nur die Frage nach seinem Namen - v. C. ? - in die Hand ; und nach dem Ja sagte die reizende leise : » Kennen Sie mich nicht mehr ? - den Exerzitienmeister von Falterle ? « Albano bezeugte , ungeachtet seines Widerwillens gegen die Rolle , eine wahre Freude über den Fund eines Jugend-Genossen . Er fragte , welche Maske der Oberst Roquairol sei ; Falterle versicherte , er sei noch nicht da . Nun gingen - da die Läufer , die Fleischer , Falterle u.s.w. nur die Schneeglöckchen dieses Redoutenfrühlings waren - schon bessere Blumen , Veilchen , Vergißmeinnicht und Primeln , auf oder herein . Für ein solches Vergißmeinnicht seh ' ich einen hereinkommenden , hinten und vornen ausgewachsenen und wie ein Brennglas konvexen Kerl an , der bald das Hintergebäude öffnete und Konfekt aus dem Buckel ausschüttete , und dann das Vordergebäude und Bratwürste gebar . Hafenreffer aber schreibt , die Invention sei schon einmal auf einer Wiener Redoute gewesen . Dann kam eine Gesellschaft deutscher - Spielkarten , die sich selber mischten und ausspielten und stachen ; ein schönes Sinnbild des Atheismus , das ihn ganz ohne das Ungereimte darstellt , womit man ihn so gern beschmitzte ! - Herr von Augusti erschien auch , aber im einfachen Kleide und Domino ; er wurde ( dem Grafen unbegreiflich ) sehr bald der Polarstern der Tänzer und der regierende kartesianische Wirbel der Tanzschule . Mit welchem elenden schwarzen Kommiß- und Bettelbrote von Freude - dachte Albano , dem den ganzen Tag seine Träume , diese Tauben Jupiters , Götterbrot zutrugen - kommen diese Menschen aus - Und wie kahl und fahl ist ihr Feuer , ihre Phantasie und Sprache ( dacht ' er dazu ) , ein wahres Leben unten in einer finstern Gletscherspalte ! Denn er glaubte , jeder müsse so angespannt und glühend sprechen und fühlen wie er . Jetzt kam ein hinkender Mann mit einem großen Glaskasten auf dem Bauche ; - freilich war der Bibliothekar leicht zu kennen ; er hatte - entweder weil er zu spät nach einem Domino schickte oder keinen bezahlen wollte - vom Leichenmäntel-Verleiher etwas Schwarzes an und war von der Achsel bis auf das Schienbein mit greulichen Masken besetzt , die er mit vielen Fingerzeigen meistens den Leuten antrug , die hinter entgegengesetzten agierten , z.B. langnasigen kurznasige . Er wartete auf den Anfang einer Hopsanglaise , deren Noten gerade auf der Spielwalze seines Kastens standen ; dann fing er auch an ; er hatte darin eine treffliche , von Bestelmaier gehobelte Puppen-Redoute und ließ nun die kleinen Larven hopsen parallel mit den großen . Es war ihm um vergleichende Anatomie beider Maskeraden zu tun , und der Parallelismus war betrübt . Dabei hatt ' ers noch mit Beiwerken aufgeputzt - kleine Stummen schwenkten im Kasten ihr Glöcklein - ein ziemlich erwachsenes Kind schüttelte die Wiege eines unbelebten Püppchens , womit das Närrchen noch spielte - ein Mechanikus arbeitete an seiner Sprachmaschine , durch welche er der Welt zeigen wollte , wie weit bloßer Mechanismus dem Leben der Puppen nachkommen könne - eine lebendige weiße Maus85 sprang an einem Kettchen und hätte viele vom Klub umgeworfen , falls sie es zerrissen hätte - ein lebendiger eingesargter Star , eine wahre erste griechische Komödie und Lästerschule im kleinen , verübte an der Tanzgesellschaft den Zungentotschlag ganz frei und distinguierte nicht - eine Spiegelwand ahmte die lebendigen Szenen des Kastens täuschend nach , so daß jeder die Bilder für wahre Puppen nahm . - - Auf Albano traf die Schneide dieses kosmisch-tragischen Dolches senkrecht genug , da ihm ohnehin das hüpfende Wachs- figurenkabinett der großen Redoute die Einsamkeit des Menschen zu verdoppeln und zwei Ichs durch vier Gesichter zu trennen schien ; aber Schoppe ging weiter . In seinem Glasschranke stand eine Pharaobank und daneben ein Männchen , das den verlarvten Bankier in schwarzes Papier ausschnitt , aber dem deutschen Herrn ähnlich ; diese Schilderei trug er ins Spielzimmer , wo eine bankhaltende Maske - ganz gewiß Zefisio - ihn hören und sehen mußte . Der Bankier sah ihn einigemal fragend an . Dasselbe tat eine ganz schwarz gekleidete Maske mit einer sterbenden Larve , die das hippokratische Gesicht vorstellte86 . Albano sah feurig nach ihr , weil ihm vorkam , es könne Roquairol sein , denn sie hatte dessen Wuchs und Fackelauge . Die bleiche Larve verlor viel und verdoppelte immer den Verlust ; dabei trank sie aus einem Federkiele unmäßig Champagner-Wein . Der Lektor kam dazu ; Schoppe spielte vor den zulaufenden Augen weiter ; die bleiche Larve sah unverrückt und strenge den Grafen an . Schoppe nahm vor Bouverot seine eigne herab - aber eine Unterzieh-Maske saß darunter - er zog diese aus - eine Unterzieh-Maske der Unterzieh-Maske erschien - er triebs fort bis zur fünften Potenz - endlich fuhr sein eignes höckeriges Gesicht hervor , aber mit Goldschlägergold bronziert und sich gegen Bouverot fast fürchterlich-gleißend und lächelnd verziehend . Die bleiche Larve selber schien zu stutzen und eilte mit weiten Schritten weg in den Tanzsaal ; sie warf sich wild in den wildesten Tanz . Auch das bewährte Albanos Vermutung , so wie ihr großer trotzender Hut , der ihm eine Krone schien , weil er an dem männlichen Anzuge nichts höher schätzte als Pelz , Mantel und Hut . Immer mehrere Finger zogen die Lettern v. C. in seine Hand , und er nickte unbekümmert . Die Zeit umgab ihn mit vielfachen Dramas , und überall stand er zwischen Theater-Vorhängen . Als er mit dem unruhigen Kopfe und Herzen ins Bogenfenster trat , um zu sehen , ob er bald Mondschein für seinen Nachtgang habe : so sah er über den Markt einen schweren Leichenwagen zwischen Fackeln ziehen , der einen Rittergutsbesitzer seiner Familiengruft zufuhr ; und der ungestörte Nachtwächter rief dem schleichenden Toten den Anfang der Geister- und einer uns teuren Geburtsstunde nach . Mußte nicht sein getroffnes Herz es ihm sagen , wie der harte , feste , unauflösbare Tod mit seiner Gletscherluft so scharf durch die warmen Szenen des Lebens rückt und alles , worüber er wegweht , hinter sich starr lässet und schneeweiß ? Mußt ' er nicht an die erkaltete junge Schwester denken , deren Stimme jetzt seiner im Tartarus wartete ? - Und als Schoppe mit seiner Puppen-Travestierung zu ihm kam und er ihm die Gasse zeigte und dieser sagte : » Bon ! der Freund Hein sitzt auf seinem Pürschwagen und guckt ruhig herauf , als wolle der Freund sagen : bon ! tanzt nur zu , ich fahre retour und bring ' euch auch an Ort und Stelle « - wie mußt ' es ihm so enge werden unter dem schwülen Visier ! - In dieser Sekunde kam die bleiche Larve mit andern ins Fenster - er öffnete das glühende Gesicht der Kühlung - ein schneller Weintrunk und noch mehr seine Phantasie zeigte ihm die Welt in brennenden Oberflächen - die Larve beschauete ihn nahe mit einer ungewissen dunkeln Augen-Glut , die er am Ende nicht länger vertrug , weil sie ebensogut vom Hasse als von der Liebe angezündet sein konnte , so wie Sonnenflecken bald Gruben , bald Gebürgen ähnlich schienen . Eilf Uhr war vorbei , er entwich plötzlich den heißen Blicken und dem kreischenden Gedränge und begab sich auf den Weg zum Herzen ohne Brust . 51. Zykel Indes er am Tore auf seinen Degen wartete : lief eine Gruppe neuer Masken ( meistens Repräsentanten der Leblosigkeit , z.B. ein Stiefel , ein Perückenstock u.s.w. ) in die Stadt , und sie guckten verwundert den fremden weißen langen Ritter an . Er nahm den Degen mit , aber nicht den Bedienten . Übrigens ließ ihm sein Charakter bei aller Gefahr , worein der Besuch eines abgelegnen düstern Katakombenganges und das fremde Vorauswissen dieses Besuches ihn stürzen konnte , doch keine andre Wahl als die getroffne ; nein , er hätte sich lieber morden lassen als vor seinem Vater geschämt . Wie stieg dein Geist empor , gleich einem Blitze , der aufwärts gegen den Himmel hineinschlägt , als die große Nacht mit ihrem Heiligenscheine aus Sternen aufgerichtet vor dir war ! - Unter dem Himmel gibt es keine Angst , nur unter der Erde ! Breite Schatten legten sich ihm in den Weg nach Elysium , den am Sonntage Tautropfen und Schmetterlinge färbten . In der Ferne wuchsen feurige Zacken aus der Erde und gingen ; es war der Leichenwagen mit den Fackeln in der tiefen Straße . Als er an den Scheideweg kam , der durch die Schloßruinen in den Tartarus führt : sah er sich nach dem Zauberhaine um , auf dessen gewundner Brücke ihm Leben und Freudenlieder begegnet waren ; alles war stumm darin , und nur ein langer grauer Raubvogel ( wahrscheinlich ein papierner Drache ) drehte sich darüber hin und her . Er kam durch das alte Schloß in einen abgesägten Baumgarten , gleichsam ein Baumkirchhof ; dann in einen bleichen Wald voll abgeschälter Maienbäume , die alle mit verblühten Bändern und erblaßten Fahnen gegen das Elysium sahen ; - ein verdorrter Lusthain so vieler Freudentage . Einige Windmühlen griffen mit langen Schattenarmen dazwischen , um immer zu fassen und zu schwinden . Ungestüm lief Albano eine von Überhängen verfinsterte Treppe hinab und kam auf ein altes Schlachtfeld - eine dunkle Wüste mit einer schwarzen Mauer , nur von weißen Gipsköpfen durchbrochen , die in der Erde standen , als wollten sie versinken oder auferstehen - ein Turm voll blinder Tore und blinder Fenster stand in der Mitte , und die einsame Uhr darin sprach mit sich selber und wollte mit der hin- und hergeführten eisernen Rute die immer wieder zusammenrinnende Welle der Zeit auseinanderteilen - sie schlug drei Viertel auf 12 Uhr , und tief im Walde murmelte der Widerhall wie im Schlafe und sagte noch einmal leise den entfliegenden Menschen die fliegende Zeit . Der Weg umlief im ewigen Kreise ohne Pforte die Gottesackermauer ; Alban mußte , nach der Nachricht , eine Stelle an ihr suchen , wo es unter ihm brausete und schwankte . Endlich trat er auf einen mit ihm sinkenden Stein , da fiel ein Ausschnitt der Mauer um , und ein verstrickter Wald aus Baumklumpen , deren Stämme sich in Buschwerk einwickelten , war vor jeden Strahl des Mondes gewälzt . Als er unter der Pforte sich umsah , hing über der schattigen Treppe ein bleicher Kopf gleich einer Büste des Mordfeldes und ging ohne Körper herab , und die verbluteten Toten schienen aufzuwachen und ihm nachzulaufen der kalte Höllenstein des Schauders zog sein Herz zusammen ; er stand ; - der Leichenkopf schwebte unbeweglich über der letzten Staffel . Auf einmal sog das Herz wieder warmes Blut , er wandte sich gegen den unförmlichen Wald mit gezogenem Degen , weil er sein Leben neben dem bewaffneten Tode vorbeitrug . Er folgte in der Finsternis der grünenden Türme dem Getöse des unterirdischen Flusses und dem Wiegen des Bodens . Zum Unglück sah er sich wieder um , und der Leichenkopf stand noch hinter ihm , aber hoch in den Lüften auf dem Rumpfe eines Riesen . - - Der höchste Schauer trieb ihn allzeit mit zugedrückten Augen auf ein Schreckbild los ; er rief zweimal durch den hallenden Wald : » Wer ist da ? « Aber als jetzt auf einmal ein zweiter Kopf neben dem ersten zu stehen schien ; so klebte seine Hand an dem eiskalten Schlosse der Pforte der Totenwelt gefroren an , und er riß sie blutig ab . Er floh und stürzte durch immer dichtere Zweige endlich hinaus in einen freien Garten und in den Glanz des Mondes ; - hier , ach hier als er den heiligen unsterblichen Himmel und die reichen Sterne im Norden wieder schimmern sah , die nie auf- und untergehen , den Pol-Stern und Friedrichs Ehre , die Bären und den Drachen und den Wagen und Kassiopeja , die ihn mild wie mit den hellen winkenden Augen ewiger Geister anblickten ; da fragte der Geist sich selber : » Wer kann mich ergreifen , ich bin ein Geist unter Geistern « ; und der Mut der Unsterblichkeit schlug wieder in der warmen Brust . - - Aber welcher sonderbare Garten ! Große und kleine blumenlose Beete voll Rosmarin , Raute und Taxus zerstückten ihn - ein Kreis von Trauerbirken umgab wie ein Leichengefolge gesenkt den stummen Platz - unter dem Garten murmelte der begrabne Bach - und in der Mitte stand ein weißer Altar , neben welchem ein Mensch lag . Albano wurde gestärkt durch die gemeine Kleidung und durch den Handwerksbündel , worauf der Schläfer ausruhte ; er trat ganz dicht an ihn und las die goldne Inschrift des Altars : » Nimm mein letztes Opfer , Allgütiger ! « - Das Herz des Fürsten sollte hier zur Asche werden im Altare . Ach nach diesen starren Szenen linderte es seine Seele bis zu Tränen , hier Menschenworte zu finden und einen Menschenschlaf und die Erinnerung an Gott ; aber als er gerührt dem Schläfer zusah , sagte ihm plötzlich die Schwesterstimme , die er auf Isola bella gehört , leise ins Ohr : » Linda de Romeiro geb ' ich dir . « - » Ach guter Gott ! « rief er und fuhr herum - und nichts war um ihn - und er hielt sich an die Altarecke - » Linda de Romeiro geb ' ich dir « , sagte es wieder - fürchterlich packte ihn der Gedanke , der schwebende Leichenkopf rede neben ihm - und er riß am festen Schläfer , der nicht erwachte - und riß und rief noch gewaltsamer , als die Stimme zum dritten Male sprach . » Wie ? « - ( sagte der Schlaftrunkene ) » Gleich ! - Was will Er ? - Sie ? « und richtete sich unwillig und gähnend auf , aber er fiel bei dem Anblicke des nackten Degens wieder auf die Knie und sagte : » Barmherzigkeit ! ich will ja alles hergeben ! « » Zesara ! « rief es im Walde , » Zesara , wo bist du ? « und er hörte seine eigne Stimme ; aber kühn rief er nun zurück : » Am Altare ! « - Eine schwarze Gestalt drang heraus mit einer weißen Maske in der Hand und stockte im Mondlichte vor der bewaffneten ; da erkannte endlich Albano den Bruder Lianens , nach dem er so lange gelechzet - er schleuderte den Degen zurück und lief ihm entgegen - Roquairol stand stumm , bleich und mit einer erhabnen Ruhe auf dem Gesichte vor ihm - Albano blieb nahe stehen und sagte gerührt : » Hast du mich gesucht , Karl ? « - Roquairol nickte stumm und hatte Tränen in den Augen und öffnete die Arme . - Ach da konnte der selige Mensch mit allen Flammen und Tränen der Liebe an die langgeliebte Seele stürzen , und er sagte unaufhörlich : » Nun haben wir uns , nun haben wir uns ! « Und immer heftiger umschlang er ihn wie den Pfeiler seiner Zukunft und strömte in Tränen hin , weil ja nun die verschlossene Liebe so langer Jahre und so viele zugedrückte Quellen des armen Herzens auf einmal fließen durften . - Roquairol drückte ihn nur zitternd an sich und leise mit einem Arme ; und sagte , aber ohne Heftigkeit : » Ich bin ein Sterbender , und das ist mein Gesicht , « ( indem er die gelbe Totenmaske emporhielt ) » aber ich habe meinen Albano , und ich sterbe an ihm . « Sie verstrickten sich wild - das Mark des Lebens , die Liebe , durchdrang sie schöpferisch - der Boden über dem rollenden Erdenflusse wankte heftiger - und der Sternenhimmel zog mit dem weißen Zauberrauche seiner zitternden Sterne um die magische Glut - - Ach ihr Glücklichen ! 52. Zykel Einige Menschen werden verbunden geboren , ihr erstes Finden ist nur ein zweites , und sie bringen sich dann als zu lange Getrennte nicht nur eine Zukunft zu , sondern auch eine Vergangenheit ; - die letztere forderten einander die Glücklichen ungeduldig ab . Roquairol antwortete auf Albans Frage , wie er hieher komme , mit Feuer : » er sei ihm diesen ganzen Abend gefolgt - er habe ihn am Fenster unter dem Leichengepränge so peinlichschmachtend angeschauet und beinahe umarmen müssen - er sei schon vorhin dicht an ihm gestanden und habe auf seine Frage : wer da ? sogleich die Maske abgetan . « - - Jetzt griff wieder Albanos gefallner Arm straff durch das dünne Schattenspiel der Geisterfurcht , da er nun erfuhr , der zweiköpfige Riese sei bloß vom optisch-vergrößernden Wahne der Ferne einer so nahen Gestalt erwachsen , und der Leichenkopf habe auf der Treppe seinen Rumpf nur eingebüßt durch die finstern Überhänge und durch die schwarze Bekleidung ; sogar die harte Geisterszene am Altare schien ihm jetzt bezwinglicher durch den reichen Gewinst der lebendigen Liebe . Roquairol fragte ihn , welche Qual oder Freude ihn in der Mitternacht hierher auf einen herrnhutischen Gottesacker getrieben und wohin er den Menschen mit dem Degen abgeschickt . Albano wars unbekannt , daß hier Herrnhuter ruhen ; und ebenso hatt ' er den wahrscheinlich aus Furcht des Gebrauchs verübten Diebstahl des Degens nicht bemerkt . Er antwortete : » Meine tote Schwester wollte am Altare mit mir reden ; und sie hat geredet « ; aber er fürchtete sich , mehr davon zu sprechen . Da änderte sich plötzlich Roquairols Gesicht - er starrte ihn an und forderte Beteuerung und Erklärung - unter dieser schauete er in die Luft , als wollt ' er aus ihr durch Blicke Gesichter ziehen , und sagte , indem er doch Albano ansah , eintönig : » Tote , Tote , rede wieder ! « - Aber nur der Totenfluß redete unter ihnen fort und nichts weiter . Aber er warf sich vor dem Altare auf die Knie und sagte vermessen und doch mit bebenden Lippen : » Spring auf , Geisterpforte , und zeige deine durchsichtige Welt - ich fürcht ' euch Durchsichtige nicht , ich werde einer von euch , wenn ihr erscheint , und gehe mit und erscheine auch . « - » O mein Guter , lasse nach « , bat Albano , nicht nur aus Gottesfurcht , auch aus Liebe ; denn ein Zufall , ein vorüberschießender Nachtvogel konnte sie ja durch ein Entsetzen töten ; - auch stand dieses Entsetzen nicht weit von ihnen ; denn auf der erleuchteten Seite der Trauerbirken trat eine majestätische weiße alte Gestalt heraus . Aber da Roquairol , durch Wein und Phantasie wahnsinnig , die sterbende Larve in die Lüfte reichte und gegen das Grab des Herzens sagte : » Nimm dieses Gesicht , wenn du keines hast , alter Mann , und blicke mich an hinter ihr ! « so riß ihn Albano auf die weiße Gestalt trat mit gebücktem Kopfe und gefalteten Händen in die Zweige zurück - der runde Turm auf dem Schlachtfelde schlug die Stunde aus , und die träumende Gegend schlug sie murmelnd nach . » Komm an mein warmes Herz , du heftige Seele - o daß ich dich gerade an meinem Geburtstage in meiner Geburtsstunde erhalten durfte ! « - Dieser Laut schmolz auf einmal den immer wechselnden Menschen , und er hing sich mit nassen Freudenaugen an ihn und sagte : » - und bis in unsre Sterbestunden hinein ! O sieh mich nicht an , du Unveränderlicher , weil ich so schwankend und gebrochen erscheine - in den Wogen des Lebens bricht sich und ringelt sich der Mensch , wie der Stab im Wasser flattert , aber das Ich steht doch fest wie der Stab . - Ich will dir folgen in andre Orte des Tartarus ; aber erzähle auch die Geschichte . « Diese Geschichte geben , hieß ein Allerheiligstes des Innern oder auch einen Sarg dem Tageslichte öffnen ; aber glaubt ihr , daß Albano sich eine Minute bedachte ? Oder ihr selber ? - Wir sind alle bessere , offnere , wärmere Freunde , als wir wissen und zeigen ; es begegne euch nur der rechte Geist , wie ihn die dürstende Liebe ewig fordert , rein , groß , hell und zart und warm , dann gebt ihr ihm alles und liebt ihn ohne Maß , weil er ohne Fehler ist . Albano fand in diesem Fremdlinge den ersten Menschen , der sein ganzes Herz mit gleichen Tönen erwiderte , das erste Auge , das seine schüchternen Gefühle nicht flohen , eine Seele , vor deren erster Träne aus seinem ganzen künftigen Leben Blumen auffuhren wie aus den trocknen Wüsten heißer Länder unter der Regenzeit ; - daher gab die Liebe seinem starken Geiste nur die gleiche weite Bewegung eines Meeres , indes der obwohl Ältere und länger gebildete Freund ein Strom mit Wasserfällen war . Karl führte ihn in die sogenannte Katakombe , indes er der Geistergeschichte von Isola bella zuhörte , aber , von der vorigen erschöpft , mit fallender Furcht . Ein ödes verkohltes Tal voll offner verfallner Schachte sonnte sich grau im Mondscheine ; aus dem Walde kroch unter ihren Füßen der Totenfluß hervor und sprang auf eine steinerne Treppe in die Katakomben hinein ; beide folgten ihm auf einer darneben . Der Eingang trug als Stirnblatt ein altes Zifferblatt , wovon einmal der Donner gerade die Stunde Eins weggeschlagen : » Eins ? « ( sagte Alban ) » Sonderbar ! Gerade unsre künftige Stunde ? « Wie abenteuerlich zieht sich die Katakombe fort ! Der lange Totenfluß murmelt verfinstert tief hinein und blitzt zuweilen unter dem silbernen Dampfe , den das Mondlicht durch die Schachtlöcher hereintreibt - feste Tiere , Pferde , Hunde , Vögel , stehen saufend am finstern Ufer , nämlich ihre ausgepolsterten Häute - schmale , von der Zeit geschleifte Leichensteine mit wenigen Namen und Gliedern sind das Pflaster - an einer hellern Nische lieset man , daß hier eine Nonne eingemauert gewesen in einer andern steht das vererzte Skelett eines verschütteten Bergmanns mit vergoldeten Rippen und Schenkeln - an zerstreueten Orten waren schwarze Papierherzen arkebusierter Menschen und Blumensträußer armer Sünder gesammlet , die Rute , die einen Begnadigten durch Bestreifen getötet , eine gläserne Büste mit einem Phosphorpunkte im Wasser , Westerhemdchen und andre Kinder-Kleider und Spielwaren und ein Zwergskelett - - Als ihm Roquairols erklärende Worte , dessen Lebensweg immer in Grüfte hinab- und auf Gräber hinauflief , das Leben immer durchsichtiger und flitterhafter schlugen ; so fuhr Zesara nach seiner Art auf einmal kopfschüttelnd , die Brust vorhebend , in den Sand einstampfend und fluchend ( was er leicht im Erschrecken und in großer Rührung tat ) mit den Worten auf : » Beim Teufel ! - Du zerdrückst mir und dir die Brust . Es ist ja nicht so ! Sind wir nicht beisammen ? Hab ' ich nicht deine warme lebendige Hand ? Brennt in uns nicht das Feuer der Unsterblichkeit ? Ausgebrannte Kohlen sind diese Gebeine und weiter nichts ; und das himmlische Feuer , das sie zerlegte , hat wieder andres Brennholz ergriffen und lodert fort . - O , « ( setzt ' er wie getröstet dazu und trat in den Bach und blickte durch die Schacht-Öffnung zum reichen Monde empor , der vom Himmel herunterströmte , und seine großen Augen standen voll Glanz ) » o , es ist ein Himmel und eine Unsterblichkeit - wir bleiben nicht in der dunkeln Höhle des Lebens - wir ziehen auch durch den Äther wie du , du glänzende Welt ! « » Ach du Herrlicher ! « ( sagte Karl , dessen Seele aus Seelen bestand ) » ich will dich nun auch zu einer frohern Stelle bringen . « Sie waren kaum acht Schritte weg , als es sich hinter ihnen verdunkelte und ein oben hereingeworfener Degen aufrecht mit der Spitze in den Sand der Wellen fuhr . » O du höllischer Teufel droben ! « rief der ergrimmte Roquairol ; aber Alban wurde weich über die eiserne Jungfrau der Sterbensstunde , die so nahe an ihm die scharfen Arme zusammengeschlagen hatte . Sie faßten sich wärmer und gingen still und bange einem leisen Getöne und einem Grabhügel entgegen . Sie setzten sich auf ihn , gegenüber einem mit der quälenden Katakombe einen rechten Winkel bildenden Gang , den grünes Moos auslaubte und dessen Länge die zerbröckelten Funken von faulem Holze bezeichneten . Er verlor sich in eine offne Pforte und Aussicht ins - Elysium , von welchem nur die weißen Gipfel einiger Silberpappeln zu erkennen waren , und in der Ferne sah man das Frühlingsrot der Mitternacht am Himmel blühen , und zwei Sterne blitzten darüber . Doch wurde die Pforte vergittert und bewacht durch ein Skelett mit einer Äolsharfe in der Hand , das auf ihr die dünnen Molltöne zu greifen schien , mit denen jetzt der Zugwind in die Höhle floß . » Erzähle hier « ( sagte Karl an der schönen Stelle und neugieriger durch den Mörderwurf von Albans Degen ) » das Heutige aus ! « Albano berichtete ihm redlich das Wort der Schwesterstimme : » Linda de Romeiro geb ' ich dir . « Er dachte im Geräusche seines Innern nicht an die Anekdote , daß ja Karl für eben diese als Knabe sterben wollen . » Die Romeiro ? « ( fuhr dieser auf ) » Sei still ! - O diese ? - Spielender Scharfrichter , du Schicksal ! Warum sie und heute ? Ach Albano , für diese ging ich früh dem Tode entgegen , « ( fuhr er weinend fort und sank ihm an die Brust ) » und darauf ist mein Herz so schlecht geworden , weil ich sie verloren habe - Nimm sie nur hin , denn du bist ein reiner Geist - die herrliche Gestalt , die dir auf dem Meere erschien , so sieht sie aus , oder jetzt noch schöner . - - Ach Albano ! « - Dieser edle Mensch erschrak über die Verwickelung und über das Schicksal und sagte : » Nein , nein , du lieber Karl , du denkst über alles ganz falsch . « Plötzlich war es , als tönten alle Gestirne und ein melodisches Geisterchor dränge unsichtbar durch die Pforte herein ; Albano war betroffen . » Nichts , laß es ! « ( sagte Karl ) » Es ist das Skelett nicht ; der fromme Vater geht im Flötentale und zieht jetzt seine Flöten , weil er betet - - Aber wie sagst du , ich dächte über alles falsch ? « - - » Wie ? « wiederholte Albano und konnte im zauberischen Kreise dieser Nachklänge , die den Sonntagsmorgen allmächtig wiederbrachten , nicht denken und reden . Wehten denn nicht die Silberpappeln an den Sternen hin und her , und Rosenwolken lagerten sich um den Himmel , und das ganze Elysium zog offen vorüber mit den Lauten , die es durchschwebet , mit den Tränen , die es benetzet hatten , und mit den Träumen , die kein Herz vergisset , und mit der heiligen Gestalt , die ewig in seinem bleibt ? - Die Hand ihres Bruders hielt er jetzt so fest ; der Liebe und der Freundschaft , diesen zwei Brennpunkten in der Ellipse der Lebensbahn , war er so nahe ; - ungestüm umfassete er den Bruder mit den Worten : » Bei Gott , sag ' ich dir , die , so du genannt , geht mich nichts an - und sie wird es nie . « » Aber , Albano , du kennst sie ja nicht ? « sagte Karl , viel zu hart fortfragend ; denn der edle Jüngling neben ihm war zu blöde und zu fest ' dem Verwandten der Geliebten - einem Fremden viel leichter - das Heiligtum seiner Wünsche aufzuschließen . » O martere du mich nicht ! « ( antwortete er empfindlich ; aber er setzte sanfter hinzu ) » glaube mir doch das erstemal , mein guter Bruder ! « - Karl gab ebenso selten nach wie er und sagte , obwohl den Fragton verschluckend und recht liebend , doch dieses : » Bei meiner Seligkeit , ich tu ' es ; und mit Freude - ein Herz muß herrlichgeliebt und göttlich-glücklich sein , das ein solches entbehren kann . « Ach weiß denn das Albano ? - Nur schweigend lehnt ' er sich mit der Feuerwange voll Rosen an Lianens Bruder , verschämt das Erforschen scheuend ; bloß als die schwindenden Rufe des Flötentals sich wie Seufzer in seiner Brust versammelten und ihn zu oft erinnerten , wie der Sonntagsmorgen schloß , wie Liane wich und wie er ihr mit nassen dunkeln Blicken vom Altare nachsah : so brach sein Auge , obwohl nicht sein Herz , und er weinte heftig , aber schweigend an seinem ersten Freunde . Dann kehrten sie mit stummen Seelen nach Hause und schaueten sinnend den langen schwindenden Wegen der Zukunft nach ; und als sie schieden , fühlten sie wohl , daß sie sich recht von Herzen liebten , nämlich recht schmerzlich . - Am Morgen darauf lag der fromme Vater an einer Erschütterung darnieder , die mehr selig als traurig war ; denn er sagte , er habe in der Nacht seinen Freund , den verstorbenen Fürsten , weißgekleidet im Tartarus gehen sehen . - Ende des ersten Bandes Zweiter Band Zehnte Jobelperiode Roquairols advocatus diaboli - der Feiertag der Freundschaft 53. Zykel Nicht nach den Kinderjahren , sondern nach der Jünglingszeit würden wir uns am sehnsüchtigsten umkehren , wenn wir aus dieser so unschuldig wie aus jenen herkämen . Sie ist unser Lebensfesttag , wo alle Gassen voll Klang und Putz sind und um alle Häuser goldne Tapeten hängen , und wo Dasein , Kunst und Tugend uns noch als sanfte Göttinnen mit Liebkosungen locken , die uns im Alter als strenge Götter mit