Und keine Zukunft er drin fand : O Liebe , wo du gegenwärtig , Da ist das eigne Leben aus , Die Seele ist dann reisefertig , Du trägst sie in ein andres Haus . » O Muttererde laß dich grüßen , Du trugst mich treu in stiller Qual , Laß deine kühlen Lippen küssen , Hast andre Kinder ohne Zahl , Doch ich gehör dem Vaterlande , Dem Vater in dem Himmelreich , Es lösen sich die alten Bande , Zum letztenmal die Hand mir reich . « Er kann sich selber nicht begreifen , Es wird ihm wohl , so auf einmal , Da sieht er dann die Engel schweifen Auf seines Tränenbogens Strahl , Wie sie die bunten Flügel schlagen , Daß jede Farbe klingt im Glanz , Er fühlt von ihnen sich getragen , Den Fuß bewegt in ihrem Tanz . Was ihm das Herz sonst abgestoßen , Das singt er jetzt mit kaltem Blut , Sein Blut hat sich in Lieb ergossen , Und keine Furcht beschränkt den Mut , Wo sich das Auge sonst geschlossen , Da hebt es nun den Blick von hier , Er ruft : » Der Himmel ist erschlossen , Ich fürchte mich nicht mehr vor mir . « Da ruft er wonnig allen Lieben : » Es kommt ein Tag , wie ' s keinen gab , Die Ernte dürft ihr nicht verschieben , Die Liebe greift zum Wanderstab ! « Er ruft : » Brich an du Tag der Sage , Der ew ' ges Wetter mir verspricht ! « Sein Herz schläft ein - am jüngsten Tage Erwacht es rein zum Weltgericht . Dreißigstes Kapitel Überdruß der Gräfin gegen das Landleben Wir wollen uns nicht wehmütiger machen mit dem Wiedererzählen der Totenfeier des Kleinen , der die vereinte Teilnahme des Grafen und der Gemeine eine Feierlichkeit schenkte : das letzte Geschenk ; mir wird bei diesem traurigen Einhalte des frohen Laufes ländlicher Freuden , als erblinde ich plötzlich ; manches nahe fröhlich Sichtbare verschwindet mir , und selbst der Anblick der schönen Gräfin , der mich so oft erquickt , läßt eine leere Sehnsucht in mir zurück . Sie selbst fühlte diese Öde wohl am schwersten , und viel länger schon , denn eigentlich nahm sie keinen eigenen Anteil an den Erzählungen anderer , die uns unterhalten haben ; sie kam meist dabei auf fremde Gedanken an die Stadt und ihre Bekannte dort . An den Beschäftigungen des Grafen fand sie noch weniger Geschmack ; ihre Umstände widerrieten ihr das Reiten und die Jagd , an denen sie Gefallen fand , und die einzige Gesellschaft , die ihr behaglich , die des Barons und der tollen Ilse , war ihr verloren . Doch läßt sich alles bei schönem Wetter und im frischen Grün ertragen , wenn aber die Blätter gelben , abfallen und am Boden rauschen , die starren Herbstblumen mit ihren geruchlosen Blättern vorscheinen , der Sämann im Nebel ernst über den schwarzen Acker schreitet : Ach ! warum haben wir den ziehenden Vögeln so oft nachzurufen , und sie bleiben doch nicht ; statt ihres freundlichen Morgengrußes aus heitrer Höhe , statt ihres Abendrauschens in den dichten Kastanien vor dem Schlosse , tönt Morgens und Abends ein rastloses Sausen der Luft , die vergebens ein Winterlager sucht und Fenster und Türen dicht gegen sich verschlossen findet . Hat eine junge lebendige Frau dieses Sausen einen Tag angehört auf hochgelegenen Schlössern , den Schlag der Axt in den Wäldern vernommen , und die hochbelaubten Häupter niederstürzen sehen , - in die Nebel zwischen den Bergen dann stundenlang hingeblickt , ohne eigene Beschäftigung , einsam , körperlich leidend , und kommt dann der lange Abend bei einem rauchenden Kamine und kommt der langersehnte Briefbote , und sie liest da Briefe aus der Stadt , die von unzähligen Lustbarkeiten unterbrochen sind , aber immer das Verlangen aller Jugendfreundinnen wiederholen , daß sie zurückkehren möchte : es kann doch eine trübe Stunde ihr machen , wo sie ihres jungfräulichen Standes mit Sehnsucht denkt , ihrer goldnen Freiheit , des leichten Tanzes , der unbestimmten Hoffnung , die weit über alles bestehende Glück hinaus ihre nährenden luftsaugenden Zweige treibt . Und so saß einst die Gräfin in Tränen beim Kamine und die Lichter waren ungeputzt heruntergebrannt , als der Graf voll Ärger über einen Wassersturz , der eine seiner schönsten Gartenanlagen zerstört hatte , ins Zimmer trat , um bei ihr Trost zu suchen . Auch er hatte noch nicht die dem Landwirte vor allen andern Menschenklassen notwendige Gelassenheit gewonnen , die auf jeden Verlust gefaßt , an tausend Anker ihre Wünsche legt ; ein Verlust in Nebensachen konnte ihm ein ganzes Unternehmen verhaßt machen und für diesen Herbst gab er diesmal , wegen des einen Unfalls , alle Pflanzungen im Garten auf , zu denen schon alle Gruben ausgegraben waren . So im Aufgeben lang gehegter Wünsche trat er zu seiner Frau ; sie wollte ihm erst die Ursache ihrer Tränen nicht entdecken , aber das war nur scheinbar , sie war entschlossen noch den Abend alle ihre Anklagen gegen das Land ausströmen zu lassen , und so entwickelte sich eine Fülle von Mißvergnügen und Übelbefinden über den Grafen , daß er mit den nächsten Tagen aus sorglicher Liebe für Frau und Kind heim zu kehren beschloß . Nie wurde ihm eine Äußerung zärtlicher belohnt . Einunddreißigstes Kapitel Abschied vom Landleben Die nächsten Tage gehörten dem Abschiednehmen in der Gegend . Die Gräfin , heitrer gestimmt und gewiß , daß sie die Leute so bald nicht wiedersehe , war ihnen so verbindlich , daß keiner begreifen konnte , wie er ihr je etwas übel genommen . » Ich habe es immer gesagt « , sprach einer zum andern , » sie ist so übel nicht , aber noch jung , es fehlt ihr nur noch an guter Lebensart . « - Sie selbst fand sich von der Behaglichkeit in dem Innern mancher dieser verachteten Familien sehr überrascht , sie bewährten hier ein Leben und eine Erfindsamkeit , es auszuschmücken , die sie ihnen nie zugetraut ; jede Arbeit war ein Familienfest . Merkwürdig war ihr vor allen die Frau eines entfernten Anverwandten des Grafen , die mit allen Kenntnissen der besten Erziehung , mit bedeutendem Vermögen und ausgezeichneter Schönheit , bloß aus Gewohnheit , weil sie mit ihm auferzogen worden , sich dem sehr beschränkten , aber gutmütigen Manne hingegeben hatte und durchaus nichts in der Welt versäumt zu haben meinte ; sah jemand beide einzeln , so schien es unbegreiflich , waren sie beisammen , so konnte es nicht anders sein . Eine gutmütige Natur ist immer sehr reich in allen Verhältnissen zu andern , je vertraulicher sie werden ; während die höchsten Talente mit der Härte , die ihnen beigesellt zu sein pflegt , in dieser Vertraulichkeit , in dieser Gewöhnlichkeit ermüden , langeweilen und durch das Widerspiel des Streits sich zu erhalten und zu bewähren streben . Nichts ist törichter , als eine Heirat um eines ausgezeichneten Talentes willen : eigentlich der schändlichste Eigennutz ; was der Welt gehört , möchte man sich zueignen ; dabei der furchtbarste Aberwitz , den Geist im Körper sich anzueignen , und doch ist dies eine der gewöhnlichsten Verirrungen unsrer Gedanken und keine bestraft sich so schnell . Selbst das Beste , was der Mund spricht , der uns singend entzückt und an sich gerissen hat , scheint uns gegen die Glut jener Kunstübung , die von der Natur zur Freude vieler geschaffen , in vielen Jahren sich ausgebildet hat , etwas sehr Ungenügendes . Aber wer den Umgang einer Schauspielerin aus Bewunderung einer ihrer Darstellungen sucht , findet sich immer schmerzlich getäuscht , wenn auch die Frau viel besser als ihre Rolle sein sollte . Die Lehre ist alt , aber die Welt wird ewig wieder jung , dieselben Empfindungen , Schauspiele , über die wir hinaus sind , gefallen der Jugend immer wieder , wie sie uns einst gefielen ; so wollen wir sie denn auch gegen dieselben Fehler gewarnt haben , denen auch wir uns unterworfen fühlten . Welche Qual in einem geliebten Wesen ewig etwas Hohes zu ahnden , was sich in jedem Augenblicke verleugnet . - Die Gräfin verließ das Haus dieses Anverwandten mit einem Vorwurfe gegen ihren Mann , den er eigentlich nicht verdiente ; sie sagte ihm , daß er sie doch nicht so liebe , wie dieser Mann seine Frau , der ihr die Kinder nachtrug , und die Küche bestellte ; aber der Vorwurf war nicht ernstlich gemeint . Besonderen Spaß machte beiden die Haushaltung eines wohl genährten Vetters , der sein ganzes Dorf zum Range seiner Familie erhoben und von jedem Kinde Vaterchen genannt wurde ; diese Art patriarchalischer Verhältnisse machte ihnen einige Stellen des Alten Testamentes deutlich , die unsren Sitten sonst ganz unverständlich scheinen . » Lieber Karl « , sagte die Gräfin zu ihrem Manne , » wärst du wie dieser , auf ein paar Gedanken und viel Essen und viele Weiber gerichtet , und von Jugend an im Stalle und bei den Knechten erzogen , könntest du jeder Magd Unarten sagen , jeden Schmutz ertragen und belachen , da könntest du auf dem Lande auch glücklich sein , aber deine Ausbildung , dein Lebensmut werden dich dort stets unbefriedigt lassen . « - Dolores zeigte hierin , so wenig es sonst ihre Sache , daß sie da , wo ihr etwas am Herzen lag , wirklich recht tief beobachten konnte ; es lag viel Wahres in ihrer Bemerkung und der Graf mußte es fühlen , daß der Übergang vom Lande zur Stadt sehr leicht , das Entgegengesetzte aber sehr schwer sei ; zeigt dies doch die Geschichte aller Nationen . - Auch das Fräuleinstift besuchten sie noch aus Neugierde ; das alte Hausgeräte , die vielen Sonderbarkeiten der einzelnen ledigen Leute , gaben so viel zu lachen , daß sie beinahe die dienstfertige Gunst aller verscherzt hätten , doch das Angedenken des schönen Hochzeitfestes hielt sie zurück , sich darüber zu äußern ; alte Jungfern rechnen sehr weit in die Zukunft und es dachten jene , die dort gewesen , sie hätten sich angenehm beredt gezeigt , um wieder eingeladen zu werden im künftigen Jahre , und die andern , von den Beschreibungen entzückt , hofften , daß auch sie im nächsten Jahre die Reihe treffen könnte . Die Neuvermählten in dem entfernten Forst wurden ebenfalls nicht vergessen ; aber wie erstaunten sie , die Hochzeitschuhe so schnell vertragen zu finden . Die Frau hatte nachlässig ihre Haare um den Kopf hängen , ihr Mann war auf der Jagd ; sie schüttete mancherlei Klagen der Eifersucht aus , wegen der vielen Weiber , die sich Holz in dem Forst lasen ; sie küßte der Gräfin mit Tränen den Rock , daß sie nicht mehr bei ihr sei , klagte , daß ihr Mann so oft schelte . Der Graf fand aber , daß der Förster dabei nicht ganz unrecht haben mochte ; das Mädchen , ungewohnt der ländlichen Arbeiten , immer nur mit Putzmachen und Ankleiden der Gräfin beschäftigt , hatte in dem artigen neuen Hause eine fürchterliche Unordnung einreißen lassen . Die Gräfin bedauerte sie , der Graf aber ermahnte sie ernstlich mit demselben Augenblicke gleich Hand daran zulegen , in ihrem Hause Ordnung und Reinlichkeit zu stiften . Wirklich entschloß sie sich mit Mühe dazu und der Graf verließ sie mitten in der Reinigung ihrer Milchkammer , in der alle Milch schon verdorben war . Den Prediger Frank fanden sie in einem sehr angenehmen kleinen Hause . Als ein wahrscheinlich noch lange Unverheirateter hatte er sich außer seiner Landwirtschaft und Baumzucht , die er im großen übte , auch alle Künste einer guten Hausmutter angeeignet . Er kochte sehr gut und trat seinen Gästen mit einer Küchenschürze entgegen ; da sie über sein Kochen gelacht hatten , so mußten sie auch Proben davon prüfen und sie gestanden ein , daß sie nie so gute Krammetsvögel gegessen . Nachher führte er die Gräfin auf Verlangen in seinen Dohnenstrich im Garten und sie war überrascht , einen gefangenen Vogel nach dem andern aus der Haarschlinge zu ziehen und ihn triumphierend in die Jagdtasche des Predigers zu werfen . Als sie nachher ihren guten Fang dem Grafen zeigen wollte , da fand sich leider nur ein Vogel , denn der gewandte Mann hatte immer vorauslaufend und den Weg weisend denselben Vogel in alle Schlingen gehängt . Der Graf behauptete , man könne auf diesen Vogel den Ausdruck einer Zeitung über gewisse Kriegsberichte , nach denen nur immer ein Mann gefangen , von neuem anwenden : der bewußte Mann , hier der bewußte Vogel sei wieder gefangen . Beim Abschiede schien der Prediger recht ernstlich betrübt , schwor ihnen , daß er die schönsten Stunden des ganzen Sommers bei ihnen zugebracht habe , nun sei er ganz einsam ; rings um ihn wären lauter Leute , zu deren Fassung er sich herabspannen müßte , niemand der seine Geistestätigkeit anspannte als Gott , mit dem er im beständigen Glaubensstreit lebe , weil er so ganz anders denke , als er lehre und lehren müsse . Er brachte zum Abschiede eine Flasche alten Stachelbeerweins , denn seine Gegend war dem Weinstocke nicht geeignet ; dabei erzählte er , daß die Akzise , die alle Industrie des Landes störe , ihn zwingen wolle , ausländische Weine zu trinken , weil sie über das Einziehen ihrer Steuern dabei in Verlegenheit komme . Nachdem sein Wein Beifall erhalten , fing er an , von seiner kleinen Geliebten behaglich zu erzählen : das Kind habe ihn neulich gefragt , wer denn Amor sei , von dem sie in einem Gedichte gelesen ? Er habe geantwortet , ein kleiner Mann mit Flügeln , der sehr gefährlich . Darauf habe sie ihm versichert , wenn er nur klein wäre , da wollte sie ihn wohl zwingen , wäre er aber groß , so groß wie er , da könnte sie sich nicht wehren . Er fand in dem Scherze etwas Vielbedeutendes , wer konnte ihm diesen hoffenden Sinn stören ; alle schieden von einander in gegenseitiger Zufriedenheit . Ganz verschieden davon war der Abschied von dem Geistlichen des Dorfes ; der Streit mit dem Grafen , noch mehr die mancherlei eigenen vom Grafen ersonnenen Verschönerungen des heiligen Dienstes hatten seine ganze Eifersucht erregt ; mancherlei Einkommen , das er durch die Gunst des Grafen bezog , hinderte ihn diese Empfindlichkeit offen zu zeigen , es waren aber so einzelne Ausrufungen , in denen sie sich Luft machte . So sagte er wohl : » Der Herr Graf werden uns so viel Neues mitbringen , daß wir die alte Religion ganz darüber vergessen ; zwar bin ich der Meinung , daß wenigstens alle zehn Jahre etwas von dem alten Sauerteige weggeschafft werden müsse , jedes Übereilen ist aber gefährlich . « - Der Graf fragte ihn erstaunt , wie er auch nur einen Tag etwas dulden könne , das er in heiliger Überzeugung für alten Sauerteig halte , ob das der Sinn der Märtyrer sei , die in der Bekennung ihres Glaubens selbst gestorben . Der Mann kam in Verlegenheit , rühmte den Herren Grafen , wie er so hübsch spreche , und weiter hatte es keine Folge , als sie beide gegen einander zu erbittern . Am Abende vor der Abreise , als der Graf im Hause hin und her lief , um mancherlei Anordnungen selbst zu machen , die seiner Dolores zu lästig waren , und die doch den Bedienten nicht überlassen werden konnten , klappte er auch alle einzelne Schränke auf , um nach vergessenen Sachen zu forschen . In dieser Vorsicht kam er auch an den Schrank des kleinen Traugott , den er noch voll von seinem Spielzeuge fand ; er beschaute mit einem eignen Gefühle diese Lust eines Toten . Einem Kinde sollte man alles Spielzeug in den Sarg legen , es macht die Lebenden sehr traurig . Alles trug den eigentümlichen Geist des Knaben : seine frühere Geschicklichkeit alles zu durchsuchen und sich zuzueignen und die spätere Sinnigkeit seines ganzen Wesens ; auf dem kleinen Wagen lagen in strenger Ordnung alle Art Sonderbarkeiten , Steine , die wie Brot oder wie Pflaumen aussahen , viele wunderliche Puppen , die er zu seinen Stücken sich ausgeschnitten und bekleidet hatte , und tausend andre Dinge , die der Graf nie bei ihm bemerkt hatte . Einen kleinen Schrank von Nußbaumholz mit Schlössern und vielen Kästchen , die der Graf in seiner eignen Jugend sehr wert gehalten hatte , fand er dort mit Verwunderung ; der Knabe mußte ihn auf dem Boden irgendwo entdeckt haben . Eingedenk der eignen Art , wie er jedes Kästchen zu einem besonderen festen Gebrauche eingeweihet hatte , zog er jedes heraus und sah mit Erstaunen eine Sammlung von Angedenken , jedes mit kurzer Inschrift bezeichnet , und alle diese Angedenken waren kleine Geschenke des Grafen : manches Weggeworfene , woran er sich kaum erinnern konnte , das aber Traugott in seiner Zuneigung sorgsam bewahrt hatte . Mit dem Angelhaken , den er ihm damals zum Troste nach dem Tode der Mutter geschenkt , begann die Sammlung ; in kindischen Reimen stand dabei beschrieben , wie er seine Liebe damit gefangen . Dann fand er Haare , die er ihm einmal im Scherz aus seinem Kamme zum Angedenken verehrt , in ein Netz zusammengeknotet ; in ähnlichen Versen stand dabei : » In diesem Netze von Haaren tu ich seine Liebe bewahren « ; dann fand er Kirschkerne , die er ihm einmal gegeben , sie aus dem Zimmer zu werfen , dabei stand geschrieben : » Die Kerne küßte sein schöner Mund , davon sind sie so glatt und rund « ; ferner eine trockene Kornblume , dabei stand geschrieben : » Diese Blume der Graf heut niedertrat , mit mir er nicht gesprochen hat , ich stürzt mich in das Wasser hinein , sollt so ein Tag noch wieder sein « ; ferner ein Blatt aus dem Haushaltungskalender , auf welchem ein Tag unterstrichen war , daneben stand mit Bleistift : » Dieser Tag sei mir dreimal gesegnet , weil ich dem Grafen dreimal begegnet « ; endlich ein Kranz mit der Inschrift : » Den gab mir der Graf am frühen Morgen , ich sollt ihn an die Gräfin besorgen , und gestern hat er mich fortgeschickt , als sie ihn so zärtlich angeblickt , es tät mir so weh , als ich ihn gebracht , die Gräfin hat den Kranz nicht geacht , sie hat ihn im Vorsaal liegen lassen , da tät ich armer Junge ihn fassen , und heb ihn auf in Ewigkeit , da bin ich von meinem Grafen nicht weit . « - Hier konnte der Graf nicht weiter lesen , Tränen überliefen seine Wangen ; er hatte dem Kleinen alles Gute getan , hätte er aber diese heimliche Zuneigung , diese phantastische Leidenschaft gewußt , wie hätte er ihn oft mit Zuspruch , mit kleiner Gabe erfreuen können , und nun war es zu spät . - Er packte den kleinen Schrank als seinen kostbarsten Schatz selbst ein , und besuchte noch in der Nacht das Grab des Kleinen ; mancher Gedanke zu einem recht bedeutenden Denkmale ging vor ihm über , aber seine Wehmut erstickte sie alle und diese ist das schönste Denkmal der tatenlos verschwundenen Jugend . Der Morgen der Abreise war unruhig angebrochen , mancherlei kleine Geschäfte nahmen dem Abschiede einen Teil des Schmerzlichen , doch bleibt es immer Gewohnheit in solcher Trennung von einer , wenn gleich nicht ausgezeichneten , doch unter besonderen Verhältnissen verlebten Zeit , mehr zu fürchten , als zu erwarten , » Ob ich je diese Seen , diese Wälder wieder sehe ? « fragte Dolores ganz wehmütig den Grafen , » die Glocken läuten zur Frühmesse , jetzt beten alle Menschen und wir reisen ; was bedeutet mir das ? Gewiß sterbe ich im Kindbette und werde hier beigesetzt zu allen deinen Voreltern und du führst eine andre in diese Zimmer ein , als deine Frau ! « - » Nimmermehr du Einziggeliebte ! « rief der Graf , » mit dir lebt ewig mein ganzes Leben , ob du sichtbar bei mir bist , wie bei unsrer Ankunft der Frühling in jenem Walde , den er mit grünem Kranze bedeckt hatte , oder ob ich entlaubt stehe wie er , einsam in Regen und Wind : ruhig traurend , werde ich an deinem Grabe dann eines höheren Frühlings warten - da wird dich Traugott mir entgegenführen - in Zeit und Ewigkeit bleibst du mir unverloren ! Doch wozu so traurige Gedanken ? « - Der Gräfin schauderte jetzt vor dem Gedanken des Todes , den sie so leichtsinnig ausgesprochen hatte ; ihr war zu Mute wie der leichtsinnigen Furcht , welche Mittags unter vielen Menschen andre mit Gespenstergeschichten erschreckt , die sie einsam in der Mitternacht gern vergessen möchte . Dritte Abteilung Schuld Erstes Kapitel Rückkehr des Grafen Karl und der Gräfin Dolores nach der Stadt Wochenbett . Taufe Als ich einmal an einem grauen Tage einsam und gleichgültig meinen Weg wanderte , um mein verhageltes Feld zu besehen , und von einem Hügel zum andern blickte , und so bedachte , wie bald ich auf dem andern , und dann auf dem dritten , und dann - und dann vor dir stehen könnte , du treue Seele , zu der ich am liebsten spreche unter allen in der ganzen Welt , und der ich am wenigsten zu sagen habe , weil du mich gleich verstehst und alle meine Worte in Liebe mehrest und deutest ; da wurde mir allmählich so freudig , daß ich rings umher alles mit anderem Auge ansah , als lernte ich jetzt erst sehen und müßte jetzt nachgenießen , was ich den Tag über in Gleichgültigkeit , Ärger und ferner Träumerei versäumt und übersehen hatte . Ich griff nach dem Steine , den ich neben mir zur Wegebesserung mit frischem schwarzglänzendem Bruche zerschlagen fand , und erkannte ihn als einen gültigen Zeugen größerer Weltbegebenheiten , als die ich erlebt hatte ; ich nahm einen Grashalm auf , der zum Futter abgemäht , am Wege verloren gegangen , zu meinen Füßen lag , und fand in ihm einen Zeugen des Frühlings , der uns beide beglückte , und in mir schlug das Herz als ein Zeuge der Liebe , die ich untergegangen wähnte . O wie selten wird uns die Gegenwart ! Mitten in meiner Freude tönte meine Klage über verlorene Zeit : Für die Liebe zu zart , Für die Gedanken zu schnelle , Eilest du Gegenwart , Nahende , fliehende Welle ; Alles sich spiegelt in dir , Dir nach sehen wir sehnend von hier , Stürzten uns gerne dir nach ; Dich erreichet kein Ach ! Dich erreicht nur die Lust , Strebend dir nach in der schwimmenden Brust , Dich erreicht sie im Meer ; Ach wer dort nur erst wär , Wo viel tausend der Wellen Sich in der Sonne gesellig erhellen . Das Leben ist uns ewig offen , daß wir uns schauend mit seiner Allgegenwart erfüllen , aber wir selbst stehen uns im Lichte mit toter Vorsicht , wie mancher große Mann gähnend einem Kinde im Lichte steht , bei dem Festaufzuge , der das Kind entzückt hätte ; könnten wir uns nur überzeugen , daß nichts alt und nichts neu in der Welt , nichts abgetan sei , und nichts erschöpft . - In diesen Gedanken sah ich umher und es fuhren mehrere Wagen an mir vorüber ; aus dem einen lachten und winkten mir neckend viel fröhliche Mädchen , und trieben den Kutscher , daß er schnell fahre ; im anderen , der sehr bestäubt war , saß ein ernsthaftes und doch jugendliches Paar : ein junger Mann und eine wunderschöne Frau ; ohne Betrübnis schienen sie doch beide ganz in sich versunken , und sprachen nicht mit einander , und dankten auch nicht meinem Gruße . O Bilder der Ausreise und der Rückreise , dachte ich bei diesen beiden Wagen ; jene , wie von einem Luftballe am hellsten Tage zu Regionen ewiger Sehnsucht getragen , sehen unter sich die ganze Welt offen liegen ; diese wie verwundete Gefangene mögen die bekannte Gegend nicht wiedersehen , die sie kürzlich in Siegeshoffnung fröhlich durchzogen . Den Grafen und die Gräfin verließen wir auf ihrer Rückreise nach der Stadt ; das gleichmäßige Stoßen des Wagens erweckte in der bekannten Gegend , in dem erregten Zustande , wie sich beide neben einander fanden , sehr verschiedene Nachgedanken und schläferte ihre Unterredung mit einander ein . Die Gräfin erfaßte am Schlusse dieser Nachgedanken eine innige Überzeugung , daß kein Landleben ihr Beruf sei , daß es allen ihren geselligen Talenten und Neigungen entgegengesetzt , im folgenden Jahre auch wegen der Erziehung des erwarteten Kindes notwendig abgekürzt werden müsse . Der Graf in seinem Nachdenken erschrak fast , daß er von den Arbeiten , die er sich auf der Hinfahrt zu beendigen vorgenommen hatte , nur den kleinsten Teil angefangen , und dagegen von tausend Nebensachen zerstreut worden sei . Er bemerkte mit einiger Kränkung , daß die fehlende Mitwürkung seiner Frau ihm einen wirklichen Mangel in aller Ausführung gelassen , den er durch keinen Besoldeten zu ersetzen vermocht ; er nahm sich vor , sie ernstlich zur Landwirtschaft zu ermahnen , und sie heimlich zu derselben zu führen . Hier verwunderte er sich , als er sich selbst auf einem klugen krummen Wege überraschte und fand , daß er in dem Laufe seiner Beschäftigungen von der geraden treuherzigen Überredung zum Gebrauche mancher Vorteile , Listen und Klugheiten übergegangen sei , doch mehr im Verhältnisse zu seinen Leuten , als zu seiner Frau . So wußte er schon recht gut , daß Leuten von geringer Bildung nichts so stark , als das Gedächtnis imponiert und in Betrügereien schüchtert ; so faßte er deswegen oft unbedeutende Kleinigkeiten auf , um den Leuten bei Gelegenheit als ein allwissendes Gewissen zu erscheinen ; so wußte er sein Vertrauen oft scheinbar einem Menschen zu schenken , um ihn kennen zu lernen ; so wußte er die Feindschaften der Leute nach seinem Willen zu benutzen ; kurz , er fand mit großem Erstaunen , daß seiner Einbildung ganz entgegen , die Bauern in die eignen edlen Gesinnungen hinüber zu überzeugen und zu erziehen , sie ihn in ihrer Klugheit und Umschauung erzogen hatten . Diese Klugheit und Umschauung sind auch Himmelsgaben , wenn gleich unter allen die geringsten , die sich am rohen Menschen zuerst entwickeln und darum von höher Gebildeten wie das Gedächtnis leicht zu sehr verachtet werden . - Der Graf sollte sie künftig nur mehr brauchen . Nachdem sich beide so wüste und müde in sich gedacht hatten , fielen sie einander in die Arme , und küßten sich , um ihr Gähnen zu verstecken ; niemand sollte sich einen solchen Kuß der Gewohnheit und der Langenweile erlauben , er nimmt allen lebendigen Küssen , die folgen , ihre überzeugende Kraft . Darüber dachten beide nicht nach , beide lebten , so wie sie sich der Stadt näherten , allmählich ganz hinüber , und kaum waren sie angekommen , so erfüllte die Freude des alten Bedienten , der die Aufsicht über Haus und Garten geführt hatte , seine gesammelten Schätze an Früchten des Gartens , die er alle in die Zimmer trug , der Andrang aller Bekannten , die Licht darin gesehen hatten , das ganze Haus . Jeder bemühte sich in der kürzesten Zeit alles Geschehene zu erzählen ; das liebe Geheimnis der Gräfin war gleich entdeckt , und es drängten sich viele Frauen mit klugen Mienen an sie , ihr Belehrung zu geben in diesen neuen Umständen . Den Grafen ärgerte etwas dies Geschwätz , dies Heimlichtun , das alle folgende Tage fortdauerte , er überraschte seine Frau sehr bald auf manchem Satze , der ihm in ihrem Munde ganz fremd klang ; er konnte nicht begreifen , wie sie daran Vergnügen finden könnte , zu hören , wie jene gesäugt , wie diese voraus wisse , ob es ein Knabe oder ein Mädchen sei ; doch sein Mitleid mit den Beschwerlichkeiten ihres Zustandes unterdrückte jeden Tadel . Lächelnd dachte er seines Ärgers über den Prediger Frank und dessen zeugende Blicke , weil wirklich übereinstimmend mit dessen erstem Besuche , der Ursprung des geliebten Kindes gesetzt werden konnte , das ihm unsichtbar entgegen pochte , wie ein neues Herz , und dem er mit Ungeduld entgegensah . Dem Prediger schrieb der Graf wirklich einen scherzhaften eifersüchtigen Brief deswegen , den Frank in gleicher Gesinnung recht artig beantwortete , und mit Leidwesen die Öde in dem Schlosse des Grafen beschrieb . Die Zeit der befürchteten und gehofften Niederkunft nahete mit dem Eintritt der stärksten Kälte ; mit Geschmack hatte er das Wochenzimmer verziert ; ein schönes altes Bild , das Christuskind auf dem Stroh in der Krippe , das mit beiden Händen lächelnd nach den Engeln greift , die in der Luft schweben , verzierte die Hauptwand . Die Freundinnen waren arbeitsam , eine große Zahl zierlich gestrickter Mützen , gestickter Kleiderchen und gestickten Wiegenzeuges zusammen zu bringen . Mitten in diesen Anordnungen überkam eine schnelle und leichte Geburt die Gräfin . Der Graf war ein paar Stunden in notwendigen Geschäften abwesend gewesen , doch behauptete er , einen durchdringenden Schrei in seinen Ohren gehört zu haben , weswegen er mit Besorgnis nach Hause geeilt sei , die aber von dem Anblicke des wohlgebildeten kleinen schreienden Buben , der reinlich auf einer Decke liegend , von allen Hausgenossen angestaunt wurde , zum höchsten Jubel überging . Die Gräfin sagte ihm leise , sie würde um keinen Preis der Welt je wieder in die Wochen kommen ; doch die andern Frauen erklärten gleich , daß diese Redensart eben nicht im strengen Sinne zu nehmen , vielmehr als ein Eid anzusehen sei , den