zur Huldgöttin Erhobene kaum noch zu kennen , und sehen gelassen , und eigentlich nicht ohne heimliches Behagen drein , wenn es ihnen gelingt , ein helles Auge zu trüben , eine jugendliche Wange erbleichen oder erröthen zu machen , und ein unerfahrnes junges Herz in schmerzliche Unruhe zu versetzen . « » Welch ein Bild ! « rief Frau von Willnangen . » Ist es möglich , daß Sie Leo von Wallburg dadurch bezeichnen wollen , der noch vor wenigen Wochen in Karlsbad so viel bei Ihnen galt ? « » Was er mir galt , gilt er noch bis auf einen gewissen Punkt , « erwiderte Ernesto . » Seit ich hier bin , habe ich um Augusten willen ihn genauer beobachtet , und ihn auf mancher der Ungleichheiten betroffen , welche ich eben rügte . Ich hätte deren wahrscheinlich noch mehrere an ihm erlebt , wenn Augusten von dieser Seite nur etwas anzuhaben gewesen wäre ; sie blieb aber in vollkommner Ruhe , wenigstens äusserlich , und da mußte er das Spiel freilich aufgeben . Uebrigens streite ich ihm keine der vorzüglichen Eigenschaften ab , um derentwillen ich ihn sonst schätzte . Er ist hübsch , artig , gewandt , unterrichtet , als Sohn und Bruder lobenswerth , wahrscheinlich wird er auch einmal ein Ehemann , mit dem eine Frau , die mit ihrer Glückseligkeit nicht gar zu hoch hinaus will , ein zufriednes Leben führen kann . Aber sein Betragen gegen Augusten erkläre ich deshalb doch für unmännlich und unwürdig . Es kann ihm nicht verborgen seyn , daß der Ahnenstolz seiner Eltern sich einer Verbindung mit ihr stets auf das ernstlichste entgegen stellen wird ; er fühlt , daß es ihm an Muth , Kraft und Liebe gebricht , dieses Hinderniß zu bekämpfen ; er wagt nicht einmal einen Versuch dazu und dennoch strebt er Augustens Herz zu gewinnen und sogar indirekt der Welt weis zu machen , es sey gewonnen , ohne doch sich selbst auf irgend eine Weise verbindlich zu machen . Das ist es , was mich an ihm empört , denn solche Künste sind verächtlich . Gilt das einfach gegebne Wort dem rechtlichen Manne so viel als ein Eid , so sollte ihm auch jede absichtlich erregte Erwartung so viel gelten als ein Versprechen . « » Das , was Sie über den jungen Wallburg jetzt aussprachen , habe ich mir immer dunkel gedacht , « erwiderte Frau von Willnangen , » aber dabei blieb ich stets in der Ungewißheit , was ich thun könne . Oft glaubte ich den General bitten zu müssen , daß er den jungen Mann geradezu über sein Verhältniß zu Augusten zur Rede stellen möge , denn als Mutter dies selbst zu übernehmen , dazu fehlte es mir an Muth oder an Demuth . « » An beiden wahrscheinlich , und das ist ein rechtes Glück , « erwiderte Ernesto . » Aus solchem Einmischen dritter Personen kommt selten etwas gescheutes heraus , wenn gleich zuweilen eine Heirath , die mich denn immer an Molieres mariage forçé erinnert , und bei welcher beide Theile sich gewöhnlich sehr schlecht befinden . « » Aber wie meinen Sie , daß ich mich jetzt benehme , sowohl gegen Leo als Augusten ? « fragte Frau von Willnangen . » Am besten , Sie benehmen sich gar nicht , sondern lassen alles gehen wie es geht , « war die Antwort . » Gönnen Sie Augusten noch die paar Tage hindurch die Freude , sich von Leo adoriren zu lassen , die Trennung kann wohl einen halb erstickten Seufzer kosten , vielleicht wird auch beim Abschied ein Thränchen mit den Augenwimpern zerdrückt werden müssen , aber dabei bleibt es gewiß . In vier Wochen gedenkt sie Leos nur noch als eines vortrefflichen Partners bei Tanz und Spiel , und vermißt ihn höchstens , wenn sie auf der Promenade ihren Shawl selbst tragen muß . Auguste steht zu hoch über den gewöhnlichen Mädchen , als daß Leos Koketterie wirklich hätte Eindruck auf ihr Herz machen können , und schon ihre ungetrübte Heiterkeit muß Sie hievon überzeugen . Aber wäre dies auch wider Vermuthen geschehen , so wird dieser Eindruck nur um so leichter schwinden , wenn sie niemanden hat , mit dem sie darüber sprechen kann . Glauben Sie mir , die Vertrauten sind oft der Ruhe gefährlicher , als die Liebhaber selbst . Eine ermahnende Mutter ist auch eine Art von Vertraute , sie nennt doch wenigstens den theuern Namen , und der süße Klang verfehlt selten , die Töchter über das Tadeln der Mutter zu trösten . « » Wenn ich Sie nicht kennte wie ich Sie kenne , Freund Ernesto , « sprach Frau von Willnangen , » so müßte ich Sie nach diesen Aeußerungen nicht nur für höchst frivol , sondern auch für herzlos und gemüthlos halten . Sind das Ihre Ansichten der Liebe ? « » Der Liebelei , « erwiderte Ernesto , » des kalten chinesischen Feuerwerks von ausgeschnittenem Papier , hinter denen man Lämpchen stellt , womit die Jugend so groß thut . Glauben Sie mir , nur Wenige sind berufen , den göttlichen Funken in reiner Brust zu hegen , welcher der Ursprung der heiligsten Gefühle und alles Großen und Herrlichen ist . Wem dieser einmal sich entzündet , dem verlischt er nie , auch nicht im Sturme des Lebens , auch nicht im Grabesdunkel der Trennung , auch nicht unter dem Schnee des Alters . Aber es giebt auch luftige Irrlichter für die Menge , welche ihnen nachjagt . Man läuft , man fällt , man verirrt sich , verlockt andre , aber am Ende kommt doch alles in eine Art von Ordnung , und wenigstens stirbt die Welt dabei nicht aus . « Am vorletzten Abend des Abschiedstages sollte die schon längst angekündigte Aufführung eines Lustspiels seyn . Allwill war dessen Verfasser , und das Stück bestimmt , die lange Reihe der in dem gastlichen Schlosse des Generals genoßnen Freuden würdig zu beschließen . Zuschauer und Schauspieler sahen dieser Darstellung mit der gespanntesten Erwartung entgegen , welche freilich die vielen Proben und andre Vorkehrungen erregen mußten , mit denen Allwill die ganze Zeit über gestrebt hatte , die Erscheinung seines Stücks so vollkommen als möglich vorzubereiten . Zum erstenmal in seinem Leben , wenn gleich nur auf einem Privattheater , sollte dem Dichter die Erfüllung seines sehnlichsten Wunsches werden ; er sollte die Schöpfung seiner Fantasie auf den magischen Bretern ins plastische Leben gerufen sehn . Mit welchem Enthusiasm er daher bei der Anordnung dieses Festes zu Werke ging , ist leicht zu erachten . Jahrelang hatte er gestrebt bis zur lampenhellen Bühne durchzudringen , ohne daß es ihm , trotz der Klagen über Mangel an guten neuen Komödien , gelungen wäre . Ein Schicksal , welches fast alle Dichter mit ihm theilen , die ihre theatralischen Arbeiten nicht eher schwarz auf weiß dem Urtheil der Welt ausliefern mögen , als bis sie sich von der Wirkung überzeugt haben , welche dieselben an dem Platz machen , für welchen sie bestimmt wurden . Das Ausland ist in dieser Hinsicht billiger als wir , selten erscheint dort ein Schauspiel gedruckt , das nicht vorher auf der Bühne die große Probe überstand . Aber unsre Theaterdirekzionen bedenken nicht , daß es eben so unmöglich ist , vor der Aufführung über den theatralischen Werth eines Stücks ein ganz genügendes Urtheil zu fällen , als ohne gehörige Beleuchtung über den Effekt eines Gemäldes zu entscheiden . Schwerlich wird ein Dichter zur möglichsten Ausbildung seines Talents gelangen können , dem diese praktische Erfahrung versagt ward , und der heutige Mangel an guten für das Theater passenden neuen Schauspielen ist vielleicht größten Theils nur den Schwierigkeiten zuzuschreiben , die sich zu diesem Zweck dem Dichter überall entgegenstellen . Bei Privatbühnen sind die Proben bei weitem das Ergötzlichste für die Mitspielenden , das weiß jedermann . Auch Allwill erfuhr es , denn er wollte oft über die gute Laune seiner Schauspieler verzweifeln . Dafür erklärten ihn diese für den wunderlichsten , krittlichsten , herrsüchtigsten aller Theaterdirektoren , und zuletzt galt es für ausgemacht , daß zwei Allwills im Schlosse hauseten , feindliche Zwillingsbrüder , die nie zusammen erschienen ; der eine , der Dichter , die Liebenswürdigkeit selbst , der andre aber , der Theaterkönig , ein Despot ohne Gleichen , ein heftiger mürrischer Kautz , mit dem eben kein Auskommen sey . Des armen Allwills gute Laune war indessen schon bei der Austheilung der Rollen auf fürchterliche Proben gesetzt worden . Es gab dabei unendliche , zum Theil sehr lächerliche Schwierigkeiten , die er aber sich nur zu sehr zu Herzen nahm . Wenigstens dreimal so viel Schauspieler und Schauspielerinnen als man bedurfte , hatten anfangs sich mit großem Eifer gemeldet , und zuletzt kostete es dennoch nicht geringe Mühe , nur so viele zusammenzubringen , als man nothwendig brauchte , um alle Rollen des Stücks gehörig zu besetzen . An ersten Liebhabern und Liebhaberinnen fehlte es freilich nicht , aber ein redseliges altes Fräulein und einen etwas rauhen invaliden Papa wollte niemand übernehmen . Einer der besten Freunde des Generals , welcher schon vor dreißig Jahren den Major Tellheim mit dem größten Beifall gespielt hatte , fuhr im Zorn auf und davon , weil Allwill durchaus den ersten Liebhaber von niemand anders als Leo von Wallburg spielen lassen wollte . Andre , die ebenfalls mit den ihnen zugetheilten Rollen nicht zufrieden waren , folgten dem ehemaligen Tellheim , indem sie sich ganz in der Stille fortschlichen , und Allwill war wirklich in Gefahr , die Aufführung seines Stücks hier eben so gut , als wäre es ein öffentliches Theater , an Rollenneid scheitern zu sehen . Endlich ließ Frau von Grünborn , die Nichte jenes Tellheims , sich durch unablässiges Bitten und Zureden der übrigen Gesellschaft bewegen , die alte Tante zu übernehmen ; ihrem Beispiele folgten andre , und so kam das Ganze zur allgemeinen Freude allmählig in anscheinende Ordnung . Frau von Grünborn brütete indessen ganz im Stillen noch über einen großen Plan , denn so ganz gutwillig konnte sie sich doch nicht entschließen , in einer , ihrer Meinung nach , undankbaren Rolle aufzutreten , und bei dem ersten einsamen Spaziergang mit Augusten , den sie herbeizuführen wußte , nahm sie Gelegenheit , zu versuchen , ob es ihr nicht gelingen könne , diese ihren Wünschen günstig zu stimmen . » Sie dauern mich unbeschreiblich , liebes Fräulein von Willnangen , « wendete sie das Gespräch nach unendlichen Liebkosungen gegen Augusten , sobald sie weit genug vom Hause entfernt waren um keine Lauscher fürchten zu müssen . » Sie dauern mich , Allwills Eigensinn zwingt Sie , die Elise zu spielen , und ich fühle recht gut , wie entsetzlich es Ihnen seyn muß , vor aller Welt mit Leo von Wallburg zärtlich zu thun . Gewiß der Gedanke an die Aufführung des Stücks ist Ihnen deßhalb recht peinlich , es kann nicht anders seyn , und ich habe es Ihnen schon lange angesehen . Sie wissen nicht , wie sehr ich Sie liebe , theure Auguste , um Ihnen einen Beweis davon zu geben habe ich ganz in der Stille Ihre Rolle neben der meinen gelernt , und bin nun im Stande , Ihnen einen Tausch anzubieten . Das hätten Sie wohl von Ihrer Nanny nicht erwartet ? « setzte sie hinzu , indem sie Augusten feurig umarmte . Mit dem allergrößten Erstaunen hörte Auguste den absurdesten Vorschlag von der Welt aus dem Munde einer Frau , die alt genug war , um ihre Mutter zu seyn , und die nun , schalkhaft lächelnd , in jugendlicher Verschämtheit vor ihr stand . Die Anspielung auf ein näheres Verhältniß zum jungen Wallburg war ihr freilich so unangenehm als unerwartet , und eine leichte zornige Regung röthete dabei ihre Wangen , bald aber siegte das unbeschreiblich Lächerliche in der ganzen Zumuthung ihrer neuen Freundin , und lächelnd gab sie ihr Gehör , als diese mit der selbstzufriedensten Redseligkeit fortfuhr , ihren Plan weiter aus einander zu setzen . » Vor allen Dingen , « sprach Frau von Grünborn , » müssen wir unsern Rollentausch aller Welt verschweigen , bis zur Stunde der Ausführung , sonst giebt ihn Allwill nimmermehr zu ; er hat es sich zu fest in den Kopf gesetzt , daß wir alle seinen Befehlen folgen müssen ; steckt er aber erst in seinem Souffleurkasten , so muß er sich schon alles gefallen lassen , was über seinem Haupte auf der Oberwelt vorgeht . Ich habe mir in den Proben Ihr Spiel genau gemerkt , wenn Sie die Rolle noch ein paar Mal mit mir durchgehen , so wird Herr von Wallburg keinen Unterschied finden , und des Beifalls der Gesellschaft können wir gewiß seyn . Auguste ward dem Vorschlage immer geneigter , je länger sie ihm zuhörte . Der Gedanke , wie komisch Leos Verwunderung und Allwills zorniges Schrecken sich ausnehmen müßten , gewann immer mehr lockendes , so daß sie , zuletzt in einem Anfall von Uebermuth , sich wirklich entschloß , in den Tausch zu willigen , und nun , nicht minder eifrig als Frau von Grünborn , selbst sich bemühte , alles darauf vorzubereiten . Der lustige Erfolg übertraf bei weitem Augustens Erwartung . Beide Damen fanden mit leichter Mühe einen Vorwand bis zum Aufrollen des Vorhangs in ihrem Ankleidezimmer allein zu bleiben . Leo , der mit einem Monolog zuerst die Bühne betrat , erstarrte über den Anblick der Frau von Grünborn , wie Hamlet indem er den Geist seines Vaters erblickt . Allwill reckte sich lang aus seinem Souffleurkasten empor , und machte Miene , ganz auf das Theater heraufsteigen zu wollen , um wegen des Rollenwechsels Rechenschaft zu fordern , ja selbst die Zuschauer begannen sehr lebhaft zu werden . Frau von Grünborn ließ sich indessen von allem was vorging , nicht im mindesten anfechten . Sie hatte ihre Rolle zu gut gelernt , um der Eingebungen des Souffleurs zu bedürfen und besaß auch überdem ziemliche Gewandheit und theatralische Uebung . An Schminke und jugendlichem Putz hatte sie ebenfalls nichts gespart ; man sah deutlich wie sie in großer Herzensfreudigkeit sich selbst Illusion machte , und so war denn die Gesellschaft endlich gutmüthig genug , sich diese ebenfalls gefallen zu lassen und dem Wagestück ward von allen Seiten applaudirt . Doch dieser gemäßigte Beifall verwandelte sich in ein laut donnerndes Bravo-Rufen , in ein ganz unerhörtes Händeklatschen , wie man es in einem Privattheater gar nicht für möglich halten sollte , als Auguste erschien . Die altmodische Tracht ertheilt jungen Personen immer durch den Kontrast des Scheinenwollen mit dem wirklichen Seyn einen eignen unbeschreiblichen Reiz . Das gepuderte Touppée , die zu beiden Seiten des jugendlichen Gesichtchens tief hineingehende altmodische Dormeuse , aus der die wunderschönen hellen Augen schalkhaft herausblitzten , die schlanke Taille , welche das lange Korsett erst recht versichtbarte , die netten Füßchen in ihren spitzen Hackenschuhen , die man bei der hochaufgeschürzten altfränkischen Zirkassienne deutlich sah , alles dieses verlieh Augustens Erscheinung eine wunderbare Anmuth , von der niemand eine Ahnung haben konnte , der sie nur im gewöhnlichen Leben zu sehen gewohnt war . Ihr mit der heitersten Laune aufgefaßtes und durchgeführtes Spiel ließ den Taumel der Bewunderung , den ihr Anblick erregt hatte , gar nicht enden . Alles ward dadurch versöhnt . Leo konnte über den Streich , welchen sie ihm gespielt hatte , nicht länger zürnen , Allwill setzte sich getröstet wieder auf seinem unterirdischen Ehrenposten zurecht , Frau von Grünborn umarmte sie mit anscheinendem Entzücken , sobald sie wieder zwischen die Kulissen trat , und pries überlaut die eigne Selbstverleugnung , mit der sie Augusten die interessanteste Rolle im Stück freiwillig abgetreten haben wollte . Je lauter die Freude im Schauspielsaale sich äusserte , je trüber ward Adelbert . Kaum vermochte er es über sich , das Ende eines kleinen Liederspiels abzuwarten , in welchem die scheidenden Gäste unter der Leitung des Kapellmeisters dem gastfreien Hausherren zuletzt ihren Dank brachten . Schmerzlich bewegt verließ er den Saal , sobald er es unbemerkt thun zu können glaubte , und erschrak nicht wenig , als mit ihm zugleich auch Auguste durch eine andre Thüre in ein an das Theater stoßendes Nebenzimmer trat . Verlegen , wie sonst nie , standen sie da , und keines wagte das andre anzublicken , bis der Abschied zur Sprache kam , der beiden das Herz zusammenpreßte . » Sie gehen , « sprach Adelbert , » und in diesem Moment fühle ich erst , wie sehr Ihre Nähe das Element meines Lebens ward . Erinnerung ist alles , was mir nun übrig bleibt ; ich weiß , um wie viel reicher durch diese mein Daseyn geworden ist , aber wenn mich nun die Sehnsucht ergreift , wie werde ich diese überwinden ? Und wenn ich ihr nachgebe , wenn ich über Berg und Thal hineile , um wieder einmal in den Strahlen ihrer lieben , gütigen Augen mein Herz zu erwärmen , ach Auguste ! wie werde ich dann Sie finden ? « » Ich hoffe wie jetzt , « erwiderte Auguste sehr freundlich ; » hier nehmen Sie meine Hand darauf , Sie finden mich wie jetzt , und kämen Sie auch erst nach langen Jahren ; dann vielleicht um so gewisser , genau so , « setzte sie lächelnd mit einem Blick auf ihre Theater-Kleidung hinzu . » Zwingen Sie mich nicht , mich selbst zu täuschen , « sprach Adelbert , und drückte mit trübem Blick ihre ihm dargebotene Hand an seine hochbewegte Brust . » Mein tröstender Engel betrat mit Ihnen die Schwelle dieses Hauses , mit Ihnen verläßt er es wieder , ich weiß es . Diese Hand , welche jetzt in der meinen ruht , wird in wenigen Tagen einem Glücklichern gereicht . Leo - doch ich mißbrauche ihre Nachsicht , verzeihen Sie mir , ich fühle beschämt , wie unbescheiden ich ward . « » Leo ? « rief Auguste und ward dabei feuerroth , » Leo ? Nun der zieht übermorgen jen Norden , während wir dem Süden uns zuwenden , und fast möchte ich wetten , daß ich Sie früher wieder sähe als ihn . « » Fräulein ! wäre es möglich ! verstehe ich Sie ? « fragte Adelbert sehr bewegt . » Ach ich weiß nicht , welch ein böser Dämon mich in dieser Stunde zwingt , immer auszusprechen was ich eigentlich verschweigen müßte ! « Es ist wohl Ihr fremdes Ansehen , was so mich verwirrt , « fuhr er , mit trübem Lächeln sie betrachtend , fort . » Sie sind Sie selbst , und sind es auch nicht . Gewiß wäre es sündlich vermessen , zu wünschen , Sie wären wirklich , was sie diesen Abend scheinen wollen , aber ich kann den Gedanken daran nicht los werden und einem armen Invaliden ist er wohl zu verzeihen , der so Ihnen näher zu stehen wähnen dürfte . Sie sind so reich , daß Sie dennoch bleiben was Sie sind , wenn gleich diese Rosen verblüht wären . « » Hat es wohl je in der Welt einen jungen Mann gegeben , der einem artigen Mädchen dreißig Jahre mehr und dazu ein gepudertes Touppée wünscht , bloß um ihr etwas schönes zu sagen ? « rief Auguste ein wenig gezwungen lächelnd , und wandte sich der Thüre zu , in welcher der General ihr plötzlich entgegentrat , um sie zur Gesellschaft abzuholen . Bei Spiel und Tanz schwärmte man noch bis tief in die Nacht hinein . Es war als ob die Freude jetzt , so nahe vor dem Scheiden , erst recht lebendig werden wollte . Nur Leo irrte verdrüßlich und abgesondert von den übrigen durch die lange Reihe der Zimmer . Seit mehr als einer Stunde vermißte er Augusten , ohne sie eigentlich suchen zu mögen , als Frau von Grünborn zu ihm trat und unter der Behauptung , sie habe Augusten zu einer Quadrille höchst nöthig , lachend seinen Arm ergriff , um mit ihm das ganze Schloß nach ihr zu durchstreifen . Beide gelangten auf ihrer Wanderung an das Vorzimmer der Frau von Willnangen , es ward darin gesprochen , das hörte man deutlich , die Thüre war nur angelehnt , neugierig blickte Frau von Grünborn durch die Spalte und fuhr im nehmlichen Moment mit einem ganz eigenen Gesicht zurück , um in großer Hast ihren Begleiter an ihre Stelle zu schieben . Leo traute seinen Augen nicht , er erblickte Augusten in Adelberts Armen und neben dieser Gruppe Frau von Willnangen und den General . Eingewurzelt wäre er stehen geblieben , hätte nicht Frau von Grünborn ihn wieder mit sich fort zur Gesellschaft gezogen , wo sie jedem , der ihr in den Weg kam , die eben gemachte Entdeckung im strengsten Vertrauen zuflüsterte . Bald wurden aller Blicke forschend dem armen Leo zugewendet , der , von der allgemeinen Aufmerksamkeit gedrückt , verstimmt , erschrocken sogar , es dennoch nicht wagen mochte , sich früher zu entfernen , als die übrigen , um niemanden Raum zu lauten Bemerkungen hinter seinem Rücken zu geben . Doch da der General sich unter dem Vorwand eines ihm plötzlich überkommenen Geschäfts entschuldigen ließ , so zerstreute sich bald darauf die ganze Gesellschaft . Tausend unangenehme , einander widerstrebende Empfindungen bemächtigten sich Leos , sobald er in seinem Zimmer allein sich befand , und raubten ihm für diese Nacht den Schlummer . So wenig es ihm in den Sinn gekommen seyn mochte , sich ernstlich um Augusten zu bewerben , so schien sie ihm doch in diesem Moment unendlich reizend und ihr Besitz höchst wünschenswerth , gerade weil er ihm unerreichbar geworden war . Am meisten aber peinigte ihn Reue über sein bisheriges Streben , sich vor der Welt den Anschein eines innigern Verhältnisses mit Augusten zu geben ; und die Eitelkeit , welche ihn dazu angetrieben hatte , ward jetzt seine empfindlichste Strafe . Wie oft hatte er nicht Augusten die gleichgültigsten Dinge absichtlich mit einem höchst wichtigen Gesicht zugeflüstert ! wie oft sich bemüht , dankbar gerührt auszusehen , während sie mit ihm vom Wetter sprach ! Unzähligemal hatte er den unbedeutendsten gegenseitigen Gefälligkeiten ein geheimnißvolles Ansehen zu geben gesucht und gewußt ! Alle diese Veranstaltungen , die er mit so großer Mühe ersonnen und ausgeführt hatte , halfen jetzt zu nichts , als ihm in den Augen der Gesellschaft das Ansehen eines Abgewiesenen , Zurückgesetzten zu geben . Augustens Charakter stand zu hoch , als daß selbst der Neid es hätte wagen mögen , ihn in ein zweideutiges Licht zu stellen . Leo begriff bei so gestellten Dingen , daß ihm keine andere Wahl blieb , als entweder morgen demüthig , wie ein Verstoßener , das öffentliche Mitleid und den heimlichen Spott der Anwesenden zu ertragen , oder in der Stille sich zu entfernen , ehe es im Schlosse Tag ward . Ein innerer Widerwille , den glücklichen Adelbert zu sehen , trug viel bei , ihn zu der Wahl des letztern zu bestimmen ; er hatte die Flamme zu nahe umgaukelt , um nicht jetzt sich von ihr ergriffen zu fühlen , und fürchtete daher , vor den Augen des glücklichen Paars etwas trübselig dazustehen . Nach vorher genommener Rücksprache mit seinen Eltern , machte er sich daher in aller Frühe auf den Weg . Die Ueberzeugung , daß er aus einem Lande und von Menschen scheide , welche nie wieder zu sehen in seiner Macht stand , und daß kein spöttisches Wort aus dieser Ferne in seiner Heimath ihn erreichen könne , war das einzig Tröstliche , was er mit sich nahm . Strahlend in einer Freudenglorie , als wäre er selbst der beglückte Bräutigam , stellte der General am folgenden Morgen die Braut seines Adelberts der Gesellschaft vor . Die herzlichste Theilnahme aller Anwesenden empfing sie mit lauten Glückwünschen , nur Herr und Frau von Wallburg machten hierin eine Ausnahme , und was sie anscheinend Freundliches sich nicht entbrechen konnten dem Brautpaar zu sagen , war augenscheinlich nur ein Opfer mit kalten Lippen , aus kaltem Herzen der Konvenienz gebracht . Es mag wunderlich scheinen , daß sie , die eine Verbindung Augustens mit ihrem Sohne zwar zuweilen fürchteten , aber nie wünschten , und gewiß nur gezwungen sie zugelassen haben würden , sich jetzt beleidigt fühlten , weil man es nicht in ihre Macht gestellt hatte , solche auszuschlagen . Sie bildeten sich ein , Augustens Verlobung als ein gegen Leo begangenes Unrecht ansehen zu müssen , eigentlich aber verstimmte sie nur die angeborene Unart mancher Naturen , welche nicht ohne heimlich-neidische Regung einen Andern im Besitz dessen glücklich sehen können , was sie selbst verschmähten . Unter dem Vorwande dringender Geschäfte , welche ihren Sohn schon gezwungen hätten , bei Tagesanbruch ohne Abschied fortzureisen , beurlaubten auch sie sich noch in der nehmlichen Stunde und eine allgemeine Erkältung , wie man sie vor weniger Zeit noch nimmer hätte vermuthen können , begleitete ihren Abschied . Der übrige Theil der Gesellschaft ließ sich gerne bewegen , noch einige Tage beisammen zu verweilen , um sich des neuen Ereignisses zu erfreuen , dessen unerwartetes und schnelles Entstehen zu mancher abgesonderten Unterhaltung den Stoff hergeben mußte . Adelberts und Augustens gegenseitiges Wohlgefallen hatte sich indessen weit früher als Andere und sogar sie selbst es vermutheten in eine herzliche , innige Neigung verwandelt . Verlassen , verrathen , an schweren Wunden geistig und körperlich erkrankt , war Adelbert früher nur durch seines Oheims väterliche Liebe über dem Abgrund der Verzweiflung gehalten worden , der jedem sich öffnet , welcher aus goldenen Jugendträumen plötzlich in einer Welt voll höhnender , treuloser , verächtlicher Larven zu erwachen glaubt . Herminiens Angedenken ließ nicht ab , ihn zu verfolgen , es war zu innig mit seinem Daseyn verwoben , er hatte nur sie gekannt , einzig sie . Zu Hause war sie die Sonne seines Frühlings gewesen , auf der Universität beflügelte die nahe Hoffnung auf ihren Besitz seinen Fleiß , im Kriege hatte diese Hoffnung ihm Elend , Wunden , tiefgefühlten Schmerz über sein zerrüttetes Vaterland ertragen helfen . Sie schwand und mit ihr der leitende Stern seines Lebens . Er blickte auf die kurze Laufbahn , die er zurückgelegt hatte . Ueberall , seit er ins thätige Leben trat , starrte mannichfaches Unrecht , Elend und Verrath ihm entgegen , seine Jugend fiel in eine sehr trostarme Zeit , in der auch die Zukunft sich immer düsterer verhüllte . Was blieb ihm daher anders , als jene ungemessene Sehnsucht , zu sterben , welche so leicht die Jugend zu ergreifen und in trübe Unthätigkeit zu versenken pflegt ! Da strahlte plötzlich Gabrielens mildes Licht in die trübe Nacht seiner Schwermuth , er sah , wie fromm , wie ergeben , wie freundlich sie einen großen Schmerz trug , dessen Daseyn zwar keine Klage verrieth , aber ihr ganzes Wesen bezeugte . Er blickte zu ihr auf , wie zu einem höhern Wesen , wie zu einer Heiligen , der man nur in demüthiger Ferne nachzustreben wagt . Ihr Mitleid , ihre Theilnahme an seinem Geschick nahm er als einen unverdienten Beweis ihrer Huld , bis sie ihm entschwand und Auguste an ihre Stelle trat . Auch diese war freundlich , mild , theilnehmend und voll zarter Schonung . Weniger überirrdisch als ihre Freundin , schien sie in ihrem fröhlichen Jugendglanz ihm näher zu stehen . Ihr anscheinendes Verhältniß zu Leo von Wallburg beunruhigte ihn nicht , er wähnte sich auf ewig von jedem Anspruch in Liebe und Glück ausgeschlossen ; um so getroster überließ er sich der süßen Gewohnheit , nur in Augustens Nähe zu leben . Tausend Zufälligkeiten banden mit unsichtbaren Fäden ihn immer fester an sie , jeder Tag brachte ihm neue Beweise ihrer zarten Theilnahme an allem , was ihn betraf , besonders rührte ihn ihr Bestreben , die Angst um Gabrielens Geschick , das er veranlaßt zu haben glaubte , von seiner Seele zu nehmen . So lebten beide über zwei Monate lang im wechselndem , aber stets freundlichem Verhältnisse neben einander . Auguste freute sich am Gelingen ihres Strebens , das verfinsterte Gemüth eines edlen Menschen zu erheitern , ihn der Welt und dem Leben wieder zu geben , die so viel Ansprüche an ihn hatten ; sie gewann ihn lieb , wie Frauen alles lieb gewinnen , dessen sie mit treuer Pflege sich annehmen . Jeder Tag lehrte sie Adelberts schönen , reinen Sinn besser kennen , und Leos wechselndes Benehmen fing an , sie immer weniger zu interessiren . So nahte die Zeit der Trennung , und Adelbert wie Auguste gewahrten erst jetzt , wie viel sie indessen einander geworden waren . Der General hatte , ohne es zu wollen , ihrer Unterredung nach dem Schauspiel zugehört ; längst bemerkte er mit innigem Wohlgefallen , aber ganz in der Stille , das Heranblühen der Erfüllung seines sehnlichsten Wunsches , und der jetzige Moment schien ihm günstig , durch sein Hinzutreten alles zu ordnen und mit klarem Sinn dem jungen Paare in der eignen Erkenntniß seiner selbst zurecht zu helfen . Und so geschah es denn bald , daß liebend und freudig Auguste ihre Hand abermals in Adelberts legte , um sie ihm nie zu entziehen . Entzückt drückte dieser das liebliche Wesen an seine Brust , das ihm zum Lohn für den Kampf um Vaterland und Ehre , die mit Rosen der Liebe durchflochtene Bürgerkrone häuslichen Glücks bot . Zwar fühlte er nicht die flammende Gluth , welche in einem ähnlichen Momente an Herminiens Seite ihn Sinnenverwirrend zu einer Zeit ergriffen hatte , von welcher er jetzt gern den Blick abwandte , ohne sie doch ganz vergessen zu können . Er fühlte sich aber um so glücklicher , je ruhiger er war , denn diese Ruhe nahm er als das Pfand einer heitern segensreichen Zukunft , die aus Augustens seelenvollem Auge ihm lächelnd winkte . Auguste war zu