ganz abzudanken ... Von Dankmar waren Briefe gekommen , in denen sich unter Anderem die Stelle befand : Über unser Erbe sollten wir einstweilen noch leidlich beruhigt sein . Wir empfingen einige Tausend von unbekannter Hand aus dem durch den Fall wahrscheinlich gesprungenen Schrein . Der Briefsteller ist ohne Zweifel Hackert . Er versichert das ihm anvertraute Gut zu hüthen , soweit es seine Wunden zuließen ; denn daß der Schrein nicht ganz in Trümmer gegangen wäre , hätte man seiner Schulter zu verdanken , die nur noch wenige Stunden lang Kraft genug behalten hätte , das Äußerste zu wagen . Man möchte Geduld haben ; er hätte die Loosung bekommen : Zum Tempelstein ! und vor Louise Eisold würde er den Fund niederlegen , vielleicht zu ihrem Hochzeittage mit Mangold , da Danebrand ja hätte » dran glauben « müssen ... Beruhigt durch diese , wie Dankmar erzählte , selbst von einem Verwundeten noch schön geschriebene , aus einem kleinen Provinzstädtchen gekommene Botschaft , wo man unter der Hand fruchtlose Nachforschungen angestellt hätte , machte sich Rodewald auf ' s Neue auf den Weg , um nun den Fürsten zu sprechen . Seine Mittel reichten nicht aus , mit Herrn von Reichmeyer in einen Wettkampf zu treten . Nur die Hoffnung trieb ihn , den Fürsten ermuntern zu können , daß er an der Zukunft seines Erbes nicht verzweifelte und ihn in einer Lage , einem Berufe walten ließe , den er nun einmal , fern vom Treiben der Städte , als den letzten ihm zukommenden , hätte erkennen wollen ... Rodewald versprach , sogleich zurückzukehren und in dem leichtmöglichen Falle , daß der greise Präsident in Anna ' s pflegenden Armen ausathme , mit den in Eile gerufenen Ärzten männlichen Beistand zu leisten . Es war fünf Uhr . Ein heißer Junitag . Im Park hinter dem Palais des Fürsten Egon säuselte ein kühlender Luftzug in den Ulmen und Linden , die grade ihre duftigen Blüthen entfalteten . Der spät sich belaubende Ahorn , die vor der Blüthe dünn beblätterten Akazien bildeten den Übergang aus den dichtern Baumpartien in die jetzt gepflegtere Ordnung des Gartens , wo Rosen und Nelken mit üppigster Farbenpracht grade im Beginn des schönen Blüthentraumes waren , der den edelsten Pflanzen nur zu kurz gestattet ist . Egon und die Fürstin wandelten im Garten ... Nach Tisch pflegten die guten Geister ihm näher zu sein als seine schlimmen . Nicht daß er , mit Menenius bei Shakspeare zu reden , bei » vollem Magen mehr Milde und Erbarmen hatte als bei leerem « ; aber die Fürstin kredenzte ihm von den südlichen Weinen , die er liebte , er wurde gesprächiger , angeregter , bedürftiger der Zärtlichkeit , die uns nachgiebig macht auch in anderen Dingen als nur den tändelnden ... Egon stocherte sich die Zähne , setzte sich auf jene Bank , auf der er einst ausgeruht hatte , als er von seiner Krankheit genas und er die Briefe von Helene d ' Azimont nicht mehr lesen mochte ... Das Kissen , das ihm damals Louis Armand ausbreitete , legten auf die steinerne Bank jetzt zwei Bediente , die sich in gemessener Entfernung hielten ... Die Fürstin war in guter Laune ; denn Egon schien es zu sein . Er lobte die Blumen , die Luft , die Speisen , die Käfer , die Weine , die Kissen , Alles durcheinander , er , der sonst so wenig lobte , Alles tadelte , Alles gebessert wünschte ... Ob seine Freude eine wahre oder nur eine erkünstelte war , kümmerte die Fürstin nicht . Sie erzählte in ihrer alten Art Komisches und Spöttisches durcheinander , Eins drolliger als das Andre , und schien dabei sorglos , so blau und wolkenleer , wie der Himmel über ihnen . Hatte sie doch kürzlich erst ein großes Leid glücklich überstanden ... eines Morgens war bei ihr angefragt worden , ob sie nichts vom Vater wisse ? Der Justizrath , hieß es zu ihrem tödtlichsten Schrecken , müsse in der Nacht die Komthurei allein verlassen haben , wäre nirgends zu finden , hätte vielleicht ein Unglück erlebt ... Der Schrei ihrer Angst erstickte in der schaudernden Gewißheit , daß sich der Vater vielleicht ein Leids angethan hätte ; die Mutter , zu der sie flog , war starr und stumm ... der Vater , hieß es , hat eine Zahlung zu machen ... er wird sich den Tod gegeben haben . Doch bald klingelte es am Hause und der Vater kam , heitrer denn je , wohlgemuth , aufgelegt , sprach von dem Sonnenaufgang , den er hätte im Walde an der Jägerei , an dem bekannten Eierhäuschen , beobachten wollen , leistete die Zahlung aus Mitteln , über die in der Freude der Erlösung von einer schrecklichen Vorstellung Niemand grübelte ... es war dies sonderbarer Weise derselbe Tag , an welchem man Dankmar ' s Flucht und den Raub des Schreins erfuhr ... Genug , Melanie forschte nicht , sie lebte dem Augenblick und suchte Egon zu erheitern , wo sie nur konnte . Abgegebene Visitenkarten veranlaßten sie zu folgendem komischen Bericht : Seit Frau von Trompetta den Hof in Tempelheide versäumt hat , verliert die Gute um so mehr ihr Gleichgewicht , als ihre Formen sich immer mehr denen eines weiblichen Falstaff nähern . Aus allen Kämpfen , die uns seither bewegten , ist auch sie nicht ohne ihren Kummer hervorgegangen , aber das öffentliche und das eigne Leid bekamen ihr so wohl , daß ihr gegen die Blutfülle nichts als Kissingen übrig bleibt . In der Ideenwelt scheint sie sich erschöpft zu haben . Das Kanonenboot ist gescheitert wie die deutsche Flotte und von den Künstlern und Dichtern , die für ihre eigne Existenz zu sorgen haben , ist gratis jetzt nichts mehr herauszubekommen . Die Zeit der freiwilligen Albums ist vorüber . Auch ihre Stimme hat bei dem Embonpoint gelitten . Dennoch wagt sie jetzt den letzten Versuch , die Liebe des Hofes zu attakiren . Sie hat gehört , daß die Gräfin Altenwyl äußerte : Die Königin fände es auffallend , daß soviel hochgestellte Damen sich um die Neuerung der sogenannten Kindergärten kümmerten ; ob sie denn nicht wüßten , daß diese Kindergärten zu der innern Mission der Demokratie gehörten ? Wenn die edlen Damen Etwas für die Kinder thun wollten , so sollten sie sich an den Krippen oder sogenannten Crêches betheiligen . Niemand war von dieser Äußerung betroffener als Frau von Reichmeyer , der sie hinterbracht wurde in einem Augenblick , wo sie eben für die Kindergärten eine Sammlung zur Anschaffung von dem darin üblichen Gedanken-Spielzeug eröffnen wollte . Die ärmste Millionärin hatte sich in der Wahl des Mittels , um die Gunst des Hofes zu gewinnen , so entsetzlich vergriffen ! Nun entwand sie sich sogleich feurigst den Armen der Demokratie , fuhr zu Frau von Trompetta und hinterbrachte ihr das Wort der Altenwyl . Jetzt haben es Beide höchst enthusiastisch mit den Milchfläschchen für Säuglinge und mit den Krippen . Gelbsattel ist dabei auch gewonnen worden , alle frommen Geistlichen , die Mäuseburg , die Fürstin von Sein-Haben-Werden , Alle , Alle wollen sie jetzt die kleinen Milchfläschchen füllen und Krippen bauen . Der Anblick der Trompetta und der Reichmeyer unter den Windeln der Creches soll höchst tragikomisch sein . Die Königin hat sämmtliche Creches unter ihre Protektion genommen und der katholische Heiligenschein um die Köpfe der vornehmen Damen nimmt in der That so zu , daß ich mir manchmal wie eine Heidin vorkomme und nicht mehr weiß , an was man nun eigentlich jetzt noch recht glauben soll . Egon lächelte zu dem Humor der Fürstin , die nie verlegen war , ihn zu erheitern , aufzurichten , in seiner öden Vereinsamung zu trösten ... Ich sehe , sagte er , daß meines Sylvester Rafflard Wirken für den deutschen Norden nun doch von bestem Erfolg gewesen ist . Die Intrigue gegen Helene war nicht seine einzige Aufgabe . Er hat überall schlau die Leerheit und Abspannung der Gemüther hier benutzt , um ihnen die Panacee des römischen Glaubens anzubieten . Wir bauen schon Kirchen für Rom , wir werden binnen wenigen Jahren hier einen römischen Bischof haben und das Frohnleichnamsfest öffentlich feiern sehen unter dem Schutze von Militär und Gendarmen . Die Krankenpflege erzeugt Institutionen , von denen man nicht mehr recht weiß , wurzeln sie noch in Luther oder schon wieder in Rom . Man sieht Schwestern mit wunderlichen Kopftrachten durch die Straßen gehen , als wäre man im tiefsten Süden . Man zeigt dem Volke die Uneigennützigkeit der katholischen Kirche in der Heil- , Schul- und Seelsorge . Die Kunst entschieden , die Literatur allmälig seh ' ich schon hinneigen wieder zu einer gewissen unreellen Auffassung des Lebens , wie in der alten romantischen Epoche . Die Damen lesen nur Süßliches , Dämmerliches , Träumerisches . Von dem offnen Übertritt vieler Gebildeten nicht zu reden ... Die Fürstin verstand , warum sich Egon unterbrach . Er dachte hier an Helene d ' Azimont , die den neuesten Nachrichten zufolge nach Paris zurückgekehrt war , dort ihren Gatten sterbend gefunden , ihn begraben hatte und nun auch zur katholischen Kirche übergetreten war . Man hatte erfahren , daß sie sogar mit der alten Mutter Desiré ' s sich ausgesöhnt hatte , auf dem Quai d ' Orsay gemeinschaftlich mit ihr betete und in Notre-Dame , während Rafflard vor den Thüren stände und mit den Shawls auf Beide an der Equipage wartete , in der Magdalenen-Kapelle mit zerknirschten Reuethränen oft hörbar schluchze . Heinrichson war Helenen nicht treu geblieben . Eine millionenreiche Engländerin , die für eine Malerin gelten wollte , hatte ihn geheirathet . Helene war um den Glauben an sich und die Welt gekommen ... Das grausame Gedicht des sonst so weichen Oleander hatte auch sein gut Theil Schuld daran , daß Helene für alle ihre Schmerzen auf eine letzte Abhülfe dachte und sich vor Egon , vor Olga , ihrer Schwester Adele , vor Rudhard gleichsam einen Panzer und Harnisch des neuen Lebens umschnallte , der ihr zugleich erlaubte , über alles Vergangene , wenigstens scheinbar , eine souveräne Verachtung auszusprechen . O diese bemitleidenswerthe Haltlosigkeit der weiblichen Seele , rief jetzt Egon kopfschüttelnd aus . Wenn die Klänge der Orgel brausend strömen , die Klingel des Hochamts ertönt , der Priester im gestickten Kleide die Ränder des Altars küßt , fühlen diese Frauen wol eine Linderung ihrer Qual , ihres heißen Durstes nach Wahrheit oder Schönheit ? Ich glaube nicht . Ich glaube , daß Helene im katholischen Glauben nur dieselbe Anregung findet , die Pauline von Harder bei uns in meiner Politik fand . Dieser katholische Glaube besteht nicht aus der Messe , der Beichte und dem Rosenkranz allein . Es ist eine so merkwürdig unterhaltende Institution , wenn man in ihr inneres Getriebe treten darf und die reichste , ja leidenschaftlichste Erregung für jeden übrigen Lebens-Augenblick gewinnt , auch außer der Gottesandacht . Kann etwas lebensvoller organisirt sein als das Ziel und Streben der katholischen Kirche ? Ist sie nicht mit rüstigem Muthe wieder in den Wettkampf mit der Zeit getreten , hat sich an allen Vorgängen der Staaten , der Kultur , der Kunst , ja selbst der Wissenschaft um so mehr betheiligt , als wir für uns überall auf diesem Gebiete nur Niederlagen sehen ? Das Palais eines Erzbischofs ist jetzt wie das eines Ministers . Boten gehen und kommen . Über Alles wird berichtet , für Alles ein Votum abgegeben und die Fürsten , die schon ihren nahen Untergang vor Augen erblicken , klammern sich an diesen Einfluß mit tiefster Unterwerfung , fördern ihn , folgen ihm , selbst wenn sie nicht zur katholischen Kirche gehören . In diesem Kirchenleben herrscht ein ewiges Kommen und Gehen , eine stete Anregung auch durch Männer , die den großen Vortheil bieten , daß ihnen häusliche und Familienbeziehungen nicht auf den Fersen folgen . Nie klappen diese Menschen gleichsam in ihren Hauspantoffeln , nie hört man von ihnen eine Berufung auf ihre Lebensstellung , auf das Loos von Weib und Kind . Meine arme Helene vielleicht sucht Gott , vielleicht sogar Christus , aber sie wird auch , in Ermangelung des rechten Heilandes , vorläufig soviel Apostel finden , daß ihr ein neues unterhaltendes Leben aufgehen muß und ihre liebeglühende , in den Extremen lebende Seele nicht Zeit erhält , noch an das Vergangene zu denken . Sie ist reich , sie wird sich das Leben nach allen Dichtgattungen , tragisch , idyllisch gestalten , wie sie es bedarf . Die Elastizität ihres Willens , die Dehnbarkeit ihres Bedürfnisses wird nie ein Ende finden . Über Gründe , Motivirungen wird sie , die im Ewignothwendigen lebt , nie in Verlegenheit sein . Geb ' ihr der Himmel die reichsten Züge aus dem Quell des Vergessens und netze ihre heiße Stirn mit irgend einem Thau und wär ' es das Weihwasser des Aberglaubens an den weihrauchduftenden Kirchthüren ! Die Fürstin lenkte , da Egon ' s Stimme vor wehmüthiger Erregung zitterte , auf Pauline ein und berichtete über die Besuche , die heute die Geheimräthin schon in der Frühe gemacht hatte , aus Furcht , Egon wolle dem Hofe offen , nicht versteckt weichen , wolle eine Kabinetskrisis eintreten lassen ... Egon aber fuhr ausweichend fort : Dieser tollkühne , so liebenswürdige und so gefährliche Dankmar Wildungen hatte Recht , als er mir eines Tages , da von dem Übertritt einer berühmten Frau die Rede war , sagte : Diese Frau handelte sehr inkonsequent oder sie weiß nicht , daß die Nachtigall ein Männchen ist . Überlegte sie , daß Gott es so geordnet hat , daß die Männchen im Walde die Herren , die Männchen nur schön sind und nur die Männchen singen , wüßte sie , daß nur eine ihr sonst so seltene Galanterie der deutschen Sprache aus dem Sprosser , der allein schlägt , eine Nachtigall machte , aus der Sonne , die in allen Sprachen männlich ist , bei uns allein eine Dame und den überall weiblichen , überall abhängigen Mond bei uns zum Herrn , zum Maskulinum , so hätte sie in dem konsequenten Streben nach Freiheit und Frauengröße eigentlich dem Weltenschöpfer den Handschuh zum Kampfe hinwerfen und in die Schule der neuen Atheisten gehen müssen . Aber von den Regierungen verfolgt werden , mit der Gesellschaft zerfallen , von der Aristokratie verdammt und verketzert werden , Das entspricht freilich nicht den Allüren dieser Ästhetik und so wählte sie statt der genialen Malice auf die Weltordnung , die eine charakteristische Konsequenz gewesen wäre , eine ihr gar nicht natürliche demüthige Unterordnung , statt Byron ' s den ihr im Stillen höchst langweiligen Thomas a Kempis , statt des unscheinbaren Doktors Feuerbach bei Nürnberg den freilich pompöseren Papst in Rom . Das Paar stand nun auf ... Die Fürstin wußte , daß sie diese Art von Erinnerungen , wenn Egon fest dabei blieb , nicht durch Scherz stören durfte . Sie wußte , wie Egon litt unter dem Druck seiner Überzeugungen und Pflichten . Er terrorisirte sich ja selbst und weil sie die Einzige war , die seine Wahrheitsliebe mit schaudernder Verehrung anerkannte , so that es ihm wohl , sich , wenn sie ganz stumm war , an sie zu schmiegen und sich mit ihr allein im beruhigten Einverständniß zu fühlen . Pauline , sagte er im Gehen , Pauline ist grade wie Helene . Diese ertrug nicht , daß ich handelte , Jene wird nie ertragen , daß ich liebe und nur dem Leben lebe . Erst war ich ganz der Sklave des Herzens , nun bin ich ganz der Sklave des Geistes . Ich soll mich beugen unter diese kleinen Zirkel ! Ich soll eine Lüge in die wenigstens mir erwiesene Wahrheit meines Herzens aufnehmen ! Ich soll die Religion , die Schule , die Wissenschaft einer Richtung überantworten , die nicht die meine ist ! Und warum ? Um Minister zu bleiben ? Um Paulinen nicht von ihrer Höhe herabzustürzen ? ... Ich habe diesen Staat gerettet . Ich begab mich in Gefahren , opferte meine Freunde , diente der Gesellschaft , indem ich die Ruhe , Ordnung , den Fleiß , die Mäßigung , die Ergebung , das Vertrauen anbahnte . Und immer die Vorwürfe , daß ich die historischen Bedingungen vergäße ? Grade diese Monarchie wäre ein Andres als der allgemeine Staat der Vernunft ? Grade hier gälte es , Alles in den Personen , nichts in den Dingen zu suchen ? Ich ertrug diesen tollen Widerspruch , so lange ich ihn für ungefährlich erklären konnte . Aber jetzt soll ich , da diese Fanatiker des Rückganges sich unentbehrlich gemacht haben und ich auch von den Mittelparteien umgangen bin , mir Elemente aufdrängen lassen , die sich mir nur heuchlerisch unterwarfen , weil ich Muth hatte und nur warteten , bis ich von ihrem schlingpflanzenartigen Wachsthum umrankt bin und in ihren Umarmungen ersticken muß ! Ich kenne jetzt den leitenden Gedanken des Hofes . Ich war gut für das Zeitalter der Polizei . Zwei Jahre galt es unterdrücken , hemmen , ablehnen . Jetzt träte die Zeit der Organisationen ein ! Es ist die Contrerevolution der Adligen und der Pietisten , denen selbst Voland zu allgemein und zu phrasenhaft geworden ist . Wenn die jetzt erledigten Ministerien des Kultus und des Auswärtigen in die Hände jener Männer kommen sollen , aus deren Liste ich nicht Einen wählen würde , während der Hof nicht Einen aus der meinen mochte , so hab ' ich meinen Weg vollendet und danke dem Himmel , daß Reichmeyer ' s Vorschlag einer Parzellirung meiner Güter und deren successiver Verkauf mir möglich macht , diese Bahn zu verlassen und Rudhard ' s Vorschlag , meiner Gesundheit wegen mich im südlichen Rußland , gradezu in der Krimm oder sonst wo niederzulassen , auszuführen ... Diese unmuthsvoll ausgesprochenen Phantasieen wurden von drei Briefen unterbrochen , von denen einer in röthlicher Enveloppe der wichtigste war ; Briefe von dieser Farbe kamen vom Hofe ... Der Fürst erbrach ihn zuerst . Aus dem Kabinet des Königs wurde gemeldet , das Interesse der Dynastie verlange unbedingt die Übergabe der erledigten Portefeuilles an die Männer der vom Hofe aufgestellten Liste . Man sähe um so weniger Schwierigkeiten , als sich ja alle der Präsidentschaft des Fürsten fügen wollten ... Der zweite Brief war von Herrn von Reichmeyer , der die endliche Möglichkeit einer großen Verkaufsoperation für die nächsten Tage bestimmt zusicherte ... Der dritte endlich war von Paulinen und lautete : » Zweimal war ich bei Ihnen , Egon , zweimal wollt ' ich Sie beschwören : Opfern Sie diese entsetzliche Hartnäckigkeit ! Ich habe Gäste zu Tisch , sonst wär ' ich selber da , um Sie fußfällig zu bitten : Richten Sie nicht Alles zu Grunde ! Sie zwingen den Hof nicht ! Die Partei der Königin ist zu sehr erstarkt . Sie lehnt sich an die große östliche europäische Politik und hat das Einverständniß mit allen Kabinetten im Rücken . Sie selbst , Egon , haben die Verfassung für ein Konglomerat von Unsinn und Verbrechen erklärt ; darin ist man mit Ihnen einverstanden . Aber Sie haben hinzugefügt : dies Konglomerat drücke für den Augenblick die Bürgschaft der Ruhe und Ordnung aus , man dürfe sie den Mittelparteien , die den Ausschlag gäben , nicht entziehen , dürfe nicht an ihr rütteln , müsse sie als Popanz regieren lassen , um die größeren Güter des Vertrauens , die Rückkehr zu den Gewerben , die Verschmelzung der Gehorchenden und Regierenden dafür zu gewinnen , bis die Zeit käme , wo die Zungen der Engel oder die Posaunen des Weltgerichtes wieder einmal mit der Menschheit reden würden . Dies zweideutige Wort ist das stündliche Thema der kleinen Zirkel . Man geht so weit , Sie des Einverständnisses mit der Revolution zu bezichtigen . Ich beschwöre Sie , Egon , lassen Sie diese Hartnäckigkeit ! Wenn Flottwitz aus P. und Trompetta aus S. in ' s Ministerium kommen , so haben wir in der Presse und der Kammer die Mittel , diese uns aufgedrungenen Ultra-Elemente bald genug auszustoßen . Geben Sie diese Expropriation Ihres Eigenthums auf ! Sie wollen das Land verlassen ! Sie haben idyllische Ideen wie einst Helene d ' Azimont . Sie sind muthlos geworden , Fürst ! Sie beneiden Ihre alten Freunde um das Glück ihrer Märtyrerschaft ! Sie finden die Schicksale dieser Wildungen wunderbar . Sie ermatten im Kampfe für Ihre unendlich wahreren Ideale ! Soll ich , ein Weib , Ihnen Kraft und Ausdauer predigen ? Egon , was ist Ihnen Rodewald ? Seit dessen Rückkehr sind Sie ein Schatten , sind nicht der Widerschein mehr Ihrer früheren Größe ! Finden Sie Rodewald ab ! Ich biete Ihnen zur Lösung seines Pachtvertrages mein Vermögen ! Verweisen Sie ihn auf Grund seiner verlornen Heimathsrechte , auf Grund des Schutzes , den er dem Staatsverbrecher lieh , auf Grund des Vorschubes , der von Plessen und Tempelheide aus doch unwiderleglich der Flucht Wildungen ' s geleistet wurde , des Landes - Egon , haben Sie Muth , Vertrauen ! Nochmals , ich biete Ihnen die Benutzung meiner eignen Mittel ! Befreien Sie mich von dem Verdachte , daß Sie nicht ertragen können , von mir abhängig zu sein ! ... « An dieser Stelle zerriß Egon das Billet , warf es zur Erde und würde die mit dem Fuße getretenen Fetzen aus Zorn unbedacht haben liegen lassen , wenn die Fürstin sie nicht gesammelt und ihm zurückgestellt hätte , ohne einen Blick hineinzuwerfen ... Ohne ein weiteres Wort durchschritt Egon den Garten , verließ ihn , ging über die kleine Hoftreppe in seine Zimmer . Der Diener folgte ... Die Fürstin hielt sich zurück , treu ihrem Systeme der Nichteinmischung in Dinge , für die ihr Lust und Beruf fehlten ... Zwei Worte genügten dem Fürsten , um dem Hofe anzuzeigen , daß er sich heute gegen Abend definitiv aussprechen würde ... Es stand bei ihm fest , Das , was er war , ganz oder es nicht zu sein ... Pauline von Harder hatte Recht , seit Rodewald ' s Rückkehr war Egon ein Tyrann der Konsequenz ... das Wort » abhängig sein « , von dieser Frau gesprochen , wühlte ihm wie ein Dolch in der Brust ... Der Bediente wollte gehen , das Billet zu Hofe tragen ... Noch zögerte er und meldete : Der Generalpächter Herr Rodewald wünsche Se . Durchlaucht zu sprechen ... Egon hörte nicht ... Er war in zu fieberhafter Bewegung ... Herr Rodewald ... Wer ? ... Der Schrecken des vorigen Jahres im Schlosse Hohenberg wiederholte sich erst . Der Bediente sprach die Meldung noch einmal ; der Wunsch Rodewald ' s , jetzt vorgelassen zu werden , war der dringendste . Die Wirkung dieses Namens auf den Fürsten kennen wir ... Dasselbe Erblassen , dasselbe Beben ... wie auf dem Schlosse Hohenberg ... aber die Sammlung war nach fast einem Jahre der Gewöhnung und Überlegung vorbereiteter ... Der Fürst faßte sich , winkte und ließ den Generalpächter eintreten ... Heinrich Rodewald trat ein ... Zwölftes Capitel Vater und Sohn Rodewald hatte in denselben Zimmern gewartet , wo er einst von Louis Armand die frohe Botschaft von dem vermeintlichen Eigner jener Locke empfing , die auf seinem Herzen ruhte ... er hatte voll Trauer die alabasternen Bildsäulen betrachtet , von deren Anblick er damals gern den Knaben Selmar zurückgehalten hätte ... er war bangend über die Teppiche auf und nieder geschritten , die damals jenen dem Justizrathe zugeschleuderten » Schurken « in seinem Widerhall milderten ... dieselbe Welt und wie verändert durch die Zeit ! Wie Rodewald eintreten sollte zu Egon von Hohenberg , dem Sohne Amanden ' s , schlug dem Vater das Herz , er hätte es hören können , wenn nicht sein Ohr betäubt gewesen wäre . Nur unwillkürlich griff er mit der Linken nach der klopfenden Brust ... in der Rechten hielt er mit der Ehrerbietung , die seiner Stellung zukam , den Hut ... Er war schwarz gekleidet , gab sich von Natur würdevoll und überragte weit seine Stellung . Egon stand vor ihm mit dem Stern auf der Brust ... Er hatte in der Frühe schon einer Repräsentation beigewohnt ... ... Er trug diesen Stern jetzt fast wie eine Waffe . Stumme , lautlose Begrüßung ... Herr Rodewald ? begann der Fürst mit einem unwillkürlichen Schauer . Er hatte diese Gestalt , diese imponirende Würde , diese edle Bildung des Hauptes nicht erwartet ... er wollte seinem Tone Barschheit geben ... er konnte nicht ; der leise am Vater schimmernde Silberglanz des Scheitels milderte seinen strengen Vorsatz ... Durchlaucht ... zu Befehl ... war Rodewald ' s fast zitternd vorgetragene Antwort . Habe Ursache Ihnen sehr dankbar zu sein ... Ihre Verwaltung verspricht ... oder vielmehr Sie leisten schon , was Sie versprochen haben ... Rodewald gewann an Sicherheit der Unsicherheit des Fürsten gegenüber . Dieser Empfang mußte ihn , wenn er schon von Egon ' s Herzen eine geringe Meinung hatte , vollends erkälten . Wozu diese kurzen , abgestoßenen Sätze ! dachte er . Soll Das als Vornehmheit gelten ? Soll Das Strafe für meine Beziehung zu Dankmar sein ? Warum mir diese Unfreundlichkeit ? An eine Bekanntschaft mit seinen Beziehungen zur Mutter dachte er nicht . Er wußte , daß die einzige Verrätherin nur Pauline sein konnte und worin grade ihr Stolz , ihre Eifersucht sich gegen Amanda gesträubt hatte , wußte er nicht minder ... Die zehn Jahre , begann er , die mir Ew . Durchlaucht anfangs gestattet haben , sind grade nur das Maaß der Zeit , das ich brauchen würde , um Soll und Haben einigermaßen in Einklang zu bringen . Auf Gewinn würde erst nach dieser Frist zu rechnen sein . So ? sagte Egon kalt , wandte sich zum Fenster und blickte mistrauisch nur mit halbem Blicke zu dem Sprecher , der fortfuhr : Durchlaucht haben aber , wie ich von Herrn von Zeisel höre , über Ihre Besitzungen einen andern Entschluß gefaßt ... Egon hörte kaum . Er dachte nur an das Wort Paulinen ' s in dem zerrissenen Brief : Man verweist Rodewald des Landes ! Er prüfte und forschte . Er wollte in die Stimmung zurück , die ihn einst veranlaßt hatte auszurufen : Du bist von Fallstricken umgeben , man wühlt in deinen gefährlichsten Geheimnissen ! Was will dieser Mensch ? Warum kommt er zurück ? Was drängt er sich in deine Nähe ? Und nun stand der Gefürchtete vor ihm . So ruhig , so ernst , so würdevoll ... Ja , sein scharfes Auge entdeckte den Wehmuthsschleier über Rodewald ' s Augen und nur darin noch fühlte er seine Kraft sich sammeln , daß er dachte : Sollte er wagen , dir vertraulich zu thun ? Wäre Dies , so hätte ihm ein Gedanke kommen können , der nicht viel anders gelautet hätte , als : Du könntest ihn erwürgen ! Rodewald fuhr fort : Durchlaucht werden als Staatsmann wissen , daß in keinem Dinge eine plötzliche Reform möglich ist . Die Güter sind vernachlässigt , überschuldet , aber ihr Ertrag ist noch nicht zu ermessen . Die Bodenkraft scheint größer , als man voraussetzte . Ich fand keine gute Haushaltung und ich bringe noch mehr als ehrlichen Willen , ich bringe Kenntnisse und Erfahrungen , die sich bewähren dürften ... Sie haben Auslagen gehabt , sagte der Fürst ; ich weiß , Sie haben Maschinen bauen lassen - und die Gebäude , die Sie errichteten , ich sah sie selbst mit Vergnügen - sie werden den gegenwärtigen Kaufpreis nur erhöhen ... Sie werden schadlos gehalten werden ... Ein Verkauf , dem man eine gerichtliche Nothwendigkeit zu Grunde legt , hebt mein Pachtverhältniß auf ... Sie arrangiren sich vielleicht mit Herrn von Reichmeyer ... Ich glaube nicht . Die Landwirthschaft ist so sehr meine Leidenschaft nicht . Es müssen sich die Verhältnisse schon ganz besonders nach meinem Wunsche gestalten , wenn ich mir als Ökonom gefallen soll ... Egon , der fast nur zum Fenster hinaussah , biß sich auf die Lippen . Es lag in diesen Worten Das , was er fürchtete , der Schein von Vertraulichkeit des ihm unheimlichen Mannes und doch war die Betonung nicht auf ihn gerichtet , sie war streng , ohne Weichlichkeit , ohne Zuthunlichkeit , sie ging in ' s Allgemeine . Der Überschuß , fuhr Rodewald fort , der Überschuß der Aktiva , wenn die Passiva getilgt sein werden , kann nicht so groß sein , daß der Werth einer dauernden Zukunftshoffnung aufgehoben würde . Übereilen Sie diesen Entschluß nicht , Durchlaucht ! Egon brachte jetzt polternd eine Menge von Gründen vor , die in diesen Tagen gegen den Besitz von Ländereien sprächen . Es waren darunter sogar welche aus der Zeit und dem Regierungssysteme hergenommen , sodaß Rodewald lächelnd einfiel : Durchlaucht werden bei einer solchen Motivirung dem Besitzadel das Signal eines allgemeinen Sauve qui peut ! geben . Was bliebe von dem Grundbau des Staatsgebäudes übrig , wenn diese Abneigung sich mehrte ! Es würden neue Arbeitsquellen geschaffen , sprach der Fürst jetzt rascher ; es kämen die Käufer in die Nothwendigkeit , den Boden zu mehr als nur zur Unterstützung einer geselligen Repräsentation zu benutzen . Die großen Güterkomplexe sind eine mittelalterliche Idee , die ich bekämpfe . Je mehr wahre Arbeit durch die Parzellirung erzielt wird , desto mehr beschäftigte Hände und zufriedene Köpfe . Ich hatte früher auch die Professorengrillen vom Adel , dem ungetheilten Güterbesitz , den englischen Spleen von Majoraten . Ich habe mich auf der Tribüne und im Büreau überzeugt , wohin wir mit dieser Reform vom Adel kommen . Es ist besser , der Adel vermittelt seine Kräfte mit denen der modernen Arbeit und Grund und Boden wird etwas Beweglicheres als bisher . Gern hätte Rodewald vielleicht erwidert : Und ist die Liebe zu dem