. Heute sollte das Versäumte nachgeholt werden . Die Väter der Stadt hatten sich nicht geweigert , die weite , bequeme Halle , wo sie zur Sommerszeit das Heil des Landes berieten , dem wirbelnden Reigen und der Maskenfreiheit aufzutun , und in den beiden zur Rechten und zur Linken auf diesen Saal sich öffnenden Sitzungszimmern die Schenktische rüsten zu lassen . Das eine dieser Nebengemächer , vor dessen Eingang die schmale , vom Hausflur auf den weiten Saal führende Wendeltreppe ausmündete , war die Kammer der Justitia , deren aus Holz geschnitztes , buntbemaltes Bildnis , auf einem phantastischen Sitze von Hirschgeweihen thronend , an drei Ketten von der Decke herunterhing . Unter dem Bilde stand ein hoher Holzbock und auf diesem der beleibte Festwirt , der das mächtige Geweih geschäftig mit Wachskerzen besteckte . Während seine Hände sich beeilten , ging auch seine Zunge nicht müßig . Sie ließ gewichtige Worte fallen in einen Kreis junger Leute , welche das seidene geschlitzte Festwams mit dem breit ausgelegten Spitzenkragen , das reich bebänderte Beinkleid und die verwegensten Schuhrosetten zur Schau trugen , dabei schon den Becher handhabten , um , wie sie sagten , die Festweine zu prüfen , und die Aussprüche des Redseligen lustig auffingen , ihn zu immer neuen Mitteilungen ermunternd . » Also , Vater Fausch « , lachte ein flotter Geselle , » Ihr seid es , der das Genie des Obersten aus den Windeln gewickelt hat , wodurch Ihr , ich will nicht sagen die kleine , aber die verborgene Ursache großer Dinge geworden seid ! Gesteht , Ihr habt ihm auch seinen Plan eingehaucht , der eines Niccolò Machiavelli würdig ist ! Warum aber habt Ihr die Hauptrolle darin nicht selbst übernommen ? « » Daß es probat sei , Frankreich gegen Hispanien und Hispanien gegen Frankreich zu hetzen « , versetzte der Kleine , eine Kerze in der Hand , von seiner Höhe herunter , » und dann den Kopf leise aus der Schlinge zu ziehn , das mag ich Jürg in vertraulichen Stunden wohl angedeutet haben zur Zeit , als wir in der schönen Stadt Venezia zusammentrafen . Selbst aber das Geschäft übernehmen konnte ich nicht , wenn ich nicht dem herben Weine meiner Denkungsart einen unechten Beisatz geben und meine demokratische Vergangenheit beschämen wollte . Nie sah Bünden einen ehrenvollern Tag als jenen großen , da ich die französische Ambassade über die Grenze wies . « Und Fausch machte eine gebieterische Gebärde mit seiner Wachskerze . » Bekannt ! Bekannt wie die Schöpfungsgeschichte ! « scholl es aus allen Ecken . » Etwas anderes , Vater Lorenz ! – Erzählt uns lieber , wie Ihr , ein hartgesottener Ketzer , Kellermeister bei Seiner bischöflichen Gnaden geworden seid . « » Gern , meine Herren « , versetzte Fausch , » es ist in unsern Zeiten eine lehrreiche Geschichte . Als Seine Gnaden für ihren weltberühmten bischöflichen Keller einen Mann nach ihrem Herzen , ausgerüstet mit den erforderlichen Kenntnissen und Tugenden suchten , schrieben sie mir nach Venedig , an meiner ihnen wohlbekannten Person sei nur eines , das sie störe – die Verschiedenheit des Glaubens . Sie meinten , ihr Malanser würde ihnen nicht schmecken , wenn ihr Kellermeister und Mundschenk die bestimmte Aussicht hätte , dereinst in der Flamme ewigen Durst zu leiden , und drangen heftig in mich , zum Besten ihres Kellers und meiner Seele die protestantischen Ketzereien abzutun . Lorenz Fausch aber , meine Herren , blieb fest und gelangte doch ans Ziel . Die Unterhandlung schloß damit , daß Gnaden einsahen , ein Apostat wäre nicht der Mann , ihnen reinen Wein einzuschenken . « Fausch verstummte , denn eben war ein junges Ratsglied zu der Gruppe getreten und erzählte mit Lebhaftigkeit , wie stolz der Oberst dem Bürgermeister Meyer die Urkunde überreicht und in wie wohlgesetzten Worten das zürcherische Standeshaupt den Glückwunsch seiner Vaterstadt zu Bündens glorreicher und wunderbarer Wiederherstellung vorgebracht habe . » Der Heini Waser hat gleichfalls mit mir auf derselben Schulbank geschwitzt « , rief Meister Lorenz von seinem Holzbock herunter . » Auch ein Pfiffikus ! Aber mit unserm Jenatio verglichen , ein Ingenium zweiten Ranges . Wenn mein Jürg mir nur nicht hoffärtig wird ! – Ich will heute abend die Maskenfreiheit benützen , um ihm sein erstes geringes Kleid , den Pfarrock , und die unterste Staffel seines Ruhms , die arme Kanzel in heilsame Erinnerung zu bringen . Gebt mir auf den Spaß wohl acht , ihr Herren ! Ich schleiche als Küster hinter ihm her und spreche ihn um den Liedervers zu seiner Predigt an , so wahr ich Lorenz Fausch heiße . « Unterdessen hatten sich alle Lichter entzündet und der Saal begann sich zu füllen . In den Nischen der breiten Fenster flüsterten junge Damen und verzeichneten auf ihren Fächern die Tänze , welche sie den vor ihnen stehenden Kavalieren versprochen . Allmählich erschienen auch die Standespersonen , voran der Amtsbürgermeister Meyer mit seiner vornehm blickenden Gemahlin , welche , den runden Hals und die vollen Arme mit Perlenschnüren umwunden , in einem golddurchwirkten Schleppkleide neben dem stattlichsten der Gatten einherschritt . Bald nach ihnen betrat den Saal der Ritter Doktor Fortunatus Sprecher , den alles sich wunderte hier zu erblicken . Auch war sein Antlitz trüb und unfestlich . Der allen rauschenden Vergnügungen abholde Doktor hatte wohl sich heute Gewalt angetan um seines zürcherischen Freundes und Gastes willen , den er auch damit ehrte , daß er durch ihn sein liebliches Töchterlein aufführen ließ . Die Sprecherin sah in ihrem weißen Seidenkleide und dem vorn von einer Blume aus Edelgestein zusammengehaltenen Florwölklein um Nacken und Schultern an der Hand des ehren- und tugendfesten Bürgermeisters glücklich und verschämt aus , fast wie eine züchtige Braut . Während Herr Waser sie unter ihre Freundinnen führte , welche dem Treppenaufgang und der Kammer der Justitia gegenüber am andern Ende des Saales jugendliche Gruppen bildeten , klangen die Stufen von Männertritten und Jenatsch betrat mit einem zahlreichen Gefolge seiner Offiziere die Tanzhalle . Sein gewaltiger Körperbau und sein feuriges Antlitz machten ihn noch immer zum Mächtigsten und Schönsten unter allen . Noch stand er von vielen Seiten begrüßt neben dem Bürgermeister Meyer und seiner Gemahlin in der Mitte des Saales , als zu nicht geringem Schrecken dieser Magistratsperson der Doktor Sprecher mit einer Totengräbermiene sich unfern von ihnen unter den Kronleuchter stellte und , mit einer Bewegung der Rechten Schweigen verlangend , also zu reden anhub : » Manche von euch fragen mich , werte Mitbürger , was diese Trauer meines Angesichts bedeute , die ich vergeblich um des heutigen Ehrenfestes willen unter der Maske der Heiterkeit zu verbergen trachte . Wollet es mir verzeihen , wenn ich ein großes Leid , das mir widerfahren ist , nicht länger verheimliche , weil ich überzeugt bin , daß es in vollstem Maße auch das eurige ist , und wollet es den Boten nicht entgelten lassen , der eure Freude in Trauer verwandeln muß . Unser hoher Gönner und treuester Freund , der Herzog Heinrich Rohan , hat das Zeitliche gesegnet . « Hier wanderte Sprechers Blick durch die erst lautlos schweigende und jetzt bei seinem letzten Worte bestürzte Gesellschaft . » Ein Flugblatt mit dem Berichte seines Endes ist eben in meine Hände gekommen . Wollt ihr die traurige Zeitung anhören ? « fragte er , ein bedrucktes Papier aus der Brusttasche ziehend . » Leset , leset ! « ertönte es von allen Seiten . Sprecher trocknete sich die Augen und begann : » Allen evangelischen Herren , Städten und Landschaften deutscher Nation geschieht hiermit Kunde , daß Herzog Bernhard von Weimar bei Schloß und Stadt Rheinfelden eine glänzende Viktoria über die Kaiserlichen erfochten hat . In dieser Feldschlacht , die zwei Tage dauerte , wurde der in der Tracht eines gemeinen Reiters in unsern Reihen mitfechtende Herzog Heinz Rohan von dem Feinde nach tapferer Gegenwehr und erlittener Verwundung zum Gefangenen gemacht ; am zweiten Tage aber bei erneuertem Angriffe von dem Hauptmann Rudolf Wertmüller und seinem Reiterfähnlein mit fürtrefflicher Tapferkeit herausgehauen und im Triumphe ins Lager zurückgeführt . Herzog Bernhard ließ ihn in sein Zelt bringen , allwo die Wunde untersucht und ungefährlich , der edle Herr aber sehr schwach befunden wurde . Herr Bernhard wich nicht von seiner Seiten . Am fünften Tage danach , als es mit Herzog Heinz zum Sterben gehen sollte , verlangte er nach einem geistlichen deutschen Lied , wie er solche im Heer sonderlich gern hatte singen hören . Da versammelten sich wohl hundert Mann aus dem Lager , Reiter und Fußvolk , alle wohl geübt und erfahren in dieser fröhlichen Kunst , vor dem Gezelt des Herzogs und sangen ihm ein neu geistlich Lied , das unlängst in das Lager gekommen war und bald große Gunst gefunden hatte . Nach dem Gesätzlein : Wohl Dir , Du Kind der Treue ! Du hast und trägst davon Mit Ruhm und Dankgeschreie Den Sieg und Ehrenkron ... tat sich sachte das Gezelt auf und man winkete , daß der Herr selig verschieden sei . Als die Ärzte ihn öffneten , um ihn einzubalsamieren , fanden sie das Herz von Kümmernis gänzlich zerstöret . So fuhr dahin in Ehren der edle Herzog Heinz aus Welschland . Wenn einst , wie wir alle unverrücket hoffen , das deutsche Reich erneuert wird in evangelischer Freiheit und großer Gloria , so wird man auch dieses gottesfürchtigen welschen Herzogs gedenken , dieweil er glaubenshalber aus seinem Vaterlande gewichen und , nachdem er sich seiner hohen Ehren demütiglich abgetan , im evangelischen deutschen Heere einen frommen Reiterstod gestorben ist . Amen . « Tiefe Bewegung hatte sich der ganzen Versammlung bemächtigt , es bildeten sich leise redende Gruppen . Wie damals da der Herzog am Tore von Chur Abschied nahm , stand Jenatsch eine Weile allein mit verfinstertem Antlitz . Da trat der Bürgermeister Meyer auf ihn zu und redete ihn herzlich und ehrerbietig an : » Wir Churer glauben Eurer Genehmigung gewiß zu sein , Herr Oberst , wenn wir Euch vorschlagen , das Euch gebotene Dank- und Ehrenfest auf einen spätern Tag zu verlegen . Habt Ihr doch selbst besser als jeder andere das unserm Lande wohlgewogene Gemüt des guten Herzogs gekannt und müßte es Euch doch selber schmerzen , wenn wir seinen Tod bei Fackelschein und Reigentanz mit hartem Herzen zu feiern den Anschein hätten . « Der Oberst schwieg und ließ seine dunkeln Blicke verächtlich über die undankbare Menge schweifen , die über einen Verschollenen und Toten die Gegenwart ihres Retters vergaß . An dem obern Ende des Saales wurden die Lichter schon ausgelöscht und die geschmückten Frauen ließen sich von ihren Kavalieren zur Treppe geleiten . Herr Sprecher hatte , einer der ersten , das Rathaus verlassen . Besorglich legte sich eine Hand auf den Arm des Obersten , und als er verstimmt sich umwandte , sah er in das fragende Gesicht des zürcherischen Bürgermeisters , der die in Tränen aufgelöste Amantia wegführte . » Ich muß mit dir reden ! Heute noch , Jürg ! Bleibst du hier ? « flüsterte Waser und als Jenatsch ihm leicht zunickte : » So komm ich wieder . « Jetzt reckte sich der Oberst zu seiner ganzen Höhe empor und sagte , das Haupt trotzig zurückwerfend , zu dem noch seiner Antwort harrenden Meyer , doch so , daß seine bebende Stimme durch den ganzen Saal klang : » Ich will mein Fest , Bürgermeister . Geht oder bleibt nach Eurem Belieben ! « Verwirrung füllte den Saal , unheimliche Dämmerung hatte sich zu verbreiten begonnen , in deren Schutz die meisten angesehenen Churer und fast alle Frauen sich unbemerkt entfernt hatten . Doch auf des Obersten herrisches Wort entzündeten sich die Lichter von neuem und beleuchteten den beginnenden Reigen . Aber die Gäste waren andere geworden und die Feier schien sich in eine wilde Lustbarkeit verwandeln zu wollen . Bevor Waser die Treppe erreichte , war sein Auge an einer großen Frauengestalt in dunkler venezianischer Tracht haftengeblieben , die dem Strome der forteilenden , den Stufen zudrängenden Churerinnen allein entgegenschritt . Es war etwas in der eigentümlichen Haltung dieses edelgeformten Hauptes , in der traurigen Glut dieser durch die samtene Halbmaske blickenden , suchenden Augen , das ihn seltsam schaurig berührte . Er sah ihr nach , wie sie , das Gewühl der Tanzenden meidend , die Kammer der Justitia betrat . Diese hohe , reiche Gestalt kannte er nicht , aber sie mußte auch Jenatsch aufgefallen sein , denn der Oberst richtete sogleich seinen Gang nach derselben Schwelle . Ob er sie überschritt , das sah Waser nicht mehr , das Gedränge auf der Treppe wurde jetzt so groß , daß der Bürgermeister seiner ganzen Würde und Vorsicht bedurfte , um die verwirrte Amantia ungefährdet durch den Engpaß zu bringen . Es war ein toller Maskenzug , der die Treppe hinaufstürmte , wilde Gesellen unter der Führung einer kolossalen Bärin , der ein großes Schild mit den Wappen der drei Bünde an einer Kette um den zottigen Hals hing . Sobald Waser die heimgeleitete Amantia einer alten Dienerin übergeben hatte , eilte er wieder nach dem Rathause zurück , ohne nach dem Doktor zu fragen , dem er es nicht leicht verzieh , daß er das unschuldige Flugblatt in so feindseliger und hinterlistiger Weise zur Beleidigung des Obersten ausgebeutet hatte . Schon von fern sah er vor dem Staatsgebäude ein unsicher beleuchtetes verworrenes Gewühl und es ward ihm schwer , bis zur Hauspforte vorzudringen . Die gleichen Masken , denen er vor einer halben Stunde auf der Treppe begegnet war , entstürzten jetzt dem Hausflur in wilder Hast . Inmitten des an die dreißig Vermummte zählenden Haufens glaubte er plötzlich im Scheine einer sprühenden Fackel die ungeheure Bärin zu erblicken , die zerzaust und blutig mit einer über die Schultern gelegten Puppe oder Leiche davonschritt . Waser hatte die Türe erreicht . Er warf einen Blick auf die Wendeltreppe , sie füllte sich eben wieder mit taumelnden Gästen , die wirr durcheinander schrieen und hastig davoneilten . Oben verstummte mit abgerissenen Tönen die Musik . Jetzt gewahrte Waser hart neben sich einen untersetzten Franziskanermönch , dessen von der Kapuze beschattetes Augenpaar er forschend auf sich gerichtet fühlte . Eine Maske war das nicht . Der Mönch warf seine regentriefende Kapuze zurück und Waser erkannte das nüchterne , geisteskräftige Gesicht des Paters Pancraz und seine klug blitzenden Augen . Die beiden Männer schüttelten sich die Hände . » Tun wir uns zusammen , Herr Bürgermeister « , sagte der Pater leis aber eindringlich . » Welt und Kirche , Ehrenkette und Kuttenstrick im Bunde werden durch den tollsten Spuk dringen ! Ich lese auf Eurem Gesicht , daß Ihr wie ich in Sorge seid um den Obersten . Etwas ist droben vorgefallen . Was sie dort fortschleppten – ich habe das niederhangende Haupt scharf angesehen – war der tote oder ohnmächtige Rudolf Planta . Um den ist ' s kein Schade und an der Fastnacht sind blutige Köpfe nichts Besonderes , aber gut ist ' s doch , wenn wir hinaufkommen ! « Bei diesen Worten schob er den Bürgermeister in eine gesicherte Ecke und stellte sich vor ihn , denn ein paar trunkene Offiziere stürzten sich eben , mit den Degen fuchtelnd , in die Menge hinunter . Der Pater verschwieg seine Hauptsorge – Lucretia . Er war , durch das Unwetter verspätet , vor einer Stunde erst in Chur angelangt , hatte die alte Gräfin Travers , die , hinfällig wie sie war , sich frühzeitig zur Ruhe gelegt hatte , zwar nicht gesehn , aber von der Dienerschaft erfahren , das Fräulein sei noch vor Mittag angelangt , habe ihrer Muhme Gesellschaft geleistet und sich dann , wie sie bisweilen zu tun pflegte , in ein für ihren Besuch immer bereitgehaltenes Gemach zurückgezogen , um sich umzukleiden . Erst vor kurzem habe sie , in ein weites Obergewand gehüllt , das Haus wieder verlassen . Ihr Knecht , der Sohn des Riedberger Kastellans , sei ihr auf diesem Gange mit der Fackel vorangeschritten . Wohin sie sich habe geleiten lassen , wußte niemand zu sagen . Pancratius hatte aus dem Berichte der Dienstleute zu Riedberg Verdacht geschöpft , der junge Planta , den er für einen Feigling hielt , möchte in Bünden beherztere Genossen gefunden haben . Er fürchtete , der Neid der mächtigen Familien , die Georg Jenatsch beleidigt hatte , könnte , durch seinen letzten größten Erfolg aufgestachelt , in mörderische Gewalttat ausbrechen . Damit mußte Lucretias Verschwinden zusammenhangen , denn bei ihrer Gemütsart zweifelte er nicht , daß sie als Mitschuldige oder als Warnerin in das Unheil verflochten sei . Dieses aber schwebte über dem Haupte des Obersten – als die eine oder die andere war sie in seine Nähe gebannt und er eilte sie dort zu suchen . Und Lucretia war es gewesen , deren ernste feierliche Gestalt dem zürcherischen Bürgermeister in der Verwirrung des Aufbruchs im Saale begegnet und deren Schritten Jenatsch mit aufglühender Freude in die Kammer der Justitia gefolgt war . » Willkommen Lucretia ! « rief Georg der sich nach ihm Umwendenden entgegen , » ich danke dir , daß du an meinem Feste nicht fehlst . Du bringst mir die Freude ! Die Welt ist mir schal geworden , ihre Beuten und Ehren sind mir ein Ekel ! Gib mir meine junge , frische Seele wieder ! Sie ging mir längst verloren – sie blieb bei dir . Gib mir sie mit deinem treuen Herzen ! Du hast sie darin aufbewahrt ! « Er umfaßte sie mit beiden Armen und drückte ihr Haupt , dem die Maske entfiel , an seine Brust . » Hüte dich , hüte dich , Jürg ! « flüsterte sie , seiner Umschlingung widerstrebend und erhob zu ihm Augen voll unendlicher Angst und Liebe . Er mißverstand sie . » Ich weiß es schon « , rief er , » auf Riedberg wird keine Hochzeit gefeiert ! Kehre niemals dorthin zurück ! Du bleibst bei mir auf ewig ! Wir verreiten noch heute nach Davos ! – Jetzt aber zum Reigen ! « – Im Saale erklang eine rauschende wilde Tanzweise . Jenatsch löste seinen Degengurt , warf die Waffe auf einen Sitz und umfaßte Lucretia fester . Ihre Augen hafteten starr an der Tür , wo , hereinblickend , verlarvte Gestalten sich drängten . Sie hatte die scharfe , widrige Stimme Rudolfs vernommen . Jetzt stellte sich eine kleine Ungestalt im langen schwarzen Rocke eines Küsters mit lächerlichen Bücklingen vor den Obersten . Die Schiefertafel in der einen , ein Stück Kreide in der andern Hand , fragte sie näselnd : » Welchen Psalm oder Liedervers belieben der Herr Pfarrer von Scharans heute vor der Predigt singen zu lassen ? « Jenatsch erkannte sogleich das große Haupt und die kurzen ehrlichen Finger des Kellermeisters Fausch . » Ei , du bist zu fett für eine Kirchenmaus ! « rief er ihm zu , » doch mein Verslein sollst du haben : Selig lebt und freudig stirbt Wen die Lieb umfangen ! . . . Das laß mir singen . « – Der Kellermeister warf einen listig beobachtenden Blick auf die sich umschlungen Haltenden und drückte seine dicke Person , als wollte er sie von seiner Gegenwart befreien , so rasch er konnte , durch die Masken an der Türe in den Saal hinaus , wo die Paare , vom Rasen der Geigen und Pauken fortgerissen , immer schneller vorüberwirbelten . Fausch hatte nicht bemerkt , wie ängstlich Lucretia bestrebt war , ihm , Jenatsch mit sich fortziehend , auf dem Fuße zu folgen . Schon war es zu spät . Das Zimmer füllte sich mit einem wilden Maskenhaufen und es war eine Unmöglichkeit geworden , den umdrängten Ausgang zu gewinnen . Auch dachte Jenatsch nicht mehr daran . Er war versunken in die wunderbare , wie von zerstörenden innern Flammen beleuchtete Schönheit seiner Braut und führte sie , dem Maskenspiel in der Mitte des Gemaches Raum gebend , in eine Fensternische . Doch das den Zug anführende Bärenungeheuer mit den Wappen der drei Bünde auf der Brust schritt schwerfällig auf ihn zu , streckte , ihm auf den Leib rückend , die rechte Tatze aus und begann mit brummender Stimme : » Ich bin die Respublica der drei Bünde und begehre mit meinem Helden ein Tänzlein zu tun ! « » Das darf ich nicht ausschlagen , obgleich ich meine Dame ungern lasse « , erwiderte Jenatsch und reichte der Bärin , den Fuß – wie zum Tanze hebend , bereitwillig die Rechte . Diese aber schlug die beiden Tatzen um die gebotene Hand und packte sie mit eiserner Mannesgewalt . Zugleich zog sich der Larvenkreis eng um den Festgehaltenen zusammen und überall wurden Waffen bloß . Lucretia drängte sich fest an die linke Seite des Umstellten , wie um ihn zu decken . Sie hatte ihm keine Waffe zu bieten . Wieder traf die Stimme Rudolfs ihr Ohr . » Dies , Lucretia , für die Ehre der Planta « , flüsterte er dicht hinter ihr und sie sah , mit halbgewandtem Haupte , wie seine feine spanische Klinge vorsichtig eine gefährliche Stelle zwischen den Schulterblättern Georgs suchte . Sie hatte sich von Jenatsch vorwärts ziehen lassen , denn dieser streckte sich , den ihn umschließenden Kreis seiner Mörder mitreißend , nach dem nahen Kredenztische aus und erreichte dort mit der freien Linken einen schweren ehernen Leuchter , dessen gewichtigen Fuß er gegen seine Angreifer schwang , die von vorn fallenden Hiebe parierend . Da schmetterte ein Axtschlag neben ihr nieder . Sie erblickte ihren treuen Lucas , ohne Maske und barhaupt , der von hinten vordringend , ein altes Beil zum zweiten Male auf Rudolfs bleiches Haupt fallen ließ und ihn anschrie : » Weg , Schurke ! Das ist nicht deines Amtes . « Dann warf er den Sterbenden auf die Seite , drückte Lucretia weg und stand mit erhobener Axt vor Jenatsch . Der Starke , der schon aus vielen Wunden blutete , schlug mit wuchtiger Faust seinen Leuchter blindlings auf das graue Haupt . Lautlos sank der alte Knecht auf Lucretias Füße . Sie neigte sich zu ihm nieder und er gab ihr mit brechendem Blicke das blutige Beil in die Hand . Es war die Axt , die einst den Herrn Pompejus erschlagen hatte . In Verzweiflung richtete sie sich auf , sah Jürg schwanken , von gedungenen Mördern umstellt , von meuchlerischen Waffen umzuckt und verwundet , rings und rettungslos umstellt . Jetzt , in traumhaftem Entschlusse , hob sie mit beiden Händen die ihr vererbte Waffe und traf mit ganzer Kraft das teure Haupt . Jürgs Arme sanken , er blickte die hoch vor ihm Stehende mit voller Liebe an , ein düsterer Triumph flog über seine Züge , dann stürzte er schwer zusammen . Als Lucretia ihrer Sinne wieder mächtig wurde , kniete sie neben der Leiche , das Haupt des Erschlagenen lag in ihrem Schoße . Das Gemach war leer . Um die über ihr schwebende Gestalt der Justitia waren die Lichter heruntergebrannt und das Wachs fiel ihr in glühenden Tropfen auf Hals und Stirn . Neben ihr stand Pancraz und legte die Hand auf ihre Schulter , während unter der Türe Fausch dem Bürgermeister Waser das Ereignis jammernd erzählte . Willig wie ein Kind folgte sie dem Mönch , der sie von der Unglücksstätte wegführte . Waser aber über nahm die Leichenwache . Nicht lange blieb er allein . Als das erste Entsetzen vorüber war und die Verwirrung der Gemüter sich löste , kamen die Häupter der Stadt eines nach dem anderen in die Totenkammer und klagten um Bündens größten Mann , seinen Befreier und Wiederhersteller . Sie verzichteten darauf , die Urheber seines Todes , die ihnen als die Werkzeuge eines notwendigen Schicksals erschienen , vor Gericht zu ziehen . Keine neue Parteiung und Rache sollte aus seinem Blute entstehen – er hätte es selbst nicht gewollt . Aber sie beschlossen , ihn mit ungewöhnlichen , seinen Verdiensten um das Land angemessenen Ehren zu bestatten .