väterlichen Boden nicht auch ein Bindemittel der Ordnung ? Ist die pflegende und hüthende Pietät nicht in deinem Staate unterzubringen ? Aber in der Nothwendigkeit zurückhalten zu müssen , vermied er Erörterungen wie diese , die wol seinen alten romantischen Doktrinen entsprochen hätten . So kam er nur auf das Wort zurück , das er schon gesagt hatte : Er würde sich mit einem Käufer des Ganzen oder Einzelnen nicht einigen . Der Fürst wandte sich und wagte die halb lächelnden , halb verweisend ernst vorgetragenen Worte : Das klingt ja fast , als sollte ich allein nur die Ehre haben , der Auserwählte Ihres Fleißes zu sein ! Rodewald verwand diese böse Rede mit Schmerz . Er hätte erwidern können : Allerdings ! Ich kannte Ihre Mutter , schätzte sie ... er that es nicht , er versuchte auf dem geschäftlichen Standpunkte stehen zu bleiben . Eine Zerstückelung , sagte er , hebt meine Hoffnungen auf . Wenn ich durch den Gewinn des Waldes nicht decke , was ich an der Sterilität des Feldes verliere , wenn nicht eine Lokalität der andern in die Hände arbeitet , ergibt sich kein großes Resultat . Für ein kleines hab ' ich bereits zu bedeutende Anstrengungen gemacht . Durchlaucht erklären , daß ich entschädigt werde . Ihr Entschluß steht fest . So hab ' ich nichts weiter zu sagen . Und schon wollte Rodewald , tief erkältet , durchfröstelt bis in ' s innerste Herz sich zum Gehen wenden ... Da sagte Egon , überrascht von dieser Entschiedenheit und durch die Abwesenheit aller weitern Wünsche des ihm so nahestehenden Mannes fast beschämt : Bleiben Sie doch noch ! Gefällt es Ihnen denn in Europa wieder ? Sie waren viele Jahre in Amerika ... Fast dreißig Jahre ... Sie haben eine liebenswürdige Tochter zurückgebracht , eine Enkelin der Frau von Harder ... Rodewald schwieg . Aber was er dachte , war der Wunsch : Wüßtest du , was ich gelitten , als ich glaubte , du wärest diesem Kinde , deiner Schwester , nicht fremd , diesem geliebten Kinde , das ich mein nennen darf vor der Welt und an dessen Leben sich keine Reue knüpft ! Sie haben die Aussicht , einen sehr reichen Schwiegersohn zu gewinnen , Dankmar Wildungen ... fuhr Egon fort ; hatte sein Aufenthalt bei Ihnen keine gerichtlichen Folgen für Sie ? Wir haben strenge Gesetze für die Hehler von Dieben und Mördern , sagte Rodewald . Die waren hier nicht anwendbar . Im Übrigen stand Dankmar Wildungen im Begriff , sein Verhältniß zu meiner Verwaltung aufzugeben ... zuletzt bin ich sein Oheim . Ich habe einige Monate lang mit diesem Brüderpaar einen vertrauten , geselligen und sehr wohlthuenden Verkehr unterhalten , begann Egon , jetzt etwas sich erwärmend . Den Jüngsten lernt ' ich in einer Zeit kennen , wo ich der Freundschaft bedurfte , um nicht unterzugehen . Ich habe die Idealität seines Strebens immer getadelt , aber im Übrigen seinen Charakter , seine Diskretion , seine vortreffliche Haltung in jedem Lebensverhältnisse anerkannt . Mein Leben war abentheuerlich . Manches lernt ' ich aus Büchern , das Meiste aus dem Leben . Ich bin streng gewesen gegen die früheren Freunde , weil ich an derselben Grenze unsrer Beobachtungen mit ihnen stand und sie mir doch immer einräumten , daß wir etwas in ' s Volk hineintragen , was nicht in ihm lebt . Ich liebe das Volk , ich bin kein Staatsmann der Studierstube , der Antichambres , ich schmeichle Niemanden . Ich schmeichle aber auch dem Volke nicht . Ich kenne die gefährlichsten Feinde der Gesellschaft , es sind die Lüge und die Trägheit . Früher sprach ich Das in Scherzen aus . Oft genug mit den Wildungen und mit einem gewissen Louis Armand . Lieber Himmel , wir führten das wolkenloseste Leben , wir waren glücklich , wenn unsre Scherze nicht weiter reichten als der Dampf der Cigarre , die wir rauchten . Was kommt auf den Zwiespalt der Theorieen an , wenn man in der schönen Natur lebt , wenn man von Pferden , von schönen Frauen , von Geist und Poesie im Allgemeinen spricht ! Ich würze gern an der Tafel meinen Appetit mit guter Unterhaltung und immer die gleichen Meinungen , das gibt keine gute Unterhaltung . Also ich liebte diese Wildungen ! Und Louis Armand ! O mein Gott , was hab ' ich die Freunde gewarnt und gebeten , was ihn und die Brüder an die mir schmerzlichen neuen Pflichten erinnert - aber , wenn es einmal zu einer Entscheidung kommen soll , wenn man durch den Zufall in eine Position gestellt wird , wo es ganz unermeßlich heilige Zwecke zu verwalten gibt , dann bleibt nichts Andres übrig , als es zu machen wie die Helden im Homer . Man prallt mit Schild und Speer an dieselben Heroen , denen man vor der Schlacht über ihre Noblesse , ihre Armatur , ihre gute Haltung , ihre Genealogie die anständigsten Komplimente gemacht hat ... Es lag in diesen rasch herausgepolterten Worten so viel Natürlichkeit , daß Rodewald unwillkürlich lächeln und an ihnen eine Art Gefallen finden mußte ... Ich habe die Halbheit nie leiden können , fuhr Egon fort . Ich lebte in Genf als junger Mensch cribblé de dettes , von Schulden fast aufgefressen . Ich hatte es satt , unter solchen Verhältnissen mich zu kompromittiren . Ich trieb nicht Romantik , sondern es war mein bittrer Ernst , als ich in die Verborgenheit flüchtete und lieber verschollen sein wollte , als unter elenden Bedingungen einen großen Namen tragen . Ich habe in der Politik immer dieselbe Loosung gehabt . Koalitionen und Fusionen , wie diese Quacksalberei der neuern Staatsweisheit heißt , sind mir zuwider . Ich wollte einen Staat der Pflichten aufbauen . Einen Staat der Arbeit nach jeder Richtung hin . Ich habe Das Ihrem Neffen hundertmal gesagt . Dankmar hat meine Theorie bestritten und mir nur negative Dinge angerathen . Man kann nicht regieren mit Negationen . Luftige Utopismen sind in den meisten Fällen Gelegenheiten zur Ausbeute für die Charlatane . Ihre Neffen haben das horrible Phantasma eines Bundes aufgestellt , der von den Gerichten wie eine Verschwörung aufgefaßt worden ist . Ich weiß sehr wohl , was er will und was er den Gerichten verschwieg . Ich sah die ersten Keime dieser Gedanken in ihm aufblühen . Hier , hier , an diesen Tisch , da an jenen Thomas a Kempis knüpften wir unsre ersten Gedankengänge an , von denen ich nicht ahnte , daß sie ihn so in die Region der Lüfte führen würden . Es ist wahr , es ist Alles geschehen , um ihn in seinem Idealismus zu ermuthigen . Er hat durch zähe Beharrlichkeit einen Prozeß gewonnen , der ihm eine wunderbar glänzende Zukunft verspricht ... Sie wissen , unterbrach Rodewald diese aufwallende Mittheilungslust , Sie wissen , daß dies unglaubliche Glück so gut wie verronnen ist ... Man sagt , der Bund hätte die Flucht befördert , die ein Theilnehmer mit dem Leben büßte . Aber die Scheine werden doch ausgegeben , werden doch von den westlichen Provinzen her verbreitet , ich versichre Sie , die Mitglieder des Bundes sind ohne Sorge um diese Errungenschaft , die ja , wie bekannt ist , nicht einmal den Brüdern allein , sondern der großen Chimäre von der neuen Templerei allein zu Gute kommen soll ... Können Sie denn eine solche Verwendung billigen ? Was sagt Fräulein Selma dazu ? Und Olga Wäsämskoi , die Ihnen , diese schlimme kleine Intriguantin , die Ehre verschaffen wird , eine Fürstin zur Nichte zu haben ? ... Egon konnte so nicht weiter ; bei jeder neuen Thatsache trat er wie auf Fußangeln und dabei diese ruhige Aufmerksamkeit des würdigen Mannes , der nur hörend vor ihm stand , dies leuchtende Feuer , das in Rodewald ' s Augen zuckte , dies sichtliche Behagen in der Annäherung an Egon ' s menschlichere Regungen ... er mußte sich selbst unterbrechen und ließ Rodewald ruhig gewähren , als dieser sagte : Ich freue mich des warmen Antheils , den Durchlaucht noch an den persönlichen Schicksalen geringerer Menschen nehmen . In dem Bunde der Ritter vom Geiste und was mit ihm zusammenhängt , liegt nicht die größte Gefahr unsrer Zeit . Verkleinern will ich die Bedeutung dieses Bundes nicht . Ich glaube , daß es schwierig ist , die Thatsachen der Gegenwart so zu verwalten , wie sie sind und dabei den Geist gegen sich zu haben . Dieser Geist , Durchlaucht , ist keine doktrinäre Wahrheit , etwa irgend eine neue Philosophie , sondern nur das Gefühl der furchtbarsten Entmuthigung , die plötzlich Jeden doch in seinem Wirken überfallen muß , wenn ihm Etwas sagt : Du irrst dich , die Geschichte hat zu allen Zeiten etwas Andres gegeben , als was selbst Die , die dem Neuen am nächsten standen , ahnten ! Und Jeden schreckt so diese Vorstellung , den Geist gegen sich zu haben , zusammen . Selbst den Nüchternsten , den Erbärmlichsten der Sinnenmenschen , den Reaktionär aus Existenzinteresse , überkommt die Vorstellung , daß der Geist gegen ihn wäre , wenn auch nur unter der Vorstellung : Wenn ich todt bin , mag kommen , was da will , aber so lange ich lebe , soll Das und Das u.s.w. - und überall in alle Karten , die gemischt werden sollen , in alle lauten , in alle geflüsterten Gespräche mischt sich dieser räthselhafte Dritte , dieser große Unbekannte , der hineinsieht in Jedes und immer das Gegentheil von Dem lehrt , was grade begonnen und betrieben werden soll . Daher diese Schwankungen . Die Pole sah noch Niemand , aber die Magnetnadel , die zittert , die fühlt die Pole . Auch Sie , Durchlaucht , werden Verbindungen eingehen , die Ihrer Natur nicht gleichartig sind , auch Sie werden , um Alle für sich zu haben , den Kreis Ihrer Theorieen erweitern müssen und wenn das Gerücht wahr spricht ... Nimmermehr ! Nein , nein ! unterbrach Egon und übertönte durch die Heftigkeit dieser Ablehnung ein Geräusch wie von einer nebenan geöffneten Thür , die Rodewald hörte , aber nicht Egon . Nimmermehr ! Ich weiß , was Sie sagen wollen . Dies Herrschen um jeden Preis hass ' ich . Sie kommen aus Amerika . Ich sage Ihnen , dies Herrschenwollen um jeden Preis wird bei uns vielleicht noch einst die Monarchie stürzen . Wir werden natürlich von der Republik immer wieder zur Monarchie zurückkehren , bis sie durch dies Herrschenwollen um jeden Preis nach Jahrhunderten doch unmöglich sein wird und sich eine Staatsform gebildet hat , die jetzt noch Niemand begreift ... Denken Sie Das , Fürst , sagte Rodewald erstaunend , so gehören Sie zu den Rittern vom Geiste und jener geheimnißvolle Dritte ist auch bei Ihnen und Ihren Gedanken gegenwärtig . Es ist uns Allen , als trügen wir ein großes Geheimniß in uns , das wir nur noch auszusprechen nicht wagen und das mit unsrer Generation noch vorläufig in die Erde geht ... Egon blickte auf , denn er erschrak . Diese Worte schienen absichtlich , aber sie waren es so wenig , daß Rodewald vielmehr aufhorchend sagte : Durchlaucht werden gestört ... Ich gehe ... Nein , nein , sagte Egon , wir sind allein ... Es entwaffnete ihn , daß Rodewald , sein eigner Vater vor Gott , vor der Welt von einem Geheimnisse sprach , das man zu Grabe trage und ruhig von dannen gehen wollte , indem er sich ernst und bescheiden vor ihm , dem Höhergestellten , noch seinem Herrn , verbeugte . Es überflog ihn eine Ahnung von Dem , was diesen Mann bewogen haben konnte , sich seines irdischen Looses anzunehmen und nochmals wiederholte er : Bleiben Sie doch ! Was Sie von meiner Geneigtheit zu Koalitionen gehört haben , ist falsch ! Wenn ich mich meiner Güter entledigen wollte , so war es nur , um mich frei zu machen und dann für immer dieses Land zu verlassen . Aber , sagte Rodewald , angezogen von diesen wärmeren Worten , wenn Sie sich selbst bewahren wollen , Fürst , wenn Sie das Ideal von Politik , das Sie im Herzen tragen - es ist nicht das meine - nicht entweihen wollen durch Vermischung mit Fremdartigem , das Sie hassen , warum können Sie auch so nicht frei von dannen gehen ? Lassen Sie Ihr Erbe einem Mann zurück , der es Ihnen erhalten wird ! Sind Sie von meinem uneigennützigen Willen denn nicht überzeugt ? Es lag in diesen Worten eine so schmelzende Überredung , daß Egon einen längern Blick auf den Sprecher richtete , einen fragenden , fast flehenden , als sollte sein ganzes Dasein ihm sagen : Was willst du mir denn , du wunderbarer Mann ? Das Schweigen , das einen Augenblick eintrat , erschütterte Niemanden mehr als die Person , die in der That im Nebenzimmer stand und von Rodewald gehört worden war . Es war Pauline von Harder . Zu heftig gefoltert von ihrer Unruhe über Egon ' s Entschluß , benutzte sie ihr Vorrecht , im Palais Hohenberg jede Thür für eine offene zu halten , überall einzutretten , den Fürsten in seinen entlegensten Arbeitskabinetten ohne Anmeldung zu überraschen . Die Diener hatten ihr gesagt , wer beim Fürsten war . Sie schrak zusammen , als sie den ihr einst so theuren , jetzt im Gewühl der Welt , die sie umtobte , ihr gleichgültig gewordenen Namen erfuhr . Dennoch hätte sie aus Neugier Rodewald erblicken mögen , hätte sehen mögen , wie er wol geworden durch die Zeit , wie der Fürst den Verräther an ihrem Herzen wol aufnahm , wie Vater und Sohn sich wol begegneten .... Sie öffnete das Vorzimmer . Sie hörte Egon ' s laute , gellende , an Wohlklang täglich einbüßende Stimme . Sie kannte diese reizbare Sprache , sie wußte sogleich , daß er in Erörterungen begriffen war , die sich auf seinen Entschluß bezogen , das Ministerium niederzulegen . Ihr wäre mit diesem Schritte die schmerzlichste Erfahrung , ja eine Niederlage bereitet worden , von der sie sich in diesem Leben nicht wieder erholen konnte . In die elende kleine Theaterwelt ihres Gatten einzutreten , da zu intriguiren , da Fäden zu lenken ? Welch ein Abfall von der Rolle , die sie jetzt unter den Parteien , in der Presse , im Ministerium , in der Welt spielte ! Nein ! Nachgeben , akkommodiren ! Das ist unerläßlich ! sprach sie vor sich hin und lauschte auf Rodewald ' s Worte , auf Egon ' s Erwiderungen . Die Wendung des Gespräches hatte eine mildere Tonlage angeschlagen . Es traten Pausen ein . Man sprach leiser . Egon hatte etwas in der Stimme , wie Kleinmuth , Rodewald etwas wie zutraulich Rathendes , Tröstendes . Man schien sich zu nähern , sich besser zu prüfen . Sie begriff nicht , welchen Vortheil sie von einem offenen Austausch der beiderseitigen Geheimnisse ziehen sollte , aber so viel hörte sie , daß Egon wie ein gebeugtes Rohr dastehen mußte , das im Winde wehte . Rodewald sprach von der Sorge , die er den Gütern widmen wollte , ihr war diese Fessel schon recht , aber Egon sprach von Entsagung . Entsagung ! Dies immer ihr so fürchterlich gewesene Wort ! Sie hörte , daß Egon an den Tisch getreten sein mußte , auf welchem noch das verblaßte Pastellbild seiner Mutter stand . Was wird geschehen ? dachte sie und überlegte einen Entschluß ... Sie kannten also meine Mutter ? hieß es drinnen mit schwacher Stimme . Rodewald ' s Antwort blieb aus . Sie hörte es nur nicht , das leise hingehauchte , ernste Ja ! Finden Sie die Züge ähnlich ? Rodewald erkannte das Bild aus der Mondnacht im Heidekruge ... sprach auch etwas ... Sie aber hörte wieder keine Antwort ... Egon sprach von Landeck , wo Rodewald die Mutter zum erstenmale sah ... Landeck ? Wie endet Das ? flüsterte sie fast zu laut , erbebend , vor sich hin . Man verließ jedoch drinnen diese gefährlichen Erinnerungen , man kehrte auf die Abdankung des Fürsten zurück , auf eine von ihm bezweckte Reise im südlichen Europa , man sprach von Melanie , der Fürstin , Egon rühmte die edle Selbstlosigkeit seiner Frau , er sprach von Freiheit und Erlösung von drückenden Fesseln , Pauline durfte jeden Augenblick erwarten , daß sein zitternder Ton , der die bewegte Rührung des Herzens verrieth , sich gänzlich der Wahrheit gefangen gab und wol gar eine Umarmung hier die Stelle der Worte vertreten konnte . Doch trat dieser Moment nicht ein ; wohl aber war es ihr , als rafften sich Beide , so gegeneinanderstehend , aus ihren Träumen auf und deutlich hörte sie nun den Fürsten sagen : Leben Sie für heute wohl , Rodewald ! Ich fahre zum König , um meine Abdankung eben einzureichen . Man wird , ich weiß , sie jetzt mit Freuden annehmen . Es liegt im Wesen der Monarchie , daß sie allen Denen , die ihr Maaß im Dienen voll haben , die sich des Hasses und der Verfolgung für den Bestand der hohen Herrschaften nachgerade zu viel zugezogen haben , gern erlaubt , sich mit ihrem Übermaaß von Makel und kompromittirendem Rufe vom Throne zu entfernen , um Neue heran zu lassen , die , wenn wieder deren Maaß voll ist , wiederum das Weite suchen mögen , und so fort ! Sagen Sie Herrn von Reichmeyer , daß ich also die Güter behalte , daß ich sie Ihnen dauernd überlasse . Sagen Sie Allen , daß ich reise , diesen Schauplatz meines Wirkens verlasse , müde bin einer StellungWeiter ließ aber Pauline von Harder diese Sinnesänderung nicht anwachsen . Die Eifersucht auf Rodewald überfiel sie wie in der alten Zeit die Eifersucht auf Amanda . Die Fürstin Amanda war ihr in diesem Augenblicke fast wie ein Schatten entgegengetreten , der ihr den Sohn entriß und zurück in die Arme des Vaters führte . Wie ? Entsagung diesem wunderbaren Wollen und Wirken ? Nein ... Sie trat ein ... Die Männer staunten . Rodewald erkannte Paulinen sogleich , ob sie gleich furchtbar gealtert war . Doch ihre Hoheit verrieth sie sogleich . Er erkannte das düsterblitzende Auge , er sah die Momente der Eifersucht aus alten Zeiten wieder . Das ist Pauline ! sagte er sich . Fürst , die Ungeduld treibt mich ... Haben Sie einen Entschluß gefaßt ? Herr Rodewald ! sagte der Fürst , den Dritten gleichsam vorstellend ... Ich weiß , sagte sich abwendend Pauline . Rodewald ! Ich bin Pauline ! Sie kennen mich ? Rodewald ! Was wollen Sie , Rodewald ? Warum sind Sie hier ? Hier in diesem Hause ? Was mischen Sie sich in Verhältnisse , Rodewald , die keinen Bezug auf Ihr Leben haben können - wenn Sie ein Mann von Ehre sein wollen ! Egon übersah , daß Pauline , die so losbrechend Rodewald für eine Wahnsinnige hätte halten können , gelauscht hatte ... Die Möglichkeit unzeitiger Ausbrüche von Drohungen und Enthüllungen dieser Frau war ihm peinlich genug . Aber es war Egon ' s Art nicht , wenn er fürchtete , gleich feige zu sein . Er stampfte fast mit dem Fuße und fragte : Was ist ? Hängen meine Entschließungen nicht von mir selbst ab ? Durchlaucht ! rief Pauline in bitterm und drohendem Tone . Dann sich zu Rodewald wendend , sprach sie herrschend : Was wollen Sie mit den Gütern ? Gehen Sie ! Sie haben noch keine Aufträge vom Fürsten empfangen . Herr von Reichmeyer wünscht keine Unterhändler ... Gehen Sie , gehen Sie , Herr Generalpächter ! Man vermißt Sie vielleicht in Tempelheide ... ich glaube , Ihre Angelegenheit mit Sr. Durchlaucht ist im Reinen ... Die Wirkung dieser schneidenden Worte war auf die beiden Männer die verletzendste . Sie hatten sich ja Beide nichts zu gestehen , hatten sich ja nichts zu sagen , was ihre Stellungen geändert hätte . Aber wie sich denn doch ein Drittes da so gewaltsam zwischen ihre zart in Eins gesponnenen Lebensfäden warf , zuckte es in ihren Nerven wie mit einem einzigen Schlage ; sie waren verbunden und handelten übereinstimmend , sie wußten nicht wie ... Doch mäßigte sich Rodewald . Er sagte nur , sich zum Gehen wendend : Frau von Harder , ich bin hier , um die Befehle meines Herrn zu vernehmen ... Ich bin der Pächter Rodewald , ich trage die Spuren der Mittagssonne auf meiner Stirn und meine Hände fassen sich härter an , als einst , obgleich sie doch noch keine Schwielen haben und mich nicht zum Bauern und Knechte entwürdigen ... Vergessen Sie nicht ! rief Egon dem Scheidenden nach . Was ich von Herrn von Reichmeyer sagte ... es bleibt dabei ... Und Sie , gnädige Frau , die Zeit drängt . Ich will zum Könige ... Damit deutete Egon an , daß er allein in seine Zimmer zurück und auch Paulinen entlassen wollte . Diese faßte aber seine Hand ... Er lehnte sie ab und rief mehrmals : Ich habe Eile , ich muß zum König ! Pauline ertrug aber diese Abweisung nicht . Eine solche Form ihres Verhältnisses zu Egon , Rodewald zur Schau gestellt , ließ den Zorn in ihr überschäumen . Sie war die Allmächtige gewesen , sie hatte sich gewöhnt , Egon zu beherrschen , sie wußte , einzig , außer der Ludmer und Rodewald , welches Geheimniß auf dem Ursprunge des Fürsten lastete und in diesem Augenblicke verließ sie die Großmuth . Sie rief dem Fürsten , der schon an der Thür stand , nach : Was ist hier beschlossen worden ? Bleiben Sie ! Rodewald ! Ich bewundere Sie , Fürst , daß Sie mich zwingen , den Abschied zu stören , den Rodewald von den Zügen jenes Bildes zu nehmen scheint ... Rodewald hatte sich in der That dem Bilde der Fürstin zugewandt , hatte in der That ihm gleichsam allein den Anblick seines Schmerzes in der Stille anvertraut ... Frau von Harder ! rief Egon zusammenzuckend ... Die Erinnerungen erwachen - hüthen Sie sich , Egon ! antwortete diese leise und dann steigernd . Zweimal hat dieser Mann , der in Amerika seine Vergangenheit hätte begraben sollen , das Vertrauen der treuesten Menschen betrogen ... ich kenne in diesem Hause des Fürsten Waldemar von Hohenberg keine Thür , die mich zurückführt ! Fürst Egon , seien Sie besonnen ... ich meine , dem König gegenüber ! Diese zuletzt grelllauten Worte kamen wie aus der Hölle . Egon verstand sie sogleich , Rodewald errieth sie . Der Fürst erblaßte . Er sah die wuthgeborene schäumende Rache , die ihm drohen konnte : Vergiß nicht , wer du bist und wer da weiß , wer du bist ! Rodewald aber , vor der Betonung des Fürsten Waldemar , des Fürsten Egon schaudernd , bebend selbst vor dem Blicke des Hohnes und der Superiorität , die in den Worten der in der Leidenschaft ihrer selbst nicht mächtigen Frau lag , überschaute sogleich das ganze Verhältniß mit einem Schlage und mit blitzschnell in ihm auffahrender Gewißheit : Allmächtiger Gott , Egon kennt sein Verhältniß zu dir und dies Weib ist die Einzige , die es ihm verrathen hat ! trat er entschlossener vor , ergriff den rechten Arm der wilden Frau , hob diesen empor und rief feierlich : Pauline von Harder ! Rodewald ! erwiderte die Unbesonnene wie im Echo , höhnend , trotzend sich losreißend und den Fürsten so kalt , so herzlos von Unten nach Oben messend , daß Egon zitterte , Rodewald aber sich nicht länger hielt , sondern wie ein Seher in flammendem Zorn , dicht auf sie zutretend , hervorbrach : Pauline von Harder ! Ich betrachtete in diesem Augenblicke die Engelzüge Amanda ' s von Hohenberg ! Sie flüsterten mir zu : Es gibt ein Weib , das der namenlose Drang des Ehrgeizes verführt hat , von Extrem zu Extrem besinnungslos zu taumeln ! Ein Weib , das ein Erdendämon sogar den Irrweg zum Herzen meines Sohnes führte ! Rodewald , sagen Sie dieser Frau , flüstert mir die Fürstin zu , sagen Sie ihr , daß Sie in Amerika wirklich Ihre Vergangenheit ließen , wirklich vergaßen , an Das zu denken , worauf Pauline noch meinem Sohne gegenüber mit giftigem Stachel deuten kann ; sagen Sie ihr aber auch , daß in Amerika noch eine zweite Vergangenheit begraben liegt , die Vergangenheit Paulinen ' s von Harder ! Ein Friedrich Zeck hat gelebt und an dem Ufer des Hudson , in dem er sich das Leben nahm , ein Geheimniß hinterlassen , das einzig auf der Welt nur Sie und mein Sohn wissen sollen ! Nicht genug , daß der Falschmünzer Baron Grimm auf zwanzig Jahre durch Pauline von Harder und ihre Helfershelferin Charlotte Ludmer in einen Kerker geworfen wurde , in dem der Unglückliche schon nach dem ersten Jahre hätte sterben müssen , wenn nicht Zeck , genannt Baron Grimm , die Mittel zur Flucht vor seinem gewissen Tode gefunden hätte ; auch das Kind , das Pauline von Ried , geborne von Marschalk , jenem falschen Spieler und Abentheurer , dem Kupferstecher Zeck , geboren , Paul Zeck , getauft in der Stille zu Seehausen vom Pfarrer Lattorf , wurde von ihr den ruchlosen Verwandten des Betrügers übergeben , verkauft , von diesen , Mördern und Gaunern , ausgesetzt und wuchs herauf zur abschreckendsten Ähnlichkeit mit seiner Mutter ! Noch lebt Paul Zeck , lebt unter uns , in dieser Gesellschaft , ein Jüngling von dreiundzwanzig Jahren , voll Lug und Trug , verschmitzt , verworfen , zu jeder Gewaltthat fähig und nichts , nichts , als den Namen seiner Mutter suchend ! Jetzt geh ' ich zu dem Mäkler Reichmeyer , der Fürst aber geht zum König , und Sie , Pauline , sollten gehen und Paul Zeck suchen , einen Fund , dessen Verdienst in seiner Unermeßlichkeit ich Ihnen nicht schildern kann . Denn Paul Zeck muß leben , darf nicht auf ' s Neue Mördern anvertraut werden , darf nicht auf ' s Neue um ein Judasgeld von dreitausend Thalern von der Erde weggeweht werden , Paul Zeck darf seine Mutter nur unter dem Schutze der Gerichte finden , damit er nicht verschwindet , gemordet von Charlotte Ludmer , Pax und den Helfershelfern Paulinen ' s von Harder ! Wenn Rodewald nach diesen Worten das Zimmer hätte verlassen wollen , würde er durch die Art , wie die Geheimräthin diese Enthüllung aufnahm , daran verhindert gewesen sein . Denn jedes seiner entsetzlichen Worte hatte ihm gleichsam Pauline abgeschnitten , jeder neuen Thatsache hatte sie sich gleichsam körperlich entgegengeworfen . Sie suchte sich dem furchtbaren Sprecher bei jedem Athemzuge zu nähern , wollte seinen Arm ergreifen , versuchte vor Verzweiflung fast mit ihm zu ringen . Als er aber dennoch geredet , dennoch geendet und schon längst die geöffnete Thür in der Hand hatte , stürzte Pauline , die vor ihm auf der Schwelle stand , ihn zurückhalten wollte , von dannen und rannte wie eine von den Furien Gepeitschte auf die Ausgänge der Zimmer und der Etage des Hauses zu , sank wie Eine , die in der Luft dieses Palastes zu ersticken fürchtete , fast die Stiegen hinab ... Die draußen harrenden Bedienten mußten sie für wahnsinnig halten , als sie die Treppe niedertaumelte und besinnungslos vor dem Portal in ihrem Wagen verschwand . Wie sie schon davonrollte , lag Egon noch dankerfüllt , zum Himmel aufblickend in Rodewald ' s Armen . Er war auf den Vater , wie befreit von Harpyenkrallen , zugestürzt , hatte in stürmischer Überwallung seiner erlösten Gefühle ihn an sein Herz gezogen , ihm Stirn und Wangen schon mit Küssen bedeckt ... schon das Wort auf den Lippen ... das entscheidende , das entsetzlich geheimnißvolle ... aber Rodewald ließ Nichts davon geschehen ... er nahm kein Recht in Anspruch , verrieth keines zu besitzen , gebot der Stimme der Natur , blieb demüthig , zog sich zurück , wollte fliehen , schwieg , indem er seine Thränen für sich reden ließ . Hinaus ! hinaus ! hauchte er leise ... Nein , einen Augenblick , Vater ! rief Egon mit bebender Stimme , riß sich los , stürmte in sein Nebenzimmer und kehrte nach wenigen Sekunden mit einem versiegelten Pack Papiere zurück . Lies ! sagte er . Es ist das Testament der Mutter ! Rodewald nahm schweigend und staunend die Papiere , wollte sie mit abgewandtem Antlitz ablehnen , hielt sie mit der linken Hand fest und bedeckte sich zugleich mit ihr die Augen , mit der Rechten streichelte er des Fürsten Wange , abgewandt , fast blind tastend nur , wie in den heiligen Büchern jener Erzvater that , als er die rauhe oder glatte Haut seines Sohnes fühlen wollte , um den rechten Liebling zu erkennen ... Da mehrte sich die Scene . Die Fürstin trat hinzu ... staunend über die Scene , betroffen von Paulinen ' s schneller Entfernung ... Herr Rodewald ? sprach sie , den Mann prüfend und die Bewegung dieser beiden Männer nicht verstehend ... Egon begrüßte sein Weib ... Rodewald sich sammelnd sagte mit fester Stimme : Durchlaucht sind zu gnädig ! Ich werde diese Bedingungen lesen ! Ich gehe zu dem Bankier , um ihm die Befehle des Fürsten von Hohenberg selbst zu überbringen . Damit ging Rodewald in der That , der Fürstin sich achtungsvoll verbeugend ... Die Fürstin , sich nicht zurechtfindend , fragte , als sie allein waren : Aber hattet Ihr Scenen ? Was war Das ? Nur eine Verständigung ! sagte Egon . Ich gebe mein politisches Amt auf . Die Güter behält Rodewald . Wir Beide reisen . Jetzt zum König und das glänzende Elend auf immer geendet ! Egon rang sich