindes thun sollte , zur Befriedigung ihrer Sehnsucht nach einer Spazierfahrt zu benutzen . Sie kündigte mir an , daß sie einen Wagen haben müsse , um endlich ihre Geschäfte bei einem Advocaten zu besorgen . Es war ein naßkühler Tag nach einem heftigen Gewitter ; ich stellte ihr die übeln Folgen vor , die es für ihre Gesundheit haben könnte , wenn sie , die der Luft jetzt entwöhnt sey , grade heute sich ihr aussetzte . Ihre Antwort legte mir durch die dienstbare Demuth , mit der sie oft , um meinen Widerspruch zu entkräften , » meiner Wohlthaten « erwähnte , Stillschweigen auf ; ich wendete also den Erwerb zweier eifrig in Arbeit hingebrachten Abende darauf , ihr einen Miethwagen herbeizuschaffen , und war doch herzlich froh , wie sie mit der schriftlichen Begutachtung des Rechtsgelehrten zurückkam , daß ihre Beweisgründe sie sehr wohl in Stand setzten , eine Klage gegen Lord Glendower zum Besten ihres Sohnes zu führen . Doch diese Ausfahrt zog alle die Uebel nach sich , welche ich für die arme Kranke gefürchtet hatte . Ihr Husten und ihr Fieber nahmen in einem furchtbaren Grade zu , und zugleich ihre fantastisch umherschweifende Eßlust , die bei ihrem zunehmenden Leiden in der Befriedigung eines jeden neuen Einfalls ein Labsal erwartete . Zu allen diesen Bedrängnissen gesellte sich jetzt noch die Erklärung des Kaufmanns , der mir bisher meine Arbeiten bezahlt hatte : daß ich sie wohlfeiler geben müsse , als bisher , weil sich zu wenige Käufer dafür fänden . - Wohlfeiler , wie bisher , wo ihr Lohn kaum meine dringendsten Bedürfnisse gedeckt hatte ! - Das war , ohne zum Hungerleiden gebracht zu werden , nicht möglich . Wie unmöglich es sey , einen andern Erwerb zu finden , hatte ich aus eigner Erfahrung gelernt ; wenn dieser mir gebrach , war ich dem Verderben dahingegeben . Bei den Obliegenheiten , die ich gegen Julie übernommen , war es mir sogar unmöglich geworden , einen Dienst als Stubenmagd zu suchen ; denn wer sollte sie pflegen ? wer ihren armen Knaben , an den das innigste Wohlwollen mich band ? Unentschlossen und trostlos wandelte ich nach Hause . Der Abend brach ein , ich fand Julie eingeschlafen und blieb , ihren kleinen Sohn durch leisen Gesang still erhaltend , an dem Fenster sitzen . Der Mond spiegelte sich mit mattem Strahl in den großen blauen Augen des blassen , sanften Kindes , es sah so vertrauend und doch so wehmüthig zu diesem Nachtgestirn auf , das so oft meine Thränen beleuchtet hatte . Auch jetzt flossen sie langsam und einzeln über meine angstglühenden Wangen . Ach in solchen Stunden » gehen die Geister unsrer Sünden vor uns vorüber ! « Ich hatte nun zu viel gelernt , um mich gegen meinen himmlischen Vater zu empören , und die Erinnerung meiner frühern Thorheiten verwies mich auf das dringende Bedürfniß der strengen Schicksalsschule , in der ich mich befunden . Das war ein trauriger , muthloser Abend ! Doch er ging vorüber und die Stunde kam , wo es dem mit Gott befreundeten Gemüth täglich durch den Gang der Natur , so nahe , so überzeugend nahe gelegt wird , daß sein Schicksal in einer höhern Hand ruht . Sollten wir ohne diesen Gedanken uns je der süßen Hülflosigkeit des Schlafes hingeben dürfen ? Erneut er uns nicht jeden Abend den Beweis , daß wir durch die Natur unsers Daseyns genöthigt sind , einen so großen Theil unsers Daseyns hindurch ihm widerstandslos zu vertrauen , und sollte nicht jeden Morgen mit unserm Bewußtseyn der Gedanke erwachen , daß eine höhere Hand uns geschützt hat ? - Hülflos und rathlos warf ich mich diesen Abend mit unbedingter Zuversicht an Gottes Vaterherz und erwachte am Morgen mit gestärktem Muth und dem heiligen Vorsatz , heute jeden , auch den bittersten Schritt zu thun , um mich aus meiner Noth zu erheben . Das einzige Mittel , das ich zum vortheilhaftern Verkauf meiner Arbeiten und vielleicht zu sicheren Bestellungen hatte ersinnen können , war , die Gefälligkeit unsrer Hausfrau anzusprechen , daß sie solche in den Häusern , wo sie ihr Beruf hinführte , anbieten möchte . Dieser Entschluß kostete mir unaussprechlich viel . Frau Campell war bisher keineswegs von meiner Lage unterrichtet ; nicht daß ich mich schämte , arm zu seyn , oder um des Unterhalts willen zu arbeiten - ich hätte mich für glücklich gehalten , hätte ich , so wie diese wackre Frau , auf Wochen hinaus gewußt , wer mir meine redliche Anstrengung bezahlen wollte ; aber dieses Anbieten bunten Spielwerks , das der vernünftige Tagelöhner ohnehin mit Geringschätzung als ein Bedürfniß des müßigen Reichen ansehen muß , schien mir dem Betteln so ähnlich zu seyn , daß ich fürchtete , Frau Campells Meinung von mir würde dadurch leiden . Schwer ließ sich mein widerspenstiges Herz beschwichtigen , und mit einem Herzklopfen , das mir den Athem benahm , bat ich meine gütige Wittwe , den Auftrag zu übernehmen . Sie war herzlich geneigt dazu , that mir eine Menge Fragen über den Gebrauch , den Preis der Waare , die mehr ihren guten Willen , als ihre Fassungskraft bewiesen und mich an Cecile Graham erinnerten , deren natürlicher Scharfsinn mir gewiß diese peinlichen Einzelnheiten erspart hätte . Schließlich band ich ihr aufs dringendste ein , in ihrem Ausbieten der Waaren nicht zudringlich zu seyn und meinen Namen streng zu verschweigen . Den ersten Tag brachte sie meine armen Künsteleien , ohne ein Stück verkauft zu haben , zurück , und ich mußte sie , um für den heutigen Tag leben zu können , um einen sehr herabgesetzten Preis meinem ehemaligen Kaufmann überlassen . Den zweiten Tag glückte es besser : sie verkaufte ein kleines gemaltes Körbchen theurer , als ich es angeschlagen hatte , ja sie überbrachte mir zugleich von Seiten der Käuferin die Bestellung , ein ganzes Dutzend Caminfächer zu verfertigen . Man wünschte sie so niedlich wie möglich , ohne mir einen Preis vorzuschreiben ; die Dame machte mir nur die einzige Bedingung , daß ich selbst zu ihr kommen möchte , um die Arbeit mit ihr zu verabreden . Diese war mir sehr peinlich ; in der Lage , wo ich mich befand , konnte ich sie aber nicht abschlagen . Die arme Julie war über unser gutes Glück kindisch entzückt . » O nun bekomme ich das Glas Burgunder , um das ich Sie schon zwei Tage lang vergeblich gebeten ! « - Seit zwei Tagen weigerte sie sich hartnäckig , unsre einfache , doch leichte Nahrung zu genießen , und klagte Tag und Nacht , daß sie vergeblich nach dem einzigen Labsal lechze , welches ihrem kranken Körper Kräfte zu geben vermöchte . Bei dem Fieber , das sie verzehrte , bei dem Husten , der ihr ganzes Wesen erschütterte , konnte Burgunder kein angemeßner Genuß für sie seyn ; mein weniges Geld reichte auch nicht hin , ihn zu kaufen , und wenn ich diese Ausgabe erzwungen hätte , war ich gewohnt , daß kranker Ekel ihr jede noch so ersehnte Befriedigung , sobald sie ihr gewährt wurde , widrig machte . Nothgedrungen und aus Ueberlegung hatte ich ihrem Verlangen nach diesem Glas Burgunder widerstanden und sagte auch jetzt : » Liebe Julie , wir müssen auf etwas Anderes zu Ihrer Labung denken . Alles Geld , das wir besitzen , reicht , wenn wir die morgen an Frau Campell zu bezahlende Miethe abziehen , nicht hin , Burgunder zu kaufen . « - » Frau Campell kann warten ; die braucht das Geld nicht so dringend . « - » Liebe Freundin , wenn man jeden Tag nur für den Tag erwirbt , kann man nicht Schulden machen ; man hat kein Recht dazu , weil der Tag , wo man bezahlen könnte , vielleicht nie herbeikommt . « - » O so eine kleine Schuld ! aber ich weiß wohl , ich habe nicht das Recht , solche Opfer von Ihnen zu verlangen . Ich habe es nicht um Sie verdient ; aber um meines armen Kindes willen , das ohnehin bald eine Waise werden muß ... « Hier unterbrach sie sich selbst und weinte fort . Mir zersprang fast das Herz vor Wehmuth und Unwillen . Der letzte , weil ich aus hundertfacher Beobachtung wußte , daß sie nie an den Tod dachte , und der traurige Schluß ihrer Rede nur mich erweichen sollte . Fest entschlossen , auf meiner wohlbegründeten Weigerung zu bestehen , begab ich mich , ohne ihr zu antworten , hinweg . Nachdem ich ein paar Stunden , an Frau Campells Küchenfenster sitzend , gearbeitet hatte , kehrte ich in mein Zimmer zurück , wo ich zu meinem Befremden Julie an der Thür begegnete , die mir entgegen rief : » Ach , ich dachte , Sie kämen nie wieder ! Wo ist der Wein ? « - » Liebe Julie « , antwortete ich , untröstlich über ihre Beharrlichkeit , » ich kann Ihrer Forderung nicht genügen . « Sie hatte sich eingebildet , mich überredet zu haben ; die Fehlschlagung brachte sie jetzt dergestalt auf , daß sie durch das Weinen in einen Anfall von Husten gerieth , der endlich einen Brustkrampf erregte , wodurch ihr Leben augenscheinlich zu erlöschen bedroht war . Frau Campell , die glücklicher Weise zu Hause war , holte einen Apothekergesellen herbei , dem es gelang , durch einige Opiate den Krampf zu stillen ; eine tödtliche Schwäche folgte ihm , die nach kurzer Zeit jedoch in einen ruhigen Schlaf überging . Während ich die Nacht an ihrem Bette verwachte , dachte ich mit Schauder an die Vorwürfe , die ich mir würde gemacht haben , wenn Julie in diesem durch meine Schuld veranlaßten Anfall den Tod gefunden hätte . Mein Verfahren konnte ich nicht tadeln , es war die Frucht eines schweren Siegs der Vernunft über meine Weichheit ; allein die schnelle Hülfe , welche » des Doctors « , wie ihn meine Wittwe nannte , einfache Arznei gewährt hatte , machte mir die Nothwendigkeit einleuchtend , ärztliche Hülfe für die arme Kranke zu suchen . Bisher hatte ich geglaubt , meine geringe Einsicht in ihr Uebel könne mich hinlänglich bei dessen Behandlung leiten ; allein jetzt war mir die Möglichkeit ihres Todes , bevor sie ihre Gefahr eingestehe , bevor sie ihre Gedanken zu der großen Verwandlung gesammelt , nahe getreten , und ich dankte Gott für die Aussicht , durch die mir aufgetragne Arbeit einen hinlänglichen Erwerb hoffen zu dürfen , um sogleich einen Arzt für Julie zu bestellen . Diese Betrachtungen hatten meine Abneigung gegen den mir bevorstehenden Besuch gänzlich vertilgt , so daß ich mich , zwar sehr schüchtern , aber freudiges Muthes auf den Weg gemacht hätte , wäre mir nicht eine neue quälende Nothwendigkeit klar geworden . Die aufgetragne Arbeit sollte mir einen reichern Gewinn geben , allein sie erforderte auch längere Zeit , und mein Bedürfniß verlangte einen täglichen Zuschuß ; ich sah mich also nothgedrungen , von meiner neuen Wohlthäterin einen Theil der Bezahlung imvoraus zu erbitten , um so mehr , da ich Stoff zu dieser Arbeit einkaufen mußte - eine unerschwingliche Ausgabe in meinem Verhältniß . Doch da mir meine Vernunft sagte , daß ein großer Theil Arbeiterinnen in diesem Fall seyn dürften , und eine solche Forderung mit Almosenheischen nichts gemein hätte , überwand ich meine Scheu und trat ziemlich gefaßt in das Haus . Man wies mich zu einer ältlichen Frau von sehr angenehmem Aeußern ; der angemeßne Ernst in ihrer Kleidung , ihre Haltung forderten die ihrem Alter gebührende Ehrerbietung , wobei doch die Güte und Heiterkeit ihres Wesens die Jugend anziehen mußte . Sie empfing mich mehr wie höflich und begann sogleich ein Gespräch mit mir , dem sie eine so leichte Wendung zu geben wußte , daß ich alle Verlegenheit ablegte . Bald nahm ich wahr , daß der günstige Eindruck gegenseitig sey , was mich nicht weiter wunderte , da die Dame mir einen Wink gab , daß die gute Wittwe Campell ihr in der Dankbarkeit ihres redlichen Herzens von mir erzählt hatte . Erst nach einem langen Gespräch kam sie auf die schonendste Weise auf meine Arbeit zu sprechen , verabredete die Darstellungen , welche ich auf den Fächern anbringen sollte , mit so viel Geist wie Geschmack , und gab mir sehr verbindlich zu verstehen , daß ich den Preis ganz nach meiner Mühe ansetzen sollte . Jetzt war nun der Augenblick gekommen , wo ich mein Gesuch anbringen sollte ; aber eben darum , weil mich diese Frau nach so langer , langer Zeit wieder auf den Platz gesetzt hatte , für den meine ehemalige Bildung mich bestimmte , fand ichs um so schwerer , auch sogleich wieder zu der Rolle der Geldbedürftigen herabzusinken . Der Muth verließ mich , ich ward stumm und zerstreut , meine Zunge versagte mir ihren Dienst - aber dann fiel mir Juliens elender Zustand ein , die Nothwendigkeit , mir selbst Mittel zur Arbeit zu verschaffen , und ich stammelte : » ich hätte wohl um eine Gunst zu bitten ... « aber mehr hervorzubringen , war mir unmöglich . Die edle Frau sah mir fragend ins Gesicht , faßte meine Hand und sagte : » Ich wünschte , Sie sähen mich als eine alte Bekannte an ; mir ists wirklich zu Sinn , als habe ich Sie schon in der Wiege gekannt . « - Vor so viel Güte schwand meine Widerspenstigkeit ; » ja « , rief ich mit hervordringenden Thränen , » Sie sind gütig , ich sehe , Sie sind es ; und ich sollte nicht diese Zurückhaltung fühlen ... ich sollte gestehen , daß mich die äußerste Nothwendigkeit antreibt ... « Hier schwieg ich wieder ; aber die Dame hatte ihren Geldbeutel schon in der Hand : » Ich sollte Ihnen schmälen « , rief sie freundlich , » denn Sie flößen mir den Verdacht ein , zu denen zu gehören , die Gottes Güte nur dann erkennen wollen , wenn er sie unmittelbar in ihre eignen Hände legt . « - Der Vorwurf that mir weh . Ich fand die Sprache wieder und sagte ihr , worin eigentlich meine Forderung bestanden hätte ; aber im Sprechen erkannte ich , daß ihr Vorwurf doch einigen Grund hätte , und setzte hinzu : » Doch schmälen Sie nur , ich habe es einigermaßen verdient , denn mir fehlt immer noch die Demuth , mit der jede Gabe Gottes von einem armen Geschöpf , das sie so oft nicht verdient hat , angenommen werden sollte . « Die Dame schien meine Art und Weise ganz zu verstehen : sie gab mir nun so viel und auf die Bedingungen , wie ich es wollte , ohne mir mehr aufzudringen . Bei meinem Abschied fragte sie nach meinem Namen , den ihr Frau Campell , meinem Verbot zufolge , nicht genannt hatte . Ich erröthete über meine immer wieder auftauchende Eitelkeit und sagte : » Es war wieder eine Schwäche von mir , ihn zu verschweigen . Ich weiß , Ellen Percy ist dadurch nicht beschimpft , daß sie durch ihre Arbeit ihren Unterhalt erwirbt . « - » Percy ! « rief die Dame , als wenn sie sich plötzlich an etwas erinnerte . » Aber Frau Campell sagte , Sie hätten in Schottland gar keine Bekanntschaften . - Kaum die allerentfernteste . « - » So können Sie es doch nicht seyn , von der sie sprachen « - sagte sie wie im Selbstgespräch , indem sie sich zu ihrem Schreibtisch wendete , wo offne Briefe lagen , gleichsam als deute sie auf den Inhalt . Gern hätte ich um eine Erklärung gebeten ; allein da die Dame nichts hinzusetzte , war ich zu schüchtern und begab mich , sehr neugierig , hinweg . Hätte ich Zeit gehabt , so möchte ich mich wohl mit Errathen und Luftschlössern beschäftigt haben ; von diesem Zeitvertreib hatte mich aber die ernste Wirklichkeit ziemlich geheilt , und jetzt forderte mich Juliens Zustand auf , mich mit ganz andern Dingen zu beschäftigen . Da ich einen Arzt für sie zu Rathe zu ziehen gedachte , fiel mir der Mann ein , der in meinem fürchterlichen Verwahrsam sich meiner so thätig angenommen , und , durch sein Betragen gegen mich von seiner Menschlichkeit überzeugt , ließ ich ihn um einen Besuch bitten . Er kam ungesäumt , freute sich ohne viele Worte über meine blühende Gesundheit und ging sogleich auf den Zweck seiner Einladung los . Während er Julie befragte , beobachtete ich ihn wohl und nahm wahr , daß er ihren Zustand für hoffnungslos hielt ; indeß sie mit dem traurigsten Selbstbetrug ihm die Beobachtungen , die er selbst machte , abstritt . Er verließ sie , ohne eine Verordnung zu machen . Ich folgte ihm aus der Thür und fragte , ihn aufhaltend : » Haben Sie mir gar keine Anweisung für die Kranke zu geben ? « - » Gar keine , als sie treiben zu lassen , was sie noch freut . In weniger wie einer Woche ist es mit ihr vorüber . « - Kaum hatte er diese fürchterlichen Worte ausgesprochen , so hörte ich einen schweren Fall , und wie ich in das Zimmer zurückflog , lag Julie besinnungslos am Boden . Sie hatte aus des Doctors Betragen und meinem Eifer , ihn zu begleiten , Verdacht geschöpft , hatte die Thür leise geöffnet und unser Gespräch leise behorcht . Das über ihr Leben ausgesprochne Urtheil hatte sie der Besinnung beraubt ; mühselig brachten wir sie ins Leben zurück . Ach , sie begrüßte es mit dem wehklagenden Geschrei : ich soll sterben , ich soll sterben ! und alles Zureden , allen Trost von sich weisend , wiederholte sie , deren armer Kopf nun weiter keinen Gedanken zu fassen fähig war , unaufhörlich diese Worte , bis die erliegende Natur ihr in einem unruhigen Schlummer Stillschweigen gebot . Auch mir war heute der Schlaf eine willkommene Wohlthat , so daß mein letzter Gedanke , ehe er mich in süße Vergessenheit hüllte , ein herzlicher Dank war , daß der kleine Knabe heute nicht , wie es wohl oft der Fall war , durch sein Weinen meine wenigen Ruhestunden verkürzte . Bei meinem Erwachen fand ich Julie so still , und sie lag so unbeweglich , daß ich mich mit Aengstlichkeit ihrer Athemzüge versicherte . Zu meinem Erstaunen schien sie , ohne mich zu rufen , schon eine Weile gewacht zu haben . Sobald sie mich aber erblickte , fragte sie mit einer Art Gleichgültigkeit : » Hat denn der Doctor * * * den Ruf eines geschickten Mannes ? Er schien von meiner Krankheit gar nichts wahrzunehmen , als was ich ihm selbst sagte , und das mißverstand er dennoch ganz und gar . « - Die Beharrlichkeit , mit der sie auf ihrer Selbsttäuschung bestand , war mir unendlich schmerzlich ; ich wiederholte meine gute Meinung von des Arztes Geschicklichkeit und setzte hinzu , daß sein Urtheil eigentlich aber gar nichts bestimme . Wenn sie das , was ihr vor ihrem Ende zu thun übrig bliebe , gewissenhaft vollbringe , sey es ja ziemlich gleichgültig , ob er dieses fern oder nahe hielt . Sie schwieg eine Weile , dann sagte sie mit einem tiefen Seufzer : » Sie haben recht . Kommen Sie neben mein Bett , ich will Ihnen einen Brief an meinen Bruder dictiren . « Ich willfahrte ihr , sobald es mein kleiner Haushalt vergönnte , und darauf sagte sie mir einen Brief in die Feder , über dessen Klarheit und Zweckmäßigkeit ich erstaunte . Sie nannte und bezeichnete die Personen , welche in ihrer Sache zu ihren Gunsten Zeugniß geben konnten , und nahm Herrn Arnolds herrschende Leidenschaft höchst geschickt in Anspruch , indem sie ihm begreiflich machte , daß er , sobald die Legitimität von seinem Neffen erwiesen sey , als Oheim und natürlicher Vormund , nach Lord Glendowers Tode mit der Verwaltung des gänzlichen Vermögens von fünfundzwanzig tausend Pfund Einkünften beauftragt werden müsse . Mit unruhigem Rückblick auf mich selbst sah ich hier ein neues Beispiel , wie klar wir Andrer Fehler einsehen , indeß wir über die unsern in steter Täuschung verbleiben . Ich hoffte , daß sie die Kräfte , welche ihr ein erquickender Schlaf schien gegeben zu haben , nun auch zu einem noch viel ernstern Geschäft , als die zeitliche Wohlfahrt ihres Kindes zu begründen , anwenden würde ; ich hoffte , sie würde ihrem Bruder über dessen Erziehung etwas sagen , würde einen kräftigern Zuspruch , wie den meinen , über ihre nächste große Zukunft verlangen ; - aber die flüchtige Helle ihres Geistes war schon vorüber ; ehe der Brief noch geschlossen ward , schweiften ihre Gedanken ab , und ein halb träumender Zustand machte sie zu jedem Nachdenken unfähig . Meine nächste Beschäftigung war nun , die Zeichnungen zu meiner mir aufgetragnen Arbeit zu entwerfen . Leider war Frau Campells Töchterchen heute durch Hausarbeit verhindert , mit dem kleinen Glendower zu spielen , es blieb mir daher nichts übrig , als ihn mit der einen Hand auf meinen Knien zu halten , ein Körbchen mit den bunten Abschnitzeln meiner Arbeit vor ihm , in welcher er unruhig umherwühlte , indeß ich mit der andern Hand den ersten Entwurf zu meinen Zeichnungen versuchte . In diesem Augenblick öffnete sich leise die Thür , und die Dame , bei der ich mich gestern vorgestellt hatte , trat mit einer jüngern ein , die auf den ersten Anblick meine Aufmerksamkeit fesselte . Sie hatte eine majestätische , im schönsten Ebenmaß gebildete Gestalt ; ihre Haut , wenn gleich von der Farbe , die sich zu braunem Haar paart , war durchsichtig , und wenn gleich für die kränkelnde Zartheit einer londner Schönen zu hoch gefärbt , gewann sie durch das Roth der Gesundheit ihrer Wangen . Ihre schwarzen , etwas grade gezeichneten Augenbraunen lagen nahe über so dunkeln , leuchtenden Augen , daß ihre eigentliche Farbe nicht zu unterscheiden war , und für die Weiße ihrer Zähne war das alte poetische Bild orientalischer Perlen zu matt . Die Lieblichkeit ihres Lächelns wäre eben so schwer zu schildern . Wahr ist es , sie konnte neben einer zartgebauten Nymphe etwas zu breitschultrig aussehen , aber ihre Formen waren höchst weiblich , ihre Bewegungen mild und behende . Sobald sie ihre Begleiterin als Charlotte Graham eingeführt hatte , erinnerten mich ihre Züge an meine gute Cecile ; sie glichen sich , wie der rohe Entwurf einer Büste zu ihrer ausgeführten Vollendung ; auch im Ausdruck fand dieser auffallende Unterschied statt . Cecilens ihrer war ernst , durchdringend und , für eine so junge Frau , fast streng ; Miß Grahams Gesicht war heiter , offen , lebendig , beide aber drückten die Art Scharfsinn aus , welche die Worte dessen , der da redet , bis zu ihrer Quelle verfolgt . Miß Grahams tiefe Trauerkleider und eine trübe Wolke , die zuweilen über ihr fröhliches Gesicht zog , bedeuteten mich , daß irgend ein Todesfall die Familie betroffen haben mußte . Ihr Betragen benahm aber auch den Schüchternsten alle Verlegenheit . Es war gebildet , aber nicht modig ; höflich , doch nicht gekünstelt ; gütig , ohne den mindesten Anschein von Herablassung ; allein in ihrer Haltung , ihren Bewegungen , vor allem in ihrem Gang drückte sich eine Hoheit aus , die es bewieß , daß sie sich nie von der Gegenwart eines Obern gedrückt fühlte und wohl zu gewähren , aber nicht zu bitten gewohnt war . Diese Eindrücke machte mir die erste Viertelstunde von Miß Grahams Bekanntschaft . Was mir Cecile von ihr gesagt hatte , war ganz geeignet gewesen , ihr meine Bewunderung zu erwerben ; allein die unaussprechliche Melodie ihrer Stimme erwarb ihr mit den ersten Worten , die sie mit einer etwas fremden , ihr Vaterland höchst angenehm bezeichnenden Aussprache zu mir sagte , mein Herz . » Wenn Sie uns entschuldigen , im Fall wir Ihnen lästig sind « , sprach sie , » so ist mein Gewissen beruhigt ; denn ich bin überzeugt , Sie sind es mit der ich mein Geschäft abthun soll ; denn zwei Personen können meiner Beschreibung nicht ähnlich sehen . « - » Sie werden sich erinnern « , sagte ihre Begleiterin , indem sie über meine erstaunten , fragenden Blicke lächelte , » daß ich gestern einer Freundin gegen Sie erwähnte , die ein Frauenzimmer Ihres Namens aufgesucht hätte . Wir dürfen nun hoffen , solches in Ihnen gefunden zu haben , und damit muß manche zudringliche Frage entschuldigt werden . « - » Ich bedarf nur eine beantwortet zu erhalten « , sagte Miß Graham . » Sagen Sie mir nur , wer Ihre Eltern waren ? « - Dieses sagte ich ohne den geringsten Rückhalt . » Gut « , nahm Miß Graham wieder das Wort , » in diesem Fall habe ich die Freude , Ihnen eine angenehme kleine Nachricht zu bringen . Mein Bruder war so glücklich , eine Ihrem Vater schuldige Summe einzutreiben ; der Schuldner zahlte sie nur unter der Bedingung aus , daß die Hälfte davon in Ihre Hände gegeben , und nur die Hälfte der Masse zugewendet werden sollte . Die Sache ist nun gerichtlich abgethan , und Sir William Sorbes wird Ihnen funfzehn hundert Pfund auszahlen . « - Kaum wird man mir glauben , daß diese Nachricht mir anfangs keine große Freude machte . Ach , das kommt nun zu spät ! dachte ich , meine Blicke auf die arme Julie heftend , die aus dem Hintergrund des Zimmers diesen Vorgang mit dumpfer Gleichgültigkeit zusah . Doch mein zweiter Gedanke belehrte mich , daß ich undankbar gegen Gott und meine Wohlthäter sey , und ich drückte Miß Graham meine Erkenntlichkeit aus . Sie versicherte mich dagegen auf die liebenswürdigste Weise , daß meine Bekanntschaft sie schon weit über den Werth des kleinen geleisteten Dienstes belohnt habe , und kam meinen weitern Danksagungen durch die Fortsetzung ihres Gesprächs zuvor . » Mein Bruder « , sagte sie , » konnte Ihre Spur nur bis zu Miß Mortimer und von da nach Edinburg verfolgen , hier verlor er sie , und da er zu entfernt war , Nachforschungen anzustellen , trug er sie mir auf , und mir war in meinem Geschäft eine Ihrer und meiner sehr dankbaren Schützlinge , die gute Cecile Graham , behülflich . Sie wies mich an die Boswells ; die wollten aber nichts von Ihnen wissen . Mittlerweile kam ich vor wenigen Tagen in die Stadt , ohne zu wissen , welche Wege ich einschlagen sollte , aber fest entschlossen , nicht , ehe ich Sie gefunden , Glen Eredine wiederzusehen « - » Wäre es möglich , daß ich solch eine großmüthige Theilnahme bei Fremden erregt haben sollte ? « - » Nennen Sie mich Fremde , wenn Sie wollen , wenn mir der Name nur einen freundlichen Empfang bei Ihnen verschafft . Doch mein Bruder muß Sie persönlich gekannt haben , wenigstens mit Ihrem Vater in sehr genauen Verhältnissen gewesen seyn , denn er beschrieb mir Ihre Person . « - » Ja , ja « , nahm die ältere Dame mit gutmüthigem Scherze das Wort , » die schwarzen Wimpern und das Grübchen in den Wangen . « - - - » Das Lächeln hätte Sie mir doch noch leichter verrathen « , unterbrach sie Miß Graham . - » Wenn ich die Ehre haben sollte , Herrn Kenneth , den ich jedoch nur aus Cecilens Erzählung gekannt zu haben glaube , wiederzusehen , kann er Ihnen selbst sagen , ob ich seinem Gemälde gleiche « , antwortete ich , ebenso verlegen wie geschmeichelt . Miß Grahams Heiterkeit erlosch , und eine Thräne füllte ihr Auge . Ich suchte mir diese sonderbare Erscheinung zu erklären und dachte , daß Herr Kenneth selbst der Schuldner gewesen und seitdem verstorben sey , weshalb meine Hoffnung , ihn wiederzusehen , der liebenden Schwester so weh thue . Diese faßte sich aber bald wieder und fragte : » Sie erinnern sich also nicht , einen Bruder von mir zu Ihres Vaters Lebzeiten gesehen zu haben ? « - Ich war beschämt . War Herr Kenneth ein Geschäftsmann gewesen , der meiner Eitelkeit nicht besonders gehuldigt , so konnte er sich sehr wohl unter den vielen Gästen meines Vaters befunden haben , ohne daß ich ihn je bemerkt hatte . » Gut « , rief Miß Graham , da sie meine Verlegenheit bemerkte , » ich will dafür sorgen , daß Sie mich nicht also vergessen « ; - und jetzt wendete sie das Gespräch auf Cecile , ihre Landsleute und den Unterschied zwischen den Hochländern und den Einwohnern der Ebene . Wenn gleich ihre Unterhaltung über diesen , wie über jeden andern Gegenstand , keine besondere Geistesbildung bewies , so verrieth sie doch einen natürlichen Scharfsinn , eine so schnelle und scharfe Beobachtungsgabe ,