„ Also bis zum Trösten und Herzausschütten seid Ihr schon gekommen ? Ich hätte den Wilberg gar nicht für so gescheidt gehalten . Wer bei Euch Frauen erst auf das Mitleid speculirt – aber der Sache wollen wir denn doch bei Zeiten ein Ende machen . Du wirst künftig nicht wieder solche unpassende Vertraulichkeiten entgegennehmen , Melanie , und die Tröstungsgeschichte verbitte ich mir ein- für allemal . Ich werde sorgen , daß er für ’ s Erste nicht wieder in ’ s Haus kommt , und damit Punctum ! “ Melanie wendete sich schmollend ab , ihr Herr Papa bewies aber keine sehr große Menschenkenntniß , wenn er mit diesem dictatorischen Punctum die Sache nun auch wirklich beendet und das Schreckbild gebannt glaubte , das in Gestalt eines dichtenden und Guitarre spielenden Schwiegersohnes urplötzlich vor ihm aufgetaucht war . Er hätte doch wissen müssen , daß Fräulein Melanie sich erst recht vornahm , den armen , so arg verkannten Wilberg zu trösten , wo und wie es nur anging , und daß Herr Wilberg sich noch denselben Abend hinsetzte , um ein Gedicht „ an Melanie “ zu verfassen ; dergleichen ließ sich mit einem bloßen Punctum wirklich nicht verbieten . Der Tag neigte sich zu Ende . Im Sinken brach die Sonne noch einmal roth durch das sie umgebende Gewölk und ließ Wald und Berge aufglühen in kurzer vergänglicher Pracht . Nur wenige Minuten lang , dann sank der rothe Feuerball langsam am Horizonte nieder und mit ihm verschwanden der Glanz und die Farben , die er einen flüchtigen Moment lang der Erde geliehen . Arthur Berkow hatte soeben das Gitter am Ausgange des Parkes geöffnet und war hinausgetreten ; hier blieb er stehen , unwillkürlich gefesselt von dem Schauspiel , und schaute mit einem langen düsteren Blicke dem scheidenden Gestirne nach . Sein Antlitz trug jetzt den Ausdruck vollkommen erstrittener Ruhe , aber es war nicht jene Fassung , mit der ein Mann sich emporrafft , wenn er eine siegreich überwundene Schwäche von sich wirft , um in neue Bahnen einzulenken . Wenn man allein zurückbleibt auf dem sinkenden Schiffe , und sieht in der Ferne das Boot verschwinden , das die besten Güter und Schätze der sicheren Küste zuführt , während das Schiff selbst unaufhaltsam der Klippe entgegentreibt , an der es zerschellen muß , da hält der Mannesmuth wohl auch noch aus , aber freudig ist er nicht mehr . Wenn die letzte Hoffnung gegangen ist , dann kommt die Ruhe , die im Stande und bereit ist , Allem zu trotzen ; sie lag jetzt auch auf Arthur ’ s Zügen ; der Traum war ausgeträumt und die nächste Zukunft forderte wahrlich ein volles ganzes Erwachen . Er schritt über die Wiese hin und schlug die Richtung ein , die nach den Wohnungen seiner Oberbeamten führte . Der breite Wassergraben , der am oberen Ende des Parkes entlang lief , durchschnitt auch hier den Wiesengrund , aber während dort eine zierliche Brücke den Uebergang bildete , mußte hier ein einfaches Brett , derb und sicher , aber so schmal , daß nur Einer es passiren konnte , denselben Dienst leisten . Arthur betrat es rasch , ohne zu bemerken , daß ein Anderer zugleich von drüben herkam , und bereits hatte er einige Schritte gethan , als er plötzlich vor Ulrich Hartmann stand , der ihn gleichfalls erst in diesem Augenblicke zu erkennen schien . Der junge Chef blieb stehen , in der Voraussetzung , daß sein Untersteiger zurückgehen und ihn hinüberlassen werde , aber es mußte doch etwas an dem „ Provociren “ sein , das der Oberingenieur bemerkt haben wollte ; ob Jener wirklich einen Conflict suchte , oder aber nur seiner eigenen trotzigen Natur gehorchte , genug , er blieb unbeweglich stehen und machte keine Miene zu weichen . „ Nun , Hartmann , wollen wir so stehen bleiben ? “ sagte Arthur ruhig , nachdem er einige Secunden lang vergebens gewartet . „ Das Brett ist zu schmal für Zwei ; Einer muß zurück . “ „ Muß ich der Eine sein ? “ fragte Ulrich scharf . „ Ich dächte doch wohl ! “ Hartmann schien eine herausfordernde Antwort auf den Lippen zu haben ; aber auf einmal besann er sich . „ Ja so , wir sind auf ihrem Grund und Boden ! Das hatte ich vergessen ! “ Er ging zurück und ließ Berkow hinüber ; als dieser jenseit des Grabens war , hielt er seinen Schritt an . „ Hartmann ! “ Der Angeredete , der eben im Begriff war , das Brett zu betreten , wandte sich um . „ Ich hätte Sie in diesen Tagen rufen lassen , hätte ich nicht befürchten müssen , zu Mißdeutungen Anlaß zu geben . Da wir aber einmal hier zusammentreffen – ich möchte Sie sprechen . “ Ein Blick des Triumphes schoß über Ulrich ’ s Züge hin . Dann nahmen sie wieder ihren gewöhnlichen verschlossenen Ausdruck an . [ 254 ] „ Hier auf der Wiese ? “ „ Der Ort ist gleich ; wir sind auch hier allein . “ Ulrich kam langsam näher und stellte sich seinem Chef gegenüber , der an einer der Weiden lehnte , die den Rand des Grabens säumten . Auf der Wiese fingen die Abendnebel an emporzusteigen , und drüben über dem Walde , da wo die Sonne gesunken war , glühte jetzt das Abendroth auf . Es war ein eigenthümlicher Contrast , die Beiden : – die schlanke , fast zarte Gestalt des vornehm aussehenden jungen Mannes mit dem bleichen Antlitz voll stiller Ruhe , den großen ernsten Augen , aus denen jetzt jenes Leuchten geschwunden war , das sie räthselhaft anziehend machen konnte , und die riesige Figur des Arbeiters , mit dem stolz getragenen blonden Kopfe , mit dem Gesicht , eisern wie seine Muskeln und Sehnen , dem flammenden Blick , der sich mit einer Art wilder Genugthuung in die bleichen Züge seines Gegners bohrte ; er ahnte , was dahinter verborgen lag . Der Instinct der Eifersucht hatte ihn sehen und deuten gelehrt , wo sonst Niemand etwas sah , und wenn alle Welt behauptete , daß Arthur Berkow fremd und kalt an seiner schönen Gemahlin vorübergehe und nie das mindeste Interesse für sie gehegt habe , Ulrich wußte , daß man nicht gleichgültig bleiben konnte , wenn man ein Wesen , wie Eugenie Windeg , die Seine nannte , wußte , was es heißt , ein solches Wesen zu verlieren , seit jenem Morgen , wo er unter den Tannen stand und dem davon rollenden Wagen nachsah . Aber mitten durch das Weh der Trennung rang sich in ihm ein stolzer Triumph empor . Eine Frau , die ihren Mann liebt , verläßt ihn nicht in dem Momente , wo Alles um ihn her wankt und bricht , und sie ging von ihm , ging im sicheren Schutze ihres Vaters und Bruders und ließ ihn allein zurück , Allem preisgegeben . Das hatte ihn denn doch getroffen , den stolzen Berkow , der sonst nicht zu treffen war mit Haß und Drohungen , mit der Furcht vor Gewalt und Empörung , vor seinem Ruin selbst , und wenn er seine ganze Umgebung täuschte mit dieser ruhigen Stirn , den Feind konnte er damit nicht täuschen ; der Schlag war bis an ’ s Herz gegangen . „ Ich brauche Ihnen nicht erst zu sagen , was in der letzten Zeit vorgegangen ist , “ begann Arthur , „ Sie werden ebenso gut und noch besser darüber unterrichtet sein , als ich es bin . Die übrigen Werke sind Ihrem Beispiele gefolgt ; wir gehen allem Anschein nach längeren Conflicten entgegen . Sind Sie Ihrer Cameraden sicher ? “ Ulrich stutzte bei der letzten Frage . „ Wie meinen Sie das , Herr Berkow ? “ „ Ich meine , ob wir hier unter uns allein fertig werden können , ohne fremde Einmischung . Auf den anderen Werken können sie es nicht . Von den Eisenhütten hat man sich bereits mit der Bitte um Hülfe nach der Stadt gewendet ; Sie sind den dortigen Tumulten ja wohl nicht fremd , also werden Sie wohl am besten wissen , wie nothwendig das war . Ich freilich würde nur im Fall der äußersten Nothwehr zu einem solchen Mittel greifen , aber auch der Fall kann eintreten . Bereits sind mehrere meiner Beamten insultirt worden ; man war neulich im Walde nahe daran , auch mich zu insultiren ; bauen Sie nicht auf meine Geduld oder auf meine Schwäche ! So sehr ich das Aeußerste zu vermeiden wünsche , der Gewalt werde ich mit Gewalt antworten . “ Ulrich hatte schon bei den ersten Worten mit finsterer Ueberraschung aufgeblickt . Er mochte wohl etwas Anderes erwartet haben , als eine solche Erklärung , aber die Ruhe , mit der sie gegeben wurde , nahm ihr alles Herausfordernde und zwang auch den Gegner zur Mäßigung ; es klang nur ein leiser Hohn in seiner Stimme , als er erwiderte : „ Das ist mir nichts Neues . Gewalt gegen Gewalt ! Ich wußte es von vorn herein , daß wir eines Tages dahin kommen würden . “ Arthur sah ihn fest an . „ Und wer trägt die Schuld , wenn wir dahin kommen , der Widerstand der Menge oder der Starrsinn eines Einzigen ? “ „ Der Starrsinn eines Einzigen ! ganz recht , Herr Berkow ! Sie wissen , daß es Sie nur ein Wort kostet – und morgen arbeiten Ihre Werke wieder . “ „ Und Sie wissen , daß ich dieses Wort nicht sprechen kann , weil es Unmögliches einschließt . An Euch ist es jetzt nachzugeben ; ich biete Euch noch einmal die Hand dazu . “ „ Wirklich ? “ rief der junge Bergmann , diesmal mit ausbrechendem Hohne . „ Wohl weil es jetzt überall in der ganzen Provinz losbricht und wir einen Schutz und Hinterhalt an unseren Cameraden haben ? “ Berkow richtete sich mit einer raschen Bewegung empor , und jetzt flammte auch sein Auge . „ Weil man Euch mit den Waffen zu der Ordnung zwingen wird , die Ihr mit Füßen tretet , und weil ich meinen Leuten das Schicksal ersparen möchte . Lassen Sie den Hohn , Hartmann , an den Sie selbst nicht glauben ! Was auch zwischen uns geschehen ist und vielleicht noch geschehen wird , von dem Vorwurfe der Feigheit , denke ich , sprechen wir uns wohl gegenseitig frei . “ Es war wieder jener Ton und Blick wie damals im Conferenzzimmer . Ulrich schaute mit einem Gemisch von Groll und Bewunderung auf seinen jungen Chef , der in solcher Stunde so mit ihm zu sprechen wagte , und er mußte es doch von der Scene im Walde her wissen , was bei ähnlichen Begegnungen zu fürchten war ; seine Worte bewiesen ja auch , daß er es sehr gut wußte , und dennoch hatte er heute freiwillig dieses Alleinsein gesucht . Der Park war völlig leer , auf der Wiese kein menschliches Wesen zu erblicken , und die Häuser lagen noch eine ganze Strecke weit entfernt . Keiner von den Beamten hätte es gewagt , mit dem gefürchteten Hartmann so unter vier Augen eine Unterredung zu haben , die leicht verfänglich werden konnte , selbst der kecke Oberingenieur nicht ; nur der einst so verachtete Weichling wagte es ; ja wohl , von dem Verdachte der Feigheit hatte sein Gegner ihn längst schon freigesprochen . Arthur schien den Eindruck zu fühlen , den seine Haltung hervorbrachte ; er trat einen Schritt näher . „ Sehen Sie denn nicht ein , Hartmann , daß Sie sich für die Zukunft unmöglich machen mit diesem Benehmen ? “ fragte er ernst . „ Sie glauben vielleicht , daß bei dem endlichen Ausgleiche Ihre Cameraden einen Druck auf mich üben werden ? Ich lasse mir keinen Zwang anthun , mein Wort darauf ; aber ich achte in Ihnen die tüchtige , wenn auch mißleitete Kraft . Sie hat sich bisher nur zu meinem Schaden kundgegeben , und gerade daran habe ich gesehen , was sie wirken kann , wenn sie sich einst nicht mehr feindselig gegen mich wendet . Geben Sie jetzt der Stimme der Vernunft Gehör , begnügen Sie sich mit der Erreichung des Möglichen – und ich biete Ihnen freiwillig das Bleiben auf den Werken und freie Bahn zum Emporsteigen . Ich weiß , was ich damit wage , wenn ich ein Element wie Sie unter meinen Arbeitern behalte ; aber ich werde es wagen , wenn meinem Vertrauen das gleiche entgegenkommt . “ Das Anerbieten selbst war vielleicht schon gewagt genug , einem Manne gegenüber , der gewohnt war , jede Mäßigung als Schwäche aufzufassen ; aber Berkow schien sich gerade hier nicht verrechnet zu haben . Zwar antwortete Ulrich nicht ; er verrieth auch keine Nachgiebigkeit , aber für eine Natur wie die seinige war es schon genug , daß das Gebotene nicht sofort mit finsterm Mißtrauen zurückgestoßen wurde . „ Vertrauen freilich habe ich bisher vergebens von Euch gefordert , “ fuhr Arthur fort . „ Ihr habt es mir bis auf diese Stunde verweigert . Ich bin fremd hier eingetreten ; wenn auch nicht dem Orte selbst , meinen Werken und Euch war ich ein Fremder . Ihr seid mir mit einer Kriegserklärung entgegengekommen , ohne auch nur zu fragen , was ich freiwillig ändern oder bessern wolle ; Ihr habt mich als Feind empfangen und behandelt und wußtet noch nicht einmal , ob ich Euer Feind sein wollte . “ „ Wir sind im Kriege ! “ sagte Ulrich kurz . „ Da gilt jeder Vortheil . “ Arthur hob das vorhin so blasse Antlitz , das jetzt überfluthet war von dem flammenden Purpur des Abendrothes , dessen Wiederschein sie Beide umleuchtete . „ Muß denn Krieg sein zwischen uns ? Ich meine nicht den jetzigen Streit , der früher oder später sein Ende erreichen wird ; ich meine den geheimen erbitterten Krieg , den Härte und Zwang von der einen Seite und Groll und Haß von der andern endlos schüren und endlos fortspinnen . So ist es gewesen all die Jahre lang , ich weiß es , und so wird es wieder sein , wenn der Zwang allein Euch niederwirft . Wir sollten Frieden machen , ehe sich beide Theile daran verbluten ; noch können wir es , noch ist nichts geschehen , was den Riß unheilbar erweitert ; in wenig Tagen ist es vielleicht zu spät . “ [ 255 ] Die Stimme des jungen Chefs hatte in all ihrer Ruhe etwas mächtig Ergreifendes , und man sah an der heftigen Bewegung in Hartmann ’ s Zügen , daß er nicht unempfindlich dagegen blieb . Der trotzige Bergmann , der , je mehr er gewohnt war , seines Gleichen zu beherrschen , um so tiefer den verletzenden Hochmuth oder die schlecht verhehlte Furcht von Höherstehenden empfand , sah sich hier auf eine Stufe gestellt , die ihm noch Niemand angewiesen . Er wußte sehr gut , daß Arthur mit keinem seiner Untergebenen , vielleicht mit keinem seiner Beamten so gesprochen hätte , daß er diese Art der Verhandlung einzig seiner Persönlichkeit dankte . Der Chef sprach zu ihm wie der Mann zum Manne , in einer Angelegenheit , von der das Wohl und Wehe Beider abhängt , und er hätte wohl auch gesiegt damit , wäre er nur nicht gerade Arthur Berkow gewesen . Ulrich war eine viel zu unbändige , viel zu leidenschaftliche Natur , um da Gerechtigkeit üben zu können , wo er mit ganzer Seele haßte . „ Es ist uns schwer genug gemacht worden mit dem Vertrauen , “ sagte er bitter . „ Ihr Vater hat uns so viel davon genommen all die Jahre lang , daß für den Sohn nichts mehr übrig ist . Ich glaube Ihnen , Herr Berkow , daß Ihr Anerbieten nicht von der Furcht herkam ; bei einem Andern würde ich das nicht glauben ; Ihnen glaube ich es ! Aber da wir einmal dabei sind , uns allein zu helfen , so denke ich , wir fechten es auch aus bis zuletzt . So oder so – Einer muß am Ende Recht behalten . “ „ Und Ihre Cameraden ? Wollen Sie all die Sorge , all den Mangel , all das Unglück vielleicht auf sich nehmen , das dies ‚ Ausfechten bis zuletzt ‘ mit sich führt ? “ „ Ich kann ’ s nicht ändern ! Für sie geschieht es . “ „ Nein , für sie geschieht es nicht ! “ sagte Arthur fest , „ sondern einzig für den Ehrgeiz ihres Führers , der die Herrschaft an sich reißen möchte , um ihnen dann ein schlimmerer Despot zu werden , als die gehaßten Herren es je gewesen sind . Wenn Sie noch an Ihre sogenannte Mission glauben , Hartmann , mich täuschen Sie nicht mehr damit , seit ich sehe , daß Sie Alles , wozu ich mich bereit erkläre , um die Lage Ihrer Cameraden zu bessern , als werthlos bei Seite werfen , um des einen Zieles willen , das ich nur zu gut kenne Sie wollen mich und die Beamten künftig machtlos wissen , Beschlüssen und Auflehnungen gegenüber , die Sie allein dictiren würden ; Sie wollen , sobald Sie im Namen einer blind gehorchenden Menge sprechen , alle Rechte des Herrn sich anmaßen und mir mit dem Namen nur die Pflichten desselben lassen ; Sie wollen nicht Anerkennung Ihrer Partei , sondern Unterdrückung jeder anderen ; das ist ’ s , warum Sie Alles auf ’ s Spiel setzen – Sie werden es verlieren ! “ Die Sprache war kühn genug einem solchen Manne gegenüber , und Ulrich fuhr auch dabei in gereizter Wuth auf . „ Nun , wenn Sie es denn so genau wissen , Herr Berkow , meinetwegen ! Sie haben ganz Recht , es handelt sich nicht blos um den höheren Lohn , um das Bischen Sicherheit in den Schachten . Das mag für die genug sein , die sich nur für Weib und Kinder quälen , und nichts weiter kennen ihr Lebelang ; die Muthigen unter uns wollen mehr . Die Zügel wollen wir in Händen haben ; respectiren soll man uns als Gleichberechtigte ! Das mag sich freilich schlecht genug lernen für die unumschränkten Herren , aber jetzt sind wir an der Reihe . Wir haben endlich begriffen , daß unsere Hände es sind , die Euch Alles erringen , wovon Ihr allein die Früchte genießt . Ihr habt unsere Arme lange genug zur Sclavenarbeit gebraucht ; jetzt sollt Ihr sie fühlen lernen ! “ Die Worte wurden mit einer so furchtbaren Heftigkeit herausgeschleudert , als sei jedes derselben schon eine Waffe , zum Treffen und Tödten bestimmt . Die ganze maßlose Leidenschaftlichkeit Ulrich ’ s brach wieder hervor , und die Wuth , die einer ganzen Classe galt , wendete sich im Augenblick gegen den Einen , der gerade vor ihm stand . Die Lage dieses Einen war bedenklich genug , diesem Manne gegenüber , der mit geschwollenen Stirnadern und geballten Fäusten bereit schien , seinen Worten die That folgen zu lassen . Aber Arthur zuckte nicht einmal mit der Wimper und wich auch keinen Schritt aus der gefährlichen Nähe . Er stand wieder da mit jener Haltung kalter , stolzer Ruhe , das große Auge fest auf den Gegner gerichtet , als habe er mit diesem Auge allein die Macht , ihn zu zwingen . „ Ich glaube , Hartmann , Sie werden vorläufig die Zügel noch den Händen lassen müssen , die gewohnt und im Stande sind , sie zu regieren . Auch das will gelernt sein ! Mit roher Gewalt stiftet man Empörungen an und reißt Schöpfungen nieder , aber man erbaut keine neuen damit . Versucht es , die Werke hier mit Euern Händen allein zu leiten , wenn das so sehr gehaßte Element fehlt , das diesen Händen die Richtung , das den Maschinen die Triebkraft und der Arbeit den Geist giebt und das für jetzt noch uns gehört . Stellt Euch dem ebenbürtig an die Seite und man wird Euch die Gleichberechtigung nicht länger versagen . Was Ihr jetzt in die Wagschale zu werfen , habt , die Massen allein , das sichert Euch noch nicht die Herrschaft ! “ Ulrich wollte antworten , aber noch erstickte die Leidenschaft seine Stimme . Arthur warf einen Blick nach dem Walde hinüber , wo die Röthe jetzt dunkler und dunkler glühte , und wandte sich dann zum Gehen . „ Hätte ich vorher gewußt , daß jedes Wort der Versöhnung vergebens sein würde , ich hätte diese Unterredung nicht gesucht . Ich bot Ihnen den Frieden und das Bleiben auf den Werken ; das Opfer hätte vielleicht kein Anderer gebracht und ich habe mich schwer genug dazu zwingen müssen . Auch das wird mit Haß und Hohn zurückgestoßen . Sie wollen mein Feind sein – nun so seien Sie es denn , aber nehmen Sie auch die Verantwortung für Alles , was jetzt geschieht , ich habe umsonst versucht , es zu hemmen ! Wie der Streit selbst auch jetzt ausfallen mag – wir Beide sind zu Ende mit einander . “ „ Glück auf ! “ rief ihm Hartmann dumpf nach . Es klang wie schneidender Hohn , und das war es wohl auch in diesem Augenblick . Der junge Chef schien es nicht mehr zu hören . Er war bereits einige Schritte fort und schlug jetzt die Richtung nach den Häusern ein . Ulrich blieb zurück ; über seinem Haupte schwankten die Weidenzweige im Abendwinde auf und nieder . Auf der Wiese wallte weißer Duft , und drüben über den Tannen glänzte es noch einmal auf , unheimlich und roth wie Blut , um dann langsam zu verblassen . Der junge Bergmann starrte unbeweglich in den flammenden Abendhimmel ; der unheimliche Schein lag auch auf seinem Antlitz . „ Wir sind zu Ende ? Nicht doch , Herr Arthur Berkow , wir fangen jetzt erst an ! Ich habe nur die Feigheit nicht eingestehen wollen , die mich immer noch zurückhielt ; ich wagte mich nicht an ihn , so lange sie an seiner Seite war . Jetzt ist die Bahn frei – jetzt wollen wir abrechnen ! “ In der Residenz wogte das ganze buntbewegte Treiben eines Sommernachmittages . In den Hauptstraßen drängte sich die Menge der Spaziergänger , Geschäftsleute und Arbeiter in ewig wechselndem Gewühl ; dazwischen tönte endloser Lärm und endloses Wagengerassel ; von allen Seiten wirbelte der Staub auf , und die heißen Strahlen der Nachmittagssonne , die schon anfingen etwas schräg zu fallen , beleuchteten das Ganze . Von den Fenstern des Windeg ’ schen Hauses , das in einer dieser Hauptstraßen lag , schaute eine junge Dame hinab auf dieses Getümmel , das ihr beinahe fremd geworden war in der Einsamkeit ihrer Waldberge . Eugenie war in das väterliche Haus zurückgekehrt , und damit schien die kurze Zeit ihrer Ehe ausgelöscht und vergessen . Im Familienkreise wurde dieser Punkt nur höchst selten und nur dann berührt , wenn von der bevorstehenden Scheidung die Rede war . Die Söhne folgten darin dem Beispiel ihres Vaters , der sich einfach vorgenommen zu haben schien , jene Erinnerung todtzuschweigen , in seinem Hause wenigstens , während er zugleich in der Stille die nöthigen Schritte zur Einleitung des gerichtlichen Scheidungsprocesses that . Bis dahin sollte die Sache der Welt gegenüber noch nicht berührt werden . Die Dienerschaft und die wenigen um diese Zeit noch in der Residenz anwesenden Bekannten wußten nur von einem vorübergehenden Besuche der jungen Frau bei den Ihrigen , der durch die Verhältnisse auf den Gütern ihres Mannes veranlaßt und geboten war . Eugenie bewohnte wieder die Zimmer , die sie vor ihrer Vermählung inne gehabt hatte ; in der Einrichtung derselben war nichts verändert worden , und wenn sie wie früher am Erkerfenster stand , so begegnete ihr Blick auch draußen den allbekannten [ 256 ] Gegenständen , als sei sie nie fort gewesen . Die letzten drei Monate sollten und konnten für sie ja auch nichts Anderes sein , als ein schwerer banger Traum , aus dem sie jetzt erwachte zu der alten Freiheit ihrer Mädchenjahre , und zu einer besseren , als die ehemalige , denn jetzt lauerte das Gespenst der Sorge nicht mehr drohend auf jedem Schritte , den sie und die Ihrigen thaten ; jetzt brachte nicht jeder neue Tag wieder neue Demüthigungen und neue Opfer ; jetzt wurde nicht jede Stunde des Familienlebens vergiftet durch die Furcht vor der vielleicht morgen schon drohenden Schande des Ruins und vor all seinen furchtbaren Folgen . Das alte edle Geschlecht der Windeg konnte wieder auftreten im vollen Glanze der Macht und des Reichthums . Wer die Rabenau ’ schen Güter besaß , war reich genug , alle früheren Verluste damit zu decken und sich und den Seinen eine glänzende Zukunft zu bereiten . Freilich ein Schatten blieb noch immer zurück in all dem neuen Sonnenschein , der dem Baron und auch einst Eugenien so sehr verhaßte bürgerliche Name ; aber auch das konnte nur eine Frage der Zeit sein . Das schöne , geistvolle Mädchen hatte schon in ihren eigenen Kreisen manchen Verehrer gefunden , der wohl früher oder später zum Bewerber geworden wäre , trotz der offenkundigen Verhältnisse ihres Vaters . Eugenie Windeg war ganz danach , es einen Mann vergessen zu lassen , daß er die Tochter einer armen und verschuldeten Familie in sein Haus führte . Der alte Berkow hatte damals mit roher Hand in all jene Pläne und Anknüpfungen gegriffen und den Preis seinem eigenen Sohne zugewandt . Er hatte die Macht , zu fordern , wo Andere erst werben mußten , und wußte sie zu gebrauchen . Jetzt aber wurde Eugenie wieder frei ; der nunmehrige Majoratsherr konnte ihr eine reiche Mitgift sichern ; er kannte mehr als einen Standesgenossen , der gern , und nicht blos aus Berechnung , bereit war , die einst zerrissenen Fäden wieder anzuknüpfen und mit dem Namen auch die letzte Erinnerung an jene Heirath zu verwischen , indem er durch eine ebenbürtige Vermählung die junge Baroneß wieder auf die gleiche , wenn nicht noch auf eine höhere Stufe erhob , als die war , auf welche die Geburt sie gestellt hatte . Dann war der letzte Flecken getilgt von dem Wappenschilde der Windeg und es strahlte wieder im hellsten Glanze . Aber die junge Frau sah gar nicht so ruhig und hoffnungsfreudig aus , wie man es nach all diesem Sonnenschein des Glückes doch hätte erwarten sollen . Schon wochenlang war sie im väterlichen Hause , und noch immer wollte die Farbe nicht auf ihre Wangen zurückkehren und der Mund das Lächeln nicht wieder lernen . Sie blieb hier , umgeben von all der Liebe und Sorgfalt der Ihrigen , so bleich und still , wie sie nur je an der Seite des ihr aufgedrungenen Gatten gewesen , und auch jetzt schaute sie hinunter auf das Gewühl zu ihren Füßen , ohne daß es auch nur einer der wechselnden Gestalten in der auf- und abfluthenden Menge gelang , ihre Aufmerksamkeit für einen Moment zu fesseln . Es war jener leere , träumende Blick , dem die nächste Umgebung völlig verschwindet , und der statt dessen etwas ganz Anderes an einem ganz anderen Orte sieht . „ In Eurer Residenz verlernt man ja Alles , sogar die Sehnsucht nach der Waldeinsamkeit ! “ Das schien hier nicht zuzutreffen . Eugenie sah aus , als sehne sie sich recht schmerzlich danach . Der Baron pflegte vor dem Spazierritt , den er gewöhnlich gegen Abend unternahm , stets auf eine halbe Stunde zu seiner Tochter zu kommen ; auch heute geschah das , aber heut war seine Miene wichtiger als sonst und er hielt ein Papier in der Hand . „ Ich muß Dich diesmal mit etwas Geschäftlichem behelligen , mein Kind , “ begann er nach kurzer Begrüßung . „ Ich habe soeben eine Conferenz mit unserem Rechtsanwalt gehabt , die über Erwarten befriedigend ausgefallen ist . Der Vertreter der Gegenpartei ist in der That bevollmächtigt , all unseren Wünschen entgegenzukommen ; die Herren haben sich bereits über die nothwendigen Schritte geeinigt , und die ganze Angelegenheit wird sich voraussichtlich weit schneller und leichter erledigen lassen , als wir zu hoffen wagten . Ich bitte Dich , dies Blatt zu unterschreiben . “ Er hielt ihr das Papier hin ; die junge Frau schien hastig danach greifen zu wollen , aber auf einmal ließ sie die ausgestreckte Hand wieder sinken . „ Ich soll – ? “ „ Nun , Deinen Namen unter diese Schrift setzen , weiter nichts , “ sagte der Baron ruhig , indem er das Blatt auf den Schreibtisch legte und ihr einen Sessel heranschob . Eugenie zögerte . „ Es ist ein Actenstück – soll ich es nicht zuvor durchlesen ? “ Windeg lächelte ein wenig . „ Wenn es ein Document von Wichtigkeit wäre , so hätten wir es Dir selbstverständlich zur Durchsicht vorgelegt ; es handelt sich hier aber nur um den Scheidungsantrag , den der Justizrath in Deinem Namen stellen wird und wozu er Deiner Unterschrift bedarf – eine bloße Förmlichkeit zur Einleitung des Processes . Die Details folgen erst später . Wenn Du indessen den Wortlaut kennen zu lernen wünschest – “ „ Nein , nein ! “ unterbrach ihn die junge Frau abwehrend , „ dessen bedarf es nicht . Ich werde unterschreiben ; aber es muß doch wohl nicht gerade jetzt in dieser Stunde sein ; ich bin augenblicklich nicht in der Stimmung dazu . “ Der Baron sah sie höchst befremdet an . „ Stimmung ? Es handelt sich hier nur um eine Namensunterschrift ; sie wird in einer Minute vollzogen sein , und ich habe dem Justizrathe versprochen , ihm das Blatt noch heute wieder