? Nun , ich will es hoffen . « » Was meinst du ? « rief Wanda emporschreckend . » Mein Kind , « entgegnete die Fürstin in eisigem Tone , » du weißt , ich habe niemals Leos Partei genommen , wenn er dich mit seiner Eifersucht quälte – heute nehme ich sie , wenn ich es ihm gegenüber auch nicht zugab , um ihn nicht noch mehr zu reizen . Der Ton , mit dem du dieses › Eher sterben ! ‹ herausschleudertest , brachte auch mein Blut in Wallung , und deine Furcht vor Waldemars Verachtung war sehr verfänglich , so verfänglich , daß ich jetzt freiwillig auf deine Anwesenheit in Wilicza Verzicht leiste . Als ich den Plan entwarf , glaubte ich deiner unbedingt sicher zu sein ; jetzt konnte ich ihn wirklich nicht mehr vor Leo verantworten und stimme dir vollkommen bei , wenn du – die Probe nicht wagen willst . « Wanda hatte sich erhoben . Totenbleich , keines Wortes fähig , starrte sie die Sprechende an ; sie hatte das Gefühl , als öffne sich auf einmal ein Abgrund vor ihren Füßen , und wie vom Schwindel ergriffen lehnte sie sich an das Sofa . » Du täuschest dich , « brachte sie endlich mühsam heraus , » oder du willst mich täuschen . Das habe ich nicht verdient . « Die Fürstin ließ das Auge nicht von dem Gesicht ihrer Nichte . » Ich weiß , daß du noch keine Ahnung davon hast , und ebendeshalb gebe ich sie dir . Nachtwandler muß man wecken , ehe sie die gefahrdrohende Höhe erreichen . Wenn das Erwachen plötzlich kommt , ist der Sturz unausbleiblich . Dir ist von jeher die Energie , die eiserne Willenskraft am Manne das Höchste gewesen ; das allein zwingt dich zur Bewunderung . Ich weiß leider , daß Leo dieses eine trotz all seiner glänzenden Eigenschaften nicht besitzt , und ich leugne auch nicht mehr , daß Waldemar es hat ; also nimm dich in Acht mit deinem – Haß gegen ihn ! Er könnte sich dir eines Tages als etwas andres enthüllen . Ich öffne dir jetzt die Augen , wo es noch Zeit ist , und ich denke , du wirst mir dankbar dafür sein . « » Ja , « entgegnete Wanda mit fast erloschener Stimme . » Ich danke dir . « » So wollen wir die Sache ruhen lassen ; noch hat sie hoffentlich keine Gefahr , und morgen bringe ich dich selbst nach Rakowicz zurück . – Jetzt aber muß ich dafür sorgen , daß auch heute abend hier die nötige Vorsicht beobachtet wird , damit uns nicht noch am letzten Tage irgend ein Unheil trifft . Ich werde Pawlick meine Befehle geben und das Ganze persönlich überwachen . « Damit verließ die Fürstin das Zimmer , fest überzeugt , daß sie nur ihre Pflicht gethan , und einem künftigen Unheil vorgebeugt habe , indem sie energisch und schonungslos wie immer den Schleier zerriß , welcher der jungen Gräfin noch das eigene Herz verhüllte . Hätte sie gesehen , wie Wanda nach ihrer Entfernung wie vernichtet zusammensank , es wäre ihr doch vielleicht klar geworden , daß hier die gefahrdrohende Höhe bereits erreicht war , wo der Anruf tödlich werden konnte . Er vermochte nicht mehr zu warnen oder zu retten . Das Erwachen kam zu spät . Der Winter war mit seiner vollen Strenge hereingebrochen . Die dichte Schneehülle deckte Wald und Feld ; eine schwere Eisdecke hemmte den Lauf des Flusses , und über die erstarrte Erde brausten die Winterstürme mit eisigem Hauch . Sie hatten diesmal noch einen andern Sturm wachgerufen , der schlimmer tobte als die Elemente . Jenseits der Grenze war der lang gefürchtete Aufstand endlich ausgebrochen . Das ganze Nachbarland loderte in voller Empörung , und jeder Tag brachte neue Schreckensnachrichten von drüben her . Auf diesseitigem Gebiete war noch alles ruhig , und es hatte auch den Anschein , als ob diese Ruhe aufrecht erhalten bleiben sollte , aber friedlich war die Stimmung in den Grenzbezirken keineswegs , wo tausend Beziehungen und Verbindungen hinüber und herüber gingen , wo kaum eine polnische Familie lebte , die nicht wenigstens einen Angehörigen drüben in den Reihen der Kämpfenden hatte . Am schwersten hatte Wilicza unter dieser Stimmung zu leiden ; schon seine Lage machte es zu einem der wichtigsten , aber auch gefährlichsten Vorposten der ganzen Provinz . Es spielte nicht umsonst eine so wichtige Rolle in den Plänen der Morynski und Baratowski . Die Nordeckschen Güter bildeten die bequemste Verbindung mit dem Aufstande und den sichersten Rückhalt für etwaige Kämpfe dicht an der Grenze ; die tiefen Waldungen machten es trotz Posten und Patrouillen unmöglich , die angeordnete strenge Bewachung in ihrem ganzen Umfange aufrecht zu erhalten . Es hatte sich freilich vieles geändert , seit der junge Gutsherr sich damals , kurz vor der Abreise Morynskis und Leos , so entschieden auf die Seite seiner Landsleute gestellt hatte , aber mit jener Stunde begann auch der stumme erbitterte Kampf zwischen ihm und seiner Mutter , der noch heute nicht zu Ende war . Die Fürstin hielt Wort . Sie wich ihm nicht auf dem Boden , auf den sie gleichfalls ein Recht zu haben glaubte , und Waldemar sah jetzt wirklich ein , was es hieß , seine Güter jahrelang in ihren Händen gelassen zu haben . Wenn seine einstige Vernachlässigung und Gleichgültigkeit dagegen gebüßt werden sollten , so büßte er sie jetzt . Er hatte es erzwungen , daß sein Schloß nicht länger der Sitz von Parteibestrebungen war ; für sein Gebiet konnte er das Gleiche nicht erzwingen , denn das war ihm systematisch entfremdet worden . Die unumschränkte Herrschaft , welche die Fürstin so lange ausgeübt , die vollständige Verdrängung des deutschen Elementes aus der Verwaltung , die Besetzung jedes nur irgendwie bedeutsamen Beamtenpostens mit polnischen Vertretern – das alles trug nun seine Früchte . Nordeck stand in der That wie verraten und verkauft auf seinem eigenen Grund und Boden . Ihm gab man den Namen des Herrn , und seine Mutter sah man als die eigentliche Herrin an . Wenn sie sich auch hütete , offen als solche aufzutreten , ihre Befehle gelangten doch in die Hände der Untergebenen und wurden unverzüglich befolgt , gegen die Waldemars aber stand Wilicza in geheimer , aber fest geschlossener Opposition . Was nur möglich war an Intriguen und Ausflüchten , das wurde gegen ihn ins Werk gesetzt ; was nur geschehen konnte , um seine Befehle zu durchkreuzen , seine Maßnahmen zu verwirren , das geschah , aber stets in einer Weise , welche die Verantwortung wie die Strafe ausschloß . Niemand verweigerte ihm direkt den Gehorsam und doch wußte er , daß Kampf und Ungehorsam die Parole war , die täglich gegen ihn ausgegeben wurde . Wo er sich an der einen Stelle Unterwerfung erzwang , da hob die Widersetzlichkeit an zehn andern ihr Haupt empor , und wenn er heute seinem Willen Geltung verschaffte , so trat ihm morgen schon ein neues Hindernis entgegen . Mit Entlassungen konnte er nicht vorgehen – sie hätten dem ganzen Beamtenpersonale gelten müssen , und teils banden ihn ihre Kontrakte in dieser Hinsicht , teils fehlte ihm jeder Ersatz . In einer solchen Zeit konnte überhaupt jeder Gewaltakt verhängnisvoll werden . So wurde der junge Gutsherr in eine Stellung gedrängt , die für eine Natur wie die seinige die schwerste war , weil sie der Thatkraft keinen Raum gönnte , weil sie nur ruhiges besonnenes Ausharren erforderte , und gerade darauf hatte die Fürstin ihren Plan gebaut . Waldemar sollte allmählich in dem Kampfe ermatten , den er ihr angeboten ; er sollte erkennen lernen , daß er schließlich doch nichts in einer Sache vermochte , in der ganz Wilicza zu ihr und gegen ihn stand . Er sollte in seinem Unmute darüber die Zügel wieder fahren lassen , die er ihr so gewaltsam aus der Hand genommen , Geduld war ja niemals seine Sache gewesen . Aber sie täuschte sich auch diesmal in ihrem Sohne , wie sie sich von jeher in ihm getäuscht hatte – er zeigte ihr jetzt die zähe Energie , den unbeugsamen Willen , den sie gewohnt war , als ihre ausschließliche Charaktereigenschaft in Anspruch zu nehmen . Nicht einen Schritt wich er all den Hindernissen und Widerwärtigkeiten , die sich vor ihm auftürmten ; eine nach der andern warf er sie zu Boden . Sein Auge und seine Hand waren überall , und wo man es wirklich einmal wagte , ihm den Gehorsam zu versagen , da ließ er den Gebieter in einer Weise fühlen , daß die ersten Versuche auch die letzten blieben . Das trug ihm freilich die Zuneigung seiner Untergebenen nicht ein . Wenn man früher nur den Deutschen in ihm gehaßt hatte , so haßte man jetzt Waldemar Nordeck persönlich , aber man war bereits dahin gelangt , ihn zu fürchten , und bequemte sich auch allmählich , ihm zu gehorchen . Unter diesen Umständen war die Furcht das einzige , was noch den Gehorsam erzwang . Das Verhältnis zwischen Mutter und Sohn wurde auf diese Weise immer unhaltbarer , wenn es sich auch äußerlich noch auf dem Fuße höflicher Kälte behauptete . Jene erste Erklärung zwischen ihnen war auch die einzige geblieben . Sie waren beide keine Freunde von unnützen Worten und fühlten , daß von keiner Versöhnung und Verständigung die Rede sein konnte , wo sich die Charaktere und Grundsätze so schroff gegenüber standen wie hier . Waldemar versuchte es nie , die Fürstin zur Rede zu stellen ; er wußte , daß sie ihm auch nicht das geringste von dem zugeben würde , was doch unleugbar von ihr ausging , und sie ihrerseits that nie eine Frage in dieser Hinsicht . So blieb das Zusammenleben wenigstens möglich und nach außen hin leidlich ; was es für Stacheln in sich barg , das freilich wußten nur die beiden allein . Waldemar zog sich in eine noch größere Abgeschlossenheit zurück als früher . Er sah die Mutter höchstens bei Tische , oft auch da nicht einmal , die Fürstin dagegen war sehr oft in Rakowicz bei ihrer Nichte und blieb meist längere Zeit dort . Wanda hatte Wort gehalten und Wilicza nicht wieder betreten , wahrend Waldemar auf seinen Ausflügen sogar das Gebiet von Rakowicz vermied . Mehr als drei Monate waren seit der Abreise des Grafen Morynski und seines Neffen vergangen . Man wußte allgemein , daß sie sich inmitten des Aufstandes befanden , bei welchem der Graf eine bedeutende Rolle spielte , während der junge Fürst Baratowski unter dem Oberbefehl seines Oheims ein Kommando führte . Trotz der Entfernung und der Hindernisse standen beide in ununterbrochenem Verkehr mit den Ihrigen . Die Fürstin sowohl wie Wanda hatten stets genaue und ausführliche Nachricht von allem , was drüben geschah , und sandten ebenso häufig ihre Botschaften hinüber . Die Bereitwilligkeit , mit der sich in den Grenzbezirken jedermann zu Botendiensten hergab , spottete aller Schwierigkeiten . Es war um die Mittagsstunde eines ziemlich kalten Tages , als Assessor Hubert und Doktor Fabian vom Dorfe herkamen , wo sie einander begegnet waren . Der Herr Assessor steckte in dreifacher Umhüllung ; er wußte noch von Janowo her , was eine Erkältung bedeutete . Auch der Doktor hatte den Mantelkragen schützend in die Höhe geschlagen . Das strenge Klima schien ihm nicht zuzusagen ; er sah bleicher als sonst und angegriffen aus . Hubert dagegen schaute äußerst wohlgemut darein . Die augenblicklichen Verhältnisse an der Grenze führten ihn sehr oft nach Wilicza oder in dessen Umgegend . Auch jetzt hatte er wieder eine Untersuchung zu führen , die ihn einige Tage in der Nähe festhielt . Er hatte sich wie gewöhnlich im Hause des Administrators einquartiert , und sein vergnügtes Aussehen zeigte , daß er sich sehr wohl dabei befand . » Es ist großartig , « sagte er in seinem feierlichen Amtstone . » Unbedingt großartig ist es , wie Herr Nordeck sich jetzt benimmt . Wir von der Regierung wissen das am besten zu schätzen . Der Präsident meint , dieses verwünschte Wilicza hätte auch hier bei uns schon längst das Beispiel zur Revolte gegeben , wenn sich sein Herr nicht wie ein Wall und eine Mauer dagegen stemmte . Man bewundert ihn in ganz L. , und dies um so mehr , als man nie ahnte , daß er sich jemals von dieser Seite zeigen werde . « Doktor Fabian seufzte . » Ich wollte , er verdiente diese Bewunderung weniger . Gerade seine Energie zieht ihm hier täglich einen größeren Haß zu . Ich zittere jedesmal , wenn Waldemar allein ausreitet , und er ist nie zu bewegen , auch nur die geringste Vorsichtsmaßregel zu beobachten . « » Ja freilich , « meinte der Assessor bedenklich . » Dem Volk in Wilicza ist alles zuzutrauen , sogar ein Schuß aus dem Hinterhalt . Ich glaube , das einzige , was Herrn Nordeck bisher noch geschützt hat , ist der Umstand , daß er trotz alledem der Sohn der Fürstin Baratowska ist , aber wer weiß , wie lange der nationale Fanatismus das noch respektiert . Was muß das jetzt überhaupt für ein Leben bei Ihnen im Schlosse sein ! Niemand begreift es , daß die Fürstin noch bleibt – man weiß es ja , daß sie mit Leib und Seele , Polin ist . Es hat wohl schon furchtbare Scenen zwischen ihr und dem Sohne gegeben – nicht wahr ? « » Bitte , Herr Assessor – das sind Familienangelegenheiten , « lehnte Fabian ab . » Ich begreife die Rücksicht , « sagte Hubert , der vor Begierde brannte , irgend etwas zu erfahren , was er bei seiner Rückkehr in L. erzählen konnte , wo man sich jetzt mehr als je mit dem Gutsherrn von Wilicza und seiner Mutter beschäftigte . » Aber Sie wissen gar nicht , was für schreckliche Geschichten man sich in der Stadt darüber erzählt . Herr Nordeck soll damals , als er sich so entschieden für uns erklärte , eine ganze Verschwörung auseinandergesprengt haben , die in den Kellergewölben seines Schlosses zusammenkam und bei der Graf Morynski und Fürst Baratowski den Vorsitz führten . Als die Fürstin sich dazwischen werfen wollte , soll ihr der Sohn die Pistole auf die Brust gesetzt und sie ihm ihren Fluch entgegengeschleudert haben , und dann sind sie beide – « » Wie kann man in L. solche alberne Märchen glauben ! « rief der Doktor unwillig . » Ich gebe Ihnen mein Wort darauf , daß auch nicht eine einzige dieser Scenen zwischen Waldemar und seiner Mutter stattgefunden hat . Sie sind beide nicht danach geartet ; im Gegenteil , sie stehen sehr – höflich miteinander . « » Wirklich ? « fragte der Assessor mißtrauisch . Er ließ die Geschichte von der Pistole und dem Fluche augenscheinlich nur sehr ungern fahren – sie sagte ihm weit mehr zu , als diese nüchterne Erklärung . » Aber die Verschwörung hat doch bestanden , « setzte er hinzu . » Und Herr Nordeck hat sie auseinandergesprengt ; er allein gegen zweihundert Hochverräter . Ach , daß ich damals nicht hier gewesen bin ! Ich war drüben in Janowo , wo ich leider gar nichts entdeckte . Fräulein Margarete ist doch sonst so klug . Ich begreife nicht , wie sie sich damals so vollständig täuschen lassen konnte . Jetzt freilich wissen wir , daß das ganze geheime Waffenlager hier in Wilicza versteckt war , wenn Herr Nordeck das auch nun und nimmermehr zugeben will . « Der Doktor schwieg und sah sehr verlegen aus . Die Erwähnung Janowos brachte ihn noch immer aus der Fassung . Zum Glück waren sie jetzt an die Stelle gelangt , wo der Weg nach dem Schlosse abbog . Fabian verabschiedete sich von seinem Gefährten , und dieser ging allein nach dem Gutshofe . Hier fand inzwischen eine Unterredung zwischen dem Administrator und seiner Tochter statt , die eine erregte Wendung zu nehmen drohte . Gretchen wenigstens hatte eine ganz kriegerische Stellung eingenommen . Sie stand vor ihrem Vater , die Arme trotzig übereinandergeschlagen , den Kopf mit den blonden Flechten zurückgeworfen , und stampfte sogar mit ihrem Füßchen auf den Boden , um ihren Worten Nachdruck zu geben . » Ich sage dir , Papa , ich mag den Assessor nicht . Und wenn er noch ein halbes Jahr lang um mich herumseufzt und du ihm noch so sehr das Wort redest , ich lasse mir kein Ja abzwingen ! « » Aber , Kind , es ist ja nicht die Rede davon , dich zu zwingen , « beruhigte der Vater . » Du weißt ja , daß du ganz deinen freien Willen hast , aber die Sache muß doch endlich einmal zur Sprache kommen . Wenn du bei deinem Nein beharrst , darfst du Hubert wirklich nicht länger Hoffnung machen . « » Ich mache ihm keine Hoffnung , « rief Gretchen , fast weinend vor Aerger . » Im Gegenteil , ich behandle ihn ganz abscheulich , aber das hilft nichts . Seit der unglücklichen Schnupfenpflege bildet er sich steif und fest ein , ich erwidere seine Gefühle . Wenn ich ihm heute einen Korb gäbe , so würde er lächelnd antworten : › Sie irren sich , mein Fräulein ; Sie lieben mich doch ‹ – und morgen wäre er wieder da . « Frank nahm die Hand seiner Tochter und zog sie näher zu sich heran . » Gretchen , sei einmal vernünftig und sage mir , was du eigentlich gegen den Assessor einzuwenden hast . Er ist jung , leidlich hübsch , nicht unvermögend und kann dir eine höchst angenehme gesellschaftliche Stellung bieten . Ich gebe zu , daß er manche Lächerlichkeiten an sich hat , aber eine vernünftige Frau wird schon etwas aus ihm machen . Die Hauptsache aber ist , daß er dich bis zur Narrheit liebt , und du sahst ihn ja anfangs gar nicht mit so ungünstigen Augen an . Was hat dich denn gerade in der letzten Zeit so gegen ihn eingenommen ? « Gretchen blieb die Antwort auf diese Frage schuldig , die sie etwas in Verlegenheit zu setzen schien , aber sie faßte sich bald wieder . » Ich liebe ihn nicht , « erklärte sie mit der größten Bestimmtheit . » Und ich will ihn nicht , und ich nehme ihn nicht . « Dieser kategorischen Erklärung gegenüber blieb dem Vater nun freilich nichts weiter übrig , als die Achseln zu zucken , was er denn auch that . » Nun , meinetwegen ! « sagte er unmutig . » Dann werde ich dem Assessor aber klaren Wein einschenken , ehe er uns diesmal verläßt . Bis zu seiner Abreise will ich damit warten ; vielleicht besinnst du dich noch bis dahin . « Die junge Dame machte eine sehr geringschätzige Miene darüber , daß der Vater ihr eine solche Schwäche zutraute . Es schien ihre Seelenruhe nicht im mindesten zu stören , daß sie soeben den Stab über das Lebensglück des armen Assessors gebrochen hatte , denn sie setzte sich gleichmütig an ihren Nähtisch , nahm ein dort liegendes Buch und begann zu lesen . Der Administrator ging , noch immer ein wenig ärgerlich , im Zimmer auf und ab ; endlich blieb er vor seiner Tochter stehen , » Was ist denn das für ein dicker Band , den ich jetzt fortwährend in deinen Händen sehe ? Eine Grammatik vermutlich . Studierst du so eifrig Französisch ? « » Nein , Papa , « sagte Gretchen . » Die Grammatik ist viel zu langweilig , als daß ich sie so oft in die Hand nehmen sollte . Ich « – sie legte feierlich die Hand auf das Buch – » ich studiere gegenwärtig die Geschichte des Germanentums . « » Was studierst du ? « fragte der Administrator , der seinen Ohren nicht traute . » Die Geschichte des Germanentums ! « wiederholte seine Tochter mit unglaublichem Selbstgefühl . » Ein ausgezeichnetes Werk , ein Werk voll der allertiefsten Gelehrsamkeit ! Willst du es auch einmal lesen ? Hier ist der erste Band . « » Laß mich in Ruhe mit deinem Germanentum ! « rief Frank . » Ich habe genug mit dem Slaventum zu thun . Aber wie kommst du denn zu diesem gelehrten Zeuge ? Ganz sicher durch den Doktor Fabian , aber das ist gegen die Abrede . Er hat versprochen , dich im Französischen zu üben , und statt dessen bringt er dir alte Scharteken aus seiner Bibliothek , von denen du kein Wort verstehst . « » Ich verstehe alles , « rief das junge Mädchen beleidigt . » Und es ist auch keine alte Scharteke ; es ist ein ganz neues Werk , das Doktor Fabian selbst geschrieben hat . Es macht ungeheures Aufsehen in der Gelehrtenwelt , und zwei unsrer ersten wissenschaftlichen Berühmtheiten , Professor Weber und Professor Schwarz , liegen sich bereits in den Haaren darüber und über die angehende dritte , den Doktor nämlich . Aber du sollst sehen , Papa , er wird noch einmal größer , als beide zusammengenommen . « » Schwarz ? « sagte der Administrator nachsinnend . » Das ist ja der berühmte Onkel unsres Assessors an der Universität zu J. Nun , da kann Doktor Fabian von Glück sagen , wenn eine solche Autorität sich überhaupt mit seinen Werken befaßt . « » Professor Schwarz versteht gar nichts , « erklärte Gretchen zum Entsetzen ihres Vaters und mit der Unfehlbarkeit eines akademischen Richters . » Er wird sich mit seiner Kritik des Fabianschen Buches ebenso blamieren , wie der Assessor mit der Verhaftung des Herrn Nordeck . Natürlich , es sind ja Onkel und Neffe – das liegt so in der Familie . « Jetzt schien die Sache dem Administrator doch etwas bedenklich zu werden ; er sah seine Tochter forschend an . » Du bist in diesen Universitätsgeschichten ja so bewandert wie ein Student . Du scheinst das unumschränkte Vertrauen des Doktors Fabian zu genießen , « » Das genieße ich auch , « bestätigte Gretchen . » Aber es hat sehr viele Mühe gekostet , ihn dahin zu bringen . Er ist so schüchtern , so zurückhaltend , obwohl er doch ein so bedeutender Mensch ist . Ich habe ihm das alles erst im Laufe der Zeit und Wort für Wort abfragen müssen . Sein Buch wollte er mir anfangs gar nicht geben , aber da wurde ich böse , und ich möchte wohl sehen , was er mir verweigert , wenn ich ihm ein Gesicht mache . « » Höre , Kind , ich glaube , der Assessor hat einen sehr dummen Streich gemacht , als er deine französischen Uebungen veranlaßte , « brach Frank jetzt los . » Dieser stille , blasse Doktor mit seiner sanften Stimme und seinem schüchternen Wesen hat es dir wahrhaftig angethan und ist allein schuld an der schlimmen Behandlung , die du dem armen Hubert zu teil werden läßt . Du wirst doch keine Thorheiten machen ? Der Doktor ist nichts weiter als ein ehemaliger Hauslehrer , der bei seinem früheren Zöglinge lebt und eine Pension von ihm bezieht . Wenn er dabei gelehrte Werke schreibt , so mag das ein Vergnügen für ihn sein , aber Geld bringt dergleichen nicht ein und am allerwenigsten ein gesichertes Einkommen . Zum Glück ist er zu schüchtern und auch wohl zu vernünftig , um auf deine Vorliebe für ihn irgend eine Hoffnung zu bauen , aber ich halte es doch für besser , wenn die französischen Stunden jetzt ein Ende nehmen , und werde das auf schickliche Weise einzuleiten suchen . Wenn du , die kaum die Geduld hat , einen Roman zu Ende zu lesen , jetzt die Geschichte des Germanentums studierst und dich dafür begeisterst , bloß weil Doktor Fabian sie geschrieben hat , so ist mir das doch bedenklich . « Die Tochter sah bei dieser väterlichen Ermahnung sehr unzufrieden aus und bereitete sich zu einem nachdrücklichen Widerspruch vor , als der Inspektor mit einer Meldung eintrat . Gleich darauf verließ Frank mit ihm das Zimmer , und Fräulein Margarete blieb in einer höchst ärgerlichen Stimmung zurück , Assessor Hubert hätte gar nichts Schlimmeres thun können , als in einer solchen Stunde zu erscheinen , aber sein gewöhnlicher Unstern führte ihn natürlich gerade jetzt herein . Er war , wie immer , die Aufmerksamkeit und Artigkeit selbst , der Gegenstand seiner Wünsche aber zeigte eine so ungnädige Laune , daß er eine Bemerkung darüber nicht unterdrücken konnte . » Sie scheinen verstimmt , Fräulein Margarete , « begann er nach mehreren vergeblichen Versuchen , ein Gespräch anzuknüpfen . » Darf man den Grund wissen ? « » Ich ärgere mich , daß gewöhnlich gerade die bedeutendsten Menschen so sehr viel Schüchternheit und so gar kein Selbstvertrauen haben , « fuhr Gretchen heraus , die mit ihren Gedanken ganz wo anders war . Das Antlitz des Assessors verklärte sich förmlich bei diesen Worten . Bedeutende Menschen – Schüchternheit – kein Selbstvertrauen – ja freilich , er war damals mitten im Kniefall stecken geblieben und noch heute nicht bis zu einer Erklärung gekommen . Die junge Dame trug allerdings selbst die Schuld daran , aber es verletzte sie doch , daß er so wenig Selbstvertrauen zeigte . Das mußte unverzüglich wieder gut gemacht werden . Der Wink konnte gar nicht deutlicher gegeben werden . Gretchen sah schon in der nächsten Minute ein , was sie mit ihren unvorsichtigen Worten , die Hubert natürlich auf seine eigene Person bezog , angerichtet hatte . Sie brachte schleunigst ihre Geschichte des Germanentums vor ihm in Sicherheit , denn der Doktor hatte ihr das Versprechen abgenommen , dem Neffen seines litterarischen Gegners nichts davon zu verraten , und beschloß , ihre Uebereilung durch möglichste Ungezogenheit wieder gut zu machen . » Sie brauchen nicht mit einem solchen Polizeiblick um mich herum zu gehen , Herr Assessor , « sagte sie . » Ich bin keine Verschwörung , und das ist ja doch das einzige auf der Welt , was sie interessiert . « » Mein Fräulein , « versetzte der Assessor würdevoll , aber doch etwas verletzt , denn er war sich bewußt , schmachtend und durchaus nicht polizeigemäß geblickt zu haben , » Sie werfen mir meinen Amts- und Pflichteifer vor , und doch glaube ich mir gerade daraus ein Verdienst machen zu können . Auf uns Beamten lastet die ganze Sorge für die Ordnung und Sicherheit des Staates ; uns danken es Tausende , daß sie abends ihr Haupt ruhig niederlegen können ; ohne uns – « » Nun , wenn Sie allein für unsre Sicherheit sorgten , dann wären wir hier in Wilicza längst totgeschlagen worden , « unterbrach ihn das junge Mädchen . » Es ist nur ein Glück , daß wir Herrn Nordeck haben ; der schafft uns nachdrücklicher Ruhe als das ganze Polizeidepartement von L. « » Herr Nordeck scheint jetzt überall einer außerordentlichen Bewunderung zu genießen , « bemerkte Hubert empfindlich , » Auch bei Ihnen . « » Ja , auch bei mir , « bestätigte Gretchen . » Ich bedaure es aufrichtig , aber meine Bewunderung gilt nun einmal Herrn Nordeck und keinem andern . « Sie warf einen sehr anzüglichen Blick auf den Assessor , aber dieser lächelte nur . » O , dieser andre würde auch niemals das kalte , fremde Gefühl der Bewunderung beanspruchen , « versicherte er . » Er hofft auf ganz andre Regungen in einer verwandten Seele . « Gretchen sah , daß die Ungezogenheit ihr nichts half . Hubert steuerte unverwandt und unbeirrt auf die Erklärung los . Das junge Mädchen hatte aber gar keine Lust , ihn anzuhören ; es war ihr unangenehm , ihm ein Nein geben zu müssen , und sie fand es weit bequemer , das durch ihren Vater abmachen zu lassen . Deshalb fuhr sie mit der ersten besten Frage dazwischen , die ihr gerade in den Sinn kam . » Sie haben mir ja so lange nichts von Ihrem berühmten Onkel in J. erzählt . Was macht er denn jetzt ? « Der Assessor , der in dieser Frage nur ihre Teilnahme an seinen Familienangelegenheiten erblickte , ging bereitwillig darauf ein . » Mein armer Onkel hat in der letzten Zeit sehr viel Aerger und Verdruß gehabt , « berichtete er . » Es gibt an der Universität eine Gegenpartei – welches wahrhaft Große hätte nicht seine Neider und Feinde ! – an deren Spitze Professor Weber steht . Dieser Herr hascht förmlich nach Popularität ; die Studenten hängen mit blinder Vorliebe an ihm ; alle Welt spricht von seiner Liebenswürdigkeit , und mein Onkel , der dergleichen Kunstgriffe verschmäht und sich überhaupt nie um die öffentliche Meinung kümmert , wird von allen Seiten angefeindet . Jetzt hat die Gegenpartei , einzig ihm zum Aerger , einen ganz obskuren Menschen auf den Schild gehoben und unterfängt sich , dessen Erstlingswerk neben die Schwarzschen Schriften über den Germanismus zu setzen . « » Es ist wohl nicht möglich , « meinte Gretchen . » Neben die Schriften meines Onkels , « wiederholte der Assessor mit großartiger Entrüstung . » Ich kenne weder den Namen , noch die näheren Umstände . Mein Onkel liebt es nicht , sich in seinen Briefen über Einzelheiten auszusprechen , aber die Sache hat ihn dermaßen geärgert , und sein Konflikt mit dem Professor Weber ist zu einer solchen Höhe gediehen , daß er daran gedacht hat , seine Entlassung zu nehmen . Es ist natürlich nur eine Drohung ; man läßt ihn in keinem Falle fort . Die Universität erlitte ja durch sein Ausscheiden einen unersetzlichen Verlust , aber er hielt es doch für notwendig , einen Druck auf die betreffenden Persönlichkeiten zu üben . « » Ich wollte ,