Bedingung , solches vor der Abreise treulich wiederzugeben , auch in der Zwischenzeit an irgendeinem Sonn- oder Feiertage zu erscheinen und die Familie zu erfreuen . Ganz anders war nunmehr See und Ufer belebt , Boot und Kahn buhlten um ihre Nachbarschaft , selbst Fracht- und Marktschiffe verweilten in ihrer Nähe , Reihen von Menschen zogen am Strande nach , und die Landenden sahen sich sogleich von einer frohsinnigen Menge umgeben ; die Scheidenden segnete jedermann , zufrieden , doch sehnsuchtsvoll . Nun hätte zuletzt ein Dritter , die Freunde beobachtend gar wohl bemerken können , daß die Sendung beider eigentlich geendigt sei : alle die auf Mignon sich beziehenden Gegenden und Lokalitäten waren sämtlich umrissen , teils in Licht , Schatten und Farbe gesetzt , teils in heißen Tagesstunden treulich ausgeführt . Dies zu leisten , hatten sie sich auf eine eigne Weise von Ort zu Ort bewegt , weil ihnen Wilhelms Gelübde gar oft hinderlich war ; doch wußten sie solches gelegentlich zu umgehen durch die Auslegung : es gelte nur für das Land , auf dem Wasser sei es nicht anwendbar . Auch fühlte Wilhelm selbst , daß ihre eigentliche Absicht erreicht sei , aber leugnen konnte er sich nicht , daß der Wunsch , Hilarien und die schöne Witwe zu sehen , auch noch befriedigt werden müsse , wenn man mit freiem Sinne diese Gegend verlassen wollte . Der Freund , dem er die Geschichte vertraut , war nicht weniger neugierig und freute sich schon , einen herrlichen Platz in einer seiner Zeichnungen leer und ledig zu wissen , den er mit den Gestalten so holder Personen künstlerisch zu verzieren gedachte . Nun stellten sie Kreuz-und-Quer-Fahrten an , die Punkte , wo der Fremde in dieses Paradies einzutreten pflegt , beobachtend . Ihre Schiffer hatten sie mit der Hoffnung , Freunde hier zu sehen , bekannt gemacht , und nun dauerte es nicht lange , so sahen sie ein wohlverziertes Prachtschiff herangleiten , worauf sie Jagd machten und sich nicht enthielten sogleich leidenschaftlich zu entern . Die Frauenzimmer , einigermaßen betroffen , faßten sich sogleich , als Wilhelm das Blättchen vorwies und beide den von ihnen selbst vorgezeichneten Pfeil ohne Bedenken anerkannten . Die Freunde wurden alsbald zutraulich eingeladen , das Schiff der Damen zu besteigen , welches eilig geschah . Und nun vergegenwärtige man sich die viere , wie sie , im zierlichsten Raum beisammen , gegen einander über sitzen in der seligsten Welt , von lindem Lufthauch angeweht , auf glänzenden Wellen geschaukelt . Man denke das weibliche Paar , wie wir sie vor kurzem geschildert gesehen , das männliche , mit dem wir schon seit Wochen ein gemeinsames Reiseleben führen , und wir sehen sie nach einiger Betrachtung sämtlich in der anmutigsten , obgleich gefährlichsten Lage . Für die drei , welche sich schon , willig oder unwillig , zu den Entsagenden gezählt , ist nicht das Schwerste zu besorgen , der Vierte jedoch dürfte sich nur allzubald in jenen Orden aufgenommen sehen . Nachdem man einigemal den See durchkreuzt und auf die interessantesten Lokalitäten sowohl des Ufers als der Inseln hingedeutet hatte , brachte man die Damen gegen den Ort , wo sie übernachten sollten und wo ein gewandter , für diese Reise angenommener Führer alle wünschenswerten Bequemlichkeiten zu besorgen wußte . Hier war nun Wilhelms Gelübde ein schicklicher , aber unbequemer Zeremonienmeister ; denn gerade an dieser Station hatten die Freunde vor kurzem drei Tage zugebracht und alles Merkwürdige der Umgebung erschöpft . Der Künstler , welchen kein Gelübde zurückhielt , wollte die Erlaubnis erbitten , die Damen ans Land zu geleiten , die es aber ablehnten , weswegen man sich in einiger Entfernung vom Hafen trennte . Kaum war der Sänger in sein Schiff gesprungen , das sich eiligst vom Ufer entfernte , als er nach der Laute griff und jenen wundersam-klagenden Gesang , den die venezianischen Schiffer von Land zu See , von See zu Land erschallen lassen , lieblich anzustimmen begann . Geübt genug zu solchem Vortrag , der ihm diesmal eigens zart und ausdrucksvoll gelang , verstärkte er , verhältnismäßig zur wachsenden Entfernung , den Ton , so daß man am Ufer immer die gleiche Nähe des Scheidenden zu hören glaubte . Er ließ zuletzt die Laute schweigen , seiner Stimme allein vertrauend , und hatte das Vergnügen , zu bemerken , daß die Damen , anstatt sich ins Haus zurückzuziehen , am Ufer zu verweilen beliebten . Er fühlte sich so begeistert , daß er nicht endigen konnte , auch selbst als zuletzt Nacht und Entfernung das Anschauen aller Gegenstände entzogen ; bis ihm endlich der mehr beruhigte Freund bemerklich machte , daß , wenn auch Finsternis den Ton begünstige , das Schiff den Kreis doch längst verlassen habe , in welchem derselbe wirken könne . Der Verabredung gemäß traf man sich des andern Tags abermals auf offener See . Vorüberfliegend befreundete man sich mit der schönen Reihe merkwürdig hingelagerter , bald reihenweis übersehbarer , bald sich verschiebender Ansichten , die , im Wasser sich gleichmäßig verdoppelnd , bei Uferfahrten das mannigfaltigste Vergnügen gewähren . Dabei ließen denn die künstlerischen Nachbildungen auf dem Papier dasjenige vermuten und ahnen , was man auf dem heutigen Zug nicht unmittelbar gewahrte . Für alles dieses schien die stille Hilarie freien und schönen Sinn zu besitzen . Aber nun gegen Mittag erschien abermals das Wunderbare : die Damen landeten allein , die Männer kreuzten vor dem Hafen . Nun suchte der Sänger seinen Vortrag einer solchen Annäherung zu bequemen , wo nicht bloß von einem zart und lebhaft jodelnden allgemeinen Sehnsuchtston , sondern von heiterer , zierlicher Andringlichkeit irgendeine glückliche Wirkung zu hoffen wäre . Da wollte denn manchmal ein und das andere der Lieder , die wir geliebten Personen der » Lehrjahre « schuldig sind , über den Saiten , über den Lippen schweben ; doch enthielt er sich , aus wohlmeinender Schonung , deren er selbst bedurfte , und schwärmte vielmehr in fremden Bildern und Gefühlen umher , zum Gewinn seines Vortrags , der sich nur um desto einschmeicheln der vernehmen ließ . Beide Freunde hätten , auf diese Weise den Hafen blockierend , nicht an Essen und Trinken gedacht , wenn die vorsichtigen Freundinnen nicht gute Bissen herübergesendet hätten , wozu ein begleitender Trunk ausgesuchten Weins zum allerbesten schmeckte . Jede Absonderung , jede Bedingung , die unsern aufkeimenden Leidenschaften in den Weg tritt , schärft sie , anstatt sie zu dämpfen ; und auch diesmal läßt sich vermuten , daß die kurze Abwesenheit beiden Teilen gleiche Sehnsucht erregt habe . Allerdings ! man sah die Damen in ihrer blendend-muntern Gondel gar bald wieder heranfahren . Das Wort Gondel nehme man aber nicht im traurigen venezianischen Sinne ; hier bezeichnet es ein lustig-bequemgefälliges Schiff , das , hätte sich unser kleiner Kreis verdoppelt , immer noch geräumig genug gewesen wäre . Einige Tage wurden so auf diese eigene Weise zwischen Begegnen und Scheiden , zwischen Trennen und Zusammensein hingebracht ; im Genuß vergnüglichster Geselligkeit schwebte immer Entfernen und Entbehren vor der bewegten Seele . In Gegenwart der neuen Freunde rief man sich die ältern zurück ; vermißte man die neuen , so mußte man bekennen , daß auch diese schon starken Anspruch an Erinnerung zu erwerben gewußt . Nur ein gefaßter , geprüfter Geist wie unsere schöne Witwe konnte sich zu solcher Stunde völlig im Gleichgewicht erhalten . Hilariens Herz war zu sehr verwundet , als daß es einen neuen , reinen Eindruck zu empfangen fähig gewesen wäre ; aber wenn die Anmut einer herrlichen Gegend uns lindernd umgibt , wenn die Milde gefühlvoller Freunde auf uns einwirkt , so kommt etwas Eigenes über Geist und Sinn , das uns Vergangenes , Abwesendes traumartig zurückruft und das Gegenwärtige , als wäre es nur Erscheinung , geistermäßig entfernt . So abwechselnd hin und wider geschaukelt , angezogen und abgelehnt , genähert und entfernt , wallten und wogten sie verschiedene Tage . Ohne diese Verhältnisse näher zu beurteilen , glaubte doch der gewandte , wohlerfahrene Reiseführer einige Veränderung in dem ruhigen Betragen seiner Heldinnen gegen das bisherige zu bemerken , und als das Grillenhafte dieser Zustände sich ihm endlich aufgeklärt hatte , wußte er auch hier das Erfreulichste zu vermitteln . Denn als man eben die Damen abermals zu dem Orte , wo ihre Tafel bereitet wäre , bringen wollte , begegnete ihnen ein anderes geschmücktes Schiff , das , an das ihrige sich anlegend , einen gut gedeckten Tisch mit allen Heiterkeiten einer festlichen Tafel einladend vorwies ; man konnte nun den Verlauf mehrerer Stunden zusammen abwarten , und erst die Nacht entschied die herkömmliche Trennung . Glücklicherweise hatten die männlichen Freunde auf ihren früheren Fahrten gerade die geschmückteste der Inseln aus einer gewissen Naturgrille zu betreten vernachlässigt und auch jetzt nicht gedacht , die dortigen , keineswegs im besten Stand erhaltenen Künsteleien den Freundinnen vorzuzeigen , ehe die herrlichen Weltszenen völlig erschöpft wären . Doch zuletzt ging ihnen ein ander Licht auf ! Man zog den Führer ins Vertrauen , dieser wußte jene Fahrt sogleich zu beschleunigen , und sie hielten solche für die seligste . Nun durften sie hoffen und erwarten , nach so manchen unterbrochenen Freuden drei volle himmlische Tage , in einem abgeschlossenen Bezirk versammelt , zuzubringen . Hier müssen wir nun den Reiseführer besonders rühmen ; er gehörte zu jenen beweglichen , tätig gewandten , welche , mehrere Herrschaften geleitend , dieselben Routen oft zurücklegen ; mit Bequemlichkeiten und Unbequemlichkeiten genau bekannt , die einen zu vermeiden , die andern zu benutzen , und ohne Hintansetzung eignen Vorteils , ihre Patrone doch immer wohlfeiler und vergnüglicher durchs Land zu führen verstehen , als diesen auf eigene Hand würde gelungen sein . Zu gleicher Zeit tat sich eine lebhafte weibliche Bedienung der Frauenzimmer zum erstenmal entschieden tätig hervor , so daß die schöne Witwe zur Bedingung machen konnte , die beiden Freunde möchten bei ihr als Gäste einkehren und mit mäßiger Bewirtung vorliebnehmen . Auch hier gelang alles zum günstigsten : denn der kluge Geschäftsträger hatte , bei dieser Gelegenheit wie früher , von den Empfehlungs- und Kreditbriefen der Damen so klugen Gebrauch zu machen gewußt , daß , in Abwesenheit der Besitzer , Schloß und Garten , nicht weniger die Küche zu beliebigem Gebrauch eröffnet wurden , ja sogar einige Aussicht auf den Keller blieb . Alles stimmte nun so zusammen , daß man sich gleich vom ersten Augenblick an als einheimisch , als eingeborne Herrschaft solcher Paradiese fühlen mußte . Das sämtliche Gepäck aller unserer Reisenden ward sogleich auf die Insel gebracht , wodurch für die Gesellschaft große Bequemlichkeit entstand , der größte Vorteil aber dabei erzielt ward , indem die sämtlichen Portefeuilles des trefflichen Künstlers , zum erstenmal alle beisammen , ihm Gelegenheit gaben , den Weg , den er genommen , in stetiger Folge den Schönen zu vergegenwärtigen . Man nahm die Arbeit mit Entzücken auf . Nicht etwa wie Liebhaber und Künstler sich wechselsweise präkonisieren , hier ward einem vorzüglichen Manne das gefühlteste und einsichtigste Lob erteilt . Damit wir aber nicht in Verdacht geraten , als wollten wir mit allgemeinen Phrasen dasjenige , was wir nicht vorzeigen können , gläubigen Lesern nur unterschieben , so stehe hier das Urteil eines Kenners , der bei jenen fraglichen sowohl als gleichen und ähnlichen Arbeiten mehrere Jahre nachher bewundernd verweilte . » Ihm gelingt , die heitere Ruhe stiller Seeaussichten darzustellen , wo anliegend-freundliche Wohnungen , sich in der klaren Flut spiegelnd , gleichsam zu baden scheinen ; Ufer , mit begrünten Hügeln umgeben , hinter denen Waldgebirge und eisige Gletscherfirnen aufsteigen . Der Farbenton solcher Szenen ist heiter , fröhlich-klar ; die Fernen mit milderndem Duft wie übergossen , der , nebelgrauer und einhüllender , aus durchströmten Gründen und Tälern hervorsteigt und ihre Windungen andeutet . Nicht minder ist des Meisters Kunst zu loben in Ansichten aus Tälern , näher am Hochgebirg gelegen , wo üppig bewachsene Bergeshänge niedersteigen , frische Ströme sich am Fuß der Felsen eilig fortwälzen . Trefflich weiß er in mächtig schattenden Bäumen des Vordergrundes den unterscheidenden Charakter verschiedener Arten so in Gestalt des Ganzen wie in dem Gang der Zweige , den einzelnen Partien der Blätter befriedigend anzudeuten ; nicht weniger in dem auf mancherlei Weise nuancierten frischen Grün , worin sanfte Lüfte mit gelindem Hauch zu fächeln und die Lichter daher gleichsam bewegt erscheinen . Im Mittelgrund ermattet allmählich der lebhafte grüne Ton und vermählt sich auf entferntern Berghöhen schwach violett mit dem Blau des Himmels . Doch unserm Künstler glücken über alles Darstellungen höherer Alpgegenden ; das einfach Große und Stille ihres Charakters , die ausgedehnten Weiden am Bergeshang , mit dem frischesten Grün überkleidet , wo dunkel einzeln stehende Tannen aus dem Rasenteppich ragen und von hohen Felswänden sich schäumende Bäche stürzen . Mag er die Weiden mit grasendem Rindvieh staffieren oder den engen , um Felsen sich windenden Bergpfad mit beladenen Saumpferden und Maultieren , er zeichnet alle gleich gut und geistreich ; immer am schicklichen Ort und nicht in zu großer Fülle angebracht , zieren und beleben sie diese Bilder , ohne ihre ruhige Einsamkeit zu stören oder auch nur zu mindern . Die Ausführung zeugt von der kühnsten Meisterhand , leicht mit wenigen sichern Strichen und doch vollendet . Er bediente sich später englischer glänzender Permanentfarben auf Papier , daher sind diese Gemälde von vorzüglich blühendem Farbenton , heiter , aber zugleich kräftig und gesättigt . Seine Abbildungen tiefer Felsschluchten , wo um und um nur totes Gestein starrt , im Abgrund , von kühner Brücke übersprungen , der wilde Strom tobt , gefallen zwar nicht wie die vorigen , doch ergreift uns ihre Wahrheit ; wir bewundern die große Wirkung des Ganzen , durch wenige bedeutende Striche und Massen von Lokalfarben mit dem geringsten Aufwand hervorgebracht . Ebenso charakteristisch weiß er die Gegenden des Hochgebirges darzustellen , wo weder Baum noch Gesträuch mehr fortkommt , sondern nur zwischen Felszacken und Schneegipfeln sonnige Flächen mit zartem Rasen sich bedecken . So schön und gründuftig und einladend er dergleichen Stellen auch koloriert , so sinnig hat er doch unterlassen , hier mit weidenden Herden zu staffieren , denn diese Gegenden geben nur Futter den Gemsen , und Wildheuern einen gefahrvollen Erwerb . « Wir entfernen uns nicht von der Absicht , unsern Lesern den Zustand solcher wilden Gegenden so nah als möglich zu bringen , wenn wir das eben gebrauchte Wort Wildheuer mit wenigem erklären . Man bezeichnet damit ärmere Bewohner der Hochgebirge , welche sich unterfangen , auf Grasplätzen , die für das Vieh schlechterdings unzugänglich sind , Heu zu machen . Sie ersteigen deswegen , mit Steigehaken an den Füßen , die steilsten , gefährlichsten Klippen , oder lassen sich , wo es nötig ist , von hohen Felswänden an Stricken auf die besagten Grasplätze herab . Ist nun das Gras von ihnen geschlagen und zu Heu getrocknet , so werfen sie solches von den Höhen in tiefere Talgründe herab , wo dasselbe , wieder gesammelt , an Viehbesitzer verkauft wird , die es der vorzüglichen Beschaffenheit wegen gern erhandeln . Jene Bilder , die zwar einen jeden erfreuen und anziehen müßten , betrachtete Hilarie besonders mit großer Aufmerksamkeit ; ihre Bemerkungen gaben zu erkennen , daß sie selbst diesem Fache nicht fremd sei ; am wenigsten blieb dies dem Künstler verborgen , der sich von niemand lieber erkannt gesehen hätte als gerade von dieser anmutigsten aller Personen . Die ältere Freundin schwieg daher nicht länger , sondern tadelte Hilarien , daß sie mit ihrer eigenen Geschicklichkeit hervorzutreten auch diesmal , wie immer , zaudere ; hier sei die Frage nicht , gelobt oder getadelt zu werden , sondern zu lernen . Eine schönere Gelegenheit finde sich vielleicht nicht wieder . Nun zeigte sich erst , als sie genötigt war , ihre Blätter vorzuweisen , welch ein Talent hinter diesem stillen , zierlichsten Wesen verborgen liege ; die Fähigkeit war eingeboren , fleißig geübt . Sie besaß ein treues Auge , eine reinliche Hand , wie sie Frauen bei ihren sonstigen Schmuck- und Putzarbeiten zu höherer Kunst befähigt . Man bemerkte freilich Unsicherheit in den Strichen und deshalb nicht hinlänglich ausgesprochenen Charakter der Gegenstände , aber man bewunderte genugsam die fleißigste Ausführung ; dabei jedoch das Ganze nicht aufs vorteilhafteste gefaßt , nicht künstlerisch zurechtgerückt . Sie fürchtet , so scheint es , den Gegenstand zu entweihen , bliebe sie ihm nicht vollkommen getreu , deshalb ist sie ängstlich und verliert sich im Detail . Nun aber fühlt sie sich durch das große , freie Talent , die dreiste Hand des Künstlers aufgeregt , erweckt , was von Sinn und Geschmack in ihr treulich schlummerte ; es geht ihr auf , daß sie nur Mut fassen , einige Hauptmaximen , die ihr der Künstler gründlich , freundlich-dringend , wiederholt überlieferte , ernst und sträcklich befolgen müsse . Die Sicherheit des Striches findet sich ein , sie hält sich allmählich weniger an die Teile als ans Ganze , und so schließt sich die schönste Fähigkeit unvermutet zur Fertigkeit auf : wie eine Rosenknospe , an der wir noch abends unbeachtend vorübergingen , morgens mit Sonnenaufgang vor unsern Augen hervorbricht , so daß wir das lebende Zittern , das die herrliche Erscheinung dem Lichte entgegenregt , mit Augen zu schauen glauben . Auch nicht ohne sittliche Nachwirkung war eine solche ästhetische Ausbildung geblieben : denn einen magischen Eindruck auf ein reines Gemüt bewirkt das Gewahrwerden der innigsten Dankbarkeit gegen irgend jemand , dem wir entscheidende Belehrung schuldig sind . Diesmal war es das erste frohe Gefühl , das in Hilariens Seele nach geraumer Zeit hervortrat . Die herrliche Welt erst tagelang vor sich zu sehen und nun die auf einmal verliehene vollkommenere Darstellungsgabe zu empfinden ! Welche Wonne , in Zügen und Farben dem Unaussprechlichen näher zu treten ! Sie fühlte sich mit einer neuen Jugend überrascht und konnte sich eine besondere Anneigung zu jenem , dem sie dies Glück schuldig geworden , nicht versagen . So saßen sie nebeneinander ; man hätte nicht unterscheiden können , wer hastiger , Kunstvorteile zu überliefern oder sie zu ergreifen und auszuüben , gewesen wäre . Der glücklichste Wettstreit , wie er sich selten zwischen Schüler und Meister entzündet , tat sich hervor . Manchmal schien der Freund auf ihr Blatt mit einem entscheidenden Zuge einwirken zu wollen , sie aber , sanft ablehnend , eilte , gleich das Gewünschte , das Notwendige zu tun , und immer zu seinem Erstaunen . Der letzte Abend war nun herangekommen , und ein hervorleuchtender , klarster Vollmond ließ den Übergang von Tag zu Nacht nicht empfinden . Die Gesellschaft hatte sich zusammen auf einer der höchsten Terrassen gelagert , den ruhigen , von allen Seiten her erleuchteten und rings widerglänzenden See , dessen Länge sich zum Teil verbarg , seiner Breite nach ganz und klar zu überschauen . Was man nun auch in solchen Zuständen besprechen mochte , so war doch nicht zu unterlassen , das hundertmal Besprochene , die Vorzüge dieses Himmels , dieses Wassers , dieser Erde , unter dem Einfluß einer gewaltigern Sonne , eines mildern Mondes nochmals zu bereden , ja sie ausschließlich und lyrisch anzuerkennen . Was man sich aber nicht gestand , was man sich kaum selbst bekennen mochte , war das tiefe , schmerzliche Gefühl , das in jedem Busen stärker oder schwächer , durchaus aber gleich wahr und zart sich bewegte . Das Vorgefühl des Scheidens verbreitete sich über die Gesamtheit ; ein allmähliches Verstummen wollte fast ängstlich werden . Da ermannte , da entschloß sich der Sänger , auf seinem Instrumente kräftig präludierend , uneingedenk jener früheren wohlbedachten Schonung . Ihm schwebte Mignons Bild mit dem ersten Zartgesang des holden Kindes vor . Leidenschaftlich über die Grenze gerissen , mit sehnsüchtigem Griff die wohlklingenden Saiten aufregend , begann er anzustimmen : » Kennst du das Land , wo die Zitronen blühn , Im dunklen Laub - - - « Hilarie stand erschüttert auf und entfernte sich , die Stirne verschleiernd ; unsere schöne Witwe bewegte ablehnend eine Hand gegen den Sänger , indem sie mit der andern Wilhelms Arm ergriff . Hilarien folgte der wirklich verworrene Jüngling , Wilhelmen zog die mehr besonnene Freundin so hinter beiden drein . Und als sie nun alle viere im hohen Mondschein sich gegenüberstanden , war die allgemeine Rührung nicht mehr zu verhehlen . Die Frauen warfen sich einander in die Arme , die Männer umhalsten sich , und Luna ward Zeuge der edelsten , keuschesten Tränen . Einige Besinnung kehrte langsam erst zurück , man zog sich auseinander , schweigend , unter seltsamen Gefühlen und Wünschen , denen doch die Hoffnung schon abgeschnitten war . Nun fühlte sich unser Künstler , welchen der Freund mit sich riß , unter dem hehren Himmel , in der ernst-lieblichen Nachtstunde , eingeweiht in alle Schmerzen des ersten Grades der Entsagenden , welchen jene Freunde schon überstanden hatten , nun aber sich in Gefahr sahen , abermals schmerzlich geprüft zu werden . Spät hatten sich die Jünglinge zur Ruhe begeben , und am frühen Morgen zeitig erwachend , faßten sie ein Herz und glaubten sich stark zu einem Abschied aus diesem Paradiese , ersannen mancherlei Plane , wie sie ohne Pflichtverletzung in der angenehmen Nähe zu verharren allenfalls möglich machten . Ihre Vorschläge deshalb gedachten sie anzubringen , als die Nachricht sie überraschte , schon beim frühsten Scheine des Tages seien die Damen abgefahren . Ein Brief von der Hand unserer Herzenskönigin belehrte sie des Weitern . Man konnte zweifelhaft sein , ob mehr Verstand oder Güte , mehr Neigung oder Freundschaft , mehr Anerkennung des Verdienstes oder leises , verschämtes Vorurteil darin ausgesprochen sei . Leider enthielt der Schluß die harte Forderung , daß man den Freundinnen weder folgen noch sie irgendwo aufsuchen , ja , wenn man sich zufällig begegnete einander treulich ausweichen wolle . Nun war das Paradies wie durch einen Zauberschlag für die Freunde zur völligen Wüste gewandelt ; und gewiß hätten sie selbst gelächelt , wäre ihnen in dem Augenblick klar geworden , wie ungerecht-undankbar sie sich auf einmal gegen eine so schöne , so merkwürdige Umgebung verhielten . Kein selbstsüchtiger Hypochondrist würde so scharf und scheelsüchtig den Verfall der Gebäude , die Vernachlässigung der Mauern , das Verwittern der Türme , den Grasüberzug der Gänge , das Aussterben der Bäume , das vermoosende Vermodern der Kunstgrotten , und was noch alles dergleichen zu bemerken wäre , gerügt und gescholten haben . Sie faßten sich indes , so gut es sich fügen wollte ; unser Künstler packte sorgfältig seine Arbeit zusammen sie schifften beide sich ein , Wilhelm begleitete ihn bis in die obere Gegend des Sees , wo jener nach früherer Verabredung seinen Weg zu Natalien suchte , um sie durch die schönen landschaftlichen Bilder in Gegenden zu versetzen , die sie vielleicht so bald nicht betreten sollte . Berechtigt ward er zugleich , den unerwarteten Fall bekennend vorzutragen , wodurch er in die Lage geraten , von den Bundesgliedern des Entsagens aufs freundlichste in die Mitte genommen und durch liebevolle Behandlung , wo nicht geheilt , doch getröstet zu werden . Lenardo an Wilhelm Ihr Schreiben , mein Teuerster , traf mich in einer Tätigkeit , die ich Verwirrung nennen könnte , wenn der Zweck nicht so groß , das Erlangen nicht so sicher wäre . Die Verbindung mit den Ihrigen ist wichtiger , als beide Teile sich denken konnten . Darüber darf ich nicht anfangen zu schreiben , weil sich gleich hervortut , wie unübersehbar das Ganze , wie unaussprechlich die Verknüpfung . Tun ohne Reden muß jetzt unsre Losung sein . Tausend Dank , daß Sie mir auf ein so anmutiges Geheimnis halb verschleiert in die Ferne hindeuten ; ich gönne dem guten Wesen einen so einfach glücklichen Zustand , indessen mich ein Wirbel von Verschlingungen , doch nicht ohne Leitstern , umhertreiben wird . Der Abbé übernimmt , das Weitere zu vermelden , ich darf nur dessen gedenken , was fördert ; die Sehnsucht verschwindet im Tun und Wirken . Sie haben mich - und hier nicht weiter ; wo genug zu schaffen ist , bleibt kein Raum für Betrachtung . Der Abbé an Wilhelm Wenig hätte gefehlt , so wäre Ihr wohlgemeinter Brief , ganz Ihrer Absicht entgegen , uns höchst schädlich geworden . Die Schilderung der Gefundenen ist so gemütlich und reizend , daß , um sie gleichfalls aufzufinden , der wunderliche Freund vielleicht alles hätte stehen und liegen lassen , wären unsre nunmehr verbündeten Plane nicht so groß und weitaussehend . Nun aber hat er die Probe bestanden , und es bestätigt sich , daß er von der wichtigen Angelegenheit völlig durchdrungen ist und sich von allem andern ab- und allein dorthin gezogen fühlt . In diesem unserm neuen Verhältnis , dessen Einleitung wir Ihnen verdanken , ergaben sich bei näherer Untersuchung für jene wie für uns weit größere Vorteile , als man gedacht hätte . Denn gerade durch eine von der Natur weniger begünstigte Gegend , wo ein Teil der Güter gelegen ist , die ihm der Oheim abtritt , ward in der neuern Zeit ein Kanal projektiert , der auch durch unsere Besitzungen sich ziehen wird und wodurch , wenn wir uns aneinander schließen , sich der Wert derselben ins Unberechenbare erhöht . Hierbei kann er seine Hauptneigung , ganz von vorne anzufangen , sehr bequem entwickeln . Zu beiden Seiten jener Wasserstraße wird unbebautes und unbewohntes Land genugsam zu finden sein ; dort mögen Spinnerinnen und Weberinnen sich ansiedeln , Maurer , Zimmerleute und Schmiede sich und ihnen mäßige Werkstätten bestellen ; alles mag durch die erste Hand vernichtet werden , indessen wir andern die verwickelten Aufgaben zu lösen unternehmen und den Umschwung der Tätigkeit zu befördern wissen . Dieses ist also die nächste Aufgabe unsers Freundes . Aus den Gebirgen vernimmt man Klagen über Klagen , wie dort Nahrungslosigkeit überhandnehme ; auch sollen jene Strecken im Übermaß bevölkert sein . Dort wird er sich umsehen , Menschen und Zustände beurteilen und die wahrhaft Tätigen , sich selbst und andern Nützlichen in unsern Zug mit aufnehmen . Ferner hab ' ich von Lothario zu berichten , er bereitet den völligen Abschluß vor . Eine Reise zu den Pädagogen hat er unternommen , um sich tüchtige Künstler , nur sehr wenige , zu erbitten . Die Künste sind das Salz der Erde ; wie dieses zu den Speisen , so verhalten sich jene zu der Technik . Wir nehmen von der Kunst nicht mehr auf als nur , daß das Handwerk nicht abgeschmackt werde . Im ganzen wird zu jener pädagogischen Anstalt uns eine dauernde Verbindung höchst nützlich und nötig werden . Wir müssen tun und dürfen ans Bilden nicht denken ; aber Gebildete heranzuziehen ist unsre höchste Pflicht . Tausend und aber tausend Betrachtungen schließen sich hier an ; erlauben Sie mir nach unsrer alten Weise nur noch ein allgemeines Wort , veranlaßt durch eine Stelle Ihres Briefes an Lenardo . Wir wollen der Hausfrömmigkeit das gebührende Lob nicht entziehen : auf ihr gründet sich die Sicherheit des Einzelnen , worauf zuletzt denn auch die Festigkeit und Würde des Ganzen beruhen mag ; aber sie reicht nicht mehr hin , wir müssen den Begriff einer Weltfrömmigkeit fassen , unsre redlich menschlichen Gesinnungen in einen praktischen Bezug ins Weite setzen und nicht nur unsre Nächsten fördern , sondern zugleich die ganze Menschheit mitnehmen . Um nun zuletzt Ihres Gesuches zu erwähnen , sag ' ich so viel : Montan hat es zu rechter Zeit bei uns angebracht . Der wunderliche Mann wollte durchaus nicht erklären , was Sie eigentlich vorhätten , doch er gab sein Freundeswort , daß es verständig und , wenn es gelänge , der Gesellschaft höchst nützlich sein würde . Und so ist Ihnen verziehen , daß Sie in Ihrem Schreiben gleichfalls ein Geheimnis davon machen . Genug , Sie sind von aller Beschränktheit entbunden , wie es Ihnen schon zugekommen sein sollte , wäre uns Ihr Aufenthalt bekannt gewesen . Deshalb wiederhol ' ich im Namen aller : Ihr Zweck , obschon unausgesprochen , wird im Zutrauen auf Montan und Sie gebilligt . Reisen Sie , halten Sie sich auf , bewegen Sie sich , verharren Sie ! was Ihnen gelingt , wird recht sein ; möchten Sie sich zum notwendigsten Glied unsrer Kette bilden . Ich lege zum Schluß ein Täfelchen bei , woraus Sie den beweglichen Mittelpunkt unsrer Kommunikationen erkennen werden . Sie finden darin vor Augen gestellt , wohin Sie zu jeder Jahrszeit Ihre Briefe zu senden haben ; am liebsten sehen wir ' s durch sichere Boten , deren Ihnen genugsame an mehreren Orten angedeutet sind . Ebenso finden Sie durch Zeichen bemerkt , wo Sie einen oder den andern der Unsrigen aufzusuchen haben . Zwischenrede Hier aber finden wir uns in dem Falle , dem Leser eine Pause und zwar von einigen Jahren anzukündigen , weshalb wir gern , wäre es mit der typographischen Einrichtung zu verknüpfen gewesen , an dieser Stelle einen Band abgeschlossen hätten . Doch wird ja wohl auch der Raum zwischen zwei Kapiteln genügen , um sich über das Maß gedachter Zeit hinwegzusetzen , da wir längst gewohnt sind , zwischen dem Sinken und Steigen des Vorhangs in unserer persönlichen Gegenwart dergleichen geschehen zu lassen . Wir haben in diesem zweiten Buche die Verhältnisse unsrer alten Freunde bedeutend steigern sehen und zugleich frische Bekanntschaften gewonnen ; die Aussichten sind derart , daß zu hoffen steht , es werde allen und jeden , wenn sie sich ins Leben zu finden wissen , ganz erwünscht geraten . Erwarten wir also zunächst , einen nach dem andern , sich verflechtend und entwindend , auf gebahnten und ungebahnten Wegen wiederzufinden . Achtes Kapitel Suchen wir nun unsern seit einiger Zeit sich selbst überlassenen Freund wieder auf , so finden wir ihn , wie er von seiten des flachen Landes her in die pädagogische Provinz hineintritt . Er kommt über Auen und Wiesen , umgeht auf trocknem Anger manchen kleinen