noch beschäftigt hatte . Augenblicklich war aber nichts von diesen beiden Eigenschaften an dem Herrn Professor wahrzunehmen , er hatte den Arm um das junge Mädchen gelegt und küßte wieder und immer wieder das rosige Gesichtchen , und Dora ließ sich das ganz ruhig gefallen . Beide waren so vertieft in das Küssen und Geküßtwerden , daß sie gar nicht den Nahenden bemerkten , der starr und regungslos dastand wie eine Salzsäule und erst nach einigen Minuten die Sprache zurückgewann . » Aber Dora ! – Herr Kollege ! « Die Gerufenen schreckten auf , Dora stand da wie mit Glut übergossen , Normann jedoch stürzte auf den Ueberraschten los und überfiel ihn mit einer stürmischen Umarmung . » Kollege ! Schwiegervater ! Da bin ich und stelle mich als Schwiegersohn vor ! « Wäre ihm ein Schwiegersohn aus den Wolken und geradeswegs vor die Füße gefallen , Herwig hätte nicht erstaunter und erschrockener aussehen können als bei dieser Ankündigung , und als nun auch Dora herbeiflog und ihren Kopf an seiner Schulter barg , rief er ganz fassungslos ! » Aber Kind , ums Himmels willen , was soll das heißen ? Hast du wirklich – « » Ja , sie will mich , Kollege ! « unterbrach ihn Normann triumphierend . » Sie will mich wirklich und wahrhaftig ! Sie begreifen das nicht ? Ich auch nicht , aber ich nehme sie . O , ich nehme sie unter allen Umständen ! « » Ja , Papa , du wirst uns wohl deinen Segen geben müssen , « sagte Dora leise mit einem glücklichen Lächeln . » Julius kam zu Fuß vom Bahnhof und sah mich im Garten , und da – da ist er zuerst zu mir gekommen . « Herwig war vorläufig noch zu bestürzt , um den segnenden Vater zu spielen . Er hätte eher des Himmels Einfall erwartet als diese Verlobung . Seine heitere , übermütige Dora und dieser herbe , unzugängliche Mann , der jeder Lebensfreude abhold war , das ging doch nun und nimmermehr ! Normann mochte ihm diese Bedenken wohl vom Gesichte ablesen , denn er sagte mit einem Spott , der aber nichts Herbes mehr hatte , sondern sehr gutmütig klang : » Kollege , Sie sehen aus , als möchten Sie vor Ihrem künftigen Schwiegersohn am liebsten drei Kreuze schlagen . Eigentlich verdenke ich Ihnen das gar nicht , denn ich bin ein verzweifelt unliebenswürdiger Geselle , doch das gibt sich , glauben Sie mir , das gibt sich , sobald Dora meine Frau ist . Den Anfang zum Menschlichwerden habe ich schon gemacht – sehen Sie mich nur an ! « Er fuhr sich mit beiden Händen durch das Haar , eine Bewegung , mit der er jetzt merkwürdig schnell fertig wurde , denn die » Urwaldsmähne « war verschwunden , Ihre Bändigung war nur möglich gewesen , wenn man täglich eine Flasche Haaröl dazu verbrauchte , und da der Professor keine Lust verspürte , zeitlebens als » Oelgötze « umherzulaufen , so hatte er den geliebten Hauptschmuck zum Opfer gebracht und sah nun mit dem kurzgeschnittenen Haar und dem förmlich verklärten Ausdruck in den einst so grimmigen Zügen um zehn Jahre jünger aus . » Ja , der Anfang ist vielversprechend , « versicherte Dora schelmisch , » aber in den nächsten Wochen kommt die Feuerprobe , Herr Professor , da müssen wir Brautbesuche machen bei der halben Stadt . « Das eben noch so strahlende Gesicht Normanns wurde sehr lang bei dieser Ankündigung und in kleinlautem Tone wiederholte er : » Brautbesuche ? Muß das sein , Dora ? « » Ja , Julius , es muß sein , « erklärte die junge Dame mit der ganzen Entschiedenheit einer Braut , die entschlossen ist , sich in ihrer künftigen Ehe das Scepter nicht entwinden zu lassen . Der künftige Ehegemahl faltete denn auch ergebungsvoll die Hände und sagte wehmütig : » Wenn es denn durchaus nicht anders geht – in Gottes Namen ! « Das war nun allerdings eine großartige Selbstüberwindung , die auch ihren Eindruck auf Herwig nicht verfehlte . Er blickte in die bittenden Augen seines Kindes , das sich jetzt an ihn schmiegte und leise mahnte : » Papa , wir warten noch immer auf deine Einwilligung ! « Er breitete die Arme aus und rief : » Nun , da wird mir wohl nichts anderes übrig bleiben , als auch zu sagen : Wenn es durchaus nicht anders geht – in Gottes Namen ! « – » Wo steckt denn aber der Junge , der Friedel ? « rief Normann , nachdem die allgemeine Umarmung vorüber war . » Ich habe ihn vorhin fortgeschickt , weil er gänzlich überflüssig war bei meinem Gespräch mit Dora . Friedel , wo steckst du ? « Der Gerufene kam hinter den Rosengebüschen am anderen Ende des Gartens hervor . Er hatte Dora bereits begrüßt , ehe er seiner gänzlichen Ueberflüssigkeit wegen fortgeschickt wurde , und näherte sich nun dem Professor Herwig , der ihn verwundert anblickte . Allerdings hatte Friedel die ihm so streng anbefohlene Entwickelung erst zur Hälfte durchgemacht . Dick war er nicht geworden , aber rotbackig , ein schlanker hübscher Bube , aus dessen Blauaugen jetzt auch die frohe Jugendlust leuchtete wie bei seinen Altersgenossen . Das arme , verkümmerte Pflänzchen hatte sich überraschend schnell in ein blühendes Menschenkind verwandelt . Was der Aufenthalt in Schlehdorf begonnen , das hatten die letzten sechs Monate vollendet , der Knabe war augenscheinlich völlig gesund . » Komm zu mir , Friedel ! ich habe dich ja noch gar nicht recht gesprochen , « sagte Dora , » Nun , wie war es im Winter ? Hast du brav Stiefel geputzt ? « Sie warf einen neckischen Blick zu ihrem Bräutigam hinüber , der die Frage nicht zu hören schien . » Gezeichnet hab ' ich ! « rief Friede ! mit aufleuchtenden Augen , » Der Herr Professor hat einen anderen Stiefelputzer angenommen ! « » Der Arzt behauptete ja , daß der Junge einstweilen noch geschont werden müsse , « brummte Normann in sichtlicher Verlegenheit , » und da hat er natürlich gekritzelt vom Morgen bis zum Abend . Aber wart nur , jetzt bist du gesund , nun nimmt das Herrenleben ein Ende und das Kritzeln auch – und übrigens kannst du jetzt Fräulein Dora und mir Glück wünschen , wir sind ein Brautpaar und werden uns heiraten . « » Ja – das hab ' ich schon in Schlehdorf gewußt ! « versetzte Friedel mit Seelenruhe . » Nun , da hast du mehr gewußt als wir selber , « scherzte Dora , aber ihr Schützling sah mit pfiffigem Lächeln zu ihr auf . » Ich hab ' s auch erst gemerkt , als das Fräulein fort war und der Herr Professor nichts that , als den Schleier anschauen . Den Schleier hab ' ich aber gestohlen und wurde so arg gescholten darum , und dann nahm ihn mir der Herr Professor fort und behielt ihn selbst und hat ihn angeschaut morgens und abends und mittags auch noch , und der Sepp – « » Du verwünschter Junge , willst du wohl schweigen ! « fuhr Normann auf und wollte ihn beim Schopf nehmen , allein seine Braut trat dazwischen . » Meinen Schleier , den ich bei der Abreise vermißte ? Und was hat denn der Sepp damit zu thun ? « » Untersteh dich und sage ein Wort ! « drohte der Professor , während Dora lachend den Knaben ermutigte : » Erzähle nur , Friedel ! Es geschieht dir nichts . « Friedel schien ein untrügliches Ahnungsvermögen zu besitzen , er wußte bereits ganz genau , wem er zu gehorchen hatte , und hielt es mit der stärkeren Partei . Unter ihrem Schutz fing er vergnüglich an zu schwatzen und erzählte die ganze Geschichte von Anfang bis zu Ende . » Aber Kollege , Kollege ! « sagte Herwig halb lächelnd , halb vorwurfsvoll . » Ein Mann der Wissenschaft und Aberglaube ! Wie reimt sich das ? « » Pah , die Liebe ist auch ungereimt , « erklärte Normann und sah seine Braut an , die ihn auslachte , so hell , so lustig und übermütig wie einst in den Bergen . » Und da verlangte dieser Herr Professor , daß man Respekt haben soll vor seinem › höheren Standpunkte ‹ ! Julius , schämst du dich denn gar nicht vor Papa und mir ? « Der Herr Professor war viel zu glücklich , um sich zu schämen . Er hatte sich auf seinem höheren Standpunkte nicht halb so wohl befunden wie bei diesem Herabsinken zum schmählichsten Aberglauben , und was hatte es denn überhaupt mit dem Aberglauben zu thun , wenn man den Schleier seiner Dame bei sich trug und bisweilen anschaute ? Das war Herzenssache . Daß aber der dumme Junge , der Friedel , plaudern mußte ! Normann hatte große Lust , ihn dafür noch nachträglich beim Kragen zu nehmen ; als er jedoch dies helle , herzerfrischende Lachen hörte , das er so lange hatte entbehren müssen , gab er die Rachegedanken auf und – lachte mit . Der alte Gärtner erschien jetzt , um zu melden , daß das Gepäck des Herrn Professors vom Bahnhofe gekommen sei . Herwig ging voran ins Haus , um das Nötige anzuordnen , und das Brautpaar folgte langsam . Da blieb Dora auf einmal stehen und wies auf einen Rosenstrauch , der , all seinen Gefährten voraus , schon über und über voll frischer zartgrüner Triebe war . » Das ist mein Pflegling vom vergangenen Jahre ! Sieh nur , wie kräftig er treibt , im Sommer bringt er sicher wieder eine Fülle von Rosen . – Und was den Friedel betrifft – den behalten wir doch im Hause ? « » Damit er dort auch überall herumspioniert wie in Schlehdorf – ich werde mich hüten ! « sagte Normann . » Morgen gehe ich mit ihm zu deinem Lehrer , der ihn wohl auch wieder für ein Wunderkind erklären wird , wie alle die Herren Künstler , die ich daheim um Rat fragte . Sie sind ja einig über dies sogenannte großartige Talent des Jungen . Er kommt in die Zeichenschule und später geht er zur Akademie , und wenn er in zehn Jahren nicht ein großer Mann ist , dann drehe ich ihm noch nachträglich den Hals um ! « Friedel vernahm weder diese Entscheidung über seine Zukunft noch die fürchterliche Drohung , die sich daran knüpfte . Er war mit dem Professor Herwig vorausgegangen , und die Geschichte mit dem Schleier ging ihm noch immer im Kopfe herum . Er hatte doch den Schleier gestohlen und der Herr Professor gewann die Braut , das paßte eigentlich gar nicht und wollte dem Friedel auch durchaus nicht einleuchten . Aber er tröstete sich schließlich mit der Ueberzeugung , daß er trotz alledem die Hauptperson bei der ganzen Sache gewesen war , denn – wie der alte Sepp so nachdrücklich betonte – » gestohl ' n muß es halt sein ! « Der Lebensquell In voller Fahrt durchschnitt der Dampfer die tiefblaue Flut des Ionischen Meeres , die , leise wogend , nur von einem leichten Windhauche bewegt , das leuchtende Blau des Himmels widerzuspiegeln schien . Auf dem Vorderdeck stand eine kleine Gruppe von Reisenden und blickte in das Meer hinaus , wo fern am Horizont , noch in bläulich nebelhaften Umrissen , eine Küste mit steil aufragenden Bergen sich zeigte . Die schlanke Dame , die an der Brüstung lehnte , mochte am Ende der Zwanzig stehen . Es war eine zarte , höchst anziehende Erscheinung , mit einem etwas bleichen Gesicht und großen dunklen Augen , aber es lag ein Hauch tiefer Müdigkeit und Gleichgültigkeit auf dem noch so jugendlichen Antlitz . Auf dem dunklen Haar saß ein graues Filzhütchen , dessen Schleier in dem frischen Morgenwinde auf und nieder flatterte , und der graue Reiseanzug verriet trotz seiner Einfachheit , daß die Dame den vornehmen Ständen angehörte . Sie beobachtete mit dem Fernglase in der Hand das auftauchende Land und wandte sich jetzt zu einem jungen Manne , der neben ihr stand . » Sie haben recht , es ist die Küste von Korfu . Sie sehen es zum erstenmal ? « » Jawohl , gnädige Frau , « versetzte der Gefragte . » Ich habe bisher überhaupt noch nicht viel von der Welt gesehen und will jetzt das Versäumte nachholen . Mein seliger Papa hielt gar nichts vom Reisen , er saß jahraus , jahrein in seiner Fabrik und mochte das Herumtreiben in der Welt , wie er es nannte , nicht leiden . Merkwürdig , nicht wahr ? Ja , mein Papa war überhaupt ein ganz merkwürdiger Mann . – Denken Sie lange in Korfu zu bleiben ? « » Wahrscheinlich einige Wochen , da wir den Winter in Aegypten zubringen wollen , und vor dem November kann man ja nicht dorthin . « » O , Aegypten , das ist auch mein Reiseziel ! Ich sagte es Ihnen ja bereits , gnädige Frau . Ich wollte sogar nur einige Tage auf der griechischen Insel zubringen , aber ich kann meine Pläne ändern . « Der junge Mann , der ungefähr in dem gleichen Alter stand wie seine Nachbarin , schien bereits entschlossen zu dieser Aenderung . Viel Geist lag gerade nicht in seinen Zügen , aber sie waren sehr hübsch , und der höchst elegante Reiseanzug stand ihm vortrefflich . Er wandte sich jetzt zu einem alten Herrn , der , die Arme auf die Brüstung gestützt , eine Herde von Delphinen beobachtete , die in der durchsichtig klaren Flut ihr Spiel trieben . » Da kommt das Land in Sicht , Herr Geheimrat , die Küste von Korfu . In einigen Stunden werden wir landen . « » Gott sei Dank , dann hat man doch endlich wieder festen Boden unter den Füßen ! « sagte der Geheimrat , sich emporrichtend . » Seit zwei Tagen sind wir unterwegs , und ich bin gar nicht angelegt für Seereisen ; wenn nun vollends die Seekrankheit kommt – « » Sie kommt nicht bei dieser ruhigen Fahrt , « unterbrach ihn die junge Frau . » Du siehst es ja , Papa , sie hat niemand auf dem Schiffe belästigt . « » Sie hätte aber doch kommen können ! « meinte der Vater bedenklich . » Ich habe mich fortwährend davor geängstigt , weil Ihr Wetterglas auf Sturm stand , Herr Wellborn . Da hat sich dies vielgerühmte Glas einmal gründlich blamiert ! « » Bitte , mein Wetterglas ist vorzüglich , « widersprach Wellborn eifrig , » Es ist eine ganz neue Art , und der Erfinder war ein Genie – das heißt , mein Papa behauptet , er wäre eigentlich ein Lump gewesen . Er wollte uns nämlich eine große technische Erfindung verkaufen und erhielt eine Anzahlung , um noch die letzten Proben zu machen , aber er brannte uns durch mit dem Gelde und mit der ganzen Erfindung . Er hat uns nur das Wetterglas zurückgelassen . « » Das schon in Triest auf Sturm stand , « warf der Geheimrat ein . » Dann wird der Sturm auch kommen , verlassen Sie sich darauf , « behauptete der junge Mann mit unerschütterlicher Zuversicht . » Aber hoffentlich kommt er erst , wenn wir am Lande sind . « Die Dame schien sich bei diesem Gespräch zu langweilen , das zeigte der Ausdruck ihres Gesichtes . Sie hatte wieder das Fernglas zur Hand genommen und schaute nach der Küste hinüber , deren Umrisse immer klarer und deutlicher wurden . Sie bemerkte es nicht , daß ein anderer Reisender , der soeben aus der Kajüte heraufgekommen war und jetzt in einiger Entfernung stand , sie und ihren Vater scharf beobachtete ; auf einmal trat er an den letzteren heran und verbeugte sich . » Herr Geheimrat Rottenstein , habe ich die Ehre , noch von Ihnen gekannt zu sein , oder muß ich mich in aller Form vorstellen ? « Rottenstein sah verwundert auf , und musterte die kraftvolle Erscheinung des vor ihm Stehenden , der bereits über die Jugend hinaus war . Er blickte in ein von der Sonne tiefgebräuntes Gesicht mit nicht schönen , aber festen , energischen Zügen und durchdringenden grauen Augen . Das dichte dunkelblonde Haar und der dichte Vollbart gaben dem Manne etwas Fremdartiges , aber er sprach ein vollkommen reines Deutsch . » Ich bedaure , « sagte Rottenstein verlegen . » Ich erinnere mich wirklich nicht – mit wem habe ich das Vergnügen ? « Der Fremde lächelte flüchtig und wandte sich zu der jungen Frau . » Dann darf ich wohl bei Frau Baronin Wilkow noch weniger auf eine Erinnerung hoffen ? « Die Baronin hatte sich bei dem Klange der Stimme mit einer jähen Bewegung umgewendet , ihre Augen begegneten denen des Fragenden , die mit einem eigentümlichen , beinahe finsteren Ausdruck auf ihrem Antlitz hafteten . Sie senkte langsam die Wimpern unter diesem Blick , aber sie erwiderte in kühlem Tone : » Herr Adlau – wenn ich nicht irre . « Er verneigte sich tief und förmlich . » Sie irren in der That nicht , gnädige Frau – Robert Adlau . « » Was , der Robert ? « rief der alte Herr in maßlosem Erstaunen . » Wie in aller Welt kommst du – ich bitte um Verzeihung , wie kommen Sie hierher , Herr Adlau ? « » Bitte , bleiben Sie bei dem Robert , « sagte Adlau herzlich . » Es klingt mir wie ein Gruß aus der Heimat , die ich lange genug entbehrt habe . Aber Ihre Frage möchte ich Ihnen zurückgeben . Bei mir ist es gerade nicht wunderbar , wenn ich an irgend einem entlegenen Punkte der Welt auftauche , doch wo kommen Sie her ? « » Wir kommen von Triest und wollen nach Korfu . « » Dann haben wir den gleichen Weg , dahin gehe ich auch , aber ich bin erst in der letzten Nacht an Bord gekommen , als der Dampfer in Brindisi anlegte . « Es trat ein kurzes Schweigen ein , fast wollte es scheinen , als waltete bei diesem unerwarteten Zusammentreffen irgend ein Zwang vor ; aber jetzt mischte sich Herr Wellborn in das Gespräch und bat , dem fremden Herrn vorgestellt zu werden , in dem er so etwas wie einen Weltreisenden witterte . Er stürzte sich deshalb schleunigst auf diese neue Bekanntschaft , die sich nur leider sehr kühl verhielt . Adlau streifte ihn mit einem flüchtigen Blick , nahm die Vorstellung mit einer ziemlich nachlässigen Verbeugung entgegen und sagte gar nichts , während der junge Mann auf ihn einsprach . » Ich mache gegenwärtig meine erste größere Reise , « erklärte er . » Ich bin gewissermaßen noch Lehrling in dem höheren Reiseleben , hoffe aber mit der Zeit Meister darin zu werden , wie die Frau Baronin es ist , und wie Sie es ohne Zweifel sind , Herr Adlau . Habe ich vielleicht das Vergnügen , einen unserer kühnen Forscher und Entdecker in Ihnen zu begrüßen ? Einen Afrikareisenden – « » Bitte , nichts dergleichen , « schnitt ihm der andere ohne weiteres das Wort ab . » Wirklich nicht ? Aber Sie sehen so ungemein tropisch aus und Sie äußerten ja auch vorhin , daß Sie an den entlegensten Punkten der Welt zu finden seien . Wo waren Sie zuletzt , wenn ich fragen darf ? « » In Amerika . « » O , Amerika ! Das kenne ich auch noch nicht , aber ich will später jedenfalls hinüber . Waren Sie in New York , Chicago ? « » So ziemlich überall in dem ganzen Weltteil . « » Das muß höchst interessant gewesen sein ! « » Je nachdem , « sagte Adlau trocken . » Es kann unter Umständen auch recht ungemütlich sein . Man entbehrt dort bisweilen die allernotwendigsten Kulturerrungenschaften . Handschuhe zum Beispiel kann man weder beim Goldgraben in Kalifornien noch in den Ranchos von Brasilien tragen . « » Fatal , aber trotz alledem interessant , « meinte Herr Wellborn , der sehr enganschließende wildlederne Handschuhe trug und den Spott durchaus nicht merkte . Er fragte unermüdlich weiter , bis Robert Adlau ungeduldig wurde und ihn abschüttelte . Er wandte sich wieder dem Geheimrat zu mit den Worten : » Ich komme soeben vom Rhein , aus unserer gemeinsamen Heimat , und da darf ich wohl nicht versäumen , mich Ihnen als zukünftigen Gutsnachbar vorzustellen . « » Als was ? « fragte Rottenstein verwundert . » Ich wüßte wirklich nicht – « » Nun , Sie sind doch Besitzer von Lindenhof , wie man mir sagte . « » Gewiß , vor fünf Jahren , als ich meinen Abschied nahm , habe ich den hübschen kleinen Landsitz erworben . « » Das hörte ich zufällig beim Abschluß meines Kaufvertrages ; nun , unmittelbar daran grenzt das Gebiet von Brankenberg . « » Brankenberg ? Das haben Sie doch nicht etwa gek – « dem alten Herrn blieb vor Erstaunen das Wort im Munde stecken . » Gekauft , allerdings , « ergänzte Adlau , » Herr von Brankenberg hat sich nur noch eine kurze Frist ausbedungen . Er will erst im November das Schloß räumen und das Gut übergeben , und da ich in der Zwischenzeit doch nichts beginnen konnte , so beschloß ich einen Besuch bei meiner Schwester , die gegenwärtig in Korfu lebt als Frau unseres dortigen Konsuls . « Rottenstein sah noch immer aus , als traute er seinen Ohren nicht , aber auch Frau von Wilkow , die sich bisher gar nicht an dem Gespräch beteiligt hatte und kaum zuzuhören schien , wurde aufmerksam . Auch sie streifte den neuen Gutsherrn mit einem höchst erstaunten Blick , indessen äußerte sie nichts darüber , sondern sagte nur : » Wir erfuhren allerdings von Metas Heirat . Sie haben sie ja wohl jahrelang nicht gesehen ? « » Das letzte Mal vor zwölf Jahren , als ich Europa verließ . « » Das ist allerdings eine lange Zeit . « » O ja ! Lang genug , um in der Heimat vergessen zu werden . « Die Worte klangen so herb , als läge ihnen eine geheime Bedeutung zu Grunde . Die junge Frau hob den Kopf und schien im Begriff , eine gereizte Antwort zu geben , aber es kam nicht dazu . Der alte Ausdruck von Müdigkeit und Gleichgültigkeit legte sich wieder über ihre Züge , und sie erwiderte mit einem leichten Achselzucken : » Das Vergessen pflegt meist gegenseitig zu sein ; aber ich finde es recht kühl hier oben , ich werde hinunter in die Kajüte gehen . Du bleibst wohl noch auf dem Deck , Papa ? « Sie neigte flüchtig das Haupt gegen die Herren und ging ; gleichzeitig verlor Herr Wellborn auch alle Lust , noch länger auf dem Deck zu bleiben . Er bemächtigte sich eiligst des Fernglases , das die Dame hatte liegen lassen , und trug es ihr nach . Zwischen den beiden Zurückgebliebenen aber wollte kein rechtes Gespräch in Gang kommen , obgleich dies Wiedersehen nach so langer Zeit doch Stoff genug dazu bot . Der alte Herr kämpfte sichtlich mit einer Verlegenheit , deren er nicht Herr zu werden vermochte , und Adlau blickte schweigsam und zerstreut in das Meer hinaus . Auf einmal aber richtete er sich empor , mit einer raschen Bewegung , als würfe er irgend etwas Lastendes von sich . » Herr Geheimrat , wozu der Zwang zwischen uns beiden ! Sind wir uns denn so fremd geworden ? Als Sie mich erkannten , sah ich ja , daß Sie mir die alte freundliche Gesinnung bewahrt haben , und ich bin auch der alte geblieben – Ihnen gegenüber . « » Wirklich , Robert ? « rief Rottenstein , der jetzt zum erstenmal wieder die vertrauliche Anrede gebrauchte . » Das freut mich , freut mich von ganzem Herzen ! Ich habe Sie immer gern gehabt , aber Sie waren ja ganz wild damals , als – nun , Sie wissen ja , was ich meine . Jetzt ist das hoffentlich vergessen . « » Vergessen und begraben ! Ich hatte anderes zu thun in den letzten zwölf Jahren , als alten Erinnerungen nachzuhängen . Also – auf gute Nachbarschaft zwischen Lindenhof und Brankenberg ! « » Auf gute Nachbarschaft ! « Der alte Herr schlug herzlich in die dargebotene Hand ein , ihm war offenbar ein Stein von der Brust gefallen . Er nahm auf einem Feldstuhl Platz und fing behaglich an zu plaudern . » Also vor allen Dingen , wie geht es Ihnen , Robert ? Doch die Frage ist eigentlich überflüssig , wer Brankenberg kaufen kann , muß ein reicher Mann sein . « » Wenigstens kein armer Mann , « sagte Robert gelassen . » Aber es ist mir nicht leicht gemacht worden , bis ich dahin kam . Jahrelang hatte ich nichts als Fehlschläge und Enttäuschungen ; was ich heute gewann , zerrann morgen , bis es endlich aufwärts ging , und da ging es allerdings schnell , wie alles da drüben . Doch das erzähle ich Ihnen ausführlich , wenn wir im Winter behaglich am Kamin sitzen ! « » Im Winter ! Da sitze ich ja in Kairo bei den Pyramiden ! « rief der Geheimrat in kläglichem Tone . » Ich muß ja nach Afrika ! « » Sie müssen ? Weshalb denn ? « » Weil Elfriede den Winter in Deutschland nicht aushält . Ich meine , sie könnte als Frau und Witwe füglich allein reisen , aber das will sie durchaus nicht . Unter uns gesagt , Robert , ich mache mir aus diesem vielgepriesenen Orient nicht das geringste . Diese Pyramiden sehen mir schon auf den Bildern so langweilig aus , bei den Mumien wird mir übel und die Kamele kann ich nicht ausstehen . Und nun vollends diese ungemütlichen Bestien , die Löwen und Krokodile – « » Die kommen nicht nach Kairo , « warf Adlau ein . » Da müssen Sie schon weit nilaufwärts oder in die Wüste gehen . « » Aber wir wollen ja bis an die Katarakte ! « rief der alte Herr verzweiflungsvoll . » Und Elfriede will auch in die Wüste , sie will überallhin ! Das ist sie noch von ihrem Manne gewohnt , der trieb sich auch am liebsten in der Nähe des Aequators herum , aus Gesundheitsrücksichten , wie er behauptete . Als sie den Baron heiratete – « er hielt plötzlich inne und blickte etwas unsicher zu seinem Gefährten auf , aber dieser ergänzte ruhig : » Vor zehn Jahren , ich weiß . Sie sandten mir ja die Verlobungsanzeige . « » Ja , ich – das heißt , eigentlich hat es meine Frau gethan , « sagte Rottenstein . » Ich habe mich bei der ganzen Sache neutral verhalten , denn Wilkow war bedeutend älter als meine Tochter und sehr kränklich . Er mußte stets den Winter in den südlichen Kurorten zubringen , deshalb gaben sie auch bald ihren Haushalt in Berlin auf und führten nur noch ein Reiseleben . Das ging von einem Lande in das andere , ohne Rast und Ruhe , sie waren immer auf der Fahrt , bald in Italien , bald in Madeira oder Korfu , schließlich in Aegypten , und dort starb auch mein Schwiegersohn , vor zwei Jahren , Aber als Elfriede zurückkam – sie brachte die erste Zeit ihrer Witwentrauer bei mir zu – da war nichts mehr übrig von meiner rosigen , lustigen Friedel mit dem neckischen Uebermute und dem hellen Lachen , gar nichts mehr . « Robert Adlau lehnte mit verschränkten Armen an der Brüstung , an demselben Platze , wo vorhin die bleiche , nervöse Frau gestanden hatte , er hörte mit völlig unbewegter Miene zu und fragte jetzt in kühlem Tone : » War die Ehe der Frau Baronin keine glückliche ? « » Doch , sie war glücklich ; Wilkow trug seine Frau auf Händen und erfüllte ihr jeden Wunsch . Ich glaubte , dies ewige Reiseleben sei ihr nicht gut bekommen , und hoffte , sie würde sich nun endlich Ruhe gönnen , aber daran war nicht zu denken . Kaum daß sie den Sommer in Lindenhof aushielt , im Winter ging es nach Italien , und ich – ging mit ! « » Freiwillig oder gepreßt ? « Der alte Herr ließ die Frage unbeantwortet , er seufzte nur aus tiefstem Herzensgrunde ; plötzlich aber faßte er seinen Nachbar beim Rock und zog ihn näher , während er halblaut fortfuhr : » Robert , wenn Sie wüßten , was ich ausgestanden habe bei diesen Kunststrapazen , bei diesen Antiken , die nie ein Ende nehmen und immer besichtigt sein wollen ! Hätte ich in Rom nicht ein paar Landsleute aufgespürt , die sich abends zu einem kleinen gemütlichen Skat zusammenfanden , ich glaube , ich wäre an all den Galerien und Museen und Antiken zu Grunde gegangen . « Das Geständnis klang so jämmerlich , daß Adlau laut auflachte . » Armer Herr Geheimrat ! Sie sind gar nicht angelegt für das › höhere Reiseleben ‹ , wie dieser wißbegierige junge Mann mit den engen Handschuhen es nennt . « » Nein , ganz und gar nicht , « bestätigte Rottenstein , der immer mitteilsamer wurde . » Ich dankte Gott , als es endlich wieder nach Hause ging . Im Sommer hatte ich Ruhe , da war Elfriede in England und Schottland zum Besuch bei irgend einer englischen Familie , die sie irgendwo da unten kennen gelernt hatte , aber jetzt geht die Plage wieder an . Ich wäre so gern daheim