Mühle war ein schöner , lichtgrüner Grund , über welchem frische Eichen ihre kühlen Hallen woben . Dort sah Friedrich ein Mädchen in einem reinlichen , weißen Kleide am Boden sitzen , halb mit dem Rücken nach ihm gekehrt . Er hörte das Mädchen singen und konnte deutlich folgende Worte verstehen : » In einem kühlen Grunde , Da geht ein Mühlenrad , Mein ' Liebste ist verschwunden , Die dort gewohnet hat . Sie hat mir Treu versprochen , Gab mir ein ' n Ring dabei , Sie hat die Treu gebrochen , Mein Ringlein sprang entzwei . Ich möcht als Spielmann reisen Weit in die Welt hinaus , Und singen meine Weisen Und gehn von Haus zu Haus . Ich möcht als Reiter fliegen , Wohl in die blut ' ge Schlacht , Um stille Feuer liegen Im Feld bei dunkler Nacht . Hör ich das Mühlrad gehen , Ich weiß nicht , was ich will - Ich möcht am liebsten sterben , Da wär ' s auf einmal still . « Diese Worte , so aus tiefster Seele herausgesungen , kamen Friedrich in dem Munde eines Mädchens sehr seltsam vor . Wie erstaunt , ja wunderbar erschüttert aber war er , als sich das Mädchen während des Gesanges , ohne ihn zu bemerken , einmal flüchtig umwandte , und er bei dem Sonnenstreif , der durch die Zweige gerade auf ihr Gesicht fiel , nicht nur eine auffallende Ähnlichkeit mit dem Mädchen , das ihm damals in der Mühle hinaufgeleuchtet , bemerkte , sondern in dieser Kleidung und Umgebung vielmehr jenes wunderschöne Kind aus längst verklungener Zeit wiederzusehen glaubte , mit der er als kleiner Knabe so oft zu Hause im Garten gespielt , und die er seitdem nie wiedergesehen hatte . Jetzt fiel es ihm auch plötzlich wie Schuppen von den Augen , daß dies dieselben Züge seien , die ihm in dem verlassenen Gebirgsschlosse auf dem Bilde der heiligen Anna in dem Gesichte des Kindes Maria so sehr aufgefallen waren . - Verwirrt durch so viele sich durchkreuzende , uralte Erinnerungen , ritt er auf das Mädchen zu , da sie eben ihr Lied geendigt hatte . Sie aber , von dem Geräusche aufgeschreckt , sprang , ohne sich weiter umzusehen , fort , und war bald in dem Walde verschwunden . Da sah er auf der Anhöhe , wohin sich das Mädchen geflüchtet , eine andere weibliche Gestalt zwischen den Bäumen erscheinen , groß , schön und herrlich . - Es war Friedrich , als begrüße ihn sein ganzes vergangenes Leben hier wie in einem Traume noch einmal in tausend schönwirrenden Verwandlungen ; denn je näher er dem Berge kam , je deutlicher glaubte er in jener Gestalt Julie wiederzuerkennen . Er stieg vom Pferde und eilte die Anhöhe hinauf , wo unterdes die liebliche Erscheinung sich wieder verloren hatte . Oben fand er sie ruhig auf dem Boden sitzend , es war wirklich Julie . » Stille , stille « , sagte sie , als er näher trat , nicht weniger überrascht als er , und wies auf Leontin , der neben ihr , an einem Baume angelehnt , eingeschlummert lag . Er war auffallend blaß , sein linker Arm ruhte in einer Binde . Friedrich betrachtete verwundert bald Leontin , bald Julie . Julie schien dabei das Unschickliche ihrer einsamen Lage mit Leontin einzufallen , und sie sah errötend in den Schoß . Leontin war indes erwacht und machte die Augen groß auf , da er neben der Geliebten auch noch den Freund vor sich sah . » Da mag schlafen , wer Lust hat , wenn es wieder so lustig auf der Welt aussieht « , sagte er , und sprang rasch auf . Friedrich erstaunte , wie männlicher seitdem sein ganzes Wesen geworden . » Aber sage , wie hat dich der Himmel wieder hierhergebracht ? « fuhr er fort , » ich dachte , die Zeit würde uns beide mit verschlingen ; aber ich glaube , sie fürchtet sich , uns nicht verdauen zu können . « - Friedrich kam nun vor lauter Fragen nicht selber zum Fragen , sosehr es ihm auch am Herzen lag ; er mußte sich bequemen , die Geschichte seines Lebens seit ihrer Trennung zu erzählen . Als er auf den Tod der Gräfin Romana kam , wurde Leontin nachdenkend . Julie , die auch sonst schon viel von ihr gehört , konnte sich in diese ihre seltsame Verwilderung durchaus nicht finden und verdammte ihr schimpfliches Ende ohne Erbarmen , ja , mit einer ihr sonst ungewöhnlichen Art von Haß . Nach vielem Hin- und Herreden , das jedes Wiedersehen mit sich zu bringen pflegt , bat endlich auch Friedrich die beiden , seinen Bericht mit einer ausführlichen Erzählung ihrer seitherigen Begebenheiten zu erwidern , da er aus ihren kurzen , unzusammenhängenden Antworten noch immer nicht klug werden konnte . Vor allem erkundigte er sich nach dem Mädchen , das , wie er meinte , zu ihnen geflüchtet sein müsse . Julie sah dabei Leontin unentschlossen an . - » Lassen wir das jetzt ! « sagte dieser , » die Gegend und meine Seele ist so klar und heiter , wie nach einem Gewitter , es ist mir gerade alles recht lebhaft erinnerlich , ich will dir erzählen , wie wir hier zusammengekommen . « Er nahm hierbei eine Flasche Wein aus einem Körbchen , das neben Julie stand , und setzte sich damit an den Abhang mit der Aussicht in die grüne Waldschlucht bei der Mühle ; Friedrich und Julie setzten sich zu beiden Seiten neben ihn . Sie wollte ihm durchaus die Flasche wieder entreißen , da sie wohl wußte daß er mehr trinken werde , als seinen Wunden noch zuträglich war . Aber er hielt sie fest in beiden Händen . » Wo es « , sagte er , » wieder so gut , frisch Leben gibt , wer fragt da , wie lange es dauert ! « Und Julie mußte sich am Ende selber bequemen , mitzutrinken . Sie hatte sich mit beiden Armen auf seine Knie gestützt , um die Geschichte , die sie beinahe schon auswendig wußte , noch einmal recht aufmerksam anzuhören . Friedrich , der sie nun ruhig betrachten konnte , bemerkte dabei , wie sich ihre ganze Gestalt seitdem entwickelt hatte . Alle ihre Züge waren entschieden und geistreich . So begann nun Leontin folgendermaßen : » Als ich auf jener Alp während der Gemsenjagd von dir Abschied nahm , wurde mir sehr bange , denn ich wußte wahrhaftig nicht , was ich in der Welt eigentlich wollte und anfangen sollte . Was recht Tüchtiges war eben nicht zu tun , gleichviel , ob am Guten oder am Schlechten ; bloß um der Tätigkeit willen abzuarbeiten , wie man etwa spazierengeht , um sich Motion zu machen , war von jeher meine größte Widerwärtigkeit . Wäre ich recht arm gewesen , ich hätte aus lauter Langeweile arbeiten können , um mir Geld zu erwerben , und hinterdrein die Leute überredet , es geschehe alles um des Staates willen , wie die andern tun . Unter solchen moralischen Betrachtungen ritt ich über das Gebirge fort , und es tat mir recht ohne allen Hochmut leid , wie da alle die Städte und Dörfer gleich Ameisenhaufen und Maulwurfshügeln so tief unter mir lagen ; denn ich habe nie mehr Menschenliebe , als wenn ich weit von den Menschen bin . Da wurde es nach und nach schwül und immer schwüler unten über dem deutschen Reiche , die Donau sah ich wie eine silberne Schlange durch das unendliche , blauschwüle Land gehn , zwei Gewitter , dunkel , schwer und langsam standen am äußersten Horizonte gegeneinander auf ; sie blitzten und donnerten noch nicht , es war eine erschreckliche Stille . - Ich erinnere mich , wie frei mir zumute wurde , als ich endlich die ersten Soldaten unten über die Hügel kommen und hin und wider reiten , wirren und blitzen sah . Ich zog in den Krieg hinunter . Was da geschah , ist dir bekannt . Nach der großen Schlacht , die wir verloren , war das Korps , zu dem ich gehörte , erschlagen und zersprengt , ich selber von den Meinigen getrennt . Ich suchte durch verschiedene Umwege mich wieder zu vereinigen , aber je länger ich ritt , je tiefer verirrte ich mich in dem verteufelten Walde . Es regnete und stürmte in einem fort , aber ich mochte nirgends einkehren , denn ich war innerlichst so zornig , daß ich mich in dem Wetter noch am leidlichsten befand . Am Abend des andern Tages fingen endlich die Wolken an sich zu zerteilen , die Sonne brach wieder hindurch und schien warm und dampfend auf den Erdboden , da kam ich auf einer Höhe plötzlich aus dem Walde und stand - vor Juliens Gegend . Ich kann es nicht beschreiben , mit welcher Empfindung ich aus der kriegerischen Wildnis meines empörten Gemüts so auf einmal in die friedens- und segensreiche Gegend voll alter Erinnerungen und Anklänge hinaussah , die , wie du wissen wirst , zwischen ihren einsamen Bergen und Wäldern mitten im Kriege in tiefster Stille lag . Überrascht blieb ich oben stehen . Da sah ich den blauen Strom unten wieder gehn und Segel fahren , das freundliche Schloß am Hügel und den wohlbekannten Garten ringsumher , alles in alter Ruhe , wie damals . Den Herrn v. A. sah ich auf dem mittelsten Gange des Gartens hinab ruhig spazierengehen . Auf den weiten Plänen jenseits des Stromes , über welche die eben untergehende Sonne schräg ihre letzten Strahlen warf , kam ein Reiter auf das Schloß zugezogen , ich konnte ihn nicht erkennen . Julie erblickte ich nirgends . Es ließ mir da oben nicht länger Ruh ; ich eilte den Berg hinunter , ich wollte Julie , ihren Vater , den Viktor wiedersehen , die ganze Vergangenheit noch einmal in einem schnellen Zuge durchleben und genießen . Tiefer unten am Abhange erblickte ich den Reiter plötzlich wieder . Es war eine junge , hagere , verlebte Figur , durchaus modern , einer von den gäng und gäben alten Jungen mit der Brille auf der Nase . Mich überlief ein Ärger , daß dieses modische , mir nur zu sehr bekannte Gezücht auch schon bis in diese glücklich verborgenen Täler gedrungen war . Er aber sah mich flüchtig vornehm an , lenkte auf einem bequemeren , aber weiteren Umwege nach dem Schlosse und verschwand bald wieder . Ein Bauer aus dem Dorfe des Herrn v. A. , der auch von der Arbeit nach Hause ging , hatte sich indes neben mir eingefunden . Ich erinnerte mich seines Gesichts sogleich wieder , er aber kannte mich nicht mehr . Von diesem erfuhr ich nach einem schnell angeknüpften Gespräche , daß die Tante schon seit längerer Zeit tot sei . - Ich fragte ihn darauf , wer der fremde Herr sei , der eben vorbeigeritten . Er antwortete mir mit heimlicher Miene : Fräulein Juliens Bräutigam . « - Hier schüttelte Julie lächelnd den Kopf und wollte Leontins Erzählung unterbrechen . Leontin fuhr aber sogleich wieder fort : » Es war inzwischen völlig Nacht geworden , als ich das Dorf erreichte . Ich mochte nach jener Nachricht nun niemand aus dem Hause sprechen , noch sehen - nur einen flüchtigen Streifzug durch den alten , schuldlosen Garten wollt ich machen , und sogleich wieder fort . Ich band mein Pferd an einem Baume an und stieg übern Zaun in den Garten . Dort war jeder Gang , jede Bank , ja , jedes Blumenbeet noch immer auf dem alten Platze , so daß die Seele nach so vielen inzwischen durchlebten Gedanken und Veränderungen diesen gemütlichen Stillstand kaum fassen konnte . Der Sturm wütete indes noch immer heftig fort und riß ein Heer von Wolken nebst vielen verspäteten Abendvögeln , die kreischend dazwischenruderten , in einer unabsehbaren Flucht über den Garten hinaus , während unten die Bäume sich neigten und einzelne Nachtigallentöne aus den Tälern durch den Wind heraufklagten ; es war eine recht dunkelschwüle Gespensternacht . Ein ungewöhnlich starkes Licht , das aus dem einen Fenster in den Garten hinausschien , zog mich zum Schlosse hin . Ich stellte mich gerade vor das Fenster und konnte das ganze Zimmer übersehen , das von einem Kaminfeuer so hell erleuchtet wurde . Der Herr v. A. saß in einem Lehnstuhle und las Zeitungen , Julie saß am Kamine und sang , hatte aber den Rücken gegen das Fenster gekehrt , so daß ich ihr Gesicht nicht sehen konnte . Was sie sang , war eine alte Romanze , die mir schon als Kind bekannt war . Sie ist mir noch erinnerlich : Hoch über den stillen Höhen Stand in dem Wald ein Haus , Dort war ' s so einsam zu sehen Weit übern Wald hinaus . Drin saß ein Mädchen am Rocken Den ganzen Abend lang , Der wurden die Augen nicht trocken , Sie spann und sann und sang : » Mein Liebster , der war ein Reiter , Dem schwur ich Treu bis in Tod , Der zog über Land und weiter Zu Kriegeslust und - not . Und als ein Jahr war vergangen , Und wieder blühte das Land , Da stand ich voller Verlangen Hoch an des Waldes Rand . Und zwischen den Bergesbogen , Wohl über den grünen Plan , Kam mancher Reiter gezogen , Der meine kam nicht mit an . Und zwischen den Bergesbogen , Wohl über den grünen Plan , Ein Jägersmann kam geflogen , Der sah mich so mutig an . So lieblich die Sonne schiene , Das Waldhorn scholl weit und breit , Da führt ' er mich in das Grüne . Das war eine schöne Zeit ! - Der hat so lieblich gelogen Mich aus der Treue heraus , Der Falsche hat mich betrogen , Zog weit in die Welt hinaus . « - Sie konnte nicht weitersingen , Vor bitterem Schmerz und Leid , Die Augen ihr übergingen In ihrer Einsamkeit . Julie ging es wohl nicht besser , denn sie stand plötzlich auf , öffnete das Fenster und lehnte sich in die Nacht hinaus . Überhaupt glaubte ich während des Singens eine große Unruhe an ihr bemerkt zu haben . Was ist das für ein erschrecklicher Sturm ! hört ich den Herrn v. A. drin sagen , der bedeutet noch Krieg , Gott steh unsern Leuten bei , die schlagen sich wohl jetzt wieder . - Und ich muß hier sitzen ! sagte Julie aus tiefster Seele . - Ich stand seitwärts , an einen Pfeiler gelehnt , und die Töne gingen in dem rasenden Winde gar seltsam wehmütig über den Garten hinaus , in dem ich mir nun wie ein lange Verbannter vorkam , da Julie bald in ihrem Gesange am offenen Fenster wieder also fortfuhr : Die Muhme , die saß beim Feuer Und wärmet sich am Kamin , Es flackert und sprüht das Feuer , Hell über die Stub es schien . Sie sprach : » Ein Kränzlein in Haaren , Das stünde dir heut gar schön , Willst draußen auf dem See nicht fahren ? Hohe Blumen am Ufer dort stehn . « » Ich kann nicht holen die Blumen , Im Hemdlein weiß am Teich Ein Mädchen hütet die Blumen , Die sieht so totenbleich . « » Und hoch auf des Sees Weite , Wenn alles finster und still , Da rudern zwei stille Leute , - Der eine dich haben will . « » Sie schauen wie alte Bekannte , Still , ewig stille sie sind , Doch einmal der eine sich wandte , Da faßt ' mich ein eiskalter Wind . - Mir ist zu wehe zum Weinen - Die Uhr so gleichförmig pickt , Das Rädlein , das schnurrt so in einem , Mir ist , als wär ich verrückt . - Ach Gott ! wann wird sich doch röten Die fröhliche Morgenstund ! Ich möchte hinausgehn und beten , Und beten aus Herzensgrund ! So bleich schon werden die Sterne , Es rührt sich stärker der Wald , Schon krähen die Hähne von ferne , Mich friert , es wird so kalt ! Ach , Muhme ! was ist Euch geschehen ? Die Nase wird Euch so lang , Die Augen sich seltsam verdrehen - Wie wird mir vor Euch so bang ! « Und wie sie so grauenvoll klagte , Klopft ' s draußen ans Fensterlein , Ein Mann aus der Finsternis ragte , Schaut still in die Stube herein . Die Haare wild umgehangen , Von blutigen Tropfen naß , Zwei blutige Streifen sich schlangen , Wie Kränzlein , ums Antlitz blaß . Er grüßt ' sie so fürchterlich heiter , Er heißt sie sein ' liebliche Braut , Da kannt sie mit Schaudern den Reiter , Fällt nieder auf ihre Knie . Er zielt ' mit dem Rohre durchs Gitter Auf die schneeweiße Brust hin ; » Ach , wie ist das Sterben so bitter , Erbarm dich , weil ich so jung noch bin ! « - Stumm blieb sein steinerner Wille , Es blitzte so rosenrot , Da wurd es auf einmal stille Im Walde und Haus und Hof . - Frühmorgens da lag so schaurig Verfallen im Walde das Haus , Ein Waldvöglein sang so traurig , Flog fort über den See hinaus . Gegen das Ende ihres Gesanges hatte Julie von ohngefähr meinen Schatten bemerkt , den das Licht vom Zimmer lang und unbeweglich in den Garten warf . Sie sah sich stutzend um , und da sie nichts erblicken konnte , schloß sie nachdenkend und schweigend das Fenster . In diesem Augenblick klopfte es drin an die Stubentür . Sie fuhr erschrocken zusammen und vom Fenster auf . Ich blickte noch einmal hinein und sah jenen gehässigen Reiter , dem ich vorhin begegnet , eilfertig eintreten . Er lebt ! rief Julie außer sich vor Freude und stürzte dem Manne um den Hals . - Hatt ich schon vorher draußen in dem Fremden sogleich einen von jenen poetischen Jüngern erkannt , die ' s niemals zum Meister oder überhaupt zu einem Manne bringen , so kam mir jetzt der hagere , blasse Poet neben der gesunden Julie , die unterdes so wunderbar hoch geworden war , und deren große Augen in diesem Augenblicke vor Freude ordentliche Strahlen warfen , gar erbärmlich vor . Mir kamen die Verse aus Goethes Fischerin zwischen die Zähne : Wer soll Bräutigam sein ? Zaunkönig soll Bräutigam sein ! Zaunkönig sprach zu ihnen Hinwieder den beiden : » Ich bin ein sehr kleiner Kerl , Kann nicht Bräutigam sein , Ich kann nicht der Bräutigam sein ! « Ich schwang mich sogleich wieder über den Gartenzaun , band mein Pferd los und ging , es hinter mir herführend , aus dem Dorfe hinaus . Da kam ich am andern Ende desselben an dem kleinen Häuschen Viktors vorüber , ich guckte ihm ins Fenster hinein , das , wie du weißt , im Sommer Tag und Nacht offensteht . Er saß eben mit dem Rücken gegen das Fenster , über einem alten , dicken Buche , den Kopf in die Hand gestützt . Das Licht auf dem Tische flackerte ungewiß umher , die vielen Uhren an den Wänden pickten einförmig immerfort , es war eine unendliche Einsamkeit drinnen . Ich begrüßte ihn endlich mit dem Vers , der ihm im ganzen Faust der liebste war : Ich guckte der Eule in ihr Nest , Hu ! die macht ' ein Paar Augen ! Er wandte sich schnell um , und als er mein Gesicht völlig erkannte , sprang er auf , warf die Bücher und alles , was auf dem Tische lag , auf die Erde und tanzte wie unsinnig in der Stube herum . Ich kletterte sogleich durchs Fenster zu ihm hinein , ergriff eine halbbespannte Geige , die an der Wand hing , und so walzten wir beide mit den seltsamsten Gebärden und großem Getös nebeneinander in der kleinen Stube auf und ab , bis er endlich erschöpft vor Lachen auf den Boden hinsank . Es dauerte lange , ehe wir zu einem vernünftigen Diskurs kamen , während welchem er einen ungeheuren Krug voll Wein anschleppte . Er ist noch immer der alte , noch immer nicht fetter , nicht ruhiger , nicht klüger , und wie sonst wütend kriegerisch gegen alle Sentimentalität , die er ordentlich mißhandelt . Gegen Mitternacht endlich , so viel er auch dagegen hatte , zog ich wieder von dannen , das gelobte Land in ruhigem Schlafe hinter mir und die weite Stille ringsumher gesegnend , während Viktor , der mich ein Stück begleitet hatte , auf der letzten Höhe mir wie eine Windmühle in der Dunkelheit mit dem Hute nachschwenkte und nachrief , bis alles in den großen , grauen Schoß versunken war . In den Krieg denn von neuem in Gottes Namen hinaus ! rief ich draußen und nahm die Richtung auf mein Schloß , da ich indes erfahren hatte , daß der Tummelplatz jetzt dort in der Nähe sei . Bei Sonnenaufgang sah ich die Unsrigen in dem weiten Tale bunt und blitzend zerstreut wieder , und das Herz ging mir auf bei dem Anblick . Die lustige Bewegung , die mir von weitem so mutig entgegenblitzte , war aber nichts anderes , als eine verworrene , grenzenlose Flucht . Der Feind war noch ziemlich weit , ich ritt daher an den zerstreuten Trupps langsam vorüber . Da sah ich den Haufen in dumpfer Resignation herumtaumeln , mehrere weise Mienen achselzuckend zur Schau tragen , als steckten wohl ganz andere Pläne dahinter - keinem hätte das Herz im Leibe zerspringen mögen . Da fiel mir ein , was mir Viktor oft in seinen melancholischsten Stunden gesagt : besser , Uhren machen , als Soldaten spielen . Ich meinesteils war fest entschlossen , da alles , was mir ehrwürdig und lieb auf Erden war , zugrunde gehen sollte , lieber fechtend selber mit unterzugehn , als gefangen in der gemeinen Schande zurückzubleiben . Ich sprengte eilig auf mein Schloß und bot alle meine Jäger und Diener auf , deren Gesinnung und Treue ich kannte , viele Freiwillige von der Armee gesellten sich wacker dazu , und so verschanzten und besetzten wir mein Schloß und Garten , da ich wohl wußte , daß der Feind bei seiner Verfolgung diesen Weg nehmen und demselben an dieser vorteilhaften Höhe besonders viel gelegen sein mußte . Wir wehrten uns verzweifelt oder vielmehr tollkühn gegen die Übermacht . Die feindlichen Kugeln hatten mein Schloß fürchterlich zerrissen , die Gesimse brannten , ein Burgtor nach dem andern stürzte in den Lohen zusammen , alles war verloren , und ich fiel , der letzte , nieder . - Als ich die Augen wieder aufschlug , lag ich im Sonnenscheine in dem schönen Garten des Herrn v. A. vor der großen Aussicht , und Julie stand still neben mir . « - Hier hielt Leontin inne , denn Julie , die sich schon einige Zeit mit ängstlicher Unruhe umgesehen hatte , sagte ihm etwas ins Ohr , stand schnell auf und ging in den Wald hinein , worauf Leontin , nachdem er ihr eine Weile nachgesehen , folgendermaßen wieder fortfuhr : » Es war mir wie im Traume , als ich so wieder meinen ersten Blick in die Welt tat , alles auf einmal so stille um mich , und Julie neben mir , die mich schweigend und ernsthaft betrachtete . Sie sagte mir damals nichts , aber später erfuhr und erriet ich Folgendes : Der moderne Junge , dem ich damals in der Nacht auf dem Schlosse des Herrn v. A. begegnet , war ein Edelmann aus der Nachbarschaft , der erst unlängst von Universitäten auf seine Güter zurückgekehrt war . Seine fast täglichen Besuche bei Julie , seine ungebundene Art , mit ihr umzugehen , und die voreilig geschwätzigen Andeutungen der anfangs noch lebenden Tante veranlaßten , daß er binnen kurzer Zeit allgemein für Juliens Bräutigam gehalten wurde . Er war nach seiner Art verliebt in Julie , aber ein Mädchen im Ernste zu lieben oder gar zu heiraten , hielt er für lächerlich , denn - er war zum Dichter berufen . Als nachher der Krieg ausbrach und das Gerücht mein Benehmen dabei auch bis dorthin trug , pries er mit grenzenlosem Enthusiasmus , doch immer mit der vornehmen Miene eines eigenen , höheren Standpunktes , solche erzgediegne , lebenskräftige Naturen , ewig zusammenhaltende Granitblöcke des Gemeinwesens usw. , aber selbst mit dreinschlagen konnt er nicht , denn - er war zum Dichter berufen . Übrigens hat er ein ganz ordinär sogenanntes gutes Herz . Daher ritt er , als mich allerhand widersprechende Gerüchte bald für tot , bald für verwundet ausgaben , aus Mitleid für Julie auf Kundschaft aus , und kehrte eben in jener Nacht , da ich ihm begegnete , mit der gewissen Botschaft meines Lebens zurück , und Juliens : Er lebt ! das mich damals so schnell vom Fenster und übern Zaun und aus dem Dorfe trieb , galt mir . Erstaunt erfuhr Julie am Morgen von Viktor meinen schnellen Durchzug , und bald nachher auch das Los meiner Burg . Ohne Verwirrung , im Schreck wie in der Freude , sattelte sie noch in der Nacht , wo sie die Nachricht erhalten , ihr Pferd und ritt , ohne ihren Vater zu wecken , mit einem Bedienten nach meinem Schloß . Der vermeinte Bräutigam , der noch dort war , ließ es sich durchaus nicht nehmen , die Romanze , wie er es nannte , mitzumachen . Er schmückte sich in aller Eile sehr phantastisch und abenteuerlich aus , bewaffnete sich mit einem Schwert , einer Flinte und mehreren Pistolen , obschon die Feinde mein Schloß längst wieder verlassen hatten , da es ihnen jetzt , bei dem großen Vorsprunge der Unsrigen , ganz unnütz geworden war . Julie suchte unermüdlich zwischen den zusammengefallenen Steinen , erkannte mich endlich und trug mich selbst aus den dampfenden Trümmern . Der Bräutigam machte ein Sonett darauf , und Julie heilte mich zu Hause aus . Da aber meine Verteidigung des Schlosses als unberufen , und in einem bereits eroberten Lande als rebellisch angesehen wird , so wurde mir vom Feinde nachgestellt , und ich befand mich auf dem Schlosse des Herrn v. A. nicht mehr sicher . Man brachte mich daher auf die abgelegene Mühle hier , wo mich Julie täglich besucht , bis ich endlich jetzt wieder ganz hergestellt bin . « So endigte Leontin seine Erzählung . - » Und wohin willst du nun ? « fragte Friedrich . » Jetzt weiß ich nichts mehr in der Welt « , sagte Leontin unmutig . - Sie mußten abbrechen , denn eben kam Julie wieder zurück und winkte Leontin heimlich mit den Augen , als sei etwas Bewußtes glücklich vollbracht . Sie hatten indes über diesen Unterhaltungen alle nicht bemerkt , daß es bereits anfing dunkel zu werden . Julie wurde es zuerst gewahr , und zwar nicht ohne sichtbare Verlegenheit , denn jetzt in der Nacht nach Hause zu reiten , war wegen der noch immer umherstreifenden Soldaten für ihr Geheimnis höchst bedenklich , andererseits überfiel sie ein mädchenhafter Schauer bei dem Gedanken , so allein mit den zwei Männern im Walde über Nacht zu bleiben . Am Ende mußte sie sich doch zu dem letztern bequemen , und so lagerten sie sich denn , so gut sie konnten , vergnüglich in das hohe Gras auf der Anhöhe . Die Nacht dehnte langsam die ungeheuren Drachenflügel über den Kreis der Wildnis unter ihnen , die Wälder rauschten dunkel aus der grenzenlosen Stille herauf . Julie war ohne alle Furcht . Leontin aber , der noch matt war , fing endlich an sich nach kräftigerer Ruhe zu sehnen , und auch Julie wurde die zunehmende Frische der Nacht nach und nach empfindlich . Sie brachen daher auf und begaben sich zu der nahen , alten , verlassenen Mühle , wo Leontin , wie gesagt , schon seit einigen Tagen heimlich sein Quartier hatte . Friedrich wollte draußen auf der Schwelle bleiben und als ein wackrer Ritter die Jungfrau im Kastell bewachen , Julie bat ihn aber errötend , mit hineinzugehen , und er willigte lächelnd ein , während einem Bedienten , den Julie mitgebracht , aufgetragen wurde , vor der Tür Haus und Pferde zu bewachen . Das Stübchen , das sie in Beschlag nahmen , war eng und nur zur Not vor dem Wetter verwahrt . Ein Bett , das Julie für Leontin mitgebracht hatte , wurde verteilt und nebst einigem Stroh auf dem Fußboden ausgebreitet , so daß es für alle drei hinreichte ; Licht wagte man nicht zu brennen . Die beiden Grafen nahmen das Fräulein in ihre Mitte , Leontin war vor Müdigkeit bald eingeschlafen . Friedrich bemerkte , wie Julie sich fest aufs Ohr legte und tat , als ob sie schliefe , während sie beide Augen lauschend weit offen hatte und Leontin fortwährend ungestört betrachtete , bis sie endlich auch mit einschlummerte . Friedrich hatte sich mit halbem Leibe aufgerichtet und sah sich , auf den einen Arm gestützt , ringsum . Ein Schauder überlief ihn , sich wieder an demselben Orte zu erblicken , wo er damals die grausige Nacht verlebt . Er gedachte des jungen Mädchens wieder , das ihm damals in dieser Stube hier Feuer gepickt , ihm fiel dabei die rätselhafte Gestalt ein , die er heut bei seiner Ankunft vor der Mühle getroffen , und ihre flüchtige Ähnlichkeit mit jener , und er versank in ein Meer von Erinnerungen und Verwirrung . Julie hörte er leise neben sich atmen , es war eine unendlich stille , mondhelle Nacht . Da erhob sich auf einmal draußen ein Gesang , von einer Zither begleitet , zuerst vom Walde