Speculation nicht schändet ... Sollte es allmählich herauskommen , daß sie einen Handel mit allerlei kostbaren türkischen Waaren , Shwals , Seidenstoffen , Kleinodien trieb - was that ihr das - ! ... Diese Dinge kamen ihr aus Kleinasien zu , wo in Brussa , an den Abhängen des Olympos , da wo einst im ambrosischen Licht die Götter Homer ' s gethront , Abdallah Muschir Bei wohnte , ein vornehmer reicher Mann , Renegat , niemand anders , als der ehemalige päpstliche Sporenritter und Oberprocurator Dominicus Rück ... Wir kennen die Schreckensscene , als Ceccone , der ohne Lucindens Plaudereien nicht leben konnte , in einem Cabinet , dessen Thür durch Zufallen von innen sich von selbst verschloß , bei ihr verweilte , Sarzana mit blanker Klinge die Thür sprengte und nach dem Cardinal stach ... Als damals Lucinde zu den » Lebendigbegrabenen « geflohen war , ließ sich eines Tages am Sprachgitter ein Fremder melden , welcher seinen Namen nicht nennen mochte ... Ueberall Mord und Verrath fürchtend , wagte sich Lucinde nicht ans Gitter , sondern ließ sich verleugnen ... Dieselbe Meldung kam acht Tage später wieder ... Als sie nun tiefverschleiert und wie eine Nonne am Gitter erschien und den Mann erkannte , welcher sie zu sprechen wünschte und den sie zum letzten mal gesehen als einen fast von ihrer eigenen Hand Erhängten , erbebte sie , überflog in schneller Fassung die gegenwärtige Stellung , in der sie sich befand , ihre Rücksichten , die Gesinnung , die sie zur Schau tragen sollte , wechselte nur wenige kalte Worte mit ihm und gab sich ganz den Nimbus , der ihr als Gräfin und Fromme gebührte ... Bei einer dritten Meldung nahm sie den unheimlichen Besucher gar nicht an ... Inzwischen blieb sie bei den alten Parzen des Klosters wohnen und sah die wahnsinnige Lucrezia Biancchi in ihren Armen sterben ... Jetzt schrieb ihr Rück ... Ob sie denn ganz die deutsche Heimat vergessen hätte , ob sie ihn für unwürdig hielte , dem Puppenspieler Weltgeist hinter die Coulissen zu sehen , mit einzublicken in die Gedankenmaschinerie einer großen , stolzen und die Welt verachtenden Seele , wie die ihrige - oder ob sie Furcht haben könnte - vor wem ? - vor was ? - Vor sich selbst - doch gewiß am wenigsten ! - Wol gar vor ihm - ! ... Er bot ihr , die in so viele Geheimnisse seines Daseins eingeweiht war , die ihn vor den schrecklichen Folgen der Rache Hammaker ' s vom Hochgericht hernieder bewahrt hatte , den Mitgebrauch seines Vermögens , das er , nach einer Trennung von seiner Frau , so weit an sich gebracht hatte , als ihm sein eigen Erworbenes nicht entzogen werden konnte ... Zur Ehe nehmen konnte er Lucinden nur dann , wenn beide die Religion wechselten ... Auch das schlug Nück vor ... Er schilderte den » schwarzen Falken « , einen Indianerhäuptling voll Tapferkeit , Großmuth , Gerechtigkeitliebe , der an nichts geglaubt hätte , als an den » großen Geist « - ... Er erläuterte die Philosophie Buddha ' s mit wenig Federstrichen - ... Jedenfalls schlug er nicht den verhaßten » Rückschritt « des Protestantismus , sondern , wenn sie wolle , Islam oder Judenthum vor ... Lucinde war damals so unglücklich , daß sie diese Zeilen lange mit Aufmerksamkeit betrachtete . Es war ein Brief in den Wendungen , wie sie Nück liebte - Cynismus abwechselnd mit Melancholie ... Offen gestand er , daß er sich daheim nicht mehr hätte halten können ; zu schlimme Gerüchte hätten ihn verfolgt ; ein ruheloser , unstäter Geist irre er jetzt von Stadt zu Stadt und wiche Jedem aus , der sich , weil er wisse , daß er einen Kopf , zwei Arme und zwei Beine hätte , ein vernünftiges Wesen dünke ... Rom , für dessen Macht und Herrlichkeit er sonst seine eigene Vernunft eingesetzt , erschiene ihm eine wüste Einöde ... Er müsse sein altes von Hause mitgebrachtes Rom nehmen und über die langweilige Stadt , die er hier anträfe , » überstülpen « , um hier nur auszuhalten ... Nur den ihm geistesverwandten Klingsohr hätte er besucht und von diesem die Empfehlung eines ehemaligen türkischen Priesters , der Christ geworden , erhalten ... Um seinerseits umgekehrt vielleicht ein Türke zu werden , lerne er von diesem die türkische Sprache ... Er bot Lucinden an , sein Weib zu werden und mit ihm nach Kairo zu gehen ... Sie antwortete ihm nicht und Nück verschwand dann aus Rom ... In Neapel vervollkommnete er seine Kenntnisse im Türkischen , ging nach Stambul , von da nach Brussa ... Ohne ihr die ihm bewiesene Kälte nachzutragen , schrieb er Lucinden als Abdallah Muschir Bei ... Die beredtesten Schilderungen zeigten ihn als leidlich glücklich ; er beschrieb seine Einrichtung , den Harem seiner Frauen ; - nur bedauerte er , daß er krank und alt wäre ... Gerade dies von Erdbeben heimgesuchte , jedoch über alle Beschreibung schöne Brussa hätte er gewählt , weil die berühmten Schwefelquellen der Stadt » direct aus der Hölle flössen « ... Seinen Justinian könne er nun nicht mehr verwerthen und hätte auch nach so langer Advocatenpraxis ein unwiderstehliches Bedürfniß nach Ehrlichkeit ... Deshalb wolle er - Kaufmann werden , wie sein Schwager Guido Goldfinger - im Orient befleißigte der Kaufmannsstand sich wirklich der Ehrlichkeit ... An den berühmten Seidenwebereien Brussas betheiligte sich Abdallah Muschir Bei mit Kapitalien ... Jetzt antwortete ihm Lucinde und es vergingen seitdem nie sechs Monate , wo nicht über Stambul und Venedig her ein Geschenk an kostbaren Stoffen , seidenen oder wollenen , an Teppichen und Shwals , auch an kostbaren Geschmeiden für sie ankam ... Da in diesen Briefen jeder seinen Standpunkt beibehielt , so konnten sie nicht ohne Reiz zur Fortsetzung bleiben ... Abdallah verharrte dabei , daß er Lucinden geliebt hätte , liebe und lieben würde in Ewigkeit ... Auch noch jetzt könnte er seinen Sklavinnen nur Geschmack abgewinnen , wenn seine Phantasie sie in Lucinden verwandelte ... Die Geschenke Abdallah ' s zurückzuschicken oder abzulehnen war zu umständlich - Lucinde behielt sie und verkaufte sie gelegentlich , wenn sie in Noth war ... Ein einziger Shwal half ihr dann auf Monate ... Ihre demnach mit türkischem Geld unterhaltenen » ultramontanen Donnerstage « wurden von allen jenen Menschen besucht , die nach Rom ziehen , wie die Weisen des Morgenlands nach Bethlehem ... Alle Nationen waren hier vertreten ... Die süßlächelnden jesuitischen Abbés der Franzosen ; die englischen Katakombenwallerinnen , die im feuchtmodernden Tuffgestein die anderthalbjahrtausendalten Fußtapfen der Wiseman ' schen » Fabiola « suchten ; deutsche Künstler , die den Untergang des Geschmacks von den zu weltlichen Madonnen Raphael ' s herleiteten und an Giotto anknüpften ; Gelehrte , die alle gangbaren Geschichtsbücher umschrieben , so , daß sie immer das Gegentheil dessen , was die deutschen Kaiser erstrebten , als das Richtigere darstellten , die Päpste zu allen Zeiten Recht behalten ließen - meist fanatische , geistvolle Menschen - und Gräfin Sarzana wußte selbst Die unter ihnen zu fesseln , die nicht die Intrigue liebten ... Das Deutsche , mit dem sie oft begrüßt wurde , behauptete sie vergessen zu haben ; schon lange sprach sie ihr Italienisch mit Feinheit und jedenfalls in jenem rauhen , tiefliegenden Ton , der am gewöhnlichen Organ der Italienerinnen den bekannten Wohllaut ihres Gesangs bezweifeln lassen könnte ... Ihre Kunst , einen Abend belebt zu machen , Niemanden zu lange im Schatten stehen zu lassen , galt für musterhaft ... Gelehrte Streitigkeiten duldete sie bis zu einem gewissen Grade , der jedoch bei weitem über den der Oberflächlichkeit hinausging - ... Viel hockte sie unter Büchern , die ihr Klingsohr bis an seinen vor einigen Jahren erfolgten Tod zutrug - die Hektik , die Cigarre und der Orvieto untergruben ihn - ; sie lernte unaufhörlich und konnte aus Bibel und Kirchenvätern eine Menge Beispiele für Behauptungen anführen , die den größten Lichtern der Sapienza und des Collegio anregend waren ... Ihr Vorsprung war dabei der , daß sie alles Vergangene so nahm , wie Gegenwärtiges ... Die Menschen hatten nach ihrer Auffassung zu allen Zeiten dieselben Schwächen , dieselben Bedürfnisse ; die Forderungen der Natur waren sich zu allen Zeiten gleich ... » Sonderbar ! « sagte sie - » Die Gelehrten sind auf diese Voraussetzung so wenig gerüstet ! Für das Natürlichste , für den Gebrauch eines Nasentuches in der Hand Cicero ' s , muß ihnen erst ein Citat aus einem alten Schriftsteller die beruhigende Anlehnung geben ! « ... Von Klingsohr , dem es gegangen , wie den deutschen Lanzknechten im Mittelalter , wenn sie bis zu dem altgefährlichen Capua kamen , schrieb ihr Abdallah Muschir Bei : » Ist er nun zu seinem Vater und zum Kronsyndikus ! O , dieses eitlen Prahlers ! Er erstrebte eine Bedeutung , zu welcher ihm weniger Fleiß und Beharrlichkeit , wie er vorgab , als schöpferisch geistige Kraft fehlte ! Statt letzteres offen einzugestehen , schmähte er die Trauben , die ihm zu hoch hingen ! Das ganze deutsche Volk ist wie Klingsohr und gewiß fressen es auch noch einmal die Kalmücken und Tartaren ! « ... Lucinde theilte diese Ansichten ... Als sie die ihr von Klingsohr hinterlassene Habe desselben musterte , Brauchbares verkaufte , seine Papiere , seine angefangenen philosophischen Werke unbarmherzig ins Feuer warf , sogar seine Gedichte , in denen doch nur sie besungen war , ließ sie sich selbst von jener Brieftasche nicht rühren , die einst in Klingsohr ' s und ihrem eigenen Jugendleben eine so große Rolle gespielt hatte ... Nachdem sie einen Augenblick zweifelhaft gewesen , ob sie dies Angedenken an die düsteren Verwickelungen im Hause der Asselyns und Wittekinds nicht gleichfalls mit in jenes Kästchen von Ebenholz legen sollte , das ihren ganzen Lebensschatz enthielt - mit zu den noch unverkauften Gold- und Silbergeschenken Nück ' s - zu all den Briefen und Blättchen , die sie von Bonaventura ' s Hand besaß - zu Serlo ' s Denkwürdigkeiten und zur Urkunde Leo Perl ' s - verbrannte sie es - gerade an einem Tage , wo drei deutsche Pilger bei ihr vorgesprochen hatten , die zu Fuß nach Rom gewallfahrtet kamen , Stephan Lengenich , Jean Baptiste Maria Schnuphase und der Paramentensticker Calasantius Pelikan aus Wien ... - Alle drei erhielten zeitig den gesandtschaftlichen Rath abzureisen - sie betranken sich täglich ... So gab es der Abwechselungen genug , zu denen sich dann die Reisen , der Aufenthalt in Genua , in Coni gesellte , bis die Revolutionen ausbrachen , wo sich Lucinde in Venedig und glücklicherweise durch die Hülfe hielt , die ihr aus dem Orient kam ... Jetzt war ein halbes Jahr seit » Wiederherstellung der göttlichen Ordnung « verflossen ... Wieder war die römische Saison , kurz vor dem Carneval , in aufsteigender Höhe ... Wieder war ein » Donnerstag « gewesen ... Lucinde saß , zufrieden mit der Zahl ihrer heutigen Gäste , mit der Erinnerung an ihre eigenen Einfälle und Repliken , die sie zum Besten gegeben ( was mustert man nicht alles nach einem Gesellschaftsabend am Effect , den man im Leben machen soll oder will ! ) ... Die Herzogin von Amarillas war zugegen gewesen , noch immer tief in Trauer gehüllt - im übrigen starr , versteinert , bis zum Peinlichen unbeweglich geworden ... Olympia Rucca , die zur Besserung ihrer Finanzen mit ihren Schwiegerältern Frieden geschlossen hatte und sich gleichfalls noch derselben Trauer widmete , die auch nicht Ercolano , ihr Gatte , um Cäsar Montalto abgelegt hatte - Ercolano sah in Benno ' s Verhältniß zu Olympien nur eine persönliche Aufopferung der Freundschaft zu Gunsten seines Friedens , zur Vereinfachung seiner Sorgen um eine » nun einmal schwer zu behandelnde « Frau - » Es gibt solche Ehemänner - ! « sagte Lucinde ... Auch Fefelotti , der wiederum allmächtige Cardinal , war dagewesen und hatte Lucinden durch eine heimlich zugeflüsterte Mittheilung erfreut ... Sie hatte den Athem des Mannes zwar nicht gern in ihrer Nähe , aber sie hörte doch mit Vergnügen , was er ihr heute zugezischelt ... Es erfüllte sich also , daß ( irgendwo in Europa ) mit einem hochbetagten lutherischen Landesvater , bei dessen Hoftheater die beiden Fräulein Serlo als Tänzerinnen engagirt , dann im geheimen zu Freiinnen von * * * erhoben waren , durch Vermittelung dieser Favoritinnen ein für Rom günstiges Concordat abgeschlossen werden sollte ... Hatte auch Lucinde , die dies Arrangement zu Stande gebracht , gerade kein besonderes Interesse an der Summe , die man ihr zahlen wollte , wenn die Freiinnen von * * * nebst ihrer alten Mutter so lange weinten und sich kasteiten und sich abhärmten und den alten Landesvater selbst beim Champagner und nachts zwölf Uhr , wenn er im Mantel verhüllt nach Hause schlich , durch ihre Gewissensbisse peinigten , bis dieser nachgab und den für ein protestantisches Land schmählichen Vertrag mit Rom abschloß1 - ihr genügte schon , sich die Curie gründlich verpflichtet zu haben und bitterlächelnd - an Serlo ' s Phantasieen über die Zukunft seiner Töchter denken zu können - ... Heute war ein neuer Gast zum dritten mal dagewesen - Pater Stanislaus aus dem Al Gesù , Wenzel von Terschka ... Sechs Monate hatte dieser Verlorene in Rom verweilt , ohne daß ihn jemand erblickte ... Man sagte allgemein , er hätte eine qualvolle Gefangenschaft , dann eine glorreiche Umänderung seines Sinnes zu bestehen gehabt und nun wäre er nahezu ein Heiliger geworden ... Jedem , der etwa erstaunte , wie hier möglich gewesen , daß ein Mann erst Priester , dann als solcher weltlich beurlaubt , beauftragt , in kurzer Robe sich in die allgemeine Gesellschaft zu mischen , dann in London zum Ketzerthum übergetreten war , wieder nach Rom zurückkehrte , sein altes Priesterkleid - » re quasi bene gesta « sagte Lucinde - wieder anzog - Dem wurde erwidert : All diese Wandelungen im Leben Wenzel von Terschka ' s beruhen auf Verleumdung ! Nie war er vorher ein Priester ! Nie war er ein Protestant ! Jetzt erst führte ihn das Bedürfniß der Heiligung über ein leichtsinniges Leben in die geschlossenen Räume eines Bußhauses ! Erst jetzt ist er geistlich geworden ; jetzt in den Orden des heiligen Ignaz getreten - und auch jetzt erst heißt er Pater Stanislaus ... Allen denen , die etwa an der Richtigkeit dieser Darstellung zweifeln mochten , mußte dieselbe glaubhaft erscheinen , wenn sie die hohle Wange , das düster irrende Auge , den scheuen Blick , den fast verstummten Mund , eine erschreckende Vernichtung an einem Mann wiederfanden , der sonst in Gesellschaften wie Quecksilber glitt ... Der dritte Donnerstag war es heute , wo der unheimlich brütende , willenlos gewordene - alte Mann bei Gräfin Sarzana saß ... Mit dem Schlag der zehnten Stunde brach er jedesmal auf ; er , dem sonst die Nacht gehören mußte ... Punkt fünfzehn Minuten nach zehn mußte Pater Stanislaus hinter seinen düstern Mauern sein ... Lucinde urtheilte über diese Eindrücke , wie über etwas , was sich von selbst verstand auf dem Gebiet ihres Wirkens und Lebens ... Sie , die ja auch in dieser Weise zu den Wiedergeborenen gehörte , ließ ganz ebenso Terschka gelten ... Sie begrüßte ihn ohne jeden Schein einer Kritik und gab dem Pater Stanislaus die Ehre , die seinem Stande gebührte ... Nur ein einziges nagendes Gefühl quälte Lucinden unausgesetzt ... Sie , die sonst die Reue als » unnütze Selbstquälerei « verwarf , bereute doch Eines ... Es war ein Wort , das ihr einst bei ihrer ersten Bekanntschaft mit Cardinal Ceccone über den damaligen Bischof von Robillante entfallen war : » Ich besitze in meinen Händen etwas , was ihn auf ewig vernichten kann ! « ... Daß ihr dies Wort hatte entschlüpfen können , war nur möglich gewesen im ersten Rausch über die ihr gewordenen neuen Erfolge - auch im Zorn nur über Bonaventura ' s damalige Abreise von Wien ... Bonaventura hatte sie in einer Stadt , wohin sie ihm verkleidet durch ganz Deutschland nachgereist war , zurückgelassen , ohne sich weiter um sie zu kümmern ... Oft hatte sie diese Aeußerung , die sie auch aus Furcht vor den Drohungen des Grafen Hugo that , wenn sie daran erinnert wurde , in Abrede gestellt , hatte ihren Sinn harmlos zu deuten gesucht ; aber Ceccone , Olympia , die Herzogin von Amarillas hatten die Aeußerung behalten , oft wiederholt und so rückhaltlos wiederholt , daß sie Fefelotti bekannt wurde ... Dieser , von Haß und Rache gegen Bonaventura seit Jahren unveränderlich erfüllt , hatte der Vorgeschichte Bonaventura ' s nachgespürt , dem Verschwinden seines Vaters , dem beraubten Sarge auf dem Friedhof von Sanct-Wolfgang ... Nach ihrer fernern frühern Aeußerung : » Käme , was ich habe , zu Tage , so müßte der Unglückliche auf ewig in ein Kloster ! « fehlte nicht viel , daß die seit dem Tode Benno ' s zu einem großen Schlage der Rache Verbundenen , Fefelotti , Olympia , die Herzogin , schon aus sich selbst heraus die volle Wahrheit trafen ... Zu einer solchen Entsagung konnte nur Jemand gezwungen werden , der mit einem dem Priesterthum widersprechenden Makel behaftet war ... Selbst die Besuche Terschka ' s , sein lauerndes Umblicken und grübelndes Schweigen schien dem Privatgefühl Lucindens , das von ihrer öffentlich gespielten Rolle abwich , mit einer Verschwörung gegen Bonaventura - sogar mit ihrem Kästchen in Verbindung zu stehen ... Bonaventura war noch in Rom - mannichfach begnadet und höher noch gehoben , als er schon stand ... Im Sommer angekommen , hatte er seine Mutter sterbend gefunden , sie aus dem Leben scheiden sehen , von seinem Stiefvater , der dann nach Deutschland zurückkehrte , Abschied genommen und eben nach Neapel reisen wollen , als er durch einen jener plötzlichen Einfälle , welche an dem inzwischen wieder auf den Stuhl Petri zurückgekehrten Statthalter Christi alle Welt kannte , zum Cardinal erhoben wurde ... Quid vobis videtur ? hatte es aus des heiligen Vaters Munde im Consistorium geheißen und alles blickte auf Fefelotti ... Die alte Regel , zu solchen persönlichen Willensacten des Papstes zu schweigen und ihm die volle Gerechtsame seines Herzens zu lassen , Cardinäle nach eigener Gemüthsregung zu ernennen , wurde auch hier innegehalten so sehr sich die Zeiten verändert und die Porporati den Charakter einer Ständekammer angenommen hatten , aus deren Majorität weltlichverpflichtete Minister kamen ... Die Trauer eines Sohnes um seine Mutter war die nächste Ursache dieser Erhöhung ... Ein Erzbischof mußte hierher nach Rom zu solchem Leide kommen - - ! Der heilige Vater konnte ihm dafür nur den Purpur schenken ... Fefelotti schäumte vor Wuth über die ewigen » Rückfälle « des » unverbesserlichen Schwärmers « , der die dreifache Krone trug ... Er stürmte zu Lucinden , warf ihr die Veränderung ihrer Gesinnungen für den Verhaßten vor , reizte sie durch Paula ' s Glück , die gleichfalls in Rom war , und verlangte von ihr geradezu - jenes Gewisse , das sie gegen die » Creatur einer ihm feindlichen Partei « , wie er Bonaventura nannte , seit Jahren in Händen hätte ... Die düstern schwarzen Augenbrauen zusammenziehend stellte Lucinde ihre ehemalige Aeußerung wiederholt in Abrede ... Jetzt zumal , wo sie mit Bonaventura auf dem Fuß neuer Hoffnungen stand ... Ihre Jahre schreckten sie nicht - ... Sie hatte die drei verbundenen Freunde Bonaventura , den Grafen Hugo und Paula nicht aus dem Auge verloren ... Sie beobachtete scharf ... Sie hatte in Erfahrung gebracht , daß sich im Herzen dieser drei Verbundenen große Kämpfe vollzogen ; Bonaventura sprach für die Wünsche des Grafen , der ganz nach Wien übersiedeln oder wieder in Militärdienste treten wollte ... Paula stand an einem Scheidewege - ob Rom , ob Wien ... Ging sie nach Wien , so waren die Würfel gefallen - Diese Ehe hatte dann ihre natürliche Ordnung gefunden ... Und Bonaventura - ? ... Lucinde war so erregt von dem Gedanken , Bonaventura wäre als Cardinal nun an Rom gebunden , müsse dann und wann von Coni herüber kommen , könne sich ihr , ihrer Macht , ihrem Einfluß nicht entziehen , daß sie Fefelotti mit Indignation von sich wies und diesen Gegenstand nie wieder zu erwähnen bat ... Auffallend war es , daß der neuernannte Cardinal , dem am Tage der Uebergabe des Purpurhutes eines der ersten Fürstenhäuser Roms die üblichen Honneurs machte - Olympia , die Herzogin von Amarillas wohnten diesen Festen nicht bei - doch noch so lange in Rom verblieb ... Der Herbst war gekommen - sogar auf den Winter kehrte der jüngste der Cardinäle immer noch nicht nach seinem Erzbisthum zurück ... Niemand wußte die Veranlassung dieser verzögerten Abreise ... Bonaventura selbst schützte für sein Bleiben Studien über Rom vor ... Sein einziger Umgang war Ambrosi und die Salem-Camphausen ' sche Familie ... Selbst als es mit Olympia zu den unangenehmsten gesellschaftlichen Reibungen kam , blieb dennoch Bonaventura bis in das neue Jahr hinein ... Er will den Carneval sehen ! hieß es ... Man beruhigte sich scheinbar , nur Fefelotti umgab ihn mit Spionen ... Auch Lucinde forschte ... Ganz leise hatte sie einige Fäden von einem Verkehr aufgegriffen , welchen der neue Cardinal mit Neapel , ja mit dem Silaswalde unterhielt ... Ende August schon hatte sie in Erfahrung gebracht , daß Frâ Hubertus und jener Einsiedler , welcher ihnen vor Jahren soviel zu schaffen gemacht , auf Befehl der Inquisition gefangen genommen worden ... Noch zuckte Fefelotti , den sie deshalb befragte , die Achsel und sagte : Die Jesuiten ließen diesen Ketzer allerdings gefangennehmen , mußten ihn aber mit seinen Genossen an die Dominicaner ausliefern ! Sie kennen die Eifersucht der weißen Kutten gegen die schwarzen ! ... Lucinde hörte , daß Bonaventura ' s Verbleiben in Rom mit Geheimnissen des Sacro Officio zusammenhing ; die klare Uebersicht des Tatsächlichen fehlte ihr noch ... Sie durfte erbangen über ein Wiederbegegnen mit Hubertus ; aber sie wollte glücklich sein , wollte hoffen - faßte alles im heitersten Sinne auf und fürchtete für nichts ... Heute saß sie in der allerlebhaftesten Spannung ... Der Grund , warum sie heute noch nicht zur Ruhe gehen wollte und konnte , war kein anderer , als die noch wie im Sturm der Mädchenbrust gefühlte Spannung ihrer Ungeduld , ob die für morgen früh beim ersten Morgengrauen angesetzte endliche Abreise des Grafen - mit oder ohne Paula stattfand - ... Das gräfliche Paar lebte sehr zurückgezogen in einem der großen Hotels an Piazza d ' Espagna ... Der Schleier des Geheimnißvollen , welcher Bonaventura , der seinerseits bei Ambrosi wohnte , und die Freunde umgab , war selbst für Lucinden in den meisten Dingen undurchdringlich ... Lucinde hatte auch für die gegenwärtige Situation nichts anderes erspähen können , als die Absicht des Grafen , in erster Morgenfrühe die längst beabsichtigte und immer wieder aufgeschobene Reise nach Deutschland anzutreten ... In erster Morgenfrühe sollte ein Bekannter eines ihrer Bedienten von Piazza d ' Espagna , wo dieser im Hotel aufwartete , die Nachricht bringen , ob Graf Hugo - mit oder ohne seine Gemahlin abgereist war ... Reiste der Graf mit Paula , so war es ihre Absicht , für ihre noch immer glühende Liebe eine neue Demonstration zu versuchen ... Sie wollte beim Cardinal Ambrosi vorfahren , wollte die Urkunde Leo Perl ' s , eingesiegelt , mit einem Schreiben an Bonaventura versehen , am Palast der Reliquien abgeben - sie wollte die Bitte hinzufügen , den Empfang ihr durch eine ausdrückliche Meldung an ihren Wagenschlag oder einen Gruß am Fenster beantworten zu wollen ... Reiste Paula nach Wien , so hatte sie die Absicht , sich aufs neue in der Glut ihrer nur mit dem Tode ersterbenden Liebe zu zeigen , selbst mit Gefahr , den Bund , der sich gegen Bonaventura verschworen zu haben schien , zu Gegnern zu bekommen und die Protection Fefelotti ' s zu verlieren ... An ihre schon grauen Haare , an ihren gekrümmten Rücken , an ihre sechsunddreißig Jahre sollte sie dabei denken - ? ... Was ist einem Weib von Geist - ihr Spiegel ! Liebesfähigkeit gibt ihr der Wille und des Willens ewige Jugend ! ... Da scheut sie keinen Wettkampf mit der glatten Wange des Mädchens - eine » Jungfrau « war sie ohnehin geblieben bei allen ihren Herzensconflicten mit Oskar Binder , Klingsohr , Serlo , Nück , Ceccone , Fefelotti - Gräfin Sarzana war sie nur am Altar geworden ... Lucinde nahm aus ihrem Schreibbureau ihr Kästchen ... Es hatte die Form einer größern Reisecassette , war von schwarzgefärbtem Holz und mit einem guten Schloß versehen ... Sie schloß es auf - blätterte in Serlo ' s Papieren - ließ einige Brochen von Türkisen und Diamanten am Lichte funkeln - verlor sich in Träume , überlegte den Brief , welchen sie schreiben wollte , verschloß ihr Kästchen wieder und wollte nun zur Ruhe gehen ... Als sie in ihrem Schlafcabinet begonnen hatte sich zu entkleiden , hörte sie in der Nähe ein Geräusch ... Es war ein eigenthümlicher Ton , dessen Ursache sie sich nicht erklären konnte ... Sie ergriff ihr Licht ... Indem sie um sich leuchtete , fiel ihr ein , daß sie im Nebenzimmer ihr Schreibbureau offengelassen und ihr Kästchen nicht wieder eingeschlossen hatte - ... Darüber schon zitternd trat sie ins Nebenzimmer , fand hier alles still , verschloß rasch ihr Kästchen und blickte um sich ... Wieder erscholl der fremdartige leise Ton , der von irgend woher draußen und dicht neben ihrem Fenster hörbar blieb ... Jetzt hätte sie den Ton so erklären mögen , als bewegte der Wind einen Klingeldraht ... Da ein solcher nicht in der Nähe und die Luft still war , die Nacht eher schwül , als windbewegt , so konnte jenes Geräusch vom Winde nicht herkommen ... Es dauerte fort ... Sollten Diebe in der Nähe sein ? ... Ihren Dienstboten zu rufen , versagte ihr bei diesem Gedanken schon der Athem ... Sie wohnte zwar in einer lebhaften Straße , aber mit dem Gegenüber eines alten unbewohnten Palastes ... Lauter Ruf hätte auch vielleicht die Diebe entwischen lassen ... Jetzt bemerkte sie , während jener leise schnurrende Ton fortdauerte , am Fenster einen Schatten , wie von einem Seil ... Ihr Auge blieb auf diesen hin- und herschwankenden Schatten starr gebannt ... Sie klingelte jetzt heftig ... Im gleichen Augenblick stürzte vom Dach über ihr ein Ziegel oder sonst ein Gegenstand auf die Straße , der unten zerbrach ... Auf ihren Balcon , der vielleicht gar durch ein Seil von oben her sollte erstiegen werden , hinauszustürzen hatte sie keinen Muth ... Der große weite Saal , zu welchem jener Balcon gehörte , war unheimlich ; um zu den Bedienten und Mädchen zu gelangen , mußte sie ihn durchschreiten ... Sie klingelte wiederholt und bekam endlich die Hülfe ihrer Leute ... Vom Balcon aus entdeckte man in der That einen vom Plattdach herabhängenden Strick ... Die Diener , leidlich beherzte Bursche aus dem Gebirg , sprangen , ungeachtet alles Abmahnens , mit großen Küchenmessern einen Stock höher und von dort , wo sich die Waarenlager eines Tuchhändlers befanden , auf die Plattform ... Hier regte sich nichts ... Man hatte nur den freien , sternenhellen Himmel und ein unabsehbares Durcheinander von Schornsteinen ... Der Dieb hatte sich also bereits in eines der Nachbarhäuser geflüchtet ... Luigi , einer der Bedienten , fand das Seil , das mit dreifachem Knoten um einen hohen Schornstein gewunden war und das jedenfalls einen Menschen halten konnte , der sich - etwa auf diesem Wege zum Balcon hätte hinunterlassen wollen ... Ueber dem lauten Rufen und Erörtern wurde auch die nächste Nachbarschaft im zweiten und dritten Stock lebendig ... Die Mägde machten sich durch das lauteste Schreien Muth ... Die Nachforschungen , jetzt von den Nachbarn unterstützt , führten zu keiner Entdeckung , welche den Strick erklären konnte ... Beim Schein des von Lucinden in ihr Schlafcabinet getragenen und da erst von ihm entdeckten Lichtes hatte sich ohne Zweifel der Dieb aus dem Staube gemacht ... Die Gräfin mußte warnen , die Untersuchungen auf dem Boden fortzusetzen , da die Lichter hin und her flackerten ... Jetzt erst erkannte sie , in welcher feuergefährlichen Nachbarschaft sie lebte - ! ... Die Tuchhändler des Ghetto hatten hier ihre Vorräthe an Tuch und Wolle liegen ... Das Parterre war allerdings so verfallen , daß dem Besitzer des Hauses auf anderm Wege für diese Räume keine Miethe mehr wurde ... Als es still geworden , der Strick abgeschnitten , die Schlösser und Riegel der Schränke untersucht waren und alles wieder zur Ruhe ging , warf sich die Gräfin in höchster Aufregung auf ihr Bett und ließ sich von den schreckhaftesten Bildern peinigen , die diesen Ueberfall als wirklich vollzogen ausmalten ... Und wenn er sich wiederholte - ? Wenn der Dieb wol gar im Hause , in den Zimmern noch versteckt wäre ? ... Sie hatte sich eingeriegelt und ihr kostbares Kästchen jetzt mit in ihr Schlafcabinet genommen ... Allerdings lag es nahe , an ihre wunderlichen Handelsgeschäfte , an ihren häufigen Verkauf von Pretiosen zu denken ... Ihr aber bildeten sich andere Vorstellungen ... ... Sie dachte an die abenteuerlichsten Absichten - sie sah einen Abgesandten Fefelotti ' s , der sich ihres Kästchens bemächtigen sollte ... Die längst verbleichten Bilder Picard ' s , Hammaker ' s , Oskar Binder ' s tauchten mit frischen Farben vor ihren Augen auf ... Der Morgen erst bot Beruhigung , der ermuthigende , alles belebende Sonnenschein ... Rings öffneten sich die an jedem Fenster in Rom angebrachten Markisen , die sich Lucinde freuen konnte diese Nacht nicht geschlossen gehabt zu haben ; denn nur so hatte sie hören können , was am Fenster vorging ... Von allen Bewohnern der Straße schien das nächtliche Ereigniß erörtert