sich Licht . Und zugleich war es ihm , als suchte im Korridor Jemand den Schlüssel , der zu den Einlässen führte , und erprobte bald diesen , bald jenen . Brachte Dankmar die Dunkelheit , die auf dem Korridor eingetreten sein mußte , mit dieser unsichern Kenntniß der Örtlichkeit in Verbindung , so mußte die Ahnung gerechtfertigt erscheinen , die ihn plötzlich überfiel , ob nicht irgend eine böse Absicht sich ihm nähere , irgend ein ungesetzlicher Befehl oder wohl gar - sein Blick fiel in diesem Moment auf ein Portefeuille , in dem er eine ihm neuerdings zugestandene Summe von mindestens mehreren hundert Thalern aufbewahrt hielt . Wenn es unter dem Schutze der Gesetze , unter dem Deckmantel der Gerechtigkeit auf diesen Besitz wäre abgesehen gewesen ? Sein Verdacht verließ ihn , als er in der That die Vorplatzthür geöffnet hörte und in der tiefen nächtlichen Stille das Knirschen des Sandes unter dem Fußtritte eines sich Nähernden unterscheiden konnte . Jetzt glaubte er auf ' s Neue an einen Irrthum in der Zeit und sah auf seine Uhr . Aber sie zeigte Eins . Er hielt die Uhr gegen das Ohr , sie ging . Es war Eins in der Nacht . Man holt dich , um dich in irgend ein anderes Gefängniß abzuführen ; diese Zelle bietet nicht Sicherheit genug oder man hat sie einem Andern bestimmt , da man glaubt , daß ich nun erst recht nicht entweiche ohne das Erbe ... Aber diese mit Beklommenheit angestellten und von der Vorstellung , es wäre wohl ein Traum , was er erlebe , unterbrochenen Vermuthungen steigerten sich zur fieberhaftesten Unruhe , als wiederum jetzt an der zweiten Thür mit Vorsicht ein Schlüssel nach dem andern erprobt wurde wie aus einem großen Vorrathe von Schlüsseln . Das war der Gefangenwärter nicht ! Dieser konnte selbst in nächtlicher Verschlafenheit nicht unsicher sein in der Wahl des rechten Schlüssels . Und da diese Versuche nicht endeten , eine stille , fast geisterhafte Hand an dem Schlüsselloche immer mit neuen Schlüsselbärten kratzte und wenn sie eingingen , vergebens an den Federn drückte , so konnte er entweder nur an Befreiung oder an einen bösen Überfall denken . Was sollte er thun ? War es ein Befreier , wie konnte Dankmar da in der Besorgniß eines Überfalls rufen , das Werk fremden Muthes , vielleicht einen Auftrag des Bundes zerstören ! Und doch sammelte die Brust von dem stockenden Athem so viel Spannung , daß ein Schrei nach der Öffnung des Fensters zu , ein donnerndes : Wer da ! schon auf seinen Lippen schwebte . Dankmar wagte ihn nicht aus Befangenheit . Er konnte nicht an ein Verbrechen glauben . Der Gedanke der Befreiung erfüllte ihn plötzlich mit einem so aufwallenden Lebensmuthe , daß er sich wohl für den Fall des Irrthums vorzusehen beschloß , sich aber auch auf den Empfang jedes bessern Besuches von Herzen rüstete . Das Licht stellte er entfernt , um es vor dem Auslöschen zu schützen . Er ergriff den hölzernen Schemel , auf dem er saß , steckte das Portefeuille in seine Brust und wandte sich eben zur Vertheidigung gerüstet gegen das unheimliche Walten der Thür , als diese aufsprang und im fahlen Dämmerlichte ein Mensch vor Dankmar stand , den in diesem Augenblicke wiederzusehen ihm das Haar emporsträuben mußte . Es war Friedrich Zeck ' s Sohn . Hackert ! rief Dankmar , und hob den Schemel , um diesen unerwarteten Gast beim ersten Schritte vorwärts niederzuschlagen . Hackert hob die Hand abwehrend und zum Stillschweigen bedeutend ; mit der Linken streckte er einen gewaltigen Schlüsselbund dem möglichen Angriff entgegen . Es war in der That Hackert mit offnen Augenlidern , nicht träumend , wie Dankmar , in Erinnerung an den Heidekrug , im ersten Augenblick glauben konnte . Sein zweiter Gedanke war eine Bestätigung seiner Befürchtung , die er in den halblaut ausgestoßenen Worten aussprach : Was wollen Sie ? Aber schon hatte Hackert die Finger an die Lippen gelegt und so entschieden die Gebehrde des Schweigens gemacht , daß Dankmar keinen Zusammenhang begreifen konnte , seine Waffe senkte und nur im Rücken das Licht zu schützen suchte ... Hackert winkte ... Dankmar sah nur den Überfall , nur die böse Absicht , nur den Angriff auf sein Geld , er ahnte einen Hinterhalt und blieb stehen . Hackert winkte dringender und zog sich fast in das dunkle Vorzimmer zurück ... Dankmar wollte ihm nicht folgen . Spitzbube ! flüsterte er , soll ich schreien ? Dich an den Galgen bringen ? Hackert verzog seine blassen Gesichtszüge zu einem bittern Lachen . Er hätte mit jener Sprache reden mögen , in der er sich Schmelzingen zu verstehen gab , als er schon einmal diesem Ungläubigen einen Liebesdienst erwies . Er konnte nur winken , nur die Zeichen der dringendsten Eile machen ... Dankmar sah die geöffneten Thüren , aber das Dunkel schreckte ihn . Hackert wird sich wie eine Katze auf dich werfen ! Was sollst du thun ? Die Posten scheinen verändert . Auf dem Korridor ist Alles still . Dennoch , wie von der magnetischen Kraft der Situation überwältigt , hätt ' er sich jetzt entschlossen , vorzugehen , wenn ihm nicht , da sein Auge sich inzwischen an die Dunkelheit schon gewöhnt hatte , plötzlich auf fünf Schritte von Hackert im Korridor entfernt eine hohe , stämmige Riesengestalt , verwachsen und doch wie ein Hüne anzuschauen , aufgefallen wäre . Nun stand in ihm fest , daß Hackert im Bunde mit Helfershelfern ihn überfiel und nichts hielt ihn ab , ihm jetzt zuzurufen : Denkst du , Bösewicht , daß ich so leicht wie Pferde zu morden bin ? ... Aber weiter konnte er nicht reden . Hackert sprang auf ihn zu , zeigte , um Dankmar ' s Aufmerksamkeit abzuwenden , auf die Fensterrundung in der obern Mauer und sprach mit heisrer , nachdrucksvoller Stimme : Soll ich wieder hundert Thalerscheine auf ' s Pflaster werfen ? Kommen Sie in Teufels Namen - ! Dankmar blickte ihn starr an . Der große Ungeschlachte in der Dunkelheit war verschwunden ... Wir haben noch drei Thüren zu öffnen , fuhr Hackert heiser und leise fort . Die Schlüssel , die zu Ihrem Gelde führen , kenn ' ich . Die sind ' s ! Und auf drei gewaltige Schlüssel , die er aus der Rocktasche zog , deutend ging er voran . Dankmar folgte . Wie konnte er jetzt zurückbleiben ! War es auf einen Diebstahl seines Vermögens abgesehen , warum sollte er den Anlaß nicht benutzen , da nun gewiß zugegen zu sein ? Er fühlte Hackert ' s knöcherne feuchte Hand . Sie hatte ihn mit krampfhafter Aufregung ergriffen ; er folgte willenlos . Halten Sie sich an mich , sprach Hackert . Die Pantoffeln aus ! Auf den Zehen ! Einen Schnupfen ist die Abreise schon werth . St ! Reden Sie nichts ! Dankmar ließ mit sich geschehen , was geschah . Die Erinnerung an Hackert ' s Rechtfertigung damals mit dem Pferde Lasally ' s hatte ihn entwaffnet . Er folgte und bewunderte die Gewandtheit , wie Hackert mit der einen Hand ihn , mit der andern den Unbekannten führte , der sich im dunkeln Korridor ihnen wieder zugesellte . Dieser tappte und trat so ungeschlacht auf , daß ihn Hackert einen Bären und Elephanten über dem andern schalt . Wer ist Das ? fragte Dankmar . Vorgesehen ! war Hackert ' s Antwort . Die Wanderung dauerte mehre Minuten . Endlich stand man still . Hackert flüsterte : Das ist die Verbindungsthür ! Still ! Die Wache wird im Hofe abgelöst ... Es schlug grade ein Uhr von den nahegelegenen Rathhaus- und Johanniskirchenthürmen . An die Wand gedrückt , wartete man das Verhallen der militärischen Tritte ab , die über den steinernen Fußböden der Höfe hörbar waren . Durch ein Fenster glaubte Dankmar , der diese Räumlichkeiten kannte , wol unterscheiden zu können , daß die Schildwache auch eben an dem Eingang der Gerichtskasse erneuert war . Doch auch die Thür , die Hackert eben aufschloß , führte in das scharfbewachte Nebengebäude . Jetzt versagten ihm die Schlüssel nicht . Der Große , dessen Konturen Dankmarn allmälig an irgend eine ihm schon vorgekommene Persönlichkeit erinnerten , trappte schweigend , nicht einmal auf Socken , sondern mit bloßen Füßen dem Führer nach , der endlich eine Stiege herab , dann wieder eine hinaufschritt . Alles war hier dunkel , still und schauerlich einsam . Aber Hackert kannte jeden Gegenstand . Einige Stufen empor blieb er stehen und begann die noch zwei übrigen Schlüssel erst an einer eisenbeschlagenen Thür zu prüfen . Der eine paßte . Nach kurzer Weile trat man in den Kassenraum . Ein großer Schrank wurde vom zweiten Schlüssel geöffnet . Jetzt hörte Dankmar nur die an den Andern gerichteten Worte : Tasten Sie nach dem hölzernen Kleeblatt ! Richtig ! Da ! Die Silberarbeiter sind mit dem Luxus noch nicht fertig . Aufgehoben ! Und der Dritte bückte sich und Hackert half einen Gegenstand den mächtigen Schultern aufladen . Dankmar wußte nicht , wo ihm die Besinnung blieb . Er fühlte den hölzernen Schrein , in dem einst seine Dokumente von Angerode gelegen hatten . Er fühlte das Kreuz auf dem Deckel . Er wußte ja , daß man zu den Dokumenten die Stadtkämmereischeine gelegt hatte . Die Truhe war trotz des papiernen Inhaltes ihrer plumpen Gestalt wegen nicht leicht . Nun zurück ! flüsterte Hackert , lehnte die Schrankthüre nur eben an , ließ den Schlüssel stecken und tappte vorwärts . Aber krachend stieß der Träger mit seinem Schrein an die Wandecken . Donner ! Wenn wir nicht Licht haben , rennt Der noch eine Säule um ... Und Licht verräth dich ! flüsterte Dankmar . Und Licht zeigt mir den Kameraden ! Wer ist ' s ? Hackert , ich folge wie ein Taumelnder ; aber Gott sei deiner Gurgel gnädig , wenn Ihr die Frechheit habt , mich mit dem Schein einer Spitzbüberei , die nur Ihr , nur Ihr begangen habt , entfliehen zu lassen ... Nur keine Reden gehalten , Herr ! Es schallt hier ! war Hackert ' s ganze Antwort . Man ging denselben Weg zurück , den man gekommen war ... Jetzt galt es die Korridore zu vermeiden , in denen die vielen andern Gasflammen noch brannten und die Schritte der Wachen hörbar waren . Sie befanden sich wieder im Profoßhause . Dankmar begriff nicht , wie man die Ausgänge desselben gewinnen , wie man mit einem so auffallenden Gegenstande , dem Schrein , sich aus ihm entfernen konnte . Hackert lenkte aber in einen Seitengang . An dem äußersten Ende war ein kleines Fenster , das auf die Straße führte . Es war nur ein Luftloch , ein schmaler Streifen in der Wand . Hackert schien Dankmar ' n toll , als er die Miene machte , durch diese kaum handhohe , aber breite Öffnung müßte man nun auf die Straße gelangen . Der Schrein und wir ? Hierdurch ? Der Dritte setzte den Schrein ab . Hackert deutete nur auf Stillschweigen . Unwillkürlich schauderte Dankmar wieder vor einem Gedanken zurück , der ihn plötzlich berührte . Er kam ihm mit Stricken , die er fühlte . Wo diese Stricke herkamen , sah er nicht . Er fühlte sie nur , hörte nur das Auseinanderwinden ... er dachte sich die Folgen gefährlicher Prozeduren , die Hackert wagte , zu seinem Vortheil wagte und ihn dann allein kompromittirt zurückließen ... Hier soll bald Licht werden , flüsterte Hackert . Wir haben vorgearbeitet . An dieser Säule machen wir die Stricke fest . Sie ist stark genug und die Stricke reichen zehnmal bis hinunter . Hinter der Johanniskirche fast an der Ecke , die zu Schlurck ' s führt - Sie kennen die Gasse - steht ein Wagen ... Daß wir ja zusammenbleiben ! Hören Sie ? Und während Dem schon öffnete sich die Lücke . Ein Stein wich unter Hackert ' s Hand vom andern , immer größer , immer weiter , immer heller wurde der Raum . Bald war er so groß , daß ein Körper hindurch konnte , bald so groß , daß der Schrein sich konnte einfugen lassen , bald so , daß Dankmar schon die Johanniskirche sah und das Scharren von Pferden auf dem nächtlich stillen , einsamen Straßenpflaster hörte ... Jetzt hieß es , Dankmar sollte zuerst durch diese im Stillen längst gebrochene Öffnung und an dem Seile , das um den Pfeiler geschlungen war , hinuntergleiten . Ich zuerst ? sagte Dankmar zögernd und auf ' s Neue voll Mistrauen ... Keine Komplimente ! Rasch ! Rasch ! Die Wachen , seh ' ich , sind gar nicht schläfrig - Hackert ! sprach Dankmar mit letzter zusammengenommener Kraft . Wenn das Alles ein Bubenstück wäre - Aber Hackert drängte ihn an die Mauerlücke mit der Antwort : Zum Teufel ! Sie sehen ja , es ist bloße Höflichkeit . Ich bleibe zuletzt , sagte Dankmar entschlossen , ich steige nicht , ich bleibe bei meinem Schrein ... Eine Fluth der scheußlichsten Verwünschungen kam nun aus dem Munde des von Schweiß triefenden Paul Zeck , der am liebsten dem ewigen Zweifler an die Gurgel gesprungen wäre und ihm die Halsbinde zugeschnürt hätte . Der Dritte , der mit seinem Schrein auf dem Kopfe ruhig wie eine Karyatide des Alterthums stand , diesen freischwebend und doch so festgeklammert hielt , wie Etwas , das er nur mit seinem Leben lassen würde , flüsterte in einer eigenthümlichen weichen Lispelsprache : Steigen Sie ! Steigen Sie ! Die Runde kommt ... Ich gehe nicht ... erwiderte Dankmar . Wir kommen aber doch vom Tempelstein ! sprach der Fremde jetzt mit kräftigerer Betonung und gleichsam ihren Beistand beglaubigend . Dankmar erstaunte über dies Wort . Der Tempelstein war das Erkennungswort des Bundes für die Zeit bis zu den nächsten Solstitien ... Vom Tempelstein ? fragte er betroffen und nun glaubte er den Träger seines Schreines zu erkennen ... Sie sind ... Danebrand ! flüsterte Hackert . Hören Sie denn drüben nicht die Pferde aus dem Pelikan ? Sie wittern Ihre Nähe ! Peters kann sie nicht beruhigen ... es geht direkt nach Angerode zu . Hoffentlich ist Bello im Stall geblieben . Und nun war Dankmar schon in der Lücke , schon preßte er sich auf die von Hackert nächtlich zum Zweck der Flucht mühevoll gelockerten Steine , schon glitt er das glattgestrichene Seil hinab ... Aber die Ahnung Danebrand ' s , daß die Runde käme , war keine Täuschung ... Dankmar , unten auf dem Straßenpflaster angelangt , hörte Geräusch . Hackert ' s Kopf sah er schon durch die Bresche . Er folgte in der That . Er war nicht von ihm betrogen , aber die Eile , mit der Hackert katzengleich herunterschoß , erschreckte ihn . Hackert war unten . Die Runde ! flüsterte er drängend . Fliehen Sie ! Fort ! Fort ! Dankmar blieb aber . Er sah eben den Schrein durch die Lücke gedrängt , sah eine Hand um die Pranken des Holzes geklammert , sah das Seil schwanken hin und her von der gewaltigen Last ... Da donnerte oben ein vielstimmiges Wer da ? Hackert stößt Dankmarn fast gewaltsam fort und zeigt auf die Johanniskirche und ihre majestätischen Schatten ... Der Schrein ist heraus aus der Lücke , Danebrand ' s Kopf wird sichtbar , die linke Hand hält den Schrein schwebend in der Luft , während die rechte halb sich stemmend in der Mauerlücke , halb das Seil ergreift ... Da kracht ein Schuß ... Der Schrein stürzt hinunter , Hackert ruft : Fort ! und man müßte die panische Gewalt des Schreckens und den Einfluß der Situationen auf die Seele selbst des Muthigsten verkennen , wenn man nicht natürlich finden wollte , daß Dankmar im Augenblick des Schusses hinübereilte zu dem Wagen . Auf halbem Wege hielt er jedoch schon inne . Er sah , daß Hackert den Schrein , den man hätte in tausend Stücke zerkracht glauben sollen , wie mit übermenschlicher Gewalt auf seine sonst so schwachen Schultern lud . Nun floh er an den Wagen , fand diesen , fand ihn schon geöffnet , es war Peters , der ihn bebend grüßte und während er kaum den Schlag mit der Hand gefaßt hatte , schon die Pferde anpeitschte ... Hackert taumelte herüber , ihm nach ... Aber Danebrand ! Danebrand ! ... hätte Dankmar rufen mögen ... Da erschallt ein Trommelwirbel in dem Profoßhause , Fenster werden erleuchtet , Stimmen hörbar , die Pferde ziehen an ... Hackert ! Hackert ! ruft Dankmar von dem nur halb betretenen Tritt herab . Er sieht ihn plötzlich nicht mehr , er hört ihn plötzlich nicht mehr ... Hackert ! Hackert ! ... Der Trommelwirbel wird stärker . Die Thüren des Profoßhauses öffnen sich schon . Halt ! Halt ! hört man rufen . Da läßt Peters die Zügel schießen und hohl und dumpf widerhallend in der nächtlichen Stille braust der Wagen davon , geschützt von den riesigen Schatten der gewaltigen Gebäude , die in diesem altergrauen Viertel fast gespenstisch nebeneinander stehen . Eilftes Capitel Die Richtung Trompetta-Flottwitz Ermuthigt vom Glück wagt man die größere Gefahr . Fröhlich , heiterbewegt schritt ein Gast von der Tempelheider Anhöhe nieder , sah noch oft rückwärts , grüßte noch oft die Frauen , die ihm mit Tüchern nachwinkten . Die Zeit der Sorgen war noch nicht vorüber . Sie sollten erst noch recht in ihrer bedrängenden Schwere kommen ; aber eine war doch abgeschüttelt : Dankmar Wildungen war in fremden Landen geborgen vor der Qual dieses Kerkerlebens , das selbst dem Muthigsten vor der Zeit den Glanz des Haares bleibt , vorzeitige Furchen in die kühnsten Stirnen gräbt ! Rodewald hatte seit dem Tage , wo ihn Fürst Egon in Hohenberg abwies , ein nach Außen vielbewegtes , in sich stilles Leben geführt . Das , was er von Murray beim Abschiede von der Residenz erfahren , über Pauline von Harder , über den Baron Grimm , über einen Paul Zeck , der leben sollte , war Stoff genug , um zusammenschmelzend mit Dankmar ' s Schicksal ihm in jede freudige Erinnerung an Anna von Harder , in jede Nachricht von Tempelheide bittern Wermuth zu mischen . Die Nachricht von dem Gewinn des Prozesses hob auf einige Zeit seine gedrückte Stimmung , aber lähmend vollends wirkte die Nachricht , die er von Herrn von Zeisel erfuhr , daß der Fürst beabsichtige , alle seine Güter zu verkaufen . Mitten in den Zurüstungen , die er auf eine zehnjährige Pachtung hin glaubte wagen zu dürfen , diese Nachricht ! Mit welcher Liebe hatte er sich der Hoffnung einer Wiederherstellung der Glücksumstände Egon ' s gewidmet ! Wie verklärt schien die Abendsonne des Lebens auf dies sein emsiges Mühen und Walten , dem er eine irdische Anerkennung niemals wünschen , nie von Denen erwarten konnte , denen zu Liebe er sich mühte und arbeitete ! Rodewald war über die Beziehung seines Lebens zu weltlichen Erfolgen hinaus . Er war längst in jene geweihteren Hallen der Betrachtung getreten , wo der auch nicht feierlich emporgerichtete Blick des Auges doch immer das Ende und schon den Ausweg aus diesem Labyrinth aller Erdenräthsel zu suchen scheint und an jede That sich der Maaßstab nur noch des eignen Genügens legt . Er billigte ganz , daß der gute , sich selbst in den Andern lebende Oleander ihm einst mit der Aufschrift : » An meinen Abendstern « ein Blättchen gegeben , auf dem es hieß : Bei einem Ziele bin ich angekommen , Ob auch am rechten ? ... weiß ich nicht zu sagen . Zwar mit dem Strome bin ich nie geschwommen , Doch war ' s die Welle , die mich so getragen ! Gescheitert hab ' ich manches Riff erklommen Und manchen Preis erwarb sich kühnstes Wagen . Doch muß von den erträumten schön ' ren Lagen Mir diese wol als jetzt die beste frommen . Das Höchste suchend bald im Thatendrange , Bald im Genuß , wo ich die Perlen wollte , Fand ich - nur Schaalen ! Ach , der Dämon grollte , Er grollt noch jetzt und will mir Wunder lügen , Die noch erreichbar- ! Solchem Überschwange Laß ' ich genügen jetzt mein still Begnügen . Darin , daß Egon von Hohenberg für die Legitimität stritt und sein Sohn war , sah er ein Räthsel . Ein teuflischer Gedanke hätte ihm rathen können , hohnzulachen dieser tollen Welt des Irrthums und der Lüge . Ihm war dieser teuflische Gedanke nie gekommen ; ihm schilderte sein Verhältniß zu Egon das Verhältniß der ganzen Zeit zu ihren Verfechtern oder Anklägern . Er sagte sich : Das ist Euer Adel , Eure Erbberechtigung , Eure Monarchie , Eure Kirche , Eure Sitte , Euer Glaube , Eure Konvention ! O die Konvention , dies Angenommene , dies einmal gelten Sollende ! Und so bitter dieser Ausruf , ihn reizte er nicht , dem Teufel zu dienen , der diese Lüge schuf . Er dachte , grade in diesem Misverhältniß von Zweck und Mittel , von Absicht und Einsicht bewege sich die ganze Zeit und das Jahrhundert und still trug er die Rolle , die ihm gleichsam eine andre Ordnung des Weltenplanes auferlegt hatte , still arbeitete er auf eine innere , geistige Ausgleichung des Ungleichartigscheinenden und doch sich Angehörenden hin . Feierlich bewegt war er an die Aufgabe gegangen , jener höhern , unsichtbaren moralischen Weltordnung zu dienen , indem er für Egon väterlich handelte . Ja , er dachte sich : So wirkt ja die Gottheit ganz still und unsichtbar für sich nach ihrem Plan und verkehrt die Pläne der Menschen , und was sollte kommen , wenn die wahre gesellschaftliche Religion nicht eben die wäre , daß das Reich des Guten und Schönen dem Walten der Materie und der Leidenschaft immer entgegen arbeitete und sich schon auf Erden eine Harmonie erzeugte , die dem einst brechenden Auge wie ein Regenbogen des Friedens erscheinen , dem nicht mehr Irdisches hörenden Ohre wie Sphärenklang ertönen wird ? Ach , und da nun von der Materie gestört zu werden , da nun hören zu müssen : Du wirst aus diesem stillen Zusammenhang deiner höhern Pflichten gerissen , wirst die Werke der Liebe aufgeben müssen ! Es that ihm so weh , füllte sein Herz so mit Trauer , so , daß Franziska Heunisch , jetzt die Pflegerin seines Hauses , Sorge um den Edlen tragen mußte und der Tochter gern sie ausgesprochen hätte , wenn diese nicht selbst des Kummers genug hätte zu tragen gehabt . Nun kam nach einem neuen herben Winter die dreifache Botschaft : Egon verkauft die Herrschaft , Dankmar hat das Erbe , Dankmar ist entflohen ! Da hielt es Rodewald nicht länger . Er mußte in die Stadt , wenn auch nur auf einige Tage . Er wollte Selma ' s Freude sehen , wollte den Versuch wagen , den Fürsten zu sprechen , ihn über sein wahres Interesse aufzuklären . Frohbewegt war Alles in Tempelheide , nur den Greis hätte er gewünscht muntrer anzutreffen ; er kränkelte seit der letzten Loge und schien bedenklich der Auflösung nahe ... auch über Dankmar ' s Verlust , den nicht aufgefundenen Schrein , war man in erklärlichster Sorge , trotzdem , daß Dankmar selbst geschrieben hatte : Ihn hätte ein edles Mädchen , Louise Eisold , versichert , daß er in Hackert Vertrauen setzen dürfte ... doch wollte er zu Egon gehen , wollte den beklemmendsten Schritt seines Lebens wagen , wollte dem Manne in ' s Auge blicken , den er fast haßte , ob er gleich so mahnend berufen war , ihn zu lieben . Rodewald hatte sich in der bekannten ehrerbietigen Aufwartungstracht gekleidet , war an der Pforte des Palais gewesen ... der Fürst , hieß es , ist nicht anwesend , ist ausgefahren ... er hatte sich nicht nennen mögen ... aber nach Tisch , hieß es , um fünf Uhr , dann wäre eine gelegene Stunde ... Er benutzte die Zwischenzeit , in dem wilden Volksgewühl der Brandgasse Friedrich Zeck aufzusuchen . Er fand ihn leicht wieder heraus aus diesen Winkeln und Gassen ; denn Jeder kannte den Alten mit der schwarzen Binde , Jeder zog vor ihm den Hut , Jeder fand Gehör , wenn er sich dem stillwirkenden Freund der Armen nahte ... Rodewald fand » Murray « in Trauer um das Schicksal seines Sohnes Hackert , der Sohn Paulinen ' s war verschwunden . Sein Antheil an der Befreiung Dankmar ' s zeigte sich dunkel , aber unwiderleglich . Der Einzige , der den sichersten Ausweis hätte geben können , Danebrand , lebte nicht mehr . Ein Schuß der Patrouille hatte ein Leben voll Aufopferung geendet . Man zog , als Licht kam , den Getroffenen aus der Bresche und fand von der besten , edelsten , gutmüthigsten und treusten Seele der Welt nur einen Leichnam ... Rodewald entsann sich von der Willing ' schen Fabrik des großen ungethümgeformten Arbeiters , der damals in Verdacht kam , sein Portefeuille genommen zu haben und sogleich gerechtfertigt wurde . Er stand für eines solchen Menschen beste Absicht und verbürgte nun fast auch Hackert ' s redlichen Antheil . Dann ist mir aber meines Sohnes Verschwinden räthselhaft ! erwiderte Zeck . Niemand weiß für sicher , daß er mit jener Flucht zusammenhing , ich ahnte es nur und von Ihnen erst hör ' ich , daß jenes Mädchen , das ihn zu diesem Abentheuer veranlaßt zu haben scheint , den Namen Hackert ' s in Verbindung mit Dankmar ' s Befreiung nennt . Verdacht ist genug ausgesprochen worden . Pax war hier . Alle Welt ist befremdet über Hackert ' s Verschwinden . Man will auch einige Kennzeichen seines Antheils an jener Flucht wol gefunden haben . Man behauptet , nur ihm hätte gelingen können , sich mit den Schlüsseln zu versehen , ihm nur wäre die List und Verschlagenheit zuzutrauen , sich durch tausend Vorspiegelungen und tollste Künste in Besitz der einzigen Befreiungsmittel zu setzen . Aber der Schrein ! fuhr Zeck fort . Soll ich wirklich glauben dürfen , daß ihn eine vollkommen gute Absicht bestimmte , an seiner Entwendung behülflich zu sein ? In diesem Falle , wo weilt Paul , warum erfährt Wildungen nichts , was soll man von dem Allen denken ? Rodewald verhieß eine tröstliche Lösung . Wäre auch das Zeugniß jenes Mädchens zweifelhaft , von dem er sich damals auf dem Fortunaball überzeugt hätte , mit welcher Leidenschaft sie an Hackert hinge , der Keim des Besseren schiene doch durch den Vater in Ihm aufgegangen ... und nun erzählte dieser von der Vergangenheit und half Rodewald über die Stimmungen hinweg , die allzu stürmisch auch in ihm wogten und wallten . Zuletzt dem Schicksal Dankmar ' s sich wieder zuwendend , sagte Rodewald : Es nimmt mich Wunder , schon Kämmereischeine der von Ihnen gefertigten Art im Verkehr zu sehen ... Sie waren von Dankmar ausgegeben für persönliche Zwecke , sagte Zeck . Tausend Thaler für die Armen , andre Tausend sind persönlich bewilligt worden . Ohnehin durfte er nur von drei zu drei Jahren Einhunderttausend in Verkehr bringen ... Wenn ein Verbrechen hier stattfände , ein Unglücksfall , so müßte die Amortisationsklage zulässig sein ... Ich zweifle ... Wie ? Das wäre ja ein entsetzliches Unglück ... Man sieht mehr Scheine bereits in Umlauf , als Dankmar ausgegeben hat ... Falsche ? Ächte ! So wäre der Schrein in die Hand eines Betrügers gekommen ... Murray stand voll Bewegung auf . Das furchtbarste Mistrauen in seinen Sohn überfiel ihn wieder auf ' s Neue und vor Schmerz rief er : Was ist diese Welt ! Was ist all ' unser Müh ' n und Suchen ! Oft fühl ' ich , daß ich mich dem Wahnsinn nähern könnte ! Nein , nein , sprach Rodewald beruhigend . Es kann nur jenes Geld in Umlauf sein , das Dankmar selbst verausgabte ... Viel , viel mehr ist in Umlauf ... Und Dankmar besitzt den Schrein nicht ? Hackert ist verschwunden , Danebrand todt , Dankmar weit entflohen . Wer löst diesen Zusammenhang ? Wenn die bösen Mächte der Regierungsgewalt selbst - Glauben Sie daran nicht ! Der Schrein ist in die Hände eines Mannes gekommen , der ihn eröffnete und gewissenlos seinen Inhalt verschleudert ! Dann muß die Amortisation zulässig sein , sagte Rodewald aufspringend ; die Papiere müssen augenblicklich entwerthet werden . Ich wende mich an den Rath der Stadt . Diese Anzeige wird Ihnen nichts helfen . Man wird Sie immer darauf hinweisen , daß mit Verbrechern , mit Landesflüchtigen , mit Räubern in solchen Dingen keine Verhandlung möglich wäre , die echten Scheine , sie mögen kommen , woher sie wollten , würden an den Kassen der Stadt in Zahlung angenommen , vorausgesehen , daß die unbekannten gegenwärtigen Besitzer die Termine der Emission einhalten . Voll Sorgen über diese neue quälende Erfahrung verließ Rodewald den bangen Freund , ließ sich von Wechslern und Kaufleuten dieselben Worte , die eben Murray gesprochen , wiederholen , besuchte Oleander , der gleichfalls von Dankmar beruhigende Nachrichten hatte und im Pelikan sich nach dem Fuhrmann Peters hatte erkundigen sollen , dort aber erfuhr , daß dieser in Angerode noch weile , um ein dortiges kleines Besitzthum zu veräußern . In Erörterungen über die Hoffnungen der Zukunft ging der Vormittag mit Oleandern hin ... Zu Mittag speiste Rodewald dann in Tempelheide , wo er außer großer Beunruhigung über das zunehmende üble Befinden des alten Präsidenten mancherlei andre Nachrichten fand . Daß er den Fürsten noch nicht gesprochen , befremdete nicht , denn Frau von Reichmeyer wäre in Tempelheide gewesen und hätte erklärt , der Fürst beeile sich , seine Verhältnisse abzuwickeln , es stünde eine große Krisis in der Politik bevor , die ihn vielleicht bestimme ,