deines Briefes sagst , daß seltsame Empfindungen und tausenderlei Gedanken meine Seele durchkreuzen werden , wenn ich deinen Brief eröffnet haben würde . Schrecken , Freude , und dann Zweifel waren die ersten Regungen meines Herzens , als ich die Schriftzüge der geliebten Freundin erblickte , die ich längst unter dem Hügel von Trachene begraben glaubte . Aber als der Inhalt der ersten Zeilen jede Ungewißheit zerstreut hatte - da , meine Geliebte , war inniger heißer Dank und ein kindliches Gebet zu dem gütigen Vater , der die Herzen der Menschen wie Wasserbäche lenkt , und ohne dessen Willen kein Haar von unserm Haupte fällt , mein dringendstes Gefühl . Dann las ich weiter , und mein Herz begleitete dein Schicksal mit sympathetischen Gefühlen bis gegen das Ende . Ja , meine Geliebte ! wunderbar und unbegreiflich sind die Fügungen Gottes , der dich mitten unter Barbaren erhielt , und dir ihre Gemüther geneigt machte , daß sie nicht allein deines Lebens und deiner Ehre schonten , sondern dich auch in Frieden ziehen ließen , als die Rettung erschien . Wie sehr hätte ich gewünscht , diese reine Freude mit unserm ehrwürdigen Vater Theophron zu theilen ! Aber sein verklärter Geist schwebt bereits in höhern Räumen , und er sah wohl längst mit hellem Blicke das Schicksal seiner Schülerinnen sich hienieden aus verschlungenen Knoten schön und friedlich auflösen , als du noch in der Hütte deines edelmüthigen Gebieters düster sinnend deiner Zukunft entgegen sahst . Er starb den vergangenen Frühling , mit der neugebornen Natur wurde auch er neugeboren , und erwachte aus dem düstern Erdenwinter in Edens Frühlingshainen . So hatte ich , wie das immer beim Verluste geliebter Menschen geht , nur mich zu beklagen . Unsre Trauer um Entschlafne ist immer nur Trauer über uns selbst . Ihnen ist ja besser geworden , als es uns ist . So war es auch , als ich dich zehn Monate für todt hielt . Ach , ich konnte dein Loos nicht beweinen ! Wie wenig Freuden hattest du genossen ! Aber ich beweinte mich selbst , ich betrauerte das Schicksal deines Freundes , und hier komme ich auf jenen Punkt deines Briefs , mit dem ich unmöglich zufrieden seyn , oder dir beistimmen kann . Agathokles - laß mich immerhin diesen Namen nennen , den du so geflissentlich in deinem Briefe zu vermeiden scheinst - ist , so wie ich es war , von deinem Tode vollkommen überzeugt . Die Gründe dieser Ueberzeugung und überhaupt die Wirkung , die diese Catastrophe auf ihn gemacht hat , kannst du am besten aus dem Briefe unseres Freundes Apelles kennen lernen , den ich dir hiermit in einer getreuen Abschrift beilege . Er ist aus Trachene , dem Schauplatz jener unglücklichen Begebenheiten , geschrieben . Wenn du ihn gelesen hast , wirst du selbst bekennen müssen , daß Agathokles keine Ahnung deines Lebens haben konnte . Die weibliche , von Wunden entstellte Leiche in prächtigen Kleidern , die man in deinen Zimmern gefunden , für dich gehalten , und begraben hatte , und die wahrscheinlich jene Melyte war , deren Eitelkeit sie zu diesem Schritte verleitet hatte , mußte ihm und Apelles jeden Zweifel , jede noch so schwache Hoffnung benehmen , besonders da die Todten schon begraben , und keine Spur deiner Rettung zu finden war . Es ist also sehr natürlich , daß Agathokles keine weiteren Nachforschungen anstellte , und keinen Gedanken mehr nährte , die , die er unter dem Hügel von Trachene begraben hielt , an den Ufern des Borysthenes zu suchen . So viel zur Beantwortung deiner ersten ungerechten Klagen über diese vermeintliche Gleichgültigkeit . Daß es eine kleine Falschheit war , mit der du Heliodor nach Synthium locktest , fühlst du selbst , und ich sage dir nichts darüber ; aber wie magst du so erfinderisch seyn , dich selbst zu quälen , und aus einem freundschaftlichen Scherze , aus dem zufälligen Zusammentreffen einiger Umstände dir ein ganzes Gewebe von Untreue , Verrath und gewissem Unglücke zu bilden ? Ich weiß von sehr guter Hand , daß nicht Calpurnia , sondern Sulpicia in Synthium wohnt , daß Agathokles ihr diese Villa aus Freundschaft eingeräumt , und ihre Freundin sie dort besucht hat , wie sie an jedem andern Ort gethan haben würde . So bedeutete ihre Anwesenheit gar nichts in Rücksicht auf den Besitzer der Villa ; denn ihr Besuch galt nicht ihm , sondern Sulpicien , und es wäre dir leicht gewesen , durch einige geschickte Fragen die Wahrheit herauszubringen , wenn dein empörtes Herz dir Unbefangenheit genug hierzu gelassen hätte . Ich will hierdurch nicht sagen , daß du keinen Grund hättest , unruhig zu seyn ; ich bin vielmehr nach allen Nachrichten , die ich aus Nikomedien erhalte , beinahe überzeugt , daß Calpurnia einen bedeutenden Eindruck auf ihn gemacht hat , daß jene Verhältnisse , die schon in Rom anfingen , hier fortgesetzt worden sind , und durch die Gewißheit , daß jedes frühere Band zerrissen sey , an Stärke und Rechtmäßigkeit gewonnen haben . Sie hat ihm , als er mit der Siegesbotschaft ankam , ein sinnreiches Fest gegeben , an dessen Schlusse sie ihm einen Lorbeerkranz um ' s Haupt wand , und dessen Inhalt ihm ihre Empfindungen für ihn auf eine eben so feine als schmeichelhafte Weise zu erkennen gab . Das Alles ist wahr , und deine Besorgnisse nicht zu tadeln ; aber ihn - ihn sollst und kannst du nicht so hart beschuldigen . Er ist ein Mann . Männer haben andre Gefühle , andre Pflichten als wir . Ihr Wirkungskreis ist der Staat , die Welt ; der unsrige sind unsere Kinder , unser Haus ; jenem gehören ihre besten Kräfte . Wir würden die Ordnung der Natur verkehren , wenn wir einen ausschließenden Anspruch an alle ihre Thätigkeit , alle ihre Empfindungen machen wollten . Wenn nun bei dem großen Treiben und Regen aller edleren Kräfte des Menschen , im Feld oder in wichtigen Staatsgeschäften , worin ihn Constantin braucht , bei der Gewißheit deines Todes , die ihn fast an den Rand des Grabes brachte , bei den unausgesetzten Bestrebungen der schönen und schlauen Calpurnia , einen Eindruck auf sein wundes Herz zu machen , wenn , sage ich , bei allen diesen Umständen dein Bild nach und nach in Schatten zurück weicht , kannst du ihn so hart anklagen , so unnachsichtlich tadeln ? Kannst du dir ein großes Verdienst aus deiner festern Treue machen , du , die ihn am Leben weiß , und die durch keine Zerstreuung , keine Verführung von ihm abgelockt wird ? Aus allen diesen Gründen kann ich deinen Plan , dich ihm ganz zu entziehen , und die Rolle der Verstorbenen fortzuspielen , unmöglich billigen . Wie leicht kann ein Zufall dein Geheimniß enthüllen ? Wie tief müßte es deinen Freund , wenn seine Hand noch frei ist , schmerzen , diese Entdeckung nicht dir selbst verdankt zu haben ? Und wenn es zu spät wäre - was würde deine und seine Lage seyn ! Mich schaudert vor dem Gedanken . Das überlege wohl , meine Geliebte ! ehe du auf dem begonnenen Wege weiter schreitest . Auf mich kannst du jedoch in jedem Fall sicher zählen , ich werde dein Geheimniß treu bewahren , obwohl ich nicht mit deiner Ansicht verstanden bin , und sehr wünsche , dich von der Unthunlichkeit und Gefahr dieser Grille - verzeih meiner Freimüthigkeit den Ausdruck - zu überzeugen . Theophania ! Du gehst auf einem schlüpfrig steilen Wege . Er kann dich an den Rand des Abgrundes , er kann dich in den Abgrund selbst führen , und du stürzest nicht allein hinein , du reißest auch deinen Freund mit dir . Wenn du denn aber wirklich für ihn unsichtbar bleiben willst , so entziehe dich mir nicht , jetzt , wo keine Pflicht dich mehr abhält , dem Rufe der Freundschaft zu folgen . Komm zu mir ! In meinem Hause sollst du so einsam und verborgen leben , als in der Zelle eines Eremiten . Komm zu mir , und laß mich das Glück der Freundschaft genießen , das ich so lange entbehrt habe . Du weißt , wie ich dich liebe , und wie glücklich mich deine Zusage machen würde . Leb ' wohl ! 56. Florianus an Valerien . Eboracum , im November 302 . Du hast verlangt , daß ich dir antworten soll , Valeria ! Es scheint , daß du zu deiner Beruhigung und zur künftigen Leitung deines Betragens dieser Antwort bedarfst . Ich erfülle den Wunsch meiner Freundin . Denke aber nicht , Valeria , daß es räthlich , daß es möglich sey , diesen Briefwechsel fortzusetzen . Die innere Stimme in meiner Brust , der streng geprüfte Ausspruch meiner Vernunft verwirft jedes Mittel , das nur dazu dienen könnte , ein Verhältniß fortzusetzen , welches wir Beide , als vom Himmel selbst getrennt , betrachten müssen . Es war eine Zeit , wo ein verzeihlicher Irrthum uns verleitete , kühne Wünsche und Hoffnungen zu nähren . Dieser Irthum ist verschwunden , und mit ihm jede Hoffnung , jede Entschuldigung für einen spätern Versuch . Der Himmel hat nur zu deutlich gesprochen . Dieser Brief ist mein Erster an dich seit jenem Tage , der mir die volle Kenntniß unsers Schicksals gab - er wird auch mein Letzter seyn . Du kennst mich , Valeria ! Es ist unmöglich , daß du in dieser Erklärung die Sprache des verlarvten Wankelmuths , des flatternden Leichtsinns fürchten solltest , der heilige Pflichten zum Vorwand sträflicher Kälte mißbraucht . Der Mann , der in so reifen Jahren wählte , hat für den traurigen Rest seines Lebens gewählt . Doch von mir soll die Rede nicht mehr seyn . Ich weiß , du hast Glauben an mich , aber ich möchte dies schöne Gefühl zum Werkzeug deiner Ruhe , deines künftigen Glückes gebrauchen . Besinne dich , Valeria ! Du bist eine Kaisertochter , du bist eine Christin ! Es ziemt dir nicht , so kleinlaut zu verzagen , wenn das Unglück mit kalter Hand in den Blüthengarten deines Glückes greift , und seine lachende Schöpfung zerstört . Du flüchtest im Gebete zu jener Erhabenen , die so viele Schmerzen , so viele trübe Erfahrungen gelassen ertrug , und aus jedem Sturme in neuer Würde und stiller Hoheit hervorging . Flüchte zu ihr , dies Gefühl ist richtig und tadellos ; aber wende dich nicht blos mit zitterndem Herzen und strömenden Thränen an ihre Fürbitte . Lerne von ihr dulden und tragen ; sie litt weit mehr als du , und weit standhafter . Halte dir ihr Vorbild gegenwärtig , sie ist nicht blos das Symbol unendlicher Liebe , sie ist auch das Urbild weiblicher Geduld und Sanftmuth , und der ergebensten Gottesfurcht . Unterwirf dich mit ruhiger Hoffnung dem vereinten Willen deines Vaters , deines Kaisers , und der Vorsicht . Nicht umsonst hat sie dich ihn gerade in diesem Zeitpunkt finden lassen . Nicht ohne ihre Leitung war dein Geschick bis hierher . Vielleicht - und sehr wahrscheinlich - bist du zu etwas Größerem bestimmt , und es wäre Frevel , diese höhern Zwecke , wenn wir sie gleich nicht kennen , auf dem häuslichen Altar unserer Liebe eigenmächtig zu opfern . Wir haben die innere Stimme vom Himmel erhalten , um zu wissen , was Recht ist , die Vernunft , um uns in schwerer Wahl zu leiten , endlich seine göttliche Lehre , um das einmal gewählte Recht mit Kraft zu ergreifen , und muthig auszuführen - sollte auch unser Glück darüber zu Grunde gehen . Viel deutlicher ist noch in diesem Fall sein Wille ausgesprochen . Kein Dunkel kann unsre Wahl erschweren , kein Zweifel über das Recht bleibt übrig . Dürfen wir anstehen , uns seinen Fügungen zu unterwerfen ? Könnten wir ' s , wenn wir auch wollten ? Darum , Valeria , fasse dich , fordre die Kraft auf , die in deinem Busen wohnt , die ich nur zu wohl kenne . Sey stark , sey geduldig , vor Allem , sey fromm ! Laß mich nie wieder von einem sträflichen Wunsche hören , der meine Seele verwundet hat . Laß mich nicht fürchten müssen , daß du dich einst so weit verlieren könntest , Hand an dich selbst zu legen ! Weißt du wohl , Valeria , daß wir dann ewig getrennt wären ? Nur im Elysium begegnet die Selbstmörderin dem einst geliebten Schatten . Aber ein heiliger Gott verwirft den Rasenden , der über sein Leben gebieten zu können glaubt , und den Feigen , der die auferlegte Last ungeduldig abwirft , und der Prüfung entflieht . Valeria ! wenn ich dich einst dort mit Wonne empfangen , wenn du mich in einer Welt des Friedens und der Gleichheit wieder antreffen willst : so trage , was dir die Vorsicht auferlegt , und harre standhaft aus . Valeria ! Leb ' wohl ! Was du auch zu dulden hast , wie viel Schwerter durch deine Seele gehen mögen , denke , daß dein Freund mit dir leidet , und dein Herz keine Wunde empfängt , die nicht das meine eben so schmerzlich zerreißt . Schreibe mir nicht mehr - ich darf dir nicht antworten . Mache keinen Versuch , dich an Constantin zu wenden . Ich kenne seine Lage - er kann uns nicht helfen , uns ist nicht zu helfen . Das bedenke - vergiß mich - und lebe wohl ! 57. Theophania an Junia Marcella . Nicäa , im November 302 . Wenn du nicht lächeln willst , meine geliebte Freundin , so möchte ich mein Herz einem klaren Wasserspiegel vergleichen , der zwischen Büschen verborgen das Bild des schönen Himmels treu in seiner Tiefe bewahrt . Wenn auch Stürme auf eine Weile seine Oberfläche trüben und empören , daß die Bilder entfliehen oder verworren auf den unstäten Wellen schwanken , so bringt es doch seine Natur mit sich , daß er mit allen seinen Kräften wieder in seine vorige Lage zu kommen strebt , und sich nach und nach selbst beruhigt . Dann sieht der Wanderer , der ihn in seiner stillen Verborgenheit aufsucht , nicht die Fluth selbst , er sieht nur die Bilder des Ufers und den schönen blauen Himmel , der ihm aus der klaren Tiefe entgegen strahlt . So ist es mir ergangen , meine Geliebte ! Von selbst , ohne äußeres Zuthun , hat sich mein Herz wieder gefunden ; der stille Friede und mit ihm ein theures Bild sind in dasselbe zurückgekehrt . O es war eine traurige Zeit , als ich ihn nicht mehr lieben zu dürfen glaubte , als ich ihn für leichtsinnig und flatterhaft halten mußte ! Es war ein Aufruhr in meiner Natur , eine gewaltsame Verwirrung derselben . Ich muß ihn lieben , ich muß mit ihm einig seyn , wenn ich es mit mir selbst seyn soll . Ich bin es wieder , und das ist das Kleinod meiner Brust . Jetzt strahlt der stille Spiegel wieder nur sein theures Bild zurück , und ich darf wohl sagen , es ist mir wie der Fluth , die selbst verschwindet , und nur den Himmel zeigt . Ich will mich gern selbst vergessen , wenn nur Er glücklich ist . Du wirst vielleicht glauben , daß ich ihn gesehen , oder sonst etwas von ihm gehört hätte . Nein , meine Liebe ! Aus meinem Innern , aus den Erinnerungen an meine Jugend , aus der Zusammenhaltung mehrerer Umstände , aus der Ueberzeugung von seinem Werthe ging die kräftige Beruhigung hervor . Selbst deinen Brief habe ich erst erhalten , als es bereits stille in mir war . Was er enthielt , gab mir noch höhere Kraft und das angenehme Gefühl der Uebereinstimmung mit der edelsten Freundin . Ja , meine Liebe , er ist ganz entschuldigt ! Er steht rein und tadellos vor mir , und das macht mich glücklich , so wenig beneidenswerth sonst meine Lage ist . Nur der Gedanke , an ihm zweifeln zu müssen , kann mich wahrhaft unglücklich machen , denn er stört meinen Frieden . Ihn lieben , und die Tugend lieben , ist Eins bei mir ! Aber wenn auch diese Ueberzeugung die unerläßliche Bedingung meiner Seelenruhe ist , so ist sein Besitz kein Recht , das ich von der Vorsicht als ein Eigenthum ansprechen darf . Jenes hat sie mir gewährt , weil Seelenfrieden zu unserm Seelenheile nothwendig ist . Unsre Glückseligkeit ist es aber nicht , und so darf ich diese nicht ansprechen , und thue es auch nicht . O meine Junta ! wie glücklich ich geworden wäre , wenn es Gott gefallen hätte , uns zu vereinigen , wage ich nicht zu denken . Mir schwindelt vor dieser Höhe von Seligkeit , die vielleicht für dies Leben zu groß gewesen wäre ! In dieser Furcht beruhigt sich mein Herz , und bescheidet sich , die Wonne des Himmels nicht schon hienieden zu genießen . Mein Vorsatz , unbekannt zu bleiben , steht daher noch immer fest . Es tragen manche Nachrichten , manche Ueberlegungen dazu bei , es rührt auch wohl manche Ansicht aus Heliodors Umgange her . Ich will mich bemühen , dir Alles klar und deutlich zu machen , so deutlich , als ich es fühle ; aber es ist schwer , Gefühlen Sprache zu geben , und was wir als entschieden wahr empfinden , dem Andern eben so klar einsehen zu machen . Es lebt hier ein gewisser Marcius Alpinus , derselbe , der zum Nachfolger meines verstorbenen Gemahls bei dem Heere bestimmt war , und dessen Ankunft der gekränkte würdige Held nicht erwarten wollte . Er kennt mich also nicht persönlich , so wenig , als ich ihn je gesehen habe ; aber er kennt Alles , was in Nikomedien und am Hofe von einiger Bedeutung ist , und so denn auch das Haus des Proconsuls , seine schöne Tochter und ihre Verhältnisse . Irre ich nicht , so haben ihre Reize selbst einigen Eindruck auf ihn gemacht ; aber wie das bei solchen Weltmenschen geht , es gleitet Alles leicht über ihre abgeschliffenen Seelen hin , und so auch die Liebe . Von ihm habe ich nun durch schickliche Fragen und Erkundigungen so viel erfahren , daß Calpurniens Verhältniß zu Agathokles kein Geheimniß ist , und daß man in der großen Welt ihrer Verbindung als einem sehr wahrscheinlichen Ereignisse entgegen sieht . Wie soll ich bei diesen Verhältnissen den Muth haben , hervorzutreten ? Wie leicht könnte es geschehen , daß Agathokles durch mein Daseyn mehr erschreckt als erfreut würde , daß er dann aus Rechtschaffenheit ein Band zerreißen würde , das ihn glücklich machen könnte , um sich in ein Verhältniß zu schmiegen , das ihm fremd geworden ist , und nicht anders als drückend seyn würde ? Und würde ich dann glücklich seyn ? Nein , meine Liebe ! Viel besser ist ' s , er erfährt nie , daß ich lebe ; so erspare ich ihm Beschämung , Rene , eine schwere Wahl , oder eine noch mühsamere Treue , die mich unglücklicher machen würde , als seine Sinnesänderung . So bin ich still und fest entschlossen , meinem Plane treu zu bleiben , und aus eben der Ursache kann ich dein Anerbieten , nach Apamäa zu fliehen , nicht annehmen . Dort bin ich bekannt , dort könnte es mir nicht gelingen , unter meinem Christennamen unerkannt zu bleiben , und ich muß diesem Glücke , wie so manchem andern , entsagen . Ich muß hier , wie so oft in meinem Leben , sagen : Der Herr hat es gegeben , der Herr hat es genommen , der Name des Herrn sey gebenedeiet . Ach , wenn ich den Trost nicht hätte , wie könnte ich mein Schicksal ertragen ! So viel zu verlieren , so Vielem zu entsagen , und doch nicht zu verzweifeln - dazu gehört unmittelbare Unterstützung von oben , Wirkung der göttlichen Gnade , um die ich in unablässigem Gebete ringe . » Betet , so wird euch gegeben werden ! « Ja es wird mir gegeben werden - nicht das , was mein Herz , vielleicht irrig , für mein Glück hielt - aber das , was ich bedurfte , um seinem Verluste nicht zu erliegen , Geduld , Kraft und Frieden . Glaube aber nicht , meine Theure , daß mein Gemüth immer so ruhig ist ! Nein , deine arme Freundin ist nicht in jeder Stunde so unbegreiflich stark , um den Verlust von Agathokles Liebe , und den Entschluß , dein Anerbieten auszuschlagen , mit stillem Gleichmuth zu ertragen . O es ist mir oft , als wollte es mir die Brust zerreißen , wenn ich bedenke , was ich gehofft habe , und wie es nun geworden ist ! Zuweilen schweben mir Bilder aus der Vergangenheit vor , zuweilen , wenn ich das stille Glück betrachte , das Fulvia , die Gemahlin des Lysias , genießt , wenn ich die Liebe und Achtung bedenke , mit der diese Gatten sich behandeln , die tausend kleinen Geschäfte des Lebens , die durch Liebe , Zärtlichkeit , Treue und Aufmerksamkeit so namenlosen Reiz erhalten , und sich mir dann der Gedanke aufdringt , was ich als Agathokles Gattin hätte werden können - o dann , Junia ! gehört mehr als menschliche Kraft dazu , um nicht zu verzweifeln . Dann bleibt mir keine Rettung als im Gebete , das oft die Hälfte meiner Nächte einnimmt , und in Heliodors düster erhabnen Ansichten der Welt und Zukunft . Er reißt mich mächtig empor , er , der die leidenschaftliche Liebe zu einem Geschöpfe verdammt , während er sein Leben der Menschheit widmet , er , dem der Landsmann , der Verwandte nicht näher steht , als der Wilde , für den er eben so willig sein Blut vergießt , er zeigt mir meine Pflicht in einem wunderbaren , erhabnen kalten Lichte , und so weh seine Vorstellungen meinem Gefühle thun , so mächtig stärken sie meinen Willen , und erhöhen meine Kraft . Ich habe an Sulpicien geschrieben , mit verstellter Hand , um jeder Entdeckung vorzubeugen . Ich will mir diesen Weg offen erhalten , um etwas Zuverlässiges von Calpurniens Verhältnissen zu erfahren . Sie hat mir geantwortet , ganz so , wie ich es erwartet hatte ; ihre Antwort hat nichts an meinem Entschlusse geändert . Nächstens werde ich ihr wieder schreiben , ich will es wagen , Calpurnien unter einem schicklichen Vorwande um jene Zeichnung bitten lassen , die mir die volle Gewißheit meines Unglücks gab . Es ist sein Bild . Ach , ich habe sonst nichts von ihm , und muß das Einzige von meiner Nebenbuhlerin erbetteln ! Ach Junia ! Ist einst dieses Band , wie es Sulpicia selbst zu erwarten scheint , wirklich geknüpft , verlassen vielleicht die glücklichen Gatten Asien , was doch möglich wäre , oder hat die Zeit auch die letzte Spur meines Andenkens in seiner Brust verlöscht - dann komme ich zu dir , dann birgst du mich im Schatten deines Hauses , und gönnst mir einen Antheil an der Besorgung deines Hauswesens , an der Erziehung deiner Kinder , deiner Enkel , die bis dahin deine spätern Jahre verschönern werden , damit mein Daseyn nicht ganz nutzlos verschwinde , und ich , wenn der milde Befreier der gefangenen Seele erscheint , mit dem Bewußtseyn aus der Welt scheide , doch Einem Menschen Etwas gewesen zu seyn . Leb ' wohl ! 58. Constantin an Eneus Florianus . Nikomedien , im December 302 . Die Zeit wird immer fruchtbarer an Begebenheiten und Saamen für die Zukunft . Der Krieg mit den Persern ist durch einen glorreichen Frieden geendigt , wir haben unsern triumphähnlichen Einzug in Nikomedien gehalten , und Diocletian begegnet dem Galerius mit einer Achtung , die vermuthlich die ehemalige schimpfliche Strafe gut machen soll . Galerius müßte nicht seyn , wie er ist , wenn er dies Gefühl des Unrechts nicht mit gewaltiger Hand ergreifen und zu seinem Besten nützen sollte . Ich weiß zuverlässig , daß er die Ueberlegenheit , die ihm dies Gefühl und die sinkenden Kräfte des alternden Augustus geben , mißbraucht , um diesen zu manchem Schritte zu zwingen , oder zu überreden - wer entscheidet das ? - der eine langerprobte Klugheit Lügen zu strafen droht . Man spricht sogar hier und da , aber nur höchst geheim davon , daß Diocletian freiwillig die Regierung niederlegen , den mailändischen Augustus zu demselben Schritte bereden , und sich dann in die Einsamkeit nach Salona , wo er sich in Geheim und lange schon einen lieblichen Aufenthalt zubereiten läßt , begeben wird . Dann würden Galerius und mein Vater Augustus werden , und wer würde den Rang der Cäsarn einnehmen ? Mir hier keinen Nebenbuhler , keine Creatur des düstern Galerius vorkommen zu lassen , soll meine Sorge seyn . Ich habe fürstliches Blut und fürstlichen Sinn von meinem Vater geerbt , und deine Unterweisungen haben mich gelehrt , das , wozu mich Natur und Geschick beriefen , mit festem Gemüth zu erkennen , und zu ergreifen . Marcius Alpinus ist von Galerius entfernt , und Präfect in Nicäa geworden , er , dieser gewandte Höfling , der Günstling des Cäsars , ein kriechender Schmeichler , ein erklärter Feind der Christen , und darum seinem Gebieter bis jetzt scheinbar unentbehrlich . Aber wer wäre dem Galerius unentbehrlich ! Genug , er ist entfernt , und spielt in Nicäa die Rolle des Philosophen , der , des Hofes und der Welt satt , nur sich allein leben will . Ich habe ihn von jeher verachtet . Seit er aber bei jeder Gelegenheit , und erst neulich bei Agathokles Beförderung zum Tribun , diesem mit heimlicher Bosheit entgegen war - ob aus eignem Widerwillen , oder weil der Sclave auch die Neigungen seines Herrn kriechend theilt , und mich in meinem Freunde haßt , weiß ich nicht - seitdem habe ich ihn die Gesinnung , die mir sein Betragen einflößte , deutlich merken lassen , und seinen Einfluß verachtet . Jetzt in seiner Verbannung hat er , uneingedenk alles Vorgefallenen , mir seine guten Dienste anbieten lassen . Die verächtliche Seele ! Er weiß viel , sein Einfluß war bedeutend - - was ich zu thun habe , werde ich sehen . Es ist nichts so gering , so verwerflich , das nicht , an seinen rechten Platz gestellt , zweckmäßig gebraucht werden könnte , und meine Zukunft , folglich auch meine Maaßregeln liegen noch in tiefem Dunkel . Daß ich nichts Unwürdiges thun werde , weißt du . Aber was Nothwehr und drängende Verhältnisse fordern , kann nicht mit dem Maaßstabe ruhiger Fassung gemessen werden , und die Moral des Menschen und des Staats nicht dieselbe seyn . Gegen den , der sich Alles erlaubt , muß die Vernunft selbst alle Mittel ohne Unterschied ergreifen heißen , sonst sind unsre Waffen nicht gleich , und die gute Sache unterliegt ängstlichen Rücksichten . Doch , bei Gott ! Eneus , bei dem , der für ' s Wohl der Menschheit sein Leben gab , nur die Nothwehr wird mich solche Mittel ergreifen machen ! Auf den Höhen der Politik kehren wir wieder in den Stand der Natur zurück , wo nur das Recht des Listigern oder Stärkern gilt . Galerius haßt mich , er haßt die Christen , er will sie verfolgen . Es wird ein harter , ein gewaltiger Kampf entstehen ; aber ich hoffe , der Himmel und Cato werden dann auf einer Seite stehen1 . An meinen theuren Vater habe ich vor zwei Tagen geschrieben , und mich umständlicher über meine Lage erklärt . Er ist wohl so gut , dir zu erzählen , was zweimal zu schreiben mir weder meine Neigung , noch meine Zeit erlaubt . Leb ' wohl ! Fußnoten 1 Die Stelle , auf welche sich diese Anspielung bezieht , ist aus dem Lucan : Magno se judice quisque tuetur . Victrix causa Diis placuit , sed victa Catoni . 59. Agathokles an Phocion . Nikomedien , im December 302 . Es werden beinahe zwei Monate vergangen seyn , seit du keinen Brief mehr von mir erhalten hast , und da jetzt meine Zeit wieder freier ist , hast du wohl gegründetes Recht , Nachricht von mir zu fordern . Ich bin mit dem Cäsar , Constantin und Tiridates seit einigen Tagen hier . Der Kaiser hat mich zum Tribun unter den Jovianern ernannt . Bis in dem Quartiere der Leibwache Platz für mich gemacht wird , wohne ich bei meinem Vater , der Mich mit besonderer Güte behandelt , seit mein Verhältniß zu Constantin , und glückliche Umstände mir eine bedeutendere Existenz verschafft haben . Uebrigens ist mein Leben wie vorhin . Ein trüber Gedanke verläßt mich nie , und vergebens suche ich ernstlich , mich in dem Umgange einer liebenswürdigen Freundin zu zerstreuen , deren Vorzüge vermögend wären , vielleicht in jedem andern Herzen frühere Eindrücke zu verlöschen . Bei mir ist ihr Zauber verloren . Ich achte ihre Verdienste , ich erkenne die seltne Macht ihrer Reize , ich fühle mich erheitert , so lange ich um sie bin ; aber die Leere meiner Brust auszufüllen , vermag sie nicht . So von der Wirklichkeit abgestoßen , und unfähig , in irdischen Gütern Glück zu suchen und zu finden , ergreift der Geist desto heftiger die Ideen , die sich ihm darbieten . Und so höre nun , Phocion , was eigentlich mich abhielt , dir schon längst zu schreiben . Glaube nicht , daß es Mangel an Erinnerung oder minderes Verlangen war , dir alle meine Gedanken mitzutheilen ; es war Unschlüssigkeit , Furcht , möchte ich beinahe sagen . Es ist eine peinliche Lage , wenn verschiedene Schicksale zwei Freunde zu sehr verschiedenen Arten der Ausbildung und