von seinem zitternden Weibe liebevoll los ... Über Melanie blitzte ein Schimmer von Glück , ein Strahl von Hoffnung , von dem sie sich sagte : Endlich die Wärme des Gemüths ? Was ist ihm ? Was bricht da das Eis dieses ewig kalten Verstandes ? Ist er denn auch der Liebe fähig und wärst du dann noch würdig , ihn zu besitzen ? Ein Glück für sie , daß sie den Namen nicht wußte , der gleichsam von Rodewald hier als ein triumphirendes Paroli gegen Egon geboten war , den Namen Fritz Hackert ' s , Paulinen ' s Sohn ! ... So blieb die Freude ... ungetrübt . Dreizehntes Capitel Der Tempelstein An dem äußersten Ende eines der vielen kräftigen Nebenarme unsres großen , meergrünwallenden Stromes bilden die Uferwände einen Ausgangspaß auf fremde Länder , neue Sprachgebiete . Düster blicken wie Grenzwarten die tannengeschirmten Gipfel des Gebirgskammes , der Deutschlands natürliche Grenze ist und der im Süden uns noch Lothringen zuweist und das Elsaß . Auf diesen Höhen horsten noch Adler . Die Noth des Winters treibt noch Wölfe von ihren waldigen Schluchten herab . Niederwärts sich senkend , erheitert sich aber die Flur und dem Strome zu wächst die Rebe und der Nußbaum und volkreiche Städte , Weiler , Kirchen , Kapellen und Schlösser verrathen , wie traulich es sich am mäandrischen Versteckspiel seines Pfades wohnen läßt , unbekümmert um den Wolf und den Adler , die dem Grenzjäger oder Schmuggler begegnen mögen und Denen , die in der Höhe über Geklüft und Dickicht die verstecktesten Wege kennen . Sonst waltete hier die milde Herrschaft des Krummstabes . Noch sind die Alleen von Buchau lebendige Zeugen der Weltherrschaft des Geschmackes von Versailles , noch hat des treuen Mangold englische Naturkunst die Kunstnatur der erzbischöflichen Gärten nicht ganz austreiben können . Und zu den geschweiften Formen des Schlosses , zu diesen chinesischen Pavillons , zu diesen Friesen und Kannelirungen gehört ja auch die alte Gartenscheere , gehört ja auch der Zopf Lenotre ' s , der Puderstaub auf Blätterwuchs und Baumgeheg . Schloß Tempelstein , das sich auf eine Stunde Weges vom ebengelegenen Buchau und der Krümmung des Stromes wegen doch ihm fast gegenüber erhebt , ragt schon mit Thürmen und Altanen aus Baumgruppen , Felsvorsprüngen , Waldumkränzungen frei und zwanglos empor . Noch ist der Bau nicht vollendet , den Dystra mit seltenen Hülfsmitteln sich in dieser abgeschiedenen Gegend zu einem englischen Kastell mit Jagdgeheg und Boulingreen , zu einem Alhambra mit Springquellen aus Löwenmund , Bogengängen und Blumenterrassen zaubert . Es wird lange währen bis zu seiner ganzen Vollendung . Aber in diesem Sommer ist die alte Ruine schon nicht mehr aus ihrer neuen Umkleidung zu erkennen . Der Weg empor ist schon gebahnt . Ein untres Wohnhaus für den Winter , selbst dem verwöhntesten Lebemann , bewohnbar . Bis zur Brücke , die zwei Felsen verbindet und an ihren Rändern gestattet , auf ihnen die Spitzen von tief aus der Schlucht aufragenden Buchen und rothen Blutfichten mit der Hand berühren zu können , ist Alles eben , links und rechts mit großen Gewächsvasen aus gebranntem Thon geziert . Dann kommen Stufen , die schon sicher und bequem zu betreten , wenn auch noch nicht geschmückt und eingefaßt sind . Oben schon sprudelt die Fontaine , die das große Plateau zieren wird . Auf diesem Plateau will Dystra die Dorfjugend tanzen lassen , wenn er in seinem Geschmack immermehr , wie er sagt , den » Rosen des Herrn von Malesherbes « näher käme . Wie glatt mußte dieser Marmor also geschliffen sein ! Die Platten lagen schon im Vorrath und wurden schon bearbeitet . Das Burgthor öffnet sich . Das Wappen Dystra ' s hatte sich hier als eine verzeihliche Konsequenz seines Ahnenstolzes eingefunden , da er meinte , man sollte ihm diesen Stolz auf die Vorfahren lassen , da es doch schiene , als wenn ihm schwerlich noch etwas nachfahren würde . Die Zugbrücke war von Ketten und Eisendrähten . Alle Mauern hatten Nischen zu Statuen , Blumen , Springquellen oder , sagte Dystra , zu ewigen Lampen , wenn entweder Olga oder Paulowna oder ihre Mutter , denn Einer droht das Glück , Baronin Dystra zu werden , in Verzweiflung darüber auch katholisch würde . Nur einen Nepomuk auf die Zugbrücke , sagte er zu Rudhard , der ihn von Brüssel oft besuchte , nur den würd ' ich mir verbitten ; dieser Heilige macht mir bei jeder Brücke erst recht den Schwindel , den er vertreiben soll . Der dritte Theil des Schlosses war schon bewohnbar . Die ausgesuchteste Einrichtung zierte vom Dollond eines Belvedère herab bis zur praktikabelsten Kochmaschine des Kellergeschosses den linken Flügel , dessen nächste Umgebung bereits jetzt von Kalk , Mörtel und dem Lärm der Maurer und Steinmetzen verschont war . Wild und wüst freilich sah es in der Mitte und am rechten Flügel noch aus , der theilweise in einen Felsen hineingebaut wurde und einen schroffen , jähen Abhang darbieten sollte , für etwa verzweifelt Liebende , wie Dystra sagte , oder für Blaubärte , die sich hier ihrer neugierigen Frauen entledigen wollen , falls der unterirdische Gang , der hinten in den Wald und die Tempelabtei führt , nicht von strengen Ehemännern zu den Marterkammern und lebendigen Einmauerungen lieber benutzt wird . Diese Abtei war als Ruine ganz im alten Style gelassen und nur vom Schutt und Gerölle befreit und an zu schadhaften Stellen durch Ergänzungen unterstützt . Ein schöner Rest mittelalterlicher Kirchenbaukunst lag die Abtei fast schon im Walde und bot einen heiligen , das innerste Herz bewegenden Anblick . Dystra lebte nun fast ein Jahr schon am Fuße des Schlosses Tempelstein , das selbst er nur zuerst von seiner Schicksalsverhängten aus der Familie Wäsämskoi bewohnt haben wollte , in der eleganten Villa am Aufgange , dicht am Flusse , nicht tausend Schritte weit entfernt von dem Dorfe Buchau , das den Tempelstein vom Schlosse Buchau trennt . Der Verkehr mit gegen Hundert Arbeitern bot ihm die angenehmste Zerstreuung . Im Übrigen hing er auf ' s Lebendigste mit allen den Beziehungen zusammen , die durch die Namen der Brüder Wildungen vertreten sind . Dankmar flüchtete sich zu ihm und wohnte drüben jenseits des Gebirgskammes . Siegbert kam zuweilen von Antwerpen . Rudhard kam mit den Kindern Rurik und der heranwachsenden Paulowna . Leidenfrost war immer zugegen ; denn er war es , der den Tempelstein ausbaute . Niemand kannte ihn . Er galt für einen fremdherverschriebenen Architekten . Auch Werdeck , der in Paris lebte , ließ sich zuweilen mit Vorsicht sehen . Louis Armand lieferte die Ausstattung der Zimmer , die Boiserie , die Vergoldungen , das Glas . Er machte seine Einkäufe in Belgien und den Niederlanden . Man kannte die Hundert von Menschen nicht , die hier ab-und zugingen . Dystra machte nur die Bedingung der Vorsicht und sie wurde ihm gewährt , noch gewissenhafter befolgt . Siegbert ' s Zeichnungen für die Glasfenster , die Leidenfrost in einer nahegelegenen Glashütte selber brennen lassen wollte , erregten die Bewunderung der Laien und Kenner . Es hieß , sie kämen von belgischen Malern aus Antwerpen . Wer forschte da weiter ? Die Fürstin Adele wäre gern von Brüssel gekommen , um die Fenster zu sehen , wie sie dann wirklich fertig waren und in den kostbaren Gemächern hingen , aber Dystra sagte : Die erste Frau , die außer Louise Eisold sein Schloß beträte , wäre ihm verfallen ; wäre sie verheirathet , so müßte der Mann mit ihm hier die erste Lanze brechen , wäre sie Jungfrau oder Wittib , so dürfte nur ein Lindwurm sie ihm streitig machen und auch an den würde er sich wagen . Kurz er scherzte über eine Bedingung , die die Fürstin so ernst nahm , daß sie sich überwand nicht zu kommen und , wie einmal bedungen war , Olga die Vorhand ließ . Durch Dankmar Wildungen erfuhr Dystra die neuesten Vorfälle des Jahres , seine Flucht , den Verlust des Schreins . An Louise Eisold sah er die Wirkung sowol des Erfolgs wie des Mislingens auf ein leidendes und in Leiden erstarktes Gemüth . Sie hatte die Flucht geordnet . Franziska Heunisch hatte ihr Anerbieten dazu mit Selma Rodewald vermittelt . Sie war in Tempelheide gewesen , hatte Peters im Pelikan gewonnen , hatte von Danebrand , der sonst am Baue arbeitete , sich begleiten lassen , hatte das Unglaubliche erreicht durch Hackert ' s einzig zum Ziele führenden überraschenden Beistand . Danebrand war ein Opfer dieser kühnen That geworden , die gute , treue , uneigennützige Seele ... Louise schauderte bei dem Gedanken , daß von den Beiden , die im Wege standen , Mangold ' s Wünsche zu erhören , der Eine vom Tod hinweggerafft war und der Andre ... Was ist nur mit ihm ? Wo weilt Hackert ? Hatte er Alle , auch sie betrogen ? Sie allein sah an Hackert die schlimmsten Seiten nicht , sie hatte sich aus seinem Leben wie jenes Huhn im Hofe aus dem Dünger einen Edelstein gescharrt , sie glaubte fest und heilig daran , daß hier nichts als nur der Sonnenschein der Liebe gefehlt hätte . Als Hackert ihr die That gelobte und Beistand versprach , in seiner Weise ohne Emphase , ohne Begeisterung , aber sicher , schlau , pfiffig Alles berechnend , was allein zum Ziele führte , als er ihr andeutete , daß er genugsam vertraut wäre mit allen Persönlichkeiten des Gerichtshauses , um sich durch verliebte Frauen , näschige Kinder , schwachsinnige Greise , trunkene Männer , die Schlüssel der Gefängnisse und Kassen anzueignen , da hatte sie zwar nicht gesagt , nicht sagen können : Hackert , ich belohne dich für alles Das mit meinem Herzen ! Aber die stürmischen und kecken Liebkosungen , mit denen sie der nie rein Denkende sogleich überschüttete , hatte sie doch fast mit den Worten abgelehnt : Lassen Sie ! Lassen Sie , Hackert ! Vielleicht wenn es gelungen ist , dann ! Und nun hatte die Flucht diese Wendung genommen ! Danebrand das Opfer , so gestorben wie einst ihr Bruder ! Der Schrein und Hackert verschollen ... ein unermeßliches Glück der Brüder Wildungen verloren , trotz des Briefes , der von Hackert ' s Hand einst mit dem Postzeichen eines kleinen Städtchens , wo alle Nachfrage nichts fruchtete , an sie gekommen . Noch glaubte , noch hoffte sie . Sie sagte zu Dankmar , als er eines Augusttages über den waldigen Bergwipfel kam , scheinbar als Schmuggler kam , da er so mit den Grenzwächtern - am besten stand und Siegbert gerade mit Louis Armand und dem Bruder zugleich anwesend war , um die Wirkung der Fenster zu sehen : Glauben Sie mir , Sie können vertrauen ! Hackert ist zu eitel , irgend einem Menschen , der ihn für schlecht hält , Recht zu geben . Er wird ehrlich sein nicht aus Liebe zur Tugend , sondern um Sie und uns Alle zu täuschen , zu verhöhnen , nicht einmal um mich zu erfreuen . Er liegt irgendwo krank , hat sich verletzt am Tage der Flucht . Mit genauer Noth nur wird er sich irgend wohin geflüchtet haben , vielleicht zu Schlurck , der in der Nähe des Profoßhauses wohnt . Er wird langsam uns folgen , denn ich sehe ja in den Zeitungen , wie man Sie und den Schrein mit Steckbriefen verfolgt . Zu kenntlich ist Hakkert und die große Lade wäre gleich verrathen , wenn er auf gewöhnlichem Wege käme . Vertrauen Sie ! Die Freunde hörten gern ihre Ermuthigungen , hielten es indeß für hoch an der Zeit , daß etwas geschah , um über diesen unermeßlichen Verlust Gewißheit zu haben . Ihre Zuschrift an die Behörden war schnöde und ablehnend beantwortet worden . Um so mehr , hieß es , könnte die Amortisation nicht gestattet werden , als auch der Stecher der Platte zu den Stadtkämmereischeinen seit einiger Zeit verschwunden und es entdeckt wäre , daß dieser mit Hackert , dem wahrscheinlichen Beförderer der Flucht , auf das Vertrauteste bekannt war . Man verwies die Brüder auf die feierliche Übergabe , den eignen Frevel der Flucht und der Wiederaneignung , man erklärte sich nur vor einem Nichteinhalten der Emissionstermine wahren zu wollen und verwies die Bittsteller auf die Folgen ihrer Unternehmungen , die sie sich selber zuzuschreiben hätten . Am Tage des Nikodemus , den 15. September , sollte der erste Bundestag auf dem Tempelstein gefeiert werden . Der Königliche Hof war zufällig zu gleicher Zeit in Buchau zugegen . Leidenfrost richtete es im Interesse der Sicherheit der Versammlung so ein , daß schon den 8. September alle Arbeiter des Baues auf zwölf Tage entlassen wurden . Die Löhnung wurde gezahlt , als wenn sie arbeiteten , aber die Pause sollte , hieß es , benutzt werden zu künstlerischen Arbeiten , zu denen fremde Steinmetzen , fremde Maler , fremde Bildhauer kämen , die man einige Tage allein auf dem Bau wollte walten lassen . Den 20. wieder sollten alle Arbeiter , die bisher in Thätigkeit gewesen waren , zurückkehren und bis in den Winter an einem Werke schaffen , das Jahre brauchte , um so vollendet zu werden , wie Dystra und Leidenfrost es im Geiste vor sich sahen und Dankmar Wildungen es für die Schleier , die er lange auf die hier zu haltenden Versammlungen des Bundes werfen wollte , für nöthig halten mußte . Sein Herz bebte bei jedem Tage , den er näher zum Ziele kam . Alles fügte sich nach Wunsch , jede selbst unerwartete günstige Wendung traf überraschend ein , nur der Schrein blieb aus . Hackert war entweder todt oder verschollen oder entflohen . Dankmar ' s Verzweiflung gränzte an völlige Trostlosigkeit . Er hatte gerade diesen Besitz für unerläßlich zu der nächtlichen Versammlung auf der Tempelabtei im Walde gehalten , er hatte nichts zurückgenommen von den hochherzigen Verheißungen , die er und sein Bruder der Zukunft des Bundes gegeben . Hatte der Erfolg des Prozesses auch hinter den Erwartungen zurück bleiben müssen , es war genug gewonnen worden , um seine Absicht zu unterstützen , dies Erbe des Johanniter- und Templerordens den neuen Rittern vom Geiste als ein Eigenthum zuzuführen , von dem er für sich und den Bruder nur so viel beanspruchte , um als Verwalter desselben gegen Sorge und Noth sichergestellt zu sein . Er wollte auf halbem Wege nicht mehr still stehen . Was er einst verheißen , mußte erfüllt werden und jedes Bundesglied , es mochte so uneigennützig fühlen , wie die Brüder selbst , mußte doch zugestehen , daß ohne äußere Mittel ein Wettkampf mit den in Gold und Eisen gebetteten Irrthümern und Thatsachen dieser Zeit nicht möglich war . Am 10. September , als Dankmar Wildungen schon einen Aufruf um das unwiederbringlich verlorene Vermögen für alle Zeitungen geschrieben , kam Louis Armand mit der frohen Botschaft : Noch drei Tage und Murray , Hackert und der Schrein sind da ! Er zeigte einen Brief , den er durch Dystra empfangen . Murray schrieb Louis Armand von einem einsamen Fährhause am Rhein einen ausführlichen Bericht , von dem nicht Alles auf die Freunde berechnet war . Er las nur Das vor , was ihnen Beruhigung geben mußte . Der Hort ist da ! rief Dankmar und halb spottend setzte Leidenfrost hinzu : Der Nibelungen Noth hat ein Ende . Der Brief , der in seiner ganzen Ausdehnung nur für Louis Armand berechnet war , lautete so : » Mein theurer junger Freund ! Seit einem Jahr erfuhren Sie nichts von mir ! Ich benutze die Adresse des Herrn von Dystra , mit dem Sie wie mit Ihren Freunden verbunden geblieben sind , um Sie mit Vorfällen bekannt zu machen , die ich Sie bitte , sogleich irgendwohin und irgendwie den Brüdern Wildungen melden zu wollen . Ich weiß von Louise Eisold , daß Sie Alle um den Tempelstein verkehren und ich schreibe lieber Ihnen , weil ich mehr sagen muß , als was den Andern verständlich ist . Kurz vor Ihrer Ausweisung aus der Residenz hatt ' ich den Sohn gefunden , dessen Geschichte ich Ihnen unter Sturm und Regen in dem Eckzimmer des Schlosses Hohenberg in mir unvergeßlichen Stunden erzählte . Ja , Theurer , Ihnen dank ' ich diesen Fund ! Jener zerbrochene Ring , den Sie mir , als Sie aus dem Gefängniß mich erlösten , übergaben , dies Andenken an die düstre Vergangenheit , grauenhaft noch durch die letzte Erinnerung an das Forsthaus im Walde und den Tod , den ich dem eignen Bruder geben mußte , dieser Ring führte mir den Sohn zu , den ich so antraf , daß ich ihn zu bergen hatte , nicht jubelnd meinen Freunden darstellen konnte , selbst wenn ich vor Ihnen hätte wagen wollen , was ich selbst bei einem Engel an Güte und Liebe , der mein Sohn wahrlich nicht war , vor der Welt nicht wagen durfte . Ich zog mich in meinen Schmerz zurück . Ich sah in Hohenberg , wie ich verfolgt wurde . Ihr Zeugniß , das mich des Läugnens überhob , rettete mich , wenn ich Rettung diese Freiheit nennen darf , die mir die bittersten Erfahrungen zuzog . Meinen Sohn fand ich nur in dem Augenblicke bewegt , wo er einen Vater auf dem Friedhofe gefunden hatte . Nur zu bald sank er in jene sittliche Nacht zurück , die ich damals schon in Hohenberg ahnte . Gewaltsam wollt ' ich diese Nacht nicht erhellen . Ich erfuhr an Auguste Ludmer , wie das Auge des Geistes nur allmälig an den Glanz der Tugend sich gewöhnt . Ich zitterte vor dem Gedanken , noch einmal ein Gefäß der göttlichen Gnade durch gewaltsamen Eifer zu zersprengen . So ließ ich den Sohn gewähren und war nur froh , daß es ihm in meiner Nähe wenigstens - wie dem Hund am Ofen war ... Ich kehrte zu meiner Kunst zurück , fand in Oleander , jenem Vikar aus Plessen , ein treues Herz , wirkte mit ihm für die Armen und Elenden und machte damit sogar ein thörichtes Aufsehen , ob ich es gleich vermied , von meinem Wirken zu sprechen und mich der Erfolge zu rühmen , die nur zu oft auf diesem Felde täuschende sind . Ich erhielt den Auftrag , die Scheine zu stechen , die die Verwirklichung der Erbschaft Ihrer Freunde wurden . Denken Sie mein Gefühl ! Denken Sie an den Baron Grimm , an seine geheime Kammer , an seine falsche Kunst und jetzt derselben Gesellschaft , der ich noch meine Strafe schuldig bin , meine nun in Wahrheit dienende Hand ! Sie kennen die Flucht Dankmar ' s , den Raub des Schreins , in dem so große Schätze aufbewahrt wurden . Der Räuber und Förderer der Flucht war mein Sohn . Man nannte ihn Fritz Hackert , nur mir galt er bisher allein für Paul Zeck ; der Mutter hatte ich die Gelegenheit zu neuem Frevel nicht geben wollen , auch ihm selber nicht , ich verschwieg ihm seine Abkunft und bei seinem Sinn reicht ' es hin , daß er sagte : Ich wußt ' es ja immer , gestohlen hab ' ich mich in die Welt , ein Bastard bin ich , ungerufen nur gekommen ! Den Aufschwung meines Sohnes zu dieser That hab ' ich erst verstanden , seit ich weiß , daß er damit viele seiner Leidenschaften hat befriedigen wollen . Ich weiß , der Stolz , die Eifersucht , ja sinnliche Liebe haben diese That geweckt . Stolz , daß ihn die Freunde bewundern sollen , die Eifersucht , daß ein Andrer Namens Danebrand mehr thun sollte als er ; die Liebe - für ein edles seltenes , wenn auch zu weltliches und zu überreizt im Hasse lebendes und den Haß für Religion nehmendes Mädchen . Zwei Frauen waren zu allen Zeiten die , die den Sohn regieren konnten , beide muthvoll , beide dem Seltsamen und Ungewöhnlichen zugethan , jene schön , diese kaum ihr Schatten , aber schön durch Heroismus und eine amazonenhafte Tugend . Sie werden meinen Sohn sehen ; Sie kennen Louise Eisold ! Prüfen Sie , ob da nun Feuer und Wasser oder Stahl und Stein zusammenkommen würden ! Mein Sohn erfand diese Flucht und wurde , als Danebrand vom Blei der Wächter getroffen in dem Durchbruch der Mauer ausathmete , von dem stürzenden Schrein fast erschlagen . Das Schlüsselbein der rechten Schulter fand sich später gebrochen . Dennoch rafft ' er sich auf . Er hört den Lärm der Wachen , winkt , daß Dankmar sein Heil in der Flucht suche , ladet in der Erregung des Augenblicks die an einer Seite geborstene Truhe auf die linke Schulter , flüchtet in das Dunkel der Johanniskirche , irrt auf dem Platze um sie her , sieht Schlurck ' s Wohnung , will dort Hülfe suchend an der Klingel ziehen und hofft sich in der Komthurei bergen zu können . Da entdeckt er einen Mann , der eben bei Schlurck ' s das Haus verläßt . Er wankt näher , er blickt hin . Er erkennt schon den Schreitenden . In der Nacht um ein Uhr , verläßt Jemand - und Dieser ! - das Haus ? Was ist Das ? Statt an der Komthurei sich zu verweilen , folgt Paul dem in nächtlicher Stille dahinschreitenden Mann . Was bezweckt der Mann in so tiefer Nacht ? Die Spannung der Neugier gibt ihm den Muth , seine Bürde weiter zu tragen . Ohnehin ohne Schuhe auftretend folgte er dem taumelnden , wie bewußtlos schwankenden Wanderer . Das Rasseln des Wagens , mit dem Dankmar entflohen , ist längst verhallt , die Verfolger , die er wohl anfangs auf seinen Fersen merkte , verloren die Fährte , er folgt dem Mann , der einem Thore zuschreitet . Das Thor ist wie immer nächtlich nur angelehnt , man öffnet sich es selbst . Hinaus schreitet der Taumelnde in einen Wald , der am Rande des Flusses liegt ; sonst war er dicht und voll von Bäumen dieser Wald , jetzt ist er durchsichtig und seines besten Schmuckes beraubt . Der Mann selbst da vor meinem Sohn , als Administrator der alten Stadt-Waldungen , hatte ihn so lichten lassen . Nichts merkt er von Hackert , der zum Tode erschöpft mit dem Schrein ihm folgt , still steht , wenn Jener steht , weiter schleicht , wenn Jener vor ihm hintaumelt . Endlich stehen sie am Ufer des Flusses . Eine verschwiegene , düstere Stelle . In einiger Entfernung das Jagdhaus , in dessen Nähe mein Sohn einst einen bösen Frevel an Pferden verübte . Ihn schauderte , je näher er der Stelle kam , die ihm die unheimlichsten Erinnerungen weckte . Der Schrein schien ihm jetzt schon gezogen wie am Lenkseil des Schicksals oder seines Gewissens . Er war durch die Brandgasse , an Lasally ' s Reitbahn vorüber zu diesem Jagdhaus dem Manne ächzend nachgeschlichen . Des Mannes Vorhaben war ihm sogleich bei dem ersten Erkennen kein Räthsel . An eine Eiche beim Wasser lehnt sich der nächtliche , den Lauscher nicht ahnende Wanderer . Er blickt nach der Gegend des Sonnenaufgangs , noch liegen dunkle Schatten auf dem Wasser , das ruhig dahinwogt und durch hohes Schilf sich hindurchwindet , geheimnißvoll still . Mein Sohn ahnt , was geschehen wird . Die letzte Kraft , deren sein Arm noch fähig ist , wendet er an , dem Schrein mit den Händen eine Vertiefung in der Erde zu graben . Er kratzt mit den Nägeln , gräbt mit den Füßen , er preßt den Schrein in eine Öffnung , die er mit Gras verstopft , mit Laub bedeckt und mit Zweigen , still von den Bäumen gebrochen , überbreitet . Jetzt wagt er sich dem am Ufer Brütenden , am Eichbaum Niedergesunkenen näher . Der sitzt , sieht in den rothen Osten und grübelt . Endlich erhebt er sich . Eine Stunde ernsten Nachdenkens schien vorüber . Immer mehr röthet sich der Horizont . Schon manches Vögelchen regt sich im Ast über ihm . Der Grübler erhebt sich , bindet sein Halstuch los , wirft seinen Rock von sich , tritt dem Ufer näher , späht um sich und ist eben im Begriff , in der stillflutenden , morgenrothüberschienenen Welle seinem Leben ein Ende zu machen , als ihm aus dem Gebüsche sein Name zugerufen wird . Er stutzt . Paul reißt das Strauchwerk , das ihn schützt , mit letzter Anstrengung auseinander und schwankt dem Ufer näher , halb in den Sand sinkend , halb am Eichbaum sich haltend , wo das Tuch , der Rock , der Hut liegen . Hackert ! ruft der Selbstmörder und verliert den Muth zu einer entsetzlichen That , deren Schein ich mir einst , wie Sie wissen , selbst am Hudson gab . Er schwankt zurück aus dem Wasser , das schon seinen Fuß benetzt hatte , erkennt einen ihm wohlbekannten jungen Mann , findet ihn hülflos , erschöpft , stöhnend , hört die Vorwürfe , die ihm für sein Beginnen von einem Menschen gemacht werden , der eben selbst zu sterben scheint . Eine Erörterung , zu der mein Sohn keine Kraft mehr hatte , ersetzte ihm ein Gegenstand , den er halbbewußtlos stumm dem Selbstmörder darreichte . Es war ein Paket von den aus der Lücke des geborstenen Schreins entglittenen Stadt-Kämmereischeinen . Was dann mit Paul geschah , weiß er selbst nicht . Er kam erst zur Besinnung in jenem Jägerhause , hörte , daß ihn dorthin ein Mann in früher Morgenstunde zur Verpflegung übergeben , sich entfernt hatte , wiedergekommen wäre und daß er schon seit acht Tagen hier in diesem Hause verpflegt würde und meist im Fieber läge . Ihn aber quälte nur der Schrein unter den Zweigen , auf den er sich bald besonnen . Er forschte . Man sprach unverfänglich . Dennoch ließ ihm die Gefahr seines Kleinods keine Ruhe . Ohne Zweifel trieb ihn die alte Sinnenstörung , die Mondsucht , von seinem Lager , wo man ihm aus Rücksicht auf den vornehmen , wohlbekannten Mann alle Sorgfalt widmete , trieb ihn hinaus in den Wald , in ' s Gebüsch , wo der Schrein von ihm verborgen unter Moos und Zweigen ruhte . Dort schnupperten ihn an einem Morgen Jagdhunde auf , denn auf dem Schrein war er eingeschlafen . In der zweiten Nacht dieselbe unwillkürliche Angst im Traum , wieder findet man ihn an jener Stelle . Er ahnt , daß man Verdacht schöpft . Da treibt ihn wie rasend empor die Vorstellung der Entdeckung . Der , den er vom Selbstmorde rettete , war auf ' s Neue da gewesen , hatte mit ihm freundlich geredet ; er besann sich wohl im Fieber der Worte : Hackert , du hast den Schrein gestohlen ! Gib ihn heraus ! Die Scheine , die du mir gabst , betrugen mehr als fünftausend Thaler ! Was beginnen wir damit , Junge ? Wo ist der Schrein ? Du hast ihn ? Und als Paul Zeck sich im Bett wälzte , drohte ihm , er wußte nicht ob wirklich oder nur in Phantasieen , der Gerettete , sprach von Gerichten , wollte den Wald von Oben zu Unterst kehren lassen - da war , erwachend zur Besinnung , sein Entschluß gefaßt . Unbekannt mit dem Bruch des Schlüsselbeines , einem Schaden , den man lange tragen , lange nicht merken kann , schleppt er sich endlich davon , holt den Schrein und wagt sich mit ihm in Richtungen weiter , die nach Westen gehen . Er findet da und dort einen Träger , einen Bauer , einen Burschen , Leute , die ihm helfen . Vorläufig nach dem Harze , nach Angerode zu ! war seine Loosung , wenn er einen Bauernwagen traf und um Aufnahme bat . Aus Wald und Nacht wagte er sich nicht mehr hinaus . Hinter der Elbe trifft er auf einem Kreuzweg einen Mann , der traurig und nachdenklich auf einem Karren sitzt , auf dem er große Kästen voll kleiner belebter Vogelbauer fuhr . Warum seid Ihr traurig , Mann ? fragte mein Sohn , sich mit seiner Bürde mühsam hinschleppend . Mein bester Freund und Gönner ist gestorben , sagte der Vogelhändler . Er nannte den Präsidenten des Obertribunals , den greisen , fast neunzigjährigen Dagobert von Harder . Er liebte die Thiere mehr als die Menschen ! sagte der Mann . Wenn ich zu ihm kam mit meinen Vögeln , nahm er mich auf wie einen Freund , es wird die letzte Fahrt von Angerode sein . Paul , mein Sohn , wußte , daß diesem Greise die Entscheidung des Johanniterprozesses gebührte . Ist der Rabenvater todt ? fragte mein Sohn . Er faßte aber den Vater der Raben nicht wie der Vogelfänger auf , sondern im Bezug auf den Rabenstein . Höre , sagte Paul , laß den Schrein da auf deine Karre zu den Vögeln thun : sie kommen alle aus demselben Reich der Luft und die alte Exzellenz wird um uns sein und unsre Habe beschützen ! Der Vogelhändler betrachtete befremdet das seltsame Stück . Plaudernd erreichte der Kranke seinen Zweck . Der Schrein wird aufgeladen . Um den Buchfinken und Zeisigen den Wald auch auf der staubigen und sonnigen Landstraße zu zaubern , belegte ihn Paul behutsam mit abgebrochenen Zweigen , die den Schrein verdeckten . Man sah nur die hüpfenden Vögel , nicht den Schrein ; der Vogelhändler schob den Karren . Paul schleppte sich hinter her . Fiebernd , elend , hinkend , mit aufgeschwollener Entzündung der Brust , aber ungefährdet kam er in Angerode an , wo der Fuhrmann Peters seine Loosung war . Er fand ihn auch , den neuen Wirth vom Pelikan , der Dankmar bis Angerode gefahren hatte und dann in der Stadt verblieb , bis er da ein kleines Besitzthum verkaufen konnte