” fügte er mit einem Blick auf die Gerichtsrätin und ihre Tochter hinzu . Agathe verstand , daß es ihm um eine Aussprache zu thun sei . Und sie empfand auch deutlich , daß es für sie geratener sei , ihn heute zu meiden . Aber trotzdem stand sie auf und nahm ihren Schawl von dem Haken an der Wand . “ Wo gehen Sie hin , Fräulein Agathe ? ” fragte die Rätin . “ Ich will mit meinem Vetter ein Stück spazieren gehen . ” “ Jetzt ? ” fragte die Rätin erstaunt . “ Aber Sie waren ja heute schon auf dem Hörnli ! Und es ist schon ganz dunkel ! ” “ Was schadet das ? ” “ Es ist schon neun Uhr vorüber ! ” “ In einer halben Stunde bringe ich meine Cousine unversehrt zurück , ” sagte Martin in einem gleichgültigen , höhnischen Ton . Er ging voran , es Agathe überlassend , ihm zu folgen . Er wußte ja , daß sie ihm folgen würde . Sie that es , obwohl es ihr schien , als handele sie vollständig wie eine , die ihrer gesunden Sinne nicht mehr mächtig ist . Was die Rätin und ihre Tochter und die Wirtin und die Kellner von ihr denken mußten , wenn sie mit einem jungen Mann in die Nacht hinausging , das war ja klar . Es war auch zu seltsam , daß die Gerichtsrätin kein Wort weiter äußerte . Wahrscheinlich war sie zu erstarrt über das unerhörte Vorhaben eines jungen Mädchens . Warum ging sie nur und trottete mit gesenktem Kopf und einem unerträglichen Zittern in den Knieen hinter Martin her , der sich nicht einmal nach ihr umwandte ? Es war ihm jedenfalls gleichgültig , ob sie auf dem steinigen Wege Schaden nahm . Ihnen zur Seite brauste in tiefem Bett der Gebirgsbach , von den Gewittergüssen der letzten Wochen angeschwollen , große Äste und losgerissene Sträucher in seinen tobenden Strudeln mit sich reißend . Wolkenmassen standen schon wieder am Himmel . Es war so finster , daß man unter den Bäumen , die ihre Zweige über den Weg bogen , nicht einen Schritt weit sehen konnte . Betäubt von dem wilden Toben des Wassers , das aus der Dunkelheit kalte Dünste in die schwüle Nacht emporsandte , mit bohrenden Schmerzen im Kopf und über den Augen — mit Aufruhr und Elend in der Brust , setzte sie ihren Weg fort . Warum war sie ihm gefolgt ? Warum nur ? Sie hätte sich von rückwärts auf ihn werfen mögen , auf den dunklen Umriß seiner Gestalt , und ihn packen und hineinzerren in das wilde Wasser , von dem er vor ein paar Tagen sagte : “ Wer da hineinspringt , den hole ich nicht wieder ! ” Und sie lächelte mit einer grausamen Lust an der Vorstellung , daß er seine Arme so heraustrecken würde , wie die dürren Äste aus den Strudeln ragten . . . . Dabei fühlte sie , daß es schon kein Lächeln mehr war , sondern eine Grimasse , die ihre Züge verzerrte . Wie entsetzt er sein würde , wenn er sich jetzt umblickte und das Wetterleuchten ihm ihr Gesicht zeigte . . . Aber er blickte nicht zurück . Einmal sagte er : “ Halt ' Dich rechts , sonst fällst Du in den Bach . ” Pfui , wie herzlos , wie grausam er war . Wie sie ihn verabscheute ! Sie hatten nicht sehr weit zu gehen , bis sie an eine Brücke kamen , die ohne Geländer über den Bach führte . Martin überschritt sie und trat in den Hof einer ländlichen Wirtschaft , die von Fremden niemals besucht wurde , für die er allein eine Vorliebe besaß . An einem großen Baum hatte man eine Stalllaterne befestigt . Sie warf einen kargen Lichtkreis auf den Tisch und die zwei Bänke . Über ihr glänzten die Blätter in einem harten , metallischen Grün , ringsumher war Dunkelheit . Das laute Lärmen des Wassers trennte den Ort von der übrigen Welt und erregte den Eindruck , als befände man sich auf einer Insel mitten in einer wilden , brausenden Flut . “ Hier sind wir ungestört , ” sagte Martin . Der Wirt erschien in Pantoffeln , verschlafen , und stellte zwei Gläser Bier vor sie hin . “ Geh ' n Sie nur . Wir rufen schon , wenn wir etwas brauchen . ” Agathe hatte sich niedergesetzt . Sie stützte den Kopf in die Hand und starrte vor sich auf das graue Holz des Tisches . Schweigend nahm sie Martins Vorwürfe hin . Für so klein und sentimental und weibisch eitel , wie sie sich heut gezeigt , habe er sie nicht gehalten . Er wollte sie für die Freiheit gewinnen . Aber er werde sich nicht unter die Tyrannei eines prüden und thörichten Frauenzimmers beugen . Was habe sein Gefallen an dem hübschen , frischen Schweizermädchen mit ihrer Freundschaft zu thun ? Wenn sie sich einbilde , daß er in Zukunft auf den Verkehr mit hübschen jungen Mädchen verzichten solle , dann habe sie das Gefühl , das ihn zu ihr gezogen , gründlich mißverstanden , darüber müßten sie sich erst auseinandersetzen . Er wurde endlich von Agathes Schluchzen unterbrochen . “ Höre auf zu weinen , Du beträgst Dich sehr kindisch , ” sagte er hart . Es war fast nicht mehr weinen zu nennen , langgezogene , röchelnde Schreie drangen aus ihrer Brust und verloren sich im Brausen des Wassers . Sie sprang auf , warf den Kopf zurück und rang wild die Hände , wie in Erstickungsnot und Todeskampf . Martin begann sich um sie zu ängstigen . “ Also gehen wir nach Haus ! Vielleicht kann man morgen vernünftig mit Dir reden . Warum in aller Welt bist Du nur so außer Dir ? ” “ Weil ich Dich liebe ! ” schrie sie ihn gellend an . Sie wußte ihm in dem Augenblick keine größere Beleidigung entgegenzuschleudern . Und fort war sie — wie der Blitz hinausgeschlossen in Nacht und Dunkelheit . Über die Brücke jagte sie , dem Lauf des Baches folgend — “ Zum See — zum See . . . ” Das war der einzige Gedanke , der in ihr tobte , in ihren Pulsen hämmerte , in ihrem Atem keuchte . “ Ich will frei sein — frei sein ! Von ihm — von ihm — ” Ein lautes Auflachen . . . . Zitternd blieb sie stehen und lauschte . . . War sie es selbst gewesen ? Sie wagte sich keinen Schritt weiter in der fürchterlichen , einsamen Finsternis . War jemand hinter ihr ? Die Zähne schlugen ihr klirrend aufeinander vor Entsetzen . Sie hatte vergessen , daß sie den See erreichen wollte . Dicht neben ihr war das rasende Wasser — so tief stürzten die Ufer ab — so tief . . . . Das Keuchen und Arbeiten in ihrer Brust , das Saufen und Läuten in ihrem Kopfe ließ nach . Sie war totmüde . Ihre Augen schlossen sich — fast verging ihr die Besinnung . Nur eine Bewegung . . . “ Mama . . . meine liebe Mama . . . ” lallte sie , streckte die Arme aus und beugte sich vornüber . Ein Wetterstrahl fuhr blendend nieder . Sie riß die Augen auf , sah die durcheinandertobenden Strudel unter sich von fahlem Licht erhellt und fuhr zurück . Schreckendurchschüttelt stand sie atemlos , starrte in die Nacht und hörte das Krachen des Donners . Sie durfte ja nicht — sie durfte ja nicht . . . für Papa sorgen — sie hatte es doch versprochen . . . Sie durfte nicht entfliehen . Mama hatte sie gerufen . . . . Ihre Kniee schwankten , sie fühlte , daß sie umfallen mußte und ließ sich haltlos zu Boden sinken . So lag sie zusammengekauert und ließ sich vom Brausen des Wassers betäuben . Allerlei sinnloses Zeug ging ihr durch den Kopf — sie wußte nicht wie lange . Endlich erhob sie sich und schlich durch die Nacht zurück . Jetzt hatte sie Angst , sich zu verirren , und besann sich mit Anstrengung auf die Richtung , die sie einzuschlagen hatte . Und dann lief sie , so schnell sie konnte . Schaudernd vor innerer Kälte , das Gesicht von Schweiß und Thränen bedeckt , stand sie vor der Thür des Hotels still . Leise öffnete sie und floh durch den Hausflur die Treppe hinauf . Da auf dem ersten Treppenabsatz traf sie Martin . “ Agathe , wie konntest Du ! ” rief er ihr entgegen . “ Seit einer Stunde laufe ich in der Dunkelheit herum und suche Dich ! Du hast mir einen schönen Schrecken eingejagt ! ” Sie schleppte sich abgewendet an ihm vorüber und riegelte sich in ihrem Zimmer ein . So hatte Agathes Ausflug in die Freiheit ein Ende genommen . Frau Lieutenant Heidling wurde durch ein Telegramm ihres Schwiegervaters nach der Schweiz berufen . Der Regierungsrat empfing sie unten am See bei der Dampferstation . “ Mein Gott , Papa — was ist denn geschehn ? ” “ Ja — die arme Agathe . . . ” Der alte Herr blickte seine Schwiegertochter verstört und bekümmert an . “ Kannst Du Dir das vorstellen — den ganzen Tag sitzt sie und weint — aber den ganzen Tag ! Und will man sie beruhigen , dann gerät sie in eine Heftigkeit — ich habe gar nicht geglaubt , daß sie so zornig werden könnte . Ich weiß überhaupt nicht mehr , wie ich das Mädchen behandeln soll . Ich bin ganz am Ende mit meiner Klugheit . . . . Mit Martin , für den sie doch eine entscheidene Vorliebe zeigte , hat sie sich auch überworfen — jedenfalls — denn er ist plötzlich gereist . ” Der Regierungsrat ergriff Eugenies Hände , die Thränen liefen ihm in den Bart. “ Sei mir nicht böse . . . die weite Reise . . . Ich dachte , wenn Du — Ihr seid doch immer so gute Freundinnen gewesen . Wenn Du mal mit ihr sprächest ! Es muß etwas . . . Du hast ja keine Ahnung , wie das arme Kind aussieht . ” “ Na ja , Papachen , das wollen wir schon machen . In der Familie bringt man ja gern Opfer . Das überlaß mir nur alles . Ich will Agathe schon wieder zur Raison bringen . ” Als Agathe ihre Schwägerin erblickte , verfiel sie in einen Weinkrampf . Der Regierungsrat lief nach einem Doktor . Und der Doktor erklärte : die Patientin wäre sehr nervös und auch sehr bleichsüchtig . Die Bleichsucht käme von der Nervenüberreizung und die Nervenüberreizung habe ihren Grund in der Blutarmut . Es müsse etwas für die Nerven geschehen und etwas für die Bleichsucht — übrigens würde ein bißchen Stahl die Sache schon wieder in Ordnung bringen . “ Weißt Du , Papa , ” sagte Eugenie , “ ich soll auch ein bißchen Stahl trinken — - da nehme ich Agathe mit nach Röhren — das wird jetzt so sehr gerühmt . Lisbeth Wendhagen ist auch dort — es soll von einem vorzüglichen Arzt geleitet werden . Dann lasse ich Wölfchen hinkommen , der Junge sieht nach dem Scharlach immer noch so mieserig aus . Und wir amüsieren uns himmlisch miteinander ! — Gott — der Mensch hat immer mal so Zeiten , wo ihm alles nicht recht ist , und Agathe hat sich wirklich sehr angestrengt . Überlasse sie mir nur ganz unbesorgt . ” Der Regierungsrat küßte Eugenien in warmer Dankbarkeit die Hand . Wie klug und praktisch sie war . Er sah schon nicht mehr so schwarz . . . . es würde ja alles wieder werden ! “ Ich will nicht mit Eugenie ! Ich will nicht ! Laß mich hier allein , Papa — ganz mutterseelenallein , ” flehte Agathe ihren Vater an . “ Du sollst sehn , dann werde ich vernünftig ! Ich habe nur eine solche Sehnsucht , einmal ganz allein zu sein — gar nicht sprechen zu brauchen — und gar keine Stimmen zu hören . Ich kann Eure Stimmen nicht mehr vertragen — das ist die ganze Geschichte . Ich will nicht zu einem Doktor . ” Eugenie und Papa blickten sich bedeutungsvoll an . Der Regierungsrat seufzte tief . “ Kranke haben keinen Willen , ” sagte Eugenie energisch und packte die Koffer . Agathe sah die junge Frau in ihren Sachen herumwühlen , ihre Schachteln öffnen , in ihrer Briefmappe blättern , als sei sie schon eine Gestorbene , auf die man keine Rücksicht mehr zu nehmen braucht . Und dann doch wieder das beständige Geplauder , um sie aufzuheitern — zu zerstreuen . Oder Eugenie suchte durch geschickte Fragen zu ergründen , ob etwas zwischen ihr und Martin vorgefallen sei . . . . . Vielleicht hatte sie schon hinter Agathes Rücken an Martin geschrieben , und er würde alles verraten . . . Und Eugenie erfuhr ihre Schmach — den heimlichen Jammer , der sie zu Grunde richtete . . . . — — Sie wollte ja leben , sie wollte ja ihre Pflicht thun — aber man mußte sie nicht so furchtbar peinigen . Schon in gesunden Zeiten hatte Eugenies leichte , sichere , selbstgefällige Art sie maßlos irritiert — und nun sollte sie , totmüde und aufgerieben , wie sie war , wochenlang Tag und Nacht mit ihr zusammen sein ? Sich von ihr beaufsichtigen und ausforschen lassen ? Das war ja nicht auszudenken ! Und Papa nahm keine Vernunft an . Sie konnte ihm doch nicht sagen , daß sie Eugenie verabscheute ? Wenn er fragen würde warum ? Sie wußte ja keinen Grund dafür . — — Aber sie hatte selbst Schuld — sie allein . Sie wollte nun alles tragen , als eine Strafe von Gott , für das wahnsinnige Verlangen nach Glück . Wie Er sich wohl freute , daß Er sie so marterte . . . — — Anständigen Mädchen kamen gewiß keine blasphemischen Gedanken . . . Anständige Mädchen sind nicht mit dreißig Jahren noch eifersüchtig auf eine Kellnerin . . . . Anständige Mädchen — betragen sich die so , wie sie sich betragen hatte ? Was war denn nur in ihr ? Sie ist gar kein anständiges Mädchen . Sie hat nur geheuchelt , Zeit ihres Lebens . Aus Feigheit geheuchelt . Und wenn es schließlich doch verraten wird . . . Ach , der arme Papa — so ein tadelloser Ehrenmann . . . wenn es sich zeigt , was seine Tochter für ein Geschöpf ist . . . . Nur alles über sich ergehen lassen . . . Sich mit aller Gewalt zusammennehmen — ruhig sein — keine Scenen mehr machen ! Dann muß der Doktor sie doch für gesund erklären . Darauf kommt jetzt alles an . Mit einer wahren Verzweiflung klammerte Agathes geängstigte Seele sich an die Konsultation des Badearztes in Röhren . Er mußte sie heimschicken — ganz gewiß . Aber als sie ankamen , verordnete er ihr gleich eine sechswöchige Kur . Ob sie nicht allein hier bleiben dürfe ? Nein — dazu wäre sie viel zu schwach ; ihre Schwägerin müsse sie pflegen und zerstreuen . Ein Glück , daß sie so eine heitere , liebenswürdige Schwägerin bei sich habe . Auf einer grünen baumlosen Hochebene lag das Frauenbad . Sein Kurhaus und die Wohnung des Arztes bildeten den Mittelpunkt , von hier aus streckte sich eine einzige lange Straße von weinumrankten Logierhäusern in die Wiesen hinaus . An ihrem Ende drängten sich die verfallenen Hütten der einheimischen Bevölkerung . Dort saßen hagere Frauen und hustende Mädchen Tag aus , Tag ein über das Klöppelbrett gebeugt und warfen die kleinen Holzpflöcke mit fieberhafter Eile durch das zarte und kostbare Spitzengewebe , das unter ihren Fingern entstand . Von der scharfen reinen Luft drang nur wenig durch die mit Papier verklebten Fensterlöcher . Daß man etwas anderes trinken könne als Cichorienkaffee , daß man sich baden könne , sahen sie wohl , aber sie sahen es wie fremde , unverständliche Gebräuche . Die Milch der Ziegen gehörte den Fremden — die Stahlquellen — die Fichtennadel- und Moorbäder waren für die Fremden . Von den Einheimischen bemerkte man wenig , man erblickte nur die fremden weiblichen Gäste . In den Lauben der dürftigen Gärten , wo ein paar Kohlköpfe und eine Reihe Immortellen wuchsen , saßen sie beieinander . Sie standen gruppenweise in der Dorfstraße und klagten sich ihre Leiden . Über die weiten Wiesenflächen konnte man ihre Gestalten verfolgen , wie sie einzeln oder zu zweien die Raine entlang wanderten , kleine Sträußlein von Gräsern und blassen Skabiosen sammelnd als sinnige Gabe für die Freundinnen oder den Doktor . Frauen — Frauen — nichts als Frauen . Zu Hunderten strömten sie aus allen Teilen des Vaterlandes hier bei den Stahlquellen zusammen , als sei die Fülle von Blut und Eisen , mit der das Deutsche Reich zu machtvoller Größe geschmiedet , aus seiner Töchter Adern und Gebeinen gesogen , und sie könnten sich von dem Verlust nicht erholen . Fast alle waren sie jung , auf der Sommerhöhe des Lebens . Und sie teilten sich in zwei ungefähr gleiche Teile : die von den Anforderungen des Gatten , von den Pflichten der Geselligkeit und den Geburten der Kinder erschöpften Ehefrauen und die bleichen , vom Nichtsthun , von Sehnsucht und Enttäuschung verzehrten Mädchen . Männer besuchten den Ort nur selten . Ein hysterischer Künstler war jetzt anwesend , ein Oberst a.D. , der seine Frau nie allein reisen ließ , und der Arzt . Um die beiden ersten bekümmerte man sich nicht sehr viel . Aber der Arzt ! — Was Dr. Ellrich gesagt hatte , in welcher Stimmung er sich befand , was er für einen Charakter besaß , das bildete den Gesprächstoff in der Frühe am Brunnen , bei der Mittagstafel und bei den Reunions des Abends . Manche hielten ihn für einen Dämon , andere für einen Engel . Zwanzig Damen fanden , es sei unerhört , wie frei zwanzig andere sich im Verkehr mit ihm benahmen , und ein Dutzend weitere erklärten jene ersten für heimtückisch kokett und berechnend dem Doktor gegenüber . Die junge Frau eines Bankiers wollte sich um seinetwillen scheiden lassen , aber es war ja nicht daran zu denken , daß er die heiraten würde , er wußte doch am besten , wie krank die war . Ein höchst aufregender Augenblick entstand , sobald er abends in den Kursaal trat und man nicht wußte , zu welcher Gruppe er sich gesellen würde . Es mochte ja thöricht sein — lächerlich — aber es blieb nun einmal ein Ehrenpunkt , den Doktor an seinem Tisch zu haben . In dieser engen Gemeinschaft , wo das Interesse sich auf so wenige Punkte konzentrierte , unter dem Einfluß der aufregenden Bäder , der scharfen Höhenluft bekam jede Stimmung , jedes Gefühl , jeder Einfall in den Seelen , deren Gleichgewicht schon krankhaft gestört war , eine unnatürlich gesteigerte Bedeutung und wirkte mit gefährlicher Ansteckungskraft . Sie erwarteten alle so viel von diesem Doktor , Gesundheit , Frohsinn , Mut und Lebenshoffnung sollte er jeder einzelnen zurückgeben . Da mußte man ihm doch ein wenig den Hof machen . “ Dieser Doktor ist mir widerwärtig , ” erklärte Agathe schon nach der ersten Sprechstunde . Wie eine Sensitive erzitterte sie unter seinen scharfen Augen . Eugenie fand ihn amüsant . “ Ein bißchen rücksichtslos und frech — aber — na — sonst kommt er wohl hier nicht durch . ” — — Wie sie beobachtet wurden , als er sich abends zu ihnen setzte . Lisbeth Wendhagen kam auch gleich vom andern Ende des Saales hergelaufen . Natürlich kokettierte Eugenie mit ihm — es war ja hier Mode , und sie war zu jeder neuen Mode bereit . Pfui — pfui — ekelhaft . So einen cynischen Zug hatte dieser Doktor Ellrich am Mundwinkel . Der durchschaute die Frauen ganz und gar — er verachtete sie . . . Die frivolen Witze und Andeutungen , die er mit Eugenie über die anderen Patientinnen tauschte ! Wahrscheinlich hinter dem Rücken auch über sie . Vor dem mußte man sich in acht nehmen — der meinte es nicht gut . — — Nur fort — fort von hier . . . . Ein Ort , ein dunkler , stiller Winkel , dahin die Stimmen sie nicht verfolgten , — dahin keine Farbe , kein Licht und kein Klang dringen konnte . Dort sich verbergen und schlafen — schlafen — traumlos schlafen . . . . Seit Eugenie sie überwachte , durfte sie die Nächte nicht mehr auf einem Stuhl zusammengekauert sitzen und ins Dunkle starren . Aber sie schlief doch nicht . Immerfort mußte sie grübeln , wie sie Eugenie und dem Doktor und all den vielen Frauen , die sie neugierig beobachteten , entfliehen konnte . Dabei dies Tönen und Dröhnen — als würde eine große Kirchenglocke unablässig in ihrem Kopfe geschwungen . Das störte sie ja im Denken — sie kam und kam nicht ins Klare . Und es mußte doch etwas geschehen — sehr schnell . . . . Ehe Martin abreiste , hatte er zu ihr gesagt : sollte sie noch den Wunsch haben , in der Schweiz zu bleiben , so ändere das Geschehene nicht im mindesten seine Bereitwilligkeit , ihr zu helfen . Seine Haltung war gezwungen gewesen und sein Ton kühl . Sie hatte ihm keine Antwort gegeben . Siedend heiß wurde es ihr , dachte sie daran . Nur nie — nie ihn wiedersehn . . . — — Wenn sie doch zu ihm ginge ? Heimlich , ganz heimlich ? Sie mußte ihm beweisen , daß sie nicht so erbärmlich war , wie er glaubte . Sich rechtfertigen . . . . Das war nun nicht mehr möglich . Ihm helfen in stiller , harter Arbeit . . . . Jawohl ! Er würde sie doch nur für zudringlich halten . Und bei diesem rasenden Abscheu , Ekel und Haß . . . . . Es konnte wieder über sie kommen , so wie an dem Abend . . . . Sie — sie — und noch etwas wollen ? Etwas , wozu Selbstvertrauen und Kraft gehörte . . . . Sich verkriechen , sich verstecken , wo kein Mensch sie sah und hörte — wo sie keinen in ihrer Nähe fühlte Nein — sie wollte nichts mehr , als still bei Papa bleiben — sie wollte gewiß nicht wieder an das alte gewohnte Joch rühren . Sie hatte es nun gesehen , daß sie in der reinen Luft der Höhen nicht atmen konnte . Sie war nicht für die Bergesgipfel geschaffen — sie erstickte einfach dort . Freilich die Männer . . . die nahmen sich auch auf die Höhen mit hinauf , was sie mochten , was ihnen angenehm schien — nur sie — sie sollte da in Eis und Schnee erstarren . Im Grunde war es also gleichgültig , ob sie unten saß oder mit Gefahr ihres Lebens an den Felsenhängen der Wahrheit und der Freiheit hinaufzuklimmen versuchte — für die Mädchen blieb sich die Sache ziemlich gleich — Entsagung überall . Da — da — da traf sie ihn wieder — den großen Betrug , den sie alle an ihr verübt hatten — Papa und Mama und die Verwandten und Freundinnen und die Lehrer und Prediger . . . . Liebe , Liebe , Liebe sollte ihr ganzes Leben sein — nichts als Liebe ihres Daseins Zweck und Ziel . . . . . . . . . Das Weib , die Mutter künftiger Geschlechter . . . . Die Wurzel , die den Baum der Menschheit trägt . . . . Ja — aber erhebt ein Mädchen nur die Hand , will sie nur einmal trinken aus dem Becher , den man ihr von Kindheit an fortwährend lockend an die Lippen hält — zeigt sich auch nur , daß sie durstig ist . . . . Schmach und Schande ! Sünde — schamlose Sünde — erbärmliche Schwäche — hysterische Verrücktheit ! schreit man ihr entgegen — bei den Strengen wie bei den Milden , den Alten und den Jungen , den Frommen und den Freien . Sie hatte gezeigt , daß sie durstig war , und sich damit des einzigen Menschen beraubt , der sie hätte retten können . Und sie sehnte sich so sehr nach ihm . Sie wollte doch zu ihm flüchten . Bei ihm wird sie gesund . . . Sie wußte , wo Eugenie das Reisegeld aufbewahrt . . . Nicht einmal das vertraute Papa ihr noch an . . . . Sie begann wieder zu weinen . Meinetwegen mochte er sie verachten . . . . Ganz demütig will sie ihn bitten : Lieber , lieber Mani — behalte mich bei Dir , schütze mich nur . . . . gegen die andern . . . . — Besonders gegen Eugenie ! Wie sie sie haßte — die mit so einer kalten Gewalt alles an sich zog . . . . Die ganze Welt beherrschte sie ! Der Doktor hatte sich auch schon in sie verliebt . Da machen sie natürlich gemeinsame Sache gegen sie — und verraten Papa alles , alles — die schlechten Menschen . . . . Ach — die Angst — die Angst ! Agathe läuft in ihrem Zimmer herum — immer hin und her — hin und her . Sie ist allein . Eugenie hat für eine Stunde von ihr Abschied genommen , sie soll sich aufs Bett legen und ruhen unterdessen . Eugenie fährt mit dem Doktor spazieren in seinem offenen Wagen , den er selbst kutschiert . Wie sie da oben thronte — den schelmisch-lauernden Zug um den Mund , das schwarze Hütchen auf dem blonden Haar — aus allen Fenstern blickte man ihr nach . Mit ihm fahren war die höchste Ehre , die der Doktor zu vergeben hatte . Auf die Straße kamen die Damen gelaufen und machten neidische Glossen . Aber Frau Eugenie vergiebt sich nichts . Zwischen ihr und dem Doktor sitzt Wölfchen in seiner strammen , militärischen Haltung mit der kleinen Soldatenmütze . Und triumphierend hatte sie rings umher gegrüßt und gewinkt , während der Doktor an den Zügeln zog und die Pferde lustig ausgreifen ließ . Die Heuchlerin . . . . die Heuchlerin . . . . Agathe lachte in der Einsamkeit , ballte die Hände und schüttelte sie drohend . Mich hat man nicht mitgenommen , vor mir fürchten sie sich wohl — aber der kleine Junge , was kümmern sie sich um den ? Wenn sie draußen sind , wo keiner sie mehr sieht , da küssen sie sich — der Doktor und — Eugenie ha ha ha — und Walter küßt sie auch und Wölfchen — alle küssen sich . Martin und die Kellnerin und der Commis — alle , alle . . . pfui ! Warum kommen sie zu ihr ins Zimmer — das ist so boshaft . Sie hält sich die Augen zu . Sie darf das nicht sehen . Sie ist doch ein anständiges Mädchen . Nein — nein — nicht mit Fingern auf mich zeigen ! Habt doch Erbarmen . Schont doch wenigstens meinen lieben Papa . . . . — — Als Eugenie heimkam , sah sie die Jalousien bei ihrer Schwägerin noch geschlossen . Aus der frischen , hellen Herbstluft trat sie fröhlich erregt in das halbdunkle Zimmer . “ — Mädchen — was ist Dir ? ” In der Ecke zwischen der Wand und dem Ofen stand ein gestickter Lehnstuhl . Hier kauerte Agathe , die Kniee hochgezogen , die spitzen Schultern vorgestreckt , die Ellbogen an sich gepreßt — das gelbe , hohläugige Gesicht mit einem unbegreiflichen Ausdruck von Entsetzen vor sich ins Leere starrend . “ Mein Himmel — fehlt Dir etwas ? ” Eugenie ergriff sie am Arm und schüttelte sie . “ Du siehst ja aus , daß man sich fürchten könnte . ” Agathe starrte ihr schweigend , drohend in die Augen . “ Höre , Du , ” rief die junge Frau Heidling , “ ich schicke zum Doktor . . . ” Ein gellender Schrei — ein wilder Lärm und der Ruf : Zu Hilfe ! — Hilfe . . . ! Die Zimmernachbarn , Kellner und Wirtin stürzten in wirrem Durcheinander herbei . Agathe hatte ihre Schwägerin zu Boden geworfen , kniete auf ihr und suchte sie zu würgen . Sie lachte , sie schrie und stieß irre Worte aus . Mit brutaler Gewalt mußte die Tobende gehalten — der zarte Mädchenkörper gebändigt und gefesselt werden . Bis tief in die Nacht hinein saßen und standen vor dem Kurhaus die Damen zusammen und besprachen das Geschehene . Ein junges Mädchen hatte den Verstand verloren — es war nichts gar so Seltenes in dem Badeorte . Man zählte die Fälle der letzten Jahre . Und man flüsterte schaudernd und zeigte sich diese und jene , die wohl auch nicht weit davon waren . Teilnehmend drängte man sich um Eugenie . Sie trug einen Tüllshawl über einer roten Schramme am Halse und gab mit halblauter , mitleidig-ernster Stimme Auskunft . Zwei Wärterinnen hüteten die Kranke . Es durfte niemand zu ihr . Morgen sollte sie transportiert werden . — Nein — man wußte keinen Grund — absolut keinen ! Eine unglückliche Liebe ? Bewahre — in früheren Jahren — aber Agathe war immer ein so verständiges Mädchen gewesen . . . . Gott — prüde , zurückhaltend konnte man sie eher nennen . Nicht wahr , Lisbeth ? — Und sie beide hatten sich immer so gut gestanden — sie waren ja Freundinnen von Kindheit her . . . Zu schauerlich —