ihn gebeugt , hatte eine Wollflocke seiner Kapuze an seinen Mund gelegt - sie bewegte sich nicht mehr ... Mit einem letzten Scheideblick ebenso sprachloser wie , wenn die Sprache auch nicht versagt hätte , unaussprechbarer Rührung rissen sich beide Cardinäle vom ärmlichen Lager los , auf welchem sie den abenteuerlichsten Schwärmer , einen Märtyrer der Ehegesetze der katholischen Kirche , als Leichnam zurückließen ... Die Bestattung mußte freilich an jener Stelle erfolgen , wo die Asche der verbrannten Märtyrer , eines Pascal , eines Paleario moderte ... Aber bei allem , was die Sachlage hier mit sich brachte , war doch für ein ehrenvolles Begräbniß , wenn auch innerhalb dieser Mauern , gesorgt ... Schon morgen in allererster Frühe wollten die Freunde zurückkehren ... Das düstere Gebäude war jetzt von Kerzen erhellt , die die Laienbrüder der Dominicaner trugen ... Schon kamen einige derselben , um die Leiche in die Todtenkammer zu bringen ... Hubertus hielt den die steinernen Stufen hinunterschwankenden Bonaventura , den er in Witoborn als Domkapitular so oft gesehen und nun den leiblichen Sohn seines geliebten Federigo nennen durfte - Ambrosi hatte ihm auf seiner Zelle sein so lange verschlossenes Auge geöffnet , auch die Gründe genannt , die ein Verschweigen des Geheimnisses und selbst noch in dieser Stunde , um des Präsidenten von Wittekind willen , dringend anriethen - ... Jetzt begriff Hubertus , wie mit dem Tod der Mutter Bonaventura ' s die Sehnsucht des Eremiten sich regen durfte , in die Welt zurückzukehren ; begriff , wie seine Gefangennehmung im August ihm so willkommen , ja nach den Mittheilungen aus Rom , die von Ambrosi kamen , nicht unerwartet erscheinen durfte ; Hubertus begriff schließlich auch die Schonung , die ihnen allen zu Theil wurde ... Ambrosi nahm den zweiten Alpenstab ... Die Uhr des Verstorbenen hatte der Prälat an sich genommen - sie gehörte , den Regeln des Hauses gemäß , den Laienbrüdern ... Bonaventura stützte sich nicht auf den empfangenen Stab ... Er schritt voll Fassung , wenn auch tief sein Haupt zur Erde neigend , dem Ausgang zu ... Inzwischen beschäftigte die Aufmerksamkeit der mit staunender Bewunderung vor zwei für ihre fromme Opferfreudigkeit so wunderbar belohnten Cardinälen die Treppe niedersteigenden Begleitung derselben ein Lärmen draußen auf der Straße ... Eine Glocke der Peterskirche läutete in unablässiger Hast ... Es war die Feuerglocke des großen Doms ... Andere Glocken fielen mit gleicher Eile ein ... An der nahen Porta Cavallaggieri , wo die Kasernen liegen , erscholl das Blasen einer Trompete ... Trommeln lärmten ... Eine Feuersbrunst ! hieß es ... Ein nicht zu häufiger Vorfall im steinernen Rom ... Die erst langsam dahinschreitende Begleitung bewegte sich allmählich rascher ... Bonaventura und Ambrosi blieben mit ihren nächsten Begleitern , langsamer durch die Höfe schreitend , allein zurück ... Da verschwand plötzlich auch Hubertus ... Er war nicht dem Drängen nach dem Hausthor gefolgt ... Es hieß , er wäre zurückgekehrt ... Seht da ! Wer ist der Mann ? rief plötzlich , alle erschreckend , seine Stimme von einer Galerie herab , die rings um den Hof ging ... Er rief diese Worte einem Manne nach , der in gebückter Haltung an einer andern Stelle der Galerie durch eine Thür verschwand ... Es war ein Mann in einem schwarzen , fast priesterlichen Oberkleid gewesen ... Rasch war derselbe in eine hohe Glasthür , die auf die Galerie führte , zurückgetreten ... Ein einziger leidensvoller Blick , den Bonaventura vom Hofe aus in die Höhe warf , ließ in Ambrosi den Gedanken entstehen : Glaubt der Freund - daß er belauscht wurde - ? ... Hubertus blieb verschwunden ... Inzwischen aber waren die Cardinäle zu sehr ergriffen , um dem Zwischenfall lange nachzudenken , und standen schon am geöffneten Schlage ihrer Kutsche ... Auch die Caudatarien bestätigten eine Feuersbrunst ... Zugleich hatten sie von einem soeben hier gestorbenen deutschen Verwandten des Cardinals d ' Asselyno gehört und durften nichts Auffallendes darin finden , daß die Cardinäle tief erschüttert waren , herzlich von dem im Kreise einiger Dominicaner stehenden Paolo Vigo Abschied nahmen , ebenso wenig , wie , daß ihnen letztrer als Andenken an den Pilger von Loretto zwei Wanderstäbe in den Wagen nachreichte ... Hubertus war inzwischen nicht zu finden ... Die bestürzten Mönche , die ihn und Paolo Vigo nach San-Pietro in Montorio escortiren sollten , suchten ihn ... Beide auf San-Pietro schon morgen zu besuchen und sie dem dortigen Guardian zu empfehlen , wurde von Ambrosi versprochen ... So stiegen die Freunde ein ... Die Menschen ringsum rannten indessen der Piazza Navona zu ... Dort sollte das Feuer sein ... Ueber die Tiberbrücke von der Engelsburg abschwenkend sahen beide die Rauchsäule ... Bonaventura ' s Haupt lag auf den Schultern des Freundes ... Ambrosi ließ ihn schweigend gewähren ... Worte des Trostes helfen nicht in solcher Lage ... Auch ihn betrübte es , daß er nicht noch einmal Frâ Federigo umarmen und ihm sagen konnte : Sieh , bis hieher kam ich durch deinen Rath und deine Lehre ! ... Er hatte vorgezogen , alle Gefahren zu bewachen , alle mislichen Zeichen draußen den Dominicanern zum Guten zu deuten und dem Freund die Vorhand zu lassen ... Er hatte sich in allem , was seither geschehen , kraftvoll und entschlossen gehalten ... Was sollen die Stäbe ? fragte er endlich sanft , als sich der Wagen in den Straßen mühsam durch das Gewühl der Menschen Bahn machte ... Bonaventura nahm sie und betrachtete sie voll Rührung ... Noch konnte er nichts erwidern ... Inzwischen hatten sie den Corso erreicht , auf dem wenigstens für Wägen Platz blieb ... Endlich in ihrer entlegenen Wohnung angelangt , schwankte Bonaventura aus dem Wagen und sank , als beide allein waren , ohnmächtig zusammen ... Lange währte es , bis sich der Unglückliche erholte ... Auf Ambrosi ' s dringendes Verlangen mußte er einige Stärkung zu sich nehmen ... Dann trat ein stilles Weinen ein ... Die Natur erholte sich erst , als sie ihre Rechte gefordert hatte ... Mit den ersten Worten , deren er fähig war , bat Bonaventura um ein Exemplar der » Nobla Leyçon « ... Fußnoten 1 Thatsache . 2 Wörtlich zu lesen . 3 1856 . 4 Vorhandene Inschrift . 14. Zu seinem höchsten Erstaunen erfuhr der Freund die nähere Bewandtniß , die es mit den Stäben haben sollte ... Es waren Hirtenstäbe , wie sie in Calabriens Bergen getragen werden ... Die Griffe gewunden - die Spitzen von Eisen ... Griffe und Spitzen , das sah man bald , ließen sich abschrauben ... Das Innere fand sich ausgehöhlt ... In beiden Stäben befand sich eine mit lateinischen Buchstaben beschriebene Rolle Papier ... Das Geschriebene war ein Durcheinander von unaussprechbaren Wortformen ... Die » Nobla Leyçon « gab den Schlüssel ... Die Buchstabenordnung war dieselbe , die bereits in dem zwischen Ambrosi und Federigo gepflogenen Briefwechsel gewaltet hatte ... Beide Rollen hatten denselben Inhalt ... Schon entzifferte Ambrosi ein Wort nach dem andern und schrieb auf , was er gefunden ... Er stockte ... Es war deutsch - die Ausübung einer schon lange geläufigen Fertigkeit wurde gehindert ... Ambrosi bat den Freund , sich zu ruhen ... Inzwischen , sagte er , wollte er versuchen , den Inhalt , soweit ihm möglich , mechanisch zu dechiffriren ... Das Vertrauen des Freundes gehörte ihm in allem ... Es konnte auch hier kein Geheimniß mehr geben , dessen Kunde sie nicht theilen wollten ... Nach wenigen Stunden schon , während die sonstige Stille der nach hinten hinaus gelegenen Wohnzimmer des alten Gebäudes anfangs noch vom Lärm der Glocken und Feuersignale gestört wurde , Bonaventura stillverzweifelnd sein Haupt stützend und zum Tod erschöpft auf einem Ruhelager sich wand und sein ganzes vergangenes und zukünftiges Leben an sich vorübergleiten ließ , unterbrochen vom Bild der letzten Liebesblicke des Vaters , kam Ambrosi in hoher Aufregung mit einer Anzahl Blätter , auf welche bereits ein großer Theil der Eröffnungen Federigo ' s an seinen Sohn mechanisch niedergeschrieben war ... Die deutsche Sprache kannte er zu wenig , um ganz zu verstehen , was , Buchstabe an Buchstabe gereiht , seine Blätter bedeckte ... Es war nun auch von draußen her still geworden ... Schon mochte die zehnte Stunde geschlagen haben ... Bonaventura konnte leicht die Buchstaben zu Worten fügen und die Sätze durch Punkte trennen ... Durch gegenseitige Unterstützung kamen die Freunde zu folgender Entzifferung : » Mein Sohn ! Das ist ein Brief , den dein Vater dir aus dem Jenseits schickt - ! ... Höre - richte und gedenke mein - ! « ... » Du erfuhrst von den Zeiten , wo ich einst beauftragt war , den Uebergang Witoborns an unsere Regierung zu regeln ... Du kennst die Gründe , welche mich damals den Tod wünschen ließen ... Oft , oft überfielen mich Gedanken an Selbstmord - ! .... Sie hafteten nicht , weil Selbstmord nur denkbar ist im Zustand einer Verzweiflung , die mit dem ganzen Leben abzuschließen vermag - Das war nicht meine Lage ... Wohl ging mein Blut stürmisch , wenn ich sah , wie mein Weib am besten meiner Freunde hing , dieser an ihr ; dacht ' ich aber an die Mittel , mich solcher Schmach zu entziehen , so lockte mich wol die Welle des Stromes , der Blitz der tödtlichen Waffe eine Weile ; bald aber erkannte ich dann wieder , wenn nur die Gesetze unserer Kirche über die Ehescheidung andre wären , daß der Anfang eines neuen Lebens voll neuer Bewährung für mich anbrechen könnte - ... Ich wollte den Wunsch des geistig schon lange ehelich verbundenen Paares erfüllen und würde eine Scheidung durch Confessionswechsel möglich gemacht haben - aber in diesem Punkte würde die Mutter nicht meinem Beispiel haben folgen können - aus innerem Triebe nicht - auch ihres neuen Gatten wegen nicht , der sich kaum würde entschlossen haben , schon aus Rücksicht auf den schlimmen Ruf seines Vaters , dem Geist der Provinz ein Aergerniß zu geben ... So kam ich , ohnehin von manchem Misverhältniß zu meinem Beruf getrieben , auf den Entschluß , mir den Schein des Todes zu geben - ... « Die Entzifferung ging noch bis jetzt aufs leichteste von statten ... » Ich ließ dich einem neuen Vater und die Mutter einem neuen Gatten zurück , der ein reicher Mann war und für euch beide sorgen konnte ... Außerdem hattest du den Onkel . Hatte zwar mein Bruder Franz schon den Adoptivsohn meines Bruders Max , den dieser aus Spanien mitgebracht , in seine väterliche Obhut genommen - « ... Wie ? unterbrach Bonaventura seine Worteintheilung und Uebersetzung des Berichtes für den aufmerkenden und in Bonaventura ' s Familienverhältnissen völlig heimischen Freund ; kannte selbst der Vater nicht die Herkunft Benno ' s ? ... Er las staunend weiter : » - so gestattete ihm doch sein gutes Herz und seine Vermögenslage , auch dich in deiner Laufbahn zu befördern , die dir ohnehin , da du Soldat werden solltest , bald die volle Selbständigkeit geben konnte ... Zur Ausführung meines Vorhabens bedurfte ich Beistand ... Ich konnte mich auf einen Menschen verlassen , der , seines Zeichens ein einfacher Tischler , mit meinem Bruder Max unter Napoleon in Spanien gedient hatte , ihm eine Rettung seines Lebens verdankte , aber auch ohne diesen Anlaß ein Muster von Pünktlichkeit und Verschwiegenheit gewesen wäre ... Ihr alle , die ihr mich überleben werdet , vor allem auch du , Benno von Asselyn , niemand von euch wird je geahnt haben , daß mit dem schweren Amt , einen kaum geborenen Knaben aus Spanien mitzubringen , dieser alte treue Mevissen in Verbindung stand - ... Selbst mir bekannte es der Brave nie , warum auf seinem Todbett Max die Weisung hinterlassen , eine Summe , die ich ihm noch schuldete , in besserer Zeit , wenn ich könnte , einem in der Nähe Kochers am Fall , in Sanct-Wolfgang , wohnenden und von dort gebürtigen Tischler , einem ehemaligen Soldaten seiner Compagnie , auszuzahlen ... Da die Zahlung nicht drängte , ich auch die Summe nicht sofort besaß , sprach ich zu niemand davon , am wenigsten zu unserm guten Bruder Franz ... Letztrer würde die Summe gegeben , aber auch die Verwendung derselben haben erfahren wollen ... Benno war schon damals zum Hüfner Hedemann in Borkenhagen bei Witoborn gegeben ... Ohne Zweifel ist Benno entweder das Kind einer spanischen vornehmen Frau oder einer Nonne ... Mevissen kannte das Geheimniß ; er hütete es wie ein Soldat die Parole seines Wachtpostens ... « Bonaventura mußte voll Rührung ausrufen : Guter , kindlicher Sinn des Vaters - ! ... Alle diese Dinge - wie waren sie so ganz anders und nur dir blieben sie verborgen ! ... Die Neugier seines ältesten Bruders , meines freundlichen Erziehers war seine Furcht ! ... Und gerade in dessen Händen lagen , selbst dem Bruder verborgen , die Fäden aller der Veranstaltungen , die für den armen geopferten Benno getroffen werden mußten - ! ... Ambrosi kannte die Beziehungen und vermochte voll gesteigerten Antheils zu folgen ... » Es drängte mich , endlich jene Schuld von einigen hundert Thalern an den alten Soldaten in Sanct-Wolfgang zu berichtigen ... Als ich Abschied von meinem bisherigen Dasein und meinem Namen nehmen wollte , besuchte ich deshalb den kleinen Ort , den Mevissen bewohnte ... Ich fand einen räthselhaft verschlossenen Menschen ; einfach und würdig sein Benehmen ; obschon nicht mehr jung , hatte er geheirathet , sein Weib war gestorben ; ohne Kinder hielt er eine kleine Tischlerwerkstatt für die einfachen Bedürfnisse des Landlebens , die ihn ernährte ... Die Summe , welche ich ihm schuldete , mochte er früher mehr bedurft haben , als jetzt ; dennoch hatte er nicht gedrängt ... Nach den ersten Verständigungen sah ich wohl , daß sich Mevissen jene Summe durch irgend einen werthvollen Beistand , den er dem Bruder geleistet , verdient hatte ... Ich suchte den Anlaß seiner Bewährung zu erfahren und zeigte mich voll Neugier schon aus Interesse für Benno ' s Vater , meinen zu früh vollendeten Bruder Max ... Ich grübelte , forschte - kein anderes Wort kam von den Lippen des schlichten Mannes , als daß mein Bruder - sein bravster Chef gewesen ... Angezogen von soviel Ehrlichkeit und Charakterstärke , beredete ich ihn , mich als Diener auf einer Schweizerreise , die ich machen wollte , zu begleiten ... Er nahm diesen Vorschlag an und ihm verdank ' ich die Ausführung meines gewagten Unternehmens - ... Den Schein zu erwecken , daß ich zu den Opfern der Lawinen des großen Sanct-Bernhard gehörte , das war die Aufgabe ... « Ambrosi seufzte ... Bonaventura ' s Herz klopfte voll gespannter Erwartung ... Es war die noch nicht ganz enthüllte Stelle im Leben des Vaters ... » Im Canton Wallis , zu Martigny , legt ' ich alles ab , was an mich erinnern konnte . Ich hatte mir neue Kleider gekauft , die in einem Packet verborgen werden mußten , das Mevissen trug - Das meiste , was mein Koffer enthielt , hatten wir verbrannt - ... Der Dunst , den die verbrannten Papiere und die sengenden Kleider verbreiteten , fiel im Gasthof zu Martigny auf ; so hielten wir mit unsern Zerstörungen inne ... Einiges mußte auch für das Leichenhaus auf dem großen Sanct-Bernhard zurückbehalten werden ... Mevissen ' s Handschlag durfte mir genügen , um die Gewißheit zu haben , daß von ihm sein Geheimniß würde mit ins Grab genommen werden ... Unter dem Zurückbehaltenen befand sich vielleicht eine seltsame Urkunde , von welcher ich dir reden muß - aus Gründen , die du erfahren sollst - ... « Bonaventura verstand das schmerzliche Lächeln seines Freundes ... Es galt der Erinnerung an die Qualen , die sich früher , in seinem jetzt überwundenen Glauben , der unrichtig Getaufte über seine Lage bereitet hatte ... » Mein Sohn ! Ich rufe dir mit der Schrift : Wer Ohren hat , zu hören , der höre ! - - Ich hatte in Witoborn mit dem Husarenrittmeister von Enckefuß , dem neuen Landrath des neugebildeten Kreises , die Besitzergreifung , namentlich die Archive aus einer heillosen Verwirrung zu ordnen , in welche sie während des Krieges gerathen waren , wo man die wichtigsten Acten zu Streu für die Pferde benutzt hatte ... Bischof Konrad war ein wohlwollender , aufgeklärter Mann ... Ich hatte sein Vertrauen gewonnen ; auch er liebte , wie ich , alte Drucke , Miniaturen , kunstvolle Heiligenschreine , ohne daß er darum , wie ich , auch geistig unter den Ranken und Blüten der damals modischen Romantik und Phantastik wohnte ... Auf einem Krankenlager , von welchem er nicht wieder erstehen sollte , übergibt mir der Bischof einen soeben empfangenen Brief des am selben Tage zur Ruhe bestatteten Pfarrers von Borkenhagen , eines getauften Juden ... Nehmen Sie das ! sprach der Bischof . Es ist das Testament eines Narren ! Ich soll es nach Rom schicken ! Wahnsinn ! Doch - da manches Geheimniß Ihrer Familie betheiligt ist - zerreißen Sie die Stilübung - ! Sie ist lateinisch geschrieben - ... « » Ich las den Erguß eines melancholischen Gemüthes , das , zerfallen mit sich selbst und mit der Welt , in diesem Brief das Judenthum für die vollkommenste Religion erklärte , die Lehre Jesu nur eine von Jesus nicht beabsichtigte Abweichung vom Judenthum nannte und sich in seiner letzten Stunde von einem Gaukelspiel lossagte , das er jahrelang mit Bewußtsein getrieben hätte ... In dieser Ueberzeugung , hieß es in dem merkwürdigen Briefe , hätte er zwar nicht damals gehandelt , als er den Glauben gewechselt - damals hätte er Jesus und der christlichen Kirche etwas abzubitten gehabt - aber die Erinnerung an seine Verwandte , die Thränen einer verlassenen Geliebten hätten ihn bestimmen sollen , wenigstens nicht auch Priester zu werden ... Er hätte es werden müssen ; er hätte die Weihen annehmen müssen aus Furcht vor einem Tyrannen , dem Kronsyndikus auf Schloß Neuhof ... Mißhandlung , Drohung , sogar Weinen und Flehen dieses Mannes hätten ihm so lange zugesetzt , bis er Priester wurde ... Jahrelang aber hätte er sein Amt mit Unlust und ohne Ueberzeugung geführt ... In diesem Sinne , schrieb er , hätte er die Sakramente ertheilt , ohne die entsprechende Richtung des Willens ... Getauft hätt ' er in bestimmter Voraussetzung , daß das , was er that , eine leere Formel war ... So zunächst alle Verwandte des Kronsyndikus - sogleich seinen ersten Täufling , Bonaventura von Asselyn ... Seine erste Trauung , zwischen Ulrich von Hülleshoven und Monika von Ubbelohde , gleichfalls Verwandte seines Peinigers , wäre von ihm vollzogen worden , ohne den Willen und die Ueberzeugung , daß er wollte , was er that ... Mit diesem bittern Hohn gegen sein Geschick , zu welchem sich die Andeutung über eine unrichtige Ehe gesellte , die einst irgendwo von ihm vorher schon hätte geschlossen werden müssen - und wie zu vermuthen war , auch diese auf Anstiften des Krönsyndikus - wollte der menschenfeindliche Mann , der ein Rabbiner , ja , wie man aus einigen Stellen seines Briefes ersah , ein Kabbalist geblieben war , aus dem Leben scheiden ... « Bonaventura erkannte jetzt die Gründe , warum Lucinde vor Jahren , damals , als sie seinen Epheu zerstörte , von Monika ' s Ehe als von einer löslichen gesprochen ... » Meine Empfindungen waren damals noch so katholisch , daß ich über diese Entdeckung den größten Schmerz empfand und darüber anders dachte , als mein hochbetagter freidenkerischer Bischof , der einige Tage nach Uebergabe der Urkunde an mich gleichfalls aus dem Leben schied ... Aber sollte ich meiner Familie , meinem eigenen Kinde noch einen neuen , von mir mit Entsetzen empfundenen Makel anhängen ? ... ... Ich dankte der Vorsehung für diese glückliche Wendung , die ein so wichtiges Document in meine Hand gelangen ließ ... Sollte ich sie zerstören ? Daran verhinderte mich mein rechtgläubiges Gemüth , ja der feste Entschluß , eines Tages deine richtige Taufe nachholen zu wollen ... Und in diese Schrecken und Beunruhigungen meines Gewissens mischte sich die immer mehr gesteigerte Trauer um mein unseliges Verhältniß zu deiner Mutter ... Ein treuer , aufrichtiger Freund , den ich um so mehr liebte , als seine kühle und verständige Natur zu meinem eigenen Wesen die heilsamste Ergänzung bot , konnte sich einer Leidenschaft nicht entwinden , die die einzige war , welche ihn vielleicht je überkommen ... Noch mehr , ich war von ihm abhängig ; die Güter des Lebens , die ich nie zu verwalten wußte , verbanden uns , während alles andere uns hätte rathen müssen , uns zu trennen ... Eine Lage entstand , die vor der Welt meine Ehre in einem Grade bloßstellte , der mich über mich selbst verzweifeln machte ... Ich sprach nie von dem , was mich drückte , und doch erkannte ich alles , was vorging ... Ich sah , daß Wittekind meinen Haushalt bestritt , meine Schulden bezahlte , die Entscheidungen in jeder Frage gab , wo meine Zustimmung kaum noch begehrt wurde ... Schon gab ich mir die Miene , solche Zustimmungen von meiner Seite gar nicht mehr zu beanspruchen - ich vergebe deiner Mutter ; sie folgte ihrem weiblichen Sinn , der sich an Starkes und Verwandtes halten will - unwahr ist es , daß sich nur die Gegensätze lieben - ... « Die Freundschaft der Lesenden , grade die aus dem Gefühl entsprungen war , sich verwandt zu sein , mußte diesen Ausspruch bestätigen ... Bonaventura dachte an die Sterbeaugenblicke seiner Mutter , die in Einem Punkte ruhigere gewesen waren , als er erwartet hatte - ihr zweiter Gatte hatte mit der Ueberzeugung von ihr Abschied nehmen dürfen , daß ihr ganzes Glück und ihre wahre Lebensbestimmung nur er gewesen ... Bonaventura gedachte des Tages , wo auf Schloß Westerhof die Mutter ihm gesagt hatte , gern beuge sich ein Weib dem Worte : » Und er soll dein Herr sein ! « - wenn der Gatte es nur wäre - ! ... » O mein Sohn , damals verehrte ich noch eine Kirche , die einer Form zu Liebe zwei Menschen , und wenn sie sich hassen und wenn sie sich zum Anlaß ewiger Verwilderung werden , doch aneinanderschmiedet - eine Kirche , die dem frivolsten Priesterwillen eine Macht über unser ewiges und zeitliches Wohl gibt ... Aber mein Sinn sollte sich ändern ... Er änderte sich in dem Grade , daß ich nicht für mich allein der Wohlthat der Erleuchtung theilhaftig werden wollte ... Als du Geistlicher wurdest , als ich hörte , du hättest dich den Römlingen angeschlossen , da erfreute es mich zu vernehmen , daß Mevissen jene Urkunde damals beim Verbrennen meiner Effecten im Gasthof zur Balance zu Martigny zurückbehalten hatte ... Mein braver Begleiter schrieb mir zuweilen und unter anderm meldete er : Einiges hab ' ich nicht verbrennen mögen ... Besonders auch Geschriebenes nicht ... Es ist bei mir sicher wie im Grabe ... Und sollte sich einst noch einmal Ihr Wille ändern oder eine andere Zeit kommen , wo Sie bereuen , was Sie gethan - dann lassen Sie in Gottes und seiner Heiligen Namen mein Grab öffnen . Was ich nicht vernichtete , finden Sie dort ! ... Und dies Grab ist erbrochen worden - ! ... Ich weiß es - ein Räuber , dessen Hand mein treuer Hubertus richtete , hat die Witterung gehabt , daß ein Schatz - der Liebe mit diesem armen Manne begraben wurde - ! Daß es zu spät sein mußte , ihn zur Verantwortung zu ziehen und mich zu beruhigen über das Verbleiben jener Urkunde - ! In deinem eignen Dorfe mußte ein Fluch zu Tage kommen , den deinem Leben ein wahnwitziger Priester geschleudert - ! Hast du ihn nie vernommen , so vernimm ihn von mir ! ... Bona , du bist Würdenträger einer Kirche , die ein Recht beansprucht , dich sofort aus ihrem Schoose auszustoßen ... Warum ? ... Weil es ein Priester so wollte - ! Mit einem Zucken seiner Miene , einem tückischen Hinterhalt seiner Gedanken wollte - ! Bona , verkünde diese Vermessenheit des katholischen Priesterthums - ! ... Verkünde sie der Welt ! Zeige , wohin die Anmaßung der Concilien und der Päpste geführt hat ! Frage , ob alle die neugetauft werden müssen , die du tauftest - alle die neu verbunden , die du verbandest - alle Sünden noch einmal vergeben , die du vergeben - ! ... Ich wünschte , daß die dreifache Krone dein Haupt zierte und du sagen könntest : Höre , höre , Christenheit - wenn Roms Gesetze Recht behalten , so ist sein oberster Priester jetzt - ein Heide - ! ... « Tieferschüttert hielten die Freunde in ihrer Arbeit inne ... Schon schlug die mitternächtige Stunde ... Eisige Schauer überliefen sie ... Ein Diener kam und schürte die schon erloschene Flamme im Kamin ... Einen kurzen Bericht , den er vom jetzt gelöschten Brande an Piazza Navona gab , hörten die Tiefergriffenen kaum ... Abwesend war ihr Geist , ergriffen ihr Ohr und ihr Auge von dem , was sie dem entrollten Papier entzifferten , ebenso wie von den Andeutungen eines Zukunftbildes , das sich mit himmlischen Farben vor ihrem geistigen Blick entrollte ... » Doch « , fuhr Bonaventura fort , die Buchstaben zu lesen und zu übersetzen , die Ambrosi mit Geschicklichkeit zu Papier brachte - » kehre mit mir zurück auf den Tag meines scheinbaren Todes ! ... Gefahrvolle Schneestürme hatten geweht und mühsam erklommen wir die mächtige Höhe ... In der Nähe des Hospizes warfen wir Pilgermäntel über , ließen uns die Morgue aufschließen und , während Mevissen beschäftigt war , den führenden Augustinerbruder nach einem der dort aufgestellten Gerippe , vor welchen alles , was an und bei ihnen gefunden wurde , beisammen lag , zu fragen und ihn zu zerstreuen , legte ich vor einen der jüngst Verunglückten , der mir an Wuchs ziemlich glich und an dem durch seinen Sturz zerschmetterten Kopf völlig unkenntlich war , mein Portefeuille und den Trauring deiner Mutter - ... « Ambrosi sagte : Vor meinen Vater - ! ... Wie hat das Schicksal uns so wunderbar verbunden - ! ... - Bonaventura , erlöst von dem jahrelang ihn quälenden Bilde eines unheimlicheren Zusammenhangs der Todesarten ihrer Väter , der natürlichen des Professors Ambrosi , der künstlichen Friedrich ' s von Asselyn - konnte nur mit seinen zitternden beiden Händen die linke Hand Ambrosi ' s ergreifen und mit stummer Geberde aussprechen , was er empfand ... » Als ich dann noch die Portefeuilles vertauscht hatte , fiel mir erst die ganze Schwere meiner That aufs Gewissen ... Mein Führer , muthvoller als ich , mahnte zum Gehen - seine Absicht mußte sein , soviel als möglich für die Augustiner nicht wiedererkennbar zu erscheinen ... Am Hospiz , wo uns die Mönche einluden , einzutreten , trennte sich Mevissen - er mußte es schnell thun , um unsere Physiognomieen nicht zu lange dem Gedächtniß der Nachblickenden einzuprägen ... ... Es war ein Abschied für ewig und dennoch ging Mevissen - wie zu einem Wiedersehn auf den folgenden Tag - ... « Solche Treue lebte jahrelang neben mir und dem Onkel - ohne ihres Ruhmes zu begehren - ! schaltete Bonaventura ein ... » Aber , der Gedanke : Die Spur jenes Unglücklichen , für welchen du nun genommen werden wirst , blieb vielleicht den Seinigen auf ewig verloren - du hast ein Verbrechen auf dich geladen , größer , als dein Selbstmord gewesen wäre ! - der verfolgte mich bald mit allen Schrecken eines bösen Gewissens ... Im Portefeuille des Todten , für welchen man mich nehmen konnte und sollte , fand ich keinen Namen , nur Höhenmessungen und Zahlenreihen ... Noch im ersten Eifer meiner scheinbaren Selbstvernichtung warf ich diese Anklage gegen mich in die Tiefe eines Waldstroms ... Ringend , mich in die Stimmung meines alten Leichtsinns , meiner romantischen Sorglosigkeit , meiner angebornen lässigen Natur zurückzuschmeicheln , umging ich Turin ... Die Thäler , die ich mit meinen neuen Kleidern durchwanderte , waren zufällig Waldenserthäler ... Ich kannte die romanische Sprache ... Aber ich floh vor allem , was mich an Religion erinnerte ... Nur mein romantischer Trieb gab mir Kraft , nur jener phantastische Sinn , der dem Schönen und Reizvollen sich ergibt und moralischer Imputationen nicht achtet ... Ich wollte nach Genua , wollte mit dem Rest meiner Baarschaft zu Schiff gehen und mir in Südamerika ein neues Leben begründen ... Ueber Coni hinaus wurde ich krank ; seelisch und körperlich angegriffen , schleppt ' ich mich jetzt nur noch langsam vorwärts ... Scheu mied ich die große Straße und ruhte mich oft in Wäldern ... Da war es denn , wo ich in einem einsamen Thale aus einem schönen Hause einen vollstimmigen Choral vernahm ... Ich trat in einen neugebauten Raum , wo ein Redner geistliche Erweckungen hielt ... Der Gottesdienst war bald zu Ende ... Ich sah eine hohe stolze Dame , der , als sie aus dem Hause trat , alle ehrerbietig auswichen , ich grüßte sie und folgte ihr ... Zu meinem Erstaunen sprach sie mit ihrem Diener deutsch ... Ich redete sie in gleicher Sprache an ... Dies gethan zu haben , bereute ich freilich sofort , denn ich hörte ihren Namen und mußte erstaunen , mich in der Nähe eines entfernten Zweigs meiner eigenen Familie zu befinden ... Entfliehen konnte ich nicht ; ich war zu hinfällig , wurde krank , kam dem Tod nahe und befand mich monatelang in einem Zustand fast der Geistesabwesenheit ... Als ich genas , war ich so von Dankbarkeit und Ehrfurcht vor dieser edlen Frau erfüllt , daß ich mich nicht mehr von ihr trennen konnte ... Da ich mich als Katholiken bekannt hatte , durfte