da drin macht mir stets Schwindel ; ich finde die Idee der koketten Gräfin Völdern entsetzlich ! « Die schöne , in die Polster zurückgelehnte Frau wußte jedenfalls den Grund für dieses » Festzaubern an die Schwelle « am besten – sie lächelte , legte verwirrt ihr Bukett auf den Tisch und erhob sich unwillkürlich . Der Eintritt des Portugiesen unterbrach ein eifriges Wortgefecht zwischen dem Fürsten , dem Minister , mehreren Herren des Gefolges und einigen Damen . Seine Durchlaucht stand vor einer der langen Wände des Zimmers und sprach lebhaft . Er begrüßte den Eingetretenen mit freundlichem Aufleuchten seiner kleinen grauen Augen und einem sehr gnädigen Handwinken . » Mein lieber Herr von Oliveira « , sagte er in ritterlich liebenswürdiger Weise , » nicht allein das reizvolle Ungebundensein des Landlebens , bei dem ich gern einmal die strenge Etikette beiseite lege , sondern auch die Rücksicht für Sie selbst bestimmt mich , Ihnen die erste Audienz gerade hier zu erteilen ... Aber hüten Sie sich ! Das Zimmer übt einen gefährlichen Zauber , und hier « – er schwieg und zeigte bedeutungsvoll lächelnd auf die neben ihm stehende Damengruppe , zu der nun auch die Baronin getreten war . » Durchlaucht , ich weiß , daß die Nixen ihre Getreuen zum Wassertode verurteilen , und bin gewarnt ! « versetzte Oliveira . Diese mit einem fast finsteren Ernst gegebene Antwort klang überraschend gegenüber der heiteren Stimmung des Fürsten , ja sie hatte die Wirkung eines Messerstichs für die Baronin – ihr schönes Haupt fuhr rasch herum ; sie erblaßte , und scheu lauernd streiften ihre Augen den Portugiesen , allein sein Blick berührte sie nicht , nur das Profil war ihr zugewendet , und das sah aus wie in Stein gemeißelt . » Das war so ernst gemeint , mein Herr « , sagte eine ältere Dame , welche der Portugiese bereits gestern beim Besuch des Hüttenwerkes als Gräfin Schliersen kennengelernt hatte , » daß ich mich fast versucht fühle , Ihnen den Fehdehandschuh hinzuwerfen , und zwar für meine kleinen Protegés dort « – sie lächelte und deutete mit dem schlanken weißen Finger nach der Hofdame und der ätherischen Blondine , die , angelockt durch den selten schönen Klang der fremden Männerstimme , auf die Schwelle getreten waren . Die zwei graziösen , leicht aufgebauten Mädchengestalten , im hellen , duftigen Morgenkleide und angehaucht von dem grünen Licht , hatten in diesem Augenblick etwas Unirdisches . » Sie werden mir zugeben , mein Herr von Oliveira « , fuhr die Gräfin fort , » daß das Seezimmer durch diese Erscheinungen an Charakter gewinnt ... Wie aber in aller Welt wollen Sie hinter den Kinderstirnen dort mörderische Absichten finden ? « » Ah bah ! « meinte der Fürst heiter , » darüber läßt sich nicht streiten . Wer weiß , was für Erfahrungen Herr von Oliveira hinsichtlich böser Nixen an der Laguna des Patos oder am Mirimsee gemacht hat ! ... Ich gestatte Ihnen keine Kriegserklärung , beste Gräfin , würde Ihnen aber sehr verbunden sein , wenn Sie Herrn von Oliveira mit den Damen bekannt machen wollten . « Nun schwirrten eine Menge glänzender Namen an dem Ohr des Portugiesen vorüber , und die reizenden Trägerinnen derselben , die ungeblendet und scheinbar zwanglos den Glanz auf der Menschheit Höhen umflatterten , gerieten fast in Verwirrung den dunkeln Augen gegenüber , die sich bei der Vorstellung so ernst und kühl , so völlig unberührt von irgendeinem äußeren Eindruck auf ihr Gesicht hefteten ... Wie unfürstlich erschien Seine Durchlaucht mit der ängstlich gestreckten , militärischen Haltung und der spitzen , jäh zurücklaufenden , ausdruckslosen Stirne neben der machtvollen Erscheinung des Fremden , die fast aussah , als suche sie königliche Abkunft hinter möglichst leichten , ungezwungenen Bewegungen zu verbergen ! Die Baronin hatte wieder rote Lippen und ein unbefangenes Lächeln , und als ihr Name genannt wurde , berief sie sich auf die neuliche Begegnung im Walde . Ihre biegsame Stimme klang fast melancholisch , als sie des erschossenen Hundes gedachte – die schöne Exzellenz konnte auch barmherzig aussehen . Die vier schwarzen Augen begegneten sich ; auf der Stirne des Fremden loderte der rote Streifen wie ein Feuermal jäh auf , und die Augen sprühten in wilder Glut – sie senkte die ihren erschauernd unter dem Ausbruch einer » so gewaltigen , nie gesehenen Leidenschaft , die keines Wortes fähig war « . Die raffinierte Kokette von Geist verbirgt ihre Befriedigung über die ersten Anzeichen eines neuen Sieges beinahe noch sorgfältiger , als das junge , verschämte Mädchen seine erste Liebe ... und so zog sich die schöne Exzellenz fast bescheiden mit ihrem Triumph hinter die jüngeren Damen zurück , die ihr bei allem jugendlichen Liebreiz doch nicht mehr gefährlich werden konnten . » Und nun will ich Ihnen eine Dame vorführen « , sagte der Fürst zu dem Portugiesen , nachdem die Vorstellung beendet war . Er neigte das Haupt gegen ein Frauenporträt , das einzige an der Wand . » Sie ist und bleibt meine Protegé , obgleich diese wundervollen Formen längst die Erde deckt und mein fürstliches Haus eigentlich alle Ursache hat , mit ihr zu schmollen ... Indes , sie war eben doch ein himmlisch schönes Weib , diese Gräfin Völdern ! ... Lorelei , entzückende Lorelei ! « Er hauchte einen Kuß auf Daumen und Zeigefinger der rechten Hand und warf ihn mit einer graziösen Bewegung nach dem Bilde . Diese Frau hatte in der Tat wahrhaft genial die dämonische Gewalt ihrer äußeren Erscheinung aufzufassen gewußt . Der bestrickende Zauber der Wasserflut , ihr schmeichelnd geheimnisvoller Zug , hinter dem die Tücke lauert , der uns reizt , unwiderstehlich hinzieht und doch einen Angstschauer erweckt , er ging auch von dieser blendenden Gestalt aus – das Seezimmer und das Bild fanden ihren Ursprung in diesem Gedanken ... Ja , das war die Lorelei ! Himmel und Wasser lösten sich fern , fern in einem grünlichen Duft ; die Wogen spülten an das einsame Weib heran , und mit ihnen verschmolzen die Spitzen der gelösten Haarwellen ; es sah aus , als ströme der Geist , das schauerlich schöne , ergreifende Element der heranschwellenden Wasser , durch die goldenen Fäden und konzentriere sich in dem Frauenkörper , der auf dem muschelbesäten Strande im Vordergrunde ruhte . » Ich habe vorhin ein wenig den Hausherrn im weißen Schlosse gespielt und das Bild hierher schaffen lassen « , sagte der Fürst . » Diese Gewalttat stößt auf energischen Widerspruch von seiten der Damen – sie meinen , an die drapierten Wände gehöre kein Bild ... Mag ja sein , ich gehe von der Ansicht aus , die Schöpferin dieses verführerischen Zimmers solle und dürfe im Bild nicht fehlen , und so , wie es hier angebracht ist , wirkt es auch ganz originell . « Er trat einige Schritte zurück und betrachtete das Arrangement mit prüfendem Auge . Man hatte das Bild aus dem Rahmen genommen ; das festgezauberte Stück Himmel und Wasserfläche umrauschten die grünen Seidenfalten ; Seine Durchlaucht hatte recht – gerade sie ließen die Gestalt des hingesunkenen Weibes , die ganze köstliche Perspektive des Hintergrundes gewaltig und in wahrhaft packender Wirkung hervortreten . Der Fürst wendete sich lächelnd an den Portugiesen , während sein Blick noch an dem Gemälde hing . » Nicht wahr , da begreift es sich leicht , daß ein Mann selbst in der Sterbestunde seine besten Vorsätze über diesen berückenden Augen vergessen konnte ? « fragte er . » Ich bin außerstande , mich in eine solche Lage zu versetzen , Durchlaucht , denn ich pflege meine Vorsätze durchzuführen « , antwortete Oliveira gelassen . Die kleinen grauen Augen Seiner Durchlaucht erweiterten sich vor Überraschung – diese feste , ungeschminkte Sprache schlug rauh an das verwöhnte Ohr , sie wies förmlich den verfeinerten , mit leiser Frivolität angehauchten Ton des fürstlichen Herrn zurück . Indes , einem fremdländischen Sonderling , der über Millionen gebot und der in Südamerika Besitzungen hatte , an Umfang zweimal so groß wie das ganze souveräne Fürstentum – einem solchen Original durfte man schon etwas nachsehen ; auch stand ja der Mann , bei aller stolzen Würde seiner Haltung , noch ehrerbietig dem älteren Herrn und Fürsten gegenüber . Die unliebsam Überraschung auf dem Gesicht Seiner Durchlaucht verwandelte sich diesen Erwägungen zufolge in ein schalkhaftes Lächeln . » Da hören Sie es , meine Damen ! « wandte er sich an seine schöne Umgebung . » Vielleicht machen Sie diese traurige Erfahrung zum erstenmal – die Macht der schönen Augen ist nicht so unbegrenzt , wie Sie denken mögen ... Ich selbst bekenne mich nicht zu diesen unerbittlichen Herzen von Stahl und Eisen , ja , ich begreife sie nicht einmal , aber für mein fürstliches Haus wäre es hoch von Vorteil gewesen , wenn mein Onkel Heinrich auf dem ehernen Standpunkt unseres edlen Portugiesen gestanden hätte – was meinen Sie , Baron Fleury ? « Der Minister , der bis dahin schweigend , mit verschränkten Armen neben dem Fürsten gestanden hatte , verzog die Lippen . » Durchlaucht , es ist weltbekannt und bedarf wohl keines Beweises mehr , daß sich die guten Vorsätze des Prinzen Heinrich in seiner Sterbestunde lediglich auf die Versöhnung der Herzen , aber durchaus nicht auf ein Umstoßen seiner testamentarischen Verfügungen bezogen haben « , versetzte er – eine schneidende Beimischung in seiner Stimme vermochte er nicht ganz zu unterdrücken . » Es ist ebenso weltbekannt , daß die Gräfin Völdern , einzig von einem unerklärlichen Ahnungsgefühl getrieben , in jener Nacht plötzlich den Maskenball verlassen hat , um eine Stunde darauf den fürstlichen Freund in ihren Armen verscheiden zu sehen . Wer möchte ihn ganz wegleugnen , jenen geheimnisvollen Zug der Sympathie , der in dem Augenblick , wo sich der Geist losringt von der Erde , noch einmal aufglüht und die verwandte Seele gebieterisch zu sich verlangt ! ... Und zum dritten ist es ebenso weltbekannt , daß der Prinz bis zum letzten Atemzug im vollen Besitz aller Geisteskräfte gewesen ist , daß die Gräfin während der letzten halben Stunde an seinem Bette gekniet hat und getreulich auf seine Idee , sich mit dem Hofe in A. aussöhnen zu wollen , eingegangen ist . Sie war ja nicht eine Sekunde allein mit ihm ; Eschebach und Zweiflingen haben unerschütterlich bis zu seinem letzten Hauch neben dem Sterbebett des Prinzen gestanden . Er hat noch mit der Gräfin gesprochen , hat Ausdruck für den Schmerz der Trennung gefunden , aber seine Verfügungen hinsichtlich des Nachlasses hat er mit keiner Silbe berührt ... Ich freilich war in dem Irrtum , als ich nach A. ritt – ich glaubte – « » Dem fürstlichen Hause die Erbschaft zuzuwenden « , unterbrach und ergänzte der Fürst die erschöpfende Beweisführung . » Wie mögen Sie einen Scherz so tragisch nehmen , bester Fleury ? ... Würde ich wohl je der Gräfin den Zutritt an meinem Hof wieder gestattet haben , wenn ich nicht überzeugt gewesen wäre , daß nur ihre verführerischen Augen , nicht aber böswillige Einflüsterungen ihrerseits den Sieg über unsere Rechte davongetragen haben ? ... Ach was , lassen wir die alten unerquicklichen Geschichten ruhen ! ... Wie , Herr von Oliveira , beginnt der Zauber zu wirken ? Sie haben während der ganzen vortrefflichen Verteidigungsrede Seiner Exzellenz die Sirene dort mit Ihren brennenden Augen fast verschlungen ! « Wäre der Fürst minder unbefangen in seiner Beobachtung gewesen , so hätte ihm auch der Farbenwechsel auf dem Bronzegesicht des Portugiesen nicht entgehen können ! Alle Schattierungen zwischen der geisterhaften Blässe und der jähen Flammenglut der Empörung und des auflodernden Grimmes spielten , solange der Minister sprach , über die braunen Wangen des Mannes hin . » Ich erliege allerdings in diesem Augenblick einem Zauber « , entgegnete er mit leicht bebender Stimme , » haben Durchlaucht nie gehört , wie sich die kleinen Vögel verhalten , wenn sie in den Bereich der Schlange geraten ? ... Sie erstarren vor der tödlichen Feindin , die unter den glatten schillernden Windungen ihres Leibes den teuflischen Verrat verbirgt . « » O Gott , welch ein Vergleich ! « rief die Gräfin Schliersen . » Mein Herr , Sie sind bereits verloren , Sie schmähen die Frau , weil – Sie unterliegen ! « Ein sardonischer Zug bebte um die Lippen des Portugiesen – er antwortete nicht . » Hm , der Vergleich hat doch Grund und Boden « , sagte lächelnd der Fürst . » Herr von Oliveira will sich um keinen Preis besiegen lassen ; ich kann es ihm darum nicht verdenken , wenn er seine Niederlage mit dem unerklärlichen Schlangenzauber des Weibes entschuldigt . « Er trat wieder an das Bild heran . » Ist es nicht ein wahrer Jammer , daß mit dieser Frau die ganze berühmte Schönheit der Völdern erlöschen mußte ? ... Oh , was macht denn das gelbe , verkrüppelte Geschöpfchen , die kleine Sturm ? « wandte er sich an den Minister . » Gisela lebt nach wie vor in Greinsfeld , hat den Veitstanz schlimmer als je und erfüllt uns mit der lebhaftesten Besorgnis « , entgegnete Seine Exzellenz . » Die Angst um dieses Kind ist der Schatten , der auf mein Leben fällt . « » Gott , wie lange braucht das arme , unglückselige Wesen , um zu sterben ! « rief die Gräfin Schliersen . » Dieses ganz erbärmliche , kleine Dasein ist für mich stets ein Rätsel gewesen ... Wie kamen die bildschönen Eltern zu diesem Ausbund von Häßlichkeit ? ... Das heißt « , setzte sie nach einem kurzen Nachsinnen hinzu , » ich habe merkwürdigerweise trotz alledem in der kleinen , unschönen Physiognomie stets und immer wieder die Grundlinien jenes Kopfes finden müssen . « Sie zeigte nach dem Bild der Gräfin Völdern . » Welche Idee ! « rief der Fürst , förmlich beleidigt durch den Vergleich . » Ich sage ja nur › die Grundlinien ‹ , Durchlaucht ! Im übrigen fehlt selbstverständlich gerade alles das , was einst die Völdern so bezaubernd machte . Das Kind hatte nur einen einzigen Reiz – ein Paar schöner , ausdrucksvoller Rehaugen – « » Gott bewahre mich , Frau Gräfin ! « fiel die Hofdame lebhaft , fast wie erschrocken ein . – » Diese Augen waren schrecklich ! ... Ich habe als siebenjähriges Kind viel mit der kleinen Gräfin Sturm verkehren müssen – Mama wünschte gerade diesen Umgang sehr lebhaft für mich . « Sie wandte sich schelmisch lächelnd an den Minister . » Exzellenz , damals bin ich immer mit entschiedenem Widerwillen die Treppe im Ministerhotel hinaufgestiegen . Ich ärgerte mich stets über die kleine Person , die ängstlich mit den Händen nach mir stieß , wenn ich ihr nahe kam . Sie haßte alles , was ich liebte , Eleganz , Kinderbälle und Puppenhochzeiten ... Verzeihen Euer Exzellenz , aber sie war das boshafteste Geschöpf , das mir je vorgekommen ist ! ... Ich erinnere mich , daß sie eines Tages ein Paar entzückender , kleiner Brillantohrringe , die Sie eben von Paris mitgebracht hatten , an die Ohren ihrer Katze gehängt hatte . « » Nun , das finde ich weniger boshaft als originell ! « lachte die Gräfin Schliersen . » Ich vermute , sie ist nicht ohne Geist , die Kleine ... Apropos , wie wär ' s denn , wenn man auf eine Stunde hinüberführe nach Greinsfeld und ihr einen Besuch machte ? – Der Gräfin Sturm gegenüber könnte man sich schon zu einer solchen Artigkeit herbeilassen , und der armen Herbeck wäre es auch zu gönnen , daß sie wieder einmal ein Gesicht aus der Welt zu sehen bekäme . « Die Baronin Fleury hatte sich bis dahin völlig teilnahmslos verhalten . Bei der Frage des Fürsten nach ihrer Stieftochter hatte sie das Bukett ergriffen und ihr Gesicht in die geruchlosen Blüten gesenkt ; jetzt aber fuhr sie empor . » Um Gottes willen , Leontine , daran ist nicht zu denken ! « rief sie abwehrend . » Mit diesem Besuch würde dem Medizinalrat ein Streich gespielt , den wir nie verantworten könnten ! Er befürchtet gerade in diesen Tagen einen heftigen Ausbruch der Anfälle und bietet alles auf , um jede , auch die geringste Gemütsbewegung von der Patientin fernzuhalten ... Und dann , du hast ja eben gehört , wie eigensinnig Gisela schon als Kind war . Sie hat ein , ich möchte sagen , galliges Temperament , das selbstverständlich bei dem einsamen Leben , zu dem sie verurteilt ist , nicht milder und liebevoller werden konnte . Die Herbeck leidet schwer unter dem maßlosen Eigensinn und den raffinierten kleinen Bosheiten , in denen sich ein solches durch und durch verbittertes Gemüt bekanntlich sehr gefällt ! ... Fern sei es von mir , Giselas Charakter verdächtigen zu wollen ; im Gegenteil – ist ein Mensch geneigt , sie zu entschuldigen , so bin ich ' s – sie ist ja zu unglücklich ! ... Ich darf aber auch nicht zugeben , daß meine Gäste unter irgendeiner Unart in Greinsfeld zu leiden haben , und schließlich ist mir doch auch dieses Kind viel zu teuer , als daß ich es mit seinem abstoßenden Leiden neugierigen Augen – entschuldige , liebste Leontine – ausgesetzt sehen möchte . « Die Gräfin Schliersen biß sich auf die Lippen ; Seine Durchlaucht aber schien nach dem sehr scharfen Ton , mit dem die schöne Exzellenz geschlossen hatte , ein Aufeinanderplatzen der Geister zu befürchten . Er trat rasch zu Oliveira . In dem Augenblick , als der Name der jungen Gräfin Sturm zum erstenmal genannt worden war , hatte sich der Portugiese unbemerkt dem Fenster genähert ; seine Augen schweiften unablässig über die Gegend , auch nicht ein einziges Mal wandte er den Kopf nach den Anwesenden zurück . Vermutlich langweilte er sich , und der Fürst mochte wohl fühlen , daß es nicht gerade sehr aufmerksam sei , in Gegenwart eines Fremden Verhältnisse zum Gegenstand der Unterhaltung zu machen , die auch nicht das allergeringste Interesse für ihn haben konnten . » Sie fühlen Sehnsucht nach Ihrem kühlen , grünen Wald , nicht wahr , mein bester Herr von Oliveira ? « fragte er gütig . » Auch mir wird es nachgerade ein wenig schwül hier ... Gehen Sie , liebe Sontheim « , rief er der Hofdame zu , » und holen Sie Ihr bezauberndes , malvengeschmücktes Hütchen – wir gehen an den See ! « Die Damen verließen schleunigst das Zimmer , während die Herren im Nebenzimmer ihre Hüte suchten . 19 Himmel , was für ein Mann ! « rief die Hofdame draußen im Korridor . » Da können sich unsere sämtlichen Herren nur verstecken ! « » Ich fürchte mich vor ihm « , sagte die zarte , blasse Blondine und legte stehenbleibend die gekreuzten schmalen Hände auf die Brust . » Der Mann kann nicht lächeln ... Clemence , ihr alle seid blind ! Das ist keiner von den Unseren , er bringt Unheil – ich fühle es ! « » Edle Kassandra , so viel wissen wir armen , blinden Sterblichen auch ! « spottete die Hofdame . » Freilich stiftet er Unheil – er macht dem Volke zu viel weis ; aber das gibt sich , laß ihn nur erst heimisch werden in unserem Kreise ! ... Es ist wahr , er kann nicht lächeln ; was er sagt , das klingt unbeugsam und sieht aus wie ein Felsblock neben dem eleganten Konversationston unseres Durchlauchtigsten ... Liebste Lucie , diesen Mund lächeln zu machen , den stolzen Sinn zu brechen , alle die gerahmten Vorsätze über den Haufen zu werfen , einzig durch die Liebe , das wäre eine Aufgabe , eine Wonne ! « ... » Probier ' s nur und verbrenne dich ! « entgegnete die Blondine und verschwand hinter der Tür ihres Zimmers , die Hofdame aber fuhr erglühend empor – die Baronin Fleury war unbemerkt auf dem weichen Teppich hinter ihnen hergegangen und maß jetzt die junge Dame vorüberschreitend mit einem langen , spöttisch mitleidigen Blick . Die schöne Exzellenz war bereits zum Spaziergang gerüstet und betrat mit den Herren zugleich das Vestibül . Die Türen des Musiksalons standen weit offen , um die kühle Luft der Halle in den sonnenerhitzten Raum einströmen zu lassen . Es sah schwül aus da drinnen . Die purpurnen Vorhänge verbreiteten einen gleichmäßigen dunkelblutigen Schein , den nur dann leuchtende Reflexe durchzuckten , wenn draußen der Windhauch einzelne Blätter der Orangenbäume bewegte und dem Sonnenlicht eine Bresche öffnete . Diese Lichtpunkte glitten unheimlich geschäftig über den Plafond und die weißen , mit vergoldeten Ornamenten bedeckten Wände ; es lag etwas Beseeltes in dem huschenden Spiel , etwas wie ein Aufleben musikalischer Reminiszenzen – unter ihnen flatterte vielleicht auch jenes Notturno von Chopin , das einst das Signal zu einem grausamen Verrat gewesen war . Die Baronin trat rasch , mit ärgerlich gerunzelter Stirne in den Salon ; sie war heute plötzlich von ihren gewohnten Morgenübungen abgerufen worden und hatte vergessen , den Flügel zu schließen . » O nein , meine Gnädigste « , protestierte der Fürst , als sie den Deckel ergriff , » der Augenblick ist zu günstig für mich , der Flügel steht offen , und die Noten liegen auf dem Pult – o bitte , nur ein einziges Stück , Sie kennen ja meine Schwäche für Liszt und Chopin ! « Die Baronin lächelte , streifte aber sofort die Handschuhe ab , warf den Hut auf einen Stuhl und setzte sich an den Flügel . Sie legte das Notenblatt weg und griff präludierend in die Tasten . Das blendend schöne Weib war wie überschüttet von der roten Glut , und als die Saiten in stürmischer Gewalt unter den schlanken Händen erbrausten , während sie langsam die Wimpern hob und die lodernden Augen wie in trunkener Selbstvergessenheit durch das Zimmer schweifen ließ , da erinnerte dieser Kopf freilich nicht an das keusche Gebild der heiligen Cäcilie , wohl aber an jene trojanische Helena , deren Gestalt noch zu uns herüberdämmert voll bestrickenden Liebreizes , aber auch angestrahlt von der Glut , welche Dämonen schüren . Die Herren traten geräuschlos in den Salon und verharrten an der Tür ; der Portugiese dagegen hatte das Schloß verlassen . Er stand draußen unter den Orangenbäumen mit fest verschränkten Armen und schwer atmender Brust ... Lief nicht eine unverwischbare Linie über diesen weiten Platz hinweg durch die Alleen und weiter , die sumpfigen Wiesen drüben jenseits der Mauer durchschneidend ? Eine Linie , gerötet von edlem Herzblut , das weder der strömende Regen , noch die bleichenden Sonnenstrahlen wegzulöschen vermochten ? ... Da war er ja gewandelt , der mutmaßliche Brandstifter , und neben ihm die hehre , schweigende Gestalt mit dem zu Tode getroffenen Herzen in der Brust ! ... Scholl nicht durch die rauschenden Akkorde da drinnen der schrille Ton der Klingel , mittels dessen der Hochgeborene einst eine Meute elender Bedientenseelen auf das fliehende Brüderpaar hetzte ? ... Und dort starrte die schroffe Felsenkante in die Lüfte . Golden floß das Sonnenlicht an den Zacken nieder in die Ritzen und Spalten hinab , und da , wo das verwitternde Gestein seinen eigenen Staub aufspeicherte , kroch das Grün des Waldbodens mit schmeichelndem Fuß . Und wenn es den ganzen starren Block umwob , es konnte doch nicht die Fußstapfen dessen verwischen , der einst , die hereinbrechende Nacht über dem Haupte und in der Seele , dort oben seinen letzten , furchtbaren Kampf gekämpft hatte , während ihm unten die reißenden Wasser bereits das kühle Bett bereiteten , in dem plötzlich alles , alles , das wilde Weh , die Verzweiflung und die nicht zu besiegende Liebe verstummen sollten ... Ha , ha , ha , und die Frau in dem Zimmer mit den rotglühenden Vorhängen spielte eben wieder Chopin ! Sie hatte die Treue gebrochen und einen Mord auf der Seele ; aber das gerade machte sie pikant ... Die Herren , die bewundernd um sie her standen , hatten ja alle , ehe sie sich standesgemäß verheiratet hatten , kleine Liaisons gehabt – lächerlich , wer dabei an Sünde denken wollte ! Aber ein nicht zu sühnendes Verbrechen wäre es gewesen , aus einem solchen Spaß Ernst zu machen und bürgerliches Element in das blaue Blut zu mischen . Die letzte Zweiflingen hatte mit bewundernswertem Takt und Standesgefühl das Erniedrigende ihrer sogenannten Brautschaft begriffen und , vollkommen berechtigt , die Kette zerrissen , die sie hinabziehen wollte . Von dem , der darüber zugrunde ging , sagte man einfach , im Hinblick auf die Motte , die sich an das strahlende Licht wagt und elend verbrennt : » Warum war er so einfältig ! « ... Fluch , Fluch und ewigen Haß der ganzen Kaste , die Gottes Gebote und Absichten geradezu auf den Kopf stellt , die sich einen Thron baut aus zertrümmerten Menschenrechten und darüber hinaus in alle Welt ihr Banner flattern läßt mit dem hohnvollen Wahlspruch : » Mit Gott und Recht ! « Der Portugiese stieß ein dumpfes , heiseres Hohnlachen aus , seine Rechte krümmte sich zur Faust und zuckte hoch in die Luft , als wolle sie mit einem zerschmetternden Schlag wieder niederfallen , während die Kiesel zu den Füßen des empörten Mannes umherstoben – diese kleinen , abgerundeten Steine glänzten in der Sonne und rollten flink und lustig weiter ... Waren nicht auch einstmals die blanken Kupferdreier der kleinen Gräfin Sturm hingerollt ? Und hatte nicht eine unbarmherzige Faust den armen , gebrechlichen Kindskörper geschüttelt , in dem ein mißverstandenes , barmherziges kleines Herz schlug ? ... Aus dem grüngoldenen Halblicht , unter den Eichenwipfeln , umsprüht von den funkelnden Tropfen des Wasserstrahles , dämmerte ein Mädchenhaupt mit blond niederwallendem Haar empor , und die blaßroten , unschuldigen Lippen sagten lächelnd : » Die schlimme Zeit liegt hinter mir . « Die gehobene Faust des Portugiesen sank schlaff nieder , und seine Linke legte sich über die Augen . Er hörte nicht , wie drin das Musikstück , in dem ein diabolischer Geist wühlte und sprühende Raketen aufwarf , geschlossen wurde ; er sah und hörte nicht , daß Frauengestalten an ihn heranschwebten und die feinen Lackstiefel der Herren mit leisen Sohlen auf den Kies heraustraten ... Eine leichte Hand klopfte schmeichelnd auf die Schulter des » Träumers « . » Nun , mein lieber Oliveira ? « fragte der Minister . Der Portugiese fuhr bei dem Klang dieser Stimme empor und wich zurück , als sei die Hand , die ihn berührt hatte , rotglühendes Eisen gewesen . Er stand plötzlich in seiner ganzen Majestät vor der » zutraulichen Exzellenz « und maß den schmächtigen Mann mit einem stolzen Blick von Kopf bis zu Füßen . » Was wünschen Sie , Fleury ? « fragte er zurück , den Namen ohne jedwede Titelverzierung schwerbetonend . Die Wangen Seiner Exzellenz färbten sich mit einer aufflackernden Röte , und die plötzlich entschleierten Augen funkelten in maßloser Entrüstung ; über die Gesichter der umstehenden Kavaliere aber glitt ein unverkennbarer Ausdruck von Schadenfreude . Sie sämtlich waren Kreaturen des Ministers ; bei allem übermäßigen Dünkel auf ihre alten , aristokratischen Namen litten sie es doch stillschweigend , daß der allmächtige Minister ihre Standesattribute in seiner Anrede ignorierte , während sie die » Exzellenz « so ängstlich streng festhielten wie die » Durchlaucht « dem Fürsten gegenüber . Sie knirschten in den Zaum , und das Lächeln der Unbefangenheit wurde ihnen blutsauer , aber sie lächelten trotzdem – war doch Seine Exzellenz in solch zutraulichen Momenten guter Laune und manchem stillen Wunsch zugänglich ... In diesem Augenblick aber hatte er seinen Meister gefunden – die Lehre war ihm zu gönnen . Er machte ihnen übrigens nicht die Freude , seiner Verblüffung weiteren Ausdruck zu geben – Seine Exzellenz bemerkte ja nie eine Niederlage , die zu strafen augenblicklich nicht in seiner Macht lag ; er hatte die Antwort nicht verstanden und reichte mit bewundernswürdiger Gelassenheit der sehr verlegenen Gräfin Schliersen den Arm . Der Fürst , der , die Baronin Fleury führend , achtlos an der kleinen Szene vorübergegangen war , winkte Oliveira an seine Seite , und während die Gesellschaft langsam durch die schattigen Alleen wandelte , erzählte der Portugiese , von dem Fürsten mit ziemlich fühlbarer Neugierde befragt , von seiner brasilianischen Heimat . Alles lauschte schweigend , der Mann sprach zu interessant . Der erste Eindruck , nach dem dieser merkwürdige Fremde in steter Verneinung , ja , in unausgesetzter Kriegsbereitschaft anderen gegenüberstand , verschwand vollständig . Die Damen waren bezaubert von dem Klang seiner Stimme , und manchem Kavalier , der nichts besaß als seine Hofcharge und die damit verbundenen , ziemlich schmalen Einkünfte , schwindelte bei der Schilderung der großartigen Eisenbergwerke , die , durch einen regelrechten Betrieb ausgebeutet , dem Portugiesen kolossale Summen einbringen mußten . Auf die Frage des Fürsten , weshalb er Brasilien verlassen und gerade Thüringen zu seinem Aufenthalte gewählt habe , schwieg Oliveira einen Augenblick , dann sagte er fest , mit einem ganz besonderen Nachdruck , wobei jedoch seine Stimme eigentümlich bedeckt klang , er werde den Grund Seiner Durchlaucht in einer besonderen Audienz mitteilen . Der Minister sah überrascht auf ; ein lauernder tief mißtrauischer Blick hing sekundenlang durchbohrend an dem Profil des Portugiesen , und obgleich der Fürst in diesem Augenblick die Audienz in Aussicht stellte , konnte doch jeder , der das Gesicht des Ministers nur einigermaßen kannte , sicher wissen , daß der Tag , der diese » besondere Audienz « bringen sollte , niemals kommen werde . Jenseits der Schloßgartenmauer blieb der Fürst unter den schattigen Ulmen stehen und betrachtete das Holzgerüst eines neuerbauten Hauses von ziemlich bedeutender Ausdehnung . Es lag , wenn auch nur in geringer Entfernung von Neuenfeld , doch ziemlich isoliert , gleichsam auf dem vorgestreckten Knie des gegenüberliegenden Berges und war wohl heute