zu werden ... Neugierige sammelten sich , blickten nach oben und disputirten ... Noch einmal suchte man auf den Dächern die Spur des Diebes und fand noch manchen Ziegelstein losgerissen und manchen alten leeren Blumentopf zertrümmert ... Aber die Oeffnung , wo der Dieb niedergestiegen und entkommen sein mußte , konnte in einer Häuserreihe , welche sich bis an Piazza Navona zog , nicht entdeckt werden ... Um sechs Uhr kam eine Botschaft , welche die Theilnahme Lucindens für jede andere Angelegenheit , selbst für den Besuch des Polizeimeisters ( natürlich eines Prälaten ) und die Untersuchung des von ihm als corpus delicti entgegengenommenen und vielleicht auf Entdeckungen führenden Stricks zurückdrängte ... Ihr Kundschafter zeigte ihr an , daß Graf Hugo nach fünf Uhr in einem leichten Reisewagen , welchen drei Pferde zogen und dem sich ein hochbepackter vierspänniger , Gepäck und Dienerschaft führend , anschloß , abgereist war ... Paula war nicht zurückgeblieben ... Sie folgte ihrem Gatten nach Wien ... So war denn die Entscheidung erfolgt - das jahrelang Keimende endlich zur Reise gediehen - ... Neue Sterne - neue Bahnen ... Paula folgte den Mahnungen ihres einst gegebenen Jaworts und zahlte die lang gestundete Schuld der Ehe ... Lucinde erkannte die ganze Tragweite dieser Veränderungen ; ihre Phantasie ging über sie noch hinaus ... Nun galt es in Bonaventura ' s Leben die freigewordene Stelle einnehmen ... Und wie ergriff sie die Aufgabe , die ihr ein neues Hoffen stellte - ! ... Entschieden und offen wollte sie den Geliebten vor den geheimen Conspirationen der Herzogin und der Fürstin warnen , die schon seine Heimat , Castellungo , Neapel und die Verließe der Inquisition in den Kreis ihrer Forschungen gezogen zu haben schienen ... Sie wollte ihm den nächtlichen Ueberfall anzeigen , den sie heute erlebt hatte und Veranlassung daraus nehmen , zunächst die Urkunde einzusiegeln und einen Augenblick zu erspähen , wo sie Bonaventura bei seinem Freunde sicher zu Hause fand ... Auch sie hielt sich in seiner Nähe einen Spion , einen Priester , welchen dem fremden Kirchenfürsten seit einem halben Jahr die Congregation der Bischöfe zur Verfügung gestellt hatte ... Ihre tägliche Messe hörte sie - » um es mit keinem zu verderben « - bald hier , bald dort ... Sie kleidete sich an und fuhr zunächst an einen Ort in der Nähe des Ambrosi ' schen Palastes , wo ihrer an jedem Morgen jener Priester harren und ihr sagen mußte , wo sie den Freund den Tag über sehen könnte , was er beginnen , wo celebriren , wo in Gesellschaft sein würde ... Der junge Abbate sprang dann an den Wagenschlag ; sie lehnte ihm ihr Ohr hin und erfuhr , wo sie hoffen konnte Bonaventura zu begegnen ... Heute hörte sie zwei Nachrichten ... Eine erfreuliche , die , daß beide Cardinäle dem großen Sprachenfest der Propaganda beiwohnen würden , sie also Bonaventura sehen könnte - ... Dann eine erschreckende - beide Cardinäle würden einen Ausflug nach Neapel machen ... Es war Winterszeit und letztres schon glaublich ... Konnte sie aber nicht folgen ? ... Konnte sie nicht den neuesten Ausbruch des Vesuv sehen wollen oder vom römischen Winter , der diesmal sogar Eis gebracht hatte , gleichfalls vertrieben werden ? ... Andrerseits sah sie mit zunehmendem Befremden die wichtige Rolle , die im Leben Bonaventura ' s Neapel zu spielen anfing - ... Mit diesen wichtigen Kunden fuhr sie in die nächste Kirche - die des Al-Gesú , in der eigentlich Jeder die Messe hören mußte , wenn er zum guten Ton , namentlich zum triumphirenden der Reaction gehören wollte - ... Während sie dort , über ihre nächsten Entschlüsse brütend kniete , saß Bonaventura in den düsteren Zimmern des Katakombenpalastes in der That voll tiefster Trauer ... Die Unfähigkeit des Grafen , länger seine Liebe zu beherrschen , hatte im Wettkampf dreier Herzen den Sieg davongetragen ... Noch vor einigen Tagen hatte Paula vom Eintritt in ein Kloster gesprochen - ... Der Tod der Präsidentin von Wittekind war unmittelbar und in der ganzen Herbigkeit eines sich nur ungern dem Gesetz der Natur bequemenden Scheidens von den Freunden miterlebt worden - ... Nun erfuhr Bonaventura , daß das stille Gute Nacht ! des gestrigen Abends der Höhe seines Lebens gegolten hatte ... Nun konnte es nur noch abwärts gehen ... Es war zwischen den Freunden so verabredet worden , daß sie sich ganz ohne Abschied trennten ... Die nächste Zerstreuung , die nächste Füllung der Lücke seines Innern bot die Reise nach Neapel ... Ambrosi kannte jede Beziehung im Leben seines Freundes ... Als Bonaventura ' s Mutter gestorben war , ging eine Anzeige dieser Entscheidung in den Silaswald ... ... Bonaventura würde die Botschaft selbst überbracht haben , hätte ihn nicht noch des Präsidenten Gegenwart und tiefste Betrübniß zurückgehalten - dann , als der Präsident abreiste und nun der Vater , wenigstens für ihn , auferstehen , der Sohn ihm an die Brust sinken konnte , seine Ernennung zum Cardinal ... Federigo ' s Absicht , selbst nach Rom pilgern zu wollen , hatten die Freunde nicht erfahren können ... Denn die jesuitische Reaction , die mit dem Jahre 1849 über Europa hereinbrach , drang selbst bis in jenen dunkeln Winkel eines calabrischen Waldes und machte den Einsiedler zum Gefangenen ... Monsignore Cocle , Bevollmächtigter Fefelotti ' s , hatte jene Versammlung des 20. August gesprengt und sämmtliche Ketzer des Silaswaldes festnehmen lassen ... Ambrosi mußte das Aeußerste aufbieten , Bonaventura von unüberlegten Schritten zurückzuhalten ... Sofort nach Neapel zu reisen , dort an die Pforte der Inquisition zu klopfen , wie Bonaventura wollte - es war für einen Cardinal und Erzbischof unmöglich , falls nicht davon zu gleicher Zeit Vater und Sohn die größten Nachtheile haben sollten ... Ambrosi kannte aber den Haß der Dominicaner gegen die Jesuiten , die Inquisition gehörte jenen ; er zog den General-Inquisitor ins Vertrauen ... Pater Lanfranco wirkte in der That im günstigsten Sinne nach Neapel ... Bald wurde , zur Wuth der Jesuiten , der alte Negrino freigegeben , selbst Paolo Vigo sollte unter gewissen Bedingungen zu Ostern das Sacro Offizio verlassen ... Von Frâ Federigo sowol wie von dem , auf Betrieb der Jesuiten , aufs heftigste von den Franciscanern reclamirten Hubertus hieß es , beide würden nach Rom geschickt werden , sobald die Acten spruchreif wären und den letzten Spruch sollte dann das heilige Officium von Rom fällen ... Alles das wurde allerdings in einem Stil verhandelt , wie er den in solchen Fällen ehemals üblichen Scheiterhaufen entsprach ... Im geheimen gab aber Pater Lanfranco die Versicherung , daß schon bis zur Weihnachtszeit beide Gefangene in Rom sein würden ; schon jetzt würden sie besser gehalten , als jemals andere in ähnlicher Lage ... Alles das geschah aus Achtung vor den Empfehlungen zweier Cardinäle und vorzugsweise den Jesuiten zum Trotz - ... Eine sofortige Unterbrechung der üblichen Proceduren war nicht möglich ... Federigo galt für einen Waldenser , war beschuldigt , Proselyten gemacht zu haben , Bonaventura mußte sich ergeben in Das , was zunächst nicht zu ändern war ... Ambrosi bat den Freund in Rom auszuharren ... Er beschwor ihn , sein Interesse für den unglücklichen Vater nicht zu sehr zu verrathen - unfehlbar würde er ihn damit nur verderben - ... Die beiden Frauen , die vor Jahren die maßlosesten Huldigungen vor dem Bischof von Robillante zur Schau getragen hatten , saßen jetzt im Palast des alten , zum schäbigsten Wucherer gesunkenen Rucca , auf Villa Tibur und Torresani , und ersannen nichts als Kränkungen für einen Priester , dessen Erhöhung sie nicht hindern konnten ... Die Herzogin hatte sich dem Präsidenten mit kalter vornehmer Haltung als seine Stiefmutter vorgestellt ... Obschon Erbin eines Vermögens , das Friedrich von Wittekind seinem natürlichen Bruder ausgesetzt hatte , gab sie sich doch die Miene , diese Mittel nicht zu bedürfen ... Beide Frauen waren jetzt verbunden mit Fefelotti ... Sie sahen Terschka bei sich , sie hatten Geheimnisse , die selbst die schlau aufmerkende , freilich immer sanft erscheinende , immer demüthig ergebene Gräfin Sarzana nicht erfuhr ... Ambrosi bat , alles seiner Führung und der nächsten , sicher nicht zu entfernten Zeit zu überlassen ... Mit Ambrosi war jener Austausch der Freundesbeichten , von welchem sie vor Jahren gesprochen hatten , wirklich erfolgt ... Einer sah auf den Grund des andern ... Ja - Ambrosi war ein Schüler Federigo ' s und nur glücklicher , als Paolo Vigo ... Ambrosi war ein Märtyrer geworden - um einst mehr zu sein , als ein Mönch ... Was ist ein Dorfpfarrer , sagte er in der That , ganz nach Bonaventura ' s Ahnung , der mit einem Bischof einen Streit beginnt ! ... Nur ein mit dem Papste Streit beginnender Bischof reformirt die Kirche ! ... Das war seine Losung ... Die politischen Stürme unterbrachen seine Entwickelung , aber die Stunde reifte ... Vor dem 20. August 18 * * hatte auch er dem Bruder Federigo geloben müssen , nichts zu sein , als Katholik wie die andern ... Bonaventura hatte dem Freunde offen gestanden , wer Federigo war ... Mehr noch - er hatte ihm gesagt , daß ihm - die Taufe fehlte ... Getauft bist du mit dem Geiste Gottes ! war die Antwort des muthigen Priesters , der ihm ebenso offen gestand , er hätte sein Leben daran gegeben - einst Statthalter Christi zu werden ... Sein Gebet um Kraft und Ausdauer war nichtsdestoweniger ein reines , ein aufrichtiges ... Er brauchte seine Tugend nicht zu heucheln ... Einmal nur strauchelte er , als Olympia von ihm gesagt hatte , seine Lippen hätten im Beichtstuhl ihren Mund berührt ... Ach , er hätte sie geliebt ! gestand er dem Freunde . Er hätte sein Bekenntniß darüber , als er bestraft werden sollte , nicht zurückgehalten - Aber - seltsam ! selbst dieser Fanatismus , dem Geist einer Sache , nicht ihrem Buchstaben wahr sein zu wollen , hätte sich ihm in Segen verwandeln müssen - für um so heiliger hätte man ihn seitdem gehalten - ! ... Wenn Bonaventura sagte : Die Welt erkennt noch Heilige , wenn es ihrer nur gäbe - ! - so überhoben sich beide nicht - ihr Sinn war der der Läuterung , Demuth und Entsagung - ... Die Rettung der katholischen Kirche ist ein allgemeines Concil ... In dessen Hände legt der Statthalter Christi seine Gewalt nieder - ... Das war ihre Losung und beide liebten das Kreuz ... Daß die Religion nicht Philosophie sein könne , verstand sich ihnen , ebenso von selbst , wie , daß der Katholicismus nicht zum Lutherthum übergeht ... Der treuverbundene Freund hatte dem Trauernden , dessen Liebe zu Paula aufs tiefste aus den eigenen Entbehrungen seines Lebens von ihm nachgefühlt werden konnte , unausgesetzt Nachrichten vom Vater aus Neapel gebracht , hatte ihn um Mäßigung gebeten , hatte alles gethan , um die Ungeduld des Sohns von übereilten Schritten zurückzuhalten ... Bis zur Weihnachtszeit wollte sich Bonaventura zufrieden geben ... Aber die Roratemessen kamen , die Weihnachtskrippen , das neue Jahr brach an - die Gefangenen kamen nicht . Nun wollten sie allerdings beide selbst nach Neapel ... Den Vormittag des 6. Januar brachte Bonaventura mit geschäftlichen Briefen zu , die an sein erzbischöfliches Kapitel gerichtet werden mußten ... Er speiste allein - Ambrosi war auswärts und durch sein Amt bis über Mittag gehindert ... Als Ambrosi zurückkam , begleitete er den Freund zur Piazza d ' Espagna , wo die Missionäre der Propaganda ihr großes Sprachenfest hielten ... Dort mußten sie Pater Lanfranco finden ... Ertheilte ihnen dieser keine Beruhigung , so wollten sie am nächsten Morgen nach Neapel reisen ... Der Saal war überfüllt ... Alle Welt ergreift in Rom die Gelegenheit , Würdenträger der Kirche in reicher Anzahl versammelt zu sehen ... Erschienen sie hier auch nicht in ihren großen außergewöhnlichen Prachtgewändern , so trugen doch viele ihre regelmäßigen Ordenskleider ... Griechen , Armenier , Kopten , Maroniten befinden sich immer in ihren eigenthümlichen Trachten ... Auch für den Freund der Physiognomik gibt es schwerlich einen interessanteren Genuß , als soviel markirte Priesterköpfe zu studiren ... Bonaventura und Ambrosi kamen an , als die Feierlichkeit schon im Gange war ... Die Schüler der Propaganda , jüngere und ältere Scholaren , darunter manche bereits geweihte Kleriker , sprachen in all den Zungen , in welchen sie einst auf Missionsreisen die Botschaft des Heils zu verkündigen hofften ... Wenigstens konnten Proben von einem Viertelhundert Sprachen vernommen werden ... Ein erhabener Gedanke - ergreifend seine Bedeutung - aber die Ausführung brachte Späße mit sich ... Drollig erklang es dem italienischen Ohr , wenn ihm Slavisch gesprochen wurde ... Ambrosi hatte Bonaventura in eine Falle gelockt ... Er wollte ihn aufheitern ... ... Als beide ankamen , lachte die Versammlung grade über die Art , wie sich eine Lobpreisung des Höchsten im Polnischen ausnahm ... Bonaventura glaubte anfangs in einen Concertsaal zu treten ... Bald entdeckte er die kleine Fürstin Rucca , die in elegantester Toilette neben ihrem Ercolano saß und so vertraulich mit diesem lachte , als hätte die zehnjährige Episode ihres Lebens mit Benno gar nicht stattgefunden ... In einer gestickten ordenüberladenen Uniform saß Ercolano , lorgnettirte die Damen und klatschte wie im Theater mit seinen hellen Glaçeehandschuhen Beifall , wenn eine gewandte Zunge rasch über die schwierigen Passagen der fremden Idiome hinwegkam ... Neben Olympien saß zur andern Seite die Herzogin von Amarillas mit schneeweißen Haaren ; sie blickte mit unversöhnlichem Groll auf Bonaventura ... Olympia beugte sich demuthsvoll dem Cardinal Ambrosi und verzehrte ihn noch jetzt mit süßlächelndem Gruß - eine Geberde , die ihr auch jetzt noch angenehm stand ; gegen Bonaventura dagegen verwandelte sie die süßen Züge in jene ihr eigne plötzliche Kälte und verneigte nicht einmal ihr Haupt , wie dies die Herzogin doch beiden that ... Gräfin Sarzana fehlte nicht ... Sie hatte in ihrer Nähe so viele , die sich mit ihr unterhielten , daß ihr Olympia schon neidische Blicke zuschoß ... Der von Ambrosi den Freunden bestellte Sitz war zufällig dem der Gräfin Sarzana so nahe , daß sie mit Bonaventura einige Worte wechseln konnte ... Natürlich galten diese der Abreise Paula ' s ... Schließlich sagte sie : Morgen in der Frühe , um zwölf Uhr - find ' ich Sie da in Ihrer Wohnung , Eminenz ? ... Zu keinem Besuch ... Nur einen gewissen Gegenstand wollt ' ich an Ihrem Portal abgeben und eine Beruhigung über den richtigen Empfang haben ... Und denken Sie sich - diese Nacht sollte - bei mir - ... Ein schallendes Gelächter machte ihre fernere Rede für Bonaventura unhörbar ... Ein Neger hatte eben madagassisch gesprochen und Gurgeltöne hervorgebracht , die noch kaum der menschlichen Sprache anzugehören schienen - ... Bonaventura war über Lucindens Anblick , ihre Rede , ihr Bedauern wegen Paula ' s ergriffen ... Welche glänzende Toilette hatte die Gräfin gemacht - ! ... Sie trug ein schwersammetnes Kleid von dunkelrother Farbe ... Arme und Hals waren frei ... Den allzu grellen Effect milderte ein schwarzer um den Hals festzugehender Spitzenüberwurf ... Um den Nacken schlang sich eine Kette von schwarzen Perlen - mit jenem goldenen Kreuze , das sie nie ablegte ... Hier und da war ihr Haar schon grau ; ein kleines schwarzes Spitzentuch , das an beiden Seiten mit Brillantnadeln festgehalten wurde , lag darüber ... Die unter den Spitzen vorschimmernden immer noch wohlgerundeten braunen Arme trugen am Handgelenk kleine zierlich gewundene Schlangen aus schwarzer Lava ... Vorzugsweise schien Fürst Ercolano die Claque zu leiten ... Eine Côterie ihm ähnlich aufgeputzter Dandies schlug auf seinen Wink die Hände zusammen , so oft eine halsbrechende Passage ohne Stocken von den Lippen der Sprecher glitt , unter denen sich Neger und Malaien befanden ... Selbst das heilige Hebräisch fand keine Gnade vor den Ohren dieser Zuhörer , denen die andächtiger gestimmten Fremden schon zuweilen zischen mußten ... Freilich klangen einzelne Sprachen komisch genug ; andere desto melodischer ; z.B. Türkisch ... Als türkisch gesprochen wurde , schlug Gräfin Sarzana die Augen nieder ... Fürchtete sie , um Abdallah Muschir Bei beobachtet zu werden - ? ... Das Arabische klang schroff , rasch , » wie Rosseshuffschlag « 2 ... Ein syrischer Priester sprach kurdisch ; in sanftem Wellenschlag flossen oft die Idiome der wildesten Völker ... Dunkel dagegen und trübe erklangen die Sprachen des Nordens , das Englisch der Irländer und Schotten ... Einige förmliche Wettreden wurden aufgeführt , an denen mehrere Sprecher theilnahmen ... Auch das Holländische wurde hörbar - Deutsch durch den rauhesten oberbairischen Dialekt , der nicht im mindesten Anklang fand und vorzugsweise von Olympien lächerlich gefunden wurde , indem sie höhnische Blicke auf Bonaventura warf ... Ein unverkennbarer Blick aus den Augen der Gräfin Sarzana sagte : Sprächest Du das Deutsche , so wär ' es Wohllaut und die Sprache der Götter ! ... Die Stimmung , in welcher sich Bonaventura befand ( vor ihm lagen die Fenster der von Paula heute verlassenen Wohnung ; sie waren geöffnet , mit Spuren der Abreise ihrer bisherigen Bewohner ) bestimmte ihn , ihrem Blick durch milden Ausdruck des seinigen zu erwidern ... War es eine durch die deutsche Sprache geweckte Rührung beim Gedanken an die Heimat , beim Hinblick auf alles , was sein Leben , das Leben seiner Nachbarin auf dem Boden des Vaterlandes schon durchlaufen hatte und wie sie beide das Gewand einer fremden Nationalität angezogen hatten und jetzt in der That durch ihre Lage Verbundene waren - oder welches andere Gefühl ihn ergriffen haben mochte - sein Blick blieb voll Milde und Antheil ... Lucinde hätte gewünscht , die Rückgabe der Urkunde schon für heute angesagt zu haben ... Sie suchte nach einer Gelegenheit , sich ihm verständlich zu machen und hatte ihn auf alle Fälle wegen Neapels zu befragen - ... Vor Bonaventura saßen mehre Mönche in schlichten Ordensgewändern ... Unter ihnen befand sich Pater Lanfranco , der General der Dominicaner ... Ambrosi blinzelte seitwärts auf Bonaventura und flüsterte ihm die Bitte , an den General keine Frage wegen Federigo ' s zu richten ... Neben dem General saßen zwei fremde , wie es schien , angesehene Weltpriester , denen sich anmerken ließ , daß sie zu den Affiliirten der Jesuiten gehörten ... Römischkatholische Geistliche haben darin einen Blick , der sich selten täuscht ... Pater Lanfranco in seiner weißen Kutte saß mit gebeugtem Haupte , unbeweglich ; am kahlen Scheitel war ersichtlich nur sein Gehör in Thätigkeit ... Ein südfranzösischer Kopf , scharf ausgeprägt ... Ein Schädel nicht rund , eher länglich und nach oben viereckt auslaufend , wie die getrocknete Feige ... Bei einem Lobgesang auf Maria in provençalischer Sprache wurde seine unbewegliche Gestalt lebendiger ... Ein italienischer Zögling trat auf und sprach malaiisch - die Abwechslung blieb die bunteste - ... Als der Redner in seinem wunderlich lautenden Vortrag stockte , sagte einer der Nebenmänner des Generals : Im Sacro Officio sollen Ihre Brüder in Neapel einen Mönch haben , der diese Sprache besser versteht ! ... Sie kommt mir vor , entgegnete Lanfranco in fremdartigem Italienisch , als balancirte ein Jongleur auf der Lippe mit geschliffenen Messern ; da kann wol eins zur Erde fallen ... Bonaventura konnte nicht den Namen Neapels nennen hören ohne aufzuhorchen ... Noch dachte er nicht an den Bruder Hubertus , dessen ehemaliges Leben in Java ihm bekannt sein durfte ... Nach einer Weile wurde auch ein auf dem Programm verzeichneter holländischer Vortrag gehalten , für welchen der General der Jesuiten , ein Holländer , competent gewesen wäre - er war nicht anwesend ... Diese Probe ging geläufiger ... Der General der Dominicaner sagte zu seinem Nebenmann : Ist Ihr Malaie nicht auch mit dem Holländischen vertraut ? ... Gewiß ! sagten seine beiden Nebenmänner zu gleicher Zeit und einer fügte hinzu : Jener Bruder Franciscaner , der vor Jahren den Pasqualetto erschoß ... Bonaventura , erkennend , daß von Hubertus die Rede war , wollte sich in die Unterhaltung einmischen , als ihn Ambrosi mit einer heimlichen Handbewegung zurückhielt ... Merkt Ihr denn nicht , mein Freund , flüsterte er ihm zu , daß es nur darauf abgesehen ist , Ihre Aufmerksamkeit zu erregen ? ... In der That warfen die beiden Weltgeistlichen flüchtig schielende Blicke auf die hinter ihnen Sitzenden und trugen ihre Plaudereien so stark auf , daß Ambrosi ' s Verdacht sich bestätigte ... Der General schien wie Ambrosi zu denken und schwieg ... Doch nun wurden von seinen Nebenmännern auch die Ketzer des Silaswaldes erwähnt ... Frâ Federigo ' s Name fiel , für beide , Bonaventura und Ambrosi , ein elektrischer Schlag ... Immer wieder unterbrach der Redeactus , das Beifallklatschen und Lachen , das Blättern in den Programmen eine Unterhaltung , die der General offenbar auf andere Gegenstände zu lenken suchte , als die waren , an denen seine Nebenmänner festhielten ... Jetzt sagte der Gesprächigste , der dem General zur Linken saß : Eure Gnaden werden am besten die Bücher lesen können , welche bei jenem Hexenmeister im Silaswald gefunden wurden ; die meisten verbrannte er in seiner Hütte ... Sie sind in provençalischer Sprache geschrieben ... Sind die Gefangenen eingetroffen ? fragte jetzt der andere ... Ich hörte bei Monsignore Cocle , fuhr der erste fort , daß Einer von ihnen kaum die Anstrengung der Reise überleben wird ... Dennoch sind sie da ! sprach Lanfranco scharf und bestimmt und schnitt damit das Gespräch ab ... Die Wirkung dieser Worte , wurden sie nun in berechneter Weise so betont gesprochen oder nicht , war keine andere , als daß sich Bonaventura sofort erhob und zum Gehen Bahn machte ... Das Aufsehen dieser Entfernung , der sich auch Cardinal Ambrosi anschloß , war allgemein ... Jetzt sah man recht , wie diese beiden Priestererscheinungen das Interesse der römischen Gesellschaft bildeten ... Für ihren hohen Rang zwei noch so jugendliche und männlich schöne Gestalten ... Der eine schlank und ernst wie die Cypresse , der andere blühend wie ein Rosenstrauch ... Von manchem Maler , mancher englischen Touristin , wurden ihre Züge verstohlen aufgefangen ... Beide senkten ihre Augen ... Jener , um nur seiner Sinne mächtig zu bleiben und im überfüllten Saal nicht ohnmächtig zu werden ; dieser mit der ihm eignen lächelnden Schüchternheit , die ihm selbst in seinem jetzigen reiferen Alter geblieben war ... Der Salonwitz nannte beide Freunde die » Inséparables « , andere » Castor und Pollux « , andere » Orest und Pylades « - natürlich mit jenen verdächtigen Nebenbeziehungen , die dem katholischen Priesterstand zur Strafe anhaften werden , solange er das Weib verschmäht ... Im Vorsaal wurde dem Cardinal Ambrosi von einem Dominicaner ein Brief übergeben ... Er erbrach ihn rasch ... Als die beiden Freunde in ihrer alterthümlichen vergoldeten Kutsche saßen , gab Ambrosi den Brief an Bonaventura ... Er enthielt die Worte : » Die Männer von Calabrien sind angekommen ... Dem Besuch des Erzbischofs von Coni bei seinem Diöcesanen , dem Einsiedler von Castellungo , steht nichts im Wege - Leider findet er den Mann , trotz aller ärztlichen Bemühungen , dem Tode nahe ... « Zum Vatican ! rief Bonaventura dem Kutscher mit fieberhaft zusammenschlagenden Zähnen ... Beruhige dich - ! sprach Ambrosi und zitterte doch selbst ... Wir treffen ihn sterbend - ! ... Wie ich geahnt ! - Meine Strafe - ! ... Ambrosi versuchte Hoffnungen auszusprechen ... Die Stimme versagte ihm ... Wie eine Mutter nach ihrer Geburtsstunde von Fieberschauern erschüttert wird , so lag Bonaventura in Ambrosi ' s Armen ... Selbst dem Befremden , das Ambrosi über die Reden der beiden Geistlichen aus Neapel auszudrücken versuchte , konnte sein Ohr nicht mehr achten ... Der Wagen jagte über den Corso , der Tiberbrücke zu und zum Vatican - ... Für viele der beim Sprachenfest Zurückgebliebenen hatte die Sitzung durch die Entfernung der beiden gefeierten jungen Cardinäle ihr Interesse verloren ... Da sie nicht wiederkamen , so entfernten sich auch andere ... Sogar Olympiens Wagen und der der Herzogin rollten bald dahin ... Vor ihnen hatten sich schon die beiden Weltgeistlichen entfernt ... Nun ging auch der General der Dominicaner ... Lucindens scharfes Auge beobachtete wohl , wie alles das in irgend einem Zusammenhange stand , wie irgend etwas vorgefallen sein mußte , was erschütternd in das Leben ihres Heiligen griff ... Was konnte es sein - ! Ihr konnte etwas verloren gehen - ? ... Was hatte Olympia im Werk ? ... Auch ihr war nur ein flüchtiger Gruß von ihr zu Theil geworden - ... Schon oft hatte auch Olympia nach dem Inhalt ihres Kästchens verlangt - ... Schon oft hatte auch sie von den Geheimnissen der Inquisition gesprochen und ihre Thorheit verwünscht , die sie vor Jahren die Dominicaner , um Bonaventura ' s willen , beleidigen ließ - ... Lucinde , hochaufgeregt , erhob sich ... Daß sie am Palast der Katakomben halten und durch ihren Bedienten hinaufsagen ließ : Gräfin Sarzana erkundige sich , ob Seine Eminenz ein Uebelbefinden betroffen hätte ? war in der Ordnung ... Sie erfuhr , daß beide Cardinäle noch nicht zurück waren ... So konnte der Gesundheit des Freundes nichts Bedenkliches begegnet sein - ... Sie sann den Gründen seiner schnellen Entfernung vergeblich nach und verlor sich in Vorstellungen wunderlicher Art ... Und wie es dem Menschen geht , daß er seine eigne Betheiligung am Schicksal andrer nur allein vor Augen hat und , sei ' s im guten oder schlimmen Sinne , diese übertreibt , so stand ihr auch nur ihr Geheimniß über Bonaventura ' s Taufe vor Augen . Es ist entdeckt - ! sagte sie sich ... Sturla wußte davon ... Es fehlt noch die authentische Bestätigung - die Urkunde aus meiner Hand - ! ... Man wollte sie schon diese Nacht stehlen - ... Sie hätte ihm Leo Perl ' s Brief noch heute zurückgeben mögen ... Bei alledem - welch glückliche Beziehung schien sich nun doch , ohne Paula , wiederherzustellen - ! ... Die Wonnen eines liebenden weiblichen Herzens sind nicht zu ermessen ... So nur allein am Fenster des Geliebten einige Minuten harren , so nur die Kunde empfangen zu dürfen , man würde die Anfrage ausrichten - er kommt - er denkt an dich - er besinnt sich auf den gewissen Gegenstand - er lächelt - er erinnert sich der beiden Abschiede , die ich von ihm nahm , jener beiden Male , wo ich vor ihm auf der Erde lag - alles das schon allein kann eine Welt des Glücks für ein wahnbethörtes , für die größten Lebenshoffnungen von kleinen Almosen zehrendes Herz werden ... Die Gräfin kam in ihre heute aus Besorgniß doppelt erhellte Wohnung gerade zur rechten Zeit , um sich mit dem Monsignore Vice-Camerlengo , dem Gouverneur von Rom , zu verständigen ... Auch dieser Beamte war ein Priester ... Er ertheilte den im Kirchenstaat in solchen Fällen üblichen Bescheid : Lassen Sie es auf sich beruhen , Eccellenza - ! Entdeckt man die Sache , wie sie ist , so könnte es - noch schlimmer werden ! ... Lucinde kannte Rom ... Der hohe Prälat blieb eine Weile zum Plaudern ; dann war sie allein - frei - schloß sich in ihr Zimmer ein und begann den Brief , der die Urkunde begleiten sollte ... Sie hauchte in diese Zeilen ihr ganzes Leben ... Fußnoten 1 Ein Factum ? 2 Neigebaur : » Der Papst und sein Reich . « 13. Besucht man in Rom die Peterskirche , läßt sich ihre geheimen Kammern aufschließen , die gleich fürstlichen Antichambren eingerichteten Sakristeien , und schreitet man dann über einen kleinen , der deutschen Nation uralt angehörenden Kirchhof und an Gebäuden vorüber , in denen die Wäsche des heiligen Vaters und das Leingeräth zum Kirchengebrauch im Sanct-Peter gereinigt und getrocknet wird , so findet man in einer engen menschenleeren Gasse ein unschönes Eckgebäude mit kleinen , unregelmäßigen Fenstern - ein Gebäude , das einer alten Kaserne gleicht ... Ein unförmliches Thor sieht vollends dem Eingang zu einer Festung ähnlich ... Im düstern Hofe befindet sich ein Wachtposten ... Man gefällt sich in Rom darin , dies Gebäude der Welt als ein solches zu zeigen , das sich gleichsam überlebt hätte ... Es ist der Palast der Inquisition ... Michael Ghislieri , als Pius V. Anstifter der Bartolomäusnacht , war einst der Besitzer dieses Palastes und machte ihn den Dominicanern zum Geschenk ... Im vorderen Hause wohnen die Inquisitoren und ihre » Familiaren « ... Dann kommen zwei Höfe , die von einem Mittelgebäude getrennt werden ... Im hintern Hause liegen die Gefängnisse des Sacro Officio ... ... Im achtzehnten Jahrhundert war auch in die katholische Kirche der freisinnige Geist der Zeit gedrungen - die Franzosen der Republik fanden 1797 die Gefängnisse der Inquisition leer ... Ihre Folterkammern und unterirdischen Verließe konnten nicht entfernt werden ; sie blieben grauenvoll genug anzusehen , wie nur ein alter Hungerthurm von Florenz oder Pisa ... Die Römlinge behaupten , die Revolution von 1848 hätte das Bedürfniß gehabt , wirkliche Gefangene , » Opfer der Inquisition « , jedenfalls menschliche Gebeine , Todtenschädel , Zangen und Folterinstrumente vorzufinden und die Dictatoren der Republik hätten zu dem Ende das Arrangement getroffen , dergleichen vorfinden zu lassen ... Einige Professoren der Sapienza sind noch jetzt bereit , zu erzählen , daß ein ganzer Vorrath von Gerippen , Knochen , unter andern das Skelett einer Frau , von deren Schädel noch das schönste Haar niederfloß , aus der Anatomie zu diesem Zweck wäre geliefert worden ... Als noch lebenden Gefangenen entdeckte der stürmende Volkshaufe von 1848 einen einzigen ... Einen ägyptischen Erzbischof , der hier seit Jahren eingekerkert saß ; widerrechtlich hatte er die erzbischöfliche Weihe empfangen , entkleidet konnte er derselben nicht mehr werden , der Duft der priesterlichen Salbung verfliegt selbst am Verbrecher nicht - so mußte der ägyptische falsche Kirchenfürst sich gefallen lassen , hier im lebenslänglichen Kerker Erzbischof eines Pyramidengrabes zu sein ... Die Aegypter lieben