ward Ihnen vielleicht schwer , daß Sie damit gerade mein Todesurtheil aussprechen mußten . Ein Höherer hat Ihnen gezeigt , wer allein Herr ist über Leben und Tod ! Der Schlag , der mich vernichten sollte , er traf Ihren Neffen , den Letzten Ihres Stammes und Namens , vor der Welt wenigstens , und vor ihr geht auch das Geschlecht der Rhaneck mit ihm zu Grabe . Sie werden auch das überwinden , denn Sie stehen auf einer Höhe , bei der einem Andern das Blut zu Eis erstarrt , aber es ist eine Höhe , weil ihr nichts Gemeines anhaftet . Wenn Sie noch menschlich fühlten , so hätten Sie dem Grafen wenigstens die Qual ersparen müssen , zu glauben , der Bruder sei von der Hand des eigenen Bruders gefallen ! “ Die Wirkung dieser letzten Worte war eine unendlich verschiedene bei den beiden Zuhörern . Der Prälat ließ einen unterdrückten Ausruf der Wuth hören , bei dem Grafen aber rissen sie die letzte Schranke nieder , mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit streckte er beide Arme nach seinem Sohne aus . „ Bruno , Du weißt – ? “ Benedict wich finster zurück vor der Umarmung und ein Eisesblick traf den Vater . „ Wer meiner Mutter die Treue brach und sie und mich dann verrieth und verließ ? Wer meinen Oheim niederschoß ? Ja , das weiß ich , Herr Graf Rhaneck ! “ Wenn der Graf Alles ertragen hatte , die schneidende Verachtung in diesen Worten ertrug er nicht . Die Verurtheilung aus dem Munde des Einzigen , was er auf Erden wahrhaft geliebt , warf ihn nieder , wie vernichtet sank er in den Sessel . Der Prälat behauptete allein seine eiserne Ruhe , dieser Mann war nun einmal nicht zu erschüttern . Er erkannte klar die Gefahr , die diese Entdeckung gerade in solchem Augenblicke brachte , er sah die Macht seinen Händen entgleiten und machte noch einen letzten gewaltsamen Versuch , die Zügel wieder an sich zu reißen . „ Bruno , Du vergißt , daß sich diese Sprache dem Vater und dem Oheim gegenüber nicht ziemt ! “ sagte er mit der vollen gebietenden Macht seiner Persönlichkeit . „ Dem Sohne meines Bruders und meinem Neffen will ich sie verzeihen . Jetzt aber erinnere Dich , daß Du dem Orden angehörst , und was er von Dir verlangt . “ Benedict kreuzte die Arme , wie um sich zur Ruhe zu zwingen , und wandte seinem Vater den Rücken . „ Sie haben Recht , Hochwürdigster , und deshalb allein kam ich hierher . Ich frage Sie jetzt im Angesichte des letzten Ereignisses : was haben Sie beschlossen ? “ „ Mein Verbot bleibt in vollster Kraft bestehen ! Was zwischen uns Dreien verhandelt ward , bleibt begraben für immer . Du schweigst auch ferner gegen Jeden ! “ „ Auf die Gefahr von Günther ’ s Verurtheilung hin ? “ „ Die Verantwortung fällt auf mich ! Du hast nur zu gehorchen ! “ Mit einer zuckenden Bewegung richtete sich Benedict auf ; als werfe er eine langgetragene Fessel ab , so stand er plötzlich vor dem Abte und es loderte furchtbar auf in seinem Auge . „ Gehorchen und immer nur gehorchen ! Das ist Euer ewiges Wort ; aber es ist jetzt genug der Sclaverei , jetzt kann ich nicht mehr und jetzt will ich auch nicht mehr ! Ihr habt mich in Fesseln geschlagen seit meiner Kindheit , habt mich in Eurem Banne gehalten mein Lebelang , habt eine Scheidewand zwischen mir und der Menschheit aufgerichtet , und wenn ich mich empörte dagegen , dann wurde mir immer und immer das Wort entgegengehalten , [ 239 ] mit dem ich mich der Kirche zugeschworen . Ich habe es gehalten unter tausendfachen Kämpfen , es gehalten bis zu diesem Augenblick , denn ich wußte , es galt nur mein Verderben , jetzt aber , wo die Ehre , das Leben eines Anderen auf dem Spiele steht , jetzt gehorche ich nicht , zum Verbrechen lasse ich meinen Eid nicht mißbrauchen ! Ihr habt mir die Augen darüber geöffnet , daß ich ihn nicht Gott geschworen , sondern Euch allein , und Ihr habt ihn entweiht , nicht ich ! Der Altar , der mich binden soll für alle Ewigkeit , er galt Euch nichts , als es sich darum handelte , meine Mutter von ihrem Gatten zu reißen , Ihr habt mich gelehrt , wie man Eide bricht – ich zerreiße den meinen ! “ Es lag eine erschütternde Gewalt in dieser jäh hervorbrechenden Empörung , in diesem endlichen Freiwerden eines jahrelangen Ringens und Kämpfens . Der Prälat sah , daß hier Alles zu spät kam , er wahrte vielleicht nur seine Stellung , als er noch eine letzte Drohung versuchte . „ Also eine förmliche Lossagung ! Wir werden Mittel finden , Dich zu zwingen , Abtrünniger ! “ Bruno schüttelte die dunklen Locken und zum ersten Male hob sich seine Brust unter dem niegekannten Gefühl der Freiheit . „ Mich zwingt Niemand mehr ! Was das Kloster auch beschließen mag , es droht nur dem Mönche , der sich gehorsam dem Befehl seiner Oberen beugt . Wenn ich mit meinem Wortbruch fertig werde – Eure Macht ist zu Ende in dem Augenblick , wo ich sie nicht mehr anerkenne ! “ Er wandte sich und verließ das Gemach , auch nicht ein einziger Blick war mehr auf den Grafen gefallen . Der Prälat verharrte einige Minuten lang in finsterem Schweigen , plötzlich aber zuckte eine Ahnung in ihm auf . „ Der Prior ! Das Volk im Klosterhofe ! Er ist zu Allem fähig – wenn er dort spricht , ist nichts mehr zu retten ! “ Er eilte nach , aber es war bereits zu spät . Bruno hatte in stürmischer Eile die Gemächer verlassen und durchschritt eben den Kreuzgang , der zum Klosterhofe führte . Im Begriff aber , hinauszutreten , kam ihm schon die Geistlichkeit entgegen , den Prior an der Spitze und gefolgt von den vornehmeren Leidtragenden , um den Prälaten in seinen Gemächern abzuholen . Bruno erkannte die Gefahr , die ihn hier mitten im Kreuzgange und abgeschnitten von der Welt bedrohte . Er mußte sprechen , mußte seine Anklage in die Welt schleudern , ehe ihn der Prälat erreichte , er wußte , daß ihm nur Minuten blieben , sollte seine Stimme nicht ungehört verhallen . Das Auge flammend in leidenschaftlicher Erregung , das jugendliche Haupt aufgerichtet , als gelte es den Kampf mit einer Welt , eilte er dem Zuge der Geistlichen entgegen , schritt auf den Prior zu , legte die Hand auf seine Schulter und sagte klar , fest und laut , so daß es weithin vernommen wurde : „ Entweihen Sie das Gedächtniß des Grafen Rhaneck nicht , Pater Prior ! Sie haben ihn gemordet . Ich war Zeuge davon . “ Ein Schrei des Entsetzens ließ sich ringsum hören , die furchtbare , mitten unter die Priester geschleuderte Anklage wirkte mit der Gewalt eines jäh herniederfahrenden Blitzes . Entsetzt stoben die Mönche auseinander , schreckensbleich drängten die Leidtragenden heran , und es war wohl schon zu spät , als das Thor des Kreuzganges laut krachend zufiel , von einem besonnenen Mönche rasch in ’ s Schloß geworfen . Aber mehr als selbst die Anklage sprach der Anblick des Schuldigen . Er war zusammengebrochen vor dem Schlage , der ihn mitten in der vollsten Sicherheit getroffen ; mit erdfahlem Gesichte , mit bebenden Lippen und zitternden Knieen stand er da , der Ueberfall kam zu plötzlich , als daß seine mönchische Gewandtheit und Verstellungskunst ihn noch hätte retten können ; er besaß nicht einmal mehr die Kraft zum Leugnen . Jetzt erschien auch der Prälat ; aber ein einziger Blick auf den Prior , auf die entsetzten Gruppen ringsum sagte ihm , daß er zu spät kam . Nach dieser vor Hunderten von Zeugen geschehenen Anklage ließ sich nichts mehr verbergen und verleugnen ; sie wußten es jetzt Alle , daß ein Mörder unter den Geweihten stand , – und im Ornate hatte man den Priester angegriffen ! Der ersten starren Pause folgte jetzt eine stürmische Bewegung . Die Mönche schaarten sich um ihren Abt , von ihm Rath und Hülfe verlangend , die Verwandten und Freunde der Familie drängten sich bestürzt Bruno entgegen , wie um weiteren Aufschluß zu verlangen . Der Landrichter aus E. , der ebenfalls mit im Zuge gewesen , näherte sich dem Prälaten , ehrfurchtsvoll , aber mit einer Miene , welche zeigte , daß er nicht gesonnen war , den Pflichten seines Amtes auch nur das Geringste zu vergeben . „ Hochwürdigster – ? “ Der Prälat stand allein unbewegt da wie ein Fels in der Brandung . Zu ihm floh Alles , an ihn wendete sich Alles , an seinem Antlitze hingen all diese Blicke ; es zuckte nicht und erbleichte nicht , als er that , was er thun mußte . Er erklärte , daß die furchtbare Anklage , die Pater Benedict allein zu vertreten habe , auch ihn schwer getroffen , verhieß die strengste Untersuchung und gab Befehl , den Schuldigen abzuführen . Bis zu diesem Augenblicke hatte sich der Prior noch aufrecht erhalten ; sein Auge hing immer nur an dem Prälaten , als solle und müsse ihm dieser Schutz und Rettung gewähren ; aber als auch der Abt ihn preisgab , als der sich von ihm wandte und er sich verloren sah , da flammte der giftige tödtliche Haß wieder auf in seinen Zügen ; aber diesmal richtete er sich gegen den Obern . Bruno , der bisher fest und unverrückbar an seiner Seite gestanden , sah diesen Ausdruck und ahnte das kommende Unheil ; er beugte sich herab zu ihm . „ Schonen Sie unsern Abt ! “ sagte er halblaut und lateinisch . „ Er muß den Schuldigen preisgeben . Schonen Sie seine und des Stiftes Ehre ! “ Aber er irrte , wenn er bei dem Prior eine Handlungsweise voraussetzte , wie er sie in solchem Falle geübt hätte ; bei dem Elenden siegte das Bewußtsein , verloren , aufgegeben zu sein von den Seinigen , selbst über die Gewohnheit und Erziehung des Mönches . Mit dem ganzen Haß des Gemeinen , das seine einzige Genugthuung darin findet , im Sturze noch einen Andern mit sich zu reißen , richtete er sich auf und rief höhnisch : „ Fragt den Herrn Prälaten , ob die That seinem Neffen galt oder einem Andern ! Er wußte darum , er hat mich – absolvirt ! “ Diesmal gab sich kein Laut des Entsetzens kund ; still , todtenstill war es in der ganzen Versammlung , sie wich stumm immer weiter zurück vor dem Prälaten , selbst die Priester flohen vor ihm – er stand ganz allein . Noch stand er ; aber man sah es , der Schlag hatte ihn bis in ’ s innerste Leben getroffen ; er wußte , daß der Eindruck dieser Worte nicht mehr zu verwischen war , und wenn sie zehnfach widerrufen wurden , und es war nur noch eine Form , die er mechanisch wie eine letzte Pflicht erfüllte , wenn er sich jetzt zum Landrichter wandte und erklärte , daß man den „ Unsinnigen “ in Sicherheit bringen müsse , bevor er noch zu weiteren Lügen seine Zuflucht nehme . Kein Laut ließ sich vernehmen , als er sich zurückzog ; in dem Schweigen lag sein Urtheil . Der stolze Abt , der den Ruf und die Ehre seines Klosters über Alles gesetzt , er brach mit diesen beiden zusammen ! Noch am Abend desselben Tages kehrte Günther nach Dobra zurück . Nach dem letzten Ereigniß und der schonungslos mit allen Details gegebenen Aussage des Pater Benedict hatte man keinen Anstand genommen , ihn sofort seiner Haft zu entlassen ; er befand sich jetzt auf der Fahrt nach Hause , wohin ihm die Nachricht seiner Ankunft bereits vorangegangen war . Neben ihm im Wagen saß sein junger Befreier ; er hatte Günther ’ s Bitte , sein Gast zu sein , entschieden abgelehnt . „ Ich habe versprochen , Sie frei nach Dobra zurückzubringen , und halte mein Versprechen , mehr verlangen Sie nicht von mir ! “ Das war seine ganze Antwort gewesen . „ Versprochen ? Wem ? “ Günther lächelte . „ Ich kann es mir denken ! Jedenfalls meiner tapferen Hausgenossin Fräulein Reich . Ohne Zweifel war sie es , die Ihnen die Nachricht meiner Verhaftung brachte und Sie zur Rettung anstiftete ; wenn es mir auch unbegreiflich bleibt , wie sie erfuhr , daß die Macht dazu grade in Ihren Händen lag . “ Bruno senkte das Auge . „ Sie irren ! Ich kenne jene Dame nicht einmal . Die Nachricht und der Ruf zur Rettung kamen von – von Ihrer Schwester . “ „ Von Lucien ? “ rief Bernhard mit unverstelltem Erstaunen . „ Hat sich das Kind in diese ernste Sache eingemischt ? Wie in aller Welt – “ er schwieg plötzlich , denn die Flamme , welche [ 240 ] schon einmal den Prälaten so bedenklich gemacht , schlug wieder hell auf in dem Antlitz des jungen Mannes , und auch in Günther ’ s Kopf begann jetzt eine Ahnung aufzudämmern , aber er sah es an der finsteren Stirn und den festgeschlossenen Lippen Bruno ’ s , daß dieser sich kein Geständniß werde entreißen lassen , und entschlossen , keine Offenheit zu erzwingen , die ihm nicht freiwillig geboten ward , forschte er für jetzt nicht weiter . Dennoch war es ein fast peinliches Nachdenken , das ihm die unerwartete Entdeckung aufzwang . Seine rosige kinderfrohe Lucie und diese düstere vulcanische Natur ! Unmöglich ! Und doch mußte bereits ein Einverständniß zwischen ihnen bestehen , wer lehrte sie sonst im Augenblicke der höchsten Gefahr bei ihm Schutz und Hülfe suchen ? Auch Bruno mochte wohl fühlen , daß er sich verrathen hatte , aber er schwieg beharrlich und so ward die Fahrt meist stumm zurückgelegt . Erst als das Schloß von Dobra vor ihnen auftauchte , wandte sich Günther wieder an seinen jungen Nachbar : „ Sie haben es mir verweigert , mein Haus als das Ihrige anzusehen , und doch hätte ich jetzt unter Allen wohl das erste Recht , Ihnen dort ein vorläufiges Asyl zu bieten . Ihre Rückkehr nach dem Stifte ist mit dem heutigen Tage eine Unmöglichkeit geworden , dies öffentliche Preisgeben der Klosterehre verzeiht man Ihnen nie . Soll ich nicht einmal wissen , wohin Sie zunächst Ihre Schritte lenken wollen ? “ „ Ich wollte für ’ s Erste nach N. zurück , und dann – “ „ Nach N. ? “ unterbrach ihn Günther rasch . „ Um Gotteswillen nicht ! Es liegt noch im Bereich des Stiftes , haben Sie nicht genug an der einen Erfahrung ? Wollen Sie einen zweiten – Unglücksfall abwarten ? “ Bruno schüttelte den Kopf . „ Fürchten Sie nichts , die Verfolgung hat ihren Zweck verloren . Als es sich darum handelte , meinen Abfall zu verhindern , mein Schweigen um jeden Preis zu wahren , da war ich in Gefahr , da konnte man beides nöthigenfalls mit meinem Tode erkaufen ; jetzt , wo der eine unwiderruflich vollzogen und das zweite öffentlich gebrochen ist , jetzt bin ich sicher ! “ „ Auch vor der Rache des Abtes ? Sie führten einen tödlichen Streich gegen ihn , die Worte des Priors haben ihn moralisch vernichtet . “ „ Ich ahnte es beinahe , wie der Elende sich rächen würde ! “ sagte Bruno finster . „ Hätte ich ’ s abwenden können , es wäre geschehen , aber ich mußte den Prälaten dem Aeußersten preisgeben , um Sie zu retten – es ist mir so schwer geworden , wie vielleicht ihm , als er mich preisgab ! “ Bernhard sah ihn mit dem Ausdruck äußerster Befremdung an . „ Ich begreife Sie nicht , Bruno ! So sprechen Sie von dem Manne , der Ihren Tod befahl ? “ „ Er opferte mich seiner Ueberzeugung , wie er seinen Bruder , wie er dessen Sohn geopfert hätte , wären sie ihm feindlich in den Weg getreten . Er kennt eben nur Eins , die Macht und Ehre seiner Kirche , und vor dem Priester muß jede Regung des Menschen nieder in den Staub . Ich kann sein Handeln begreifen , auch wenn ich es verurtheilen muß , und mich wird er in Zukunft nicht mehr angreifen . Mit nutzlosen Verbrechen befleckt sich dieser Mann nicht , er steht eben so hoch über gemeiner Rache , als er von jeher über gemeinem Hasse stand . “ „ Das war wieder einmal der Rhaneck , den man jetzt hörte ! “ In Günther ’ s Stimme klang ein leiser Vorwurf mit durch . „ Sie haben auch etwas von der rücksichtslosen Härte des Geschlechtes , Bruno , das alles niedertreten möchte , wo es sein eignes Wollen gilt ! Sie sind weit mehr der Neffe Ihres Oheims , als Sie je der Sohn Ihres Vaters waren . Wollen Sie dem Prälaten auch die Eingriffe in das Leben Ihrer Mutter verzeihen ? “ Ein Strahl von Haß blitzte wieder auf in dem Auge des jungen Mannes . „ Ihm ? Er hat sie nie gekannt ! Ihm war sie eine Fremde , Eingedrungene in den Namen und Rang seiner Familie , er hatte keinen Schwur zu wahren , keine Gelübde zu halten ; wenn er sie vernichtete , so geschah es mit jener eisernen Consequenz , die nun einmal die Grundlage seines Charakters bildet ; ihn klage ich am wenigsten an . Auf den Gatten , der sein Weib zu vertreten und zu schützen berufen war , und der es statt dessen in solcher Weise preisgab , aus diesen allein fällt der größte Theil der Schuld ! “ „ Haben Sie eine Erklärung mit Ihrem Vater gehabt ? “ fragte Günther forschend . „ Mit dem Herrn Grafen Rhaneck , meinen Sie ? “ es lag eine schneidende Zurechtweisung in dem Tone . „ Ich glaube , er war nicht abgeneigt , jenen Titel auch gegen mich geltend zu machen . Ich habe ihm gezeigt , daß ich das Andenken meiner Mutter zu ehren weiß und daß unsere Wege in alle Ewigkeit aus einander gehen . “ „ Sie gehen zu weit ! Graf Rhaneck hat dennoch – “ „ Ich bitte , schweigen Sie davon ! “ unterbrach ihn Bruno heftig . „ Ich kann bei dem Namen nun einmal nichts fühlen als Haß und Erbitterung , und ich will keine Beziehung zu ihm anerkennen , weder dem Grafen noch einem Anderen gegenüber . “ Bernhard schwieg , er sah wohl , daß er diesen Punkt nicht berühren dürfe , wenigstens jetzt noch nicht . „ Sie werden für ’ s Erste doch wohl hier bleiben müssen , “ begann er nach einer Pause von neuem . „ Ihr persönliches Zeugniß wird bei dem nun beginnenden Processe nicht entbehrt werden können . “ Bruno lächelte bitter . „ Mein Zeugniß ist mit meinem heutigen Auftreten und meiner den Gerichtsbeamten gegebenen Erklärung zu Ende . Der Proceß wird nicht stattfinden ! “ „ Weshalb ? “ fuhr Günther betroffen auf . „ Sie wollen doch nicht behaupten , daß man es wagen könnte , jetzt noch die Sache niederzuschlagen , nun sie einmal in den Händen der Richter ist ? “ „ Nein ! So weit reicht der Arm des Stiftes denn doch nicht , und selbst die Allmacht Roms würde daran scheitern . Aber Sie vergessen , daß der Prior sich vorläufig noch im Klostergewahrsam befindet , bis die Formalitäten seiner Auslieferung erfüllt sind . Man wird ihm gerade noch Zeit lassen , das Geständniß und vor allem die Anklage gegen den Abt zu widerrufen , und dann wird man – unachtsam sein . Er wäre der erste Mönch , der in solchem Falle nicht Thür und Thor zur Flucht offen gefunden hätte ; jedes ferne Kloster öffnet dem Schuldigen seine Pforten , wenn es sich darum handelt , ihn der so sehr gehaßten weltlichen Gerichtsbarkeit zu entziehen . “ „ Möglich ! Man müßte also versuchen , den Landrichter – “ „ Versuchen Sie nichts ! Es scheitert alles , wenn der Orden ihn retten will , und er wird um keinen Preis dem Lande das Schauspiel eines solchen Processes gönnen . Glauben Sie denn , ich hätte es gewagt , die Gedächtnißfeier eines Todten mit meiner Anklage zu entweihen , hätte ich die Zeugenschaft Anderer dabei entbehren können ? Er wäre vorher geflohen ; nun geschieht es wenigstens nach dem Geständniß , das Ihre Ehre reinigt von jedem Verdachte . “ „ Jedenfalls werde ich dennoch dem Landrichter die nöthigen Winke geben ! “ sagte Bernhard lebhaft . „ Uebrigens , was auch geschehen mag , der Eindruck jenes ersten Geständnisses und jener Worte gegen den Abt bleibt ungeschwächt . Das Verbrechen an sich würde man vielleicht mit der Zeit vergessen , aber daß es befohlen ward , befohlen werden konnte , das erschüttert die Macht des Stiftes bis in ihre innersten Grundvesten hinein . Die blinde Verehrung dafür ist zu Ende für alle Zeit ! “ Die Ankunft in Dobra machte der weiteren Unterredung ein Ende . Hier wurde Günther bereits erwartet , der Landrichter hatte seine „ Abscheulichkeit von vorgestern “ , wie Fräulein Reich noch immer hartnäckig die Verhaftung nannte , dadurch wieder gut gemacht , daß er sofort vom Stifte zu den Damen herübergekommen war , ihnen die betreffenden Nachrichten zu bringen . Lucie hing noch in stürmischer Zärtlichkeit am Halse ihres Bruders , Franziska dagegen wandte sich sogleich nach der ersten warmen Begrüßung an dessen jungen Begleiter . „ Sie sind jedenfalls Herr Pater Benedict , von dem der Landrichter uns erzählt hat ! “ begann sie in ihrer ungenirten Weise . „ Ich kann es mir denken ! Einen Anderen von der Sippschaft drüben hätte uns Herr Günther schwerlich mitgebracht . Ich habe sonst eine entschiedene Antipathie gegen Alles , was Kutten trägt , denn – entschuldigen Sie , Hochwürden – es steckt gewöhnlich nichts Gutes dahinter ; Sie aber sind eine Ausnahme , Sie sind ohne Zweifel ein vortrefflicher Mensch , obgleich man es Ihrem Gesicht und Ihrer Kleidung nach eigentlich nicht vermuthen sollte ; – ich freue mich außerordentlich , Ihre Bekanntschaft zu machen . “ [ 254 ] Bruno nahm diese seltsame , aus Sottisen und Complimenten gemischte Begrüßung der ihm ganz unbekannten Dame mit sichtbarer Befremdung auf . Er verneigte sich schweigend , ohne Erwiderung und näherte sich dann dem jungen Mädchen . „ Ich habe versprochen , Ihnen den Bruder frei zurückzugeben , Lucie – hier ist er ! “ Franziska , die noch ziemlich entrüstet dastand ob dieser kühlen Aufnahme der Versicherung ihres Wohlwollens , fuhr jetzt plötzlich mit dem Ausdrucke grenzenlosen Erstaunens herum . Dies „ Lucie “ , mit dem man ihren Zögling zu tituliren wagte , und das glühende Erröthen desselben brachte sie ganz und gar aus der Fassung . Bernhard beugte sich forschend zu seiner Schwester nieder . „ Ich wußte nicht , daß ich Deinem Vorgehen allein meine Rettung danke , Lucie ! Du suchtest Bruno aus und bestimmtest ihn zum Handeln , und ich ahnte kaum , daß Ihr Euch überhaupt kanntet . “ Das junge Mädchen gab keine Antwort , sie sah zu Boden , an ihrer Stelle aber nahm jetzt Bruno das Wort . „ Ich möchte Sie bitten , Herr Günther , mir noch eine Unterredung mit Ihrer Schwester allein zu gestatten . Sie brauchen den Ausgang derselben nicht zu fürchten . Lucie hat von jeher so vor mir gezittert , daß sie aufathmen wird bei der Nachricht von meiner Entfernung aus der Gegend und aus dem Lande überhaupt . “ Sie klangen wieder sehr bitter , diese letzten Worte ; aber Lucie war erbleichend aufgefahren , als er von seiner „ Entfernung “ sprach , und ihr Antlitz verrieth einen so tödtlichen Schrecken , eine so angstvolle Frage , daß Bernhard auch über sie nicht länger mehr im Zweifel war , als er mit einer bejahenden Bewegung ihre Hände losließ . „ Was ist denn das ? “ fragte Franziska , die noch immer starr vor Staunen dastand , halblaut , während Bruno dem jungen Mädchen in ’ s Nebenzimmer folgte . „ Etwas , das selbst Sie mit all Ihrer Klugheit nicht herausgefunden haben ! “ sagte Günther lakonisch , indem er die Thür hinter den Beiden schloß , „ aber beruhigen Sie sich , Franziska , ich hatte auch keine Ahnung davon , und Lucie hat sich in der ganzen Sache von Anfang an so eigenmächtig benommen , daß ich ihr auch wohl die schließliche Entscheidung allein überlassen muß . Das ‚ Kind ‘ , das wir Beide für so unmündig hielten , hat uns einen argen Streich gespielt . Es wußte mehr zu tragen und zu verschweigen und im gegebenen Momente richtiger zu handeln , als wir Alle zusammen . Wir wollen jetzt abwarten , ob die Unterredung drinnen wirklich nur mit einem Lebewohl endigt oder mit etwas Anderm . Ich fürchte ganz entschieden das Letztere ! “ – Bruno war inzwischen , als er die Thür geschlossen sah , rasch auf das junge Mädchen zugetreten . „ Ich habe noch eine Frage an Sie , Lucie , die Sie mir beantworten müssen , ehe ich gehe , denn noch liegt für mich ein räthselhaftes Dunkel auf Ihrem Eingreifen in das Drama , das soeben sein Ende erreicht hat . Wer wies Sie vorgestern zu mir ? Sie wußten damals bereits , was alle Welt nur ahnte , daß Graf Rhaneck gemordet war , wußten , daß nur mein Zeugniß allein Ihren Bruder befreien konnte , und doch ist das Geheimniß nur einmal über meine Lippen gekommen , dem Prälaten gegenüber . Außer dem Prior und uns Beiden konnte es Niemand wissen – wer hat es Ihnen verrathen ? “ Lucie hob zaghaft das Auge zu ihm empor ; es lag wieder eine tiefe Blässe auf dem lieblichen Gesichte , als sie zögernd entgegnete : „ Ich wußte nichts , ich ahnte nur , und Gott sei gedankt , daß die Ahnung mich trog ! Ich fürchtete ja eine andere schrecklichere Lösung – ich glaubte , Sie müßten sich selber opfern , um Bernhard zu retten . “ Bruno trat betroffen einen Schritt zurück . „ Mich selbst ? Das heißt also , Sie hielten mich für den Schuldigen ? “ Das junge Mädchen gab keine Antwort , sondern senkte nur schuldbewußt das Haupt . „ Ich muß doch wohl etwas vom Mörder an mir haben ! “ sagte er bitter . „ Auch Graf Rhaneck hegte den gleichen Argwohn . Darum also bebten Sie so entsetzt zurück , als meine Hand es wagte , Sie zu berühren ? Freilich in Ihren Augen war sie ja voll Blut ! “ „ O , Sie sahen so entsetzlich aus , als Sie damals in der Kirche von mir gingen ! “ Luciens Stimme bebte wieder bei der Erinnerung an jene Stunden . „ Ich konnte Ihren Blick , Ihren Ton nicht vergessen ! und gleich darauf fiel der Graf , fiel auf Ihrem Wege , und dann – das Zusammentreffen aller Umstände , Ihr räthselhaftes Schweigen – wenn Sie gewußt hätten , was damals auf Ihrer Stirn geschrieben stand , als Sie mich verließen ! Sie würden mich nicht schelten wegen eines Irrthums , den ich selbst am schwersten gebüßt habe ! “ Sie grub sich auch jetzt wieder in seine Stirn , die drohende Falte , welche sie damals so erschreckt hatte . Die ganze Härte und Verschlossenheit des jungen Mannes schien zurückgekehrt , als er finster , halb abgewendet von ihr dastand , als könne er den Verdacht nicht verzeihen ; aber als sich Lucie nun an seine Seite stahl und er seinen Namen zum ersten Male von ihren Lippen vernahm , als dies leise bittende „ Bruno ! “ sein Ohr berührte und ihre Augen zu ihm aufblickten , da löste sich jene Falte , der herbe Zug verschwand , und das ganze Antlitz verlor seinen Ausdruck düsterer Erbitterung , als habe eine Hand glättend und besänftigend darüber hingestrichen . Diese blauen Augen waren vielleicht das Einzige auf Erden , was Macht hatte über diese starre Natur , aber sie waren hier auch allmächtig . „ Das Verbrechen galt mir , Lucie ! “ sagte er leise . „ Ich war das auserkorene Opfer ! Die dämmernde Schlucht führte die mörderische Hand irre und die Aehnlichkeit unserer Gestalt , der dunkle Mantel , den wir Beide trugen , wurden dem Grafen zum Verhängniß . Es war die Stunde und der Moment , wo ich die Kluft passiren mußte ; wäre ich zur gewöhnlichen Zeit gegangen , hätte ich Ottfried überholt , nur um Minuten vielleicht , ich wäre an seiner Statt gefallen . Was mich in der Kirche zurückhielt , was mich rettete – “ „ Ich weiß es ! “ unterbrach ihn Lucie kaum hörbar . Sie wußte es freilich , jenes glühende leidenschaftliche Geständniß seiner Liebe , das allein ihm zur Rettung geworden , es war ja während der ganzen Zeit nicht einen Moment lang aus ihrer Erinnerung gewichen . „ Ich erreichte die Brücke in dem Momente , wo der Graf hinabgestürzt ward ! “ fuhr er gepreßt fort . „ Zu spät , um den Mord zu verhindern , und früh genug , um den Mörder noch zu erkennen , der sich beim Nahen meiner Schritte zur Flucht wandte . Es war keine Zeit , ihm zu folgen und ihn zur Rede zu stellen ; ich rief die Nächstwohnenden herbei , um mit ihnen in die Schlucht einzudringen . Die Hülfe kam zu spät , ich wußte es , aber sie mußte