mit ruhiger Ergebung trug . Pauline von Harder bot lange nicht das gleiche Schauspiel der Resignation . Sie schien die ihr doch sonst immer gegenwärtige Besinnung verloren zu haben . Sie konnte den Gedanken , geopfert zu sein , auf Nichts zurückgeführt , verlassen von ihrem Einfluß , nicht ertragen . Die Menschen , die ihr früher huldigten , gingen zu den neuen Machthabern über . Das Journal : Das Jahrhundert verlor seine besten Kräfte an die Blätter des neuen Systems , sie mußte es verkaufen und gab alles hin , nur um vor einem Dämon zu fliehen , den Alle in ihrer Brust suchten , in ihrer Unfähigkeit , auf sich selbst bezogen zu bleiben . Rodewald , Egon aber allein wußten , daß dieser Dämon weit mehr in der Furcht vor Friedrich Zeck und ihrem Sohne lag . Die Ludmer hatte somit die glänzendste Genugthuung für ihren schon lange gehegten Verdacht erhalten ! Sie mußte nach ihrer Gesinnung rathen , nun alle Minen springen zu lassen . Pax wurde mit ganzem Vertrauen bedacht , sogar Schlurck , selbst Bartusch wurden wieder um Rath angegangen . Die Entdeckung , daß der Sohn Paulinen ' s wohl gar selbst dieser Hackert , Murray jedenfalls der ehemalige Baron Grimm war , lag jetzt vollkommen nahe . Pax verfolgte die Spur des Einen , der schon seit dem Mai , des Andern , der jetzt eben erst abhanden gekommen war . Wie diese Jagd , die die Ludmer anstellen zu müssen glaubte , auch endete , Pauline von Harder wollte sie nicht abwarten . Sie wollte reisen , sie knüpfte in der That mit Helene d ' Azimont an , die ihr wie eine Wiedergeborne und Erleuchtete schrieb und sie aufforderte , nach Enghien bei Paris zu kommen , wo sie zusammen lateinisch lernen und die Kirchenväter studiren wollten . Es bildete sich in der That fast ein Bund von römischgesinnten Frauen , die sich jetzt , wie sie sich früher in ihren starken Gefühlen nachahmten , eine der andern in der katholischen Bekehrung nachahmten . Einstweilen wollte Pauline nur aus dieser Stadt , nur aus diesem Lande heraus . Aber sie beschloß , es mit Aufrechthaltung aller Formen zu thun . Sie begleitete ihren Gemahl nach Buchau , wo sie einige Tage zu bleiben und sich dem Hof feierlich zu empfehlen beschloß . Die Ludmer folgte ungern . Sie dachte an den dortigen Inspektor Mangold . Doch die Hülfe ihres Erben und » Neffen , « des Herrn Pax stand ihr ja zur Seite . Zur Sicherung der Herrschaften war auch dieser nach jenem äußersten Grenzpunkte abgereist . So drängte es Alle nach Westen ; wir wissen nicht , ob auch Oleander ' n , der am Nikodemustage auf dem Tempelstein vielleicht nicht fehlte , Oleandern , der wie ein Harfner , wenn auch vielleicht unsichtbar , um alle die Gestalten , die wir in dem Schutt ihres Lebens wie vergraben finden , den Epheu seiner Poesie ranken ließ , einer Poesie , die , in den meisten Menschen unbewußt , als Stoff nur für den Seher lebt . Oleander führte Buch über die Seelen , die da an sich so wild vorüberjagten , sich niederwarfen oder vielleicht nur Einmal und dann nicht wieder berührten . Oleander war im Stande , die Empfindungen des Fräuleins von Flottwitz , wenn sie Dankmar ' s gedachte , ebenso nachzudichten , wie er auch , nachdem er schon die Veranlassung eines neuen Misverständnisses zwischen Egon und Helenen durch Olga geworden war , sich selbst in diesen unheilbaren , ewigen Bruch hinein fühlte mit einer Melancholie , die in gewissen Momenten sicher auch in Egon , zuweilen in Helenen auftauchte bei aller Trennung durch die Welt und das Leben . Oleander dachte wenigstens nur an Helenen und Egon , als er einst schrieb : Wer glaubt an Riesen , die den Himmel stürmen , An Göttersöhne , frevelnde Titanen , Die Berg auf Berg zum Wolkensitz der Ahnen , Ja ihre Leiber , sich erwürgend , thürmen ! Und doch rast dies der Erde Urgewimmel Zu jeder Stunde noch im Menschenherzen , Das über Schädelstätten fremder Schmerzen Erklimmt des Wahn ' s und seiner Träume Himmel . Die Gräber werden Spielplatz , heiße Thränen Wie aus dem Thonrohr steigen bunt wie Blasen , Gehascht , gejagt auf dem zertretnen Rasen Des heiligsten Erinnerns ! Und warum ? ... Ein Wähnen Hängt Haut an Haut , wie Schlangen thun , an Bäume ! Jetzt bist du frei , jetzt steigst du auf mit Flügeln , Nun kann dein Arm die Sonnenrosse zügeln , Nun trittst du schon auf ros ' ge Wolkensäume ! Ihr Thoren ! Ob Titanenfäuste einen Dem Ossa Pelion , ob dieser Welt nie Frieden Der Menschengenius bietet - die Kroniden Verhüllen sich und lächeln nur und weinen . Die Harmonie im Menschenchaos ist nur dem Ohre Geweihter vernehmbar . Was Poesie dem Allblickenden ist , ist Dem , der sie erlebte , oft davon das baarste Widerspiel . Ihn macht dieselbe That ergrimmt , die einen Andern hebt und tröstet . Der Dichter nur ahnt , in welchem Endergebniß Aller Dasein den Sternen erscheint . In Oleander ' s Gemüth sammelte sich von Allem , was wir erlebten , erfuhren , mit einsahen , ein solcher Sternenwiderschein , den das Leben nicht ausspricht und die Darstellung des Lebens auch nur andeuten kann . Den Oleandergemüthern unsrer Leser überließen wir die Ergänzungen der harten und schroffen Unmittelbarkeiten und Wirklichkeiten , die wir schildern mußten . Der treue Sänger , selbstentsagend , fühlte , was Siegbert Olga auf seine Klage antworten mochte , fühlte , was der Flottwitz stumme Liebe dachte , als Dankmar in Banden saß , er sammelte sich Das , was Niemand gesagt bekommt und was doch für die Sterne ewig gesprochen und empfunden ist . Auch in dem Märchen auf der Tempelabtei fehlte er gewiß nicht . Er war dem lauschenden Dystra gewiß ein Sänger mit der Harfe , der hoch über den Trümmern stand und Andrer Loos verknüpfte , seines eignen so wenig gedenkend . Er hatte Selma an die männliche Gestalt Dankmar ' s abgetreten , fand lange nicht das einfache und ihn beglückende Herz , das er suchte und hatte wohl Recht , in sein altes lateinisches Kollektaneenbuch zur einstigen Mittheilung an Louis Armand und zum Gegensatz gegen dessen weltumfassendes Sehnen zu schreiben : Ein Häuschen auf grünen Matten In ' s Silber des Mondes getaucht , Von frischen Waldesschatten Freundnachbarlich milde umhaucht - Ein Stübchen eng nur gezimmert , Bescheiden das Hausgeräth , Nur Lampenlichtdurchschimmert , Nur Blumenduftdurchweht - Ein Schrank , ein Tisch , zwei Sessel , Ein Weib dazu , an ihrer Hand Der Ehe goldene Fessel , Die erst ein Jährchen sie band - Der Mann im Liederbuch blättert , Sie strickt beim Lampenschein , Vom Lindenbaum draußen schmettert Die Nachtigall herein - Horch ! ruft das Weib nach der Kammer . Was Nachtigall ! Liederbuch ! Sie öffnet dem süßesten Jammer Im Gehen ihr Busentuch . Hold Kindlein wacht , ruft wieder ! Gib allen Dichtern den Lauf ! Ein Trunk aus Mutter-Mieder Wiegt Hippokrenen auf ! Dem Mann , nicht lesend weiter Legt gleicher glücklichster Trieb Eine ganze Jakobsleiter Als Zeichen in ' s Buch , wo er blieb . Ob im Walde die Wipfel rauschen , Ob die Nachtigall lockt und schlägt , Sie sitzen nur Beide und lauschen Dem Kind , ob ' s im Schlummer sich regt ... O Bild der seligsten Feier ! Ein Schattenspiel an der Wand ! An meiner Dichter-Leier Bin ich Saite nicht - ach ! nur die Hand . Oleander sang nicht sich , sondern Andere , wenn er das Glück schilderte . Jahrelang wird er den Anblick des Poeten der Dachkammer bieten , dessen lange , ungepflegte Gestalt , schlendernd , träumend durch die Gassen schreitet , an Fremde denkend und die Nächsten zu grüßen vergessend , voller Liebe dem Einen zugewandt und kaum bemerkend den Andern , wenn dieser auch hülfefordernd die Hände nach ihm streckt . Er wird immer die Aufforderung zur That erst dann vernehmen , wenn die Gelegenheit , sich zu bewähren , schon vorüber . Vielbewundern wird man ihn und viel verspotten und schon mit bleichenden Haaren wird man ihn noch ein Kind nennen . Bei der allgemeinen Theilung des Glücks dieser Erde wird er mit leeren Händen ausgehen und sich mit dem Troste begnügen müssen , daß Zeuß zu ihm sprach : Willst du in meinem Himmel mit mir leben : So oft du kommst , er soll dir offen sein . ... Grade am Morgen nach dem Brande im Dorfe Buchau fuhren die beiden Reisewägen Anna ' s von Harder zum Tempelstein hinauf , während rechts und links um sie her Rosse und Reiter sprengten , noch die rauchende Stätte des Brandes zu sehen . Der Hof im Schlosse war voll gnadenreichster Theilnahme gewesen . Er hatte Wäsche , Betten , Geld geschickt , um die nächste Noth zu mildern . Alle seine Umgebungen wetteiferten im Antheil an dem unglücklichen Vorfall , bei dem in der That Menschenleben verunglückte und im Gasthofe zum St.-Georg manche werthvolle , ja außerordentlich hochgeschätzte Gabe einiger unbekannter Reisenden zu Grunde ging ... Anna war mit ihrer Begleitung am Orte des Schreckens angelangt , als Fränzchen Heunisch ein junges Mädchen zu erkennen glaubte , das auf der Trümmerstätte , an der steinernen Schwelle einer ausgebrannten Thür , die Hand in den Schoos gestemmt , auf der Erde sitzt , vor sich einen von vielen Menschen umgebenen mit einem Tuch bedeckten , von Allen scheu vermiedenen Gegenstand und in ihrer Nähe einen Alten , der gleichfalls auf dem Boden an dem Tuche kauert und in seinen Mienen eine Ähnlichkeit mit jenem Manne mit der schwarzen Binde darbietet , der sie einst von der Stadt nach Hohenberg begleitet hatte . Jenes Mädchen war Louise Eisold , der Alte ohne Zweifel Murray ... Fränzchen machte sogleich Rodewald aufmerksam . Dieser trat hinzu und erfuhr von den vor ihm ausweichenden Menschen , daß unter dem Tuche der Rest eines in der Nacht Verbrannten läge , eines dem Mädchen und jenem Manne sehr werthen Verwandten und daß schon in der Nacht vom Tempelstein Leute gekommen wären und das seltsamste Schauspiel der Bestürzung geboten hätten . Von einem großen Schatze , den jener Unglückliche entweder hätte vor dem Feuer bergen oder schon vorher vielleicht allzusehr schützen wollen , wäre nichts übrig geblieben als die halbverbrannten Splitter , mit denen der Alte da wie irrsinnig spiele ... in dem Schrein sollten hundert Tausende von Papiergeld gelegen haben ... aber wer wisse es ... und wer könnte es glauben ... ! Schaudernd ahnte Rodewald die Möglichkeit , daß Dankmar ' s Schrein verunglückte ... Er trat näher ... Fränzchen folgte ... Murray ! rief Rodewald ... Fränzchen legte schon die Hand auf Louisen ' s Schulter ... Jener blickte auf und erkannte Rodewald , lächelte bitter , zeigte auf das Tuch , auf die verbrannten Splitter ... Louise Eisold starrte Fränzchen an , wußte erst kaum , wo sie das blühende , gewachsene , holdentwickelte Mädchen hinbringen sollte , dann errieth sie , stand auf und sagte : Franziska ! ... Die Freundin aber erwiderte entsetzt : Wer verbrannte ? Louise schien gefaßt . Sie hatte in der Schule der Leiden gelernt , das Schwerste zu tragen . Dennoch sagte sie mit noch zuckendem Schmerz : Weißt du Fränzchen ? Des Volkes Tochter , arme Bettlerin ! Das ist da - Hackert unter dem Tuch ! Fränzchen zuckte zusammen . Aber Friedrich Zeck bestätigte den Nähergetretenen : Ja , diese Splitter sind der Rest vom Erbe der Wildungen ! Sie wissen es schon oben auf dem Tempelstein , sie grübeln , wie man Papier wieder lebendig macht , aber Menschen , amortisirte Menschen lebendigmachen - das wird fehlschlagen , Freunde ! Ah ! Seht nur ! Rodewald hatte das Tuch gelüftet und es sogleich fallen lassen . Der Anblick war zu grauenhaft ... Der Nachtwandler ! sagte er und eben hielt er inne , um das Wort : Sein Sohn ! zu unterdrücken , als unter den Herrschaften , die vom Schlosse Buchau kamen , um die Brandstätte auch zu sehen und Gaben der Liebe auszutheilen , ein Wagen auffiel . Der Schlag wurde geöffnet . Eine Dame trat heraus , schwarz , trauernd , hoch , schlank , nach ihr eine gebückte Alte ... Die Polizei , beritten , sprengte heran ... Die Scene wurde lebhaft ... Menschen drängten sich an Menschen ... und Friedrich Zeck folgte wehmüthig dem Auge des hier in solchem Augenblick gefundenen Rodewald . Starr kehrte sich aber plötzlich das Weiße in dem seinen . Er ergriff Rodewald ' s Arm , zeigte auf einen der Wägen , auf die ihm entstiegene Dame ... es war Pauline von Harder , schon erkannt von Anna , ihrer Schwester , die sich zurückzog und die Begegnung vermeiden wollte ... Friedrich Zeck schien bei diesem Anblick die Fassung verloren zu haben , nicht die Besinnung , sondern die Selbstbeherrschung . Seine Demuth hatte ihn plötzlich verlassen . Er sah einen Fingerzeig des Himmels , er » richtete « , wie sein Ausdruck war , statt Gott richten zu lassen , er sprang von dem grauenvollen Tuche auf , warf die verbrannten Splitter des Schreins im Kreise umher , stürzte sich vor und stand fast unmittelbar vor Paulinen , die - vor Anna ' s Nähe allein schon zum Tode erschrak ... Rodewald war es , der diesmal Großmuth übte . Rodewald rettete Paulinen vor einem Augenblick , der ihr vielleicht wirklich den Tod gegeben hätte ... Murray ! rief er mit der männlichsten Überredung , hielt den wie von Raserei über Paulinen ' s Anblick Ergriffenen mit dem linken Arm zurück und wandte sich mit der Rechten der erblassenden , taumelnden Pauline zu , die drängenden halblauten Worte sprechend : Steigen Sie ein ! Fliehen Sie ! Es ist Ihr Sohn , der da verbrannte ! Fliehen Sie ! Fort ! Fort ! Aber Friedrich Zeck hörte nicht mehr auf des Freundes Zuruf . In dem Augenblick fielen ihm alle Hüllen , alle Masken und Verstellungen von seiner Person , die ihm nichts mehr werth war , seit der Zweck seiner Rückkehr von Amerika mit dieser fürchterlichen Nacht ein Ende hatte . Er sah nur Flammen um sich , nur Zerstörung , hörte nur das Hülfeschreien der Menschen , sah Hackerten nur unter den züngelnden Feuersäulen eingeschlummert auf dem Schrein , den er krampfhaft hüthete , als könnte in stiller Nacht - ein Käfer ihn stehlen ; er hörte nur , daß Alles um ihn her zusammenkrachte , Sohn und das fremde Eigenthum in einer Zerstörung unterging , die Hackert vielleicht als Traumwandler selbst durch das Licht in seiner Hand veranlaßt hatte , vielleicht auch nicht - ! was sollte er zögern , sich und Alle in die Flammen zu stürzen und unterzugehen wie Simson ! Nicht Murray , rief er auf Paulinen zuschreitend aus , nein , Der , den deine Helfershelfer suchen vom Morgen bis Abend , Der , der Euren Mörderhänden entfloh , nicht in den Wellen des Hudson schläft , nein Der , den Ihr ahntet seit dem Fortunaball , festhieltet seit dem Forsthause im Walde und nicht zu erkennen den Muth hattet , Friedrich Zeck , der Vater dieses unglücklichen Sohnes ... Doch schon war Pauline mit Rodewald ' s Hülfe entfernt , losgerissen von dem Wüthenden , gesichert eingestiegen ... Zeck sprang den Pferden in die Zügel , hielt sie , die schon ansprengen wollten , zurück und rief : Hackert ! Hackert ! war der Name meines Sohnes ! Ich bin Zeck ! Der Bruder einer Mörderin , der Bruder eines Mörders ! Kennt mich Niemand ? Kennst du den Falschmünzer nicht , den Vater dieses Nachtwandlers , der diesen Brand entzündete ? Wir sind Schuld an diesen Lichtfunken ! Ha , ha , Pauline - Aber so maaßlos sollte der Strom der Selbstanklage nicht enden , denn schon hatte Pax , vom Pferde springend , den wilden Sprecher erkannt , ihn von hinten ergriffen und seinen Begleitern , die mit angriffen , als einen glücklichen Fund zugeschleudert ... Die Ludmer , wie ein verwundeter Vogel hin- und hertaumelnd , konnte aus Furcht und Besinnungslosigkeit den Wagen nicht gewinnen . Sie flatterte fast hin und her und suchte sich zu bergen vor solchem Ruf aus den Gräbern ... Ihr half aber die Großmuth Rodewald ' s nicht . Paulinen ' s Rosse waren sich bäumend schon davon gesprengt , ohne die Ludmer . Kein Wagen stand bereit , auch sie zu entführen , sie mußte die Schaalen des Zorns eines Mannes , den sie nun schaudernd selbst erkannte , bis zur Neige leeren , mußte sehen , daß Mangold , jener Gärtner , in der Nähe stand und nicht half , nicht hinderte ... Aber auch die Mishandlungen der Bewaffneten hinderten Zeck nicht auszurufen : Charlotte Ludmer ! Kennst du mich , den Baron Grimm , dessen Trinkgelder du so elend vergolten hast ! Komm , Unhold , leuchte mir die Treppe hinunter ! Sagt ' ich Das nicht in Ems drüben und sonst hundert Mal und gab dir meine erspielten , noch nicht falschen Dukaten ? Und doch stecktest du über uns Allen die Welt an , läßst uns Alle verbrennen , nur weil Paul Zeck die rothen Haare verstecken sollte , die an den Abend erinnern , wo schon einmal Jemand im Feuer der Sünde aufging und Einer sich nur die Augen verbrannte ? Mörderin du , die aus Rache Menschenleben wie unreines Wasser ausgoß ! Elende , das Eine deiner Opfer stürzte sich vom Narrenthurm , Das da deckt ein Leichentuch und ich will der Dritte sein , will wieder Ketten tragen , will nicht von Euch losgelassen , nicht mit Gold und Gut nach Amerika befördert werden , will bleiben und reden , nur damit du einst sterben sollst , ohne ein ehrliches Begräbniß zu gewinnen ! Pax schützte jetzt die ohnmächtige Freundin , ließ sie fort tragen , die Menschen wichen ihr wie einem Unhold aus . Die Bedienten , Hofleute , Bauern , Alle sahen , Alle hörten schaudernd und lauschten noch , als Friedrich Zeck sich sammelnd und den Schweiß von der Stirne trocknend zuletzt zu dem mitleidbewegten Rodewald sprach : Es ist geschehen ! Alle Selbstbeherrschung war vergebens . Den wilden Teufel in der Brust bindet ganz auf Erden kein Engel . Zürnen Sie mir nicht , daß ich wie ein Insekt um die Flamme irrte , und nun doch hineinstürzte ! Es ist ein Instinkt , der von mir verlangte einmal noch so zu reden , dann zu enden . Man wird in der Residenz in mir drei Menschen , Zeck , Grimm und Murray erkennen . Vielleicht , daß Einer für den Andern sprechen wird und sich die Gelehrten mühen , zu beweisen , daß Einer unmöglich der Andre sein konnte . Zu dem Instinkt gehört auch , daß ich möglich mache , das Unglück des für immer verbrannten Schreines zu hintertreiben . Würd ' ich , der seinen Inhalt schuf , nicht unter dem Auge des Richters leben , so würden Sie nicht die Bürgschaft finden , daß von jenem Schrein auch wirklich nur noch jene verbrannten Spähne übrig sind , mit denen ich mein eignes Leben vergleichen möchte . Ich werde offen aussagen , wie Alles gekommen . Grüßen Sie die Bewohner des Tempelsteins nicht von mir ! Ich sagte immer , daß zwischen jener reinen Sphäre und mir die ewige Verdammniß , wenigstens der Erde , liegt ! Zeck wurde so abgeführt ... Anna von Harder hatte längst schon in den Wagen flüchten müssen , die Mädchen folgten , Rodewald , nach schmerzlichem Abschied von dem nun wol für immer Gefangenen . Man fuhr zum Tempelstein empor . Die Menschen verliefen sich , nur Fränzchen Heunisch , die mit Louise Eisold zum Schlosse zu Fuß gehen wollte , blieb . Mangold , der die Demüthigung der Ludmer ohne Mitleid nachempfand , half den Mädchen und einigen Burschen das Tuch zusammenraffen und es in ein Haus tragen , wo der Rest von Hackert bis zu seinem Begräbniß blieb ... Es ergab sich bald , daß Hackert an dem Versuch einer einzigen guten That , die er in seinem kurzen und dämonischen Leben gewagt hatte , zu Grunde gegangen . Die Ursache des Brandes , der den Schrein zerstörte , war in der That nicht der Funke vom Feuerwerk der Könige , sondern die schlafwandelnde Sorge gewesen , die den Schrein im überfüllten Gasthof zum St.-Georg von einer Scheune zur andern trug und gerade mit dem Lichte dem Stroh unterm Schindeldach , das Hackert im Traum hatte verlassen wollen , zu nahe kam . Er fand die Thür auf dem Verbindungsstege verschlossen , entschlief auf dem Schrein , den er niedergesetzt hatte und erwachte zum Leben nicht wieder ... Ein Dichter , wie auch wieder Oleander , sah später in diesem Zusammenhange einen ernsteren Sinn und tiefere Bedeutung . War der Schrein und sein Inhalt die irdische Hoffnung edleren Strebens für das Wohl der Menschheit , war Hackert , wie einst Dankmar an jenem Abend vor dem Fortunaball gesagt hatte , das Volk in seiner dämonischen , nicht guten , nicht bösen , räthselhaften und unheimlichen Sinnennatur , war der Aufschwung zu einer endlich reinen That in diesem Wesen Krankheit eher , als die edle Blüte der Gesundheit , so lagen die Gedanken nahe , die sich halb schon bei Oleander in Klängen austönten , daß der Geist ein Phönix wäre , der nur aus den Flammen eines irdischen Nestes zur reinen Sonnenhöhe aufsteigen könne , und daß da sterben müsse der Schlacke , was zum Lichte wolle . Wie in der Natur Das , was seinen Dienst verrichtete , sogleich verginge , wie der Wurm in der Seide stürbe , die er aus seinem Leibe und Leben spönne , wie die höchste Lust die Organe des Lebens spränge , ja ein Bettler nicht lange zu bleiben vermöchte in einem allzugeschmückten Hause , so säh ' es auch immer schlimm aus , wenn man den großen Kaliban , das Volk , einmal aus seiner thierischen Vegetation aufweckte , aus einem Dämmerleben , dem das Gute und Bessere sich nur im nächtlichen Wandeln nahe ! Auch erwachend würd ' es dann handeln wie im Traum , würde statt eines einfachen Lichtes Fackeln , statt Fackeln Feuerbrände geben , würde wie einst Masaniello über das Maaß seiner Kraft hinauswachsen und entweder im Irrsinn oder Selbstmorde enden .... Diese Auslegung gab Oleander Friedrich Zeck , als er ihn als Gefangenen wiedersehen mußte ! Man hatte versucht , den Engländer Murray , den Freund der Armen , den Wohlthäter der Brandgasse für den Baron Grimm sprechen zu lassen , man hatte die Bibeln reden lassen wollen , die Morton sonst in seiner Armuth zu verkaufen pflegte , aber Friedrich Zeck kam dem Verlangen , sich offen , vor aller Welt in pharisäischer Christlichkeit zu gebehrden , nicht entgegen , flehte nicht , bat nicht , bereute nicht , er ertrug die Wirklichkeit , der er einst entflohen war und trug sein Kreuz unter den Gefangenen , bei denen er vielleicht für seine Auffassung des Lebens jetzt mehr Gutes that , als wär ' er frei gewesen . Nicht lange nachher starb Friedrich Zeck , der Urheber der Schuld so vieler andren Menschen , auf der Veste Bielau , an demselben Flusse , dessen Ufer er einst in einem Rettungsnachen erreichte , wie später einmal auch Werdeck ... Die Welle des Flusses war ihnen Allen freundlicher gewesen als einem letzten endenden Leben unsres Kreises , das wir nicht verschweigen dürfen , dem Leben jenes nächtlichen Wanderers , dem Hackert einst von der Komthurei vor die Thore der Stadt gefolgt war . Als Der denn doch zuletzt , wie angezogen von seinem Geschick , das wie die Magnetnadel keine Ablenkungen und Irrungen , wie noch zuletzt wieder durch Hackert , dulden wollte , nach Bielau wanderte , dieser still Verzweifelnde , der den Tod mit Ekel und Überdruß an sich selbst und der Welt nicht auf natürlichem Wege erwarten mochte , rief ihm Niemand mehr in nächtlicher Stille seinen Namen zu , Niemand schützte ihm mit einer ansehnlichen Summe Geldes noch einmal gleichsam die nach ihm verlangende Woge ab . Zuletzt zog sie ihn nieder , wie das Meerweib den vom Sang Verlockten . Diese Stimmung konnte nicht enden , wie Alle . So entbehren , so zuletzt krank auf dem Lager liegen , ächzen , so den letzten Ballast der Bagatell-Philosophie auswerfen , Epikur , Epiktet , Rochefoucauld , Hippel und Lichtenberg opfern , so immer leichter , luftiger , ohnmächtiger , ja kläglicher zu werden für Charon ' s Nachen ... Das ertrug Franz Schlurck nicht ... Man fand ihn eines Morgens im Uferschilfe unterhalb Bielaus , nachdem man ihn Tagelang gesucht und sich wol gesagt hatte , daß man Schlurck ' s letztes Wort an Drommeldey : Bester Freund , Montaigne hat Recht , das Leben ist von allen Handwerken , die wir zu lernen haben , das schwerste ! nicht anders als auf den selbstgesuchten Tod deuten konnte . Letztes Capitel Die Morgenröthe Auf dem Tempelstein lösten sich Schmerz und Freude , bangende Unsicherheit und endliche Entscheidung ... Dankmar ' s starres Brüten über den Verlust , konnte es andauern , als er Selma sah ? ... Und Olga , wäre sie erstarrt gewesen wie Niobe , da ihr die Söhne starben , konnte sie auch noch nicht beim Anblick der Mutter , die sich streng und ernst von ihr abwandte , zum Leben erwachen , konnte sie da , als Siegbert vom bekümmerten Bruder sich losreißend in den Saal der Villa des Barons trat , da , als der Geliebteste vor Olga ' s entfalteter Schönheit staunend bebte , eine Jungfrau statt des Kindes fand , ihre Hand zitternd ergriff und sie zur Versöhnung in die Hand der Mutter legte , konnte sie da , die seit Jahren nicht geweint hatte , die Thränen wieder fortschleudern und ihnen sagen : Ich kenne Euch nicht ? ... Und konnte , als Rudhard , ein gebückter , alter Mann , gefurcht , gebleicht von Kummer eintrat und er und Anna von Harder der Mutter sie zuführten , konnte Dystra , als Olga nun doch davon stürzen wollte , Siegbert aber sie zurückhielt und sie in seinen Armen fast ohnmächtig an ' s Herz drückte , etwas Andres thun , als sagen : Chère enfant , Ihrem Vater , dem Fürsten Alexis Wäsämskoi , hab ' ich einst versprochen , Rurik ' s Schwager zu werden ! Ja , ja , Rurik ! Papa Rudhard lehrte dich vielleicht aus den Alten , daß die delphischen Orakel vieldeutig waren . Ich that Alles , um dies Schicksalswort zu umgehen ; ich wollte liebenswürdig , schön sein , ich hoffte irgend eine große Dame würde mich entführen . Ich wollte sterben und fing deshalb zu bauen an . Aber Alles vergebens . Was ist zu thun ? Komtesse Olga hat eben , wie das dem Charakter unsrer Zeit entspricht , selbst gewählt , Paulowna zieht jedem Eheglück noch die Kunde vor , welche Torte es heute Mittag geben wird , und wo soll ich diese Gäste all ' herbergen , wo anders meine Diners und Soupers nun veranstalten , als in dem fertigen linken Schloßflügel , wohin ich wiederum gelobt habe , nur die Dame zuerst zu führen , die einst die Meine sein wird ? Alles blickte auf Olga , auf die Fürstin ... Anna von Harder nahte sich aber Beiden , die sich abwandten , liebevoll ... Es war ein mächtiger Eindruck für Adelen gewesen , als sie nach so langer Trennung ihr wildes Kind wiedersah . Sie war ihr erschienen wie eine ihr fast Fremde , wie eine Jungfrau , die sie nie gesehen , nie gekannt hatte und doch war diese Gestalt die ihrer eignen Olga , das hoheitsvolle , schwärmerische Auge war das Auge ihres Kindes , dessen Erblühen zur Selbständigkeit sie nicht hatte ertragen können . Gedemüthigt durch Siegbert , der seiner Empfindungen jetzt kein Hehl mehr machte , sich würdevoll sammelnd vor Anna ' s sittlicher Hoheit sprach sie zum Baron : Mon cher Baron , outre mes enfans il s ' en trouve ici d ' autres encore , parmi lesquels vous êtes le plus deraisonnable . Pour vous empêcher de vous ruiner par vos mille folies il vous faudrait une gouvernante , qui reglât un peu vos penchants dangereux . Und Dystra erwiderte : Madame , je suis ravi de vos bonnes intentions pour moi . Depuis bien longtemps il fallait un mariage de raison , comme celui que j ' aurai l ' honneur de contracter avec vous , pour en compléter ma collection de mille et une folies , les curiosités du siècle . Damit gab Dystra mit der ihm eignen Grazie den Arm der Fürstin , die sich von ihm zum Schlosse hinaufführen ließ , während die Andern frohbewegt folgten . Spartakus und Cicero schritten aus Rücksichten heute in Tscherkessentracht voran ... Das die Freude ! ... Und auch Louis Armand hatte Fränzchen liebevoll begrüßt . Auch er war erlöst von seinem früheren ohnmächtigen Träumen , auch er hatte durch den Umgang mit bedeutenden Männern , die ihn zu sich emporzogen und zu einem großen Wirken verwandten , das einseitig nagende Isolirungsgefühl des begabten höherberufenen Handwerkers verloren und an seinem Beispiele gezeigt , wie alle Gefahren des Kommunismus verschwinden würden , wenn der Staatsbau auch die regste Theilnahme des heraufdrängenden vierten Standes an ihm zuließe , ordnete und regelte ; auch er hätte froh sein dürfen . Aber ... die Männer kamen vom Herzensglück bald auf das Leid des Allgemeinen zurück , auf den Tod Hackert ' s , den Untergang des