Spänen erleuchteten Hofraums ... Die Bivouakfeuer brannten auf dem Platz vor der Kirche ... Dünste von gebratenem Speck , von Zwiebeln , von Käse ließen auf einen eben abgehaltenen reichlichen Abendimbiß schließen ... Viele der Soldaten , in Mäntel gehüllt , schnarchten schon auf ausgebreitetem Stroh unter freiem Himmel ... Diese fliegenden Corps waren in den letzten Zeiten im Silaswalde so oft gesehen worden , daß sie eigentlich niemanden besonders auffallen durften ... Nur Hubertus , schon aufs bedenklichste aufgeregt , sah neues Unheil und Scagnarello , der sich mit San-Gios Einwohnerschaft in lebhafteste Conversation versetzt hatte , schürte jetzt seine Besorgniß - denn Dom Sebastiano von Spezzano hatte allerdings kürzlich gepredigt , San-Gio müßte noch einmal untergehen wie Sodom und Gomorrha ... Den Mönchen wurde von Del Caretto ' s und Celestino Cocle ' s Regierung wenig getraut ... Ein Schweizeroffizier , welchen Hubertus in deutscher Sprache um die Ursache dieser Expedition anging , schien zwar vom Laut der Muttersprache freundlich berührt , aber Ordre hatte auch er , nichts verlauten zu lassen ... Auf den im verlassenen Pfarrhaus einquartierten Oberoffizier verweisend , mischte er sich unter die andern Offiziere , die sich mit ziemlich derben Späßen auf Kosten einer Frau unterhielten , die » der schöne Mönch wol nicht in sein Kloster entführen , sondern ihnen überlassen würde - « ... Hubertus wandte sich einem Hause zu , das hier ein Ziegenhirt ersten Ranges , ein » Rico « , ein Reicher bewohnte ... Messer Negrino hieß er ; er war ihm besonders befreundet ... Leider aber war dieser im Ruf der Ketzerei stehende erste Bürger von San-Gio nicht zu Hause ... Mit seiner Heerde war er unterwegs und vielleicht auf der Messe von Rossano ... Schon wußte ganz San-Gio , wer mit Scagnarello gekommen war ... Schon hatten sich Gruppen von alten Bekannten gebildet , welche die Schwester ihres in San-Firmiano wohnenden ehemaligen Pfarrers sehr wohl erkannten und sich zu Theilnehmern einer Verhandlung über die Frage machten , ob es gerathener wäre , daß Rosalia Mateucci noch mit ihrem Kinde dem Bruder Hubertus folgen und am Eingangsthor des Klosters unter einem Dach , das die Madonna schützte , übernachten oder in einem Bette bleiben sollte , das ihr der alte , hocherfreut sie begrüßende Meßner ihres Bruders in seinem niedrigen Häuschen anbot ... Scagnarello hatte schon den Pepe ausgespannt und mußte ihm die Streu im Freien machen , da den Stall die Soldaten eingenommen hatten ... Als weltkundiger Mann hatte er zum Bleiben gerathen ... Es schien ihm , als würde Paolo Vigo schwerlich sich ihm morgen als Rückpassagier anschließen können ... Hubertus , vom Hause Negrino ' s zurückkehrend , scherzte bei allen diesen Verhandlungen mit Jung und Alt , nahm die jetzt verdrießlich aus der Ruhe gekommene Marietta auf den Arm , gab Auskunft über seine Reise sowol dem » Sacristano « wie dem » Sindico « , welchem letztern er einige auf seine Reise übernommene Aufträge ausgerichtet hatte - aber die Soldaten , deren Absichten auch die erste Magistratsperson des Ortes nicht zu deuten wußte , beunruhigten ihn so sehr , daß er von Rosalia Mateucci für heute Abschied nahm und sofort nach San-Firmiano aufbrach , um , wie er versprach , schon beim Mitternachtgebet dem Bruder die frohe Kunde zu bringen und diesem zur Ueberlegung Zeit zu lassen , wie er am passendsten seine Schwester empfangen wollte ... Unter den Scherzen der Soldaten , die Hubertus seines Todtenkopfes wegen schon gewohnt war , verließ er den Platz und begab sich in großer Spannung nach seinem Kloster ... Der Sindico , der zugleich die Post von San-Giovanni hielt , hatte versichert , daß allerdings amtliche Briefe seit einigen Tagen für den Guardian des Klosters genug angekommen wären ... Das gab ihm Hoffnung ... Der Sindico wußte , Hubertus hatte die in San-Firmiano seit Jahren Eingekerkerten in Neapel erlösen wollen ... Zöglinge waren sie alle der seltnen Strenge dieses einfachen Mönches , Zöglinge des ihm von Frâ Federigo eingepflanzten leidlich evangelischen und aufgeklärten Geistes ... Mit seiner Fürbitte war Hubertus von Cosenza nach Neapel verwiesen worden ... Hier hatte er nur die Dominicaner verdrießlich und unfreundlich , alle andern Behörden gütig und ganz erfüllt von der ihm immer gewährten Nachsicht gefunden ... Allerdings wurde Hubertus von Rom protegirt ... Seit Jahren hatte man ihm gestattet , in Firmiano zu leben ; sogar die Untersuchung über den Tod eines Genossen des Boccheciampo war ihm erlassen worden ; man gestattete ihm all die Freiheiten , ohne welche sein unruhiges Temperament nicht leben zu können schien ... Der Sindico konnte nicht genug schildern , was ihm die angekommenen Briefe schon von Außen inhaltreich und bedeutsam erschienen wären ... Hubertus verließ San-Gio ... Einsam ging er den dunkeln Weg ... Seine aufgeregte Phantasie brachte diese Soldaten mit seiner Reise in Verbindung ... Der Erzbischof von Neapel hatte eine Menge Fragen an ihn gerichtet - vorzugsweise über Frâ Federigo ... Dem hohen Herrn war alles bekannt gewesen , was diesen Einsiedler betraf , der deutsche Ursprung desselben , seine Flucht aus einem piemontesischen Thal , seine dortige Förderung ketzerischer Bestrebungen , seine Gefangenschaft unter den Genossen Grizzifalcone ' s , dann Hubertus ' muthige Befreiung desselben ... Daß Frâ Federigo noch lebte , wußte der Erzbischof nicht minder , ja er beschrieb mit genauester Ortskenntniß ein von Bergen umschlossenes enges Thal im Silaswalde , wo jener Flüchtling unter den sogenannten Bluteichen seit vielen Jahren einsiedlerisch lebte ... » Bluteichen « hießen jene uralten Stämme aus den Tagen , wo auch in Calabrien für die evangelische Lehre Blutströme geflossen waren und Scheiterhaufen loderten ... Paolo Vigo war infolge einer Bekanntschaft mit Frâ Federigo in seinen Kanzelreden verdächtig und dem Kloster Firmiano zur Correction übergeben worden ... Allen diesen Verhältnissen hatte der Erzbischof seine volle Aufmerksamkeit geschenkt , wußte , daß Cosenzas Kirchenfürst vom Guardian zu San-Firmiano Bericht über Bericht über die Umwandlung erhielt , welche mit den unter seine Obhut gegebenen Spielern , Fluchern , Gotteslästerern vor sich gegangen war und dennoch gab er auf die Frage , ob nicht endlich die jetzt so anerkennenswerthen Bewohner des Klosters in ihre Aemter zurückkehren durften , keine entscheidende Antwort ... Bruder Hubertus hatte in San-Giovanni einige Stärkung zu sich genommen ... Der alte Franz Bosbeck , der noch im hohen Alter einer ungebrochenen Kraft sich rühmen zu können gehofft hatte , war er nicht mehr ... Die lange Kette seiner Lebenserfahrungen war zu drückend und schwer geworden ... Schon war es über zehn Uhr - nach italienischem Zifferblatt die dritte Stunde - seine Klostergenossen mußten schon schlafen - wecken wollte er niemand , da ohnehin die Matutin in den nächsten zwei Stunden sie wach rief ... So unterbrach er sein Steigen auf dem schmalen Felsenpfade und setzte sich auf einen verwitterten , mit Moosflechten überzogenen Stein , traurig hinausblickend in die grüne Wildniß , in die stille Mondnacht , in die rauschenden Wasserstürze am Abhang des Felsens - hinaus in jene noch entlegenere Einsamkeit , wo ein deutscher Schwärmer seit länger als zehn Jahren unter Büchern , Schriften und ländlichen Beschäftigungen sich vergraben hatte - ... Alles nächste rundum und in der Ferne war grabesstill - auch San-Giovanni , das zum Handausstrecken vor ihm liegen blieb , ob er gleich um eine Stunde Weges schon von ihm entfernt war ... Die Schwester Paolo Vigo ' s wiedergesehen zu haben , die Erwähnung des » feurigen Hundes « , der Anblick des Kreuzes über dem Neto - alles das hatte mächtig die alten Erinnerungen seines Lebens geweckt - ... Welche Reihe von Schicksalen konnte er überblicken - ! ... Seine Jugend verlebt unter Räubern ... Die einsame Mühle eines Diebshehlers ... Die Gefangennahme der Picard ' schen Bande ... Das Hochgericht ... Die Meeresfahrt des holländischen Rekruten ... Java mit seinen braunen Menschen , Palmen , Löwen , Schlangenbeschwörern ... Wieder dann Europa ... Deutschland , zur Zeit Napoleon ' s - Schloß Neuhof mit seinen grünen Wäldern - Der grimme Wittekind - Hedwig , seine geopferte Liebe ... Brigitte von Gülpen ' s Betrug - ... Die Flucht in ein schützendes Kloster - die Verwilderung der dortigen geistlichen Zucht - sein treuer Beistand durch Abt Henricus - seine Reisen - seine That am melancholischen Bruder Fulgentius , den seine Hand vom Riegel nicht losschnitt , an dem er sich erhängt hatte - die Begegnung mit Hammaker , einem so hochgebildeten Manne , der dennoch ein Mörder werden konnte - mit Klingsohr - mit Lucinden - die Flucht in den blitzgespaltenen Eichbaum - die Flucht nach Italien - die Gefangenschaft auf San- in Montorio - die Nacht auf Villa Rucca - Pasqualetto ' s Tod - dann seine Reise , um den Bischof von Macerata und den Pilger von Loretto zu entdecken - ... Wie führte ihn schon allein die Erwähnung des treuen » Sultan « , welcher durch Paolo Vigo , den Pfarrer von San-Giovanni , ein so trauriges Ende nehmen sollte , so lebhaft in die Tage zurück , wo Italiens Reiz dem » christlichen Schamanen « , wie ihn Klingsohr genannt , die alte Abenteuerlust weckte - ! ... Als damals Hubertus , entlassen und abgesandt vom Fürsten Rucca , vom Cardinal Ceccone , von Lucinden und vom frommen Mönch Ambrosi , dem bischöflichen Kapitel von Macerata gerathen hatte , die wunderthätige Madonna zu verbergen , hatte er sich die Bevölkerung der nördlichen Felsenküste des Kirchenstaats zu Bundesgenossen für die Ausführung der Befreiung des Bischofs gemacht ... Durch die Volkswuth über die fehlende Madonna geängstigt , lieferten die Anhänger Grizzifalcone ' s den Bischof ohne Lösegeld aus ... Ueber den Pilger von Loretto jedoch hatte Hubertus vergebens gesucht , irgend etwas in Erfahrung zu bringen ... Schon konnte sich Verdacht regen , daß wol gar der gespenstische fremde Mönch , der , ohne sich deutlich ausdrücken zu können bettelnd bald hier bald dort auftauchte , selbst der Mörder des Grizzifalcone sein mochte ... Hubertus mied die ausgestellten Wachen der Schmuggler , mied die Gensdarmen , welchen er schwerlich , in Folge der Rucca ' schen Drohungen , eine willkommene Erscheinung sein konnte , und quartierte sich auf einer Strecke von zehn Miglien bald an der Küste bei Fischern , Zöllnern ein , bald landeinwärts sich wagend , in Klöstern oder bei einsamen Häuslern ... Vorausgeeilt war er der Kunde , daß Grizzifalcone in Rom von der Hand eines Mönchs gefallen war ... Er vernahm sie zuerst im Kreise von zechenden und ihre Beute theilenden Schmugglern ... An der Art , wie sie ihre Dolche schwangen und ihm Rache schwuren , erkannte er seine Gefahr ... Von den vielen Wohnungen , welche der Räuberhauptmann innezuhaben pflegte , hatte er eine nach der andern durchspäht und nichts konnte er in ihnen von einem Gefangenen entdecken ... Da schloß sich ihm eines Morgens ein Hund an , der , von langer Wegwanderung so hinfällig wie er selbst , ihm zur Seite schlich , anfangs ihm einen unheimlichen Eindruck machte , dem er ausweichen mußte , der aber dann immer mehr sein Mitleid erregte ... Mit dem Wenigen , was er selbst noch an Eßwaaren bei sich trug , erquickte er das verhungerte Thier ... Der Hund umschnupperte ihn , wie einen alten Bekannten ... Auffallend war ihm der stete Trieb des Thiers , zum Meeresstrand zu gelangen ... Schon war vorgekommen , daß gegenüber kleinen Eilanden , die vom Felsenufer abgerissen aus dem Meeresspiegel aufragten , sein Begleiter ins Wasser sprang , hinüber zu schwimmen versuchte und vom mächtigen Wogendrang zurückgeworfen , winselnd wieder zu seinen Füßen kroch ... Hubertus war ein zu guter Jäger , um sich nicht zu sagen : Dem Thier muß irgend eine große Sehnsucht inne wohnen , der nur die Sprache fehlt ... Jener Felseneilande gab es hie und da größere ... Sie schienen bewohnt ; wenigstens wurden sie dann und wann , besonders im Abenddunkel , von Nachen umfahren ... An einem der schroffsten , zu welchem gewiß eine schützende Bucht gehörte , die sich , da sie dem Meere zulag , dem Auge nur entzog , entdeckte Hubertus die Segel eines schon leidlich großen Schiffes ... Das Benehmen des Hundes , das Spitzen seines Ohrs , sein heiseres unterdrücktes Bellen erschien ihm immer auffallender ... Schon nahm Hubertus an , das treue Thier hätte wol gar dem Pasqualetto selbst gehört und suchte zu den nächsten Verbündeten des Räubers zurückzukommen ... Seine Erkundigungen machten ihm immer mehr und mehr wahrscheinlich , daß jene wie ein riesiger Felsenzahn aus dem Meer aufragende Klippe die Stelle war , die er suchte ... Eine unruhige , über Entschlüsse brütende Nacht verbrachte er auf dem Steingeröll am felsigen Ufer ... Hubertus setzte sich der Gefahr aus , vom Anwachsen der Flut verschlungen zu werden ... Ueber ihm ragten die starren Häupter der Küste , umflattert von aufgeschreckten Seegeiern ... Zuweilen ließen sich oben die Stimmen dort hanthierender Menschen vernehmen ... Um Mitternacht tauchten auf dem Wasserspiegel Segel auf ... Deutlich sah Hubertus , wie nur immer und immer drüben die eine Klippe gesucht wurde ... Schon richtete sein bei Nacht doppelt wachsamer Hund Auge und Ohr mit starrem Verlangen hinüber ... Plötzlich hörte Hubertus in der Nähe des Ufers ein Rauschen ... Er erhob sich von seinem Versteck am Fuß des feuchten Felsens , den nur zu bald wieder die herantretende Flut bespülen konnte , hielt dem Hund , um durch sein Bellen nicht verrathen zu werden , fest die Lefzen zusammen und lauschte , ob es wol eine Barke war , was am Kieselsand die Felsenküste entlang so anschlug und vom Wellenschlag mehr geworfen , als getragen wurde ... Vom Seetang , auf welchem Hubertus ruhte , kroch er vor und entdeckte einen Kahn , den ein einziger Ruderer mit größter Anstrengung führte ... Ein Moment und Hubertus rief sogleich in seiner humoristischen Zutraulichkeit : Heda , seid Ihr ' s denn - ? Endlich ! Endlich ! ... Ja , Tonello ! lautete die Antwort ... Sind die Kisten herunter ? ... Die Kisten herunter - ? dachte Hubertus - . Sie lassen oben an Stricken die Schmuggelwaaren herunter , die zu Wasser dann am Ufer entlang weiter geführt werden sollen - ... Rasch hatte er seine Kutte ausgezogen , sie wie einen Mantelsack zusammengerollt , auch die Sandalen von den Füßen geschnallt , alles , um nicht auf den ersten Blick als Mönch erkannt zu werden ... Ebenso schnell nahm er die volle Sprache eines Holländers an ... Da er der Tonello nicht sein konnte , wollte er sich wenigstens für einen mit Tonello im Einvernehmen stehenden fremden Matrosen geben ... Inzwischen war die Barke ganz um den Felsenvorsprung herumgekommen ... Ihr Führer war ein junger Bursche ... Nicht wenig erstaunte er , hier statt des Tonello einen halbnackten Menschen zu finden , der sich ihm durch unverständliche Reden , aber deutliche Geberden , vorzugsweise durch ein Zeigen bald aufs Meer , bald auf seinen Hals , dem gewiß die Schlinge drohe , als einen Ausreißer von seinem Schiffe zu erkennen gab , der mit den oben vorausgesetzten Helfershelfern im Einvernehmen stand ... Ohne weiteres deutete Hubertus an , der Schiffer möchte ihn ja in seine Barke aufnehmen und auf den Felsen hinüberfahren , wohin schon lange die andern , so sprach mit unwiderstehlicher Beredsamkeit sein Mienenspiel , voraus wären ... Durch sein Fragen bestimmte der Bursche schon immer selbst die Antworten , die Hubertus geben konnte ... Und bald war die Barke dem Ufer so nahe , daß sein Hund nur einen Satz brauchte , um hinüberzuspringen ... Hubertus folgte , ergriff noch ein zweites Ruder , das am Boden lag , und deutete auf den Felsen , dem zusteuern zu sollen der Bursche unausgesetzt in einer kauderwelschen Sprache von ihm bedeutet wurde ; die Genossen hier am Meer gehörten allen Nationen an ; vorzugsweise fehlten flüchtige Matrosen von Dalmatiens Küste nicht , deren Sprache vielleicht nach des Knaben Meinung es war , die der halbnackte Mensch mit dem grinsenden Todtengesicht sprach ... Hubertus hatte seine Kutte mit seiner weißen Schnur umwickelt ... Je mehr Hubertus durcheinander sprach , desto sichrer wurde der Knabe und noch sichrer mußte ihn das Benehmen des Hundes machen , der mit vorgestreckter Schnauze und aufgereckten Ohren wie auf dem Sprunge stand - keine Muskel rührte , das Auge unverwandt dem Felsen zu gerichtet ... Die glückliche Erwartung des Thiers verrieth dann und wann ein leises kurzes Bellen ... Die Fahrt dauerte länger , als sich Hubertus vorgestellt ... Das Meer lag durchaus ruhig und doch ging bis zum Landen eine Stunde hin ... Die wunderlichsten Bewegungen , Sprünge und das kurze Bellen des Hundes mehrten sich ... Kaum war der Nachen an einem zum Landen geeigneten Vorsprung des Ufers angekommen , so war Hubertus nicht mehr im Stande , dem Knaben Auskunft zu geben ; denn sein Hund sprang wie der Blitz aus dem Nachen und im Zanken darüber , im Begehren , den Flüchtling festzuhalten , konnte ihm Hubertus nacheilen ohne damit aufzufallen ... Satz über Satz ging es vorwärts , als wäre der Hund auf der Insel zu Hause - ... Kaum konnte Hubertus folgen ... Nun mußt ' er wol fürchten , der Hund möchte den Räubern gehören , deren Anwesenheit ihm jetzt aus Tonnen , Waarenballen , großen runden Flaschen , wie sie auf Schiffen gebraucht werden , unzweifelhaft wurde ... Erkannte man ihn , so hatte seine letzte Stunde geschlagen ... Alles blieb still ... Die Waaren lagen aufgespeichert unter den Wölbungen hoher Felsgesteine , verborgen von wildwucherndem Strauchwerk ... Manche dieser Wölbungen waren tiefgehende Höhlen ... Der hellste Mondschein ließ alles deutlich erkennen ... Im Schneckengang wand sich der oft schlüpfrige und unterm Fuß zerbröckelnde Felsenpfad hinauf , bis endlich ein lautes Bellen des Thieres anzeigte , daß seine Anstrengungen belohnt waren ... Hubertus folgte und sah , wie der Hund an einem Holzgatter kratzte , das einen mannshohen Felsenspalt verschloß ... Offenbar war dieser hinterwärts sich erweiternde Raum eine menschliche Wohnung ... Hell schien an einer andern Seite , der See zu , durch einen kleinern Spalt das Licht des Mondes ... Kaum hatte Hubertus , den Hund beschwichtigend , die Pforte des Gitters ergriffen und sie geschlossen gefunden , kaum einige Geräthschaften wie Tische , Sessel unterschieden , so beschien auch vom jenseitigen , zum Meer gehenden Spalt aus der Mond eine auf einem Lager am Boden ausgestreckte menschliche Gestalt ... Die Freude , die Aufregung des Hundes war nicht mehr zu stillen ... Hubertus schwebte zwischen Leben und Tod - ... Gleichviel ob dort der Pilger , der Gefangene Pasqualetto ' s , lag oder ein Angehöriger der Räuber , sein Leben hing an einem Haar ... Er packte den Hund und erstickte ihn fast durch Zusammenwürgen der Kehle ... Der Schläfer auf dem Lager erhob sich indessen ... Hubertus sah einen Kopf , den ein langer weißer Bart umflutete ... Es war nicht möglich , die Gesichtszüge zu erkennen ... Die Gestalt erhob sich allmählich ... Der Mondstrahl der jenseitigen Felsöffnung beleuchtete sie ... Der Mann kam langsam näher und mit einer Hubertus nun bekannten Stimme hörte er auf italienisch : Was ist dein Begehr ? - Weißt du nicht , daß der Eingang am andern Gitter ist - ? ... Jetzt unterbrach der Gefangene sich schon selbst ... Er erkannte den Hund und sank zu diesem nieder ... Machtlos streckte er durch das Gitter die Hände nach ihm aus ... Hubertus ließ die Kehle des Thieres jetzt frei und sagte in deutscher Sprache : Mann ! Mann ! Du bist es ! Gott gelobt ! Ich komme , dich zu befreien ! Erhebe dich ! Auf ! Auf ! Verweilen bringt Gefahr - ... Noch hatte Frâ Federigo , der es war , nicht die Sprache gewonnen ; er sah nur auf seinen Hund ... Aus Piemont bis hieher war ihm das treue Thier gefolgt ... Hubertus konnte nun dem Thier nicht mehr wehren ; durch lautes Bellen gab es seine Freude kund ... Aber ohne Zweifel gab es auf dem einsamen Felsen Schläfer , die geweckt werden konnten ... Auch Federigo erhob sich jetzt von seinem Niederknieen , hielt seine Hände durchs Gitter , zog den sich aufbäumenden Sultan zärtlich an sich und suchte ihn zu beruhigen ... Inzwischen entdeckte Hubertus die Stelle , wo ein Eingang hinter dem Felsen an der Meeresseite lag und wie dieser zu erreichen war ... Er entdeckte ein Bret das von den Räubern aufgelegt und wieder weggenommen werden konnte und das den Zugang zur Höhle bildete ... Das Bret stand an die Felsenwand gelehnt und mußte über eine Spalte gelegt werden , unter welcher ein tiefer Abgrund gähnte ... Hubertus hatte Mühe , den Hund zurückzuhalten , der schon Miene machte , hinüberzuspringen ... Glücklicherweise schwieg jetzt Sultan und winselte nur vor Begier , über die furchtbare Lücke zu kommen ! ... Hubertus legte das Bret sorgfältig auf und konnte auf eine andere Kante des Felsens gelangen , auf welcher sich bequem bis zu jener dem Meere zu gelegenen Oeffnung gehen ließ , die in halber Manneshöhe den Eingang bildete ... Da fand denn Hubertus seinen Reisegefährten , den Pilger von Loretto ... Er fand den greisen , einem Schatten ähnlichen Bewohner dieses grausamen Behälters , eines Nestes für Raubvögel - fand ihn in den Umarmungen seines Thieres , die Augen voll Thränen und sprachlos vor Bewunderung und Freude ... Zu Verständigungen war keine Zeit gegeben ... Hubertus , gleichfalls vom Pilger sofort als der Gefährte jenes deutschen Mönches Klingsohr erkannt , drängte zu sofortiger Flucht ... Laßt mich hier sterben ! sprach Federigo ... Doch Hubertus zog ihn an die Oeffnung und deutete auf Stimmen , die am Fuß des Felsens ihm vernehmbar schienen ... Es ist die Welle , die brandet ! sagte Federigo und tastete schon unwillkürlich nach seinem Pilgerkleide , raffte einige Wäsche zusammen und suchte seinen Stab ... Ich bringe Euch nach Rom ! sprach Hubertus . Mich schicken Eure Befreier ! Wer weiß , ob diese Bösewichter , wenn ich auch den Kahn gewinne und allein entfliehen wollte , Euch nicht inzwischen an einen andern Ort führen , falls ich auch morgen mit der Küstenwache hier einträfe und Euch abholen wollte ... Kommt lieber sogleich ! ... Ihr habt Recht , nur die Brandung ist ' s ! ... - Wohlan - Gut Heil - ! ... Hubertus half dem Greise zusammenraffen , was um ihn her ausgebreitet lag und nur irgend rasch zu erfassen war ... Selbst die Decken , auf denen er schlief , bürdete er sich auf ; die Papiere , auf die ihn Rucca so ausdrücklich verwiesen hatte , ballte er zusammen ... Der Hund hüpfte und tänzelte nur um beide her und schon waren sie zur Oeffnung hinaus , schon schwankte Federigo auf dem schmalen Stege über die grausige Tiefe - schon rafften sie die andern Sachen zusammen , die sie ans Gitter der größeren Oeffnung geworfen hatten , schon schickten sie sich an , in eilendem Schritt den Felsenpfad hinunter zu entfliehen und das Ufer und den Nachen zu gewinnen ... Das kluge Thier , gleichsam als merkte es die Vorsicht , die hier zu üben war , begleitete sein Laufen und Wiederlaufen , sein Springen und Schmeicheln nur mit einem leisen freudigen Winseln ... Aber dennoch war es auf dem Eilande lebendig geworden ... Federigo hielt inne ... Lichter schwankten unterwärts am Gestade auf und nieder , Fackeln leuchteten auf , Laternen ... Durch einen Spalt des immer noch schroffen Gesteins sah Hubertus , daß der Knabe den Nachen verlassen hatte und wahrscheinlich zum Lager der Räuber gegangen war und diese geweckt hatte ... Vorwärts ! Vorwärts ! trieb er den Befreiten an ... Dieser folgte , sprach aber besorgt den Namen Grizzifalcone ' s aus ... Wißt Ihr denn nicht , daß Euer Peiniger todt ist ? flüsterte Hubertus ... Er ist todt - seit acht Tagen - wiederholte er dem Staunenden und setzte hinzu : Und ich bin es selbst , der ihn erlegte ... Unglücklicher ! rief Federigo voll Entsetzen über diese Tollkühnheit und die mögliche Rache seiner Genossen ... Er hielt aufs neue seine Schritte an ... Nun aber war schon der Weg zu schroff , als daß sein Fuß sich noch selbst regieren konnte ; er mußte vorwärts wider Willen ... Indessen wuchs der Lärm an den Stellen , wo man Licht bemerkt hatte ... Nur noch hundert Schritte waren die Fliehenden entfernt vom Nachen ; dennoch konnte der kurze Weg den Tod bringen ... Die Gefahr wuchs , als Sultan die Herbeieilenden bemerkte , wüthend zu bellen anfing und sich zum Angriff rüstete ... Schon sprang er einigen Männern entgegen , die mit Pistolen und Flinten , halbnackt und schlaftrunken , von einem Felsenvorsprung her sich näherten ... Indessen hatte Hubertus den Nachen gewonnen und den ermatteten Federigo mit Gewalt vom Ufer zu sich herübergezogen ... Sultan ! Sultan ! riefen beide im schaukelnden Kahne , den Hubertus schon losband ... Da blitzte Pulver auf den Feuerröhren der Ankommenden auf , Schüsse fielen , Kugeln sausten ... Darüber flog der Nachen vom Ufer ... Sultan , der nachsprang und von Federigo ' s ausgestreckten beiden Armen nachgezogen werden sollte , sank unter , getroffen von einer Kugel , die seinem Herrn gegolten ... Von der unruhigen Brandung geschleudert flog der Nachen machtlos in die Weite ... Das treue Thier blieb auf dem Meeresgrund oder in der Gewalt der Verfolger zurück ... Mit einem Schmerz , der sich in lauten Jammertönen kund gab , brach Federigo auf dem Boden des Fahrzeugs zusammen - ... Ja - dieser wunderbaren Nacht mit ihrem Gefolge von Freude und herzzerreißendem Leid mußte jetzt Hubertus gedenken auf dem stillsten Orte der Welt , in diesem einsamen Gebirgsthal Calabriens , ruhend auf einem Stein , um den selbst die Eidechsen und Käfer jetzt schliefen ... Bilder des Kampfes , Bilder neuer Gefahren traten vor sein erregtes Gemüth ... Eine Ahnung , welche mit dem von Neapel hinweggenommenen Eindruck der Falschheit zusammenhing , sagte dem schlichten Mann , der alles , nur kein Menschenkenner war : Wenn sich Federigo ' s ruheloses Leben erneuerte ! Wenn der hochbetagte Greis in seinem düstern Waldesdunkel nicht länger sicher bliebe ! ... Seit jener Flucht vom Felseneiland bei Ascoli waren fast zwölf Jahre vergangen ... Doch traten gerade heute alle Einzelheiten derselben vor die Seele des einsamen , hier wie am Grabe der Natur wachenden Wanderers ... Er gedachte , wie damals der erste Schmerz um den Verlust des wie man glauben mußte todten Thieres alles andere überwog - wie die Flüchtlinge damals sich vorstellen mußten , wie oft der brave Sultan gefangen gewesen sein mußte , um ein Jahr zu brauchen , die Spur seines Herrn von Piemont bis zur Mark Ancona wiederzufinden - ! ... Und am Ziel seines edlen Naturtriebes1 mußte das treue Thier zusammenbrechen - ... Aber Hubertus gedachte nun auch , wie damals mit dem anbrechenden Tage die Sorge wuchs und ihre Kräfte nicht mehr ausreichten , den Nachen zu regieren - wie der Nachen ans Ufer getrieben wurde und die Landung neue Gefahren brachte , da Federigo dem Vorschlag , sich den Grenzbeamten zu überliefern und nach Rom zu fliehen , aufs allerentschiedenste widersprach , immer und immer als das Ziel seiner vor dreiviertel Jahren unterbrochenen Pilgerschaft nach Loretto , das er sich nur der Merkwürdigkeit und des allgemeinen Pilgerstromes wegen hatte ansehen wollen , nur den Silaswald in Calabrien bezeichnete ... Wie erbebte noch jetzt des guten Bruders Theilnahme unter der Erinnerung an die seltsamen Gründe , welche für diese Reise damals Federigo angab und Hubertus wol schwerlich sämmtlich erfahren hatte - ... Die von Ceccone geleiteten Fäden der Verlockung der Bandiera in einen Aufstand der Räuber hatten ebenso in Federigo ' s Händen gelegen , wie die jener Mittel , durch welche sich Grizzifalcone die Erkenntlichkeit des Fürsten Rucca erwerben wollte ... Jene Listen , welche er dem Räuber hatte schreiben müssen , besaß er - er warf sie zu Hubertus ' Erstaunen zerrissen ins Meer ... Lebhafter war Federigo ' s Drang , die Insurgenten in Korfu zu warnen ... Federigo hoffte irgendwo eine Post anzutreffen , um einen Brief nach Korfu an die ihm wohlbekannten Adressen der Emigration zu schicken ... Dies that er dann auch ... Um die Landung in Porto d ' Ascoli zu hintertreiben , um vor den Namen zu warnen , die bisher nach Korfu gleichsam als Einverstandene und zur Invasion Ermunternde geschrieben hatten , ergriff er die erste Gelegenheit , um einige Zeilen aufzusetzen ... Hubertus erfuhr , daß der Gefangene in jener Höhle Briefe , deren Zusammenhang und Bestimmung er nicht kannte , anfangs harmlos geschrieben ... Als er die Absichten ahnte , die ihm die unheimlichsten schienen , zwangen ihm nur noch die furchtbarsten Qualen und Drohungen der von Cardinal Ceccone gedungenen Räuber die Feder in die Hand - ... Eine Folge der , des unsichern Postganges wegen , mehrfach aufgesetzten , aber in Korfu richtig angekommenen Briefe war dann die Landung der Bandiera in Calabrien ... In jenem Briefe Attilio ' s , von welchem damals in Bertinazzi ' s Loge sich Benno so mächtig hatte aufregen lassen , waren diese Mittheilungen Federigo ' s sämmtlich wiedergegeben worden ... Langsam kamen der Gerettete und Hubertus , welcher sich von seinem neuen Freunde nicht zu trennen vermochte , durch die Abhänge des Monte Sasso und durch die Abruzzen ... Endlich erreichten sie jenen alten Wald , in welchem Federigo seine Tage beschließen wollte ... Die religiösen Gespräche des Pilgers , seine genaue Bekanntschaft mit jenem deutschen Landstrich , wo Hubertus soviel Freude und Leid erfahren , des Pilgers Bekanntschaft mit soviel Personen , die in die schmerzlichsten Schicksale seines Lebens verwickelt waren , fesselten ihn in dem Grade an den deutschen greisen Sonderling , daß er sich nicht mehr von ihm trennen mochte ... Durch ihn ließ er dann an Lucinden nach Rom schreiben , bat sie , seinen