hielt folgende Rede an Herrn Haber - » Was nennen Sie Freundschaft , jenes Weinen aneinander , jenes Lachen aneinander , jene Würdigung unserer eignen Armut in den Augen des Freundes , das gegenseitige Erseufzen über die Beschränktheit und Grenzenlosigkeit , das Hingeben und Annehmen von Dingen , die keiner brauchen kann , und die den , der sie giebt oder nimmt , zu unserm Freunde machen , weil grade kein andrer die Sache genommen hätte , das Aufessen einer einzigen Person , daß man endlich , an einem einzigen übersättigt , allen Sinn für das andre verliert , die gegenseitige Nothülfe der sich Nächsten , weil sie Not haben und faul sind - nennt ihr das Freundschaft - o dies kann nur in ärmlichen , stolzen und einseitigen Menschen Raum haben , die einen großen Nutzen in der Welt zu schaffen glauben mit ihren Empfindungen , und ihre eigne Armut zu beherbergen , einen Freund brauchen , der ihr in seinem Herzen ein Obdach verschaffe . - Alles dieses ist entweder gleichseitige Erbärmlichkeit oder Niederträchtigkeit und Barmherzigkeit , Dummheit und mitleidiger Stolz von der einen oder andern Seite . Freundschaft ist nur unter den Vortrefflichen möglich , deren ganzes Leben ein ewiger Fortgang nach dem Höchsten ist . Sie streben nicht darnach , denn alles Streben geht von Armut , Bewußtsein der Armut , Begierde und Vorsatz aus , wird dadurch absichtlich , und hört auf , eine freie schöne Handlung zu sein . « Hier fiel Herr Haber wieder ein : Streben wäre nicht frei , nicht schön , es dürfe keine Absicht sein . - » Lieber Herr Haber , « sagte ich , » stören Sie mich nicht . - Streben ist freilich erlaubt , auch Absicht , aber nur dem Künstler , der Genie war , und Künstler geworden ist , an diesem bin ich aber noch nicht - also - Sie streben nicht , sie sind ausgesandt von Gott , und wissen es nicht ; ihr Leben ist nichts als das fortgehende Bilden eines Kunstwerks alles Schönen , wozu sie gleichsam die Zeichen , die Buchstaben sind ; sie berühren sich wie Akkorde , und ihr Zweck ist der schöne Ausdruck des Liedes . So reihen sich Glieder an Glieder in schön geschwungenen Wellen , und bilden das herrliche Bild , so wechselt der Schritt der Silben , um des Liedes Tanz hervorzubringen , so gießt sich Farbe an Farbe und bildet des Gemäldes Zauberei . Diese Berührung ist die Freundschaft . Durch ihre eigne innere Bildung können zwei nebeneinander stehen , aber nur um der großen Harmonie ihrer Aufgabe willen . Die Eigentümlichkeit eines jeden bleibt unangetastet , und bleibt sie es nicht , so entsteht bei Farbe eine gebrochene schmutzige Halbtinte , wie bei Form Verwachsenheit . Die Stufen der Bildung , der Rang der einzelnen Freunde , verhält sich wie Buchstabe , Wort , Periode , Ton , Akkord , Satz , und im Innern sind sie als Zeichen gleich verwandt und würdig . Ja ich trage das Ideal eines Menschenkenners im Kopfe , der die Menschenarten in die einzelnen Redeteile oder Tonarten zerteilen und wirklich eine Grammatik und einen Generalbaß des Zusammenlebens hervorführen könnte . Man könnte nach seiner Wortfügung den Staat oder die Menschenfügung allein verbessern , und durch seinen Generalbaß allein die wahre Freundschaft finden , die in ebenso geheimnisvollen Gesetzen begründet bleibt als die Verwandtschaft der Töne . Man könnte dann ganze Völkergeschichten auf dem Klaviere spielen und in einzelnen Versen absingen , und es wäre das Leben zur Kunst geworden . Übrigens gehören zwei männliche Töne , die sich etwas herausnehmen und nur sich allein bilden wollen , in keine Melodie , und ihr Durchdringen kann ihnen nie gelingen , denn dieses liegt nur in der Liebe . Nur die Liebe kann erzeugen aus sich , die Freundschaft aber kann es durch sich . Die Liebe giebt den Ton und die Musik , die Freundschaft ist nur das Nebeneinanderstehen der Töne zur Melodie , die wieder ein Produkt der Liebe ist . Die Freundschaft wohnt in der Liebe , aber in ihr selbst ist keine Liebe , sondern nur Harmonie , Tonverhältnis . Die Eichen über uns , der ganze Wald um und um gedrängt , alle einig einem einzigen Zwecke , sie stehen grad und aufrecht nebeneinander . Jeder einzelne trägt die Liebe in seiner eignen Blüte , trägt die Liebe in sich - nur aus der Liebe konnten die Bäume erstehen , nur aus den Bäumen erstehet der Wald . Freunde sind sie alle , welche den Wald bilden ; einzelne stehen sich näher , diese werden Freunde genannt . Aber alle , die sich so aneinander drängen , stören sich . Sie mögen noch so malerische Gruppen bilden , noch so schöne Lauben wölben , so ist dieses doch nur für andere . Zwei dringen selten zugleich hervor , denn einer opfert sich immer dem andern , seinem eignen Leben zum Trotze , das zum Himmel in die Höhe sollte , zu atmen und zu duften . Nebeneinander stehen , vereint grünen oder welken , alles das gehört zum Walde ; sterben früher oder später , sich erkennen und zur selben Gattung gehören , das alles gehört zur Freundschaft . Wer den größten heiligsten Zweck hat , der hat die gebildetsten und treuesten Freunde , denn an dem Höchsten arbeitet nur die Wahrheit . Ob sich nun die Freunde kennen oder nicht , das ist gleichviel ; ja sich nicht zu kennen und in allgemeiner Menschenliebe fortbrennen , ist bei gehörigem Maß und Ziel wohl das Schönste , denn das allzu innige und angepriesene Freundschaftswesen wird meistens nichts anders als ein abgekartetes Spiel , einander freundschaftlich zu hudeln , und ist mir immer wie ein Produkt der langen Weile oder des Kurzweils erschienen . Das letztere wäre wohl das Beste , wenn doch eins von beiden sein sollte , denn es liegt etwas äußerst Komisches darin , mit großen , herrlichen Empfindungen vereinigt zu sein , um kleine lustige Empfindungen zu gewinnen , und dieses scheint mir die einzige Art von Freundschaft , die unsern großatmichten Jünglingen zu erlauben wäre , denn sie lernten dadurch die Würde des kleinen und bloß scherzhaften , des reinen Spieles oder Spaßes kennen , da sie doch zu glauben scheinen , die Freundschaft gehe allein und schnurstracks zum Tragischen hinauf . Auch kann man allerdings in einer solchen kurzweiligen Freundschaft vieles lernen , man übt sich hier an einem tausendfachen Stoffe , dem die Ungeschicklichkeit der Behandlung nicht schadet . Ein junger Stümper voll Drang und Eifer , und dadurch um so tölpischer , soll sich [ nicht ] an einem kararischen Marmorblocke üben , um den Stoff eines Meisterwerks zu zerstören ; er mag die ersten Schläge seines Meißels an einem Sandsteine mildern , und ein fröhliches Bild hauen , dem es auf einen Buckel nicht ankömmt , und an dem er seiner Ungeschicklichkeit lachend genießt . Dieses letztere ist der erste Schritt zu jeder Kunst und auch der des Lebens . Wir sollen Freunde werden lernen durch Geselligkeit , denn die Freundschaft ist nichts als Geselligkeit unter ernstern Umständen . Die andere Gattung aber oder die innige Freundschaft aus langer Weile will nie etwas von ihrer Mutter wissen , und kann auch nicht wohl , denn sie müßte sonst von sich selbst wissen . Sie ist nämlich die lange Weile selbst , und zwar eine der gediegensten Arten , jene langwierige erbliche , die sich ewig erklären will und wie blinde , stumme und taube Seuche herumkriecht . Zwei Menschen , die nichts zu tun haben , was können sie Schlechteres oder Besseres anfangen als Freundschaft , und solche nun sind es , denen ich jene innige brennende Freundschaft vorschlagen möchte ; da sie selbst so leer sind , mögen sie es in der Form wieder einbringen , mögen sich den ganzen Tag umarmen . Zu dieser Art Menschen gehöret eine gewisse Gattung , die Sie sehr gut kennen , mein lieber Haber , ich meine den jugendlichen philosophischen Anflug der letzten fünf Jahre . Diese Menschen sind in ihrer ganzen Jugend in einem geräuschvollen Veranstalten ihrer Jugend begriffen , und zernichten sich einer in dem andern . Ewiges Umklammern ist der Charakter ihrer Freundschaft , und wenn sie aufhören sich zu umfassen , so hat sicher ihre Verirrung gesiegt , denn dieses Umfassen ist ein Streich , den ihnen die Natur noch spielte , die sich immer an die Gestalt hält . Da ihr inneres Wollen und Treiben aber ganz gestaltlos und daher langweilig ist , so müssen sie sich in solcher Freundschaft entschädigen . So wie bei den Griechen , die das gestaltvollste Volk waren , es wirklich eine bloße Gestaltenliebe gab , die Knabenliebe , eine künstlerische bildende Verirrung , ebenso liegt in diesen Menschen , welche die gestaltlosesten sind , eine Gestaltenfreundschaft , die ewig Verderbtheit bleiben wird , indem sie eine krankhafte Metastase der Liebe in die Freundschaft , ein unglückliches Vermischen der heiligen ersten Ursache mit dem geselligen Zwecke ist . Erlauben Sie mir , Ihnen die Geschichte jenes jungen philosophischen Anflugs in einer Parabel zu erzählen : Ein frommer und tapferer Held , im Herzen für den Glauben brennend , forderte seine Brüder auf , das heilige Grab des Erlösers aus der schändenden Gewalt der Ungläubigen zu befreien . Mächtig war seine Rede und hinreißend , von allen Seiten strömten ihm an Andacht , Gesundheit und Kraft gleiche Seelen wie Wogen entgegen . Alle zogen seinen Weg , ein stürmendes Meer , das sich gegen Orient wälzte . Unter dem versammleten Volke , das des Helden Rede verschlang , befand sich auch eine Schar junger Schüler und unerfahrner Neubekehrten . Leicht , wie jugendliche Gemüter hingerissen werden , machte auf diese Jünger die glänzende , ergreifende Rede des frommen Helden einen heftigen Eindruck . Sie standen tief erschüttert , gerührt oder erregt , wie jedes einzelne Gemüt es werden konnte , unter den streitbaren Männern . Vorwärts strömte bald die Flut des frommen Krieges ; aber man hatte vergessen , die Jünglinge zu ermahnen , wie sie sich zuerst durch tieferes Eindringen in die Geheimnisse des Glaubens weihen müßten , bevor sie an dem heiligen Werke teilnehmen könnten . Sie sahen das Bild des Kreuzes in den wehenden Fahnen , sie sahen die heiligen Zeichen der Erlösung von allen Waffen und Werkzeugen des frommen Bundes strahlen , und längst war der heilige Zug schon über Berge und Meere , als sich in hitziger Ungeduld die phantastischeren unter ihnen erhoben mit dem Aufrufe , - Auf ! auf ! laßt uns im schönen Bunde der Freundschaft , dicht von Jugend umblüht , das heilige Grab erlösen , nach ! dem heiligen Kreuzzuge . Aus allen Studierwinkeln rannten die jungen Toren heran und schlossen sich an die Freunde . Sie bezeichneten ihre Schülermäntel mit dem Kreuzeszeichen und bestachen ihre kleinen Liebschaften , ihnen aus abgedankten seidenen Röckchen zierliche Fahnen zu verfertigen . In einem lustigen Taumel voll kindischer Andacht und Prahlerei zogen sie auf demselben Wege , den die andern genommen und deren tiefe , ernste Fußtapfen ihnen als Führer dienten . Durch lustige Wiesen zogen sie hin , die Blumen zertretend oder als Futter ihren Eseln opfernd , deren sie viele bei sich hatten . Wahrlich die Besten im Zuge , denn sie waren doch bescheiden und führten des Haufens Nahrung mit sich . Da aber der Weg in der Folge schwerer zu erkennen war , ja wohl hie und da die Spuren vom Winde verwehet oder auf hartem Boden nicht sichtbar waren , blieben sie stehen , und stritten - wohin nun ? Früher schon hob sich der Unmut unter den Jüngsten , sie wollten nicht begreifen , was das heilige Grab ihnen nützen würde . Von den Mutigern verlacht , kehrten sie um , und kamen in die Heimat zurück , doch nicht ohne den Ihrigen lange ein Spott zu bleiben , denn sie hatten sich in die Sprache und Zeichen der Kreuzfahrer so eingewöhnt , daß sie alle Augenblicke irgend einen dummen Streich mit Kreuz und Fahne begleiteten , oder etwas ganz Gewöhnliches mit Sehnsucht nach dem Grabe Christi und tiefer Andacht vollbrachten . Unter den übrigen , die weitergezogen waren , entstanden mehrere Sekten . Sie waren in der Nacht an einen großen Teich gekommen , den sie meistens für das Weltmeer hielten , denn es war dunkel , und ein schwerer Nebel lag auf dem entgegengesetzten Ufer . Die Stärksten unter ihnen hielten nun einen Rat , was zu tun sei , da sie keine Schiffe bei sich hätten , und der übrige Haufen stellte sich auch zusammen und hatte seine Redner . So schwebte , ruhend die Fittiche , in unentschiedenem Fluge ihr Geschick - « Fünftes Kapitel Hier trat Godwi aus dem Gebüsche und sagte : » Lassen Sie die Kreuzfahrer so stehen und uns nach dem Jägerhause gehen , um etwas zu essen . « Haber lächelte und ging mit . Er hatte mir gegenüber gestanden , an einen anderen Baum gelehnt in gebückter Stellung , und viel an seinem Stockbande gespielt . » Von Herzen gern , « sagte ich , » denn eigentlich fühle ich mehr Anlage zum Hunger als zur Allegorie . « Godwi erwiderte : » Sie sollen uns dennoch Ihre Allegorie nicht schuldig bleiben , ich bin begierig , die Reden der einzelnen Haufen und das fernere Geschick der jungen Kreuzfahrer zu hören , unter denen Sie so artig die letzte akademische Generation verstecken . Ihre Ideen über Freundschaft gefallen mir , und es ließe sich darüber noch manches zwischen uns wechseln . « » Sie haben das alles gehört ? « versetzte ich beschämt , » das war etwas boshaft , ich glaubte nur vor meinem alten Bekannten so frei sprechen zu dürfen , und hatte die Nebenabsicht bei der Rede , einen Freund zu gewinnen . « Hier versetzte er : » Wenn es diese war , so kann es sich bald entwickeln , ob Sie Ihre Absicht erreichten , und Sie sagten ja mit so vielem Nachdrucke - ob Sie sich kennen , ob Sie sich sehen oder nicht , das ist gleichviel - verzeihen Sie daher , daß ich mich versteckt hatte . « Dabei war sein Blick fest , es war einer von den seltenen Blicken , die nur frühe Erfahrung geben kann . Der Blick eines Auges , das Blicke der Lust und des Rausches gegeben und genommen hatte , und nicht mehr begehrt , sondern bildet und begründet , der Blick eines Freundes . Wir erreichten bald den tiefsten Teil des waldigten Tales , und da wir noch einige Schritte links in das Gebüsche getan hatten , ertönten mehrere Jagdhörner auf eine sehr muntere Art. Es war eine rufende Melodie , und ich unterschied bald drei Hörner , die von verschiedenen Punkten aus sich in einem Wechselliede antworteten . Das Echo verdoppelte die Töne , und brachte in die gedrängte Melodie eine angenehme tonschimmernde Verwirrung . Bald schien sich auch das Echo zu verdoppeln und aus allen Tiefen des Waldes tönte es der Melodie nach , als ziehe ein geheimnisvolles musikalisches Leben durch die Wipfel der Bäume . » Das Echo verdoppelt sich , « sagte Haber , » haben Sie es bemerkt ? « » O ja , « sagte Godwi , » ich habe das leider so oft bemerkt , daß mir durch die Gewohnheit die Rührung entgeht , welche alles Fremde , Geheimnisartige begleitet . « Auch ich war durch den tönenden Wald wunderbar überrascht , und fühlte , was die Alten in ihren Wäldern empfinden mochten , die noch mit Göttern belebt waren , welche in wunderbaren Waldstimmen um den Wanderer ertönten . Ich mache hier noch die Bemerkung , daß in den Reden Godwis etwas Trocknes , Ernstes und Bewunderungsloses lag . Er zeigte jene Art von Ruhe , von der die Erfahrung begleitet wird , und welche die muntere offene Jugend mit dem Stolze auf ihre wenigen errungenen Begriffe nicht reimen kann , und die ihr daher drückend wird . Die Jugend sieht solche Wesen wie den traurigen Vorwurf der Menge an , die sie noch zu erringen hat . Ein solches Wesen wird ihr geheimnisvoll und erdrückt durch seine anspruchlose Strenge ihre Wißbegierde . Wenn ich mit meinem muntern , schnellen Sinne eine Zeitlang gelehrte und vortreffliche Freunde erfreut habe , die sich vertraulich zu mir herablassen , und ich in ihrem Umgange vergessen habe , wie weit mehr sie umfassen als ich , so befinde ich mich wohl auch oft in solcher Jugendlichkeit , denn ich darf nur irgend ein Werk solcher Freunde in die Hand nehmen , um jene Bangigkeit zu empfinden , oder habe ich gar das Unglück , mit einer solchen leichtsinnigen Fröhlichkeit in eine große Bibliothek zu treten , so werde ich ganz zertrümmert und empfinde einen recht panischen Schrecken . Als wir in einen Winkel gekommen waren , wo sich die Wildnis immer mehr drängte und der Weg sich verlor , sprach Haber : » Nun haben wir uns verirrt , die geheimnisreiche Musik hat uns irregeführt , denn dies ist nimmermehr der Weg nach dem Jägerhause . « Godwi lächelte und sagte : » Hier haben wir keine Hülfe als die Hülfe aller Menschenkinder , wir müssen zurückkehren oder , sind wir fromm , die Unsterblichen anrufen , dies nun ist die Sache der Dichter . Lassen Sie uns daher unter die große Eiche treten , die hier neben dem Gebüsche steht . « Da wir einige Schritte durch das Gebüsch getan hatten , waren wir unter der großen Eiche ; ich erinnere mich , nie eine solche Säule des Himmels gesehen zu haben , sie quoll wie ein ungeheurer Strom aus der Erde , und zerstreuete ihre grünen Flammen in den Himmel . Haber fragte , in welchem Silbenmaße er beten sollte , in Stanzen oder Sonetten ? Godwi lächelte , und ich sagte : » Überlassen Sie mir das Gebet , mein Hunger wird mich ein kräftiges lehren , und wenn es mein Eifer nicht ungereimt macht , so soll es doch sicher reimlos sein . « Dann sprach ich : Unter des lebenden Grünenden Tempels Flüsternde Hallen Komme ich irrend . Wie sich die Eiche Himmelwärts türmet , Wie in dem Gipfel Ruhet des mächtigen Jupiters Fuß . Und in dem Herzen Fühl ich die Nähe Heiliger Wesen , Die durch die Zweige Zu dem Olympos Wandeln empor . Führt mich , ihr friedlichen Geister des Haines , Die mich umschweben Lachend und rufend , Führt mich zurück . Irrende , flüchtige , Tönende Geister , Die ihr mit schäkernden Lispelnden Worten Irr mich geführt . Hier wo in mondlichen Nächten ihr rauschet Und um die wohnsame Herrliche Eiche Tanzend euch schwingt ; Wo ich im Taue Freudigen Grases Von euren flüchtigen Goldenen Sohlen Ehre die Spur , - Hört mich ihr freundlichen , Die ihr verlorene Götter gepfleget , Die ihr die fliehende Daphne umarmt . Frohe , geheime , Lindernde Geister , Die in des Waldes Rührigen Schauer Weben den Trost . Mächtige , lebende , Stärkende Geister , Die in der Stämme Alter und Jugend Bilden die Kraft . Wenn ich je frevlend Eure geheiligten Stämme verletzet , O ! so verdorre Welkend die Hand . Nimmer auch höhnt ich Echo die Jungfrau , Die mit euch wohnet , Teilt ihr vertraulich Liebe und Schmerz . Führet mich heimwärts ! Bin nur ein Wandrer , Bin kein Unsterblicher , Der mit ambrosischen Bissen sich nährt . Wisset , mich hungert , Führet mich heimwärts , Daß ich dem Freunde Von der Dryaden Hülfreicher Güte Bringe die Mär . Während meinem Gebete hörten wir verwirrte Stimmen jenseits der Eiche . » Der betet , glaube ich , « sagte eine Stimme , » wer mag das wohl sein ? « » Ein Narr « - erwiderte die andere . » Gott gebe , daß er ihn erhört « , sagte die erste Stimme . » Daß wer ihn erhört ? « fragte die zweite . » Ei nun , Gott « - » Das ist ja dumm , Gott soll geben , daß Gott ihn erhört ; es wäre wohl besser , Gott erhörte ihn , damit er ihm gleich was gebe . « » Flametta , Flametta , du spaltest die Worte wieder . « - » Das Spalten macht mir vielen Spaß , wenn ich deinen Verstand dazwischenklemmen kann , und sollte ich es allein tun , um dich empfinden zu lassen , wie es den Tieren zu Mute ist , die du lieber in Fallen fängst , als sie , wie ich , rechtlich totzuschießen . Glaubst du mich auch so zu fangen ? Das lasse dir nur vergehen . « Sechstes Kapitel Hier ging plötzlich eine Tür auf , die in der großen Eiche versteckt war . Godwi hatte mit uns gescherzt . Es war diese Eiche der Eingang eines Parkes , der an die hintere Seite des Jägerhauses angrenzte und Habern noch nicht bekannt war . » Mich bekömmst du nimmer so « , sagte das Mädchen Flametta , das hinter der Eiche stand und lief davon , als sie uns durch die Türe eintretend bemerkte . Ein Jägerbursche , der uns nicht so früh gesehen hatte , rief : » Freilich , du bist schneller als ein Reh , und wenn du läufst , kriege ich dich nimmer « - nun bemerkte er uns und lief auch davon . Godwi rief ihnen beiden nach , aber sie hörten nicht . » Es ist eigen , « sagte er , » wie man nimmer den geringeren Ständen die Scheue nehmen kann ; es liegt ihnen mehr Genuß in der Freiheit , davonlaufen zu können , als in der , sich nähern zu dürfen . In jedem Menschen liegt eine ewige Rache gegen die Bestimmung seiner Geburt , und aus dieser Rache läßt sich mehr Kraft und Vollkommenheit erweisen als aus jeder Art der Toleranz . « Haber meinte , es sei Mangel an Bildung der Menschen . Ich meinte , es sei Mangel an Bildung der Stände , die zu sehr durch bloße menschliche Bedürfnisse und zu wenig durch ihre innern Standesbedürfnisse verbunden seien , so daß die Stände die Menschen trennten und die Bedürfnisse allein sie vereinigten . Der Park , in dem wir waren , war nichts anders als der kräftigste Teil des Waldes , ein kleiner Eichenhain . Alle Stämme waren voll gesunden Lebens , wie eine Versammlung der Bürger einer großen Republik standen sie da , alle voll Selbstgefühls und eignen Sinnes , doch nur eine Absicht . Godwi sagte zu Haber : » Sehen Sie , diese sind Freunde , wie man es sein soll . « Ich fragte ihn , wie diese brave , wackere Gesellschaft zusammengekommen sei . » Es sind lauter Antiken , « erwiderte er , » bis auf einige neue , die mein Vater gepflanzt hat , und dann noch eine junge Zucht von Flametten . « Wir waren wenige Schritte gegangen , als durch die grüne Nacht eine glänzende weiße Fassade hervorbrach . » Wundern Sie sich nicht , « sagte Godwi zu Haber , » dies ist der hintere Teil des Jägerhauses , von einem Italiäner für meinen Vater angelegt , der in der letzten Zeit viel bauete . « Wir traten durch den geräumigen , luftigen Eingang , an dem keine Tür war , und links in einen runden gewölbten Saal . Der Türe des Saales gegenüber sprudelte ein Wasserfall über einen Haufen moosigter Steine nieder . Das Fenster , wodurch man ihn sah , gab dem Saale allein Licht , außer einigen grünen Scheiben , welche von oben herab einen anmutigen Schimmer ergossen . Die Wände ringsherum waren täuschend mit Gebüschen bemalt , die oben an der Kuppel zusammenliefen und das Ganze einer Laube ähnlich machten . An dem Fenster standen zierliche Vasen , und als ich sie betrachten wollte , bemerkte ich , daß dieses kein Fenster war , sondern ein großer Spiegel , dem das Fenster , durch welches der Wasserfall erschien , gegenüberstand . Es war über der Türe angebracht und fiel nicht in die Augen . In der Mitte des Saales stand ein kleiner marmorner Tisch , der schon gedeckt war . Wir legten unsere Mordgewehre ab , und erfrischten uns mit dem Wasser , das an der einen Wand des Saales in einem Becken von grünem Glase unter einem Haufen von Früchten hervorquoll , die auch aus grünem Glase von verschiedenen Lichtstufen sehr künstlich gebildet waren . Die Früchte drangen unmittelbar aus der Wand hervor , und lagen in schöner Unordnung übereinander . Die Mitte nahmen einige große Trauben ein , und um sie drängten sich andere Früchte ; über den Trauben lag ein Lorbeerkranz , auf dem ein Schmetterling saß . Als ich das kunstreiche Werk betrachtete , sagte Godwi , das alles wäre recht gut : » Wenn nur der Schmetterling nicht der Hahn wäre , der den Strahl des Wassers schließt und öffnet , und der Lorbeerkranz nicht die Wasserröhre verbärge , aus der die Ströme hervorrinnen und über die Früchte laufen , besonders die Traube setzt er unter Wasser . « » Ja , « sagte ich , » er liegt über der Traube wie ein schlechtes Trinklied , das uns den Wein verdirbt . Es ist viel Unschuld oder Bosheit in der ganzen Idee . « Hier nahm Godwi ein kleines silbernes Jagdhorn von der Wand und tat einige helle Stöße hinein , die wie Flammen an der Kuppel durch die grünen Wände hinaufliefen . » Die Töne sind ein wunderbarer lebender Atem der Dunkelheit « , sagte ich ; » wie alles rauscht und lebt und mit uns spricht in dem heimlichen Saale , den die Töne wie glühende Pulsschläge durchzuckten . « Godwi sagte : » Die Töne sind das Leben und die Gestalt der Nacht , das Zeichen alles Unsichtbaren , und die Kinder der Sehnsucht . « Es traten einige reinlich gekleidete Jäger herein , und trugen Speisen und goldenen Rheinwein auf . Godwi sagte ihnen , sie möchten die Speisen hinstellen , und uns dann an dem Wasserfalle etwas singen und blasen . Er gab ihnen das silberne Horn dazu , und sagte ihnen , sie möchten Flametta bitten , ihr Konzert zu unterstützen . Wir machten uns nun herzlich über die Gerichte her , und besonders hielt Haber ein schreckliches Gericht über sie , er sagte : » Es ist nichts Vortrefflicheres in der Welt als der Geschmack so eines wilden Schweinkopfs . « Man verzehrte ihn so siegreich wie ein Indianer seinen skalpierten Feind . » Das Essen überhaupt ist das wahre erste Studium « , sagte Godwi ; » in einer recht gründlichen Naturlehre müßte die erste Einteilung sein - dies kann man essen , und dies nicht . « Ich setzte hinzu , daß recht vernünftig Essen zum vollkommnen Menschen gehöre , und daß , wer nicht mit ernstlicher Freude esse , weder ein guter Philosoph noch Dichter sein könne . » Wie die Helden im Homer zugreifen « , sagte Haber . » Rechten Hunger haben , heißt viel Anlage haben , und verhungern , heißt eine größere Anlage haben als die gegenwärtige Bildung « , sagte Godwi . » Und der ist der vernünftigste Esser , « fügte ich hinzu , » der die Bildung durch seinen Hunger so lange steigert , bis sie ihn sättigt . « Hier brachte Haber Goethens Gesundheit aus , wir tranken rundum aus voller Seele und vollen Bechern , und ich sagte : » Es ist seltsam , mit dieser Gesundheit ist mein Mahl geschlossen , ich bin ordentlich satt . « Siebentes Kapitel Nach Tische hörten wir einige Waldhörner , die lustig erklangen . Godwi sagte : » Wir wollen uns gegen den Spiegel wenden , da werden wir unser Orchester besser sehen können , und besonders Flametta , die ein sehr schönes Mädchen ist , und sich bei solchen Gesängen öfters sehr reizend dekoriert . « Wir warteten auch nicht lange , als wir an dem Wasserfalle einen zahmen Hirsch trinken sahen . Er hatte ein blankes Halsband mit Schellen an , und sah sehr zierlich aus . Er drehte sich um und sah zu uns herein . Godwi gab ihm etwas Brot , und er guckte uns mit seinen hellen freundlichen Augen groß an , dann rief ihn Flametta und er lief wieder weg . Godwi sagte : » Das gehört sicher zu dem Liede , und wir können uns nun von Flametta etwas Dramatisches erwarten . « Nun begannen die Hörner wieder ein lustiges Jagdlied zu blasen , verloren sich dann in der Ferne , und ahmten das Echo nach , als ob eine Gesellschaft Jäger auszöge , dann verstummten sie ganz , und an dem Wasserfalle erschien eine liebliche Maske . Flametta war es , sie hatte sich in einen jungen Jäger verkleidet . Ein grünes Mäntelchen hing schön geschürzt über ihren Schultern . Die kräftigen Hüften hatte sie mit weißen Puffen bedeckt . Sie setzte sich , und streckte die schlanken behenden Beine nachlässig an den Boden . Ihr hoher Hals drang stolz aus dem strengen Dianenbusen , den sie leider aus Kostüm soviel als möglich verbarg . Sie wußte wohl nicht , wie gern solche Fehler übersehen werden . Sie stützte das trotzige freie Köpfchen , auf dem sie einen schönen Kranz von frischen Blättern und Flittergold trug , in die Linke , und warf mit der Rechten Bogen und Pfeil von sich . Indem sie sich über das Wasser beugte und ihre Worte mit gelinden Bewegungen begleitete , sang sie mit heller klingender Stimme , und die Hörner tönten leise nach . Cyparissus : Nicht lachen mehr , nicht singen mehr , Nicht mehr in Wäldern jagen , Still sitzen hier und klagen , Weil ich