Aufenthalt vorläufig noch dem Cardinal und dem Fürsten Rucca zu verschweigen , fügte hinzu , sie möchte ihm insgeheim von seinem General die Erlaubniß erwirken , in San-Firmiano , einem Franciscanerkloster , bleiben zu dürfen , das glücklicherweise in der Nähe des Ortes lag , wo sich Federigo seine Hütte gebaut ... Sein früherer Pflegling , Pater Sebastus , war genesen und hatte eine seinen Wünschen entsprechende Stellung gefunden ... Lucinde vermittelte alles , was er wünschte und seine Bitte wurde gewährt ... Durch eine wunderbare Fügung des Zufalls traf es sich auch , daß gerade dies plötzliche Verschlagenwerden nach dem Süden Italiens zugleich die Anknüpfungen an eine so lange von Hubertus verfolgte Absicht bot , sein von Brigitte von Gülpen ererbtes Vermögen dem verhaßten Kloster Himmelpfort zu entziehen und zweien Personen zuzuwenden , die ihm seine von Gott ihm auf die Seele gebundenen Kinder schienen , da sie einst in seinen Armen gerettet blieben bei jenem verzweifelten Sprunge aus der Höhe eines brennenden Hauses in Holland ... Einer derselben hatte seine Güte nicht verdient ... Und doch hatte wiederum Jân Picard , damals Dionysius Schneid genannt , aus dem Brand von Westerhof von ihm gerettet werden müssen ... Anderthalb Jahre war es damals her , daß Löb Seligmann am Eingang zur Kirche des Klosters Himmelpfort jenes furchtbare Krachen gehört und im Todtengewölbe Licht gesehen hatte ... Damals benutzte Hubertus die gerade noch im Bau begriffene Begräbnißstätte des Kronsyndikus , um den muthmaßlichen Brandstifter im Todtengewölbe der Kirche zu verbergen ... Die mächtige Marmorplatte , auf welche Namen und Würden des Geschiedenen gemeißelt werden sollten , ließ er oberhalb der Grube niederfallen , in die sein damals noch unwiderstehlicher Arm den Verwundeten über die hinunterführende Leiter trug ... Für einige Augenblicke machte er dann Licht und bereitete unter den Särgen dem Kranken ein Lager ... Seine Drohungen mußte Jân Picard aus einem so entschlossenen Munde für Ernst nehmen ... Drei Tage und drei Nächte verpflegte ihn Hubertus , ohne in den Verstockten dringen , ganz seine auf Westerhof vollführte That erforschen zu können ... Sein Interesse für Terschka , seine Sorge für den auf seiner Zelle und unter des Pater Maurus ' Zucht verzweifelnden Klingsohr bestimmten ihn , diese Last sich je eher je lieber abzuschütteln ... Lucinden hatte er das Wort gegeben , ihn nicht zu verrathen ... Zugleich vertraute er dem Ton der Verstellung , die von einer dumpfen Bigotterie , die in Picard lebte , unterstützt wurde , nahm von ihm das Gelöbniß der Besserung entgegen , ließ den gegen religiöse Eindrücke nicht Verschlossenen bei einem der auf den Gräbern angebrachten Kreuze schwören und vertraute dem Versprechen , daß der Zögling der Galeeren nach Amerika auswandern und dort mit Hülfe der großen Summe , die er ihm für diesen Fall bestimmt hatte , ein neues Leben beginnen wolle ... Diese Summe , vor kurzem erst erhoben , trug Hubertus in Papieren bei sich ... Die Ueberraschung und Geldgier des Räubers nahm die Form einer Dankbarkeit an , die aufrichtig schien ... Picard vermaß sich hoch und theuer , an den Ufern irgend eines der Ströme Amerikas Grundbesitz kaufen und sein Leben hinfort nur noch der Reue und Arbeit widmen zu wollen ... Nach einigen Tagen , während ihn Hubertus unter den Särgen verpflegt hatte , brachte er ihn mit größter Behutsamkeit auf den Weg nach Bremen ... Picard ging , wie wir wissen , über London und gerieth unter seine gewohnte Gesellschaft ... Er verthat die für England nicht zu große Summe in kurzer Zeit ... Ohne Mittel , fiel er in seine frühern Gewohnheiten zurück ... Die französische Sprache , deren er mächtig war , die anfänglich ihm so reich zu Gebote stehenden Summen hatten ihn in Verbindungen gebracht , die weit über die Sphäre gingen , auf welche seine rohe Bildung angewiesen war ... So war es möglich geworden , daß er Terschka begegnete , den er von Westerhof kannte ... Ohne sich ihm als Dionysius Schneid zu erkennen zu geben - seine kunstreichen Perücken sind uns vom Finkenhof her bekannt - knüpfte er an die ihm von Hubertus ausgesprochenen Vermuthungen über Terschka ' s Person an , erinnerte an ihre gemeinschaftlich bei einem Müller , später bei einem Scharfrichter verlebte Jugendzeit und hatte , da sich Terschka , trotz der lockenden Aufforderung , die sein Jugendgespiele an ihn richtete , er sollte sich getrost die auch ihm bestimmte Summe vom alten Jugendkameraden , Franz Bosbeck , dem jetzigen närrischen Mönch Hubertus kommen lassen , befremdet und höchst entrüstet zeigte und diese Reden zurückwies , die Frechheit , Terschka ' s Rock- und Hemdärmel aufzureißen und ihm das holländische Brandmal der Verbrecher auf seinem Arm zu zeigen ... Terschka , nun zum Schweigen verurtheilt , kämpfte mit sich , was er thun sollte ... Hubertus war nach Italien gegangen ; eine Correspondenz mit dem in Rom auf San-Pietro in Montorio Verweilenden war nicht möglich , ohne sein Geheimniß noch mehr zu compromittiren ; - die große Summe reizte ihn aber - für ihn bestimmt war sie in Witoborn niedergelegt ... Terschka mußte sie zu bekommen suchen ... Einstweilen suchte sich Terschka Picard ' s selbst zu entledigen ... Die Reihen der Emigrationen waren von je gemischt ... Mit dem Schein des politischen Flüchtlings umgibt sich der betrügerische und flüchtige Bankrottirer , der Spion , der falsche Spieler ... Unter den verbannten Karlisten und Sicilianern gab es Charaktere , für deren erste Lebensanfänge niemand gutsagen konnte ... Nicht nur Ceccone ' s Intrigue , die Intrigue der meisten Regierungen ging in England dahin , irgendwie in das innere Getriebe der Conspirationen einzutreten . Zu Horchern und Provocatoren geben sich dann reine Charaktere nicht her - so mußten sich den oft phantastischen und der Welt unkundigen Edelgesinnten Betrüger zugesellen ... Das große Weltgewühl erschwert die gegenseitigen Prüfungen ... Picard , der seit Jahren schon verschiedene Namen geführt und in den abwechselndsten Lagen gelebt hatte , schloß sich den für Malta und Korfu geworbenen entschlossenen Revolutionären an ... Boccheciampo , ein ehemaliger sicilianischer Bravo , ging wie jeder andere Flüchtling unter einer Mehrzahl unbescholtener und den reinsten Ueberzeugungen lebender Männer .... Diesem schloß sich Picard an ... Mit goldenen Ringen , Uhrketten überladen , nannte er sich einen Belgier van der Meulen ... Boccheciampo leitete jene Intrigue des Cardinals Ceccone , der zufolge mit den römischen Invasionen der Flüchtlinge , um sie zu compromittiren , die Räuberelemente der Mark Ancona und der Abruzzen verbunden werden sollten ... Van der Meulen reiste mit Boccheciampo über Gibraltar und Malta nach Korfu ... Hier musterten die Bandiera ihr Fähnlein und beurtheilten es im besten Vertrauen auf die Bürgschaft der londoner Absender ... Schon sollte ein von ihnen gemiethetes und commandirtes Schiff nach Porto d ' Ascoli in See stechen , als die Briefe des von Hubertus befreiten Federigo ankamen und die Insurgenten vor einer ihnen gelegten Falle warnten ... So spielte sich der Schauplatz der demnach schon im Keim hoffnungslosen Unternehmung auf eine andere Stelle Italiens , wo eine gleichzeitige Erhebung Siciliens in Aussicht gestellt wurde ... Hier offenbarten sich die schlechten Elemente , die sich unter den Insurgenten befanden2 ... Mit der dreifarbigen Fahne marschirten die Verschworenen , die in Punta d ' Allice landeten , über Rossano auf Salerno zu , wo gleichfalls eine Erhebung angesagt war ... Aber im Gegentheil ; vorbereitet fand man überall nur den Widerstand ; sämmtliche Bürgergarden waren einberufen ... Wuchs auch der Haufen der Insurgenten von Ort zu Ort , so konnte er doch die erste Begegnung mit regulären Truppen nicht aushalten ... Die Trümmer des zersprengten Corps suchten Schutz auf dem hohen Kamm der Apenninen ... Hier irrten sie bis auf die höchsten Gipfel und bis da hinauf , wo im schmelzenden Schnee die Ströme des Neto , Leso , Arvo ihren Ursprung nehmen ... Hubertus erfuhr im Kloster , daß die Bandiera mit zwanzig ihrer Angehörigen in jene Schlucht gedrungen waren , wo unter den Bluteichen Frâ Federigo seine Hütte erbaut hatte ... Unruhig , ob sich die Nachricht bestätigte , daß von Spezzano aus eine Militärcolonne in den Wald rücken sollte , verließ Hubertus sein Kloster , ging die Windungen des Neto entlang und begegnete zweien zerlumpten , Banditen ähnlichen Männern , die in Eile daherlaufend und sich scheu umblickend ihn anriefen : Sind in San-Giovanni Soldaten ? ... Kaum waren sie so nahe , um unter seine Kapuze zu blicken , so wandte sich der eine ... Die Stimme , die Hubertus gehört , schien ihm bekannt ; der flüchtige Blick hatte ihm eine selbst in solcher Verwilderung erkennbare Physiognomie ins Gedächtniß gerufen ... Das ist ja Picard ! sagte er sich mit dem höchsten Erstaunen und beflügelte seine Schritte , die Flüchtigen einzuholen ... Je lebhafter sie von ihm verfolgt wurden , desto schneller eilten sie vorwärts ... Bei San-Giovanni machten sie einen Umweg und schlichen unterwärts durch die Kornfelder ... Hubertus folgte rastlos ; zumal da er sah , wie sie sich furchtsam die Mauern entlang drückten und den Schutz der Gärten suchten ... Es ist Picard ! wiederholte er sich . Picard , den ich in Amerika glaubte ! Picard , der die Kraft meines Armes fürchtet ! ... Der Ideenkreis unsres guten Hubertus war klein - aber klar trat ihm Picard ' s Theilnahme an jener von Porto d ' Ascoli aus irregeleiteten Unternehmung vors Auge ... Eine Gefahr , sowol für die ihm durch Federigo ' s Mittheilung bemitleidenswerth gewordenen Brüder Bandiera , wie für Federigo , welcher die der deutschen Sprache Kundigen vielleicht gastlich aufgenommen - stand lebhaft vor seinen Augen ... Ahnend , daß die Flüchtlinge trotz der Soldaten ausdrücklich Spezzano suchten , schnitt er ihnen bei seiner schon gewonnenen Terrainkenntniß den Weg ab ... Inzwischen kletterten die Flüchtlinge aus der Tiefe , die keinen Weg mehr bot , zur obersten Saumthierstraße empor ... Hier erwartete sie jedoch schon der schreckhafte Mönch , ein Knochenskelett ... Hubertus trat ihnen muthig entgegen ... Picard ! rief er , noch zweifelnd ; aber Picard war es , er erkannte den Räuber ... Zurückbebend sagte dieser , und zum Tod erschrocken , in deutscher Sprache : Jesus Maria ! Seid Ihr es , Bosbeck ? Ich glaubte Euch in Rom ! Dort wollt ' ich Euch aufsuchen ! Steht uns bei ! Wir müssen nach Spezzano ... Sind Soldaten in Spezzano ? unterbrach der andere auf italienisch ... Picard fuhr fort : Ist alles vorüber , Alter so erzähl ' ich Euch , wie schlecht es mir am Ohio gegangen ... Und wieder rief mit wildem Ungestüm der andere : Sagt rasch , rasch , rasch ; sind Soldaten in Spezzano ? ... Was wollt ihr mit Soldaten ? antwortete Hubertus , der wohl begriff , daß des Italieners Worte nach Soldaten ein Verlangen nach ihnen und keine Besorgniß ausdrückte ... Sie werden euch fangen - ! setzte er forschend hinzu . Gewiß seid ihr von der Bandiera-Bande aus Korfu ... Das mag recht sein ! erwiderte der andere - es war Boccheciampo ... Aber nur schnell ! Schnell ! Führt uns auf dem kürzesten Wege nach Spezzano ! ... Aus Dem , was die athemlosen und erschöpften Männer sonst noch vorbrachten , ersah Hubertus , daß sich beide von den übrigen Flüchtlingen getrennt hatten , sich mit den ausgestellten Posten der bewaffneten Macht in Verbindung zu setzen hofften und ohne Zweifel einen Zug anzeigen wollten , welchen , wie er erfuhr , der Rest der Insurrection von den Bluteichen aus diese Nacht über den Kamm der Montagne delle Porcine hinweg unternehmen wollte , um den Meerbusen von Squillace und von dort die See zu gewinnen ... In San-Giovanni di Fiore , hörte er , würde dieser Zug um Mitternacht ankommen und leicht von den Truppen aufgehoben werden können , wenn diese ihm nicht sofort bis zu den Bluteichen entgegengehen wollten ... Hubertus sah die verrätherische Absicht ... Diesen Zug wollt ihr angeben ? fragte er und hielt schon Picard ' s Arm fest ... Picard kannte die Stärke des Mönchs und erblaßte nicht wenig über die funkelnden Augen , deren unheimliche , einer Kraftentfaltung vorausblitzende Macht er aus seinen Jugenderinnerungen heute zum zweiten mal wieder erkennen sollte ... Mit dem Narren in die Hölle ! rief Boccheciampo , Hubertus ' Gesinnung ahnend , zog ein Pistol und ergriff zu gleicher Zeit Picard ' s Arm , um seinen Gefährten zu befreien und ihn sich nachzuziehen ... Einen Augenblick fuhr Hubertus vor dem Pistol zurück , sah auch , mit einem zuckenden Blitz des Auges , daß Picard mit der Linken ein blankes Messer aus seinen Lumpen zog ... Doch schon hatte den wilden Mönch der Anblick zweier Bösewichter , die , um den Preis ihrer eigenen Freiheit , andere ins sichere Verderben ziehen wollten , zur Wuth entflammt ... Seine Hand drückte Picard ' s Arm so mächtig , daß dieser aufschrie und seinen Arm für gebrochen erklärte ... Hubertus suchte am Felsen seinen Rücken zu decken , ohne dabei Picard ' s rechten Arm loszulassen ... Laßt mich ! schrie dieser , drängte vorwärts und drohte mit seinem blitzenden Messer in der Linken ... Wie ein dem Ertrinken Naher , mit der ganzen fieberhaften Kraft , deren selbst die Feigheit fähig ist , wenn sie sich vor äußerster Gefahr zu retten sucht , suchte sich Picard loszuwinden und dem Italiener zu folgen , dessen Pistol sich jetzt zur Mehrung seiner Wuth als nicht geladen erwies ... Nun mußte Hubertus auch Boccheciampo abwehren ... Alle drei rangen ... Hubertus gegen zwei ... Immer näher kam der wilde Knäul dem jähen Abgrund des Felsenweges ... Mit verzweifelnder Anstrengung wollten sich die Ringenden der andern Seite zuwenden , wo die Felswand wieder höher emporstieg ... Da riß sich mit einer höhnischen Lache Boccheciampo plötzlich aus dem Knäul los , stürzte die andern vom Rand des Weges in die Tiefe und entfloh ... Mit einem gellenden Schrei suchte Picard sich im Fall zu halten - Vergebens ; die beiden Sinkenden glitten tiefer und tiefer ... Unten rauschte die wilde Flut des Neto ... Hubertus hielt sich an einer hervorragenden Strauchwurzel - ein Moment - und er hörte , daß Picard , der die Besinnung verloren hatte , unaufhaltsam in die zuletzt nur noch schroff sich absenkende Tiefe stürzte ... Eine Besinnung , eine Entschlußnahme war anfangs auch für Hubertus nicht möglich ... Eine Viertelstunde verging , bis er so viel Kraft gesammelt hatte , um sich wieder auf die Straße hinaufzuarbeiten ... Da hörte er in der Ferne Schüsse ... Als er auf die Straße kam , hatte sie ein Piket Soldaten besetzt und hielt Boccheciampo gefangen ... Auch den Mönch nahm man mit und ließ ihn streng bewachen ... In der Nacht krönte sich Boccheciampo ' s Verrath ... Aus dem Thurm zu San-Giovanni , in welchen Hubertus , ohne die Flüchtlinge warnen zu können , gefangen gesetzt wurde , vernahm er , wie oberhalb Firmiano ' s , wo ein einsamer , unbekannter Waldweg über den höchsten Gebirgskamm führt , ein kurzer verzweifelter Kampf der kleinen Schaar stattfand , die auf ihrem Wege gekreuzt und zuletzt gefangen genommen wurde ... Boccheciampo hatte den Soldaten die richtige Anzeige ihres nächtlichen Zugs gemacht ... Man führte die Verlorenen nach Cosenza - ... Auch Frâ Hubertus wurde später dorthin abgeführt ... Der Erzbischof nahm sich des Klerikers an , berichtete an den General der Franciscaner nach Rom und wieder kam die Weisung , den Worten des Bruders Hubertus vollen Glauben zu schenken und ihm jede Nachsicht zu gewähren ... Die Nachforschung nach dem verunglückten Gefährten des mit Pension nach Stromboli geschickten Boccheciampo gerieth ins Stocken ... Einige Wochen nach Hinrichtung der Bandiera , kam Hubertus auf freien Fuß ... Wie Hubertus erst heute wieder jene Stelle des Ringkampfs gesehen , wie er jetzt zu jenem Felsenpfade über sich emporblickte , der damals ein Todespfad für zwanzig Menschen geworden war , brachte ihm die bange Stimmung seines Gemüths in voller Gegenwärtigkeit auch den Augenblick zurück , wo er damals , nach Entlassung aus seiner Haft in Cosenza , von jenem Kreuze aus , das er am verhängnißvollen Orte vom Sindico zu San-Giovanni auf Befehl der Regierung errichtet fand , ein Wagstück vollführte , welches allen , die davon erfuhren , unglaublich erschien ... Mit Stricken , Hacke und Beil stieg der Tollkühne am schroffen Felsabhang nieder und suchte dem Opfer beizukommen , das dort unten noch im feuchten Schose des an jener Stelle von Menschenfuß noch nicht berührten Neto ruhte ... Im Ringen hatte Hubertus bemerkt , daß Picard unter seinen zerlumpten Kleidern ein Portefeuille trug , auch Geld und Geldeswerth bei sich hatte ... An letzterm lag ihm nichts ; im erstern aber fand er vielleicht Aufklärungen über die ihn wahrhaft empörende und mit höchstem Zorn erfüllende Täuschung , der er sich hingegeben vor noch nicht zwei Jahren , als er glaubte , Picard wäre nach Amerika gegangen ... Nur eine so von frühster Jugend gehärtete , an jede Lebensgefahr gewöhnte Natur , wie die seinige , konnte die Schwierigkeit dieser Unternehmung überwinden ... Hundertmal glitt sein halbnackter Fuß am zuletzt völlig senkrechten , glücklicherweise strauchbewachsenen Abhang aus ... Nichts hielt dann die Wucht des Körpers , als ein Zweig , eine Wurzel , welche die schon blutig zerrissene Hand unterstützte ... Wo ein hervorragender Stein oder ein Ast kräftig genug schien , befestigte der Muthige mitgenommene Stricke , die den Rückweg erleichtern sollten , falls sich aus der Tiefe der Schlucht selbst kein anderer Ausweg bot ... Ganz allein , und ohne irgend einen Zeugen sich an diese muthige Unternehmung wagend , kam Hubertus , blutend an Armen und Füßen , endlich bei den an dieser Stelle gehemmten , in einem Kessel wildtobenden Fall des Neto an ... Hoch spritzte der Schaum des von zerrissenen Felsblöcken zurückgeworfenen Gewässers auf - weitab nur vom Rande des Strombetts ließ sich an den Büschen mühsam weiterklettern ... Die Kohlenaugen des alten Jägers spähten rundum ... Hubertus fand , daß der Wildbach irgendwo ein Hemmniß hatte ... Von Weißdornbüschen wildüberwuchert zeigte sich ein Vorsprung , um den das schäumende Gewässer sich herumzwängen mußte ... Endlich fand sich - unter den Büschen das Schreckbild einer zerschmetterten und verwesten Leiche ... Der Kopf war schon unkenntlich , aber die andern Glieder hatten sich noch unzerstört erhalten - die kühle Wasserluft verzögerte die Auflösung ... Eine Weile währte es , bis Hubertus es wagte näher zu treten und den vollen Anblick des Schreckens dauernd zu ertragen ... Ein Dolch , den er nach Landessitte in seiner Kutte trug , schnitt die Kleider der Leiche auseinander ... In den Taschen lag noch Geld , eine Uhr ; die Brieftasche war nicht zu finden ... Hubertus durchsuchte den ganzen Körper ... Das Portefeuille war verschwunden ... Ohne Zweifel war es beim Sturze aus der Tasche geglitten ... Aber auf dem steinigen Grund der krystallenen Woge blinkte Gold auf ... Hubertus blickte weiter um sich ... Da lagen auch Blätter Papier , eingeklemmt in die spitzen Steine ... Die nassen Blätter gingen beim Aufnehmen auseinander ... Hubertus sah , daß es Bruchstücke waren , die einem Paß oder einem ähnlichen Document angehörten ... Wieder suchte er mit spähendem Auge ... sie fanden sich , jetzt auch am Ufer , einzelne zerstreute Blätter ... Vom Regen und vom Schaum des Neto waren sie so aufgeweicht , daß sie schon beim Aufnehmen unter der Hand auseinandergingen ... Dennoch nahm er alles vorsichtig an sich und wickelte es zum Trocknen in sein Taschentuch ... Nach langem Suchen dann nichts mehr findend , nahm er einige wild durcheinanderliegende Steine , bildete in Manneslänge in der Erde eine Höhlung , warf in sie die Reste des verwesten Körpers und bedeckte alles mit den Steinen und buschigen Weißdornzweigen , die er mit dem Dolch abschnitt ... Uhr und Geld nahm er in sein Bündel noch hinzu , sprach einen kurzen Segen und machte sich auf den Heimweg , dessen noch gesteigerte Schwierigkeiten die Gewandtheit seines Körpers überwand ... Von jener Brieftasche fand sich nichts mehr - er durfte sich sagen , daß die Papierreste , die er gefunden , hinreichten , um einem so kleinen Behälter schon einen ansehnlichen Umfang zu geben ... Das Geld floß dem nächsten Opferstock an der Kirche von San-Giovanni zu ; die Uhr und die Papiere wurden bei passender Gelegenheit für einen Besuch bei Federigo aufgespart ... Sie zu lesen verhinderten - natürliche Schwierigkeiten ... Nicht zu oft durfte es Hubertus wagen , die Bluteichen zu besuchen ... Nur dann ging er , wenn ihn zu mächtig die Sorge für den immer mehr verwitternden Greis ergriff - nach einem stürmischen Wetter , nach einem Briefe , deren zuweilen welche für Federigo - dann waren sie eingelegt an Hubertus - beim Guardian einliefen ; diese kamen von Rom und waren , wie Hubertus gelegentlich bemerkte , in seltsamen Chiffern geschrieben ... Als den Mönch eines Tages wieder die Hütte seines Freundes mit seinem , dem Leichnam abgenommenen Funde beherbergte , betrachtete dieser die Uhr mit äußerstem Erstaunen ... Der Eremit erkannte sie für die seinige ... Nicht daß sie ihm jetzt geraubt war , sie hatte ihm vor vielen Jahren gehört ... Daß Picard sie aus dem Grabe des alten Mevissen gestohlen , konnte durch die Mittheilungen des Mönches theilweise errathen werden - Hubertus wußte , daß Picard auf dem Friedhof eines deutschen Dorfes ein Grab erbrochen hatte ... War es das des alten Mevissen - ? dachte Federigo . Welche Verwickelungen konnten dann entstanden sein , falls sein Vertrauter an solchen Erinnerungen noch mehr in die Grube mit sich genommen hatte ! - ... Mit einer Aufregung , die Hubertus an seinem Freunde sonst nicht gewohnt war , durchflog dieser die Papierreste , die sich in Picard ' s Nähe gefunden hatten ... Ihr Inhalt schien ihn allmählich zu beruhigen ... Aus einigen Brieffragmenten ergab sich aber eine Beziehung Picard ' s zu Terschka ... Sie hatten sich , das ersah man deutlich , in London gekannt ... Die Briefe waren vorsichtig abgefaßt und enthielten sogar besonnene Mahnungen , manche Ablehnung der Picard ' schen Zudringlichkeit - Terschka ' s Ton war hier in hohem Grade vertrauenerweckend - ... Die nunmehrige Entdeckung der Thatsache , daß sich Hubertus damals auf Schloß Westerhof in Terschka ' s Person nicht geirrt hatte , nahm ihn trotz Terschka ' s damals so schroffer Ablehnung für ihn ein ... Die Klage Terschka ' s über seine eigene hülflose Lage , auch die zufälligerweise in diesen Briefen von ihm ausgesprochene Reue über seine schnöde Behandlung des » guten Franz Bosbeck « , der ihm so wohlgesinnt gewesen , alles das konnte Hubertus nicht hören , ohne an sein noch in Witoborn bei einem Advocaten stehendes Geld zu denken ... Auch Federigo kannte von Castellungo her den Lebenslauf Terschka ' s , kannte seinen Uebertritt zu einer Confession , die an Federigo und den Waldensern der nur in jüngeren Jahren fanatisch katholische Mönch zu achten gelernt hatte , und rieth dazu , diesen Wink des Schicksals zu beachten ... Wenn Hubertus doch einmal sein Vermögen dem Kloster Himmelpfort entziehen wollte - und nach seinem Tode würde Pater Maurus in Himmelpfort sich schon zu Gunsten seiner Ansprüche regen und geltend machen , daß Hubertus nur als ein auf Urlaub befindlicher Mönch seiner Provinz betrachtet werden konnte - so sollte er sich eilen , dem Erben , den er sich nun einmal gewählt und der hoffentlich besser damit verfahren würde , als Jân Picard , seine , wie man sähe , dringend ersehnte Hoffnung nicht zu entziehen - Die Partheilichkeit , die Gräfin Erdmuthe für Terschka von jeher gezeigt , hatte sich auch dem Einsiedler mitgetheilt ... Durch ihn , als Schreibkundigen , zugleich durch den wohlgesinnten Guardian des Klosters Firmiano , leitete Hubertus eine Verhandlung mit den Gerichten im fernen Witoborn ein , der zufolge Terschka die Summe , die er diesem gleich anfangs bestimmt hatte , richtig in London ausgezahlt erhielt ... Es währte ein Jahr , bis diese Procedur zu Stande kam ... Terschka ' s Dankesbriefe hoben nicht wenig das Gefühl des alten Mannes , der sich einer guten That bewußt war und oft mit Schmerz von seinem Schicksal sprach , das ihn gerade über die , denen er Gutes erweisen wollte , zum willenlosen und wie von Gott bestimmten Richter machte ... Die Räthsel , die den deutschen Pilger umgaben , hatten sich für Hubertus nur theilweise gelüftet ... Bald nach dem Vorfall mit jener Uhr , einem Zusammentreffen , das Federigo am wenigsten aufklären mochte , kam das Ende des treuen Sultan , der , von seiner Wunde geheilt und einen Augenblick die Freiheit nutzend , seinem Herrn wieder bis auf mehr als funfzig Meilen gefolgt war und am Ziel seiner Sehnsucht durch den Pfarrer von San-Giovanni so misverständlich sein Ende finden mußte3 ... Lebhafter denn je gedachte Hubertus heute der Folgen , welche damals eine an sich so entschuldigte That des edlen Paolo Vigo nach sich zog ... Er gedachte seiner Klagen damals , als sein zufälliger Ausgang aus dem Kloster , um zu terminiren , ihn nach San-Gio führte , ein Volkshaufe um den verendenden Hund stand , er ihn erkannte , ins Kloster trug , ganz so , wie zuweilen Sanct-Philippo Neri , mit dem ihn Klingsohr so oft verglichen , abgebildet wird ... Paolo Vigo erfuhr die Geschichte des Hundes , war davon aufs tiefste ergriffen und besuchte den Eremiten unter den Bluteichen , gleichsam um seine rasche That zu entschuldigen ... So knüpfte sich zuletzt eine Freundschaft , die auch ihn ins Strafkloster Firmiano brachte ... Hier aber zeigte sich die gute Wirkung solcher Nachbarschaft ... Jähzorn , Völlerei , alle Leidenschaften , von denen das Amt des Priesters geschändet wird , fingen dort allmählich zu verschwinden an ... Nicht genug konnte der Guardian , ein milder gutgesinnter Mann , nach Cosenza rühmen , wie sich seine Pfleglinge gebessert hätten ... Schickte man aber eben deshalb schon seit lange niemanden mehr her ? ... Nahm man eben deshalb niemanden mehr fort ? ... Es war , als wenn dies stille Waldkloster in der Welt vergessen war ... Hatte Hubertus Recht gethan , so ausdrücklich die Jesuiten an die Existenz desselben zu erinnern ? ... Gerade Diesem vorzugsweise nachdenkend , hörte Hubertus jetzt die Uhr des Klosters die vierte , d.i. die elfte Stunde schlagen und machte sich , von Unruhe getrieben , noch früher auf den Weg , als er anfangs beabsichtigt hatte ... Ueber die Höhen wehte ein frischer Nachtwind ... Noch eine halbe Stunde brauchte er , bis er am Klosterthor die Glocke zog ... Hier sollte ihn aber dann sogleich ein glücklicher Zufall begrüßen ... Es war Paolo Vigo selbst , der heute den Pförtnerdienst verrichtete ... Eine edle Gestalt voll ernster Würde , mager , abgezehrt , begrüßte ihn ... Der Pförtner trat Hubertus mit dem frohesten Willkommen entgegen ... Hubertus sah ihn voll Erstaunen , band sich seine beim Steigen losgegangene Kuttenschnur fester und sprach : Das muß ja dem Guardian ein Traum eingegeben haben , Euch gerade heute an die Thür zu stellen ! Ihr seid noch wach ? Ich bitte Euch , bleibt es ja ! ... Weckt unsere Schlafsäcke die Matutin , so laßt Euch nur vom Guardian auf der Stelle Urlaub geben - ... Nicht wahr ? Um unsern Vater aufzusuchen - ? ... fiel Paolo Vigo mit lebhaftester Erregung ein ... Ich konnte mir doch denken , daß Ihr gerade zum zwanzigsten August wieder zurücksein würdet ... Zum zwanzigsten August - ? ... Verderbt mir den Willkomm nicht ! entgegnete erschreckend Bruder Hubertus ... Bei Sanct-Hubert ! Wo hatt ' ich meinen Kalender ! ... Haben wir heute den heiligen Rupert und bei Witoborn die ersten Schnepfen - - ! Und ich - ich - - Esel - ! ... Morgen ist doch Sanct-Bernhard ! bestätigte Paolo Vigo . Wißt ihr das nicht - ? ... Ich stehe wie ein Soldat auf Schildwacht und bitte Gott , mir eine gute Ablösung zu geben ... Ihr seid voll guter Anschläge , Bruder ; sagt , wie fang ' ich es an , sofort zu den Bluteichen zu kommen ! ... Drei Nächte hatt ' ich denselben Traum und keinen guten mein ' ich ... Ich hörte an meiner Zelle kratzen , wie von einem Hunde , der herein wollte ... Ich sah im Geist den guten Sultan vor mir ... Oeffnete ich dann , so fand ich nichts - ... Dreimal das hintereinander ! - Ich glaube an solche Dinge nicht - aber ich meine doch - Federigo ist krank oder es geschieht ihm sonst nichts Gutes - ... Der heilige Bernhard ist morgen - ! sprach Hubertus dumpf und vor sich hinsinnend , immer besorgter und im Ton des härtesten Vorwurfs gegen sich selbst ... Leb ' ich so in den Tag hinein ! ... Ihr träumtet vom Sultan ? Und ich träume schon seit Neapel von nichts , als von Wölfen , die an den Bluteichen eine Lämmerheerde fressen ... Wißt Ihr hier denn auch nicht , warum unser San-Giovanni drüben so voll Soldaten steckt ? ... San-Giovanni ? ... entgegnete Paolo Vigo bestürzt ... Euer Pfarrhaus und alle Scheunen sind voll .... Auch in Spezzano siehts wie im Lager aus ... Ist morgen Sanct-Bernhard - ! ... Glaubtet Ihr , daß ich um irgendetwas Anderes Urlaub wünschte , als um an diesem Tage - Nun Ihr wißt doch , daß ich jedesmal , wo ich an diesem Tage nicht bei den Bluteichen war , erklärte , ein Jahr aus meinem Leben verloren zu haben - ! ... Hubertus hatte sich inzwischen durch die niedrig und rundbogig gewölbten Gänge zum Refectorium begeben , wo noch auf dem Speisetische die Lampe brannte ... Paolo Vigo folgte ihm in den anmuthig kühlen , von kleinen gewundenen Säulen arabischen Geschmacks getragenen Raum ... Ein Schrank enthielt die Vorrichtung , sich zu einem hier immer bereitstehenden Kruge voll