die bewundernden Blicke und flüsternden Bemerkungen , welche ihr überall folgten . Er sagte sich , daß auch der einstige Gatte diese Blicke sehen , diese Bemerkungen hören müsse , und mit einem kaum verhehlten Gefühl des Triumphes schritt er an der Gruppe vorüber . Die Menge der auf- und abwogenden Gäste und die zahlreichen Gesellschaftsräume machten es für die , welche sich nicht sehen wollten , leicht , einander auszuweichen . Es mochte ungefähr eine Viertelstunde seit dem Erscheinen Erlau ’ s vergangen sein , als Capitain Almbach herantrat , um ihn zu begrüßen . „ Sind Sie denn überall , Herr Capitain ? “ fragte der Consul überrascht . Hugo machte eine halb ironische Verbeugung . „ Ich habe die Ehre . Mißfällt Ihnen das so sehr ? “ „ Nicht doch ! Sie wissen ja , daß ich Sie immer gern sehe , aber am dritten Orte trifft man Sie leider nur in Begleitung Ihres Bruders . Es scheint , man kann keinen Schritt in die Gesellschaft thun , ohne auf Signor Rinaldo zu stoßen . “ „ Er ist mit dem Herrn des Hauses befreundet , “ erklärte Hugo . „ Natürlich , “ grollte der Consul . „ Ich möchte einen Kreis kennen , der ihn nicht vergöttert , und in dem er nicht dominirt . Ich konnte die Einladung unseres Gesandten nicht ausschlagen und wollte meiner armen Eleonore doch endlich einmal etwas Anderes zeigen , als nur das Krankenzimmer . Haben Sie sie schon gesprochen ? “ „ Allerdings , “ sagte der Capitain , nach der andern Seite des Saales hinüberblickend , wo Ella im Gespräch mit dem Marchese , dem Lord und einigen Damen stand , „ das heißt , so weit Marchese Tortoni mir die Möglichkeit dazu ließ . Er beansprucht durchaus den Löwenantheil der Unterhaltung . Ich halte mich bescheiden zurück . “ „ Ja , bester Capitain , daran werden Sie sich gewöhnen müssen , “ lachte Erlau . „ Im Gesellschaftskreise ist Eleonore selten frei für die Unterhaltung eines Einzigen . Ich wollte , Sie sähen Sie einmal , wenn sie in meinen Salons die Honneurs macht . Wir sind fast gänzlich fremd hier , sonst , versichere ich Ihnen , wären Marchese Tortoni und Lord Elton nicht die Einzigen , über die Sie sich in solcher Weise ärgern . “ Ella hatte inzwischen ihr Gespräch beendigt und verließ jetzt mit einer leichten Verneigung die Gruppe , um zu ihrem Pflegevater zurückzukehren . Da der Marchese zu seinem großen Mißvergnügen durch eine der Damen in der Unterhaltung festgehalten wurde , schritt die junge Frau ganz allein durch den Saal , als plötzlich in der Mitte desselben ein dunkles Sammetgewand das ihrige so nah und heftig streifte , daß es beinahe wie Absicht aussah . Aufblickend gewahrte sie dicht vor sich das schöne , aber in diesem Augenblick fast erstreckende Antlitz Signora Biancona ’ s. Ella verrieth indeß weder Schrecken noch Verlegenheit , sie nahm langsam ihr Spitzenkleid auf und trat etwas seitwärts . In der Bewegung lag ein ruhiger , aber sehr entschiedener Protest gegen jede Berührung von dieser Seite , und Beatrice schien ihn nur zu gut zu verstehen , trotzdem trat sie noch näher . Die junge Frau fühlte einen heißen Athem dicht an ihrer Wange und vernahm die geflüsterten Worte : „ Signora , ich bitte Sie um einige Minuten Gehör ! “ Ella antwortete mit einem Blick des Erstaunens und der Entrüstung . „ Sie – mich ? “ fragte sie gleichfalls leise , aber mit einer nicht mißzuverstehenden Betonung . „ Ich bitte um einige Minuten , “ wiederholte Beatrice . „ Sie werden sie mir gewähren Signora . “ „ Nein ! “ „ Nicht ? “ Die Stimme der Italienerin bebte in kaum verschleiertem Hohne . „ Also fürchten Sie mich so sehr , daß Sie nicht einmal ein kurzes Alleinsein mit mir wagen ? “ [ 587 ] Signora Biancona schien die rechte Saite berührt zu haben , die bloße Möglichkeit einer solchen Annahme brach Ella ’ s Widerstand . „ Ich werde Sie anhören , “ entgegnete sie rasch . „ Aber wo ? “ „ In der kleinen Veranda zur Rechten der Galerie . Wir sind dort allein ; ich werde vorangehen – Sie dürfen mir nur folgen . “ Mit einer kaum merklichen Bewegung neigte Ella das Haupt . Die wenigen Worte waren so rasch und leise gewechselt worden , daß Niemand eine Silbe davon vernommen , Niemand auch nur die Annäherung der beiden Frauen bemerkt hatte , die in jener Minute nur von Fremden umgeben waren ; deshalb fiel es auch Keinem auf , als Signora Biancona gleich darauf aus dem Saale verschwand und Ella einige Minuten später diesem Beispiele folgte . Die mit Statuen und Gemälden geschmückte Galerie neben dem großen Empfangssaale war beinahe leer . Nur wenige der Gäste hatten den kühleren Raum aufgesucht , an dessen Ende eine Glasthür auf eine halb offene Veranda führte , die bei Tage wohl einen weiten Ausblick auf die umliegenden Gärten gestatten mochte , heute Abend aber den Festräumen beigesellt zu sein schien , denn auch sie war mit hohen Blumengewächsen und Blattpflanzen geschmückt und , wenn auch nicht so glänzend wie die Säle , doch hinreichend erleuchtet . Jedenfalls war sie ganz leer , und der abgelegene , halb versteckte Raum , der den wenigsten Gästen bekannt war , bot die Möglichkeit eines ungestörten Gesprächs . Beatrice befand sich bereits dort , als Ella ’ s Spitzenkleid über die Schwelle rauschte , aber die junge Frau blieb in unmittelbarer Nähe derselben stehen , ohne auch nur einen einzigen Schritt weiter vorwärts zu thun . Genau mit jener unnahbar stolzen Haltung , die sie bei der ersten Begegnung in der Locanda gezeigt , erwartete sie auch hier den Beginn dieser halb erzwungenen Unterredung . Die Augen der Italienerin hingen mit einem wahrhaft verzehrenden Ausdrucke an der weißen Gestalt , die , vom Lampenlicht hell umflossen , ihr gegenüberstand , und deren Schönheit sie geradezu vernichtend berührte . „ Signora Eleonore Almbach ! “ begann sie endlich . „ Ich bedaure , Ihnen erklären zu müssen , daß Ihr Incognito bereits verrathen ist . Vorläufig allerdings nur mir , ich glaube aber nicht , daß Sie es auf die Dauer werden behaupten können . “ „ Und auf wen würde das fallen ? “ fragte Ella ruhig . „ Ich schonte nicht mich , als ich mir dieses Incognito auferlegte . “ „ Wen denn ? Vielleicht Rinaldo ? “ „ Ich kenne Signor Rinaldo nicht . “ Die Worte klangen in so eisiger Bestimmtheit , daß ein Zweifel an dem , was sie ausdrücken sollten , gar nicht möglich war und Beatrice einen Moment lang davor verstummte . Sie war völlig außer Stande , einen Stolz zu begreifen , der den einmal begangenen Treubruch selbst einem Rinaldo nicht verzieh . „ In der That , auf diese Verleugnung war ich nicht vorbereitet , “ entgegnete sie . „ Wenn Rinaldo – “ „ Sie haben mich sprechen wollen , “ unterbrach die junge Frau sie , „ und ich versprach , Sie anzuhören . Daß mir der Entschluß nicht leicht geworden ist , brauche ich Ihnen wohl nicht erst zu versichern ; zum Mindesten erwartete ich nicht , diesen Namen von Ihnen zu vernehmen , und wünsche es auch nicht . Lassen Sie diese Unterredung so kurz wie möglich sein ! Was haben Sie mir zu sagen ? “ „ Vor allen Dingen habe ich Sie zu bitten , daß Sie einen andern Ton für unser Gespräch wählen , “ fuhr Beatrice gereizt auf . „ Sie sprechen mit Beatrice Biancona , deren Name Ihnen wohl noch in anderer Weise bekannt ist , als nur durch unsere persönlichen Beziehungen zu einander , und die wohl Haß und Feindschaft von Seiten einer Gegnerin erträgt , nicht aber die Verachtung , die Sie auszudrücken belieben . “ Ella blieb völlig unbewegt dieser Forderung gegenüber . Sie trat etwas seitwärts in den Schutz der hohen Blattgewächse , so daß sie von der Galerie aus nicht gesehen werden konnte , und wandte sich dann wieder zu der Sprechenden . „ Ich habe diese Unterredung nicht gesucht . Sie waren es , Signora , die mich gewissermaßen dazu zwang , also werden Sie es wohl auch ertragen müssen , daß ich den Ton festhalte , der mir geeignet erscheint . Mir steht Ihnen gegenüber kein anderer zu Gebote . “ Ein Blick wilden tödtlichen Hasses schoß aus den Augen Beatricens , aber sie fühlte , daß , wenn sie jetzt ihrer Leidenschaftlichkeit nachgab , ihr dies alle Haltung rauben und der Gegnerin nur einen neuen Triumph bereiten würde . Sie kreuzte deshalb die Arme und erwiderte mit vernichtendem Hohne : „ Sie lassen es mich hart büßen , Signora Almbach , daß ich Siegerin blieb in einem Kampfe , dessen Preis die Liebe Ihres Gatten war . “ „ Sie irren , “ versetzte Ella kalt . „ Ich kämpfe überhaupt nicht um die Liebe eines Mannes . Das überlasse ich den [ 588 ] Frauen , die sich solch einen Preis erst mühsam erstreiten und dann ewig zittern müssen , ihn wieder zu verlieren . “ Die letzten Worte schienen eine wunde Stelle berührt zu haben . Beatrice erblaßte . „ Freilich , Sie hatten ja ein Recht , ihn kraft des Traualtars zu fordern , “ sagte sie , noch immer den früheren Hohn festhaltend . „ Leider nur schützt auch dieser Talisman nicht vor jedem Unglücke , zum Beispiel vor dem Verlassenwerden . “ Jetzt war sie es , die schonungslos nach einer Wunde zielte , die sie selbst geschlagen hatte , aber der Pfeil prallte machtlos zurück . Die junge Frau richtete sich hoch und stolz auf . „ Allerdings nicht vor dem Schmerze eines solchen Schicksals , aber doch mindestens vor seiner Schande . Der verlassenen Gattin bleibt die Theilnahme , die Sympathie der ganzen Welt , der verlassenen Geliebten – nur die Verachtung . “ „ Nur diese ? “ sagte Beatrice dumpf . „ Sie irren Signora ; es bleibt ihr noch etwas Anderes – die Rache . “ „ Soll das eine Drohung gegen mich sein ? “ fragte Ella . „ Wer Ihre Rache herausfordert , mag sich davor zu schützen suchen . Ich weiß mich frei davon . “ „ Gewiß , Sie stammen ja aus dem Norden , wo man die Leidenschaft nicht kennt , wie wir das Wort verstehen , “ stieß die Italienerin hervor . „ Bei Euch stehen ja immer und ewig die Vorurtheile , die Pflichten , die Meinung der Welt im Vordergrunde – die Liebe einer Frau kommt erst in zweiter Linie . “ „ Allerdings erst in zweiter Linie . “ Ella ’ s Ton klang jetzt in unverschleierter Verachtung . „ In der ersten steht die Ehre der Frau ; wir sind gewohnt , sie unbedingt und überall voran zu setzen – ein Vorurtheil freilich , dessen sich Signora Biancona längst entäußert hat . “ Die junge Frau kannte die Gegnerin nicht , welche sie reizte , sonst hätte sie es vielleicht nicht gewagt , den Stolz der tief beleidigten Frau in so furchtbar vernichtender Weise sprechen zu lassen ; die Wirkung war eine erschreckende . Es war , als ob sich auf einmal ein Dämon in der Italienerin aufbäumte , als ob ihr ganzes Wesen wirklich „ Tod und Verderben sprühte “ ; so loderten die dunklen Augen auf ; ein halb erstickter Ausruf der Wuth entrang sich ihren Lippen , und Alles um sich her vergessend , that sie einige Schritte vorwärts . Ella wich zurück bei [ WS 4 ] dieser mehr als drohenden Bewegung . „ Was soll das , Signora ? “ sagte sie fest . „ Vielleicht gar ein Attentat ? Sie vergessen , wo wir uns befinden . Ich sehe , daß ich Unrecht that , auf diese Unterredung einzugehen ; es ist die höchste Zeit , daß wir sie endigen . “ Beatrice schien wieder etwas zur Besinnung zu kommen , wenigstens blieb sie stehen , obgleich der unheimliche Ausdruck nicht aus ihren Augen wich . Die Hand zerknitterte krampfhaft den schwarzen Spitzenschleier , der über ihre Schultern hinfiel ; sie bemerkte es nicht , daß dabei eine der rothen Blüthen sich aus ihrem Haar löste und zu Boden fiel . „ Sie sollen diese Worte und diese Stunde bereuen lernen , Signora , “ zischte sie zwischen den zusammengebissenen Zähnen hervor . „ Sie kennen die Rache nicht ? Nun wohl , so kenne ich sie ; das werde ich Ihnen zu zeigen wissen – Ihnen und ihm . “ – Sie rauschte davon und ließ die junge Frau allein zurück , die es nicht über sich vermochte , so unmittelbar nach dieser Scene wieder den Saal zu betreten und den besorgten Fragen Erlau ’ s Rede zu stehen . Tief aufathmend ließ sie sich auf einen der Sessel nieder und stützte den Kopf in die Hand . Diese wilde Haß- und Rachedrohung erschütterte sie doch , aber sie zeigte ihr auch die Wahrheit durch alle Schleier hindurch . Man haßt nur die siegreiche Gegnerin und rächt nur das Verlorene oder doch bereits verloren Gegebene – es war zu Ende mit der Bezauberung . Aber wem galten jene drohenden Worte ? Reinhold ? Die junge Frau erblaßte ; sie selbst hatte der Drohung kühn und fest Stand gehalten , aber bei diesem Gedanken ging es wie ein Hauch zitternder Angst durch ihre Seele , und wie im halb unbewußten Schmerze die Hand gegen die Brust pressend , flüsterte sie : „ O mein Gott , das kann ja nicht sein . Sie liebt ihn ja . “ „ Eleonore ! “ sagte eine Stimme in ihrer unmittelbaren Nähe . Ella schreckte auf ; sie erkannte beim ersten Tone die Stimme , noch ehe sie die Gestalt sah , die jenseits der Schwelle in der Thür stand , als wage sie es nicht , diese zu überschreiten . Reinhold schien Muth zu fassen , als er keine abwehrende Bewegung sah , und trat vollends ein . „ Was ist das ? “ fragte er unruhig . „ Ich finde Dich allein hier in diesem abgelegenen Raume , und soeben sah ich eine Andere von hier kommen und durch die Galerie eilen . Du sprachest – ? “ „ Signora Biancona , “ ergänzte Ella , als er inne hielt . „ Hat sie Dich beleidigt ? “ rief Reinhold aufflammend . „ Ich kenne den Blick an ihr , der nichts Gutes bedeutet . Ahnte ich es doch beinahe , als sie so plötzlich aus dem Saale verschwand und auch Du nicht mehr zu erblicken warst . Ich kam zu spät , wie es scheint . Hat sie Dich beleidigt , Ella ? “ Die junge Frau erhob sich und machte Miene , sich zu entfernen . „ Wenn sie es gethan hätte , so begreifst Du wohl , daß Dein Schutz der letzte wäre , den ich in Anspruch nehmen möchte . “ Sie wollte an ihm vorüber nach dem Ausgange schreiten . Reinhold machte keinen Versuch , sie zurückzuhalten , aber sein Blick ruhte auf ihr mit so düsterem Vorwurfe , daß sie wie unwillkürlich inne hielt . „ Eleonore , “ sagte er leise , „ noch eine Frage , ehe Du gehst , eine einzige . Du warst in meiner Oper – wozu das leugnen ? Ich habe Dich ja gesehen , wie Du mich . Was trieb Dich dorthin ? “ Ella senkte den Blick , als sei es eine Schuld , die man ihr vorhielt , und eine verrätherische Gluth floß ihr über Stirn und Wangen , als sie zögernd erwiderte : „ Ich wollte den Tondichter Rinaldo auch einmal in seinen Werken kennen lernen . “ „ Und nun Du ihn kennen gelernt hast ? “ „ Willst Du von mir ein Urtheil über Deine neue Schöpfung ? Die Welt sagt , es sei ein Meisterwerk . “ „ Es war eine Beichte , “ sagte er mit schwerer Betonung . „ Ich ahnte freilich nicht , daß Du sie hören würdest , da es aber dennoch geschehen ist – hast Du sie verstanden ? “ Die junge Frau schwieg . „ Ich sah Deine Augen nur einen Moment lang , “ fuhr er leidenschaftlicher fort , „ aber ich sah doch , daß Thränen darin standen . Hast Du mich verstanden , Ella ? “ „ Ich habe begriffen , daß der Schöpfer solcher Töne nicht ausdauern konnte in dem engen Kreise meines Elternhauses , “ entgegnete Ella fest , „ und daß er vielleicht das Beste für sich erwählte , als er sich losriß und sich hineinstürzte in ein Leben von Gluth und Leidenschaften , wie seine Töne es malen . Du hast Deinem Genius Alles geopfert – ich gebe Dir das Zeugniß , daß dieser Genius des Opfers werth war . “ Die letzten Worte klangen in tiefer Bitterkeit ; sie schienen bei Reinhold die gleiche Saite zu berühren . „ Du weißt nicht , wie grausam Du bist , “ sagte er in demselben Tone , „ oder vielmehr , Du weißt es nur zu gut , und läßt mich zehnfach büßen für jeden Schmerz , den ich Dir einst zugefügt habe . Freilich , was fragst Du auch danach , ob ich mich emporringe oder untergehe in einem Leben , das die Welt als ein Glück ohne Gleichen preist , und das ich oft , so oft schon , hätte hingeben mögen für eine einzige Stunde der Ruhe und des Friedens ! Was kümmert es Dich , ob Dein Gatte , der Vater Deines Kindes sich verzehrt in der wilden Sehnsucht nach Versöhnung mit einer Vergangenheit , die er nie ganz aus seinem Herzen zu reißen vermochte , ob er schließlich verzweifelt an Allem und an sich selber ! Er hat sein Schicksal ja verdient ; damit ist der Stab über ihn gebrochen und der erhabene Tugendstolz seines Weibes versagt ihm jedes Wort der Versöhnung , versagt ihm sogar den Anblick seines Kindes – “ „ Um Gotteswillen , Reinhold , mäßige Dich ! “ fiel Ella angstvoll ein . „ Wir sind nicht allein hier – wenn ein Fremder uns hörte ! “ Er lachte bitter auf . „ Nun , dann vernähme er das große Verbrechen , daß der Mann es einmal wagt , zu seiner Frau zu sprechen . Und wenn alle Welt es erfährt , mich kümmert es jetzt nicht mehr , auf wen die Entdeckung , auf wen die Verurtheilung fällt . – Ella , Du bleibst , “ unterbrach er sich , außer sich , als er sah , daß sie sich entfernen wollte . „ Einmal muß es herunter [ 589 ] von der Brust , was ich mondenlang mit mir herumgetragen habe , und da Du sonst unerreichbar für mich bist , so wirst Du mich hier und jetzt anhören . Du wirst , sage ich . “ Er ergriff ihren Arm , um sie gewaltsam zurückzuhalten ; in demselben Augenblicke aber erschien Marchese Tortoni in der Thür und trat fast stürmisch zwischen Beide . Reinhold ließ den Arm seiner Gattin fahren und wich zurück . Cesario ’ s Aussehen verrieth ihm , daß dieser wenigstens die letzte Scene mit angesehen haben müsse ; mit finsterer Stirn und ernstem Blicke stellte sich der Marchese sofort an die Seite der jungen Frau . „ Darf ich Ihnen meinen Arm anbieten , Signora ? “ sagte er sehr entschieden . „ Ihr Herr Oheim ist bereits in Sorge wegen Ihrer Abwesenheit . Sie gestatten wohl , daß ich Sie zu ihm begleite . “ Reinhold war bereits Herr seiner Ueberraschung geworden , nicht aber Herr seiner Aufregung . Die Störung in einem solchen Augenblick reizte ihn auf ’ s Aeußerste , und der Anblick Cesario ’ s an der Seite seiner Frau raubte ihm vollends die Fassung . „ Ich bitte , daß Sie sich entfernen , Cesario , “ sagte er heftig und gebieterisch , mit jener Ueberlegenheit , die er von jeher über seinen jungen Freund und Bewunderer ausgeübt hatte , aber er vergaß , daß er bei diesem jetzt nicht mehr im Vordergrunde stand . Die Augen des Marchese blitzten vor Entrüstung , als er erwiderte : „ Der Ton Ihrer Bitte ist so seltsam , Rinaldo , wie die Bitte selbst ; Sie werden es daher begreiflich finden , wenn ich ihr nicht nachkomme . Ich habe allerdings nicht die deutschen Worte verstanden , die Sie mit Signora Erlau wechselten , aber ich sah doch , daß sie zum Bleiben gezwungen werden sollte , wo sie zu gehen wünschte . Ich fürchte , daß sie des Schutzes bedarf – befehlen Sie über mich , Signora ! “ „ Sie wollen sie gegen mich schützen ? “ rief Reinhold auffahrend . „ Ich verbiete Ihnen , sich dieser Dame zu nahen . “ „ Sie scheinen zu vergessen , daß es sich hier nicht um Signora Biancona handelt , “ sagte der Marchese schneidend . „ Dort mögen Sie ein Recht haben , zu verbieten oder zu erlauben , hier aber – “ „ Hier habe ich es mehr als jeder Andere . “ „ Sie lügen . “ „ Cesario ! Das Wort werden Sie mir bezahlen , “ brauste Reinhold auf . „ Wie es Ihnen beliebt , “ gab der Marchese ebenso heftig zurück . Ella hatte es bisher vergebens versucht , die drohenden , Schlag auf Schlag fallenden Reden der wild erregten Männer zu unterbrechen ; man hörte nicht auf sie , aber die letzten Worte , deren Bedeutung sie nur zu gut verstand , zeigten ihr die ganze Gefahr dieses unseligen Zusammentreffens . Rasch entschlossen trat sie dazwischen und rief mit einer Entschiedenheit , die ihr selbst in dieser Minute Gehör erzwang : „ Marchese Tortoni , gehen Sie nicht weiter ! Es ist ein Mißverständniß . “ Cesario wandte sich sofort zu ihr . „ Verzeihung , Signora ! Wir vergaßen Ihre Gegenwart , “ sagte er ruhiger . „ Aber Sie übersehen , daß in den Worten Signor Rinaldo ’ s eine Beleidigung für Sie liegt , die ich nicht gesonnen bin , zu dulden . Ich kann und werde meine Worte nicht zurücknehmen , es sei denn , Sie selbst überzeugten mich , daß er sich im Rechte befindet . “ Ella rang in qualvollster Unentschlossenheit mit sich selber . Reinhold stand stumm und düster ; sie sah , daß er jetzt nicht sprechen würde , daß er sie mit diesem Schweigen zwingen wollte , ihn zu verleugnen oder als Gatten anzuerkennen , aber ihn verleugnen , hieß hier das Schlimmste herbeirufen . Die Beleidigung war einmal gefallen , und bei dem Charakter der beiden Männer war ein blutiger Zusammenstoß unvermeidlich , wenn sie nicht zurückgenommen wurde . Der jungen Frau blieb keine Wahl mehr . „ Signor Rinaldo geht zu weit , wenn er jetzt noch Rechte beansprucht , die er einst besaß , “ entgegnete sie endlich . „ Eine Beleidigung aber lag in seinen Worten nicht , er sprach – von seiner Gattin . “ Reinhold athmete tief auf – also endlich bekannte sie sich doch dazu , und das vor Cesario . Dieser aber stand wie vom Blitz getroffen . Wie oft er auch schon nach der Lösung des Räthsels gesucht haben mochte , eine solche hatte er nicht erwartet . „ Von seiner Gattin ? “ wiederholte er fast betäubt . „ Wir sind schon seit Jahren getrennt , “ sagte Ella tonlos . Diese Erklärung gab dem Marchese seine ganze Fassung zurück . Er errieth sofort den Grund der Trennung , kannte er doch Beatrice Biancona . Der eine Name machte ihm Alles klar und ließ ihm keinen Zweifel darüber , auf wessen Seite hier die Schuld lag . Der Capitain hatte Recht mit seiner Annahme ; die Entdeckung ließ Cesario , anstatt ihn zurückzuschrecken , vielmehr aufflammen in leidenschaftlicher Parteinahme für die geliebte und gekränkte Frau . „ Nun denn , Signora , “ sagte er rasch , „ so steht es ja nur bei Ihnen , ob Sie einen Anspruch anerkennen wollen , den Reinhold auf eine Vergangenheit stützt , die nicht mehr existirt , und die er wohl selbst vernichtet hat . Sie allein haben darüber zu entscheiden , ob ich Ihnen noch ferner nahen , ob ich Ihnen auch in Zukunft ein Gefühl weihen darf , von dem ich offen bekenne , daß es mehr ist als nur die kalte Bewunderung eines Fremden , und das Sie eines Tages werden annehmen oder verwerfen müssen . “ Er sprach mit der ganzen Gluth einer lang zurückgehaltenen Empfindung , aber auch mit dem edlen unerschütterlichen Vertrauen eines Mannes , dem das Geliebte über allen Zweifel erhaben ist , und die Sprache war unzweideutig genug ; sie drängte unabweisbar zu einer Entscheidung , vor der die junge Frau zurückbebte . „ Ja wohl , Eleonore , Du wirst entscheiden , “ nahm jetzt auch Reinhold das Wort . Die Stimme klang auf einmal unnatürlich ruhig , aber der Blick , der unverwandt an dem Antlitze seiner Gattin hing , mit einem Ausdrucke , als sollte in der nächsten Minute das Urtheil über Leben und Tod von ihren Lippen fallen , zeigte besser , wie es um ihn stand . Eine Secunde lang begegneten sich die Augen der Beiden , und Ella hätte kein Weib sein müssen , hätte sie jetzt nicht gesehen , daß die vollste und vernichtendste Rache in ihrer Hand lag . Ein einziges Ja aus ihrem Munde rächte Alles , was sie je erduldet . Langsam wandte sie sich zu Cesario . „ Marchese Tortoni – ich bitte Sie , davon abzustehen – ich betrachte mich noch als gebunden . “ Eine kurze , inhaltschwere Pause folgte den Worten . Ella sah , wie in den schönen Zügen des jungen Italieners ein tiefer Schmerz mit dem Stolze des Mannes kämpfte , der nicht zeigen wollte , wie tief er getroffen war ; sie sah es , wie er sich , ohne ein Wort zu sprechen , vor ihr verneigte und sich zum Gehen wandte ; den Blick nach der andern Seite zu richten , dazu fehlte ihr der Muth . „ Cesario ! “ rief Reinhold , der wie in aufflammender Reue einen Schritt ihm nach that . „ Wir sind Freunde . “ „ Wir waren es , “ entgegnete der Marchese kalt . „ Sie begreifen doch wohl , Reinhold , daß diese Stunde uns trennt . Meine Beschuldigung gegen Sie muß ich allerdings zurücknehmen ; die Erklärung Ihrer Gemahlin spricht Sie frei davon – leben Sie wohl , Signora ! “ Er ließ die beiden Gatten allein . Keiner von ihnen sprach während der nächsten Minuten . Ella beugte sich tief über eins der duftenden Blumengewächse , und ein paar Thränen fielen herab auf die breiten glänzenden Blätter . Da streifte ihr Name wie ein zitternder Hauch an ihrem Ohre vorüber – sie schien es nicht zu hören . „ Eleonore ! “ wiederholte Reinhold . Sie hob das Auge zu ihm empor . Noch stand ein tiefer Schmerz in ihrem Antlitz , aber die Stimme klang schon wieder völlig beherrscht . „ Was habe ich denn gesagt ? Daß ich nie von der Freiheit Gebrauch machen werde , die Dein Schritt mir gab ? Das stand ohnedies fest von Anbeginn . Die Erfahrungen meiner Ehe schützen mich vor jeder zweiten . Ich habe ja mein Kind , und damit den Zweck und das Glück meines Lebens . Einer andern Liebe bedarf ich nicht . “ „ Du freilich nicht , “ sagte Reinhold mit zuckender Lippe , „ und mein Schicksal ist Dir ja gleichgültig . Du hast von jeher [ 590 ] nur Dein Kind geliebt , mich nie . Um seinetwillen konntest Du mit allen Vorurtheilen Deiner Erziehung brechen und eine Andere werden , für Deinen Gatten hast Du das nicht gekonnt . “ „ Hat er mir denn je Liebe gegeben , wie ich sie bei meinem Knaben fand ? “ fragte Ella mit verschleierter Stimme . „ Laß ’ das , Reinhold ! Du weißt , wer zwischen uns steht und ewig stehen wird . “ „ Beatrice ? Ich will sie nicht anklagen , obgleich sie mehr Schuld an meiner damaligen Entfernung trug , als Du vielleicht glaubst . Gleichviel , ich war immer Herr meines Willens – warum unterlag ich dem Zauber ! Aber wenn ich jetzt seinen Trug erkannt habe und mich davon losreiße – “ „ Willst Du sie verlassen , wie Du mich einst verlassen hast ? “ unterbrach ihn die junge Frau mit vernichtendem Vorwurfe . „ Meinst Du , daß das uns versöhnen würde ? Ich habe den Glauben an Dich verloren , Reinhold , und der wird mir nicht wiedergegeben , wenn Du jetzt noch eine Zweite opferst . Ich habe keinen Grund , diese Biancona zu schonen oder zu achten , aber sie liebt Dich ; sie hat Dir Alles geopfert , und Du selbst gabst ihr jahrelang ein unbestrittenes Recht auf Deinen Besitz . Wenn Du auch jetzt die selbstgeschmiedete Fessel zerreißen wolltest , uns trennt sie dennoch auf immer . Es ist zu spät ; ich kann Dir nicht mehr vertrauen . “ Es klang ein grenzenloses Weh aus den letzten Worten , aber zugleich eine unbeugsame Festigkeit . In der nächsten Minute hatte Ella das Zimmer verlassen . Reinhold war allein . Es war am Tage , welcher der Festlichkeit folgte , schon gegen Abend , als Capitain Almbach in das Empfangszimmer Reinhold ’ s trat . „ Ist mein Bruder noch immer nicht sichtbar ? “ fragte er den ihm begegnenden Diener . Dieser zuckte die