die Bibel in einigen Abschnitten , welche in die gewandteste und poesiefähigste Sprache damaliger Zeit , die provençalische , übersetzt waren ... Ein wunderbarer Lichtglanz überfiel ihn beim Lesen des den Laien gänzlich unbekannten Buches - gerade wie die Jünger , die nach Christi Tod im Dunkeln wandelten , plötzlich an ihrer Seite einen Wanderer bemerkten , der so mächtig die Schrift auslegte ... Waldus las seine Entdeckungen Befreundeten vor , ließ auf seine Kosten die Bibel noch vollständiger in die Sprache seiner Landsleute übersetzen und nahm die einfachen Formen des ersten apostolischen Christenthums an ... Sein Vermögen gab er seiner Gemeinde ; ihre Priester , denen die Ehe unverboten blieb , wählte die Gemeinde selbst ; von den Sacramenten behielt man nur Taufe und Abendmahl ; letzteres hörte auf ein mystischer Act zu sein und blieb nur noch ein Opfer der Erinnerung ; es war eine Reformation ohne Schulgezänk , ohne Disputation der Theologen , eine Läuterung der Lehre allein durch das Herz ... Mit reißender Schnelligkeit verbreitete sich das Wirken der Waldenser ... Ein ganzer Gürtel Europas von den französischen Abhängen der Pyrenäen an bis nach Süditalien fiel vom herrschenden Kirchengeiste , vom weltlichen Streit der Päpste mit dem Kaiser und von Geistlichen ab , die damals sogar die Waffen führten und oft im glänzenden Harnisch zu Roß saßen , im wildesten Kampfgewühl die zum Segnen bestimmte Hand mit Blut besudelnd ... Mit einem warmen , lebendigen Eifer für die apostolische Reinheit der Lehre und des kirchlichen Lebens ging Hand in Hand die Gesittung ... Gerade dieser Gürtel Europas wurde der blühendste an Gewerbfleiß , Erfindungen , in Künsten und Wissenschaften ... Immer weiter und weiter schwang sich ein lichtheller Iris-Bogen über Europa ... Burgund , Deutschland , Böhmen erglänzten von seinem siebenfachen Strahl ... Wo der Webstuhl sauste , wo die Industrie der Städte mit dem Betrieb des Ackerbaues zu regem Austausch ihrer Erzeugnisse verkehrte , da erschollen auch bald die neugedichteten Lieder zum Lob des Höchsten ... Ganze Städte , ganze Länderstrecken hatten schon keinen andern Gottesdienst mehr , als den der Waldenser , der Humiliaten , Armen Brüder , der selbst die Kirchen und ihre Pracht für überflüssig erklärte und jeden grünen Rasenplatz , jedes Laubdach einer Eiche für eine Gott wohlgefällige Kapelle erklärte ... Paolo Vigo schilderte die furchtbare Verfolgung , welche von Rom aus über diese Bekenner des reinen Christenthums anbrach ... Die Päpste nannte er , die zum Morden aufforderten ... Jene Schreckensthaten des Abtes von Citeaux und jenes Vorbildes eines Alba , des Grafen Simon von Montfort , schilderte er , wie sie mit Feuer und Schwert Männer , Weiber , Kinder vertilgten ... Damals kam der Satz der römischen Kirche auf : » Ketzern ist keine Treue zu halten « ; päpstliche Legaten schwuren auf die Hostie , daß , wenn die Ketzer ihnen die Mauern öffneten , sie nur allein mit einigen Priestern einziehen würden , um die bethörten Bewohner zu bekehren ; geschah es aber , so warfen sie die Priesterkleider ab , zogen verborgene Schwerter , die Reisigen der fanatisirten Glaubensarmee brachen nach und kein Säugling auf dem Mutterarm entkam dem allgemeinen Blutbade ... Beutegier , Habsucht schürten die Verfolgung ... Simon von Montfort , Abt Arnold schlugen herrenlos gewordene Länderstrecken zu Fürstenthümern zusammen ... Damals war Raimund , Graf von Toulouse , das unglückliche Oberhaupt der bedrängten evangelischen Bekenner , wie späterhin das Haupt der Hugenotten Coligny ... Endlich flüchteten sich die letzten Reste dieses unablässigen Mordens in die Berge , die Pyrenäen , die Alpen , die Apenninen ... Jahrhundertelang erhielten sie sich dort , trotz einer sie auch hier erreichenden zweiten blutigen Verfolgung , die dann das Werk der neuen Kreuzritter wurde , der Jesuiten ... Damals griffen sie in den Thälern Piemonts wieder zu den Waffen ... Zu den tapfern Namen , die in älteren Tagen mit Maccabäermuth ihre heilige Sache , Haus , Herd , Weib und Kind vertheidigten , gesellten sich neue , wie Heinrich Arnaud , der in offener Schlacht mit einer kleinen Schaar Tausende zurückgeschlagen hatte , sich über die steilsten Felsen Piemonts zurückzog , ein Lager in einer Schlucht wie eine Festung erbaute , acht Monate lang , nur von Kräutern lebend , mit seiner kleinen Schaar gegen die Kanonen kämpfte , die auf sein kleines Häuflein von den Felswänden aus ein mörderisches Feuer unterhielten , bis sich Arnaud endlich mit dem Rest seiner Schaar , 350 an der Zahl , einen ruhmvollen Abzug erkämpfte ... Wie dann auch in Calabrien die Waldenser hingesunken waren , hatte Federigo oft genug erzählt ... Damals starb Negrino in Cosenza den Hungertod , Pascal in Rom auf dem Scheiterhaufen ... Oft hatte Federigo ' s rührende Stimme geklagt , daß besonders solche Thorheiten verderblich wären , die selbst in den Gemüthern der Edeldenkenden Raum gewinnen könnten ... Bernhard von Clairvaux , Abt eines Klosters in Frankreich , Lehrer seines Jahrhunderts , ein Orakel der Fürsten , ein Rath ihrer Rathgeber , ein Straf- und Bußprediger der Geistlichkeit , sogar den Päpsten ein : Bis hierher und nicht weiter ! gebietend ; - ach ! auch der , wie die heilige und so edle Hildegard , sah in den Thaten und Lehren der Waldenser nur die Eingebungen des Teufels - ! ... Ambrogio Negrino und Hubertus waren nicht befähigt , sich zu all den Bildern und Erinnerungen aufzuschwingen , die von Paolo Vigo ' s fiebernderregten Lippen kamen ... Herr , erleuchte die Weisen ! verstanden jetzt auch die Ankömmlinge aus Federigo ' s Rede ... Mildere ihr Vertrauen auf die eigene Kraft ! Wecke dem Guten und Gerechten Deine Fürsprecher im Rath der Großen ! Ersticke den Durst nach Rache im Gemüth beleidigter Machthaber ! ... Es schien in der That , als wollte Federigo von seinen Freunden Abschied nehmen ... Mehr als sonst riß ihn heute seine Rede hin ... Er berührte katholische Punkte , die er sonst vermieden hatte - er wollte Niemanden die Möglichkeit nehmen , mit seinem Pfarrer in leidlicher Verbindung zu leben ... Mit großer Wehmuth sprach er : Der heilige Bernhard kann uns in vielem ein Vorbild sein - hochragend wie jener Berg im Norden , der mit ewigem Schnee bedeckt , seinen Namen trägt ... Wisset , daß Bernhard jene Lehre , nach welcher auch die Mutter Jesu ohne Sünde empfangen sein soll , für Sünde hielt - ! ... Ihr fragtet mich darum , weil der Heilige Vater diese neue Lehre zu verehren befohlen hat - ! Nun wohl ! Eines Weibes Name ist heilig , wohl trägt Maria die Erdkugel in Händen , wenn Maria die Kraft bedeuten soll , deren ein schwaches Weib in seinem Aufschwung fähig ist ... Wohl ist zu fassen möglich , wie die alte wilde grausame Zeit , die heidnische , die selbst des Heilands spottete , der am Kreuze sich selbst nicht hätte helfen können , doch vor einer Mutter erschrak , vor einer Mutter sich beugte - o noch den Mörder befällt vor seiner Hinrichtung die Trauer um den Kummer , den er seiner Mutter bereitete ... Hier stockte der Redner und wollte abbrechen ... Aber einige Stimmen unterbrachen ihn und deutlich vernahm man aus einem schlichten Hirtenmunde , der dazwischen sprach , die Worte : Wo Maria dann auch ganz die Königin des Himmels werden soll , wo bleibt ihr Sohn ? Wo kommt der wahre Mittler zu seiner ihm allein gebührenden Ehre ? ... Im höchsten Grade gespannt horchten die Ankömmlinge und sogen die Worte ein , welche Federigo erwiderte : Lasset das gehen - ! ... Seht , es war ja sogar ein anderer Heiliger - Bonaventura sein Name - ein Heiliger , der zur Zeit jenes Bernhard lebte - auch der hat den Psalm David ' s genommen : » Herr , auf dich traue ich , laß mich nimmermehr zu Schanden werden ! « - und hat in jedem Seufzer des Vertrauens und der Liebe zu Gott an die Stelle Gottes - ruchlos , um es nur auszusprechen - ein Weib mit seinen menschlichen Fehlen und menschlichem Elend gesetzt : » Maria , auf dich traue ich - ! Mutter Gottes , du hast mich erlöset ! « So den ganzen Psalm - ! ... Und dennoch danken wir auch dem heiligen Bonaventura so viel Entsiegelungen der frischesten Lebensbrunnen des christlichen Geistes - ... Nein , unterbrachen die Stimmen der Aufgeregten , er lästerte - ! ... Ich beschwöre euch , rief Federigo , habt Mitleid mit jenen armen Verblendeten , in deren Schoose ihr , kummervoll genug ihre Bräuche theilend , voll Bangen und voll Zagen lebt ... Laßt sie die Altäre einer Frau zu Ehren mit Zierrath und mit Bändern schmücken - ! Laßt sie ihr Gebet des Morgens , des Mittags und des Abends wenigstens an Etwas richten , was dem Heiland verwandt ist - ! ... Aber das ist wahr ( nun erhob sich des Sprechers Stimme , von dem man sah , daß ihn die Gesinnungen seiner Umgebungen fortrissen ) , wenn Maria es ist , die uns erlöst und vor Gott vertreten soll , so konnten jene Räuber , die mit dem Giosafat eure Hütten verbrannten , eure Heerden raubten , getrost auf ihrer fühllosen Brust ihr Bildniß tragen - ! ... Eine freudige Zustimmung ging mit Zornesruf durch die Reihen - ... Wehe einem Kind , fuhr Federigo , aufgeregt und ganz sich vergessend fort , das für seine Bewährung im Leben nur die Nachsicht einer Mutter hat ! ... Nie , nie , wenn auch heute in Spezzano die Lampen brennen werden , nie sollt ihr auf Fürsprache nur der Mutterschwäche hoffen ! Denkt an die klugen Jungfrauen , die im Dunkeln ihr Oel hüteten und die Lampen nur anzündeten , wenn ihr rechter Bräutigam , der Heiland , kam ! ... Nein , ich sehe es , ihr glaubt nicht an die Wahrheit eines gotteslästerlichen Bildes , das sich in einer der großen und herrlichen Kirchen Milanos befindet und das einen Traum unsres heutigen heiligen Bernhard darstellen soll - ! ... Zwei Schiffe steuern dem Himmel zu ; des einen Steuer führt der Herr ; des andern Maria ... Jenes bricht zusammen und seine Mannschaft sinkt in den Abgrund ; dieses gleitet sicher dem Hafen des Himmels zu - Maria streckt ihre hülfreiche Hand nach den Scheiternden aus und nun kommen auch sie in den Hafen der Gnade , sie , die mit Christo gingen , sie , die mit Christo verloren sein sollen , sie , nur noch erlöst durch Maria - ! ... Ein Ausruf des Schreckens über solche Lehren theilte sich selbst Negrino , Hubertus und Paolo Vigo mit ... Zorn regt sich in eurer Brust ? sprach Federigo - Eure Blicke sagen : Nimmermehr kann solches ein Heiliger auch nur geträumt haben ! ... Ihr sprecht : Du von Rom verrathener , von Rom auf das Steuer eines untergehenden Schiffes verwiesener Heiland , du , du bist allein der wahre Führer ! Deine Hand streckte sich einst aus und ließ über Wellen den Verzagenden sogar hinweggehen ! Der Nachen , den du , du gezimmert hast , Sohn des Zimmermanns , die Flagge , die du als Wahrzeichen aufgesteckt , sie , die dein mit dem Blut beschriebenes Kreuz trägt , sie sollte nicht die glückliche Fahrt , die Einkehr in den Hafen der Seligen gewinnen ? ... - Doch wohin verirren wir uns - meine Freunde - ! Ihr müßt in eure Wohnungen zurück - wieder sein , was euch drei Jahrhunderte zu sein zwangen - müßt leben mit den schuldlosen Nachkommen der Mörder euerer Urväter - Vergebt ihnen im Geiste der Liebe und Hoffnung - ! Versagt euern Priestern nicht die Spenden , die sie noch begehren dürfen ! Auch die Spenden der Andacht nicht , die in diesen Ländern üblich ! Ein Korn Goldes ist immer noch bei dem schlechten Blei verdorbener Lehre ! Noch ist die Zeit nicht reif , wo der Schmelztiegel Gut und Böse scheiden wird ! Aber das Lamm wird bald das fünfte Siegel aufthun , von welchem ich euch schon oft gesprochen habe ! Unter den Altären des Himmels werden die Seelen derer , die erwürgt wurden um des Wortes Gottes willen zu zeugen beginnen , daß es auf Erden weithin widerschalle ! ... Die Stunde kommt näher - ! O , bald wird die Freiheit im Glauben und Denken auch für Italien anbrechen ! Auch in diese Thäler wird der Lichtstrahl einer neuen Sonne dringen ! Läutert euch für diesen großen Augenblick ! Thut das Gute , tragt im Herzen euren reinen Sinn und eure geläuterte Hoffnung ! Wenn ich - ach ! heute von euch scheide - ja , Geliebte ich scheide von euch ! Es ist das letzte , letzte - Mal - ... Warum mußte nur das Ohr der drei Ankömmlinge und aller in Thränen gebadeten Hörer so gebannt sein von dem allgemeinen Schluchzen , Wehklagen , von den Thränen des Redners , daß jene sich still hinter einer der Bluteichen verbargen und die Worte ihres Freundes und Lehrers nicht stören mochten - ! ... Jetzt mußte Hubertus , der Schärferspähende , die erstickte Abschiedsrede Federigo ' s unterbrechen , mußte auf die ihnen gegenüberliegenden waldbedeckten Berge deuten und in wilder Hast wie ein Verzückter rufen : Besteigt den Nachen Jesu ! Rettet , rettet euch ! ... Und auch aus dem um den Greis zusammengedrängten Haufen mußten nun wol andere , die seinen Leib zu umfassen , seine Hände , seine Füße zu küssen nicht hindurchdringen konnten , ihr Auge auf die von Hubertus bezeichnete Stelle gerichtet und unter den Bäumen an einzelnen offenen Stellen schon dieselbe Störung erblickt haben ... Ihr Ruf fiel in den des Mönches ein ... Voll Entsetzen erkannten Paolo Vigo und Ambrogio Negrino , die mechanisch dem voranstürmenden Hubertus gefolgt waren , die Flinten der gefürchteten Jäger von Salerno , die in der That , unabhängig vom Corps in San-Giovanni , über den Aspropotamo und Gigante gekommen waren ... Schon stand Hubertus mitten unter den in noch wildere Aufregung gerathenden , theilweise zu den Waffen greifenden Verbündeten ... Die Frauen flüchteten sich zu ihren Karren ... Die Kinder drückten sich schreiend an ihre Väter , die rathschlagend zusammentraten ... Hubertus hatte Federigo schnell begrüßt und seine Hand ergriffen , um ihn den Weg zu führen , den Ambrogio zum Entkommen für den sichersten hielt ... Federigo deutete gelassen auf eine andere Stelle des dichten Waldkranzes , wo die rothen Pünktchen sich mehrten , die Federbüsche an den Hüten der Jäger von Salerno ... Die von San-Giovanni erwarteten Truppen hätten allerdings vor drei Stunden noch nicht eintreffen können ... Dies war ein Detachement , das vom Meerbusen von Squillace gekommen ... Nun war alles auseinander gesprengt und raffte die Karren , die ausgelegten Geräthschaften , die Kinder zusammen ... Die Männer standen unentschlossen , ob sie zur Flucht oder zu Widerstand schreiten sollten ... Heute zum erstenmal hatte ihr stetes Drängen , daß ihr Freund und Rathgeber sie über Rom , über die Priester und die Lehre der Kirche aufklären sollte , eine Erhörung gefunden - Den Greis hatte der Schmerz der Trennung fortgerissen ... Vier Männer , unter ihnen Ambrogio , schwangen ihre Flinten über Federigo ' s Haupt ... Die Hitze des südlichen Temperaments war bei diesen Männern von ihrer religiösen Denkart nicht überwunden worden ... Hatte man auch nur ein Dutzend Schußwaffen , funfzehn Alpenstäbe waren mit Eisen beschlagen ; Messer , welche die Fischer und Kohlenbrenner am Gürtel trugen , waren lang und geschliffen ... Hubertus wartete nur auf das Zeichen , das Federigo geben sollte ... Er selbst hatte sich mit einem : Halt da ! denen gegenübergestellt , die ihn nicht kennen mochten und das Erscheinen eines Mönches und eines Priesters für die Vorboten einer unentrinnbaren Gewaltthat ansahen ... Meine Freunde ! rief Federigo in die wilde Bewegung ... Verschlimmert die Sache nicht noch mehr , als sie schon ist ! ... Wir wissen , daß diese Krieger das Gebirge durchstreifen seit den blutigen Aufständen an den Meeresküsten ... Wer weiß , ob sie nur uns suchen ... Wo Weiber und Kinder zugegen sind , konnte nichts Uebles geschehen ... Ambrogio Negrino mußte ihm diese Voraussetzung nehmen ... Er erzählte , was von ihm in San-Giovanni gehört worden ... Paolo Vigo und Hubertus riethen , lieber sofort das Aeußerste anzunehmen und die Sicherheit zu suchen ... Seit dem Aufstand der Bandiera war nicht vorgekommen , daß sich zu gleicher Zeit eine so große Anzahl von Soldaten in diesen Gegenden hatte erblicken lassen ... Viele der Frauen hatten Soldaten im Leben nicht gesehen ... Sie standen starr vor Entsetzen und mehrten die Rathlosigkeit der Männer , von denen die Mehrzahl sich vertheidigen wollte ... Federigo bat alle , sich der Sorge um ihn selbst zu entschlagen und nur auf die eigene Rettung bedacht zu sein ... Den Zumuthungen zur Flucht widerstand er entschieden , ordnete die Leute so , daß sie in zerstreuten Haufen sich auf die Heimkehr über solche Wege begaben , die nur ihm bekannt waren ... War auch das Thal so eng , daß ein auf dem Gebirgskamm plötzlich fallender , schon als Alarmzeichen dienender Schuß ringsum in siebenfachem Echo widerhallte , so fehlten Auswege nicht und nicht alle Gebirgsspalten konnten zu gleicher Zeit besetzt sein ... Inzwischen mehrten sich die verdächtigen Zeichen und schon wurden die militärischen Commandos hörbar ... An ein Entrinnen ist nicht zu denken ! sagte zu aller Schrecken der jetzt für immer dem Verderben geweihte Pfarrer von San-Giovanni ... Ambrogio und Hubertus schilderten zu wiederholter Bestätigung , was sie in San-Giovanni und Spezzano gesehen hatten ... Inzwischen war von den Entschlosseneren unter den Männern ein Rückzug angeordnet worden , der vielleicht über die Serra del Imperatore möglich war ... Eiligst warf man die Geräthschaften auf die Karren , gebot den Kindern Ruhe , brachte die Maulthiere und Esel in Bewegung und in einer Viertelstunde war es um Federigo ' s Hütte still geworden ... Nur noch Hubertus , Paolo Vigo und Ambrogio Negrino blieben zurück ... Inständigst bat sie der Greis , jenen Felsenspalt , den er kannte und für vollkommen sicher erklären mußte , statt seiner aufzusuchen ... Eilt euch , meine Freunde ! sprach er ... Kümmert euch nicht mehr um mich ... Meine Stunden sind gezählt und ich habe nicht einmal eine schlimme Hoffnung für mich - ich habe sie nur für euch ... Wir sind dort alle sicher ... entgegnete Ambrogio ... Ich beschwöre euch , geht allein ! wiederholte Federigo ... Ich suche mein Ende ... Laßt , laßt mir , was beschieden ist - ! ... Ich versichere euch , es wacht nicht nur Gott über mich , sondern auch manche Freundesseele unter den Menschen ... Soll ich euch , meine geliebten , theuern Freunde , unglücklicher machen , als ihr jetzt schon mit euerm getheilten , zaghaften Herzen seid ? ... Gott ist mein Zeuge , ich pflanzte nichts in euch , was nicht schon in euch war ! ... Ich hielt euch zurück , euch den größten Gefahren preiszugeben ... Wenn ich mich dem Drängen nach Entscheidung heute fügte , so ist es billig , daß mich die Folgen allein treffen ... Flieht , flieht - ! ... Bewahrt euer Geheimniß , lehrt diese Menschen das ihrige hüten - bald brechen neue Zeiten an ! ... Vielleicht vernimmt noch Euer Ohr den Sieg des Evangeliums von Rom ! ... In diesem Wettstreit - die Verehrer des Greises wollten sein Schicksal theilen - mehrte sich die Unruhe ringsum ... Das Thal wurde lebendiger ... Von Aexten getroffen brachen hie und da die Zweige zusammen ... Hier blitzten Flinten auf , dort entluden sich welche ... Federigo wehrte Hubertus , der ihn auf seinen Armen forttragen wollte ... Rettet nur euch ! bat er wiederholt ... Für mich ist gesorgt ... Alle starrten , als sie sahen , wie Federigo jetzt in seine Hütte trat , dort ein brennendes Licht ergriff , die Flamme an die Wände hielt , die von dürrem Moose gefugt waren , und seine Einsiedelei in Flammen steckte ... Paolo Vigo suchte das verzehrende Feuer abzuhalten von den Gedankenschätzen , die hier in Büchern und Blättern aufgehäuft lagen und aus denen er jahrelang Trost und Erhebung geschöpft hatte ... Aber die Papiere und Bücher brannten schon und bald züngelte die Flamme um die ganze Hütte ... Gedanken an Rettung und Flucht verließen nun die drei Freunde gänzlich ... Willenlos ließen sie den Greis gewähren ... Sein Betragen war seltsam ... So fast , als käme ihm dieser Ueberfall erwünscht , ja als wäre er früher oder später auf einen solchen vorbereitet gewesen ... Aus dem Brande ergriff er einige wenige Bücher , um sie zu retten und seltsamerweise noch drei Stäbe , von denen er jedem der Freunde einen einhändigte mit den Worten : Schützt euer Leben und euere Freiheit - ... Bewahrt aber , jeder von euch , wie irgend möglich , diesen Stab , den ich euch auf die Seele binde - ! ... Nun vollends blieben sie wie angewurzelt stehen ... Er wiederholte seine Worte und setzte hinzu : Sucht mit äußerster Anstrengung euch diese Stäbe zu erhalten ... Wenn ihr nicht entweichen wollt , ihr Armen , so bitt ' ich nur noch dies ... Es kommt ein Augenblick , wo ich oder irgendwer euch mittheilt , welche Anwendung ihr von diesen Stäben machen sollt ... Die Hütte brannte nieder ... Eine Viertelstunde darauf waren auf einer rauchenden Trümmerstätte alle vier die Gefangenen der Inquisition ... Fünfzehn auf der Flucht noch aufgegriffene Männer , an ihrer Spitze auf einem und demselben Karren Federigo , Hubertus , Paolo Vigo und Ambrogio Negrino , kamen am Abend desselben Tages zu Spezzano nicht nur von Reitern und Fußvolk geleitet an , sondern vom Schwarm der Bewohner des halben Gebirgs ... Das Kirchenfest von Spezzano mit all den Späßen , die mit tausend Lichtern und Lampen die Gottheit , wie die Chinesen den Neumond feiern , war im vollen Gange ... Die Ketzer von den Bluteichen ! hieß es - ... Und mancher staunte , darunter einem alten Bekannten zu begegnen ... An der Spitze des Zugs befand sich der » Hexenmeister , der von den Fanatikern verspottet , von den meisten mit unheimlichem Grauen betrachtet wurde ... Die Mehrzahl wurde nach Cosenza abgeführt ... Die vier verbundenen Freunde kamen nach Neapel ... Der Abschied , den sie alle von einander und von den Ihrigen nahmen , ließ selbst die von ihrem Pfarrer fanatisirten Bewohner von Spezzano glauben , daß die Ketzer Menschen bleiben wie andere ... Das Weinen der Frauen steckte an ... Die Volkshaufen konnten zuletzt von den Mönchen und Priestern , die anhetzen wollten , nicht mehr recht zu Beschimpfungen entflammt werden ... Am meisten rührte der Abschied , den Rosalia Mateucci von ihrem in San-Giovanni in solcher Lage begrüßten Bruder , dem Pfarrer Paolo Vigo , nahm ... In Spezzano entriß ihm zwar eine Frau das Kind , das er segnen wollte , aber das halbe San-Giovanni , das bis Spezzano mitgezogen war , trat dazwischen und Scagnarello erbot sich sogar , die weinende Rosalia nach Cosenza umsonst zu fahren ... Was sie an Geld bei sich trug , hatte sie dem heißgeliebten , unglücklichen Bruder aufgezwungen , den in so unwürdiger , diesseits und jenseits verlorner Erniedrigung wiederzusehen ihr das Herz brach ... Paolo Vigo sprach laut über die Freude , leiden zu dürfen um des Heilands willen ... Als er laut betete , senkten sich die Häupter ... Niemand unterbrach seine feierlich erhobene Rede ... Paolo Vigo zog allem , was ihn treffen konnte , das Glück vor , bei Federigo zu sein ... Alles hatte man ihm genommen , nur den Stab nicht , den auch die beiden andern Gefangenen trugen ... Der Pfarrer von Spezzano zeigte dem Guardian von San-Firmiano , der seinen beiden Klosterangehörigen bis Spezzano gefolgt war , eine Vollmacht des Erzbischofs von Cosenza , der zufolge das Kloster die beiden Leviten nicht reclamiren durfte ... Rosalia Mateucci schwur dem hochheiligsten Erzbischof von Cosenza eine Rache - wie sie nur vom Blick einer Neapolitanerin begleitet sein konnte ... Transporte von Gefangenen waren und sind in diesem Lande an sich etwas Gewöhnliches ... Der Wagen , begleitet von sechs Schweizer-Dragonern , glitt niederwärts - der kreidigen , staubbedeckten Landstraße und - den blauen Wogen des Meeres zu - hin nach Neapel , wo Hubertus , mit Verzweiflung sich allein als den Urheber aller dieser Schrecken anklagend , nur einen einzigen Gegenstand suchte - die Rauchsäule des Vesuv « ... Fußnoten 1 Rehfues ' » Neue Medea « . 12. Was Lucinde vor Jahren geahnt hatte , daß sie nach einer kurzen glänzenden Periode des Glücks nur zu bald wieder in Elend versinken würde , war allerdings nach dem Tode Ceccone ' s für einige Zeit eingetroffen ... Aber wie sie am Tage nach dem Hochzeitsfest Olympiens berechnet hatte , sie war wenigstens die rechtmäßige Gräfin Sarzana geblieben ... In ihrer Theilnahme an den Demonstrationen modischer Kirchlichkeit lag eine Versöhnung für alles , was in zweideutiger Weise ihren Ruf treffen konnte ... Sie war eine Büßerin , trug nur dunkle Farben , senkte ihr ohnehin schon zur Erde sich neigendes Haupt in dem Grad , daß die jetzt fast Sechsunddreißigjährige einen gekrümmten Rücken bekommen zu haben schien und mit ihren noch immer blitzenden Feueraugen die Menschen , das Leben und die Welt von unten her um so unheimlicher betrachtete ... Jetzt , wo Friede und Ruhe wieder in Rom eingezogen war , hatte sie sogar die Mittel gefunden , eine Art » Kreis « um sich zu ziehen ... Die Sorge um einen solchen » Kreis « ist nicht gering ; sie ist mit steter Aufregung und mancherlei Aerger verbunden ... Sie hatte einen Donnerstag proclamirt , an dem ihr Haus allgemein und massenhaft zugänglich war , während sonst zu ihrem engern Kreise nur wenige » Intimitäten « gehörten ... Diese Wiederherstellung war ihr in diesem Herbst und Winter nach vielen Mühen gelungen ... Die » Donnerstage « der Gräfin Sarzana waren besucht ... Die Wohnung , die sie innehatte , gehörte dem ältesten Rom des Mittelalters an und lag in der » Straße der Kaufleute « ... Hier standen alte Paläste , die den herabgekommenen Geschlechtern alter Tage gehörten ; dunkle , verwitterte Steinmassen , im Erdgeschoß und Bodengelaß oft zu Waarenmagazinen benutzt , umgeben von baufälligen Nachbarhäusern ... Es lag ein gewisser Nimbus um diese alterthümlichen Wohnungen und selbst im dritten Stock , den die Gräfin Sarzana bewohnte , war einer dieser Paläste leidlich » anständig « , auch wenn man im Eingang an den Fässern eines großen Kaufmannsgeschäftes vorüber mußte und die Treppen mit Wollsäcken verengt fand , die innenwärts auf die oberen Böden gewunden wurden ... Darum hatten die inneren Gemächer , zumal wenn sie erleuchtet waren , doch durch Bauart und architektonische Ausschmückung ein beinahe fürstliches Aussehen ... An ihren » Donnerstagen « bedienten mehre Diener in Livree ... Für gewöhnlich hatte die Gräfin nur ihrer zwei ... Auch eine Equipage , eine gemiethete freilich , durfte nicht fehlen ... Es war ein Geheimniß , woher die Einnahmen dieser deutschen Dame flossen ... Oft hatten ihr Bonaventura , Paula , Graf Hugo vergeblich Pensionen angeboten ... Ceccone ' s letzter Wille verlangte , daß sie zeitlebens das kleine Palais bewohnte , in welchem ihm Graf Sarzana den Tod gegeben ... Sie bezog es nicht ; verwerthete aber die Vergünstigung durch Vermiethung ... Als Olympia in London selbst nicht mehr mit ihren Einnahmen auskommen konnte , stellte sie die Bedingung , daß Gräfin Sarzana das Palais ihres Onkels entweder bezog oder die Nutznießung an sie , seine Erbin , abtrat ... Lucinde zog letzteres vor ... Nun , wo ihr jährlich tausend Scudi fehlten , traten die harten Zeiten ein ... Ihre » Missionsreisen « wurden ihr zwar bezahlt , sie wohnte in Ordenshäusern , auch hatte sie eine Hülfe , die ihr manchmal in äußersten Fällen beistand - die alte Fürstin Rucca ... Nur wurde auch diese vom Herzog Pumpeo so in Anspruch genommen , daß sie Schulden hatte und dann im Gegentheil von Lucinden zu borgen kam ... Lucinde nahm in solchen Fällen keinen Anstand , über die Börsen derer zu gebieten , die unter ihren Bekanntschaften reich waren ... So bei Frau von Sicking , die auf ihren geistlichen Tendenzreisen oft nach Rom kam und Lucindens Protection begehrte ... Treudchen Ley , deren Gatte , Piter Kattendyk , sich nicht nur in die ernste Lebensaufgabe geworfen hatte , Stadt- und Commerzienrath zu werden , sondern sich auch mit der so schmählich von ihm beleidigten Kirche und Religion auszusöhnen ( Professor Guido Goldfinger hatte das Geschäft gerettet und schwang sein Scepter über die Hauptbücher mit tyrannischer Gewalt ) , auch Treudchen Piter Kattendyk ließ ihrer Freundin Gräfin Lucinde Sarzana eine regelmäßige , wenn auch nur kleine Pension auszahlen ... Goldfinger hatte diese als Tribut der Familie , desgleichen infolge letzten Willens der selig verblichenen Schwiegermutter Wally Kattendyk , anerkannt und sogar etwas vergrößert unter ausdrücklicher Nebenbedingung , daß Lucinde in der Peterskirche an einem gewissen Altar für das Haus Kattendyk und die Angehörigen desselben jährlich eine Messe lesen lassen sollte - sie erstand sie wohlfeiler , als von Deutschland aus möglich war ... Alle diese Hülfsmittel würden nicht ausgereicht haben , z.B. dem Andenken des Grafen Sarzana , trotzdem , daß er für die Sache des » Atheismus « gefallen war , auf dem Kirchhof an Porta Pancrazio ein glänzendes Denkmal zu setzen , im eigenen Wagen zu reisen , einen alten Palazzo in der Strada dei Mercanti zu bewohnen , einen Jour fixe , regelmäßig zwei Bediente und eine Equipage zu halten - wenn nicht Lucinde noch einen Beistand gefunden hätte , welcher der frommen Convertitin seltsamerweise - aus der Türkei kam ... Gräfin Sarzana kannte Italien und wußte , daß dort