. Die schmerzende Schulter hielt Peters erst nur für verrenkt . Er nahm Paul , hob , reckte ihn , wie Fuhrleute pflegen , wenn sie einen Fall erlebten . Paul schrie so laut , daß er in dem Stall , wo ihn Peters barg , kaum sicher war . Mitleidig , sagt ' er mir , schauten sich sogar die Pferde um . Im Fieber war ' s ihm , als wären sie alle todte Gerippe und sausten durch die Luft mit klappernden Gebeinen , bohrten die Köpfe an Eichenstämme und in die Erde und sprangen wieder empor , daß sie auf den Hinterfüßen überschlugen . Den Schrein kannte Peters wohl . Er hatte den wol hüten gelernt , er und sein Hündchen Bello , den vorbeisausend bei der Flucht am Pelikan ihnen die dort harrende Louise Eisold noch nachwarf . Er wäre vor vierzehn Tagen vom Profoßhaus lieber mit Dankmar und dem Schrein zugleich zurückgefahren . Paul galt nun bei ihm für einen verunglückten Pferdeknecht . Ärzte kamen , erkannten den Bruch , preßten die Knochen in Verbände und kühlten den Brand , den sie fürchteten . Paul lag bei den Pferden über der Futterkammer und ächzte . Vor dem Niederlegen im Verband raffte er die letzte Kraft zusammen und schrieb mit der linken Hand an Louise Eisold . Peters konnte nicht schreiben , nur ein Packet Geld legte er aus dem jetzt von dem treuen Fuhrmanne fester verschlossenen Schrein für Dankmar Wildungen bei . Peters blieb noch in Angerode . Es war sein altes Häuschen , sein alter Stall , den er verkaufen wollte . Der Brief wurde irgendwo auf dem Lande zur Post gegeben . Peters hütete den langsam Genesenden , der nie würde haben ruhen können , wenn seine ausgestreckte Hand neben sich unterm Stroh nicht das Holz , das Kreuz , das Kleeblatt des Deckels gefühlt hätte . So bekam ich endlich Nachricht von meinem Sohn durch dritte , vierte Hand . Es war die höchste Zeit , daß ich mich entfernte . Rodewald , mein alter Freund , kam eines Tages voll Erregung und gestand mir , daß er nicht anders gekonnt hätte , als der Mutter meines Sohnes das Leben wenn nicht des Vaters , doch ihres Kindes wie eine Drohung von jenseits des Grabes zuzurufen . Seine Gründe waren gerecht . Mein Entschluß mußte aber gefaßt sein . Schon lange hatte die Untersuchung der Flucht auch meine Person gefährdet ; nun konnt ' ich neue Schrecken ahnen . Ich wußte , wo Hülfe nöthig war . So ging ich heimlich nach Angerode , lebte dort verborgen , bis Paul zur Reise nach dem Tempelstein sich stark fühlte . Dorthin rief ja die Loosung . Louise Eisold soll den Schrein von ihm selbst empfangen , den unversehrten und nur in Dem , was ihm an jenen Mann , der sich das Leben nehmen wollte , verloren ging , an Werth verringerten . In drei Tagen , Freund , sind wir am Tempelstein . Ich hüte den Schrein am Tage , Paul des Nachts . Sein Übel ist in alter Gewalt entstanden , aber des Vaters Auge wird ihn schützen . Diese Hingebung jetzt an ein Einziges , diese Mühe und Sorge um ein verpfändetes Wort wird seine Gedanken reinigen . Ich werde nicht erröthen , Ihnen den Sohn zu zeigen , den ich Ihnen verdanke , Ihrer treuen Aufopferung , Ihrer Liebe . Empfangen Sie uns mit dem alten Herzen - darum brauch ' ich kaum zu bitten - aber empfangen Sie uns auch mit Freude - das muß vom Himmel kommen . « Sorglos , überglücklich , sahen nun die Freunde dem Tage der Entscheidung entgegen , der endlich bedeutungsvoll genug herankam . Feuerraketen stiegen von den Bergen auf , um den Einzug der Mächtigen auf das Schloß von Buchau zu verkündigen . Die Umwohner des Tempelsteins hörten die Böller lösen , hörten das Rollen der vielen langspännigen Staatswägen , hörten die Ruderschläge auf goldgeschmückten Festesgondeln von den blauen Wogen her . Es war die alte Welt , die sieggebläht zur Herbstesfreude vom Osten einzog . Es kam der Abend des fünfzehnten Septembers , der Tag des Nikodemus ... Schon um sieben Uhr Abends vergoldete des Mondes Licht den Wald , die Flur , den Strom , Berg , Schloß , die Ruine ... das Vergangene , das Bestehende und das Werdende ... Ich will ein Kind sein , sagte sich Dystra , ich will diese Nacht für ein Märchen nehmen . Ich weiß , daß dort drüben heut in Buchau Leuchtkugeln steigen . Die Raketen und die Schwärmer werden prasseln . Aber ich will das Zaubervolle näher suchen . Die Fäden , die das Wunder am Drahte natürlich lenken , kenn ' ich wohl , weiß auch , daß unter dem Menschenstrom , der heut nach Buchau zum Feuerwerk der Könige wallt , die Maurer und Zimmerleute nicht auffallen werden , die sich zum Schlosse Tempelstein wenden , an der Brücke vor dem Meister Leidenfrost die Kundschaft sagen , emporsteigen und hinten in die Ruinen treten , wo Dankmar Wildungen sehen will , wer sich nun meldet , wer sich enthüllt , wer zu seinem Bund gehört , den ich selber nur belausche . Ich nehme das Seltsame , wie es ist . Ich nehm ' es als eine Phantasie dieser wunderlichen deutschen Nation und will von einem alten Leichenstein des Kreuzganges aus dem Herbstnachtstraume zusehen , wie ich in den Sagen lese , daß einst Hirtenknaben sich verirrten in den Untersberg oder den Hörselberg oder den Kyffhäuser und die Felsen geöffnet sahen und das Treiben der Zwerge und Kobolde belauschten . Ich will für Märchen nehmen , was ich sehe und froh sein , daß ich nicht mehr nöthig habe , mir über die Feuerwerke der Höfe den Hals auszurecken , was freilich für meinen Wuchs nützlicher wäre , wär ' es nicht zu spät . Dieser Nacken bleibt leider in den Schultern sitzen und gehört zu meinem Bild : Der Narr des neunzehnten Jahrhunderts . Das Märchen wurde in der Nacht geträumt , vielleicht erlebt ... Es war wie die Sage erzählt ... Ein Knabe verirrt sich in die Berge , die Nacht beschleicht ihn , sein Auge späht durch eine Felsenritze , er sieht , was sich begibt ... Und was begab sich ? ... Hoch ragt das gewölbte Rund der alten Tempelkirche , malerisch vom Mondlicht umwoben . Zitternd blitzen die Sterne hernieder . Die Tannenwipfel rauschen , leise vom Winde bewegt . Jeder Stein , den uraltes Moos wie eine Inschrift überzieht , spricht von vergangenen Jahrhunderten und singt in sich erklingend noch das Sanctus nach , das einst in diesen Hallen tönte . Wer pflanzte den Hollunderstrauch in jene Nische , wo einst die Heiligen aus bunten Farben in den Fenstern prangten ? Wer säete Heidekraut auf diese Stufen , wo einst der aus Felsen gehauene Altar stand ? Noch ist die Schaale da , in der geweihtes Wasser floß ; sie und der Taufstein sind gefüllt vom letzten Regen , der an der Luft verdünstete . Sichtbare Höhlungen noch auf den Schwellen , wo einst der Priester die Messe las . Die Vögel nisten in den Blättern von Stein , die die obern Fensterrundungen schmücken , in den Rosen von Granit , die an den Pforten noch in einigen Resten erkennbar sind . Es ist als blühten sie neu wieder auf . Es rauscht von den Wänden , als spränge aus den Steinen die Orgel hervor , es lebt und ruft den frommen Wallern ... Sie kommen ! Nicht um zu beten nur ! Sie sind in Werkeltagstracht , Arbeiter im Schurzfell , gedungen der Kelle , angestellt bei dem Richtmaaß und dem Cirkel , sie sind Architekten , Steinmetzen , Maurer ... wie klatschen die ledernen Schurzfelle an den Füßen , wie trägt das Antlitz Spuren des Fleißes von Kalk und Mörtel und groß muß ihr Ziel sein , denn ihrer wol an Hundert sind es , die sich durch den Kreuzgang der Kirche zudrängen ! Hier werden Loosungen zugerufen ; man versteht , man erkennt sich . Wer die Männer ? und Von wo des Landes ? Namen , gefeierte und dunkle ; Mienen , freudige und hoffnungsvolle . Um die Stelle , wo einst der Priester Messe las , schaaren sich die Männer des geistigen Rütli . Etliche besteigen die Stufen . Wovon reden sie ? Sie enthüllen Pläne , Zeichnungen , Pergamente mit Siegeln . Sie zeigen sich unter einander die Rollen , die im Kreise wandern und Einer ergreift das Wort und ihm antwortet der Nachbar und Alle hören und Jeder spricht und räth und Allen gefällt , was auch nicht Jeder selbst ersann und zuerst gerathen . Einige Blätter sind in Jedes Hand . Sie enthalten des Bundes geheime Symbolik . Hundert Zeugen ! Die Kubikwurzel einer Million ! Wir sind Boten vom vierblättrigen Kleeblatt , dem Symbol des seltenen Fundes ! Vier zu vier gesellt und viermal vier zu viermal vier und so hinauf in Gruppen , Sippen , Abstufungen , wo das Band des äußeren Zusammenhanges aufhört und die Ordnung der Natur anfängt , die dem Krystall überall sein eignes Achteck lehrte . Hat sich das so fortgesponnen ? Von selbst ? Wodurch ? Wer bist du ? Und du ? Wer sandte dich ? Dort kennt man uns ? Auch uns ? Dich gewiß ! An der Donau ? An der Oder ? Am Neckar ? Hinaus in die Alpenwelt und schon auf fremdem Boden an der Rhone und an dem Themsestrand ? Willkommen , willkommen , Streiter für ein unsichtbares Palladium , das über unsern Häuptern schwebt ! Willkommen Ihr Ritter und Reisige vom Geist ! Hört Ihr die Feste der Großen , hört Ihr von untenher den Donner der Geschütze , seht ihr die leuchtenden Funken , die da unten von Buchau aus den Mond erreichen wollen ? Ihr habt Eure Wehr und Waffen in der Brust , die da fühlt , im Haupt , das denkt ! Es ist die Ordnung dieser Welt zur Ernte reif ! Nicht stürze sie die schwache Menschenhand ! Gestorben ist die Ähre längst , wenn sie der Schnitter mäht ! Seht Ihr die gelben Felder ? Seht bald die Stoppeln ! Dem festverschlungnen Bund der neuen Templer gehört die Wiege und das Grab der Menschheit ! Und einer der Maurer , von den Jüngsten Einer , trat auf und entrollte die Schrift , die er das Buch des Geistes nannte ... Es war die Symbolik des Bundes ... Man hörte sie , beschwor sie mit gehobenen Händen ... dann trat derselbe Sprecher zum zweiten Mal auf die Stufe und sprach von einem Hort , den er das Gold Fafner ' s nannte . Elfen hätten ihn gewoben in den tiefsten Schachten der Zeiten . Er sollte ihnen dienen als Schild im Kampfe , als Lanze zum Angriff , als Schwert des Wettkampfes . Es traten Sprecher auf , die gegen diesen Hort redeten , Andere für ihn , Alle bewunderten die Eigner und eine Selbstlosigkeit , die aber zuletzt nicht mehr allein stand , denn an Opferspenden wurde Großes versprochen nach solchem Beispiel , noch Größeres schon von Einigen geleistet . So scholl es fort in dem todten Schiff der Kirche , lebendig wieder , lebenweckend . Es schienen nur einfache Maurer und Steinmetzen , die da sprachen , aber ihre Münster , die sie zu vollenden gedachten , ragten über die Ruine hinaus und von ihrem Wirken in Nord , Süd , Ost , West blitzte es jetzt schon hin- und herüber , als sähe man plötzlich eine Hülle von der ganzen Welt genommen und erblickte Säulen eines Zaubertempels , der dem Lauscher die Augen blendete ... War es ein frommer Hirtenknabe , war es der Schalk Dystra , der lauschte , war es ein Engel des Glaubens oder der ewige Dämon der Ironie und Verneinung ... um zehn war es auch ihm todtenstill unter den moosbewachsenen Steinen ... wo waren sie hin , die gekommen und mit dem Rufe : Morgen ! Morgen ! gingen ? Sie waren verweht wie die Schwärmer und Raketen , die inzwischen in dem Schlosse von Buchau platzend und schnurrend sich abgemüht , viel tausend Gaffer , viel tausend Staunende gefunden hatten , aber nicht ein Auge von Denen , die durch den Kreuzgang in die Tempelkirche schritten , nicht ein Auge , das sich auch nur nach ihrem ohnmächtigen Freudenfeuerwerk zurückgewandt hätte ... Morgen ! Morgen ! Aber ach ! Ein einziger Funke ! Ein einziger Funke vielleicht war von dem Feuerwerk doch ein Thatenkeim gewesen , ein einziger Funke , der in das Dorf , das menschenleere , in den kleinen Zwischenort Buchau , von dem Feuerwerk der Großen und Mächtigen niedergefallen war und still sich vielleicht in dem Schindeldach einer armen Herberge verlor . Alles war zur Ruhe , Alles träumte oder schlief mit ermüdeten Thieren um die Wette . Da lebte der versprengte Funke vielleicht in dem Schindeldache auf , verbreitete sich . Um eilf Uhr sank vielleicht ein glimmender Spahn vom Dache in den Boden . Um zwölf Uhr rauchte es vom wenigen Heu , dessen Flamme einen Ausweg suchte . Um eins wenigstens rief man auf eine halbe Stunde vom Dorfe entfernt Feuer ! ... Feuer ! Schrecklich pflanzte sich der Ruf von Hütte zu Hütte fort . Um zwei Uhr stand das Wirthshaus zum St.-Georg im Dorfe Buchau in lichten Flammen ... Von dem Funken aus dem Feuerwerk der Könige ? Wer weiß es ! Wer kennt die Macht eines einzigen Funken ! Menschen riefen , die Glocken heulten , Pferde sprengten ... hinaus , heran , ... Feuer ! hallte es zum Ufer hinüber , vom Ufer herüber . Fürst , Bauer , Pächter , Soldat , Jäger , Weiber , Kinder , Greise durcheinander ... Feuer ! Feuer ! ... Rettet ! Es brennt ! In Buchau ! Die Herberge zum St.-Georg ! Die Hütten nebenan sind von Stroh , von Lehm , sie brennen ... von dem kleinen Funken ? - Die Flammen züngeln zum Kirchthurm - von dem kleinen Funken ? Wild rennt das Vieh aus den Ställen , stürzt sich zum Feuer , die Vögel umkreisen die Flammen ... Nur der Ruf : Niederreißen ! Nicht löschen ! Nur retten , retten , was sich erhalten läßt ... und von dem kleinen Funken ? Ha ! Zünden so vielleicht auch eure Funken , ihr nächtlich Tagenden in der Tempelabtei ? Schwarze Wolken wallen wie Helmbüsche der Reiter im Sturm , die Flammen züngeln wie zur Umarmung sich entgegen ... sie suchen sich , gierig , zuckend , liebe- oder hassesvoll ... es gelingt ... eine einzige Riesensäule hat sich gebildet , heiß jubelnd springt sie hoch empor , umschlungen in sich selbst wirft sie sich wie gepeitscht von ihrer eigenen Leichtigkeit , wie tanzend , wie im Kreisel hin und her und küßt dieses Dach , berührt jenes und aus jeder Berührung , aus jedem Kusse wächst eine neue Flammengeburt und die Saatkörner auf den Scheunen fangen neue Funken auf und knistern schon selbst und umhüpfen die große Flamme wie ein niederperlender Feuerthau , wie ein Lichtregen , viel schöner , als vor drei Stunden im Schlosse der künstliche ... und Alles von dem kleinen Funken ? Wir wissen es nicht , ob von ihm ... Aber es fehlen schon Menschen ... Man sucht sie ... man hört Stimmen ... der Frauen , der jammernden Kinder ... Vater ! Mutter ! Um Gott ! Es fehlen schon Menschen ... Rettet ! Rettet ! ruft eine verzweifelnde Stimme ... Man blickt empor zu den brennenden Hintergebäuden des Gasthofs zum St.-Georg ... Da ! Durch die flatternden im Rauch sich geisterhaft abschneidenden weißen Tauben , durch die schwarzen strömend hinwallenden Wolken hindurch sieht man , zwischen zwei brennenden Scheunenfenstern auf einem noch nicht vom Feuer ergriffenen , aber schon rußgeschwärzten Verbindungsstege , der aus jenen Fenstern Thüren macht , die sich auf diesem Stege erreichen lassen , einen jungen Mann halb nackt , im Hemde , niedergekauert an der einen Thür , einen großen alterthümlichen Schrein neben sich auf dem Stege und eingeschlafen ... oder wacht er ? Oder träumt er , daß er , des Gewühles nicht achtend , der Flammen und des Rauches nicht gewahrend , auf jenem Balken da kauert , der ihm nur den Ausweg zu verkürzen schien und ihn zu einer geschlossenen Thüre führte ? Man drängt sich ihm zu helfen , aber so sicher ruht er auf dem Schrein und hält ein Licht in der Hand . Ein Licht in diesem Flammenmeer ? Ein Licht , ein Gluttropfe in solchen Glutströmen ? Von diesem Lichte - wenn von ihm die Glutströme gekommen wären ? Nicht von der Freude der Könige ? Wenn ein Frevler - nein , nein , das ist die Haltung eines Frevlers nicht ! Er sitzt ja mit dem Licht in der Hand auf dem Schrein , den Rücken an die Thür gelehnt , die er offen erwartete , geschlossen fand , er ist erstickt , er suchte Rettung oder ... gräßliche Ahnung , die schon einige Menschen durchzuckt , wenn er lebte , von allen diesen Schrecken schlummernd nichts ahnte , diesen schwindelnden Steg schon vor dem Brande gesucht , den Brand veranlaßt hätte - wenn er ein Nachtwandler wäre - ! Das war ein Wort , das Alle auf einmal ergriff ... Ein Mann in schon zerrissener Tracht ruft durch den schwärzenden Qualm - Er bricht sich durch die Flammen Bahn , er erklimmt die innern Stiegen des verschlossenen Hauses , reißt die Fenster auf , langt mit der Hand fast hinüber zu dem Steg , auf dem der junge halb Geopferte , auf seiner Bürde schlafend , noch nicht erstickt ruht , den Rücken gelehnt an die geschlossene Thür . Er ruft : Paul ! Paul ! Die Flammen schlagen von unten heran auch ihm in ' s Antlitz . Noch einmal blickt er empor . Paul ! Paul ! Er sieht nichts mehr . Nur Rauch , Asche , Staub , Flamme ... Ein Schrei der hülflos Zusehenden weckt ihm die schaudervollste Ahnung ... er schwankt zurück , kräftige Hände tragen ihn , retten den Rettenwollenden vor dem sichern Tode . Ein Mädchen frägt er ächzend , das ihm nachgeflogen war , ihn mit Amazonenkraft getragen hatte , er frägt Burschen , die sie an Muth heldisch überflügelte , nach dem Schlummernden , nach dem Schrein - in diesem Schrecken ist keine Besinnung möglich , keine Auskunft , es ist wie eine große entsetzengepeitschte Flucht , wo Jeder sein Heil für sich selber sucht , betet , daß Gott den Andern wahren möge , für sich aber nur nach Fassung ringt für Das , was Ruhe , Sicherheit und ist es Nacht , der hereinbrechende Morgen dem Auge Grauenvolles wird enthüllen . Vierzehntes Capitel Die Elemente Unabsehbar war in der Residenz das Trauergefolge gewesen , das die sterblichen Reste des greisen Obertribunalspräsidenten zur Ruhe bestattet hatte . Kein Stand , kein Alter hatte sich ausgeschlossen , die letzte Huldigung einem Manne zu bringen , der durch fast zwei Menschenalter die Waage der Gerechtigkeit nach seinem menschlichen Ermessen gerecht und weise gehalten und noch in seinem letzten Lebensjahre durch unpartheiische und scharfsinnige Entscheidung eines großen Rechtsfalles die Abendschimmer einer fast schon irdischen Verklärung um sich verbreitet hatte . Tausende von Fußgängern , fast hundert Wägen , voran das Sechsgespann des nicht grade anwesenden Königs , folgten von Tempelheide dem an dem nächsten Stadtthor gelegenen Friedhof , wo glücklicherweise , wenn auch zum Schmerze Anna ' s , vermieden war , den Zelotismus der Geistlichkeit wachzurufen , die ohne Zweifel an den von dem Verstorbenen ausdrücklich bedungenen Freimaureremblemen auf dem Sarge Anstoß genommen und , wie anderswo schon geschehen ist , den unchristlichen Sinn des Hingeschiedenen gerügt hätte . Gelbsattel trat vor und sprach als Maurer , nicht als Geistlicher . Er konnte nicht umhin , dem Gefühl der Ehrfurcht , das Alle empfanden , den Ausdruck der Weihe zu geben . Der Moment riß ihn fort , er trat aus dem künstlich gegrabenen Bett seiner Rhetorik diesmal heraus . Er sprach nicht so gut , als er wollte und darum eben diesmal besser . Er schien zu fühlen , daß dieser Hingegangene Das sicher besaß , was tastend er selber suchte . Rührung , die ihm nur in jungen Jahren über seine eignen Worte gekommen war , befiel den Redner mit einer Wahrheit , die den anwesenden Gegnern seines schwankenden und ehrgeizigen Sinnes schonende Achtung abgewann . Man sang am Grabe . Die ersten Künstler der Bühne hatte ein Wort der » jungen « Exzellenz vermocht , dem Vater diese Huldigung zu bringen . Der Intendant war selbst zugegen , war selbst bewegt , daß es fast schien , als wenn er die vielen Gelegenheiten , wo er dem Grab , dem Sterben , ja selbst dem Kranksein der Menschen aus dem Wege ging , in diesem einen Male nun nachholen mußte ... Der Präsident war in seinem Jahrhundert-Glauben , dem der Duldung und der einfach ergebenen Ehrfurcht vor dem großen Baumeister der Welten gestorben . Die Priesterrede hatte er ausdrücklich verbeten . Kein Kreuz sollte sein Grab kenntlich machen , nur ein einfacher Obelisk von Granit , dessen Inschriftseite nach Osten lag , um immer von der Morgensonne begrüßt zu werden . Anna , Selma , Olga standen am Grabe . Rodewald bot seiner Schwiegermutter den Arm . Den jungen Mädchen standen die alten Diener von Tempelheide zur Seite . Die junge Exzellenz dankte bewegt den ihm verwandten Leidtragenden . Der Name Rodewald war ihm wie eine wildentlegene Gegend , er orientirte sich mit Mühe in dieser ohnehin nicht adeligen Beziehung . Für die viele Liebe , die seine Schwägerin dem hingeschiedenen Vater gewidmet , hatte er leicht danken . Den Zoll der Ehrfurcht hatte Anna aus eignem Trieb für Alle entrichtet , die ihn dem Greise schuldeten . Herr von Harder sprach von seiner Gemahlin , Anna ' s Schwester . Es war in der That keine Phrase , daß er ihren Antheil rühmte . Seit der beschlossenen Abdankung Egon ' s von Hohenberg war die Geheimräthin wie ein irres Insekt , das auf einer Fläche hin- und herrennt und nicht weiß , wo aus , wo ein . Sie hatte zuletzt von Reisen gesprochen und vom ewigen Begrabensein in irgend einem Winkel , natürlich einem schönen Winkel der Erde . Manche Frauen schon hatten von dem Beispiele Helenen ' s in Paris gesprochen und von Paulinen gesagt : Auch ihr kommt nun die letzte Läuterung ; sie wird katholisch . Rodewald stand in der Nähe , als Herr von Harder , rückkehrend vom Grabe an die Wägen , vor ' m Kirchhofe nicht diese , aber ähnliche Winke über das Befinden seiner Gemahlin gab , über Zustände , die er » körperlich « nannte . Se . Exzellenz bedauerten noch , daß Anna nun von den Weitläufigkeiten der Erbschaftsprozeduren sehr würde belästigt werden , bat sie , Tempelheide ganz als ihr Eigenthum zu betrachten , lobte die Sänger , die sich in ihrem De profundis und : » Wie sie so sanft ruhen ! « höchst wacker gehalten , flüsterte einem nun wirklich neu angestellten Regisseur noch zu , ob auch für heute Abend im Ballet keine Störung stattfinden würde - er selbst dürfte doch wol nicht kommen und müßte sich ohnehin rüsten , dem Hofe , der noch auf Reisen war , in Buchau die Aufwartung zu machen - und gab dann , als der Wichtigste und Erste aller Leidtragenden sich sammelnd , das Zeichen einer Auflösung des Zuges , die rascher erfolgte , als er sich in Tempelheide gebildet hatte . Die Frauen mit Rodewald kehrten dorthin zurück . Die Thiere des Verstorbenen begrüßten sie mit fast betrübteren Mienen , als sie zuletzt am Ausgang des Kirchhofes sein Sohn gezeigt hatte . Wie ließen die Vögel ihre Fittiche , die Vierfüßler ihre Ohren und Schweife hängen ! Ein Glück , daß die alten Diener sich an die Liebhaberei des Herrn gewöhnt hatten und in Tempelheide das Gnadenbrot behielten . So war für diese große Familie auch aus dem Thierreich gesorgt , bis sie Alle zusammen , Thiere und Menschen , ausstarben ... Für Anna von Harder war mit Rodewald ' s Rückkehr , mit der Erziehung Selma ' s , der Freundschaft Olga ' s für ihre holde Enkelin , mit den Sorgen um die Gebrüder Wildungen und ihre vielbewegten Schicksale noch einmal ein neues Leben aufgegangen . Sie hätte nie geglaubt , daß ihr so die Bande , die an dies Dasein fesseln , noch einmal angezogen werden , so noch das Gefühl einer letzten Kraft in ihr wecken konnten . Nun erschrak sie wohl über die kurze Spanne , die ihr noch zu durchwandern übrig blieb , aber sie beschloß sie zu nutzen , sich aus dämmernden , unklaren Stimmungen aufzureißen , selbst die Musik fing sie an , in froheren Rhythmen und bewegterem Takte zu begehren . Das politische Misgeschick ihres künftigen Schwiegerenkels Dankmar , der drohende Verlust seines wunderbar gewonnenen Vermögens bekümmerte sie wie eine jugendlich Fühlende . Sie hatte mehr Sorge und Eifer für die Wiederherstellung seiner Existenz und der unerwartet gekommenen seltenen Mittel , als selbst die Mädchen um sie her , von denen Olga vollends immer nur wie ein Wesen sich gab , das auch vom Thau des Himmels , vom Staube der Blumen leben konnte . Ihr grade hätte die Armuth gefallen . Ihr schienen die Briefe , die vom Tempelstein über die Pracht der dortigen Einrichtung kamen , nur geeignet , die Phantasie ihrer Mutter anzuregen . Sie selbst bedurfte nur des Mannes ihrer Liebe , eine Hütte und ein Herz ; aber Siegbert blieb stumm , schrieb nicht , gab kein Zeichen , daß er wagte , in ihre Lebenskreise zu treten ! Oleander , der Olga ' s Stolz und Schwermuth erkannte und sich nach ihrer Indiskretion mit dem Schmerzensruf Egon ' s an Helenen erst allmälig mit ihr wieder ausgesöhnt hatte , Oleander schrieb Siegberten über diese Stimmungen wohl : Ich trug ihn allen Lüften auf , Den Gruß des treusten Lieben , Ich hab ' ihn in der Sterne Lauf , In Wolken und Wellen geschrieben . Ich habe den Blumen den Blüthentraum Des Herzens zugeflüstert , Am Meer dem einsamen Palmenbaum Und seinem Leid mich verschwistert . Nichts brauste so wild , nichts hauchte so mild , Ich nannt ' ihm die theuersten Namen , Ich schloß um das geliebteste Bild Die Welt als goldenen Rahmen . Und wen ich unter den Weiden einst fand , Sie lauschten und hörten es Alle ! Nur Einem , Einem zog ' s unbekannt Vorüber mit leerem Schalle ! Ihn jagt des Windes Melodie , Kein Traum von der Schlummerstätte , Ihm ist , als wenn der Frühling nie Die Erde umfangen hätte ! Als wenn der Seele ihr Gedicht Die Wahrheit des Lebens nicht wäre ! Als krönte die Liebe allein uns nicht Mit allerhöchster Ehre ! Aber Siegbert erwiderte mit Schmerz , daß er Rudhard versprochen hätte , den Schatz dieser Poesie nur für ein Allgemeines zu halten , nicht für ein dem eignen Bedarf des Herzens Dargebotenes . Die Lösung dieser Verwickelungen war Anna ' s nächste Sorge . Ein ernster Briefwechsel zwischen ihr , Adele Wäsämskoi , Rudhard und Dystra hatte sich entsponnen . Von einer Beziehung Siegbert ' s zur Fürstin war schon lange keine Rede mehr , wenn auch die Verbindung zwischen Mutter und Tochter sich nicht hatte wiederherstellen lassen . Dennoch mußte endlich eine Aussöhnung stattfinden , mindestens eine Annäherung . Sie sollte auf dem Tempelstein stattfinden . Dystra lud die Frauen von der Residenz und von Brüssel bei sich mit Förmlichkeit ein und Rodewald begleitete die von Osten Kommenden mit noch einem Ankömmling , Franziska Heunisch , die nach dem im Gram um den Sohn erfolgten Tode des alten Sandrart seine Erbin geworden war und einstweilen den guten überglücklichen Onkel Heunisch im Ullagrunde zurückließ . Für Rodewald ' s großes Landwesen mußten inzwischen , wo der Besitz des Pachtes ihm gesichert blieb , neugewonnene rüstige Hände sorgen . Als Anna mit Olga und Selma , mit Rodewald und Fränzchen Heunisch dem Westen zureisten in zwei großen , reichbepackten Wägen , ließen sie Tempelheide in der Obhut der Gerichte und der Diener zurück . Sie ließen die Stadt wie den Staat gleichsam als Schlummernde hinter sich , die man mit dem Abschied in der Frühe nicht gerne stört und , während man schon im lustigen Zuge dahin sprengt auf der Landstraße , noch in den Federn fortträumen läßt ... Es sah still und traurig aus im öffentlichen Leben . Der Fürst Egon , der zwei Jahre hindurch das Ruder mit Entschlossenheit geführt , den Geist des Widerspruchs gebändigt , eine warme , glühende Begeisterung für seine Aufgabe mit Hintansetzung seines eignen Lebensglückes wie Kohlen noch zum Feuer getragen hatte , schien von diesem Feuer wie selbst verzehrt . Er schien zu verschwinden , wie er gekommen . Er hatte dem Staate nach seiner Auffassung die letzten Reste seiner Jugend gewidmet . Die gewaltige Sphinx hatte ihn verschlungen , wie Alle , die ihr Räthsel mit der wahren Lösung : der Mensch ! nicht begreifen . Dem historischen Staate , dem Gemeinwesen alter Stände , den militärischen Erinnerungen , dem Junkerthum und seinem Dünkel und Egoismus , der Beamtenmacht war er zum Opfer gefallen , wenigstens erwartete man von seiner Reise nach Buchau die noch immer verzögerte Übergabe seines Portefeuilles . Nur seine Gattin begleitete ihn . Diese hinterließ das Andenken einer der seltsamsten Metamorphosen , die ein weibliches Herz je durchmachen kann . Aus der tändelnden , leichtbeschwingten Sylphide war sie eine ernste pflichterfüllte Frau geworden , die ihr Loos , einen hinfälligen , siechen , lebensmüden , zergrämelten Mann zu pflegen ,