sie in meiner Absicht , als Einsiedler in ihrer Nähe zu leben , nichts Auffallendes finden ... « In Bonaventura ' s Innern klangen die Lieder des Dichters Novalis ... Sein Vater klagte sich nur allein an ... Was sein träumerischphantastischer Sinn hätte aus dem Geist der Zeit entschuldigen können , ergänzte nur die Liebe und Bildung des Sohnes ... » Die Gewissensschuld , der Schmerz um meine That auf dem Hospiz , die Gewißheit , daß aus meinem geglaubten und bestätigten Tode bereits ein neues Leben in der aufgegebenen Heimat erblüht war ( die Gräfin erzählte mir von einer Heirath des Präsidenten von Wittekind , eines Cousins der reichen Erbin , mit der sie zu processiren angefangen - eine Zeitungsannonce nannte den Namen der Gattin Friedrich ' s von Wittekind - ) alles das gab mir eine tiefe Traurigkeit und mehrte den Abschluß mit dem Leben ... So entstand die Neigung , mich um die Lehre der Waldenser zu kümmern ... Gräfin Erdmuthe gab mir die alten Schriften , die sie gesammelt hatte und die in ihrem Text vielleicht niemand so verstand , wie ich ... « Auch Ambrosi war in ein tiefes Erinnern versunken und schien kaum zuzuhören ... Bonaventura chiffrirte inzwischen für sich weiter und las ... Die Darstellung des Vaters lenkte jedoch auf jene Empfindungen zurück , die sich in Ambrosi ' s Innern angesponnen haben mußten ; deshalb begann der Freund aufs neue die laute Mittheilung ... » Ich würde vergebens gerungen haben , aus meinen durch die Ehegesetze geweckten Zweifeln an Roms Hierarchie zu einer Versöhnung mit dem ewigen Grund aller Dinge , der in unserm Gewissen den einzigen Weg zu seiner Erkenntniß vorgezeichnet hat , zu gelangen , wenn nicht ein wunderbares Erlebniß mich zum Frieden mit mir selbst gebracht hätte ... Alle Schätze der Erde sind nichts gegen die Seligkeit eines erlösten Schuldbewußtseins ... Dann streckt jubelnd die Dankbarkeit ihre Hände gen Himmel und ruft : Verhängniß , Zufall oder wie dein Name sein mag , ewiges Gesetz des Lebens , ich bringe dir den Dank einer befreiten Seele bis in den Sphärensang der Sterne - ! ... Unter den vielen , die in meine Waldhütte kamen , um sich Raths zu erholen , wie ich ihn grade geben konnte , kam auch ein anmuthiger Jüngling ... Seine Mienen hatten einen melancholisch trauernden Ausdruck ... Ich konnte ihn nicht sehen , ohne sogleich mit tiefster Wehmuth auch deiner zu gedenken ... Es war verboten , daß sich die geistlichen Schüler von Robillante , überhaupt rechtgläubige Seelen meiner Hütte nahten - dennoch geschah es - ich wurde ein Beichtiger wider Willen ... Auch diese Schüler , die sich oft in den Wäldern tummelten , gingen nicht , ehe ich nicht jedem gethan oder gerathen , wie und was er wollte ... Vielen Umwohnern mußt ' ich Briefe schreiben , andern über ihre Geldsachen rathen , manchen lehrte ich die Sprachen , auch deutsch - Knaben wie Mädchen ... Jener Schüler aus Robillante wollte Deutsch lernen ... Die Gabe der Sprachen schien dem jungen Novizen versagt ; desto reger war sein Forschereifer in Aufgaben der Phantasie und des Gemüths ... Vincente Ambrosi wollte Mönch werden ; ich that nichts , um ihn in diesem Entschluß wankend zu machen , kämpfte auch nicht gegen seinen Glauben , den er mit Hingebung und innerlich ergriff ... In ihm liebte ich dich ... Schon lange bewohnte ich meine einsame Hütte und war noch ohne Seelenruhe , immer noch gefoltert vom Hinblick auf den Sanct-Bernhard und meinen Betrug ... Meine Thränen feuchteten oft mein nächtliches Lager ... Oft trieb es mich , nach dem Hospiz zurückzukehren und nach allem zu forschen , was seither dort geschehen war ... Aber die Vorstellung : Deine Gattin hat sich mit dem Freund vermählt und darf nicht in Bigamie leben ! schreckte mich ; man konnte mich erkennen ; diese einsam wohnenden Mönche behalten die wenigen Eindrücke , die ihnen werden , desto lebhafter ... Immer und immer aber sah mein gefoltertes Gewissen die größten Verwickelungen entstanden aus den verwechselten Portefeuilles , aus dem Hinlegen meines Ringes unter die Sachen , die einem andern gehörten , dessen Spur nun verloren und der , für mich geltend , begraben wurde ... Was half mir das Glück meines äußeren Schicksals , die liebevolle Sorge und der Schutz meiner Gräfin - ... Mir fehlte Seelenfriede ... Diesen fand ich erst , als mich wieder jener Priesterzögling besuchte , der oft in diese Gegend Almosen zu suchen ausgeschickt wurde ... Er klagte über die Nichtbefriedigung seines Innern und erschloß mir zum ersten mal , warum sein Gemüth stets so krank , sein Sinn so traurig war ... Er hatte bei unsrer ersten Begegnung früher Deutsch von mir lernen wollen , weil er nur zu sehr bedauerte , es in einer ernsten Sache , von der er damals nicht sprach - es ließ sich an den Selbstmord des Vaters denken - nicht verstanden zu haben ... Er wäre das einzige Kind seiner Aeltern ; seine Mutter , eine Frau von hoher Bildung , wäre eben aus dem Leben geschieden gewesen , sein Vater , Lehrer der Mathematik am Colleg zu Robillante , um sich in seinem tiefen Schmerz aufzurichten , hätte ihn ins Seminar gegeben und eine Fußreise in die Alpen angetreten ... Um die Savoyer und Deutschen Alpenzu vergleichen , hätte er vier Wochen ausbleiben wollen und wäre nicht zurückgekehrt ... Da alle Nachforschungen ohne Resultat blieben , machte sich nach einigen Monaten der Sohn auf den Weg , um wenigstens Einiges über des Unglücklichen Schicksal in Erfahrung zu bringen ... Der Vater war die Straße über den kleinen Bernhard , den Bernhardin , gegangen , hatte von da aus die Walliser , die Berner Alpen besucht - überall fand er des Vaters Spuren , auch auf der Heimkehr noch am Genfersee , noch in Martigny , ja bis zum Hospiz hinauf ... Da war dann plötzlich derjenige , von welchem er geglaubt hatte , daß es unfehlbar nur sein unglücklicher Vater hätte sein müssen - ein anderer , den gleichfalls der Schneesturm überfallen , ein von einem deutschen Domherrn und seinem Diener damals erst vor einigen Wochen in Saint-Remy begrabener , ein Deutscher , Friedrich von Asselyn genannt - Den Namen hatte er deutlich und richtig aufgeschrieben ; er stand in Saint-Remy auf meinem vom Bruder Franz gesetzten Grabstein - ... « Die Freunde konnten an dieser Stelle nichts thun , als sich gerührt die Hände drücken ... » Weinen durfte ich bei der Erzählung des Jünglings - denn sein Leid hätte jeden gerührt ... Mein Weinen war aber ein Weinen der Freude , das der junge Geistliche nicht begreifen konnte ... Ich rief ihm , da mein Entschluß , mein Geheimniß zu hüten , so lange deine Mutter lebte , feststehen sollte : Ich kann dir nicht sagen , mein Vincente , daß dein Vater lebt ; aber glaube mir , die Stunde der Trauer , als alles dir zu sagen schien : Du findest ihn , wenn auch im schreckhaftesten Bild des Todes , und du sahst dich dann doch in deiner schmerzlichen Hoffnung getäuscht - diese Stunde , mein Sohn , wird dir gelohnt werden mit ewigen Himmelskronen ! ... Der Jüngling deutete alles im Bilde ... Ich wurde ihm näher verbunden und tiefer verloren wir uns in die großen Aufgaben des Lebens ... Von dieser Zeit an erhob sich mein Inneres zum Dank gegen Gott ... Denn Dank gegen Gott , das ist das Gefühl , dessen Ausdruck wir tausendmal im Munde führen und doch nur selten verstehen , selten in die Ursachen seiner wahren Beseligung zergliedern können ... « Wieder hielten die Freunde inne ... Wieder besiegelte ihr Händedruck den gottgeschlossenen Bund ihres Lebens ... » Nun wagte ich , auch an die Läuterung Anderer , an die der Kirche zu denken ... Gräfin Erdmuthens Glaube überträgt unser Glück auf die Wohlthat der Erlösung durch die Gnade ... Dies Bild der Gnade begriff ich und pries am Glauben der Protestanten , daß sie , die so Vieles aufgaben , was sie noch wie andere Christen hätten hüten und tragen sollen , sich das Bewußtsein einer fast persönlichen Wahl und Führung Gottes gewonnen hatten ... Ich sah die Hand der Vergebung vor mir , ich fühlte an mir selbst die wider Verdienst geschenkte Gnade des großen Erlösungswerkes ... Nun verstand ich die reinen , andächtigen Bücher der Waldenser , kindliche Hingebungen an die Schrift ... Die Bibel wurde mir ein Buch göttlich geführter Menschenschicksale ... Liebe , Glaube und Hoffnung wurde mein Evangelium ... - Warum mehr ? Und wozu irgend etwas , was nicht auf diesem Grunde ruht ? ... So lehrte ich an manchen Tagen unter meinen alten Eichen und die Menschen kamen von nah und von fern , bis die Verfolgungen sie hinderten ... Da hätt ' ich denn schon den wirklichen Tod suchen können , wenn in dieser Welt auf solchen Drang der Tod gesetzt ist ... Immer entschlossener theilt ' ich die Ueberzeugung der Gräfin , daß das Verderben der Welt der Stuhl des Antichrists in Rom ist ... Die Fortschritte der Bibelverbreitung , das Wirken englischer Missionäre gerade auf italienischem Boden , die enge Verbindung zwischen Politik und Religion gerade in diesem Lande , der erwachende Freiheitsdrang Italiens , der nur allein über die Zerstörung der Priesterherrschaft Roms hinweg sein ersehntes Ziel des Volks-und Bürgerwohls erringen kann , alles das erfüllte mich mit hoher Spannung ... Ja , in einer solchen Stunde kam mir der Gedanke , nicht allein meinen zweiten Sohn , Vincente Ambrosi , für die Sache einer großen Reform zu gewinnen - ihn nannt ' ich auch in diesem Sinn schon mein - sondern auch meinen ersten , der , wie ich hörte , in die Netze der Römlinge gefallen war ... Noch schob ich es auf , bis ich hörte , daß sich Dein Wahn sogar an den Unternehmungen jenes Kirchenfürsten betheiligte , von denen mir die Gräfin in höchster Aufregung leidenschaftlichster Parteinahme für den gekrönten Vorkämpfer des Protestantismus in Deutschland erzählte ... Da schrieb ich dem Bruder Franz und dir , Bonaventura , sub sigillo confessionis eine Aufforderung zu einem Tag des Concils unter den Eichen von Castellungo ... Es war eine That , die selbst die Möglichkeit , mich , deine Mutter , uns alle zu beschämen , nicht scheute , eine That der Uebereilung gewiß , geschehen in jener alten Hast , die ich noch nicht ganz überwunden hatte - Ach , es sollten Prüfungen kommen , die mein Blut in ruhigere Wallung , mein Denken in kühlere Erwägung brachten - ... « Cardinal Ambrosi mußte bestätigen , daß Bonaventura ' s Vater schon damals von seiner baldigen Entfernung aus Castellungo gesprochen ... Die Geständnisse kehrten auf den in heftigste Erregung gerathenen , auf und niederschreitenden Vincente selbst zurück ... » Wie aber erreicht man ein allgemeines Concil ? Wie setzt man die Majestät dreier Jahrhunderte des Lichts zum Richter über das Concil von Trident ? Arme Mönche und Landpfarrer haben keine Stimme im Rath der Kirche ! Ein Cardinal , ein Papst muß es sein , der dem Schöpfer das Wort nachstammelt : Es werde Licht ! Und wie wird man Cardinal , wie Papst - ! - So sprach mein Schüler eines Tags mit bebender Stimme . Dazu sind alle Wege offen ! erwiderte ich lächelnd . Keiner ist freilich sicher ! Einer , setzte ich hinzu , wäre neu , der : In Rom ein Mönch im alten Sinn der Väter zu sein ! Werde ein Heiliger , mein Sohn ! sprach ich ... Das will ich werden ! antwortete Vincente ... Ich erschrak , ergriff seine Hand und fuhr fort : Mein Sohn , kein Urtheil über die Menschen und Dinge dieser Erde darf dann früher über deine Lippen kommen , bis die kühle Erde oder der Purpur deine Stirn bedeckt ! Das schwör ' ich zum dreieinigen Gott ! sprach Vincente Ambrosi und ging nach Rom - ... « Ambrosi hatte sich niedergelassen , legte sein Haupt auf den Tisch und faltete die Hände ... Auch Bonaventura ' s Schweigen war ein Gebet ... Nach einer feierlichen Stille sagte er : Und ich , ich mußte dir das letzte Wiedersehen deines Vorläufers und Apostels rauben - ! Den Blick - der Bewunderung - ! ... Er ist jetzt unter uns ! sprach Ambrosi mit verklärtem Blick gen Himmel ... Und wie bald - einigt uns alle - das große Gottesherz - ! ... Eine lange Pause trat ein ... Dann mahnte Ambrosi selbst , daß der Freund fortfuhr ... Dieser las : » Als mein treuer Schüler nach Rom zu den strengen Alcantarinern gepilgert war , hätte ich in hoher , göttlicher Freude in meiner Klause leben können , wenn ich mich nicht einige Jahre später hätte zu jenen Briefen hinreißen lassen ... So lebte ich mit Zittern und Zagen unter den Eichen von Castellungo , hoffend und wieder erbangend , erbangend , daß meine Entdeckung nahe war ... Mevissen mußte todt sein - ich hörte nichts von ihm ... So ging noch ein Jahr , noch ein zweites hin ... Da kam plötzlich die Nachricht , daß mein eigener Sohn als Bischof in Robillante erwartet wird - ! ... Ich wußte nichts vom Zusammenhang dieser wunderbaren Wendung , ich sah nur die Wirkung meiner Mahnung an die Eichen von Castellungo ... Dein Denken , dein Fühlen entnahm ich aus dem , was ich allein von dir wußte ... Es war mir verhaßt ; ich hätte fürchten müssen , dich in die traurigsten Conflicte zu verwickeln ... So entfloh ich ... Ich bot alles auf , dir , deiner Mutter , deinem zweiten Vater die volle Freiheit eueres Lebens zu lassen , mir nur den Schein meines Todes ... Ambrosi wurde der treue Vermittler zwischen deiner Liebe und meiner Furcht ... Ich hörte von deiner veränderten Richtung , von deinen Kämpfen , deinen Siegen ... Ist es nicht gut , zu entbehren um einen Gewinn ? ... Sah ich dich nicht , ob hier , ob dort , in meinen Armen , vereint mit dir in jenen großen Opfern , die nie ausbleiben werden , solange die Erde in ihren Bahnen der Dunkelheit und der Sehnsucht zum unsterblichen Lichte rollt - ! ... Ich fürchtete nichts von den Schrecken dieser Welt - nichts von den Schrecken Italiens ... Müssen sich nicht selbst die Drohnisse der Natur in Quellen der Freude verwandeln , wenn sie uns die Gemeinsamkeit des Erdenlooses lehren und das Bild eines großen Zweckes aufstellen , dem aus Tod erst an der ewigen Schöpfungsquelle die Erfüllung wird ! ... Wenn ich dir schildern sollte , wie ich auf meinem Pilgergang nach Loretto , in der Gefangenschaft der Räuber , im Silaswald in jener Waldeinsamkeit , die ich in meinen Jugendträumen so oft gepriesen und ersehnt , hin und her bewegt wurde von einer Welt andringender , mich stets beschäftigender Thatsachen , wie ich namentlich im Hinblick auf dich und deine große Laufbahn von Zweifel , Hoffnung , innigster Vater- ja Freundesliebe bewegt wurde - dann soviel freundliche Genien fand , die mich auch wiederum einen Jüngling wie Ambrosi , entsagungsmuthig , willensstark und willensrein finden ließen - Paolo Vigo - wie ich nun drei schon einem Gottesreiche gewonnen sah , das mit klingenden Harfen näher und näher den Nebeln der Erde kommt - ... « Bis hierher hatten die Freunde gelesen , als die Lampe erlosch und sie sahen , daß der helle Morgen tagte ... Sie hatten das Schwinden der Zeit nicht bemerkt ... Auch das Verglimmen des Feuers im Kamin nicht ... Nun meldeten sich die Rechte der Natur im Gefühl , daß es Winter war ... Draußen läuteten die Morgenglocken ... Sie waren so selig ergriffen von Freundschaft , Liebe und Hoffnung , daß ihnen die Besinnung auf die Welt , sogar der Hinblick auf die in den öden Mauern des Inquisitionspalastes liegende Hülle der edlen , schwärmerischen Seele , die hier zu ihnen sprach , wie ein Traum , eine märchenhafte Jugenderinnerung war ... Den Rest der Blätter wollten sie auf den stilleren Abend lassen und wenige Stunden noch ruhen ... Dann hatten sie die Absicht , zunächst zum General der Dominicaner zu fahren und dem zu danken ... Hierauf wollten sie in den Inquisitionspalast , später nach San-Pietro in Montorio ... Schon hörte man von der Straße her den Lärm des Tages ... Eben wollten die Freunde sich trennen , als sie bemerkten , daß der Diener , welcher die auf dem entlegenen Zimmer Eingeschlossenen nicht ferner hatte stören dürfen und auch inzwischen geruht hatte und sie staunend noch nicht zu Bett gegangen wiederfand , noch eine Eröffnung für sie bereitzuhalten schien ... Er sagte , daß die trübe Nachricht erst nach Mitternacht gekommen wäre und er nicht sofort sie zu melden gewagt hätte ... Es war verhängt , daß sich keine Ruhe auf die leidüberladenen Herzen senken sollte ... Die Feuersbrunst hatte auf Via dei Mercanti stattgefunden ... ... Sie war seit Jahren eine der größten , die in Rom stattgefunden ... Die daselbst in einem alten Palast befindlichen Waarenmagazine waren von den wüthenden Flammen zerstört worden ... Von oben und unten sich begegnend hatten sie die Stiegen unbetretbar gemacht ... Man beklagte Verlust an Menschenleben ... Ambrosi und Bonaventura fragten nach Gräfin Sarzana ... Der Diener berichtete ihren Tod ... Ein Franciscanerbruder , erzählte er und die sich mehrende Dienerschaft ergänzte seinen Bericht , hätte retten wollen ... Muthig stürzte sich der Mönch in die Flammen , zumal als man zu sehen glaubte , daß eine Dame , die oben einen Ausgang aus der Zerstörung suchte , einem Räuber ein Kästchen entriß , das sie mit Verzweiflung und hülferufend vor ihm zu wahren suchte ... Auf einer mit Eisenblech beschlagenen Leiter erreichte der Mönch den Balcon , der schon mit brennendem , zur Rettung bestimmtem Geräth überhäuft war , kletterte in ein vom wirbelnden Qualm und mit knisternden Funken erfülltes Zimmer , wo durch die zersprungenen Fensterscheiben hindurch deutlich das Ringen der Dame mit einem Mann erblickt werden konnte , dem sie jenes Kästchen nicht überlassen zu wollen schien ... Der Mönch machte sich Bahn , ergriff den kleinen Schrein , warf ihn auf die Straße - in die verzehrende Glut , die ihn sofort zerstörte ... Die Flamme loderte so hoch auf , daß bereits die glühend gewordene Leiter brannte ... Eine neue versuchte man anzulegen ... Vergebens ... Noch einmal hörte man aus dem allgemeinen Lärm der Verwüstung und Zerstörung heraus die Stimme des Mönchs , der seine schon brennende Kutte abgerissen hatte , hörte den mächtigen Ausruf : » Schon einmal gelang es , Brüderchen ! « ... Da verloren sich die italienischen Worte , die der Muthige noch verständlich gerufen hatte , in eine fremde Sprache ... Mit dem einen Arm ergriff der Mönch den Räuber , mit dem andern die Gräfin Sarzana , hob beide hochhinweg über die brennenden Geräthschaften auf dem Balcon und schickte sich zum Sprunge an ... Die Balken des Daches stürzen , die Flamme sucht mit gierigem Schlund die schon Erstickenden ... Jetzt , mit dem Ausruf : Noch einmal in Jesu Namen ! springt der Rettende in die Tiefe ... Mit zerschmetterten Gliedern lagen drei Menschen auf der Straße - bedeckt von den brennenden Balken und dem Schutt der Zerstörung - ... Sie lagen todt - ... Während Bonaventura erstarrt zur Bildsäule , von Ambrosi gehalten , jedes Wort wie die Spitze eines Dolches fühlte , doch mit dem innigsten Antheil sein Ohr darhielt , fuhr der Bericht fort : Nun stellte es sich heraus , daß der eine der beiden Männer jener deutsche Mönch war , der einst den Grizzifalcone erschossen hat , Frâ Hubertus ... Der andere hat sich keineswegs als Räuber herausgestellt ... Es war - ein Freund der unglücklichen frommen Gräfin , der nur allein zum Helfen gekommen war - ein Priester des Al-Gesú , Pater Stanislaus ... Die Gräfin Sarzana wurde über die Engelsbrücke getragen , noch hatte sie einige Besinnung ; sie erreichte das Krankenhaus der Deutschen nicht mehr ... An den Stufen der Peterskirche hielt die Bahre ... Dort ist sie verschieden ... Bonaventura war auf einen Sessel gesunken ... Den todten Pater Stanislaus , hieß es , holten seine Ordensbrüder ... Frâ Hubertus hätte , versicherte man , mit seinem Muth und seiner unbändigen Kraft den schreckhaften Ausgang auf alle Fälle verhindert , wär ' er nur anfangs auf dem Brandplatz verblieben ... Aber mitten im Gewühl behauptete er die Spur eines Mannes verloren zu haben , dem sein leichtbeschwingter Fuß aus dem Sacro Officio gefolgt war und den er im Gedräng der Menschen aus den Augen verlor ... Darüber verstrich die Zeit ... Endlich erblickte er in jenem vermeintlichen Kampf mit Gräfin Sarzana den Gesuchten , rief Worte in einer unverständlichen Sprache hinauf , kletterte in die Höhe - alles stand entsetzt ... Es war - als wenn der Tod , ein Knochengeripp , beleuchtet vom blutrothen Schein der Flammen , die schon brennenden Sprossen der Leiter herabklimmen wollte , zwei Leben im Arm - Der Erfolg des Sprunges gab dem Sensenmann , was er suchte - ... Die Erzählenden hielten auf einen Wink Ambrosi ' s inne ... Bonaventura vernahm nichts mehr . Neuntes Buch 18 ? ? Selbst am brausenden Donnerton des Wassersturzes nistet ein Vogel im traulichen Versteck ... Die ermüdete Menschenseele , Erquickung bedürfend , sucht sich ihre Ordnung aus den Schrecken der Zerstörung , sucht - und findet ihre alte , ihr so wohlbekannte Gewöhnung an Freud ' und Leid - auch in Sturm und Ungewitter ... Am Fuß eines alten unschönen Gemäuers in Rom , die Pyramide des Cestius genannt und , der Inschrift zufolge , das Grabdenkmal eines wohlhabenden Kochs aus Kaiser Augustus ' Zeit , schmettert in die blaue sonnige Frühlingsluft eine Nachtigall ... Die Sängerin der Haine würde vielleicht entfliehen , wenn die Fittiche der Nachtunholde , das ringelnde Schleichen einer Schlange sie umkreisten - die Wildheit der Menschen stört sie nicht ... Kanonen donnern - ... Wilde Lieder erschallen - ... Tausende von Menschen üben sich im Dienst der Waffen ... Die Nachtigall singt ihre Klage unter Rosenbüschen ... Am Fuß des alten Gemäuers breitet sich ein Kirchhof aus ... Wohlgewählt dieser Platz beim alten Cajus Cestius , Koch und Gastwirth in dem alten Rom - ! Auch Herberge gab er ohne Zweifel den Fremden - den Griechen , Persern , Afrikanern ... Und dieser Kirchhof hier gibt jetzt den Juden und Ketzern Herberge , wenn sie in Rom ihr Auge schlossen ... Diese Rosen und Lilien an dem alten Gemäuer , wo die Nachtigall schlägt , gehören dem Kirchhof der Protestanten ... Rom ist in Waffen ... Ein Dictator ist erstanden ... Eben steht er oben und überschaut an diesem entlegenen Ende der Stadt , vom Monte Testaccio aus , die Ebene mit seinem Fernrohr ... Eine kräftige , gedrungene Gestalt mit gebräuntem Antlitz , schlichtem , schon weißem Haar , fast deutschen Augen ... Ein Italiener ist ' s mit dem grauen Reiterhut und einer rothen wallenden Feder drauf ... Sein militärischer Stab begleitet ihn ... Von hier aus sieht man deutlich drei Heere zu gleicher Zeit , die in Latiums großer Ebene , der Campagna , so lagern , wie einst die Cimbern und Teutonen hier und zur Zeit der Völkerwanderung die Hunnen lagerten ... Dem Meere zu liegt das Heer der Franken ... Dem Gebirge zu das Heer der » Deutschen « - was eben » Deutsche « unter Oesterreichs Fahnen sind - ... An der südlichen Seite liegt das Heer der Italiener , im Bund mit der Erhebung in Rom und seinem sieggewohnten Führer ... Der Monte Testaccio ist ein seltsamer Berg ... Vom Abfall der Küchen , die eine Verwaltung , die im Alterthum sorgsamer als die spätere päpstliche war , hier auf einen Haufen an die Thore der Stadt schaffen ließ , hat sich ein Hügel erhoben , in welchem Unkraut wuchert auf angeflogener Erde , die , in die Ritzen eingedrungen , den Mörtel dieser zu einem Ganzen vereinigten Scherben bildet ... Wie mancher schöne Henkelkrug liegt da in Trümmern - ! ... Wessen Hand mag ihn einst an die dürstende Lippe gesetzt haben - ! ... Noch sind die Götter des friedlichen Hauses nicht ganz von diesen Gefäßen gewichen , die ihnen einst geweiht waren ... Der Monte Testaccio ist ausgehöhlt und verbreitet süßen Kelterduft aus zahllosen Weinkellern ... Hier hatte vielleicht schon Cajus Cestius seine Weinvorräthe ... Ueber diese Trümmer gibt es Treppen , Estraden , Lauben von Akazien- und Holunderbüschen , wo die , die einen Guten im Kühlen zu schätzen wissen , in Hemdärmeln sitzen und das schöne » Aller Weisheit sich entschlagen « üben , das in Rom von jeher beim Becher geliebt wurde ... Auch heute fehlen , wie nicht die Nachtigall und die Rosen unter den Gräbern , so auch die Trinker nicht ... Massenhaft durchforschen sie die heiteren Katakomben des Testaccio ... Wilde und sanfte Gestalten gemischt - Priester und Mönche sogar - in Waffen , die meisten mit rother Blouse - die Büchsen sind in Haufen zusammengestellt ... Der nahe Kirchhof stört da Niemanden - hat doch der Tod seit Jahren in Italien furchtbare Ernten gehalten ... Throne brachen zusammen ... Völker kämpften gegen Völker ... Die letzte Entscheidung über Italiens Wiedergeburt ist nahe herbeigekommen ... Die Waffenruhe trat ein durch den Tod des Stellvertreters Christi ... Ihrer mehre sind sich in kurzer Frist gefolgt ... Einige Greise sanken in stürmischer Zeit dahin , wie schon sonst ein Stephan II. nur drei Tage auf jenem Stuhl saß , auf welchem man , nach Innocenz ' III. Wort , » zwar weniger , als Gott , aber mehr , als ein Mensch ist « - Bonifaz VII. ermordete ihn . Auch dieser wich in einem Jahre schon vor Donus II. Auch Clemens II. Freiherr von Horneburg , ein Deutscher , blieb in jener Schwebe zwischen Himmel und Erde nur ein Jahr ; Gregor VIII. nur wenige Wochen ... So herab bis zu Pius VIII. , der gleichfalls nur wenig über ein Jahr die Himmelsschlüssel trug ... Seitdem kamen andere und schon hatte Frankreich in Avignon , Oesterreich in Salzburg einen oder den andern wählen und krönen lassen ... Das neuntägige Trauergeläut unterbrach den Kanonendonner in der Campagna und Roms Dictator , bestürmt von seinen Kriegern , bestürmt vom freisinnigen Theil Europas , daß Er am wenigsten noch in Rom eine Papstwahl dulden möchte , erhob dennoch sein Schwert und sprach : Der letzte der Reihe ! ... Doch hört sein Wort ! Ist es ein Prätendent auf die weltliche Herrschaft Roms , wie sie alle waren , so senden wir ihn zu den beiden Heersäulen draußen , deren Bajonnete ihn halten mögen , den Schatten ohne Macht und Würde ... Ist es aber ein Nachfolger Petri im Geiste Petri , ein Friedensfürst und Apostel , so soll die Welt seine segnende Hand nicht entbehren ... Dann wird unser Schild ihn tragen ... Unser ihm zujubelnder Beifall feiert eine Erlösungsstunde der Menschheit ... Drei Tage dauerte nun schon das Conclave von nur noch dreißig Cardinälen ... Immer noch eine ansehnliche Zahl von Anwesenden unter den meist unvollständigen Siebzig - in solcher Zeit - ! ... Offen und ehrlich hatte der Dictator in die Welt gerufen , daß jeder , der den Purpur trüge , unbekümmert an die Thore Roms pochen dürfe ; Rom würde ihm öffnen und ihn schützen ... So ruhten denn nun seit zwölf Tagen die Waffen und an das Schreckensvolle , an brennende Dächer , stürzende Thürme , an die Verheerungen der Seuchen , hatte sich die bedrängte Stadt schon wieder so gewöhnt , daß zwölf Ruhe- und Trauertage Festtage schienen ... An die Thore , die mit haushohen Barrikaden befestigt waren , hinter die Schanzkörbe der Mauern wagten sich die Frauen , die Kinder , die Greise ... Bang und erwartungsvoll umstanden sie die Batterieen , die mit brennenden Lunten den Monte Cavallo umgaben , wo die Cardinäle eingemauert und den Heiligen Geist erwartend saßen ... Der Dictator hatte wieder sein Roß bestiegen und sprengte mit seinem Stab vom Fuß des Testaccio dem Thor der Bocca della Veritâ zu und zur Stadt zurück ... Er blickte sorglos ... Durch nichts verrieth er , daß die Welt in diesem Augenblick einer Mine glich , die ein einziger Funke in die Luft sprengen und ihn vor allem selbst vernichten konnte ... Lächelnd grüßte er zwei ihm wohlbekannte Damen in Trauer , welche die allgemeine Erlösung vom Schrecken dieser Tage benutzten , um den Sonnenschein , die Nachtigall , die Rosen und die Gräber zu besuchen ... Von bebenden Hoffnungen , schmerzlichen Erinnerungen bewegt , suchten sie Erholung auf dem Friedhof ... Ein blühender Knabe von sieben bis acht Jahren saß munter und ruhig vor ihnen ... Die Reiter bogen aus und ließen den offenen Wagen hindurch ... Mitten durch die Zelte und Gruppen der singenden oder sich im Kriegsspiel übenden Krieger hindurchfahrend , steigen die Frauen , der Knabe und ein Diener am Thor des Friedhofs der Protestanten aus ... Sie tragen Kränze in den Händen ... Der kleine grüne Fleck dieses Todtenackers war in den letzten Stürmen sichtlich verschont geblieben ... Manche der Ahornbäume , die seine Alleen bildeten , lagen zwar niedergesägt ; ebenso Sträucher mit verwelkten Schneeballen oder Jasmindolden ; die Gräber waren verschont geblieben ... Der stille Geisterhauch , der doppelt geheimnißvoll über diese in der Fremde Gestorbenen hinweht , schien ruhige Grüße der Sehnsucht nach dem Vaterlande hinüber oder von dorther zurückzutragen ... Aeltern , Geschwister , Kinder der hier Ruhenden weilen in der Ferne ... Manchem jenseits der Alpen Weinenden ruht hier sein ganzes Glück - unter einem - wie oft ! - nur einfachen grünen Hügel ... Doch prangen auch auf marmornem Monument die Bildnisse berühmter Künstler , Gelehrten , hochgefeierter