den andern auf , sie fielen nicht abwärts , man bog sie ihr nach dem Rücken hin , streckte sie hoch in die Höhe , so daß es jedem unmöglich gewesen sein würde , sich lange in dieser Stellung zu behaupten , und doch geschah es . Man mochte den Körper so sehr herabbeugen , als man wollte , immer blieb er in dem vollkommensten Gleichgewicht . Sie schien gänzlich ohne Empfindung , man rüttelte , kneipte , quälte sie , stellte ihr die Füße auf ein heißes Kohlenbecken , schrie ihr in die Ohren , sie werde ihren Prozeß gewinnen , alles umsonst , sie gab kein Zeichen des willkürlichen Lebens von sich . Nach und nach kam sie zu sich selbst , doch führte sie unzusammenhängende Reden - Endlich - « » Fahren Sie fort , « sprach die Fürstin , als der Leibarzt innehielt , » fahren Sie fort , verschweigen Sie mir nichts , und sei es das Entsetzlichste ! - Nicht wahr ? - in Wahnsinn verfiel die Dame ! « » Es genügt , « sprach der Leibarzt weiter , » es genügt , hinzuzufügen , daß ein sehr böser Zustand der Dame nur vier Tage hindurch anhielt , daß sie in Vesoul , wohin sie zurückkehrte , völlig genas und nicht die mindesten schlimmen Folgen ihrer harten ungewöhnlichen Krankheit verspürte . « - Während die Fürstin aufs neue in trübes Nachdenken versank , verbreitete sich der Leibarzt weitläuftig über die ärztlichen Mittel , die er anzuwenden gedenke , um der Prinzessin zu helfen , und verlor sich zuletzt in solche wissenschaftliche Demonstrationen , als spräche er in einer ärztlichen Beratung zu den tief gelehrtesten Doktoren . » Was , « unterbrach endlich die Fürstin den wortreichen Leibarzt , » was helfen alle Mittel , die die spekulierende Wissenschaft darbietet , wenn das Heil , das Wohl des Geistes gefährdet ? « Der Leibarzt schwieg einige Augenblicke , dann fuhr er fort : » Gnädigste Frau , das Beispiel von der wunderbaren Starrsucht jener Dame in Besançon zeigt , daß der Grund ihrer Krankheit in einer psychischen Ursache lag . Man fing , als sie zu einiger Besinnung gekommen , ihre Kur damit an , daß man ihr Mut einsprach und ihr den bösen Prozeß als gewonnen darstellte . - Einig sind auch die erfahrensten Ärzte darüber , daß eben irgendeine plötzliche starke Gemütsbewegung jenen Zustand am ersten hervorbringt . Prinzessin Hedwiga ist reizbar bis zum höchsten ungewöhnlichen Grade , ja , ich möchte den Organismus ihres Nervensystems manchmal schon an und für sich selbst abnorm nennen . Gewiß scheint es , daß irgendeine heftige Erschütterung des Gemüts auch ihren Krankheitszustand erzeugte . Man muß die Ursache zu erforschen suchen , um psychisch mit Erfolg auf sie wirken zu können ! - Die schnelle Abreise des Prinzen Hektor - Nun , gnädigste Frau , die Mutter dürfte vielleicht tiefer schauen als jeder Arzt und diesem die besten Mittel an die Hand geben können zur heilsamen Kur . « Die Fürstin erhob sich und sprach stolz und kalt : » Selbst die Bürgerfrau bewahrt gern die Geheimnisse des weiblichen Herzens , das Fürstenhaus erschließt sein Inneres nur der Kirche und ihren Dienern , zu denen der Arzt sich nicht zählen darf ! « » Wie , « rief der Leibarzt lebhaft , » wer vermag das leibliche Wohl so scharf zu trennen von dem geistigen ? Der Arzt ist der zweite Beichtvater , in die Tiefe des psychischen Seins müssen ihm Blicke vergönnt werden , wenn er nicht jeden Augenblick Gefahr laufen will , zu fehlen . Denken Sie an die Geschichte jenes kranken Prinzen , gnädigste Frau - « » Genug ! « unterbrach die Fürstin den Arzt beinahe mit Unwillen , » genug ! - Nie werde ich mich bewegen lassen , eine Unschicklichkeit zu begehen , ebensowenig als ich glauben kann , daß irgendeine Unschicklichkeit auch nur in Gedanke und Empfindung die Krankheit der Prinzessin veranlaßt haben kann . « Damit entfernte sich die Fürstin und ließ den Leibarzt stehen . » Wunderliche , « sprach dieser zu sich selbst , » wunderliche Frau , diese Fürstin ! Gern möchte sie andere , ja sich selbst überreden , daß der Kitt , womit die Natur Seel ' und Körper zusammenleimt , wenn es darauf ankommt , etwas Fürstliches zu bilden , von ganz besonderer Art sei und keinesweges dem zu vergleichen , den sie bei uns armen Erdensöhnen bürgerlicher Abkunft verbraucht . - Man soll gar nicht daran denken , daß die Prinzessin ein Herz hat , so wie jener höfische Spanier , der das Geschenk von seidnen Strümpfen , das gute niederländische Bürger seiner Fürstin machen wollten , deshalb verschmähte , weil es unschicklich sei , daran zu erinnern , daß eine spanische Königin wirklich Füße habe wie andere ehrliche Leute ! - Und doch : zu wetten ist es , daß in dem Herzen , dem Laboratorio alles weiblichen Wehs , die Ursache des fürchterlichsten aller Nervenübel zu suchen ist , das die Prinzessin befallen . « - Der Leibarzt dachte an Prinz Hektors schnelle Abreise , an der Prinzessin übermäßige krankhafte Reizbarkeit , an die leidenschaftliche Art , wie sie sich ( so hatte er es vernommen ) gegen den Prinzen betragen haben sollte , und so schien es ihm gewiß , daß irgendein plötzlicher Liebeszwist die Prinzessin bis zu jäher Krankheit verletzt . - Man wird sehen , ob des Leibarztes Vermutungen Grund hatten oder nicht . Was die Fürstin betrifft , so mochte sie Ähnliches vermuten und eben deshalb alle Nachfrage , alles Forschen des Arztes für unschicklich halten , da der Hof überhaupt jedes tiefere Gefühl als unstatthaft verwirft und gemein . - Die Fürstin hatte sonst Gemüt und Herz , aber das seltsam halb lächerliche , halb widrige Ungeheuer , Etikette genannt , hatte sich auf ihre Brust gelegt wie ein bedrohlicher Alp , und keine Seufzer , kein Zeichen des innern Lebens sollte mehr hinaufsteigen aus dem Herzen . Gelingen mußt ' es ihr daher , selbst Szenen der Art , wie sie sich eben mit dem Prinz und der Prinzessin begeben , zu verwinden und den stolz abzuweisen , der nichts wollte als helfen . Während sich dies im Schlosse begab , ereignete sich auch im Park manches , was hier beizubringen ist . In dem Gebüsch links bei dem Eingange stand der dicke Hofmarschall , zog ein kleines goldnes Döschen aus der Tasche , wischte , nachdem er eine Prise Tabak genommen , mit dem Rockärmel einigemal darüber weg , reichte es dem Leibkammerdiener des Fürsten hin und sprach also : » Schätzenswerter Freund , ich weiß , Sie lieben dergleichen artige Pretiosen , nehmen Sie gegenwärtiges Döschen als ein geringes Zeichen meines gnädigen Wohlwollens an , auf das Sie stets rechnen können . - Doch sagen Sie , Liebster , wie kam das mit dem seltsamen ungewöhnlichen Spaziergange ? « » Mich untertänigst zu bedanken , « erwiderte der Leibkammerdiener , indem er die goldne Dose einsteckte . Dann räusperte er sich und fuhr fort : » Versichern kann ich , hochgebietende Exzellenz , daß unser gnädigster Herr sehr alarmiert sind seit dem Augenblick , als der gnädigsten Prinzessin Hedwiga , man weiß nicht wie , die fünf Sinne abhanden gekommen . Heute standen sie am Fenster ganz hoch aufgerichtet wohl eine halbe Stunde und trommelten mit den gnädigsten Fingern der rechten Hand schrecklich auf die Spiegelscheibe , daß es klirrte und krachte . Aber lauter hübsche Märsche von anmutiger Melodie und frischem Wesen , wie mein seliger Schwager , der Hoftrompeter , zu sagen pflegte . - Exzellenz wissen , mein seliger Schwager , der Hoftrompeter , war ein geschickter Mann , er brachte sein Flattergrob heraus wie ein Däuschen , seine Grobstimme , seine Faulstimme klang wie Nachtigallschlag , und was das Prinzipalblasen betrifft « - » Alles , « unterbrach der Hofmarschall den Schwätzer , » alles weiß ich , mein Bester ! Ihr seliger Herr Schwager war ein vortrefflicher Hoftrompeter , aber jetzt , was taten , was sprachen Durchlaucht , als sie die Märsche zu trommeln geruht hatten ? « » Taten , sprachen ! « fuhr der Leibkammerdiener fort , » hm ! - eben nicht viel . Durchlaucht wandten sich um , sahen mich starr an mit recht feurigen Augen , zogen die Klingel auf furchtbare Weise und riefen dabei laut : François - François ! - Durchlaucht , ich bin schon hier , rief ich . Da sprachen aber der gnädigste Herr ganz zornig : Esel , warum sagt Er das nicht gleich ! Und darauf : Mein Promenadenkleid ! - Ich tat , wie mir geheißen . Durchlaucht geruhten den grünseidenen Überrock ohne Stern anzulegen und sich nach dem Park zu begehen . Sie verboten mir , Ihnen zu folgen , aber - hochgebietende Exzellenz , man muß doch wissen , wo sich der gnädigste Herr befinden , wenn etwa ein Unglück - Nun ! - ich folgte so ganz von weitem und gewahrte , daß der gnädigste Herr sich in das Fischerhäuschen begaben . « » Zum Meister Abraham ! « - rief der Hofmarschall ganz verwundert . » So ist es , « sprach der Leibkammerdiener und schnitt ein sehr wichtiges geheimnisvolles Gesicht . » Ins Fischerhäuschen , « wiederholte der Hofmarschall , » ins Fischerhäuschen zum Meister Abraham ! - Nie haben Durchlaucht den Meister aufgesucht im Fischerhäuschen ! « - Ein ahnungsvolles Stillschweigen folgte , dann sprach der Hofmarschall weiter : » Und sonst äußerten Durchlaucht gar nichts ? « - » Gar nichts , « erwiderte der Leibkammerdiener bedeutungsvoll . » Doch , « fuhr er schlau lächelnd fort , » ein Fenster des Fischerhäuschens geht heraus nach dem dicksten Gebüsch , es ist dort eine Vertiefung , man versteht jedes Wort , was drinnen im Häuschen gesprochen wird - man könnte - « - » Bester , wenn Sie das tun wollten ! « rief der Hofmarschall entzückt . - » Ich tue es , « sprach der Kammerdiener und schlich leise fort . Doch als er aus dem Gebüsch hervortrat , stand der Fürst , der eben nach dem Schloß zurückkehrte , dicht vor ihm , so daß er ihn beinahe berührte . In scheuer Ehrfurcht prallte er zurück : » Vous êtes un grand Tölpel ! « donnerte ihn der Fürst an , rief dem Hofmarschall ein kaltes » dormez bien ! « zu und entfernte sich mit dem Leibkammerdiener , der ihm folgte , ins Schloß . Ganz bestürzt blieb der Hofmarschall stehen , murmelte : » Fischerhäuschen - Meister Abraham - dormez bien - « und beschloß , sogleich zu dem Kanzler , des Reichs zu fahren , um sich über die außerordentliche Begebenheit zu beraten und womöglich die Konstellation herauszufinden , die am Hofe ob dieses Ereignisses sich erzeugen könne . - Meister Abraham hatte den Fürsten bis eben an das Gebüsch begleitet , in dem sich der Hofmarschall und der Leibkammerdiener befanden , hier war er umgekehrt auf Geheiß des Fürsten , der nicht wollte , daß man ihn aus den Fenstern des Schlosses in Gesellschaft des Meisters bemerke . - Der geneigte Leser weiß , wie gut es dem Fürsten gelungen , seinen einsamen geheimen Besuch bei dem Meister Abraham im Fischerhäuschen zu verbergen . Aber noch eine Person außer dem Kammerdiener hatte den Fürsten , ohne daß er es ahnen konnte , belauscht . Beinahe war Meister Abraham angelangt in seiner Wohnung , als ihm ganz unvermutet aus den Gängen , die schon zu dunkeln begannen , die Rätin Benzon entgegentrat . » Ha , « rief die Benzon mit bittrem Lachen , » der Fürst hat sich bei Euch Rats erholt , Meister Abraham . In der Tat , Ihr seid die wahre Stütze des fürstlichen Hauses , dem Vater und dem Sohne laßt Ihr Eure Weisheit und Erfahrung zufließen , und wenn guter Rat teuer oder gar nicht zu haben - « - » So , « fiel Meister Abraham der Benzon ins Wort , » so gibt es eine Rätin , die eigentlich das glanzvolle Gestirn ist , das hier alles erleuchtet , und unter dessen Einfluß auch nur ein armer alter Orgelbauer bestehen und sein einfaches Leben ungestört durchfristen kann . « » Scherzt , « sprach die Benzon , » scherzt nicht so bitter , Meister Abraham , ein Gestirn , das glanzvoll geleuchtet , kann , unserm Horizont entfliehend , schnell verbleichen und endlich ganz untergehen . Die seltsamsten Ereignisse scheinen sich durchkreuzen zu wollen in diesem einsamen Familienkreise , den eine kleine Stadt und ein paar Dutzend Menschen mehr als eben darin wohnen , Hof zu nennen gewohnt sind . - Die schnelle Abreise des sehnlich erwarteten Bräutigams - Hedwigas bedrohlicher Zustand ! - In der Tat , tief niederbeugen mußte dies den Fürsten , wäre er nicht ein ganz gefühlloser Mann . « - » Nicht , « unterbrach der Meister Abraham die Benzon , » nicht immer waren Sie dieser Meinung , Frau Rätin . « - » Ich verstehe Euch nicht , « sprach die Benzon mit verächtlichem Ton , indem sie dem Meister einen stechenden Blick zuwarf und dann schnell das Gesicht abwandte . - Fürst Irenäus hatte im Gefühl des Vertrauens , das er dem Meister Abraham schenken , ja der geistigen Übermacht , die er ihm zugestehen mußte , alle fürstliche Bedenklichkeiten beiseite gestellt und im Fischerhäuschen sein ganzes Herz ausgeschüttet , auf alle Äußerungen der Benzon über die verstörenden Ereignisse des Tages aber geschwiegen . Dies wußte der Meister , und um so weniger durfte ihm die Empfindlichkeit der Rätin auffallen , wiewohl er sich verwunderte , daß , kalt und in sich verschlossen , wie sie war , sie diese Empfindlichkeit nicht besser zu verbergen vermachte . Wohl mußte es aber die Rätin tief schmerzen , daß sie das Monopol der Vormundschaft über den Fürsten , das sie sich angeeignet , aufs neue und zwar in einem kritischen , verhängnisvollen Augenblick gefährdet sah . Aus Gründen , die sich vielleicht später klar entwickeln dürften , war die Verbindung der Prinzessin Hedwiga mit dem Prinzen Hektor der Rätin feurigster Wunsch . Auf dem Spiele stand diese Verbindung , so mußte sie glauben und jede Einmischung eines Dritten in diese Angelegenheit ihr bedrohlich erscheinen . Überdies sah sie sich zum erstenmal von unerklärlichen Geheimnissen umringt , zum erstenmal schwieg der Fürst ; konnte sie , die gewohnt , das ganze Spiel des phantastischen Hofes zu regieren , tiefer gekränkt werden ? Meister Abraham wußte , daß einem aufgeregten Weibe nichts besser entgegenzusetzen ist als unüberwindliche Ruhe , er sprach daher kein Wörtchen , sondern schritt schweigend daher neben der Benzon , die sich in tiefen Gedanken nach jener Brücke wandte , die der geneigte Leser schon kennt . Sich auf das Geländer stützend , schaute die Rätin hinein in die fernen Büsche , denen die sinkende Sonne noch , wie zum Abschiede , goldene leuchtende Blicke zuwarf . » Ein schöner Abend , « sprach die Rätin , ohne sich umzuwenden . » Gewiß , « erwiderte Meister Abraham , » gewiß , still , ruhig , heiter wie ein unbefangenes , unverstörtes Gemüt . « » Sie können , « fuhr die Rätin fort , das vertraulichere Ihr , mit dem sie sonst den Meister anredete , aufgebend , » Sie können , mein lieber Meister , es mir nicht verargen , daß ich mich schmerzhaft berührt fühlen muß , wenn der Fürst plötzlich nur Sie zu seinem Vertrauten macht , nur Sie zu Rate zieht in einer Angelegenheit , über die eigentlich die welterfahrene Frau besser zu raten , zu entscheiden weiß . Doch vorüber , ganz vorüber ist die kleinliche Empfindlichkeit , die ich nicht zu bergen vermochte . Ich bin ganz beruhigt , da nur die Form verletzt ist . Der Fürst selbst hätte mir das alles sagen sollen , was ich nun erfahren habe auf andere Weise , und ich kann in der Tat alles , was Sie , lieber Meister , ihm erwiderten , nur höchlich billigen . - Selbst will ich gestehen , daß ich etwas tat , was eben nicht lobenswert ist . Mag es nicht sowohl weibliche Neugierde , als die tiefste Teilnahme an allem , was sich in dieser fürstlichen Familie begibt , entschuldigen . Erfahren Sie es , Meister , ich habe Sie belauscht , Ihre ganze Unterredung mit dem Fürsten angehört , jedes Wort verstanden - « Den Meister Abraham erfaßte bei diesen Worten der Benzon ein seltsames , von höhnender Ironie und tiefer Verbitterung gemischtes Gefühl . Ebensogut wie jener Leibkammerdiener des Fürsten hatte Meister Abraham bemerkt , daß man in der buschichten Vertiefung , dicht vor dem einen Fenster des Fischerhäuschens versteckt , jedes Wort vernehmen konnte , was drinnen gesprochen wurde . Durch eine geschickte akustische Vorrichtung war ihm indessen gelungen , es zu bewirken , daß jedes Gespräch im Innern des Häuschens dem draußen Stehenden nur wie ein verwirrtes unverständliches Geräusch klang und es schlechterdings unmöglich blieb , auch nur eine Silbe zu unterscheiden . - Erbärmlich mußte es daher dem Meister erscheinen , wenn die Benzon zu einer Lüge ihre Zuflucht nahm , um hinter Geheimnisse zu kommen , die sie zwar ahnen machte , aber nicht der Fürst , und die dieser daher auch nicht wohl dem Meister Abraham vertrauen konnte . - Man wird erfahren , was der Fürst mit dem Meister im Fischerhäuschen verhandelte . - » O , « rief der Meister , » o meine Gnädigste , es war der rege Geist der lebensweisen unternehmenden Frau selbst , der Sie an das Fischerhäuschen führte . Wie kann ich armer alter , jedoch unerfahrner Mann mich in allen diesen Dingen zurechtfinden ohne Ihren Beistand ? Eben wollt ' ich alles , was mir der Fürst vertraut , weitläuftig hererzählen , aber es bedarf keiner fernern Erläuterungen , da Ihnen schon alles bekannt . Möchten Sie , Gnädige , mich würdig achten , sich über alles , was vielleicht schlimmer sich darstellen mag , als es wirklich ist , recht von Herzen auszusprechen . « Meister Abraham traf den Ton der biedern Zutraulichkeit so gut , daß die Benzon , all ihrer Scharfsichtigkeit unerachtet , nicht gleich zu entscheiden wußte , ob es hier auf eine Mystifikation abgesehen sei oder nicht , und die Verlegenheit darüber schnitt ihr jeden Faden ab , den sie erfassen und zur für den Meister verfänglichen Schlinge hätte verknüpfen können . So geschah es aber , daß sie , vergebens nach Worten ringend , wie festgebannt auf der Brücke stehenblieb und hinabschaute in den See . Der Meister weidete sich einige Augenblicke an ihrer Pein , dann richteten sich aber seine Gedanken auf die Begebnisse des Tages . Er wußte wohl , wie Kreisler in dem Mittelpunkt eben dieser Begebnisse gestanden , ein tiefer Schmerz über den Verlust des teuersten Freundes erfaßte ihn , und unwillkürlich entfloh ihm der Ausruf : » Armer Johannes ! « Da wandte sich die Benzon rasch zu dem Meister und sprach mit losbrechender Heftigkeit : » Wie , Meister Abraham , Ihr seid doch nicht so töricht , an Kreislers Untergang zu glauben ? Was kann ein blutiger Hut beweisen ? - Was sollte ihn auch so plötzlich zu dem schrecklichen Entschluß gebracht haben , sich selbst zu töten - man hätte ihn ja auch gefunden . « - Nicht wenig erstaunte der Meister , die Benzon von Selbstmord sprechen zu hören , hier , wo ein ganz anderer Verdacht sich zu regen schien ; ehe er indessen antworten konnte , fuhr die Rätin fort : » Wohl uns , wohl uns , daß er fort ist , der Unglückliche , der überall , wo er sich blicken läßt , nur verstörendes Unheil anrichtet . Sein leidenschaftliches Wesen , seine Verbitterung , nicht anders kann ich seinen hochgepriesenen Humor bezeichnen , steckt jedes reizbare Gemüt an , mit dem er dann sein grausames Spiel treibt . Zeugt die höhnende Verachtung aller konventionellen Verhältnisse , ja der Trotz gegen alle übliche Formen von Übergewicht des Verstandes , so müssen wir alle unsere Knie beugen vor diesem Kapellmeister , doch soll er uns in Ruhe lassen und sich nicht auflehnen gegen alles , was durch die richtige Ansicht des wirklichen Lebens bedingt und als unsere Zufriedenheit begründend anerkannt wird . Darum ! - dem Himmel sei gedankt , daß er fort ist , ich hoffe ihn nie wiederzusehen . « » Und doch , « sprach der Meister sanft , » und doch waren Sie sonst die Freundin meines Johannes , Frau Rätin , und doch nahmen Sie sich seiner an in einer bösen kritischen Zeit und führten ihn selbst auf die Bahn , von der ihn nur eben jene konventionellen Verhältnisse , die Sie so eifrig in Schutz nehmen , wegverlockt hatten ? - Welch ein Vorwurf trifft jetzt so plötzlich meinen guten Kreisler ? - Was für Böses hat sich aus seinem Innern aufgetan ? Will man ihn darum hassen , weil in den ersten Augenblicken , da der Zufall ihn in eine neue Region geworfen , das Leben feindlich auf ihn zutrat , weil das Verbrechen ihn bedrohte , weil - ein italienischer Bandit ihm nachschlich ? « - Die Rätin fuhr bei diesen Worten sichtlich zusammen . » Welch , « sprach sie dann mit zitternder Stimme , » welch einen Gedanken der Hölle hegt Ihr in der Brust , Meister Abraham ? - Aber wäre es so , wäre Kreisler wirklich gefallen , so wurde in dem Augenblick die Braut gerächt , die er verdorben . Eine innere Stimme sagt es mir , Kreisler allein ist schuld an dem fürchterlichen Zustande der Prinzessin . Schonungslos spannte er die zarten Saiten im innern Gemüt der Kranken , bis sie zersprangen . « - » So war , « erwiderte Meister Abraham giftig , » so war der italienische Herr ein Mann von raschem Entschluß , der die Rache der Tat vorausschickte . Sie haben ja , Gnädige , alles angehört , was ich mit dem Fürsten gesprochen im Fischerhäuschen , Sie wissen daher auch , daß Prinzessin Hedwiga in demselben Augenblick , als der Schuß im Walde fiel , zur Leblosigkeit erstarrte . « » In der Tat , « sprach die Benzon , » man möchte an all das chimärische Zeug glauben , das uns jetzt aufgetischt wird , an psychische Korrespondenzen und dergleichen ! - Doch ! noch einmal , wohl uns , daß er fort ist , der Zustand der Prinzessin kann und wird sich ändern . - Das Verhängnis hat den Störer unserer Ruhe vertrieben und - sagt selbst , Meister Abraham , ist nicht unser Freund im Innersten zerrissen auf solche Weise , daß das Leben ihm keinen Frieden mehr zu geben vermag ? - Gesetzt also wirklich , daß - « Die Rätin endete nicht , aber Meister Abraham fühlte den Zorn , den er mit Mühe unterdrückt , hoch aufflammen . » Was , « rief er mit erhöhter Stimme , » was habt ihr alle gegen diesen Johannes , was hat er euch Böses getan , daß ihr ihm keine Freistatt , kein Plätzchen gönnt auf dieser Erde ? - Wißt ihr ' s nicht ? - Nun , so will ich es euch sagen . - Seht , der Kreisler trägt nicht eure Farben , er versteht nicht eure Redensarten , der Stuhl , den ihr ihm hinstellt , damit er Platz nehme unter euch , ist ihm zu klein , zu enge ; ihr könnt ihn gar nicht für euresgleichen achten , und das ärgert euch . Er will die Ewigkeit der Verträge , die ihr über die Gestaltung des Lebens geschlossen , nicht anerkennen , ja , er meint , daß ein arger Wahn , von dem ihr befangen , euch gar nicht das eigentliche Leben erschauen lasse , und daß die Feierlichkeit , mit der ihr über ein Reich zu herrschen glaubt , das euch unerforschlich , sich gar spaßhaft ausnehme , und das alles nennt ihr Verbitterung . Vor allen Dingen liebt er jenen Scherz , der sich aus der tiefern Anschauung des menschlichen Seins erzeugt und der die schönste Gabe der Natur zu nennen , die sie aus der reinsten Quelle ihres Wesens schöpft . Aber ihr seid vornehme ernste Leute und wollet nicht scherzen - Der Geist der wahren Liebe wohnt in ihm , doch vermag dieser ein Herz zu erwärmen , das auf ewig zum Tode erstarret ist , ja , in dem niemals der Funke war , den jener Geist zur Flamme aufhaucht ? Ihr möget den Kreisler nicht , weil euch das Gefühl des Übergewichts , das ihr ihm einzuräumen gezwungen , unbehaglich ist , weil ihr ihn , der Verkehr treibt mit höheren Dingen , als die gerade in euern engen Kreis passen , fürchtet . « - » Meister , « sprach die Benzon mit dumpfer Stimme , » Meister Abraham , der Eifer , mit dem du für deinen Freund sprichst , führt dich zu weit . Du wolltest mich verletzen ? - Nun wohl , es ist dir gelungen , denn du hast Gedanken in mir geweckt , die lange , lange schlummerten ! - Todstarr nennst du mein Herz ? - Weißt du denn , ob jemals der Geist der Liebe freundlich zu ihm gesprochen , ob ich nicht allein in konventionellen Verhältnissen des Lebens , die der überspannte Kreisler verächtlich finden mag , Trost und Ruhe fand ? - Glaubst du denn nicht überhaupt , alter Mann , der auch wohl so manches Leid erfahren , daß es ein gefährliches Spiel ist , sich über jene Verhältnisse erheben und dem Weltgeist näher treten zu wollen in der Mystifikation des eignen Seins ? Ich weiß es , die kälteste regungsloseste Prosa des Lebens selbst hat mich Kreisler gescholten , und es ist sein Urteil , das sich in dem deinigen ausspricht , wenn du mich todstarr nennst , aber habt ihr jemals dieses Eis zu durchblicken vermocht , das meiner Brust schon längst ein schützender Harnisch war ? - Mag bei den Männern die Liebe nicht das Leben schaffen , sondern es nur auf eine Spitze stellen , von der herab noch sichre Wege führen , unser höchster Lichtpunkt , der unser ganzes Sein erst schafft und gestaltet , ist der Augenblick der ersten Liebe . Will es das feindliche Geschick , daß dieser Augenblick verfehlt wurde , verfehlt ist das ganze Leben für das schwache Weib , das untergeht in trostloser Unbedeutsamkeit , während das mit stärkerer Geisteskraft begabte sich mit Gewalt emporrafft und eben in den Verhältnissen des gewöhnlichen Lebens eine Gestaltung erringt , die ihm Ruhe und Frieden gibt . - Laß es dir sagen , alter Mann - hier in der Dunkelheit der Nacht , die das Vertrauen verschleiert , laß es dir sagen ! - Als jener Moment in mein Leben trat , als ich den erblickte , der alle Glut der innigsten Liebe , deren die weibliche Brust nur fähig , in mir entzündete - da stand ich vor dem Traualtar mit jenem Benzon , der ein guter Ehemann wurde wie kein anderer . Seine völlige Bedeutungslosigkeit gewährte mir alles , was ich , um ein friedfertiges Leben zu führen , nur wünschen konnte , und nie ist eine Klage , ein Vorwurf meinen Lippen entflohen . Nur den Kreis des Gewöhnlichen nahm ich in Anspruch , und wenn dann selbst in diesem Kreise sich manches begab , das mich unvermerkt irreleitete , wenn ich manches , das strafbar erscheinen möchte , mit nichts anderm zu entschuldigen weiß als mit dem Drange des augenblicklichen Verhältnisses , so mag das Weib mich zuerst verdammen , die so wie ich den schweren Kampf durchkämpfte , der zu gänzlicher Verzichtung auf alles höhere Glück führt , sollte dies auch nichts anders sein als ein süßer träumerischer Wahn . - Fürst Irenäus machte meine Bekanntschaft . - Doch ich schweige von dem , was längst vergangen , nur von der Gegenwart soll noch die Rede sein . - Ich hab ' es dir vergönnt , in mein Innerstes zu schauen , Meister Abraham , du weißt nun , warum ich , so wie die Dinge sich hier gestalten , jedes Hineindrängen eines fremdartigen exotischen Prinzips als bedrohlich fürchten muß . Mein eigenes Geschick in jener verhängnisvollen Stunde grinset mich an wie ein furchtbar warnendes Gespenst . Retten muß ich die , die mir teuer sind , ich habe meine Pläne gemacht . - Meister Abraham , seid mir nicht entgegen , oder , wollt Ihr in den Kampf treten mit mir , so seht Euch vor , daß ich Eure besten Taschenspielerkünste nicht zuschanden mache ! « » Unglückliche Frau , « rief Meister Abraham . » Unglücklich nennst du mich , « erwiderte die Benzon , » mich , die ich ein feindliches Geschick zu bekämpfen wußte und mir da , wo alles verloren schien , Ruhe und Zufriedenheit gewann ? « » Unglückliche Frau , « rief Meister Abraham nochmals mit einem Ton , der von seiner innern Bewegung zeugte , » arme unglückliche Frau ! Ruhe , Zufriedenheit vermeinst du gewonnen zu haben und ahndest nicht , daß es die Verzweiflung war , die , ein Vulkan , alle flammende Gluten aus deinem Innern hinausströmen ließ , und daß du nun die tote Asche , aus der keine Blüte , keine Blume mehr sproßt , in starrer Betörung für das reiche Feld des Lebens hältst , das dir noch Früchte spenden soll . - Ein künstliches Gebäude willst du aufführen auf den Grundstein , den ein Blitzstrahl zermalmte , und befürchtest nicht , daß es einstürzen wird in dem Augenblick , da lustig bunte Bänder wehen von der Blumenkrone , die den Sieg des