Männer standen noch an der offenen Haupttür : sie stellten sich unwillkürlich in Positur , als die schwebende , weiße Erscheinung um die Korridorecke kam , und der , welcher sie eben noch verlästert , der Bediente Robert , machte den tiefsten Katzenbuckel . Donna Mercedes wandte sich nach dem Ausgang , der in den großen Garten führte ; aber als sie die Hand nach dem Türschlosse hob , da hörte sie Männertritte draußen die Freitreppe heraufkommen ; sie wich um einen Schritt zurück und gleich darauf öffnete sich die Türe , und Baron Schilling trat herein ... Wie er so aus der hinter ihm lagernden tiefen Nacht auftauchte , das krause , dunkle Haar unbedeckt , und den überraschten Blick auf die unerwartet vor ihm stehende junge Dame geheftet , da lag es wie eine hohe Freudigkeit auf dem gedankenvollen Gesicht – er war ja zum erstenmal nach so vielen , bangen Tagen in seinem Atelier gewesen , er hatte ein Wiedersehen mit geliebten Gestalten gefeiert und sich offenbar neue Begeisterung vor den eigenen Meisterschöpfungen geholt . Er hielt einige farbenprächtige , wohl eben erst im Glashause gepflückte Gloxinen in der Hand und bot sie der jungen Dame schweigend , mit einer leichten Verbeugung . » Ich danke , mein Herr – ich liebe die Blumen nicht , « sagte sie schneidend , ohne auch nur einen Finger der lässig herabhängenden Hände zu heben , und ihr feindselig funkelnder Blick glitt von seinem Gesicht auf die Blumen nieder . Sie trat noch um einige Schritte zurück , damit er vorübergehe und ihr den Weg nach dem Garten freimache ; in demselben Augenblick jedoch erschien einer der Ärzte in der Flurhalle , um , wie stets in den späten Abendstunden , noch einmal nach dem kleinen Kranken zu sehen . Sie war gezwungen , im Haus zu verbleiben und die Herren in das Krankenzimmer zu begleiten . Baron Schilling sprach ruhig und höflich mit dem Arzt , und im Vorübergehen legte er sorgsam die verschmähten Blumen auf das kühle Steinpostament zu Füßen einer Ariadne . » Und bis wann glauben Sie , daß José eine Übersiedlung aus dem Krankenzimmer erträgt ? « fragte Donna Mercedes im Salon den Arzt , nachdem er mit Befriedigung festgestellt hatte , daß all und jede Spur des Fiebers erloschen sei . Er sah überrascht empor – er hatte diesen harten Metallklang noch nicht von den Lippen gehört , die sonst fast immer schmerzhaft geschlossen , augenblicklich in leidenschaftlich drängender Ungeduld bebten . – » Daran ist noch lange nicht zu denken , « sagte er entschieden . » Auch nicht , wenn ich das Kind , warm verhüllt , selbst auf den Armen hinaustrüge ? « » Hinaustragen ? « – Er sprang förmlich zurück . » Darüber wollen wir in vierzehn Tagen sprechen , gnädige Frau . Vorläufig darf weder hinsichtlich des Zimmers , noch der Pflege irgend ein Wechsel eintreten – noch liegt Gefahr in der außerordentlichen Schwäche des kleinen Patienten . « Er empfahl sich , und Baron Schwing , der ihn an die Türe begleitete , kehrte zurück . Donna Mercedes stand noch am Schreibtisch ; ihre zarte Hand lag zusammengeschmiegt , in leuchtender Blässe wie ein Teerosenblatt , dicht vor der jugendlichen Männergestalt im ovalen Bronzerahmen , und der Blick der schönen Frau war starr auf das Bild ihrer Mutter gerichtet – es sah aus , als habe sie sich in die stolzgesättigte Atmosphäre dieses abgeschlossenen Winkels gleichsam gerettet . » José schläft , « sagte sie , den Hereinkommenden gewissermaßen zurückhaltend , als er direkt auf die Tür des anstoßenden Zimmers zuschritt . Sie wandte den Kopf nicht nach ihm , kaum daß ihn der Blick aus dem Augenwinkel seitwärts streifte , um sich dann auf das Bild zu senken , neben welchem ihre Hand lag . Er trat sofort dicht an den Schreibtisch , so daß er ihr in das Gesicht sehen konnte – der in dieser Ecke konzentrierte Schein der Kugellampe fiel grell und voll auf ihn . » Was ist vorgefallen ? « fragte er , sein Erstaunen über ihr Verhalten kurz und bündig in diese drei Worte fassend . Bei seiner raschen Bewegung war sie leicht in sich zusammengeschreckt – sie mußte sich sagen , daß er die plötzliche Wandlung ihres Wesens nicht ruhig hinnehmen würde ; aber noch nie waren ihr so ohne Umschweife die Beweggründe ihres Handelns abgefordert worden . » Ich verstehe Sie nicht , mein Herr ! « antwortete sie mit verletzender Kälte und hob die Augen von dem Männerkopf im Bronzerahmen – welch ein Kontrast zwischen dem Gesicht mit der seinen , schmalen Adlernase , dem durchsichtig bleichen Kolorit , dem dünnlippigen , korallenroten , kleinen Mund , und den starken , dunkelgefärbten Zügen dessen , der ihr mit seiner hochgewachsenen Gestalt den Ausblick in das Zimmer wehrte . In Damentoilette , eine Spitzenmantille über das dicke , glattliegende Seidenhaar geworfen , hätte jener leicht das schönste spanische Mädchen vorstellen können , während dem Mann im vollen , krausen Bart der Eisenhut auf der kantigen Stirn sehr wohl angestanden haben würde . » Ich verstehe Sie nicht , mein Herr – « hatte sie gesagt . Diese lässige , ausweichende Antwort im Verein mit dem vergleichenden Blick , den er sehr wohl bemerkt hatte , trieben ihm eine flüchtige Röte in die Wangen . » Toll ich glauben , daß Sie das Kind da drüben , das wir beide vergöttern , ohne irgend welchen schwerwiegenden Grund der Gefahr eines Rückfalles aussetzen wollen ? « fragte er , seinen verdüsterten Blick fest auf sie heftend . » Auf Ihren Armen wollten Sie José hinaustragen ? Wohin ? – « Welche Art zu fragen ! So direkt auf das Ziel los . Das war wieder einmal die deutsche Art , die jeder diplomatischen Ausflucht einen Knüppel über den Weg wirft , um sie stolpern zu machen ... Sie konnte ihm doch unmöglich gestehen , daß sie seine Dienstboten , wenn auch unabsichtlich , belauscht habe , daß dieser Bedientenklatsch imstande gewesen sei , » Donna de Valmaseda « von der stolzen Höhe ihres Selbstbewußtseins herabzuschleudern , ihr die Herrschaft über das empört aufstürmende , leidenschaftliche Blut zu rauben . Vorhin , in der Flurhalle hatte es ihr allerdings auf den Lippen geschwebt , ihm in das Gesicht hineinzusagen : » Ich will mit dir nichts zu schaffen haben , mit dem verheirateten Mann , zu dem mich die Gemeinheit anderer in ein zweideutiges Licht bringt ! Du trägst die Schuld , weil du dich zu der Pflege des Kindes gedrängt , weil du mich von der ersten Stunde an verhindert hast , ein Haus zu verlassen , dem die Herrin fehlt , dem sie böswillig den Rücken gekehrt hat ! « – Aber jetzt , wo diese tiefen Augen so nahe auf sie herabsahen , daß sie meinte , durch das köstlich schimmernde , dunkle , und doch so klare Blau in seine Seele hineinsehen zu können , jetzt fand sie nicht den Mut , dem Mann , der ihr in treuer Hingebung Stab und Stütze gewesen , dessen jedesmaliges Erscheinen sie zuletzt selbst ersehnt , egoistisch die ganze Verantwortung aufzubürden und ihm mit schneidendem Undank zu lohnen ... » Warum noch ein Wort über die Gründe verlieren , die der ärztlichen Entscheidung gegenüber selbstverständlich fallen müssen ! « sagte sie achselzuckend und sah auf die feinen Fingernägel ihrer Rechten . Er lächelte ironisch , bitter über dieses abermalige Ausweichen . » Ja , dieser Ausspruch hat verfügt , daß weder hinsichtlich des Zimmers , noch der Pflege irgend ein Wechsel eintreten soll , « wiederholte er langsam betonend , und sein Blick ? ? ? finerte durchdringend , fast wie in lauernder Prüfung , das Gesicht , das sich ihm plötzlich zuwandte . » Darüber werde ich doch noch ein Wort mit dem Doktor sprechen , « sagte sie rasch . » Oder vielmehr , wir , die Pflegenden , müssen uns über vorzunehmende Änderungen verständigen ... In den furchtbaren Leidenstagen war ich selbstsüchtig genug , Opfer anzunehmen , wo sie mir geboten wurden – das muß aufhören . Ich darf nicht länger dulden « – eine jäh aufsteigende Blutwelle überflutete ihr das ganze Gesicht – » daß Sie sich an der Pflege beteiligen – « » Also doch Laune , wie ich richtig vermutete ! « fiel er kalt ein . Sie zuckte zusammen . Er hatte eine wehe Stelle in ihrem Herzen berührt , die Stelle , wo die Reue leise schlummert , um bei irgend einem Klang , einem Wort aufzuschrecken ... Ja , sie war einst , in den strahlend schönen Tagen , wo noch der breite Strom des Glückes und die Wogen des üppigsten , sonnenhellsten Lebens sie geschaukelt , launenhaft , übermütig gewesen ! Alle diese Toten , die da im Bild die Ecke füllten , sie hatten die einzige Tochter des Hauses vergöttert und verzogen und dafür unter ihren wechselnden , unberechenbaren Launen oft genug gelitten ! – » Die Lebensgefahr ist vorüber , und da gewinnen die bösen Geister die alte Macht , « fuhr er fort . » Sie wollen mir wehe tun , wie Sie vielleicht stets gewohnt gewesen sind , mit den armen Seelen zu verfahren , die in Ihren Lichtkreis treten mußten . Aber Sie dürfen nicht vergessen , daß Sie es hier mit einem schwerfälligen Deutschen zu tun haben – wir wissen mit dem pikanten Lustwesen › Laune ‹ – nichts anzufangen und suchen nach ehrlichen Gründen ... Und so möchte ich doch noch einmal fragen : Warum soll ich verbannt werden ? « Sie sah deutlich , ihm kam nicht die leiseste Ahnung von ihren Beweggründen – er fühlte sich jedenfalls zu rein in seinen Absichten , um zu deuten , daß ein böses Licht auf seinen Verkehr im Krankenzimmer fallen könne . Nun führte er aber alles auf Launen ihrerseits zurück , und dieses Unrecht erbitterte sie ; allein ihr unbändiger Stolz , der sie in solchen Fällen stets verhärtete , litt es auch jetzt nicht , daß sie sich auch nur zu einem Schein von Rechtfertigung herablasse ... Der böse Zug grenzenlosen Hochmutes , der die Dame im violetten Samt da oben charakterisierte , glitt in verblüffender Ähnlichkeit , abstoßend und verhäßlichend auch um den Mund der Tochter . » Ich habe es bereits gesagt – es widerstrebt mir , fernere Opfer anzunehmen , « versetzte sie in eintönig frostiger Wiederholung , aber ohne aufzusehen . Er trat mit einer ungestümen Bewegung vom Schreibtisch weg . » Ich könnte Ihnen entgegnen , daß Felix sein Kind so gut unter meinen Schutz gestellt hat , wie unter den seiner Schwester , so daß da , wo die Pflicht gebietet , von einem freiwilligen Opfer gar nicht die Rede sein kann – wir erfüllen eben beide nur unser gegebenes Wort , « sagte er , ihr das Gesicht über die Schulter zuwendend . » Ich habe aus dem Grunde dieses Zimmer – « er zeigte nach der Krankenstube – » bisher als vollkommen neutralen Boden betrachtet , auf dem wir einmütig wirkten : und müßte ich befürchten , daß mit meinem Ausscheiden aus der Pflege auch nur der mindeste Nachteil für José erwüchse , so wiche ich nicht um eine Linie von meinem Posten – sicher nicht ! Ich weiß jedoch das Kind wohlbehütet , und so gehe ich ! – « » Sie gehen im Zorne ! « sagte sie mit blassen Lippen : allein sie stand da , als sei ihre schlanke Gestalt zu Marmor geworden – sie machte nicht die leiseste Bewegung , ihn zurückzuhalten ; auch ihre Stimme klang trotzig und gereizt , fast , als gefalle sie sich im Widerstand . » Ja , ich grolle ; aber zumeist mit mir selber , mit meiner Vertrauensseligkeit , die mich täppisch , gegen besseres Wissen , in eine demütigende Lage gebracht hat ... Ich habe schon böse Worte von Ihren Lippen gehört – Sie haben mich schnöde verurteilt , ohne den geringsten Einblick in die wahre Sachlage – « Sie dachte cm ihre rücksichtslosen Bemerkungen im Atelier , und sich abwendend , schob und rückte sie mit unsicherer Hand an den verschiedenen Gegenständen auf dem Schreibtisch . » Ihr vernichtender Ausspruch über die unglückliche Negerrasse klingt heute noch in mir nach , wie er mich neulich in tiefster Seele empörte ; – « fuhr er unbeirrt fort – » und doch ließ sich mein Urteil einlullen , weil ich Sie bewunderungswürdige Großmut und Selbstverleugnung gegen die Frau Ihres Bruders üben sah , weil Sie die tiefste Zärtlichkeit , einen rückhaltslosen Opfermut für seine Kinder an den Tag legen ... In Ihrer Seele ringen zwei Mächte – die Gottesgabe einer edlen , großangelegten Natur , und die Folgen der Erziehung . Unter den letzteren , der Wandelbarkeit der Laune , lassen Sie augenblicklich auch mich leiden ; aber ein zweites Mal wird es nicht geschehen – ich habe wenig Neigung zur sklavischen Unterwürfigkeit in mir . « Er verbeugte sich und ging in das Krankenzimmer . Dort trat er an das Bett – Deborah war bei Erscheinen des Arztes hinausgegangen – und die Dame im Fensterbogen sah mit verstohlenem Seitenblick durch die Tür , wie er sich in tiefer Bewegung über das schlafende Kind beugte . Einen Augenblick legte er seine schöne , schlanke Rechte auf die Stirne des Knaben , dann verließ er durch die Kinderstube die Erdgeschoßwohnung . Donna Mercedes horchte auf seine verhallenden Schritte , als wolle sie den Klang in sich aufnehmen , weil – sie ihn in diesen Räumen nicht wieder hören sollte . – Sie hatte eben eine Sprache hören müssen , wie sie das verwöhnte , umschmeichelte Ohr der überall siegenden spanischen Schönheit noch nicht berührt ... Und doch war sie nur insofern im Unrecht , als sie ihre wohlbegründete Erbitterung und Gereiztheit nicht besser gezügelt – aber hatte sie es der Männerwelt gegenüber je der Mühe wert gehalten , sich liebenswürdiger zu zeigen , als sie augenblicklich empfand ? ... Der da im Bronzerahmen , der Nabob von Südkarolina , der hochmütigste , anmaßendste unter den Pflanzerbaronen , er war in der Tat ihr Sklave gewesen – ihr Lächeln hatte Sonnenschein über ihn ausgebreitet , ihr kaltes Zürnen ihn in finstere Nacht gestoßen – jetzt glitt ihr Blick achtlos über ihn weg ... Sie verließ in stürmischer Bewegung den Fensterbogen , und vor Josés Bett niedersinkend , vergrub sie die glühende Stirn in das kühle Linnen der Decke . – 22. Mehrere Tage waren verstrichen . Die Genesung des kleinen José schritt sehr langsam , kaum merklich vorwärts . Er lag matt und kraftlos in den Kissen , und nach wie vor mußte jedes laute Geräusch , jeder starke Lichtschein streng vermieden werden , denn die zurückgebliebene Schwäche des Kindes war groß . Man ging infolgedessen in der Nähe des Krankenzimmers immer noch auf den Zehen , im Vorgarten durften die Gasflammen noch nicht angezündet werden , und das Stroh auf dem Kiesweg vor der Säulenhalle war erneuert worden . Donna Mercedes hatte den Herrn des Schillingshofes nicht wieder gesehen . Gleich nach seinem Weggang an dem Abend war Hannchen in seinem Auftrag erschienen , um die Dame in der Pflege zu unterstützen , und die Abgesandte war ohne Widerrede angenommen worden . Das Mädchen mit dem schweigsamen , geräuschlosen Wesen paßte vortrefflich zu der Mission ... War es doch , als habe sich ihr junges , seltsam verdüstertes Gesicht förmlich aufgehellt , seit sie über die Schwelle des großen Salons gegangen war , um Tag und Nacht dazubleiben . José gewann sie lieb , und auch Donna Mercedes gewöhnte sich an das Mädchen , das nie sprach , ohne gefragt zu werden , und nie mit einem zudringlichen Blick die Dame auch nur streifte . Ganz ihrer Aufgabe hingegeben , bedurfte sie anscheinend zu keiner Zeit des Ausruhens , und nie zeigte sie das Bedürfnis , sich zu erquicken , oder auch einmal in anderer Luft aufzuatmen ... Sie schien nur außergewöhnlich empfindlich für jedes auch noch so leise Geräusch , das sich in der tiefen , behüteten Stille der Erdgeschoßwohnung bemerklich machte . Dann war es , als konzentriere sich die ganze Seele des Mädchens im Ohr , so gespannt regungslos und aufhorchend verharrte sie für Augenblicke ... Sie hemmte manchmal plötzlich wie festgewurzelt inmitten des großen Salons ihre Schritte – mit zurückgehaltenem Atem , den Oberkörper vorgebogen , und die unheimlich glimmenden Augen auf die Wand geheftet , an der sich die Ruhebank mit den grünseidenen Polstern hinzog , stand das sonst so beherrschte , herb verschlossene Mädchen da , wie eine gierig lauernde Katze , die das verborgene Nagen einer Maus hört und sich anschickt , auf das ahnungslose Opfer loszustürzen , sobald die trennende Schranke durchwühlt ist ... Lucile , die das Mädchen einmal in dieser Stellung überrascht hatte , behauptete , das sei offenkundige Verrücktheit , und ging ihr aus dem Wege , wo sie konnte ... Die kleine Frau kam überhaupt jetzt seltener in die Erdgeschoßwohnung – es ärgerte sie , daß man immer noch so » viel Wesens « mache ; dem Jungen täte kein Finger mehr weh , und doch würde immer noch so unausstehlich geschlichen und geflüstert ; und wenn sie » dem armen halbverhungerten Kerl « ein paar unschuldige Näschereien zustecke , da zanke man auf sie hinein , als habe sie ihn vergiften wollen . Von dem , was zwischen Donna Mercedes und dem Hausherrn vorgefallen , ahnte sie nichts . Sie fand es ganz begreiflich , daß er sich nunmehr wieder in das Atelier zurückgezogen und in sein Werk vertieft habe , um die Versäumnis der letzten Wochen auszugleichen , und es verdroß sie nur , daß er für nichts anderes mehr Augen und Ohren hatte . Er stehe wie festgenagelt vor seiner Staffelei , sagte sie , und der Blick , den er ihr seitwärts zuwerfe , wenn sie sich einmal einfallen lasse , durch die Glaswand des Wintergartens zu schielen , sei nichts weniger als einladend . Allem Anschein nach suchte sie sich » der aus allen Ecken gähnenden Langeweile « durch Unterhaltung in ihren Räumen zu entziehen – sie setzte offenbar ihre Tanzübungen fort . Die kleine Paula erzählte , die Mama habe Flügel wie die Englein in Josés Bilderbuch , sie habe » immer keine Strümpfe an « und lauter Gold und Silber auf ihren Kleidern ... Dabei wurden drüben große Kisten gepackt und fortgeschickt – » lauter altmodische Toiletten « , welche die Modistin in Berlin auffrischen und verändern sollte ... Lucile ging jetzt auch öfter in Begleitung ihrer Kammerjungfer aus , und nie kehrte sie zurück , ohne daß Träger mit umfangreichen Paketen ihr folgten . Sie kaufte an Stoffen und modernen Schmucksachen , was ihr gefiel , und verhielt sich den Preisen gegenüber mit der Gleichgültigkeit einer überseeischen Grundherrin , die Tausenden und aber Tausenden zu befehlen hat . Nun kam sie eines Nachmittags , zum Ausgehen gerüstet , in den großen Salon . Sie sah ein wenig erhitzt aus , und die Augen glänzten aufgeregt durch den Gazeschleier , den sie gegen Staub und Sonnenbrand bereits vor dem Gesicht kokett aufgesteckt hatte . » Meine Kasse ist leer , Mercedes , « sagte sie obenhin . » Ich habe verschiedenes zu bezahlen und brauche mindestens fünfhundert Taler . « Mit nachlässiger Gebärde hielt sie die kleine behandschuhte Rechte hin , um das Verlangte in Empfang zu nehmen . » Du hast vor kurzem erst eine gleich große Summe geholt – « versetzte Donna Mercedes erstaunt – sie wollte offenbar noch etwas hinzufügen , allem die kleine Frau unterbrach sie sofort . » Oh bitte , rege dich doch ja nicht auf um einer solchen Kleinigkeit willen , « sagte sie boshaft und winkte beschwichtigend mit der Hand . » Aber auch fünfhundert Taler ! « wiederholte sie mit Pathos . » Ein Heidengeld ! Meiner Mama freilich fielen fünfhundert Taler nur so durch die Finger , wenn es galt , auf den Gastreisen Trinkgelder zu geben – das könnten wir arme Schlucker natürlich nicht ... Bah , möchtest du mir nicht auch die paar Bissen , die ich esse , in den Mund zählen , Donna Mercedes ? « – Sie streckte bitter auflachend die Hände gen Himmel . – » Das ist die glänzende Versorgung , die man mir vorgespiegelt hat , als ich mich entschloß , mit nach Amerika zu gehen ! ... Übrigens « – sie fuhr mit einer sprechenden Gebärde mit der Hand über den Kais – » ich will gleich meinen Kopf verwetten , daß dir nicht das Recht zusteht , meinen Geldverbrauch in der engherzigen Weise zu kontrollieren ; und deshalb werde ich mich endlich einmal beschweren – « Sie verstummte – dort auf dem Schreibtisch , an welchem ihre Schwägerin saß , lag bereits das Geld hingezählt . Donna Mercedes zeigte schweigend mit dem Finger auf die Banknoten – kein Muskel ihres Gesichts bewegte sich . Lucile strich das Geld zusammen und ließ es in ihre Tasche gleiten . » Ich werde Paula mitnehmen , - « – sagte sie – » das Kind braucht notwendig einen neuen Hut – « » Paula hat sich im Garten müde gelaufen – sie schläft drüben in der Kinderstube . « » So werden wir sie wecken . « – Sie flog , als habe sie keinen Augenblick Zeit zu verlieren , durch das Krankenzimmer in die Kinderstube ; allein Donna Mercedes folgte ihr auf dem Fuße und hielt sie an der Tür zurück . » Welche Torheit , Lucile ! « zürnte sie . » Um einer Laune willen das Kind aus seinem erquickenden Schlaf aufzuschrecken ! « Aber schon hatte die kleine Frau förmlich erbittert die zurückhaltenden Hände abgeschüttelt ; sie stieß die Tür auf und lief geräuschvoll in die Kinderstube hinein . Deborah saß strickend am Fenster , und die kleine Paula lag ausgekleidet in süßem Schlummer in ihrem Bettchen . » Dummheit ! « zankte Lucile im höchsten Arger die schwarze Wärterin aus . – » Was fällt dir ein , das Kind zu einer kurzen Mittagsruhe bis aufs Hemd auszuziehen ! ... Auch das noch ! « stieß sie in namenloser Ungeduld hervor und stampfte mit dem Fuß den Boden . Sie riß die hingeworfenen Röckchen vom Stuhl und fing an , das Kind zu schütteln . » Paula , Paula , wach auf ! « rief sie – es klang etwas wie Angst und prickelnde Unruhe aus diesen Tönen . Aber die Kleine schlief den Schlaf tiefster Ermüdung ; sie schlug die Augen nicht auf , und das Köpfchen sank schlaftrunken auf das Kissen zurück . Inzwischen hatte sich die Schwarze erhoben und stellte sich beweglich bittend und protestierend vor die kleine Schlummernde . » Ich weiß nicht , was ich von dir denken soll , Lucile , « rief Donna Mercedes , ganz betroffen über das aufgeregte Gebaren ihrer Schwägerin . » Denke , was du Willst ! ... Ich werde doch wahrhaftig so viel Recht haben , mein Kind mitzunehmen , wenn es mir beliebt ! ... Du wirft Paula sofort anziehen , Deborah ! « befahl sie . – » Dabei wird die kleine Schlafmütze schon aufwachen . « » Das Kind bleibt in seinem Bett , « entschied Donna Mercedes mit kalter Ruhe . » Ach , Tante , was ist mit Paula ? « rief José mit seiner schwachen Stimme ängstlich erregt herüber . Bei diesen Lauten erschrak Donna Mercedes . » Lucile , sei vernünftig , « sagte sie beschwichtigend , als spreche sie zu einem widerspenstigen Kinde . » Gehe später – dann kannst du Paula mitnehmen . « » Ich will aber nicht . « – Eine dunkle Röte bedeckte das zarte Gesicht unter dem Schleier , und es sah fast aus , als kämpfte die kleine Frau mit aufsteigenden Tränen . In diesem Augenblick trat die Kammerjungfer Minna in Hut und Schal auf die Türschwelle ; sie hatte offenbar schon länger draußen gewartet und kam , ihre Dame an das Fortgehen zu erinnern . » Es ist sehr spät – « meldete sie unterwürfig , aber mit unruhig flackernden Augen – » und wenn die gnädige Frau heute wirklich das Geschäft noch abmachen wollen – « Lucile ließ sie nicht ausreden . Wie eine gereizte kleine wilde Katze sprang sie auf ihre Schwägerin los , als beabsichtige sie , ihr die Augen auszukratzen . » Du bist von jeher mein böser Geist gewesen , « zischte sie durch die Zähne . » Meine Triumphe hast du mir stets geschmälert , wenn nicht gestohlen , gelbe Zigeunerin , hochmütige Pflanzerprinzessin , du , indem du dich vordrängtest , indem du dich auf deine Baumwollsäcke stelltest – dagegen kommen bei euch drüben wirkliche Schönheit und Anmut natürlich nicht auf . Die dummen Leute bildeten sich nachgerade wirklich ein , die kleine Deutsche reiche dir das Wasser nicht , und schließlich haben sie dich auch noch zu meinem Zuchtmeister gemacht ... Aber nun ist an mir die Reihe , Donna de Valmaseda ! Nun sollst du sehen , was Lucile Fournier in Deutschland wert ist ! ... Wenn ich bedenke , daß ich hier nur zu winken brauche , um alt und jung zu begeistern , so begreife ich selbst nicht mehr , wie ich ' s acht Jahre lang drüben in der Einöde , zwischen euren Reisfeldern und Zuckersiedereien ausgehalten habe . « Sie griff nach dem Sonnenschirm , den sie vorhin auf den Stuhl vor Paulas Bett geworfen hatte , und fegte mit ihrer seidenraschelnden Schleppe hinaus . Im Krankenzimmer huschte sie zu José hin und strich ihm mit schmeichelnder Hand das Haar aus der Stirn . » Mache , daß du aus dem Käfig da heraus kommst , Herzle ! « sagte sie . » Du bist ja wieder gesund wie ein Fisch und könntest längst mit Pirat im Garten herumtollen ... Geh , sei ein rechter Junge und leide es nicht , wenn sie dich noch länger mit Spitalsuppen füttern wollen ... Adieu , Schatz ! « Wenige Augenblicke darauf sah sie Donna Mercedes in Minnas Begleitung eiligst durch den Vorgarten schreiten . Drüben auf der Promenade wurde ein eben leer vorüberfahrender Mietwagen angerufen , und die kleine Frau fuhr nach der Stadt , um jedenfalls wieder einmal mit großen Einkäufen heimzukommen . Donna Mercedes sah ihr mit tiefverfinsterten Augen nach . Sie fühlte dieser gefallsüchtigen , vergnügungstollen Frau gegenüber oft das leidenschaftliche Verlangen , die Flinte ins Korn zu werfen und sich loszusagen . Auch jetzt durchfuhr ihr Herz der heiße Wunsch , der davonrollende Wagen möchte mit seiner schönen Insassin in die weite Welt hineinfahren , um – nicht wiederzukehren ... Sie schrak zusammen und sah sich scheu um , als habe sie diesen blitzähnlich auftauchenden Gedanken laut ausgesprochen , und irgend eine in der Nähe lauernde böse Macht könnte sich seiner bemächtigen . Dabei fühlte sie den todestraurigen Blick ihres Bruders vorwurfsvoll auf sich ruhen , und beschämt gedachte sie der heiligen Versicherungen , die sie ihm gegeben , und unter denen er beruhigt die Augen für diese Welt geschlossen hatte ... O wunderliches Frauenherz ! Unter den furchtbarsten Schicksalsschlägen ausdauernd und mit unerschöpflichem eigner Kraft sich immer wieder stählend , bäumte es sich gegen die Nadelstiche einer boshaften Zunge und fühlte den Mut erlahmen ! ... Dieses leichtfertige Schmetterlingsgeschöpfchen , die kleine Frau , die eben noch einmal im Davonfahren den Lockenkopf wie triumphierend nach dem Schillingshof zurückgewendet , sie war keine Erzieherin , kein Beispiel , kein Schutz für ihre Kinder ; sie gefiel sich darin , durch heimliches Einflüstern , wie auch durch offenkundiges , rücksichtsloses Vorgehen das Wirken anderer in den jungen Seelen zu verwischen ; und doch mußte alles geschehen , sie den Kindern zu erhalten , denn sie war und blieb die Mutter ... Für Donna Mercedes selbst aber fielen noch mehr die immer aufs neue wiederholten inständigen Bitten ihres Bruders ins Gewicht , nach welchen sie alles aufbieten sollte , Lucile vor jeder Aufregung zu bewahren , damit sich ihr Brustleiden nicht weiter ausbilde . Wie oft hatte er angstvoll die Hände gerungen bei dem Gedanken , daß später unheilbare Schmerzen den zarten Körper heimsuchen könnten , den er bis zum letzten Atemzug über alles geliebt ! ... Ruhiger geworden , setzte sich Donna Mercedes zu José und sprach mit leiser , sanfter Stimme zu ihm . Die laute , lebhafte Mama mit ihrem ungedämpft hohen Organ und den umherfegenden , seidenrauschenden Gewändern hatte den kleinen Patienten aufgeregt . Die dichten Fenstervorhänge mußten zugezogen werden , weil er sich selbst gegen das durch die verdüsternde Säulenhalle und den herabgelassenen Rollvorhang sehr gemilderte Tageslicht wieder empfindlich zeigte ; er schrak beim leisesten Geräusch zusammen , und der Puls ging beschleunigter . Über dem Bemühen , die bösen Folgen der Aufregung zu beseitigen , war es Abend geworden . Deborah machte im großen Salon den Teetisch zurecht und fragte an , ob sie auch für Paula , die seit Josés Erkranken um diese Zeit stets bei ihrer Mama war , die Abendmilch herüberbringen dürfe ; sie habe zwar drüben alles zum Tee vorgerichtet , aber die gnädige Frau sei noch nicht zurückgekommen . Donna Mercedes sah befremdet nach der Uhr – der Zeiger stand nahe bei acht ; so lange war Lucile noch nie ausgeblieben ... Ein unbestimmtes Bangen überschlich sie , eine leise Furcht vor jener geheimnisvollen Gewalt , die strafbare Wünsche , zu unserer eigenen Qual und Reue , oft blitzschnell verwirklicht ... Sie trat an eines der Fenster des großen Salons und sah über den Garten hinweg . Noch war es tageshell ; der Blütenschmuck der Rosenbäume , die Teppichbeete schimmerten farbenprächtig herüber , auf den Platanen lag ein letzter Goldhauch des Abendsonnenfeuers , die weißen Steinfiguren des Brunnenmonumentes hoben sich in scharfen Konturen von dem Samt des Rasenteppichs , und jenseits des