, ja sie sprach sich einst , da sie es nicht umgehen konnte , hierüber ganz deutlich aus . » Wenn dein Entschluß , « entgegnete ihr Charlotte , » Eduarden zu entsagen , so fest und unveränderlich ist , so hüte dich nur vor der Gefahr des Wiedersehens . In der Entfernung von dem geliebten Gegenstande scheinen wir , je lebhafter unsere Neigung ist , desto mehr Herr von uns selbst zu werden , indem wir die ganze Gewalt der Leidenschaft , wie sie sich nach außen erstreckte , nach innen wenden ; aber wie bald , wie geschwind sind wir aus diesem Irrtum gerissen , wenn dasjenige , was wir entbehren zu können glaubten , auf einmal wieder als unentbehrlich vor unsern Augen steht . Tue jetzt , was du deinen Zuständen am gemäßesten hältst ; prüfe dich , ja verändre lieber deinen gegenwärtigen Entschluß : aber aus dir selbst , aus freiem , wollendem Herzen . Laß dich nicht zufällig , nicht durch Überraschung in die vorigen Verhältnisse wieder hineinziehen ; dann gibt es erst einen Zwiespalt im Gemüt , der unerträglich ist . Wie gesagt , ehe du diesen Schritt tust , ehe du dich von mir entfernst und ein neues Leben anfängst , das dich wer weiß auf welche Wege leitet , so bedenke noch einmal , ob du denn wirklich für alle Zukunft Eduarden entsagen kannst . Hast du dich aber hierzu bestimmt , so schließen wir einen Bund , daß du dich mit ihm nicht einlassen willst , selbst nicht in eine Unterredung , wenn er dich aufsuchen , wenn er sich zu dir drängen sollte . « Ottilie besann sich nicht einen Augenblick , sie gab Charlotten das Wort , das sie sich schon selbst gegeben hatte . Nun aber schwebte Charlotten immer noch jene Drohung Eduards vor der Seele , daß er Ottilien nur so lange entsagen könne , als sie sich von Charlotten nicht trennte . Es hatten sich zwar seit der Zeit die Umstände so verändert , es war so mancherlei vorgefallen , daß jenes vom Augenblick ihm abgedrungene Wort gegen die folgenden Ereignisse für aufgehoben zu achten war ; dennoch wollte sie auch im entferntesten Sinne weder etwas wagen noch etwas vornehmen , das ihn verletzen könnte , und so sollte Mittler in diesem Falle Eduards Gesinnungen erforschen . Mittler hatte seit dem Tode des Kindes Charlotten öfters , obgleich nur auf Augenblicke , besucht . Dieser Unfall , der ihm die Wiedervereinigung beider Gatten höchst unwahrscheinlich machte , wirkte gewaltsam auf ihn ; aber immer nach seiner Sinnesweise hoffend und strebend , freute er sich nun im stillen über den Entschluß Ottiliens . Er vertraute der lindernden , vorüberziehenden Zeit , dachte noch immer die beiden Gatten zusammenzuhalten und sah diese leidenschaftlichen Bewegungen nur als Prüfungen ehelicher Liebe und Treue an . Charlotte hatte gleich anfangs den Major von Ottiliens erster Erklärung schriftlich unterrichtet , ihn auf das inständigste gebeten , Eduarden dahin zu vermögen , daß keine weiteren Schritte geschähen , daß man sich ruhig verhalte , daß man abwarte , ob das Gemüt des schönen Kindes sich wieder herstelle . Auch von den spätern Ereignissen und Gesinnungen hatte sie das Nötige mitgeteilt , und nun war freilich Mittlern die schwierige Aufgabe übertragen , auf eine Veränderung des Zustandes Eduarden vorzubereiten . Mittler aber , wohl wissend , daß man das Geschehene sich eher gefallen läßt , als daß man in ein noch zu Geschehendes einwilligt , überredete Charlotten , es sei das beste , Ottilien gleich nach der Pension zu schicken . Deshalb wurden , sobald er weg war , Anstalten zur Reise gemacht . Ottilie packte zusammen , aber Charlotte sah wohl , daß sie weder das schöne Köfferchen noch irgend etwas daraus mitzunehmen sich anschickte . Die Freundin schwieg und ließ das schweigende Kind gewähren . Der Tag der Abreise kam herbei ; Charlottens Wagen sollte Ottilien den ersten Tag bis in ein bekanntes Nachtquartier , den zweiten bis in die Pension bringen ; Nanny sollte sie begleiten und ihre Dienerin bleiben . Das leidenschaftliche Mädchen hatte sich gleich nach dem Tode des Kindes wieder an Ottilien zurückgefunden und hing nun an ihr wie sonst durch Natur und Neigung , ja sie schien durch unterhaltende Redseligkeit das bisher Versäumte wieder nachbringen und sich ihrer geliebten Herrin völlig widmen zu wollen . Ganz außer sich war sie nun über das Glück , mitzureisen , fremde Gegenden zu sehen , da sie noch niemals außer ihrem Geburtsort gewesen , und rannte vom Schlosse ins Dorf , zu ihren Eltern , Verwandten , um ihr Glück zu verkündigen und Abschied zu nehmen . Unglücklicherweise traf sie dabei in die Zimmer der Maserkranken und empfand sogleich die Folgen der Ansteckung . Man wollte die Reise nicht aufschieben ; Ottilie drang selbst darauf ; sie hatte den Weg schon gemacht , sie kannte die Wirtsleute , bei denen sie einkehren sollte ; der Kutscher vom Schlosse führte sie ; es war nichts zu besorgen . Charlotte widersetzte sich nicht ; auch sie eilte schon in Gedanken aus diesen Umgebungen weg , nur wollte sie noch die Zimmer , die Ottilie im Schloß bewohnt hatte , wieder für Eduarden einrichten , gerade so wie sie vor der Ankunft des Hauptmanns gewesen . Die Hoffnung , ein altes Glück wiederherzustellen , flammt immer einmal wieder in dem Menschen auf , und Charlotte war zu solchen Hoffnungen abermals berechtigt , ja genötigt . Sechzehntes Kapitel Als Mittler gekommen war , sich mit Eduarden über die Sache zu unterhalten , fand er ihn allein , den Kopf in die rechte Hand gelehnt , den Arm auf den Tisch gestemmt . Er schien sehr zu leiden . » Plagt Ihr Kopfweh Sie wieder ? « fragte Mittler . » Es plagt mich , « versetzte jener ; » und doch kann ich es nicht hassen , denn es erinnert mich an Ottilien . Vielleicht leidet auch sie jetzt , denk ich , auf ihren linken Arm gestützt , und leidet wohl mehr als ich . Und warum soll ich es nicht tragen wie sie ? Diese Schmerzen sind mir heilsam , sind mir , ich kann beinah sagen , wünschenswert ; denn nur mächtiger , deutlicher , lebhafter schwebt mir das Bild ihrer Geduld , von allen ihren übrigen Vorzügen begleitet , vor der Seele , nur im Leiden empfinden wir recht vollkommen alle die großen Eigenschaften , die nötig sind , um es zu ertragen . « Als Mittler den Freund in diesem Grade resigniert fand , hielt er mit seinem Anbringen nicht zurück , das er jedoch stufenweise , wie der Gedanke bei den Frauen entsprungen , wie er nach und nach zum Vorsatz gereift war , historisch vortrug . Eduard äußerte sich kaum dagegen . Aus dem wenigen , was er sagte , schien hervorzugehen , daß er jenen alles überlasse ; sein gegenwärtiger Schmerz schien ihn gegen alles gleichgültig gemacht zu haben . Kaum war er allein , so stand er auf und ging in dem Zimmer hin und wider . Er fühlte seinen Schmerz nicht mehr , er war ganz außer sich beschäftigt . Schon unter Mittlers Erzählung hatte die Einbildungskraft des Liebenden sich lebhaft ergangen . Er sah Ottilien allein oder so gut als allein auf wohlbekanntem Wege , in einem gewohnten Wirtshause , dessen Zimmer er so oft betreten ; er dachte , er überlegte , oder vielmehr er dachte , er überlegte nicht ; er wünschte , er wollte nur . Er mußte sie sehn , sie sprechen . Wozu , warum , was daraus entstehen sollte , davon konnte die Rede nicht sein . Er widerstand nicht , er mußte . Der Kammerdiener ward ins Vertrauen gezogen und erforschte sogleich Tag und Stunde , wann Ottilie reisen würde . Der Morgen brach an ; Eduard säumte nicht , unbegleitet sich zu Pferde dahin zu begeben , wo Ottilie übernachten sollte . Er kam nur allzuzeitig dort an ; die überraschte Wirtin empfing ihn mit Freuden ; sie war ihm ein großes Familienglück schuldig geworden . Er hatte ihrem Sohn , der als Soldat sich sehr brav gehalten , ein Ehrenzeichen verschafft , indem er dessen Tat , wobei er allein gegenwärtig gewesen , heraushob , mit Eifer bis vor den Feldherrn brachte und die Hindernisse einiger Mißwollenden überwand . Sie wußte nicht , was sie ihm alles zuliebe tun sollte . Sie räumte schnell in ihrer Putzstube , die freilich auch zugleich Garderobe und Vorratskammer war , möglichst zusammen ; allein er kündigte ihr die Ankunft eines Frauenzimmers an , die hier hereinziehen sollte , und ließ für sich eine Kammer hinten auf dem Gange notdürftig einrichten . Der Wirtin erschien die Sache geheimnisvoll , und es war ihr angenehm , ihrem Gönner , der sich dabei sehr interessiert und tätig zeigte , etwas Gefälliges zu erweisen . Und er , mit welcher Empfindung brachte er die lange , lange Zeit bis zum Abend hin ! Er betrachtete das Zimmer ringsumher , in dem er sie sehen sollte ; es schien ihm in seiner ganzen häuslichen Seltsamkeit ein himmlischer Aufenthalt . Was dachte er sich nicht alles aus , ob er Ottilien überraschen , ob er sie vorbereiten sollte ! Endlich gewann die letztere Meinung Oberhand ; er setzte sich hin und schrieb . Dies Blatt sollte sie empfangen . Eduard an Ottilien » Indem du diesen Brief liesest , Geliebteste , bin ich in deiner Nähe . Du mußt nicht erschrecken , dich nicht entsetzen ; du hast von mir nichts zu befürchten . Ich werde mich nicht zu dir drängen . Du siehst mich nicht eher , als du es erlaubst . Bedenke vorher deine Lage , die meinige . Wie sehr danke ich dir , daß du keinen entscheidenden Schritt zu tun vorhast ; aber bedeutend genug ist er . Tu ihn nicht ! Hier , auf einer Art von Scheideweg , überlege nochmals : Kannst du mein sein , willst du mein sein ? O du erzeigst uns allen eine große Wohltat und mir eine überschwengliche . Laß mich dich wiedersehen , dich mit Freuden wiedersehen . Laß mich die schöne Frage mündlich tun und beantworte sie mir mit deinem schönen Selbst . An meine Brust , Ottilie ! hieher , wo du manchmal geruht hast und wo du immer hingehörst ! « Indem er schrieb , ergriff ihn das Gefühl , sein Höchstersehntes nahe sich , es werde nun gleich gegenwärtig sein . Zu dieser Türe wird sie hereintreten , diesen Brief wird sie lesen , wirklich wird sie wie sonst vor mir dastehen , deren Erscheinung ich mir so oft herbeisehnte . Wird sie noch dieselbe sein ? Hat sich ihre Gestalt , haben sich ihre Gesinnungen verändert ? Er hielt die Feder noch in der Hand , er wollte schreiben , wie er dachte ; aber der Wagen rollte in den Hof . Mit flüchtiger Feder setzte er noch hinzu : » Ich höre dich kommen . Auf einen Augenblick leb wohl ! « Er faltete den Brief , überschrieb ihn ; zum Siegeln war es zu spät . Er sprang in die Kammer , durch die er nachher auf den Gang zu gelangen wußte , und augenblicks fiel ihm ein , daß er die Uhr mit dem Petschaft noch auf dem Tisch gelassen . Sie sollte diese nicht zuerst sehen ; er sprang zurück und holte sie glücklich weg . Vom Vorsaal her vernahm er schon die Wirtin , die auf das Zimmer losging , um es dem Gast anzuweisen . Er eilte gegen die Kammertür , aber sie war zugefahren . Den Schlüssel hatte er beim Hineinspringen heruntergeworfen , der lag inwendig ; das Schloß war zugeschnappt , und er stund gebannt . Heftig drängte er an der Türe ; sie gab nicht nach . O wie hätte er gewünscht , als ein Geist durch die Spalten zu schlüpfen ! Vergebens ! Er verbarg sein Gesicht an den Türpfosten . Ottilie trat herein , die Wirtin , als sie ihn erblickte , zurück . Auch Ottilien konnte er nicht einen Augenblick verborgen bleiben . Er wendete sich gegen sie , und so standen die Liebenden abermals auf die seltsamste Weise gegeneinander . Sie sah ihn ruhig und ernsthaft an , ohne vor - oder zurückzugehen , und als er eine Bewegung machte , sich ihr zu nähern , trat sie einige Schritte zurück bis an den Tisch . Auch er trat wieder zurück . » Ottilie , « rief er aus , » laß mich das furchtbare Schweigen brechen ! Sind wir nur Schatten , die einander gegenüberstehen ? Aber vor allen Dingen höre ! es ist ein Zufall , daß du mich gleich jetzt hier findest . Neben dir liegt ein Brief , der dich vorbereiten sollte . Lies , ich bitte dich , lies ihn ! und dann beschließe , was du kannst . « Sie blickte herab auf den Brief , und nach einigem Besinnen nahm sie ihn auf , erbrach und las ihn . Ohne die Miene zu verändern , hatte sie ihn gelesen , und so legte sie ihn leise weg ; dann drückte sie die flachen , in die Höhe gehobenen Hände zusammen , führte sie gegen die Brust , indem sie sich nur wenig vorwärts neigte , und sah den dringend Fordernden mit einem solchen Blick an , daß er von allem abzustehen genötigt war , was er verlangen oder wünschen mochte . Diese Bewegung zerriß ihm das Herz . Er konnte den Anblick , er konnte die Stellung Ottiliens nicht ertragen . Es sah völlig aus , als würde sie in die Kniee sinken , wenn er beharrte . Er eilte verzweifelnd zur Tür hinaus und schickte die Wirtin zu der Einsamen . Er ging auf dem Vorsaal auf und ab . Es war Nacht geworden , im Zimmer blieb es stille . Endlich trat die Wirtin heraus und zog den Schlüssel ab . Die gute Frau war gerührt , war verlegen , sie wußte nicht , was sie tun sollte . Zuletzt im Weggehen bot sie den Schlüssel Eduarden an , der ihn ablehnte . Sie ließ das Licht stehen und entfernte sich . Eduard im tiefsten Kummer warf sich auf Ottiliens Schwelle , die er mit seinen Tränen benetzte . Jammervoller brachten kaum jemals in solcher Nähe Liebende eine Nacht zu . Der Tag brach an ; der Kutscher trieb , die Wirtin schloß auf und trat in das Zimmer . Sie fand Ottilien angekleidet eingeschlafen , sie ging zurück und winkte Eduarden mit einem teilnehmenden Lächeln . Beide traten vor die Schlafende ; aber auch diesen Anblick vermochte Eduard nicht auszuhalten . Die Wirtin wagte nicht , das ruhende Kind zu wecken , sie setzte sich gegenüber . Endlich schlug Ottilie die schönen Augen auf und richtete sich auf ihre Füße . Sie lehnt das Frühstück ab , und nun tritt Eduard vor sie . Er bittet sie inständig , nur ein Wort zu reden , ihren Willen zu erklären . Er wolle allen ihren Willen , schwört er ; aber sie schweigt . Nochmals fragt er sie liebevoll und dringend , ob sie ihm angehören wolle . Wie lieblich bewegt sie mit niedergeschlagenen Augen ihr Haupt zu einem sanften Nein ! Er fragt , ob sie nach der Pension wolle . Gleichgültig verneint sie das . Aber als er fragt , ob er sie zu Charlotten zurückführen dürfe , bejaht sies mit einem getrosten Neigen des Hauptes . Er eilt ans Fenster , dem Kutscher Befehle zu geben ; aber hinter ihm weg ist sie wie der Blitz zur Stube hinaus , die Treppe hinab in dem Wagen . Der Kutscher nimmt den Weg nach dem Schlosse zurück ; Eduard folgt zu Pferde in einiger Entfernung . Siebzehntes Kapitel Wie höchst überrascht war Charlotte , als sie Ottilien vorfahren und Eduarden zu Pferde sogleich in den Schloßhof hereinsprengen sah ! Sie eilte bis zur Türschwelle . Ottilie steigt aus und nähert sich mit Eduarden . Mit Eifer und Gewalt faßt sie die Hände beider Ehegatten , drückt sie zusammen und eilt auf ihr Zimmer . Eduard wirft sich Charlotten um den Hals und zerfließt in Tränen ; er kann sich nicht erklären , bittet , Geduld mit ihm zu haben , Ottilien beizustehen , ihr zu helfen . Charlotte eilt auf Ottiliens Zimmer , und ihr schaudert , da sie hineintritt ; es war schon ganz ausgeräumt , nur die leeren Wände standen da . Es erschien so weitläufig als unerfreulich . Man hatte alles weggetragen , nur das Köfferchen , unschlüssig , wo man es hinstellen sollte , in der Mitte des Zimmers stehengelassen . Ottilie lag auf dem Boden , Arm und Haupt über den Koffer gestreckt . Charlotte bemüht sich um sie , fragt , was vorgegangen , und erhält keine Antwort . Sie läßt ihr Mädchen , das mit Erquickungen kommt , bei Ottilien und eilt zu Eduarden . Sie findet ihn im Saal ; auch er belehrt sie nicht . Er wirft sich vor ihr nieder , er badet ihre Hände in Tränen , er flieht auf sein Zimmer , und als sie ihm nachfolgen will , begegnet ihr der Kammerdiener , der sie aufklärt , soweit er vermag . Das übrige denkt sie sich zusammen und dann sogleich mit Entschlossenheit an das , was der Augenblick fordert . Ottiliens Zimmer ist aufs baldigste wieder eingerichtet . Eduard hat die seinigen angetroffen , bis auf das letzte Papier , wie er sie verlassen . Die dreie scheinen sich wieder gegeneinander zu finden , aber Ottilie fährt fort zu schweigen , und Eduard vermag nichts , als seine Gattin um Geduld zu bitten , die ihm selbst zu fehlen scheint . Charlotte sendet Boten an Mittlern und an den Major . Jener war nicht anzutreffen , dieser kommt . Gegen ihn schüttet Eduard sein Herz aus , ihm gesteht er jeden kleinsten Umstand , und so erfährt Charlotte , was begegnet , was die Lage so sonderbar verändert , was die Gemüter aufgeregt . Sie spricht aufs liebevollste mit ihrem Gemahl . Sie weiß keine andere Bitte zu tun als nur , daß man das Kind gegenwärtig nicht bestürmen möge . Eduard fühlt den Wert , die Liebe , die Vernunft seiner Gattin ; aber seine Neigung beherrscht ihn ausschließlich . Charlotte macht ihm Hoffnung , verspricht ihm , in die Scheidung zu willigen . Er traut nicht ; er ist so krank , daß ihn Hoffnung und Glaube abwechselnd verlassen ; er dringt in Charlotten , sie soll dem Major ihre Hand zusagen ; eine Art von wahnsinnigem Unmut hat ihn ergriffen . Charlotte , ihn zu besänftigen , ihn zu erhalten , tut , was er fordert . Sie sagt dem Major ihre Hand zu auf den Fall , daß Ottilie sich mit Eduarden verbinden wolle , jedoch unter ausdrücklicher Bedingung , daß die beiden Männer für den Augenblick zusammen eine Reise machen . Der Major hat für seinen Hof ein auswärtiges Geschäft , und Eduard verspricht , ihn zu begleiten . Man macht Anstalten , und man beruhigt sich einigermaßen , indem wenigstens etwas geschieht . Unterdessen kann man bemerken , daß Ottilie kaum Speise noch Trank zu sich nimmt , indem sie immerfort bei ihrem Schweigen verharrt . Man redet ihr zu , sie wird ängstlich ; man unterläßt es . Denn haben wir nicht meistenteils die Schwäche , daß wir jemanden auch zu seinem Besten nicht gern quälen mögen ? Charlotte sann alle Mittel durch , endlich geriet sie auf den Gedanken , jenen Gehülfen aus der Pension kommen zu lassen , der über Ottilien viel vermochte , der wegen ihres unvermuteten Außenbleibens sich sehr freundlich geäußert , aber keine Antwort erhalten hatte . Man spricht , um Ottilien nicht zu überraschen , von diesem Vorsatz in ihrer Gegenwart . Sie scheint nicht einzustimmen ; sie bedenkt sich ; endlich scheint ein Entschluß in ihr zu reifen , sie eilt nach ihrem Zimmer und sendet noch vor Abend an die Versammelten folgendes Schreiben . Ottilie den Freunden » Warum soll ich ausdrücklich sagen , meine Geliebten , was sich von selbst versteht ? Ich bin aus meiner Bahn geschritten , und ich soll nicht wieder hinein . Ein feindseliger Dämon , der Macht über mich gewonnen , scheint mich von außen zu hindern , hätte ich mich auch mit mir selbst wieder zur Einigkeit gefunden . Ganz rein war mein Vorsatz , Eduarden zu entsagen , mich von ihm zu entfernen . Ihm hofft ich nicht wieder zu begegnen . Es ist anders geworden ; er stand selbst gegen seinen eigenen Willen vor mir . Mein Versprechen , mich mit ihm in keine Unterredung einzulassen , habe ich vielleicht zu buchstäblich genommen und gedeutet . Nach Gefühl und Gewissen des Augenblicks schwieg ich , verstummt ich vor dem Freunde , und nun habe ich nichts mehr zu sagen . Ein strenges Ordensgelübde , welches den , der es mit Überlegung eingeht , vielleicht unbequem ängstiget , habe ich zufällig , vom Gefühl gedrungen , über mich genommen . Laßt mich darin beharren , solange mir das Herz gebietet . Beruft keine Mittelsperson ! Dringt nicht in mich , daß ich reden , daß ich mehr Speise und Trank genießen soll , als ich höchstens bedarf . Helft mir durch Nachsicht und Geduld über diese Zeit hinweg . Ich bin jung , die Jugend stellt sich unversehens wieder her . Duldet mich in eurer Gegenwart , erfreut mich durch eure Liebe , belehrt mich durch eure Unterhaltung ; aber mein Innres überlaßt mir selbst ! « Die längst vorbereitete Abreise der Männer unterblieb , weil jenes auswärtige Geschäft des Majors sich verzögerte . Wie erwünscht für Eduard ! Nun durch Ottiliens Blatt aufs neue angeregt , durch ihre trostvollen , hoffnunggebenden Worte wieder ermutigt und zu standhaftem Ausharren berechtigt , erklärte er auf einmal , er werde sich nicht entfernen . » Wie töricht , « rief er aus , » das Unentbehrlichste , Notwendigste vorsätzlich , voreilig wegzuwerfen , das , wenn uns auch der Verlust bedroht , vielleicht noch zu erhalten wäre ! Und was soll es heißen ? Doch nur , daß der Mensch ja scheine , wollen , wählen zu können . So habe ich oft , beherrscht von solchem albernen Dünkel , Stunden , ja Tage zu früh mich von Freunden losgerissen , um nur nicht von dem letzten , unausweichlichen Termin entschieden gezwungen zu werden . Diesmal aber will ich bleiben . Warum soll ich mich entfernen ? Ist sie nicht schon von mir entfernt ? Es fällt mir nicht ein , ihre Hand zu fassen , sie an mein Herz zu drücken ; sogar darf ich es nicht denken , es schaudert mir . Sie hat sich nicht von mir weg , sie hat sich über mich weg gehoben . « Und so blieb er , wie er wollte , wie er mußte . Aber auch dem Behagen glich nichts , wenn er sich mit ihr zusammenfand . Und so war auch ihr dieselbe Empfindung geblieben ; auch sie konnte sich dieser seligen Notwendigkeit nicht entziehen . Nach wie vor übten sie eine unbeschreibliche , fast magische Anziehungskraft gegeneinander aus . Sie wohnten unter Einem Dache ; aber selbst ohne gerade aneinander zu denken , mit andern Dingen beschäftigt , von der Gesellschaft hin und her gezogen , näherten sie sich einander . Fanden sie sich in Einem Saale , so dauerte es nicht lange , und sie standen , sie saßen nebeneinander . Nur die nächste Nähe konnte sie beruhigen , aber auch völlig beruhigen , und diese Nähe war genug ; nicht eines Blickes , nicht eines Wortes , keiner Gebärde , keiner Berührung bedurfte es , nur des reinen Zusammenseins . Dann waren es nicht zwei Menschen , es war nur Ein Mensch im bewußtlosen , vollkommnen Behagen , mit sich selbst zufrieden und mit der Welt . Ja , hätte man eins von beiden am letzten Ende der Wohnung festgehalten , das andere hätte sich nach und nach von selbst , ohne Vorsatz , zu ihm hinbewegt . Das Leben war ihnen ein Rätsel , dessen Auflösung sie nur miteinander fanden . Ottilie war durchaus heiter und gelassen , so daß man sich über sie völlig beruhigen konnte . Sie entfernte sich wenig aus der Gesellschaft , nur hatte sie es erlangt , allein zu speisen . Niemand als Nanny bediente sie . Was einem jeden Menschen gewöhnlich begegnet , wiederholt sich mehr , als man glaubt , weil seine Natur hiezu die nächste Bestimmung gibt . Charakter , Individualität , Neigung , Richtung , Örtlichkeit , Umgebungen und Gewohnheiten bilden zusammen ein Ganzes , in welchem jeder Mensch wie in einem Elemente , in einer Atmosphäre schwimmt , worin es ihm allein bequem und behaglich ist . Und so finden wir die Menschen , über deren Veränderlichkeit so viele Klage geführt wird , nach vielen Jahren zu unserm Erstaunen unverändert und nach äußern und innern unendlichen Anregungen unveränderlich . So bewegte sich auch in dem täglichen Zusammenleben unserer Freunde fast alles wieder in dem alten Gleise . Noch immer äußerte Ottilie stillschweigend durch manche Gefälligkeit ihr zuvorkommendes Wesen , und so jedes nach seiner Art. Auf diese Weise zeigte sich der häusliche Zirkel als ein Scheinbild des vorigen Lebens , und der Wahn , als ob noch alles beim alten sei , war verzeihlich . Die herbstlichen Tage , an Länge jenen Frühlingstagen gleich , riefen die Gesellschaft um eben die Stunde aus dem Freien ins Haus zurück . Der Schmuck an Früchten und Blumen , der dieser Zeit eigen ist , ließ glauben , als wenn es der Herbst jenes ersten Frühlings wäre ; die Zwischenzeit war ins Vergessen gefallen . Denn nun blühten die Blumen , dergleichen man in jenen ersten Tagen auch gesäet hatte ; nun reiften Früchte an den Bäumen , die man damals blühen gesehen . Der Major ging ab und zu ; auch Mittler ließ sich öfter sehen . Die Abendsitzungen waren meistens regelmäßig . Eduard las gewöhnlich , lebhafter , gefühlvoller , besser , ja sogar heiterer , wenn man will , als jemals . Es war , als wenn er , so gut durch Fröhlichkeit als durch Gefühl , Ottiliens Erstarren wieder beleben , ihr Schweigen wieder auflösen wollte . Er setzte sich wie vormals , daß sie ihm ins Buch sehen konnte , ja er ward unruhig , zerstreut , wenn sie nicht hineinsah , wenn er nicht gewiß war , daß sie seinen Worten mit ihren Augen folgte . Jedes unerfreuliche , unbequeme Gefühl der mittleren Zeit war ausgelöscht . Keines trug mehr dem andern etwas nach ; jede Art von Bitterkeit war verschwunden . Der Major begleitete mit der Violine das Klavierspiel Charlottens , so wie Eduards Flöte mit Ottiliens Behandlung des Saiteninstruments wieder wie vormals zusammentraf . So rückte man dem Geburtstage Eduards näher , dessen Feier man vor einem Jahre nicht erreicht hatte . Er sollte ohne Festlichkeit in stillem , freundlichem Behagen diesmal gefeiert werden . So war man , halb stillschweigend halb ausdrücklich , miteinander übereingekommen . Doch je näher diese Epoche heranrückte , vermehrte sich das Feierliche in Ottiliens Wesen , das man bisher mehr empfunden als bemerkt hatte . Sie schien im Garten oft die Blumen zu mustern ; sie hatte dem Gärtner angedeutet , die Sommergewächse aller Art zu schonen , und sich besonders bei den Astern aufgehalten , die gerade dieses Jahr in unmäßiger Menge blühten . Achtzehntes Kapitel Das Bedeutendste jedoch , was die Freunde mit stiller Aufmerksamkeit beobachteten , war , daß Ottilie den Koffer zum erstenmal ausgepackt und daraus verschiedenes gewählt und abgeschnitten hatte , was zu einem einzigen , aber ganzen und vollen Anzug hinreichte . Als sie das übrige mit Beihülfe Nannys wieder einpacken wollte , konnte sie kaum damit zustande kommen ; der Raum war übervoll , obgleich schon ein Teil herausgenommen war . Das junge habgierige Mädchen konnte sich nicht satt sehen , besonders da sie auch für alle kleineren Stücke des Anzugs gesorgt fand . Schuhe , Strümpfe , Strumpfbänder mit Devisen , Handschuhe und so manches andere war noch übrig . Sie bat Ottilien , ihr nur etwas davon zu schenken . Diese verweigerte es , zog aber sogleich die Schublade einer Kommode heraus und ließ das Kind wählen , das hastig und ungeschickt zugriff und mit der Beute gleich davonlief , um den übrigen Hausgenossen ihr Glück zu verkünden und vorzuzeigen . Zuletzt gelang es Ottilien , alles sorgfältig wieder einzuschichten ; sie öffnete hierauf ein verborgenes Fach , das im Deckel angebracht war . Dort hatte sie kleine Zettelchen und Briefe Eduards , mancherlei aufgetrocknete Blumenerinnerungen früherer Spaziergänge , eine Locke ihres Geliebten und was sonst noch verborgen . Noch eins fügte sie hinzu - es war das Porträt ihres Vaters- und verschloß das Ganze , worauf sie den zarten Schlüssel an dem goldnen Kettchen wieder um den Hals an ihre Brust hing . Mancherlei Hoffnungen waren indes in dem Herzen der Freunde rege geworden . Charlotte war überzeugt , Ottilie werde auf jenen Tag wieder zu sprechen anfangen ; denn sie hatte bisher eine heimliche Geschäftigkeit bewiesen , eine Art von heiterer Selbstzufriedenheit , ein Lächeln , wie es demjenigen auf dem Gesichte schwebt , der Geliebten etwas Gutes und Erfreuliches verbirgt . Niemand wußte , daß Ottilie gar manche Stunde in großer Schwachheit hinbrachte , aus der sie sich nur für die Zeiten , wo sie erschien , durch Geisteskraft emporhielt . Mittler hatte sich diese Zeit öfters sehen lassen und war länger geblieben als sonst gewöhnlich . Der hartnäckige Mann wußte nur zu wohl , daß es einen gewissen Moment gibt , wo allein das Eisen zu schmieden ist . Ottiliens Schweigen sowie ihre Weigerung legte er zu seinen Gunsten