) rechtfertigen zu wollen . Es sey gegen alle Zucht und Ordnung , sagte er lachend , daß der Sohn einen so großen Bart führe , da sein Vater Apollo gar keinen habe . Mit einem ähnlichen Vorwand ließ er Jupitern146 neulich seinen , ich weiß nicht wie viele Talente schweren goldnen Mantel abnehmen . Was soll , sprach er , Jupitern ein goldner Mantel ? Im Sommer ist er zu schwer , und im Winter zu kalt ; Jupiter gibt mir seinen unbequemen Talar , den ich besser brauchen kann , und ich gebe ihm dafür einen hübschen wollenen , der für Sommer und Winter taugt ; so ist beiden geholfen . Du kannst dir kaum vorstellen , Aristipp , welchen Schaden Dionysius sich durch diesen witzigen Tempelraub bei den gottseligen Syrakusanern gethan hat , und was er sich nun alles nachsagen lassen muß , weil man einen Menschen , der so gottlose Dinge sagen und thun konnte , aller möglichen Abscheulichkeiten fähig hält . Dionysius lacht dazu , und geht seinen Weg . Als ich ihm einsmals meine Verwunderung darüber zeigte , wie er noch Lust haben könne , ein Volk zu beherrschen , das nicht werth sey einen guten König zu haben , antwortete er mir : » Ich weiß nicht ob es irgendwo in der Welt ein Volk gibt , das einen guten König werth ist . Jedermann treibt was er am besten zu verstehen glaubt ; und das erste , worauf er zu sehen hat , ist kein Pfuscher in seiner Kunst zu seyn . Hätte ich vor zwölf Jahren gewußt was ich jetzt weiß , so möchte ich vielleicht in der Dunkelheit geblieben seyn . Jetzt habe ich keine Wahl mehr , und da ich nun einmal den König spielen muß , so hätte ich Unrecht wenn ich ihn nicht gern spielte , und mir eine Art von Spaß aus dem närrischen Wettkampf machte , worin ich mit den Syrakusiern befangen bin . Denn wirklich ringen wir aus allen Kräften miteinander , ich , ob ich sie durch eine vernünftige Regierung zwingen könne gerecht gegen mich zu werden ; sie , ob sie mich durch Undankbarkeit und unartiges Betragen dahin bringen können , ihre Vorwürfe und Verleumdungen zu verdienen . Aber es soll ihnen nicht gelingen . Ich werde sie immer regieren wie sie es nöthig haben : mit dem Hirtenstabe , wenn sie fromme Schafe sind , mit der Peitsche , wenn sie die Affen mit mir spielen wollen . Wer den Syrakusiern an meinem Platz Gutes thun will , muß es ihnen aufdringen , und auf ihren Undank rechnen . Ich mache mir nichts aus ihrem Haß , wenig aus ihrer Liebe , bin gegen alles Böse , was sie mir thun können , auf meiner Hut , und gedenke bei dieser Methode ruhig auf meinem Bette zu sterben , ungeachtet sie gegen mich complotiren werden , so lang ' ich lebe . « Da alle Anscheinungen vermuthen lassen , daß Sicilien der Schauplatz eines langwierigen Krieges werden dürfte , weil Carthago gewiß alle ihre Kräfte zusammennehmen wird , sich in einer für sie so wichtigen Insel zu erhalten ; so ist es Zeit , daß ich zur Ausführung meines Vorhabens , mein übriges Leben in einer der lebhaftesten Städte des Griechischen Asiens zuzubringen , Anstalt mache . Es würde schon eher geschehen seyn , wenn ich mich nicht hätte bewegen lassen , einigen jungen Leuten aus den ersten Häusern dieser Stadt in der Kunst zu reden Unterricht zu geben , und ihren Uebungen eine Zeit lang vorzustehen . Du wirst dich vielleicht wundern , daß ich mich , in dem Verhältniß , worin ich mit dem argwöhnischen Dionysius stehe , zu einem so verdächtigen Geschäft habe entschließen können . Er scheint aber wenig von den Rednern , die ich bilden werde , zu besorgen . » Das hätte ich dir nicht zugetraut , Freund Hippias , sagte er dieser Tage lachend zu mir , daß du meine Feinde eine so gefährliche Art von Waffen gegen mich gebrauchen lehren würdest . « - Sie sollen sie für dich gebrauchen , König Dionysius , nicht gegen dich . - » Darauf möcht ' ich mich nicht verlassen , erwiederte er , aber so lange Zungen keine Dolche sind , hat es nichts zu sagen . Ich bin selbst ein Liebhaber deiner Kunst , und du wirst mir erlauben euern Uebungen zuweilen beizuwohnen . « - Wirklich kam er zwei- oder dreimal unversehens dazu , und setzte neulich , wie zum Scherz , einen Preis für die beste Lobrede auf den berüchtigten Tyrannen Busiris147 . » Ich habe starke Vermuthungen , sagte er lächelnd , daß dieser Busiris , dem die Mythologen einen so bösen Namen gemacht haben , ein ganz guter Schlag von Fürsten gewesen ist . « - Meine jungen Eupatriden strengten sich nun in die Wette an , wer den Busiris am spitzfündigsten rechtfertigen und lobpreisen könne , und der Preis wurde vom Dionysius selbst dem , der es - am schlechtesten gemacht hatte , zuerkannt . - Das schwör ' ich dir zu , Aristipp , wenn ich Syrakus verlasse , wird der Tyrann der Einzige seyn , von dem ich mich ungern trenne . Du siehst daß wir in der guten Meinung von Dionysius nahe zusammentreffen ; und daß ich kein Bedenken tragen würde ihn , wenn es auf meine Stimme ankäme , zum Beherrscher des ganzen Siciliens zu machen . Wenn du ihn aber zum Autokrator aller Demokratien und Oligarchien in Griechenland zu erheben gedenkst , so möcht ' ich dich wohl bitten , nur einen einzigen Freistaat von hinlänglicher Größe , um sich in der Unabhängigkeit erhalten zu können , übrig zu lassen , wär ' es auch nur , damit wir und unsersgleichen nicht nöthig hätten unter den Garamanten148 oder Massageten Schutz zu suchen , wenn es unserm irdischen Jupiter etwa einfiele , den Tyrannen etwas derber mit uns zu spielen als unsrer persönlichen Freiheit zuträglich seyn möchte . Ich stehe dir nicht dafür , daß nicht auch einem Dionysius so etwas - Tyrannisches begegnen könnte . 52. An Hippias . Die Urtheile der Syrakusaner über die heroische Art , wie Sokrates die letzte Probe , worauf seine Tugend gesetzt wurde , bestanden hat , sind des Charakters , den du ihnen gibst , vollkommen würdig , edler Hippias . Es ist wirklich lustig , wenn solche Sybariten einen Mann wie Sokrates seine Pflichen lehren wollen . - » Es war seine Pflicht ( sagen diese Virtuosen ) , Pflicht gegen Weib , Kinder und Freunde , sich selbst zu erhalten , und vornehmlich Pflicht gegen sein Vaterland , den Athenern die Nachreue über ein ungerechtes Urtheil zu ersparen . Denn , da er unschuldig war , so konnte ihn das Gesetz nicht verdammen ; seine Verurtheilung war also eine schreiende Ungerechtigkeit . « - Aber woher wußten denn die Richter daß er unschuldig war ? Die Klage schien bewiesen zu seyn , und er weigerte sich den Gegenbeweis zu führen . Die Richter mußten , den Gesetzen zufolge , nicht nach dem , was sie glaubten oder nicht glaubten , sondern nach dem , was vor Gericht bewiesen und verhandelt worden war , sprechen . Sokrates hatte also Recht zu sagen : er sey durch die Gesetze von Athen gerichtet worden , und müsse sich , als ein guter Bürger , dem Urtheil unterwerfen . - » Aber , sagen jene , er war sich doch seiner Unschuld bewußt . « - Unstreitig ; die Frage ist nur : berechtigte ihn dieses Selbstbewußtseyn , das Urtheil seiner Richter zu cassiren , oder ( was auf das Nämliche hinausläuft ) sich demselben durch die Flucht zu entziehen ? Konnt ' er das , ohne sich zum Richter über seine Richter aufzuwerfen ? Welcher Staat in der Welt möchte bestehen können , wenn die Bürger berechtigt wären , die Urtheile ihrer Obrigkeit zu controlliren , und wenn jeder Ausspruch , den das Gesetz aus dem Munde seiner Wortführer über sie und ihre Handlungen , Ansprüche , oder Streitigkeiten unter einander , gethan hätte , einer eigenmächtigen Revision der interessirten Parteien unterworfen wäre ? Der Bürger eines Staats begibt sich eben dadurch , daß er sich den Gesetzen desselben und der gesetzmäßig angeordneten Obrigkeit unterwirft , alles Rechts , sich gegen ihre Entscheidungen aufzulehnen , oder die Vollziehung derselben zu verhindern . - » Aber ( wendet man ein ) warum empört sich gegen diesen unläugbaren Ausspruch der Vernunft ein gebieterisches Gefühl in uns , welches wir nicht zum Schweigen bringen können ? « - Mich dünkt , Hippias , du hast hierauf die wahre Antwort gefunden . Dieß Gefühl hängt an einer andern Ordnung der Dinge ; es ist weder mehr noch weniger als der mächtige Erhaltungstrieb , den die Natur in alle lebenden Wesen gelegt hat . Nur darin kann ich dir nicht beistimmen , wenn du diesen Trieb zum höchsten Naturgesetz und den Gehorsam gegen dieses Gesetz zu einer Pflicht machst , welcher alle andern weichen müssen ; denn , nach meinem Begriff , vernichtest du dadurch sogar die bloße Möglichkeit dessen was ich mit Sokrates Tugend nenne . Ich werde zur Selbsterhaltung von der Natur aufgefordert , und bin berechtigt , meiner Erhaltung alle andern Pflichten , im Fall des Zusammenstoßes , nachzusetzen ; aber ich bin nicht dazu verbunden . Ich bin ein freies Wesen ; will ich mich meines Rechtes begeben und mich selbst für andere aufopfern , so ist keine Macht in der ganzen Natur berechtigt mich daran zu hindern . Beruht nicht die wesentlichste Pflicht des Bürgers , sein Leben für die Vertheidigung seines Vaterlandes zu wagen und hinzugeben , lediglich auf diesem Rechte ? Ueberhaupt kenne ich keine Tugend , die nicht in freiwilliger Aufopferung besteht , und von der Größe des Opfers ihren höhern oder niedern Werth erhält . Tugend ist , nach meinem Begriff , moralisches Heldenthum ; niemand ist verbunden ein Held zu seyn . Ich verdenke es daher einem Schuldigen nicht , wenn er sein nach dem Gesetz verwirktes Leben durch die Flucht rettet : aber ich ehre und bewundere den Schuldlosverurtheilten , der lieber sich selbst aufopfern , als seinen Mitbürgern ein Beispiel des Ungehorsams gegen die Gesetze geben will . Eine so edelmüthige Gesinnung mag ( wenn man will ) an jedem andern als etwas Verdienstliches angesehen werden : an Sokrates war sie nicht mehr , als was alle , die ihn kannten , von ihm zu erwarten befugt waren . Hatte er nicht bei jeder Gelegenheit zu erkennen gegeben , daß er die Rechte des Menschen den Pflichten des Bürgers unterordne ? Hatte er nicht das Hauptgeschäft seines Lebens daraus gemacht , seiner Republik gute Bürger zu erziehen , und sich selbst als ein Vorbild aller Bürgertugenden darzustellen ? War es nicht eine auszeichnende Eigenschaft seiner Sittenlehre , daß er sogar die guten Angewöhnungen , zu welchen uns die Pflicht gegen uns selbst auffordert , vorzüglich deßwegen zu empfehlen pflegte , weil sie uns geschickter machten , unsre Bürgerpflichten zu erfüllen ? Wie wäre es einem solchen Manne angestanden , ein solches Leben , bloß um dessen Dauer zu fristen , so nah ' am Ziele noch durch eine Handlung zu entehren , wodurch er seine eigenen Grundsätze so gröblich verläugnet haben würde ? Die standhafte Weigerung , seine Bande von Kriton zerreißen zu lassen , setzte seinem ganzen Leben die Krone auf : da hingegen , wenn er dem Triebe der Selbsterhaltung und den Bitten seines Freundes nachgab , diese einzige Schwachheit seine eigene Ueberzeugung von der Wahrheit seiner Lehre verdächtig gemacht , und die gute Wirkung seines bisherigen Beispiels entkräftet , ja bei vielen gänzlich vernichtet , ihn selbst aber auf ewig in den großen Haufen der alltäglichen Menschen herabgestoßen hätte , die keinen höhern Beweggrund kennen als ihren persönlichen Vortheil , und immer bereit sind , diesem das Beste des ganzen Menschengeschlechts aufzuopfern . Uebrigens wollen wir nicht vergessen , daß Sokrates auch von seinem Dämonion ( wie er dem Kriton gesagt haben soll ) von der Flucht aus dem Gefängniß abgehalten wurde , und also voraus versichert war , daß die Sache übel ablaufen würde . Ich denke , wir werden den Helden überhaupt kein Unrecht thun , wenn wir voraussetzen , daß sie alle , so viel ihrer je gewesen sind , immer mehr oder minder ein wenig geschwärmt haben . Sokrates glaubte in ganzem Ernst an eine göttliche Stimme , die sich von Zeit zu Zeit in seinem Innern hören lasse ; und für einen so einfachen schlichten Mann wäre dieß Einzige schon mehr als hinreichend gewesen , ihm so viel Stärke zu geben , als er nöthig hatte , in einem Alter von mehr als siebzig Jahren dem Tode mit Muth entgegenzugehen . Und so viel von Sokrates ehrwürdigen Andenkens . Daß unsre Freundin Lais in Milet Aufsehen macht , brauche ich dir kaum zu sagen ; das versteht sich von selbst , wiewohl wenig Städte in der Welt seyn mögen , die sich schönerer Weiber rühmen können , als diese prächtigste , reichste und wollüstigste Handelsstadt von Ionien . Da sie sich öfters und allenthalben wo für sie selbst etwas Merkwürdiges zu sehen ist , wenigstens durch das dünne Silbergewölk eines Koischen Schleiers149 , sehen läßt , und hier ungefähr auf den nämlichen Fuß lebt wie zu Korinth , so fehlt es ihr unter den Ersten und Reichsten dieser üppigen Metropolis nicht an Anbetern , die sich in die Wette bestreben , einen günstigen Blick der Göttin auf sich und ihre angebotenen Opfergaben zu ziehen . Aber noch bleibt sie ihrem ersten Plan getreu , schreckt zwar niemand ab , muntert aber auch niemand auf , nimmt nur kleine unbedeutende Geschenke an , und macht einen Aufwand , als ob die Quelle , woraus sie schöpft , nie versiegen könne . Dieß alles erhöht die Achtung nicht wenig , die man schon der bloßen Schönheit , selbst in einem unscheinbaren Aufzuge , zu erweisen geneigt ist ; sogar die Hetären betrachten sie mit einer Art von Ehrfurcht , und würden sich geschmeichelt finden , wenn sie eine so vollkommne Person an der Spitze ihres Ordens erblickten . Man fragt einander , wer sie sey , und es gehen zwanzig verschiedene Mährchen , immer eines wunderbarer als das andere , über ihren wahren Namen und Stand , und ihre geheime Geschichte herum . Ich würde , wenn ich ihr Vertrauen auch weniger besäße , leicht errathen , wohin dieß alles zielt ; und ich bin gänzlich der Meinung , daß es der einzige Weg ist , ihren Wohlstand auf eine Art , die ihrer nicht ganz unwürdig ist , sicher zu stellen . Das Nähere hierüber zu seiner Zeit . Mein Kleonidas gefällt allgemein , und strahlt von Freude und Wonne , da er hier , mit lauter schönen Gegenständen umgeben , sich in seinem wahren Elemente fühlt , und wie er sagt , erst jetzt recht zu leben anfängt . Er findet in Milet alles beisammen , was den feurigsten Liebhaber der Künste die das Leben verschönern befriedigen kann : die herrlichsten Werke der edeln und zierlichen Ionischen Baukunst , eine zahllose Menge Bildsäulen von den besten Meistern , und reiche Gemäldesammlungen aus allen Schulen , vornehmlich von den berühmtesten Malern unserer Zeit , Polygnot , Zeuxis , Parrhasius , Timanthes , Pausias , Euxenidas , Apollodor , und andern . Er bringt einen großen Theil seiner Zeit damit zu , alle diese Kunstwerke zu studiren , und , indem er einem jeden das worin er vorzüglich ist , abzulernen sucht , zu einer eigenthümlichen Manier zu gelangen , die ihn von allen unterscheide , und ihm von niemand so leicht nachgemacht werden könne . Wie es ihm gelingen werde , wird die Zeit lehren . Noch ist er wenig mit sich selbst zufrieden , und schilt uns Idioten , wenn wir etwas schön finden , das er gemacht , oder vielmehr angefangen hat ; denn noch kann er nicht von sich erhalten , etwas fertig zu machen . Vornehmlich preiset er sich glücklich , daß er durch die Bekanntschaft mit Lais von seinen vermeinten Idealen , oder Phantasmen ( wie er sie nennt ) zur Natur selbst zurückgeführt worden sey . Wenn ich , sagt er , es einmal dahin gebracht haben werde , irgend einen bestimmten Zug ihrer Augenbrauen richtig zu zeichnen , und nur eines ihrer Ohrläppchen so zu malen wie ich es sehe , will ich mich für keinen kleinen Künstler halten . Kleombrot ist in seinem Ambracien angelangt , und ich gebe die Hoffnung noch nicht auf , daß ihn die vaterländische Luft vielleicht allmählich wieder zurecht bringen könnte . Wenigstens halte ich es für ein gutes Zeichen , daß er die Trennung von der Gesellschaft , die er verlassen hat , zu fühlen , und , ohne es sich selbst zu gestehen , ganz heimlich sich zu uns zurückzuwünschen scheint . Sollte diese Disposition zunehmen und bis zur Sehnsucht steigen , so ist beschlossen , ihn zu uns einzuladen ; und ich zweifle kaum , daß die zärtliche Musarion sich keine große Gewalt anthun müßte , ihm den ersten Platz in ihrem Herzen wieder einzuräumen , wenn er mit einem aufgeheiterten Gesicht zu ihr zurückkehrte . Ich bin im Begriff , eine Reise durch alle Städte von Ionien und Karien zu machen , und gedenke mich zu Ephesus lange genug zu verweilen , um dich da zu erwarten . Was wolltest du länger in dem unruhigen Syrakus ? Wie schön auch Himmel und Erde in Sicilien sind , mit dem warmen Glanze dieses Himmels der mich umfließt , mit der üppigen Pracht dieser Erde , mit der herzerweiternden Milde der wollüstigen Blumenluft , die ich hier athme , kurz mit dem Leben in diesem Götterlande , ist nichts anders zu vergleichen . 53. Kleombrotus an Aristipp . Lass ' ab von mir , guter Aristipp ! Alle deine Mühe , mir das Bild des gewaltsam sterbenden Sokrates und das Gefühl meiner Undankbarkeit gegen ihn erträglich zu machen , ist vergeblich . Niemals , niemals werd ' ich mir verzeihen können , daß ich die heiligste der Pflichten einer phantastischen Leidenschaft und selbstsüchtigen Weichlichkeit aufzuopfern fähig war ! Und daß ich es nicht könne - daß die Zeit , die alle andern Seelenschmerzen heilt , nur für die meinigen keinen Balsam habe , dafür hat Plato gesorgt . Dieser Tage wird mir ein Buch von Athen zugeschickt , Phädon betitelt , worin Plato diesen Eleaten seinem Freunde Echekrates erzählen läßt , wie Sokrates am Tage seines Todes sich noch mit den Seinigen unterhalten und überhaupt bis zum letzten Augenblick sich benommen habe . Dem Buche war ein kleines Stück Papier beigefügt , worauf nichts als das einzige furchtbare Wort Lies ! mit großen Buchstaben geschrieben stand . - Unmöglich könnt ' ich dir beschreiben , wie mir beim ersten Anblick dieser Rollen zu Muthe war . Es währte eine gute Weile , bis ich nur die Buchstaben zu unterscheiden vermochte ; mehr als Einmal ergriff ich das Buch mit zitternder Hand , und mußt ' es immer wieder bei Seite legen . Aber , wie ich endlich die Augen wieder gebrauchen konnte , und bis zu der Stelle gekommen war , wo Phädon alle Athener , die sich an diesem traurig feierlichen Tage um ihren dem Tode geweihten Freund und Vater versammelt hatten , aufzählt , und Echekrates fragt : waren auch Auswärtige dabei ? und Phädon den Simmias , Cebes und Phädondes von Theben , und den Euklides und Terpsion von Megara nennt , und dann auf die Frage : wie ? waren denn Aristipp und Kleombrot nicht auch da ? die Antwort gibt : nein , es hieß sie wären zu Aegina - fiel mir das Buch aus der Hand , mir ward finster vor den Augen und ich sank zu Boden . Von diesem Augenblick an sind mir die schrecklichen Worte : » es hieß sie wären in Aegina , « nicht aus den Gedanken gekommen ; sie erklingen immer in meinen Ohren , und stehen allenthalben mit kolossischen Buchstaben geschrieben , wo ich hin sehe . Aber von diesem Augenblick an stand es auch fest und unerschütterlich in meiner Seele , was mir noch allein übrig sey . - Beneidenswürdiger Aristipp ! Dir that das verleumderische Gerücht Unrecht ; dich hatte die Pflicht nach Cyrene abgerufen ! Aber ich Unglückseliger , ich war zu Aegina ! - In wenigen Stunden konnt ' ich zu Athen seyn - wußte alles was vorgefallen war - hatte vierzig Tage um zur Besinnung zu kommen , und ließ mich , bald durch falsche Scham , bald durch die unmännliche Furcht , ich würde den Anblick des geliebten Sterbenden nicht ertragen können , bald durch die thörichte Hoffnung daß seine Freunde Mittel finden würden ihn zu befreien , zurückhalten , die schönste , dringendste , heiligste der Pflichten zu erfüllen ! - Nein , Aristipp ! muthe mir nicht zu , daß ich mit dieser Furienschlange im Busen , mit diesem in meinem Innern wühlenden Bewußtseyn , länger leben soll ! Daß ich leben soll , um in jedem Auge , das mich anblickt , die Worte zu lesen : er war in Aegina ! - O Sokrates ! wenn noch ein Mittel ist deinen zürnenden Schatten zu versöhnen , so ist es dieß allein ! Wenn noch ein Mittel ist , meine Seele von diesem schwarzen Flecken zu reinigen , so ist es dieß allein ! Und wär ' es ( wie du sagtest ) allen andern Menschen unrecht , eigenmächtig aus dem Leben zu gehen , ich bin ausgenommen ! Mir ist es Pflicht , dich im Hades , im Elysium , im unsichtbaren Reiche der Geister , überall wo du auch seyn magst , aufzusuchen , und so lange zu deinen Füßen zu liegen bis du mir vergeben hast ! - Wähne nicht ich schwärme , Aristipp ! Meine Sinnen sind in diesem Augenblick reiner , meine Seele freier als jemals - die Stunde ist da - ich höre den dumpfen Ruf der Unterirdischen - was säum ' ich länger ? Lebe wohl , Aristipp ! - Lais ! - Musarion ! - Lebet wohl ! Vergeßt mich ! ich bin nicht würdig in euern Herzen fortzuleben.150 54. An Lais . Der arme Kleombrot - gute Laiska ! - doch , du hast eine starke Seele , meine Freundin , ich schone dich nicht . Hier ist sein Abschiedsbrief , und hier das Buch , das ihm den letzten Stoß gegeben hat - den Stoß , der ihn von einem Felsen des Ambracischen Ufers in die Wellen stürzte . Der arme Jüngling ! Er war eines bessern Schicksals werth , und verdiente diesen kaltblütigen hämischen Dolchstoß von der Hand eines ehmaligen Freundes nicht ! - Ich gestehe dir , Lais , ich bin aufgebracht über diesen stolzen Abkömmling Poseidons.151 » Es hieß sie wären in Aegina . « - Und wo war denn er ? - Plato war krank , sagt ' er . - Sonderbar genug ! Er mußte also sehr krank , schlechterdings unvermögend seyn , sich von seinem Lager zu erheben , oder er hätte kommen sollen , und wenn er sich auch , gegen das Verbot seines Arztes , in einer Sänfte nach dem Kerker hätte tragen lassen müssen . Oder war er etwa nur krank , um desto mehr Freiheit zu haben , den sterbenden Weisen sagen zu lassen was ihm beliebte ? Wirklich kann man sich eines solchen Argwohnes kaum erwehren , wenn man sieht , wie er den ehrlichen Sokrates noch in seinen letzten Stunden seine Freunde in den verschlungensten Irrgängen der subtilsten Dialektik herumtreiben läßt , und welche Mühe der gute alte Mann sich geben muß , die simpelsten Dinge in unauflösliche Knoten zusammenzudrehen , bloß damit der scharfsinnige Sohn des Ariston152 sich den Spaß machen könne , sie entweder wieder aus einander zu wickeln oder zu zerschneiden , und seine Stärke in der eristischen Vexierkunst153 vor den Athenern , den großen Liebhabern von Hahnen- und Sophistenkämpfen , auszulegen . - Ich merke , liebe Laiska , daß ich zu verstimmt bin , um dich , wenn ich so fortführe , nicht sehr übel zu unterhalten : also lebe wohl , du Einzige , und vergiß der Abwesenden nicht . 55. Lais an Aristipp . Nein , unglücklicher , aber guter und bei aller deiner Schwäche edelmüthiger Kleombrot , du sollst nicht vergessen werden ! Und wenn noch etwas von dir übrig ist , dem es wohl thut wenn deine Freunde sich deiner oft mit Liebe und Wehmuth erinnern , so nimm diesen Trost mit dir hinüber in das bessere Leben , das dich dein Sokrates hoffen ließ ! Wer hätte sich diesen Ausgang einbilden können , lieber Aristipp ? - Und doch dringt sich mir zuweilen der Gedanke auf , wir hätten es sollen . Aber wer selbst wenig Anlage zu irgend einer Art von Schwärmerei hat , kann sich nie lebendig genug in einen solchen Kopf hineindenken , und läßt sich nicht träumen , was für Unheil er in einem mit lauter Zunder und Brennstoff angefüllten Gemüth anrichten kann . Meine größte Sorge ist jetzt , die zarte Musarion stufenweise zu der fatalen Nachricht vorzubereiten . Erst wenn sie sich nach und nach an den Gedanken , daß er nicht mehr ist , gewöhnt hat , darf sie die Art seines Todes erfahren . Ich traue dir zu , du werdest gern hören , daß Kleonidas mir einen guten Theil dessen , was ich durch deine Neigung zum Landstreichen entbehre , zu ersetzen sucht ; und dafür wirst du so artig seyn , auch ihm und mir zuzutrauen , daß er nicht unglücklich in dieser Bemühung seyn könne . Begeistert von dem Antheil , den wir alle an dem Schicksal deines unglücklichen Freundes nehmen , und von Platons Schilderung der Todesstunde des Sokrates , hat er mir die Ideen zu zwei großen Gemälden mitgetheilt , womit er beiden ein Denkmal zu stiften gesonnen ist . Zum ersten hat er bereits eine leichtgefärbte Zeichnung entworfen , die mir seinen Gedanken glücklich zu symbolisiren scheint . Die Scene ist ein weit in die See hervorragender kahler Felsen , an einem wilden klippenvollen Strande , den reizenden Ufern einer entfernten , aus dem warmen rosigen Duft eines stillen Sommerabends , wie unter einem durchsichtigen Schleier , hervorscheinenden Landschaft gegen über . Kleombrot , von der Reue in Gestalt einer Erinnys mit Schlangengeißeln verfolgt , stürzt sich von der Spitze des Felsens herab : aber ein freundlicher Genius , mit mächtigen Flügeln über der schäumenden Brandung schwebend , ist bereit , den Fallenden in seine gegen ihn ausgebreiteten Arme aufzufassen , um ihn an das entgegen liegende Ufer der Insel der Seligen zu tragen , wo Sokrates , zwischen Pythagoras und Solon , von verschiedenen andern Weisen und Heroen der Vorzeit umgeben , aus einem lieblichen Hain ihm entgegen zu kommen scheint . Unter das Bild soll mit goldnen Buchstaben geschrieben werden : er war in Aegina und ist nun bei Sokrates . Um den Tod des Sokrates so wahr als nur immer möglich darzustellen , wird er nächstens eine Reise nach Theben , Athen und Megara unternehmen , und sich mit den vorzüglichsten Freunden des Weisen , mit Kriton , Kritobul , Apollodor , Aeschines , Antisthenes , Cebes und Euklides bekannt machen , um Zeichnungen nach dem Leben von ihnen zu nehmen , damit er sie in dem großen Gemälde desto richtiger bezeichnen , gruppiren und in Handlung setzen könne . Um den lieben Plato auch hier nicht leer ausgehen zu lassen , soll einer aus der Gruppe , die am entferntesten von der Hauptperson ist , seinen Nachbar mit dem Ausdruck der Verwunderung fragen : wo bleibt Plato ? und der andere wird mit Achselzucken antworten : es heißt er sey unpäßlich.154 Du siehest , Aristipp , wem Kleonidas durch dieses Parergon155 einen kleinen Liebesdienst zu erweisen hofft ? - Der Einfall verdiente wenigstens einen Kuß , hör ' ich dich sagen . Auch bekam er ihn , in deinem Namen , auf der Stelle . Aber - wie es zuging weiß ich selbst nicht recht - es mußten wohl ein paar Nektartropfen zu viel darein gekommen seyn ; denn - wir wurden beide ein wenig davon berauscht . - Lass ' dir sagen , Freund Aristipp , - es ist ein gefährlicher Mensch , dein Kleonidas ; du hättest ihn wohl können zu Hause lassen ! Mein Unstern fügte es , als ich zu Athen war , daß Plato die ganze Zeit über abwesend seyn mußte ; denn nun sehe ich erst , wie schmeichelhaft mir seine Eroberung gewesen wäre . Sein Buch hat mir eine große Meinung von der Feinheit seines Geistes und von seinem Dichtergenie gegeben . Wahr ist ' s , man müßte den Sokrates gar nicht gekannt haben , wenn man nicht sehen sollte , daß Plato sich große Freiheiten mit ihm herausnimmt ; und ich wollte selbst meinen besten Halsschmuck dran setzen , er habe bei aller seiner Redseligkeit nicht den dritten Theil von allem dem gesagt , was ihn der junge Schwätzer grübeln und subtilisiren läßt . Indessen ist doch nicht weniger wahr , daß er die Eigenheiten seines Meisters mit vieler Gewandtheit nachzuahmen weiß ; und wiewohl er sie überhaupt ( was den Nachahmern gewöhnlich zu begegnen pflegt ) merklich übertreibt , so ist doch an vielen Stellen das Originale und Auszeichnende im Ton und in der Manier des Alten gar nicht zu verkennen . Aber was mir von diesem Schriftsteller , und dem , was er uns seyn könnte wenn er wollte , den größten Begriff gibt , ist die Darstellung der letzten Stunde seines Helden , von dem Augenblick an , wo er sagt : es werde nun Zeit für ihn seyn , ins Bad zu gehen .