Gedanke , daß seine Theilnahme eine Maske , seine wahre Absicht ein Verbrechen war , das seiner Absicht nach dann auf sie , auf Danebrand fallen sollte , lähmte ihr die Zunge . Ein Blick , wie die funkelnde Spitze eines Speers fiel aus ihrem Auge auf Hackert . Sie durchbohrte ihn . Der Spion erschrak , stutzte , besann sich und verstand erst allmälig diesen Blick . Jetzt schlug er die Augen nieder . Er dachte an jene Sonntagsfrühe bei Schlurck . Er sah , daß man sein Wort misverstanden , sein Anerbieten verdächtig gefunden , und so überwältigend wirkte auf ihn die Vorstellung dieses ewigen Mistrauens in seine Ehrlichkeit , daß er mit dem Ausrufe : Nun soll mich Gott verdammen ! die glühende Cigarre von sich warf , das Feuerzeug hinschleuderte , den schon ergriffenen Hut mit Füßen trat und mit einer Blässe , die ihn von der Weiße der Wand kaum unterscheiden ließ , in dem nächsten Sessel niedersank . Louise sah diesen Schmerz , diesen Krampf , verstand ihn und rief : Hackert , nein ! Ich glaube ja ! Er hörte nicht . Sie trat zu ihm heran , ergriff zitternd seine kalte Hand , sprach ihm die mildesten , sanftesten Worte der Tröstung und gab ihm damit einen so wehmüthigen Schauer seiner Empfindungen , wie ihn seit dem Tage nicht überrieselt hatte , als man den Bruder dieses edlen Mädchens in den winterlichen Schooß der Erde senkte ... Die Thür ging auf ... Friedrich Zeck , sein Vater , trat ein , betrachtete die Scene , staunte , forschte und fragte : Ihr scheint über Etwas einig zu sein ? Wir sind es , Papa Murray ! sagte Louise , nahm ihren Hut , nannte noch einmal den Pelikan als ihre Adresse und ließ Vater und Sohn in einer räthselhaften Spannung zurück , die um so heilsamer auf Letztern wirkte , je weniger er angegangen wurde , sich auszusprechen und durch Worte zu erklären , was als eine fast bewußtlose Stimmung , als ein Unausgesprochenes und wie durch Offenbarung Gekommenes nun in ihm bebte . Es gibt eine gehobene Stimmung im Menschen , schon die ihm sein kann , wie der Tod . Willst du sie heirathen , Junge ? sagte der Vater scherzend , so denk ' ich , werd ' ich dich anständig aussteuern können ! Hackert blickte über diese Vermuthung zur Erde und sagte nur , sie wären noch nicht - aufgeboten , - was freilich auch bei den Spähern in diesem Hause nicht nöthig wäre . Er wollte gleich einmal hören , was Frau Mullrich unten aus dieser Kaffeevisite für Geschichten prophezeie ! Damit ging er und ließ den Vater in Zweifeln , Befürchtungen und Hoffnungen zurück , die er sich aus dem Benehmen seines Sohnes und Louisen ' s schneller Entfernung nicht enträthseln konnte . Zehntes Capitel Bewähr Dreißig Wochen und mehr schon saß Dankmar unmuthsvoll und in sich selbst versunken im Kerker . Was des Zufalls Gunst ihm überraschend genug wie einen goldnen Regen und wundergleich wie aus der kahlen Decke der Mauer , die sich über ihm wölbte , herniederströmen ließ , den Gewinn des altergrauen Rechtshandels ... er nahm ihn einige Tage hin wie das Seltsamste und Trostreichste , was ihm in dieser Lage grade hätte kommen können ; aber wie bald gewöhnt man sich nicht grade auch an das Glück und verbirgt seine Freude grade da auch sogleich hinter den Sorgen , die das Glück in seinem Gefolge hat ! Man will Den , der ein Glück gewonnen , mit allen Bezeugungen unsrer Freude überschütten und er erwidert schon grämlich , schon verdrießlich , er hat entweder das Glück nicht ganz erobert , er hat es theilen wüssen , oder kann es nicht unterbringen und wie diese Grillen sonst sprechen , mit denen wir schlimmen Menschen gleichsam vor der Welt zeigen wollen , daß uns das Glück mehr plage als erfreue . Ein solcher Winzer , der da nun laut geklagt hätte , daß er für seinen Herbstessegen gar nicht einmal Fässer genug hätte , war freilich Dankmar Wildungen nicht . Ihn mußte ohnehin die Sorge reizen , daß man das Errungene ihm jetzt vorenthielt . Aber auch ohne diese neue Gefahr würde sich gegenüber seinem persönlichen Loose und der Betrachtung der Zeit seine Freude gemildert haben . Daß er sie im ersten Augenblicke groß und mächtig genoß , bewiesen die Worte , die er zu Oleander , dem ihn vielbesuchenden Prediger der Gefangenen sprach : So hätt ' ich es denn erreicht , mein neuer Freund ! Das dunkle Ziel , nach dem Generationen in meiner Familie steuerten wie nach einem Fabellande , für das es keinen aus irdischen Stoffen gezimmerten Nachen gäbe , verwandelt sich nun in ein wirkliches Eiland , schroff und schwer im Anfang zu erklimmen , aber an dem brandenden Ufer merk ' ich durch Felsenritzen die grüne Vegetation und glaube selbst Vögelstimmen und Spuren von Leben auf dem eroberten Lande schon zu unterscheiden . Denk ' ich zurück , was mußte Alles geschehen , bis es dahin kam ! Nicht kann ich reden wollen von Dem , was vor meiner Zeit liegt , nein , seit ich selbst in Angerode die Entdeckung jenes Schreins machte , welche Wanderungen durch das Leben , durch die Herzen der Menschen , welche Fülle von erhebenden und beschämenden Erfahrungen in mir selbst und in Anderen ! Und woran hing das Schicksal dieser Eroberung , die ich hoffe für eine große Sache gemacht zu haben ? Zwei kleine Striche , übersehen , fast ausgelöscht , entscheiden Sinn und Werth , Auffassung und Anwendung ! Stubenfreude des Gelehrten wird Saatkeim für die Welt ! Ich überschätze diesen Handel nicht , aber mir selber darf er bedeutungsvoll sein . Ich habe an ihm meine Kraft erprobt , ein Ziel zu erringen gelernt , das Maaß der Tage verlängern , den Luxus der Nächte verkürzen , ich bin bewahrt geblieben vor der unbestimmten Leere , in der jetzt die Empfindungen der Jugend hin und her tasten . Viele rufen durch dies Chaos mit mächtigerer Stimme als die meine und man glaubt , Homerische Helden schritten zur Schlacht , und nur das Echo war es , der Widerhall der Leere , der ihrem Worte die scheinbare Größe gab , die Thaten blieben aus und nach den vorweggegebenen Prahlereien sinken die Recken nieder und ihr Leben siedelt sich am nächsten besten Heerde an , wo sie dem Weibe die Holzscheite zum Feuer tragen , das ihnen beiden die armselige Suppe kocht . Oleander war wohl berechtigt , Dankmar ' n zu erinnern , daß er trotz der von ihm gepriesenen Studien der Gelehrtenkammer doch nicht vergessen hätte , grade auch dem Idealismus der Zeit zu opfern ... Nun wohl ! Laßt uns dazu auch diese luftige Welt ! sagte Dankmar . Mein Bund ! Dies große Verbrechen , das mich an diesen Ort geführt ! Diese Wolkenbilder , die ich den Menschen in die Hand gegeben ! Diese Sternenschrift , die sie auch schon entziffert haben wollen ! Sie wird mindestens nichts so Geringes enthalten wie die Inschriften der viel ehrwürdiger gehaltenen alten Hieroglyphen . Ich gab kürzlich zu Protokoll : Betrachtet uns wenigstens als Das , was Ihr ja selber seid , als Freimaurer ! Wieviel habt Ihr die nicht geschmäht , die Euren Ritus , Eure Symbole , Eure Urkunden an die profane Menge verriethen ! Habt Ihr auf den Universitäten , in Euren Schulstuben , auf einsamen Spaziergängen mit befreundeten Genossen nicht hundertmal darüber geklagt , daß in unsern Tagen kein Messias mehr erstehen könnte , er würde an der polizeilichen Organisation unsrer Epoche zu Grunde gehen und sich nicht lange in den Wolken bergen können , in denen sich alles Große und Bedeutende an ihm zur Mythe verwandelte ? Nun , so laßt doch wenigstens einem armseligen Vorläufer künftiger Gottessöhne , einem Täufer mit gewöhnlichem Wasser , einem Heuschreckenfresser der Wüste , das Vergnügen , von Euch behandelt zu werden wie ein Wunderdoktor , dem Ihr das Handwerk nicht grade legen , aber erschweren wollt nach den und den Paragraphen der Medizinalordnung ! Sucht meine Straffälligkeit aus dem Landrechts-Kapitel über Traumdeuter , Zauberer herzuleiten , seht , ob noch ein alter Paragraph über die Hexen auf micht paßt , Zigeuner , verbotene Kollektanten , fahrende Gaukler , was weiß ich ! Aber eine Verschwörung ! Fragen über Kommunismus , Maschinenarbeitervereine , Handwerkervereine , Freiheit , Gleichheit , Brüderlichkeit , Militärverschwörungen , Schilderhebungen , Flüchtlings-Umtriebe ! Menschen , sag ' ich , das ist ja Alles mein Kreuz und Leiden so gut wie Eures ! Ich finde , daß in diesen Erscheinungen die edelsten Kräfte sich zersplittern , Leidenschaften der zweideutigsten Ichsucht genährt werden . Ich war in Handwerkervereinen und sprach , ja ich ließ durch Louis Armand eine neue Regelung der Klubs versuchen , indem ich die großen Versammlungen auflöste und nur kleine Sektionen von drei , fünf , sieben Menschen schuf , die sich in wöchentlicher Vereinigung mehr nützen , als wenn ihrer dreihundert zusammensitzen und berauscht jeder bombastischen Phrase Beifall brüllen ... Aber ... Dankmar war selbst Schuld an der Verzögerung seines Prozesses . Er gefiel sich eben darin , Antworten zu geben , die die Richter irre führten . Seine Absicht war den Freunden in der Nähe und Ferne kein Geheimniß . Er wollte sich so nicht vertheidigen , wie er sich einzig vertheidigen konnte . Er wollte den Bund der Ritter vom Geiste nicht herabsetzen zu einem bloßen Phantome erhitzter , polizeilicher Einbildung . Er wollte nicht geringfügig sprechen von einer Thatsache , die so tiefe Wurzeln in den Gemüthern geschlagen hatte . Er sah , auch durch die Riegel seines Gefängnisses hindurch , die segensreiche Ausbreitung seines Wirkens . Er erhielt Andeutungen , daß diese Stiftung weit über die Grenzen Dessen hinausging , was man in neuester Zeit an Piusvereinen , innern Missions- , Märzvereinen , Friedensvereinen erlebt hat . Sollte er von einem Advokaten , der ihm gegen seinen Willen vielleicht bei den Assisen beigegeben wurde , hören müssen , daß dieser das Schreckphantom in eine Gaukelei auflöste und den Spott und die Ironie zu Hülfe rief , um die Sache seines Klienten als gefahrlos darzustellen ? Dankmar hielt es für seine Pflicht , groß und stolz von Dem zu denken , was man in ihm fürchtete . Er erbitterte das Gericht durch seine Hartnäckigkeit , er führte es irre durch seine Aussagen , die mehr zugestanden , als man fragte . Er wollte der Träger aller der Schreckengebilde sein , mit denen sich die Feinde der Freiheit ängstigten , er wollte so lange nicht an persönliche Freiheit denken , als sein Gefängniß dazu diente , den Saamen , den die Freunde ausstreuten , zum Aufgang zu bringen . Denn die Macht , die Leidende auf höhere Fragen der Sittlichkeit ausüben , ist größer als die Macht der Glücklichen . Freilich litt der junge Kämpfer selbst am schwersten unter diesem Opfer , das er brachte . Eine geläuterte reine Flamme der Liebe loderte in seinem Herzen für Selma , nun seine eigne Verwandte . Längst hatte sich ihm Ackermann in seiner wahren Herkunft als Rodewald enthüllt , wenn er mit ihm Abends beim Leuchten der Johanneswürmchen an den Weidenufern der Ulla entlang schritt und Dankmar seine nächtliche Lagerstatt in einem einsamen Gehöft aufsuchte . Als er später Rodewald ' s Kummer erfuhr über des Fürsten Egon Absicht , sich seiner Güter zu entäußern und ihn aus seinem Pachtverhältnisse zu entfernen , konnte er freilich nicht begreifen , was den Oheim so tief dabei verletzte . Dieser schrieb selten , desto eifriger Selma . Oleander war es , der den Vermittler dieser zärtlich schmerzlichen Grüße machte . Er selbst hätte , da Dankmar die Briefe nicht verbrennen mochte , die der Sicherheit wegen zurückgegebenen lesen können , er selbst , der Selma liebte und seinen Schmerz in der Dichtkunst und dem ernsten Berufe eines Seelsorgers der Gefangenen und Trösters der Leidenden zu vergessen suchte . Jungen Liebenden kann ja nichts Glücklicheres geboten werden , als nach dem ersten aufflammenden und die Herzen entzündenden Erkennen ihrer Neigung die Trennung und in ihrem Gefolge die Nothwendigkeit eines längeren Austausches ihrer Empfindungen auf dem Papiere . Die Lüge wird hier reine Herzen nie beschleichen . Die Sehnsucht wird um den Ausdruck ihres Verlangens nie verlegen sein . Aber dazu , daß ein Verkehr der Gedanken , wie er bei dem süßen Gekose der unmittelbaren Nähe selten stattfindet , den Verkehr der Gefühle nun ablöse , bietet sich so die reichste Gelegenheit . Nun wird Das , was unbewußt und wie im Traum gekommen schien , nach seiner irdischen Möglichkeit noch einmal durchgedacht ; die magnetische Kraft , die ohne Erklärung um so wirksamer fesselt , stärkt sich nun durch die sittliche Begründung Dessen , was da so eng zusammenhielt , und stählt die Herzen für eine Zeit , wo auch das Urtheil und die weisere Erwägung sich sagen sollen : Du hast das gute Theil erwählt ! Das Leben selbst in seinen tausend Erscheinungen , in seinen oft grade dieser Liebe sich feindselig genug zuwendenden Stacheln wird in seinen drohenden Gefahren dann früh erkannt und die ganze Höhe schon übersehen , bis zu der die zärtliche Verschlingung der liebenden Arme ausdauern , sich stützen , sich fortgeleiten soll . Sieht man nach solchem Briefwechsel sich dann wieder , so kommt es wohl , daß man sich völlig neu und anders erscheint . Man hat ein altes Bild verloren , aber ein neues gewonnen . Es währt eine Weile , bis man sich rein menschlich wiederfindet , aber es währt nicht lange , das Befremden ist nur das des größeren Glückes , und man hat sich größer gewonnen , größer gefunden , gestärkter für des Lebens ganze Dauer und die ernsten Klippen aller seiner kommenden Prüfungen . Selma erwartete mit krankhafter Ungeduld des Freundesschicksals endliche Entscheidung . Sie erzählte in ihren Briefen an Dankmar von Anna von Harder , von Oleander ' s treuen Besuchen , seinem fortgesetzten Unterricht , von Olga Wäsämskoi ... Von dieser Letztern bestätigte sie , was alle Kreise über die Freundschaft der Mädchen erfahren und selbst beobachtet hatten . Selma nannte Olga einen stillen See , den träumerisch der Mond beschiene und von dem man Märchen erzähle , die uns erschrecken sollten , wenn sie auf Wirklichkeit begründet wären . Da wären gleichsam Götzenbilder einst wie von den ersten Christen in diesen See geworfen worden und nächtlich am ersten Tage des Mai rühre und reg ' es sich in dem See und die Heidengötter blickten aus dem aufgewühlten Gewässer mit düstern Augen empor und sähen sich die Welt an , wie sie nach ihrem Reiche inzwischen geworden . Aber nie wären es bei Olga doch solche Jungfrauen , die dann auftauchten mit falscher Liebe und jene Knaben in die Tiefe lockten , denen sie mit Wasserlilien gewinkt hätten oder gar böse und spukhafte Fratzen . Nein , Olga wäre wohl eine schlummernde Tragödie voll Leidenschaft , ja Zorn , ja Wildheit zuweilen , wenn sie ein schriller Ton wecke , aber ebenso auch könnte sie dem Idyll gleichen , wenn ihr ein Süßes , die Nachtigall , ein Schönes , die Kunst , riefe . Helene d ' Azimont hätte dem armen reichen Mädchen den Glauben an die Menschen genommen und doch liebe sie Helenen und weine auch um deren Irrthümer ! Sie hätte von Rafflard einst in Venedig das Schlimmste über Siegbert gehört , da hätte sie wollen wahnsinnig werden , sterben , hätte ein Kloster gesucht , aber - an der Hand des Teufels . Selma erzählte , daß Olga sich selbst gemalt hätte auf wilder Alpenhöhe , als Pilgerin herabblickend zu einem Kloster im Thale und der Teufel hätte ihr die Stufen gezeigt , die sie hätte betreten sollen , um hinüber zu kommen zu dem lockenden Glöcklein im Thale . Da hätte sie denn Rudhard ergriffen , gerettet vom Wahnsinn . Einer Todten gleich wäre sie nach Tempelheide zurückgekommen und Selma erst hätte sie zum Leben , wie es ist , geweckt , sie an Siegbert Wildungen wieder glauben gelehrt , den sie liebe , aber wie einen Verlornen . Olga Wäsämskoi , obgleich eine Fürstentochter , würde sich zur Königin erhoben fühlen durch die Liebe eines Künstlers und nie , nie würde man von Olga etwas Anderes vernehmen , als daß sie die Liebe selbst wäre und das Abbild der Treue . Und Siegbert schweige und thäte nichts und ließe Alles schlummern ! Oleander , Siegbert ' s Freund , billigte Siegbert ' s Handeln . Oleander hatte sich recht in diesen Bund verloren . Er sprach nie von Siegbert , wenn er in Tempelheide war und Olga seine Lehren mit denen Rudhard ' s verglich . Siegbert konnte ja nicht , wollte ja nicht , daß diese Leidenschaft durch ihn genährt wurde ! Er war zu selbstbeherrschend , Rudharden zu sehr verpflichtet . Er hatte sich von Brüssel , wo die Fürstin weilte , wohl ferne gehalten , aber auch nichts gethan , was den Plan , aus Olga zuletzt doch die Baronin Dystra zu machen , stören konnte . Olga sah darin Schwäche , geringen Lebensmuth , das einzige Unpoetische an Siegbert . Sie ließ sich einmal ihre Welt nicht nehmen und Oleander legte , ob er gleich wie Siegbert dachte , doch ihren Empfindungen gern Gedichte unter , die er Dankmarn vorlas , wie dieses : O laßt mich zieh ' n , ich kenne meine Straße ! Was frag ' ich viel ! Ihr wißt nur was Ihr wißt ! Von Eurer Liebe nicht , von Eurem Hasse Lern ' ich den Weg , der mir der rechte ist ! Die Pappeln und die Weiden laß ' ich Andern ! Mir duften Blumen nicht , im Staub ergraut ! Und muß ich über Strom und Felsen wandern , Will ich die Brücken nicht , die Ihr gebaut ! Am Rand der Alpen , wo die Gletscher ragen , Ward meinem Herzen groß und weltenweit ! Da will ich Adler , will die Gemsen fragen : Wo geht der Weg zur ew ' gen Einsamkeit ? Dankmar freilich , in seinem unverwüstlichen Humor , sagte , er sähe doch , daß Siegbert sich noch einmal Muth fasse und zu den Adlern und Gemsen nachklettere . Ich wünsch ' es dir , rief er aus , Siegbert ! Olga würde deine Phantasie werden ! Olga ! Das ist die Königin der Kunst im Strahlenglanz , der dir gefehlt hat , guter Bruder ! Dies Mädchen würde dich umschweben wie ein ewiges Madonnenbild , selbst wenn sie eine Langschläferin wäre und Morgens Federn in den Haaren hätte ! Denn , bester Oleander , darauf kommt es an , daß eine Frau eine Göttin bleibt , auch wenn sie unsre Strümpfe stopft ! Siegbert , diese Olga wird als dein Weib vielleicht in niedergetretenen Hausschuhen , etwas salopp in ihrem Negligé , mit ungeordnetem Haar in der römischen Villa walten , die das Ziel deiner Wünsche ist , aber sie würde immer eine Hebe , eine Psyche sein , immer die Poesie selbst und deine wahre Erhebung , Bruder , auch wenn Ihr Schulden hättet und Eure Kinder halb nackt mit den Gänsen im Hofe um die Wette schrieen . Ja , ja , so käm ' es ! Wenn man Euch besuchte , würde kein Stuhl zu haben sein . Da liegen deine Kleider , dort die Nähtereien der Frau , hier die Spielsachen der Kinder , Alles ist voll Farbe , voll Zeichnungen , voll poetischen Schmuzes , aber deine Bilder werden genial sein , dein Weib wird dich den Muth lehren , an die Götter der Schönheit und der Liebe zu glauben ! Sie wird uns lachen machen , wenn es heißt , sie ginge selbst in die Küche und sorgte für Salat mit Eiern und holte den Wein aus dem Keller , aber wenn sie käme im blauen oder rothen Gewande , wie eine junge Römerin , wenn sie den Krug erhöbe mit schöngerundetem Arm und den Wein uns in die Gläser gösse , die wir uns inzwischen selber ausgewaschen haben , dann , Bruder , würd ' es doch ein Bild zum Malen werden und wir selber würden mitten in dem Rahmen von Epheu , Myrthen und am Fenster zum Trocknen hängenden Kinderwindeln uns schön erscheinen durch Olga , dein poetisches Weib ! Aber Siegbert ' s Briefe sprachen nicht von Olga . Es kamen viel Briefe an Dankmar von Siegbert aus Antwerpen , von Leidenfrost vom Tempelstein , von Werdeck aus Paris , von Louis Armand bald da- bald dorther . Dankmar lebte im lebendigsten Verkehr . Auch Dystra schrieb und sprach von seinen Bauten und dem entscheidenden Ja oder Nein ! das zwischen ihm und Siegbert wählen sollte , wenn die Ritter vom Geiste zum ersten Male in seiner Tempelabtei im Walde tagen oder turneien würden ... Oleander lächelte über die Theilnahme eines Dilettanten , der sich durch sein Vermögen und seine Bizarrerie über die üble Nachrede der vornehmen Welt hinwegsetzte und seit dem glücklichen Verkaufe seiner Güter in Rußland vor der Macht des Czaren geborgen war ... aber Dankmar rief aus : O wär ' ich frei , frei ! Oleander rieth zu einem Worte mit Egon von Hohenberg . Er wollte selbst zu ihm gehen , er wisse , daß er einer Erörterung zugänglich wäre , die Fürstin brächte wöchentlich Trost und Hoffnung nach Tempelheide , ja er hatte selbst sogar durch ein Gedicht eine sonderbare Beziehung zum Fürsten gewonnen , ein Gedicht , das Olga mit grausamer Bitterkeit » Cypressen am Grabe Helenen ' s , gepflanzt von Egon « nannte ... Oleander , der sich in die Stimmung aller dieser Seelen versetzte , hatte es eines Abends fast scherzhaft in Tempelheide improvisirt , Olga schrieb es sich sogleich verstohlen ab und schickte es anonym nach Paris ; Helene , wahrscheinlich auf ' s Tiefste verletzt , schickte es zurück an Egon , als wenn es doch wohl nur von Diesem gekommen wäre . Egon staunend zeigte das Gedicht Melanie und Melanie erkannte der zu solchen romantischen Umtrieben über und über geneigten Olga Hand , wodurch Egon dann die Autorschaft Oleander ' s erfuhr und diesen veranlassen mußte , die ausführliche Erläuterung eines schlimmen Misbrauchs zu geben , den man mit seinem poetischen Interesse an fremdem Seelenleid getrieben hatte . Dies eigenthümliche Gedicht , das in Egon in der That wach rief , was er zuweilen über den Maler Heinrich Heinrichson empfand , hatte gelautet : Wehe ! Welche Lippen läßt du schlürfen Wieder deiner Liebe Taumelwein ? Ist es denn dein innerstes Bedürfen , Andern Alles , Nichts dir selbst zu sein ? Nichts der Frauen größtem Liebesruhme , Nichts , Helene , dem Entsagungsschmerz ? O du stamm- und blattlosarme Blume , Wirbelnd um dich selbst gejagtes Herz ! Eine luftgetrag ' ne Orchidee , Schwankst und rankst du ohne sichern Wuchs , Fühlst , ob hold die Welt dich leben sähe , Doch den Tod des tiefsten Selbstbetrugs . Rosen träumst du ? Ach nur aufgerissen Bluten deine Wunden , wie sich kalt Auf des Nordpols eis ' gen Finsternissen Scheidend dunkelroth die Sonne malt . Opfre ! Doch im Leidenschaftgeloder Opfert selber sich ein Genius . Armes Lamm , das eine Schlachtbank oder Einen neuen Hirten finden muß ! Dies , wenn Helene es selber las , entsetzlich grausame Gedicht hatte Oleander als einen einfachen » Schmerzensruf der schwachen Seele an die schwache « niedergeschrieben . Für Olga war es aber ein wahrer Triumphgesang geworden . Sie konnte diese Verse mit einer Gebehrde vortragen , als hätten sie ihre Tante erdolchen sollen . Oleander berichtete , der Fürst hätte ihm gütig , sogar heiter auf seine ängstliche Entschuldigung erwidert ; aber Dankmar erklärte , er könnte die fast komische Veranlassung dieser Bekanntschaft zu seinem tragischen Falle nicht benutzen . Carlos und Posa würden ebenso geendet haben , wenn nicht Philipp zu früh zwischen sie getreten wäre ! Er ist nicht klein , dieser Egon ! sagte Dankmar . Hätte ihn Philipp leben lassen seinen Carlos , dessen erstes Wort wäre auch Aussöhnung mit Alba gewesen , Carlos wäre selbst nach den Niederlanden gezogen , hätte Egmont selbst hinrichten lassen , hätte selbst sich von ihm sagen lassen , was Egmont dem milchbärtigen Ferdinand sagte : Du wirst sie nicht verachten , weil sie mein war ... Ja ! Ja ! Oleander ! Sie frommer , übel mitgespielter Frühlingssänger , was ist Das für eine Welt ! Welche Menschen wetteifern mit dem Wesen , das sie geschaffen hat ! Welche Titanen möchten den Himmel stürzen und von ihm Rechenschaft fordern für seine dunkle Geheimnißkrämerei ... ich habe Mitleid mit Egon . Er wird herabfallen von seiner Höhe , wie in seinem Gartenpavillon der gemalte Phaeton . Alle Bernsteinspitzen des Pfeifenkabinets seines Vaters werden nicht hinreichen , ihm noch einmal eine einzige Cigarre zu versüßen . Er wird ein elendes Leben führen , wenn er gestürzt ist und nur noch sich und Melanie quälen kann . Sie werden erleben , daß Melanie von Hohenberg nicht etwa in die Kirche geht , aber für sich in ihrem Kabinet fromm wird und eine gewisse Ausgabe des Thomas a Kempis mit wirklichen Schmerzensthränen benetzt . Das nenn ' ich doch Herzen durcheinandergerüttelt ! » O schnöde Welt ! « Sagt das nicht Shakespeare ? In solchen und ähnlichen Betrachtungen und Unterhaltungen , verbunden mit der Nutzung von Büchern , Federn und Papier lebte Dankmar bis in den Monat Mai . Das Erbe hatte man ihm in feierlicher Sitzung überwiesen und ihm die Gründe angegeben , warum es noch unter dem Verschluß der Richter bleiben müßte . Seine ganze Antwort war gewesen , daß er sich ein Protokoll dieser Prozedur ausbat und die Angabe eines eisernen Schreines machte , in dem die leichte Papiersumme verwahrt werden sollte ; es sollten auf dem Deckel vier kreuzförmig verschlungene vierblättrige Kleeblätter von Silber ausgeprägt werden . Bis zur Anfertigung dieses Schrankes blieben die Stadtkämmereischeine , von denen man ihm vorläufig nur den mäßigsten Gebrauch gestattete und eingeschlossen in jener hölzernen Truhe , in der einst Dankmar zu Angerode die Dokumente gefunden hatte , im Gewahrsam der strengbewachten Kasse des Gerichts , die mit ihren eisernen Thüren und Schränken nur einen Hof entfernt von Dankmar ' s Gefängniß lag . Oleander , als er einmal Eintausend dieser Scheine in der Hand hatte , die er nach Dankmar ' s Wunsch an Arme geben sollte , sprach die etwas umgemodelten Verse aus dem alten bekannten Gedichte : Nun möget ihr von dem Horte Wunder hören sagen : Soviel zwölf ganze Wagen allenfalls mochten tragen In vier Tagen und Nächten vom Berge zu Thal , Und ihrer jeglicher mußte fahren an jedem Tag dreimal . So war der Hort nichts Andres als Gestein und pur Gold Und ob die Welt man hätte damit genommen in Sold , Es wäre nicht einmal vermindert um eine Mark Werth , Es hatten wahrlich die Könige seiner ohne Ursach nicht begehrt ! Wie von den Nibelungen sich da in Burgunden Die drei Könige des Hortes unterwunden , Da dachten sie Land und Burgen und Recken , die viel kühnen ; Durch Furcht und Gewalten ihnen sollten damit dienen . Aber den Wildungen allein gehörte der Hort noch im Land , Da kamen viel fremde Recken ; ihnen gab ihre Hand , Daß man so große Milde nimmermehr geseh ' n ; Sie pflogen vieler großen Tugend , das mußte man den Brüdern gesteh ' n. Den Armen und den Reichen begannen sie da zu geben , Daß man anfing zu sorgen , ob man sie sollte lassen leben . Da sie durch ihre Güte so manchen Mannen , Der den Königen schadete , für ihren Dienst gewannen . Egon-Hagen sprach zu dem König : Es sollte ein weiser Mann So große Schätze nimmer Einem Einzigen lân ; Der bringt es mit seinem Gelde sicher noch zu dem Tag , Daß es wohl gereuen die stolzen Burgunden mag . Und nun schützten keine Eide des Erbes sichre Hut , Sie nahmen Dankmar ' n das viel kräft ' ge Gut , Egon sich der Schlüssel aller unterwand , Sodaß der König sogar zürnte , als er das geschehen fand . Der König sogar sagte viel lieber : Eh ' Wir immer Müh ' und Pein Haben mit dem Golde , sollten Wir ' s lieber in den Rhein Alles heißen senken , daß sein Niemand hat Gewinn ! Da geschah es auch also , daß sie gingen zum Rheine hin . Und wie nun der grimme Egon den Hort im Rheine barg , Hatten die Könige sich gelobet , mit Eiden also stark : Daß er wohl verhohlen bliebe , so lang ihrer Einer möcht ' leben . So konnten sie sich selber und keinem Andern ihn geben . Gegen Ende Mai war es dem nun erst recht in Aufregung gekommenen Gefangenen in einer Nacht , als hörte er ein sonst ungewöhnliches Geräusch . Es kam von der Verbindungsthür eines Vorplatzes seines Gefängnisses mit einem großen von Militairposten bewachten Korridor her . Dankmar glaubte , als er deutlich die Zeichen zu unterscheiden anfing , die sonst den Besuchen des Kerkermeisters , des Richters oder Oleander ' s vorherzugehen pflegten , an einen Irrthum in der Zeit . Es war ihm oft genug schon geschehen , daß ihm Tag und Nacht zusammenrannen und er in der im Winter dunklen Zelle Eins mit dem Andern verwechselte . Aber ein Blick an die Öffnung , die hoch oben am Ende einer in die Mauer gehenden Rundung einen Lichtschimmer zeigte , bewies ihm die Nacht , denn dieser Schimmer kam von den grellen Gaslampen des Korridors , auf den diese Fenster engvergittert hinausgingen . Plötzlich erlosch draußen das Gaslicht . Sein Zimmer war dunkel . Er stand auf , machte