Wein durch Drehen eines Hahns frisches Quellwasser zur Mischung zu verschaffen ... Das Wasser tröpfelte hörbar von den oberen Bergen zu ... Hubertus war erschöpft ; Paolo füllte einen der im Schrank stehenden hölzernen Becher mit Wein und Wasser und erwartete vom so schweigsam gewordenen Sendboten nähere Aufklärungen über Verhältnisse , die beiden gleich theuer und werth waren ... Alles ringsum blieb still ... Nur die Wasserleitung tröpfelte geheimnißvoll und lauschig in dem wieder geschlossenen Schrank ... Düstere Schatten warf die matte Lampe durch die alterthümliche Halle ... Briefe sind ja von Cosenza gekommen ? ... fragte Hubertus , der die Meldung der Ankunft Rosalia Mateucci ' s über die andern , ihm viel wichtigeren Dinge vergessen hatte ... Briefe von Cosenza ? Nein ! Aber vom Sacro Officio aus Neapel ! entgegnete Paolo Vigo und setzte hinzu : Leider ! Sie geben dem Guardian keine Hoffnung ... Spracht Ihr denn nicht den Monsignore ? ... Die bange Vorstellung , die den Alten schon lange beschäftigte , es könnte einen Schlag auf Federigo und seine geheimverbundenen Anhänger gelten , trat mit quälender Gewißheit vor seine vom mühevollen Wandern ohnehin erhitzten Vorstellungen ; aus fieberhaftem Blut steigen nach körperlichen Anstrengungen Wahnbilder und krankhafte Gedanken auf ... Der zwanzigste August war seit zehn Jahren in den fast unzugänglichen Schluchten des Silaswaldes ein Tag , wo anfangs nur drei oder vier Männer , jetzt schon oft zwanzig bis dreißig mit ihren Familien sich versammelten ... Hubertus äußerte seine entschiedensten Besorgnisse und Paolo Vigo redete sie ihm keinesweges aus ... Schon berechnete Paolo , ob nicht vielleicht die Einquartierung in seinem Pfarrhause Anlaß geben könnte , den Guardian um Urlaub zu bitten - ... Sinnend fuhr er fort , man müßte doch morgen in erster Frühe in San-Giovanni hören können , was die Soldaten wollen ... Was sie wollen - hm ! hm ! fiel Hubertus ein - Wenn ich an die lachende Miene des Monsignore denke und denke an den Golf von Neapel , der im Sonnenschein funkelt wie ein Paradies und doch den Vesuv im Leibe hat , so wird mir bange wie einer Mutter um ihr Kind ... Der zwanzigste August ! ... Mein Sohn , ich bitte Euch , mich dem Guardian nicht zu melden ... Ich bin noch nicht angekommen ... Hört Ihr ! ... Lebt jetzt wohl ! In drei Stunden bin ich an Federigo ' s Hütte und schicke Jeden nach Hause , der etwa heute oder morgen kommen sollte , um für die Seelen der armen Märtyrer Pascal und Negrino zu beten ... Guter Bruder ! entgegnete Paolo Vigo ablehnend und erklärte auch seinerseits zu dieser Warnung bereit zu sein ... Ihr muthet Euch ein Uebermaß zu ... O , daß ich statt Eurer hinauffliegen könnte ! ... Soldaten ! sagtet Ihr ? ... Ich sagte ja gleich , daß der aus Neapel vom Sacro Officio angekommene Brief ebenso hinterhaltig ist , wie schon lange das Benehmen des Erzbischofs von Cosenza ... Und der Monsignore gab Euch in Nichts einen tröstlichen Bescheid ? ... So artig war er , sprach Hubertus , wie Papa Kattrepel in meiner alten Stadt Gröningen , der jeden Armensünder , wenn er ihm den Kopf abschlug , erst um Verzeihung bat ... Laßt mich doch jetzt nur sogleich gehen ... Schon hör ' ich den Rumor da oben ... Mitternacht muß vorüber sein ... Geht ! Geht ! ... Ja , all ihr Heiligen , daß ich es nicht vergesse ! Bei Sanct-Hubert ' s Bart , wo hab ' ich meine Gedanken ! Gütiger Gott , mach ' auf mein Alter keinen Schwabenkopf aus mir ! ... Mein Sohn , laßt Euch getrost Urlaub geben nach San-Gio ! ... Da werdet ihr ja eine Person finden , die viel lieber hat , Euch schon morgen wie sonst in Eurem Hause oder beim alten Meister Pallantio die Polenta auf den Tisch zu stellen - lieber , als den steilen Weg hieher zum Kloster erst heraufzuklettern - ! ... Eine Person ? Die Polenta ? Wer ? fragte Paolo Vigo und ließ sich von Hubertus die überraschende Begegnung mit dem keuchenden Pepe , mit Scagnarello , Rosalia und Marietta Mateucci erzählen ... Gütiger Himmel ! rief Paolo Vigo in doppelter Freude - ... Erst aus Liebe zu seiner seit Jahren nicht gesehenen Schwester - dann um die Gelegenheit , nun auf alle Fälle Urlaub zu bekommen ... Hubertus mußte sich jetzt verstecken , wollte er unangemeldet bleiben ... Schon ertönte die Glocke , welche die sämmtlichen Bewohner des Klosters weckte und in die Kirche rief , wo sie singen mußten ... Während Paolo Vigo in größter Ueberraschung , in Spannung und Rührung stand und jedenfalls entschlossen blieb , den Guardian um die sofortige Erlaubniß zu bitten , seiner geliebten Schwester und ihrem holden , von ihm noch nie gesehenen Kinde entgegenzugehen und außerhalb des Klosters übernachten zu dürfen , schlüpfte Hubertus eine vom Refectorium in die Zellen führende enge Wendeltreppe hinauf , um wo möglich , ehe die Frate kamen , seine Zelle zu erreichen und dort sich zu verbergen ... Schon hörte man einen Mönch , der heute das Amt des Weckers hatte , in einem entfernten Gange an die Zellenthüren pochen ... Der Regel des heiligen Franciscus gemäß rief er alle Schläfer aus ihren süßesten Träumen ... Hubertus erreichte glücklich und unbemerkt seine dunkle Zelle ... Sie war nicht breiter und nicht tiefer , als zwölf Fuß , und enthielt als Bett einen Sack von Maisstroh - die Decke darüber war so grob wie seine Kutte ... Von Glasfenstern war keine Rede ; nur eine rohgezimmerte Holzjalousie schützte gegen die im Winter oft schneidend kalte Luft ... Hubertus warf sich auf sein Lager ... Er hatte vor Uebermüdung jene Empfindung , die ihn an die Zeiten erinnerte , wo auch er sich in Java an Opium gewöhnt hatte ... Traumartige Bilder traten vor die wachen Sinne ... Alles schwebte um ihn in Licht und Farbe und Licht und Farbe war auch wieder wie Musik ... So soll einem an Erstickung Sterbenden der Tod sein ... Gestalten , die ihm wie Hexen hätten erscheinen dürfen , waren ihm jetzt freundlich und nickten ihm mit süßem Lächeln ... Mit seiner noch nicht besonders geläuterten Religion nannte Hubertus das die Triumphe des Teufels , den er namentlich auch beim nächtlichen Chorsingen um zwölf Uhr Mitternacht gern in Thätigkeit wußte und oft schon hinter dem großen Missale mit seinem Hörnerkopfe als einen höhnischen Mitsänger oder am Weihwasserkessel , den verunreinigend , erblickt hatte ... Er rüttelte sich wach und horchte nur , ob der Lobgesang in der Kirche bald vorüber sein würde ... Die Lampen in den Händen , schlichen die Mönche und geistlichen Züchtlinge erdfahl und schlaftaumelnd durch die Gänge ... Hubertus , der auch hier schon manchen Verschlafenen - wie oft sonst Klingsohrn ! - um solche Stunde auf den Armen in den Chor getragen hatte , lauschte dem öden Widerhall ... Endlich sangen einige zwanzig Stimmen ... In einfacher Cantilene wurde ein Psalm vom Guardian verlesen und seinen Worten an bestimmten Stellen von den andern respondirt ... Als nun wieder alles nachtstill geworden war und jeder auf seiner Zelle wieder sein Lager erreicht hatte , erhob sich Hubertus von dem seinigen ... Hatte Paolo Vigo Urlaub erhalten , so mußte ein andrer Pförtner für ihn eingetreten sein und jedenfalls erwartete ihn dann der Beurlaubte nirgend anderswo , als in seiner eignen Zelle ... Letztere erreichte Hubertus ungesehen , trat bei Paolo ein und fand ihn in der That bereit , das Kloster zu verlassen ... Auf die freudige Botschaft , seine theure Schwester wäre in San-Giovanni , war ihm die Erlaubniß ertheilt worden , ihrem Besuch zuvorzukommen und sie , wenn ihn sein Herz dazu triebe , überraschen zu dürfen ... Bleibt aber Ihr zurück ! setzte Paolo Vigo bittend hinzu ... Alter , Ihr seid zu erschöpft ... Und nur darin steht mir bei ; geht morgen früh meiner Schwester entgegen und haltet sie vom Kloster eine Weile entfernt , bis ich um die achte Stunde von den Bluteichen in San-Gio wieder zurück sein und Euch Alle bei meinem alten Meßner Pallantio begrüßen kann - ... Wie zwei Jünger , die für ihren Meister ihr Leben zu lassen bereit sind und um den Vorzug in den Beweisen ihrer Liebe streiten , so standen sie am offenen Fenster und stritten , ob es nicht gerathener wäre , Paolo Vigo überließe den Gang nach den Bluteichen , um die am Morgen dort Versammelten zu warnen , an Hubertus und ginge lieber selbst nach San-Gio zur Ueberraschung für seine Schwester ... Mein Sohn ! bat Hubertus ... An mir ist wenig gelegen ... ... Wenn aber Euch zum zweiten Mal eine Strafe träfe , wie sie Euch schon einmal so lange Eure Freiheit gekostet hat ! ... Jetzt brächet ihr ja geradezu auch das Herz Eurer Schwester ! ... Sie versprach , am Morgen zum Kloster zu kommen ... Ihr liebliches Kind wird Euch die Wange küssen ... Wagt nichts Neues wieder , nachdem Ihr schon so lange gebüßt habt ... Paolo Vigo hatte jedoch den Geist empfangen , der in edlen Dingen den Menschen unwiderstehlich zum Selbstopfer treibt ... Eine heilige Glut durchloderte ihn , seine Augen funkelten , wie die Sterne über den leise Flüsternden ... Er ergriff die Hand des Greises und sprach : Weiß ich doch nicht - ich ahne die letzte Stunde unseres Freundes ... Krank ist er zum Tod schon seit lange und es geht das Gerücht , daß sein stilles Wirken entdeckt ist ... Seit jenem letzten Brief , den Ihr aus Rom brachtet , muß eine große Veränderung mit ihm vorgegangen sein ... Ich sah ihn seitdem nur einmal - und da schon wollte er Abschied nehmen für immer , wogegen meine Worte kaum aufkommen konnten ... Es schien , als wenn er eine wichtige Kunde aus der Welt empfangen hatte , die ihn zur Auferstehung , zur Beendigung seiner Einsiedlerschaft und zur Rückkehr ins Leben rief ... Schon aus freien Stücken schien er gehen zu wollen und nun ahn ' ich , er hätte besser gethan , dieser Regung zu folgen - ... Wenn man ihn heute holte , am Tage der Versammlung , ihn in die Kerker der Inquisition würfe - ! Lebt wohl , Alter - ! ... Nicht ohne mich - ! ... sprach Hubertus und blieb dem Unheilverkündenden unabweislich zur Seite ... Mein Fuß ist jünger , als der Euere ! bat Paolo und wollte nicht dulden , daß Hubertus weiter , als bis an die Zelle des Pförtners folgte ... Während noch beide , und mehr mit Geberden als mit Reden , die ohnehin geflüstert werden mußten , stritten , erscholl in einiger Entfernung außerhalb des Klosters ein klagender musikalischer Ton ... Er kam von einer Pansflöte , wie sie hier die Hirten blasen ... Aus kleinen Rohrstäben ist eine einfache Scala zusammengesetzt , die unter geübten Lippen eine in nächtlicher Einsamkeit wohllautende Wirkung hervorbringt ... Horch ! rief Paolo Vigo und bedeutete Hubertus , Acht zu haben ... Die Flöte blies eine Melodie ... Es waren die einfachen Töne eines Kirchenliedes ... Tanto - Christo - amiamo ! ... sprach Paolo Vigo mit Ueberraschung der Melodie nach ... Es ist die Erkennungslosung der Freunde ... Man ruft uns ... Seht ihr , eine Gefahr ist da ... O - mein Gott - ! ... Auch Hubertus lauschte voll höchster Betroffenheit und räumte ein , so könnte sich nur ein Verbündeter zu erkennen geben ... Herüber von der Mauer des Klostergartens tönte die sanfte Flöte fort und fort ... Sie blies das alte Waldenserlied » Tanto Christo amiamo - « zu Ende ... Pater Cölestino ! rief nun schon Paolo Vigo mit starker Stimme in eine Oeffnung , die aus dem Corridor in die Zelle des Pförtners führte ... Ich gehe ... Bemüht Euch aber nicht ... Ich öffne schon ... Gelobt sei Jesu Christ ! ... Amen ! rief Pater Cölestino von drinnen her und ließ getrost den Beurlaubten den Riegel selbst zurückschieben ... Nur langsam erhob er sich , um ihn wieder anzuziehen ... Doch auch Hubertus war inzwischen schon ungesehen entschlüpft und kaum konnte Paolo Vigo ihm folgen ... Mit raschen Schritten gingen beide dem Orte zu , wo aufs Neue unausgesetzt die Melodie der Hirtenflöte ertönte ... Endlich , an einem breitastigen , der Klostermauer sich anschmiegenden türkischen Haselnußstrauch entdeckten sie einen alten Hirten und einen Knaben ... Letzterer war es , der die Flöte blies ... Der Hirt war ein wohlbekannter alter Freund ... Er gehörte zu den Nachkommen des von den Waldensern hochgefeierten Negrino4 ... Ein äußerlich schlichter , doch kluger und allgemein geachteter , auch wohlhabender Ziegenhirt , der alte Ambrogio Negrino aus San-Gio ... Oft reiste der schlichte Mann mit seinen Heerden bis Salerno und trieb einen einträglichen Handel mit den Gerbern selbst von Palermo und Messina ... Heute , als Hubertus in seinem Hause vorsprechen wollte , hatte man ihn auf der Messe zu Rossano geglaubt ... Inzwischen kam er heim und hatte Veranlassung gefunden , sofort wieder die Flinte überzuwerfen , mit seinem jüngsten Sohn Matteo aufzubrechen und , wie er ankündigte , nach den Bluteichen zu eilen ... Ihr Herren ! rief er den Ankommenden entgegen . Gott segn ' es , daß ihr kommt ! ... Ich sage euch ! Es gibt eine große Gefahr für unsern Vater Federigo ... Die Soldaten in San-Gio wissen von nichts , als von Morden , Brennen und Gefangennehmen ... Und wen ? - Das haben Offiziere im Weinrausch ausgeplaudert ... Um vier Uhr brechen sie auf und umzingeln die Bluteichen - ... Ueber den Aspropotamo her kommen die andern - ... Wer mag ihnen verrathen haben , daß heute der zwanzigste des Monats ist ! ... Bleibt daheim - Herr Pfarrer , und auch ihr , guter Hubertus ... Nur deshalb raubte ich euch die Nachtruhe , weil ich euch warnen wollte , falls euch der Geist getrieben hätte , heute auch an den Eichen zu erscheinen ... Nimmermehr , wir gehen mit Euch ! fielen Hubertus und Paolo Vigo in banger Besorgniß ein ... Beide achteten der Bitten Ambrogio Negrino ' s nicht ... Sie verharrten dabei , sich ihm anschließen zu wollen - ... Unwiderstehlich zöge sie ihr Verlangen , dem greisen Freunde in einer Stunde so großer Gefahr nahe zu sein ... Ohne Clausur , wie sie eben waren , wollten sie die glücklicherweise ihnen zu Gebote stehende Freiheit nach dem Bedürfniß ihres Herzens benutzen ... Matteo ! rief Paolo Vigo dem nach San-Gio zurückgeschickten Knaben nach ; geh sogleich zu Meister Pallantio , meinem Küster , wecke die Signora , die diesen Abend bei ihm angekommen ist und sprich zu ihr : Sie sollte unter keinerlei Antrieb morgen hinauf nach San-Firmiano gehen ... Morgen in erster Frühe , so Gott will , um acht oder neun Uhr würd ' ich schon selbst bei ihr vorsprechen - ... Ambrogio Negrino unterbrach : Heiliger Priester , wenn man Euch an den Bluteichen träfe - ... Wirst du ausrichten , Matteo , wiederholte Paolo Vigo , was du gehört hast ? Willst du einen herzlichen Gruß an meine liebe Schwester und die kleine Marietta bestellen ? ... Matteo gab jede Beruhigung und wandte sich mit diesen Aufträgen nach San-Gio zurück ... Die drei Verbundenen gestatteten sich keinen längern Aufenthalt , sondern machten sich sofort auf den mühevollen Weg , der zu den Bluteichen führte ... Fußnoten 1 Ein Factum . 2 Mazzini hat über die Vorwürfe , die ihm wegen seiner mangelhaften Ausrüstung der Bandiera ' schen Expedition gemacht wurden , eine eigene Rechtfertigungsschrift herausgegeben . 3 Gleichfalls Factum . 4 Starb den Hungertod in Cosenza . 11. Paolo Vigo ' s Wort : » Er nahm Abschied von mir wie auf ewig « wurde nun auch von dem alten Ziegenhirten wiederholt ... Es fiel ihnen allen auf die Seele , als würden sie den Geliebten nicht wiedersehen , wenn sie sich nicht eilten , es noch einmal jetzt zu thun ... Daß sie zu dem Ende die Würfel ihres eigenen Looses warfen , kümmerte sie wenig ... Sie hofften jedoch auf ihr zeitiges Eintreffen ... Wenn noch Zeit zum Ergreifen und Ausführen eines Entschlusses gelassen war , so sollte sich ihr Freund , nach Negrino ' s Meinung , am sichersten über den Monte Gigante hinweg nach dem Meerbusen von Squillace begeben oder im äußersten Fall in einer in der Nähe befindlichen Höhle verbergen ... Jährlich nur einmal , am 20. August , fanden sich die letzten Trümmer der einst so zahlreich im unteren Italien ausgebreiteten Söhne des Peter Waldus zusammen ... Drei Jahrhunderte waren seit jenen Scheiterhaufen verflossen , die auch die Fortschritte der Reformation in Calabrien geendet hatten ... Frâ Federigo fand davon im Silaswalde keine andern noch ersichtlichen Spuren , als die » Bluteichen « , wo einst Hunderte der Reformirten und Waldenser - wie die Schafe mit dem Messer abgestochen wurden ... Zufällig begegnete ihm dort ein alter Ziegenhirt , Ambrogio Negrino , der ihm diese Dinge erläuterte und sich dann selbst als einen Nachkommen des Märtyrers Negrino zu erkennen gab ... Ihm verdankte der Einsiedler die Bekanntschaft mit noch einigen andern Trümmern der alten Sekte ... Gehörten sie auch alle der herrschenden Kirche an , so hatten sich doch alte Gebräuche , Erkennungszeichen , Gebete , letztere meist in provençalischer Sprache in ihren Familienkreisen erhalten - Ambrogio Negrino besaß ein altes Buch , das er selbst nicht lesen konnte - die waldensische Nobla Leyçon ... Federigo übersetzte sie ihm - anfangs allein ; bald brachte Negrino andere mit , die gleichfalls diesen Gruß ihrer Vorvordern aus alten Jahrhunderten aus seinem Munde vernehmen wollten ... Der Kreis von Verehrern und Freunden des Einsiedlers , der seinerseits noch unter dem besonders über ihm wachenden Schutze des Mönchs Hubertus zu San-Firmiano stand , mehrte sich wider Willen Federigo ' s ... Von Nah und Fern wurde sein Rath begehrt ... Freilich hielten ihn die Meisten für einen Hexenmeister ... Wie Paolo Vigo veranlaßt wurde , ihn zu besuchen , wurde erzählt ... Aus seinen wiederholten Wanderungen in die Wildniß und den ihr folgenden Erörterungen entstanden in Paolo Vigo Zweifel , ernste , kummervolle Betrachtungen ; er verrieth die Resultate derselben in seinem Wirkungskreise und erlitt die Strafe einer , wie wir gesehen , nicht endenden Suspension und Einsperrung in San-Firmiano ... Der Einsiedler , erschreckt von solchen Vorkommnissen , bat fort und fort seine Freunde , ihn der todesähnlichen Stille in seinem Waldthale zu überlassen ... Hubertus besorgte dann und wann einen Brief , den der deutsche Sonderling nach Rom schrieb und von dorther beantwortet erhielt ... Das war des Eremiten einziger Verkehr mit der Welt ... Er lebte vom Honig seiner Bienen , von Früchten , die er selbst zog , von Vorräthen , die seine Freunde ihm brachten ... Zuletzt war es Sitte geworden , daß alle die , welche auf dreißig Miglien in der Runde gleichsam unter des alten Ambrogio Negrino Controle standen , ihn wenigstens einmal im Jahre besuchten , am 20. August , den er nach langem Sträuben endlich als Erinnerungstag an die alte Schreckenszeit festgesetzt hatte ... Ich habe es immer gefürchtet , sprach Hubertus , die athemlose Eile des Wanderns unterbrechend , und ließ sich wiederholt erzählen , was der weltkundige , weitgereiste Hirt , ein Greis mit langen weißen Locken , sonnenverbranntem braunem Antlitz , von den Reden der Offiziere gehört hatte ... Um vier Uhr , wiederholte Ambrogio Negrino in einer gewählteren Sprache , als dem hier üblichen Patois , rücken die Truppen von San-Giovanni aus , vertheilen sich in den Bergen und wollen von verschiedenen Seiten dem Thal der Bluteichen so beizukommen suchen , daß sie die ketzerische , dem Teufel opfernde Versammlung mitten in ihren Greueln aufheben können ... Die Möglichkeit einer so irrthümlichen Auffassung ihrer Versammlungen war ihnen nach dem Geist ihrer Umgebungen vollkommen erklärlich ... Sie verweilten nicht bei dem Ausdruck ihres Schmerzes über ein so großes Misverständniß ; sie überlegten nur ... Die Versammlung mußte verhindert und Frâ Federigo , wenn sein Entkommen unmöglich war , in einer Felsenspalte verborgen werden , welche Ambrogio Negrino schon lange für diesen Fall aufgefunden und jedem Uneingeweihten unzugänglich gemacht hatte ... So sehr auch die Männer eilten , sie konnten nicht hoffen , vor Anbruch des Morgens an Ort und Stelle zu sein ... Auf dem kürzeren Pfade , den sie einschlugen , um an die Abhänge der oft schneebedeckten Serra del Imperatore zu kommen , begegneten sie Niemanden ... So durften sie annehmen , daß die geheimverbundenen Getreuen sich längst schon auf den Weg gemacht , ja an der Hütte ihres Meisters schon die Nacht verbracht hatten ... Die Wanderer kannten sich in ihrer Theilnahme für den einsamen Bewohner des Waldes und hatten nicht nöthig , diese noch durch viel Worte kundzugeben ... Sie tauschten nur ihr Urtheil über die kürzeren Wege aus , wenn die Wildniß überhaupt noch etwas bot , was einen Weg sich nennen ließ ... Nur kleine ausgetrocknete Strombetten waren noch die besten dieser Wege ; diese gingen verborgen unter Gestrüpp und Büschen hin ... Die Nachtluft wurde frischer ... Nebel stiegen auf , die den leichtbekleideten Wanderern ein frostiges Schauern verursachten ... Der Hirt bot Paolo Vigo seinen langhaarigen Mantel , den dieser nicht abschlug ... Zum Glück trug der Pfarrer Schuhe , nicht , wie Hubertus , Sandalen ... Hubertus hatte , als wäre ihm seine ganze Kraft ungeschwächt zurückgekehrt , sein dolchartiges Messer gezogen ... An manchem Gebüsch von Steineichen , wo durch die stachlichten Blätter schwer hindurchkommen war , schnitt er die Zweige nieder und machte die Wildniß wegsam ... Dann kamen zuweilen Buchenhaine , die wie zum nächtlichen Reigen der Elfen bestimmt schienen ; so licht und traulich glänzten sie im abnehmenden Mondlicht und unter den allmählich erblassenden Sternen ... Eine Sorge der Verbundenen konnte sein , ob nicht auch den Lauf des Neto herauf von Strongoli oder aus Umbriatico über den Aspropotamo und Gigante her schon Corps Bewaffneter herüberkamen und das Thal der Bluteichen bereits früher eingeschlossen hatten , als es von ihnen erreicht wurde ... Schon war es vier Uhr ... Schon sah man die zunehmende Helle ... Immer matter wurde die Scheibe des Mondes , immer röthlicher erglänzten am blauenden Himmel die Sterne ... Schon zeigte sich auf Serra del Imperatore , einem Berg , der an manchen Stellen gen Ost offen und riesig groß vor ihnen lag , die dunkelrothe Glut der aufgehenden Sonne ... Die Spitze des Aspropotamo war die erste , die vom Sonnenlicht hell aufleuchtete ... Aengstlich spähten sie rundum , ob nicht irgendwo am Rand des von andern Seiten zugänglichen , in grünen und grauen Nebeln schwimmenden Thales eine Waffe blitzte ... Wie sie fast erwartet hatten , so geschah es auch ... Als sie mit hellem Tagesanbruch endlich in der Ferne die Bluteichen sahen , entdeckten sie ein reges Gewimmel von Menschen unter den mächtigen Baumkronen ... Bald erscholl auch aus der Tiefe , zu der sie niederstiegen , ein vielstimmiger Gesang ... Er erklang gegen die dumpfe Litanei in San-Firmiano wie ein jubelndes Schwirren der Lerche in blauer Luft verglichen mit dem trüben Ruf der Unke ... Reine helle Frauen- und Kinderstimmen schwangen sich wie geflügelte Tongeister über die Laubdächer ... Sie sangen die auch ihnen wohlbekannten einfachen Hymnen , die aus alten Zeiten stammend das Lob des Höchsten priesen und die heilsame Veranstaltung der Erlösung und die Hoffnung aller Christen ... Dazwischen läutete ein Glöcklein , von welchem sie wußten , daß es denen , die vielleicht noch entfernt waren , den Weg zur Hütte andeuten sollte ... Alles das geschah wie im tiefsten Frieden ... Wol hätten die Wanderer sich sagen mögen : Wer wollte diese stille Andacht stören ! Wer könnte hier etwas finden wollen , was vor Gott oder Menschen ein Verbrechen wäre ! ... Dennoch mußten sie eilen , die gefahrvolle Feier zu unterbrechen ... Nach einer kurzen Stille , welche die Wanderer durch einen die Betenden erschreckenden Zuruf aus der Ferne nicht unterbrechen mochten , begannen die Stimmen aufs neue und ließen nach einem vollen , mächtig an den Bergwänden widerhallenden Gesang jene Pausen eintreten , von denen die Wanderer wußten , daß sie die bis zu ihnen herauf nicht hörbare Stimme Federigo ' s füllte ... Federigo sprach dann die Worte vor , die zu singen waren ... Alles das , erinnerungsfrisch vor ihre Seele tretend , bewegte sie um so mächtiger , als noch immer der Anblick der Hütte selbst verborgen blieb ... Endlich aber zeigten sich die Windungen von Radgleisen , die im grünen , weichen , oft morastigen , dann von den herrlichsten Farrenkräutern überwucherten Boden von kleinen Karren zurückgeblieben waren ... Es mußten heute von weitweg , auch von Rossano und Conigliano die dem Ziegenhirten wohlbekannten Nachkommen der Waldenser erschienen sein ... Der helle Lichtstrahl des immer höher und höher über dem Meeresspiegel heraufgestiegenen Sonnengeschirrs fiel auf die obern Ränder des Thals ... Die Nebel zertheilten sich und nun hatte ihr besorgter und zugleich verklärter Blick die volle Aussicht auf die Gruppe der Menschen , die da unten versammelt waren und die sie meist kannten ... Kinder lagen im Grase ; andre hielten die Mütter auf ihren Armen ; Männer in zottigen Schafspelzen , andere im kurzen Rock des Alpenjägers , Fischer , die vom Meer herübergekommen , in ihren rothen Mützen und ihren braunen Mänteln - alle umstanden die Hütte ... Ein Haufe von nahezu achtzig Seelen , hochbetagte Greise darunter ; aller Mienen mit jenem Ausdruck , den eine gutmüthige Denkart geben ... Noch verdeckten sie das Bild des Mannes , der ihnen , auf die zufällige Veranlassung seiner Begegnung mit Ambrogio Negrino , zehn Jahre lang hier nichts , als nur die Geschichte ihrer unglücklichen Vorfahren erzählte und nicht hindern konnte , daß sie von ihm Belehrung und Anleitung zu reinem Sinn , zur Beurtheilung des Glaubens begehrten , in welchem sie leben mußten ... Federigo enthielt sich jeder Aufwiegelung ihres an die Gebräuche der herrschenden Kirche gebundenen Gewissens ... Auch war die Höhe der Bildung , die im Waldenserthal bei Castellungo geherrscht hatte , hier nicht anzutreffen ... Schon wollte Negrino hinunterrufen , da hinderte ihn die jetzt hörbar werdende weiche , volle , innig zum Herzen dringende Stimme des Sprechers ... Die dem Volk vollkommen verständliche , wenn auch fremdartige italienische Rede desselben fesselte sie ... Was bestimmte nur die Warner , diese Feier nicht zu unterbrechen ! Was gab ihnen so urplötzlich ein felsenfestes Vertrauen auf den Gott , der sich in jedem Menschenherzen , auch in dem der Verfolger , offenbaren müsse - ! ... Hubertus kündigte sich sonst durch scherzende Töne an , die ihn bei Jung und Alt im Gebirge bekannt machten ; jetzt beschien der erste Sonnenstrahl , der sich durch den Imperatore und den Gigante stahl , die glänzende Stirn , die weißen Locken des Freundes und Lehrers , sein unter weißen Brauen aufgeschlagenes begeistertes Auge - jetzt stand er im Pilgerkleid von schwarzem rauhwollenem Tuch , mit entblößtem Halse , um den Leib einen schwarzen Seidengürtel , so hoheitsvoll und edel , daß alle drei aufhorchen und den Fuß hemmen mußten ... Die Farbe des Antlitzes , die Hände , alles sah am Freunde blasser und krankhafter aus als sonst ... Das von ihren Augen wieder aufgenommene theure Bild eines Greises , den für seine letzten Lebenstage noch durch die Erregung seines Geistes ein jugendliches Feuer durchglühte , schloß doch in der That die Besorgniß nicht aus , daß diese Lebenstage kaum bis zum beginnenden Winter andauern konnten ... Federigo sah die Dahereilenden nicht ... Sein Blick war nach innen gewandt ... Schon sprach er Worte , welche die Kommenden allmählich im Zusammenhang verstehen konnten ... Zu den Erweckungen der Waldenser hatten im Piemont gewisse Formen einer öffentlichen Beichte gehört ... Wie die ersten Christen sich ein Gemeindeleben aus ihren Privatbeziehungen bildeten und eine Oeffentlichkeit der letzteren einführten , bei welcher nicht fehlen konnte , daß die persönlichsten Leidenschaften zur Klage und Rüge kamen , so walteten die Diaconen und » Barben « auch bei den Waldensern des Amts der Gerechtigkeit und des Auflegens von Bußen und Strafen ... Ebenso trat auch hier bei diesen Versammlungen einer nach dem andern vor und wurde entweder aus eigenem Antriebe oder durch Mahnung veranlaßt , sich zu vertheidigen , sich zu erklären , Lehre oder Versöhnung anzunehmen ... Hubertus und Paolo Vigo kannten den Segen , welchen diese Verständigungen der kleinen Gemeinde unter ihren Gliedern schon seit lange hervorgebracht hatten1 - ... Unterwegs hatte Paolo Vigo seinen Begleitern , so wenig sie auch durch Gespräch ihre Schritte hemmen mochten , doch gelegentlich wiedererzählt , warum Frâ Federigo , als die Genossen Negrino ' s ihn endlich zur Abhaltung mindestens Einer Versammlung im Jahre überredeten , gerade den Tag des heiligen Bernhard dazu wählte ... Nicht nur , daß in der Höhe des August die wichtigsten Ernten beendet waren , Frâ Federigo hatte ihm auch das Gedächtniß des Abtes Bernhard von Clairvaux als ein festzuhaltendes Spiegelbild frommerer Zeiten dargestellt , wo einsichtsvolle freimüthige Priester noch zu heilsamen Zwecken in den Rath der Großen traten ... Siebenhundert Jahre war es her und in der Blütezeit des Mittelalters , als ein hoher Ernst die Völker ergriff und Männer erstehen ließ , die in einer wilden , kriegerischen Epoche kaum von solcher Weihe und Thatkraft erwartet werden durften ... Damals , als die Philosophie in Frankreich , England und Italien erblühte , die Dichtkunst sogar über das rohere Deutschland hie und da einen milden Glanz der Sitten verbreitete , die Kreuzzüge einen seltenen Aufschwung des Gemüths und der Phantasie hervorriefen , zerstörte Rom und die Herrschaft der Päpste noch nicht alle Hoffnungen der Völker und verdunkelte noch nicht alle Lichtschimmer einer besseren Aufklärung ... Ein einfacher Bürger in Lyon , Pierre Vaux ( Peter Waldus ) , las damals