ist ein so fatales Anzeichen – “ „ Du willst in dem Falle doch nicht von einem bösen Omen sprechen ? “ Dem jungen Mädchen versagte fast die Stimme , angesichts dieser bodenlosen Dreistigkeit . „ Ei warum denn nicht ? – Glaubst Du denn , Leute vonGeist müßten nothwendig frei vom Aberglauben sein ? Napoleon der Erste war abergläubisch wie eine Spittelfrau , wenn Du das noch nicht weißt , meine Kleine – und ich , ich leugne wenigstens das Omen nicht . “ Sie sah die Schwester so fest , so herausfordernd an , als wolle und werde sie mit diesem einen durchdringenden und gebieterischen Blicke jedweden selbstständigen Gedanken , ja jede unbequeme Rückerinnerung an das Vergangene in dem jugendlichen Mädchenkopfe niederzwingen . Aber sie stand vor einer unerbittlich Wahrhaftigen , der die Empörung das Blut heiß nach dem Kopfe trieb . „ Du vergissest , daß du gestern Abend nicht allein dort gestanden hast , “ sagte das junge Mädchen und deutete nach der Brücke . Flora lachte zornig auf . „ Das hat Unsereins davon , wenn es sich solch ein Jüngstes nicht mindestens zehn Schritte vom Leibe hält . Das ist so die echte Backfischmanier , wichtig und vertraulich zu tun , als ob man um Gott weiß was Alles wüßte , und täppisch und tactlos immer wieder eine unangenehm klingende Saite im Menschenherzen zu berühren , die man gern vergessen möchte . Habe ich nicht schon drinnen erklärt , daß der gestrige Auftritt im Walde mein ganzes Blut- und Nervenleben so wahnsinnig aufgestürmt hatte , daß ich für Alles , was nachher geschehen ist , nicht verantwortlich gemacht werden dürfe ? Meine sehr liebe Käthe , Du willst mir in Deiner unerschöpflichen Weisheit sagen , daß sich an meinen Verlobungsring überhaupt kein Omen mehr knüpfen könne , weil – nun , weil er da drüben im Flusse liege , gelt , Schatz ? “ – Sie lachte abermals kurz auf . – „ Wie , wenn ich nun bei aller Leidenschaftlichkeit und Sinnesverwirrung , bei allem Grolle über eine ungerechte , vorurtheilsvolle Kritik , die mir schonungslos in das Gesicht gesagt worden war , schließlich dennoch ein menschliches Rühren gespürt und mein süßes Kleinod nicht von mir geworfen hätte ? Hast Du das Ringlein fallen hören , Kind ? Unmöglich ! Denn – hier sitzt es ja , “ sie drehte den Reifen spielend am Finger , „ nachdem es vorhin wirklich Miene gemacht hat , mich freiwillig zu verlassen – “ „ Weil es Dir zu weit ist . Du hast schlankere Finger als Deine verstorbene Mutter , “ fiel Käthe unerbittlich ein ; sie bebte am ganzen Körper vor Entrüstung . Flora aber fuhr mit einer Geberde empor , als wolle sie mit den Händen nach ihr stoßen . „ Natter Du ! “ murmelte sie ergrimmt . „ Ich habe auf den ersten Blick hin gewußt , daß Deine bäurisch plumpe Gestalt einen widerwärtigen Schatten auf meinen Lebensweg werfen würde . Wie kannst Du Dich unterstehen , mir nachzuspüren , meinem Tun und Lassen wie ein Spion nachzuschleichen ? Du mir ? Sind das die ehrenhaften Grundsätze , welche Dir die ‚ vortreffliche ‘ Lukas einzupauken vorgegeben hat ? “ „ Meine Lukas lasse aus dem Spiele ! “ sagte Käthe , diesem maßlos leidenschaftlichen Ausbruche plötzlich eine kühle , imponierende Ruhe entgegensetzend . „ Daß ich so denke und handle , das hat die Erziehung nicht verschuldet ; ich weiß , diese ‚ ehrenhaften Grundsätze ‘ stecken mir von meinem braven Vater her im Blute ; ich verabscheue die Komödie im Menschenverkehre und will eher zeitlebens verstummen , als daß ich eine Lüge gut heiße . Bist Du gewohnt , Deine Umgebung mit einem so kühnen Vorgehen zu verblüffen und dermaßen einzuschüchtern , daß sie zu Deinem falschen Spiele stillschweigt , so glückt Dir das bei mir nicht , so jung und so wenig weltgewandt ich auch noch sein mag . Ich lasse mich nicht verwirren – ich habe gesunde Augen und ein starkes Gedächtniß – “ „ Ei , das sind allerdings robuste Naturgaben , vor denen ein anderes Menschenkind mit seinen fein nüancierten inneren Regungen und Antrieben freilich nicht aufkommen kann , “ rief Flora . Sie hatte , während Käthe sprach , einige Male Miene gemacht , ironisch lachend zu gehen und den „ moralisierenden Backfisch “ stehen zu lassen ; sie hatte die Hände geballt , sich auf die Lippen gebissen und erbarmungslos das spärliche Grün von den saftstrotzenden Zweigen eines Busches gezupft – aber gegangen war sie doch nicht , und jetzt sprach sie so überlegen und gefaßt , als habe sie nicht einen Augenblick das innere Gleichgewicht verloren . „ Ob Du mich verstehen wirst , Kind ? “ – sie zuckte die Achseln – „ ich glaube es kaum . Du hältst Deinen langweiligen Maßstab der sogenannten Moral mit kindlicher Gläubigkeit fest und missest die Seelen daran , wie der Krämer die bestimmte Ellenzahl , gleichviel , ob das Zeug grob oder fein , grün oder rot ist , aber ich will mich bemühen , deutlich zu werden . “ Sie trat einen Schritt näher , sodaß die junge Schwester ihren balsamischen Athem wehen fühlte . „ Nun ja , Du hast Recht , “ sagte sie gedämpft , und ließ einen raschen Seitenblick über die Fensterreihe des Hauses hinfliegen , „ mein Verlobungsring liegt dort im Flusse . Ich habe ihn von mir geworfen in einem Anfalle höchster Verzweiflung , mit dem Gefühle unaussprechlichen Ekels vor dem Leben der Armseligkeit an Bruck ’ s Seite . Mädchen Deines Schlages werden das freilich nicht begreifen . Ihr wählt Euch den Mann , je nachdem er sein Auskommen , eine einnehmende Gestalt und – einen hübschen Bart hat , und ist das ‚ Ja ‘ einmal gesprochen , dann geht Ihr mit ihm durch Dick und Dünn , und das ist ja auch ganz brav ; solche Mädchen werden rechtschaffene Mütter wohlerzogener Söhne ; sie hocken im heimischen Neste und schließen furchtsam und demüthig die Augen , wenn ein Adler vor ihnen in die schwindelnde Höhe steigt . Zu einem solchen Adler aber geselle ich mich ; da , wohin er sich versteigt , weht meine Lebensluft ; ich halte mich an seiner Seite ; ich jauchze ihm zu und ermutige ihn in seinem stolzen Fluge – “ Um ihn , wenn ein heimtückischer Schuß seine Flügel lähmt , für eine Krähe zu erklären und ihn feige zu verlassen , “ fiel Käthe ein – dieser Einwurf brandmarkte mit wenigen Worten den ganzen schamlosen Verrath der selbstsüchtigen Schwester , und die ihn ausgesprochen , sie stand da mit untergeschlagenen Armen , die verkörperte ernstzürnende , in ihren Gefühlen tiefverletzte Weiblichkeit . „ Und wenn Du noch gegangen wärest , verstohlen und schweigend , wie es doch sonst die Art der Treulosigkeit ist , aber Du hast erst noch dem bittersten Hasse Luft gemacht , hast Dich an dieser Stelle für die Verrathene , Betrogene erklärt , und jetzt stehst Du wieder auf dem mißachteten Boden – “ „ Als Bruck ’ s vergötterte Braut , die erst einem schweren Irrtume verfallen mußte , bis sie die ganze Größe des ihr bestimmten Glückes einzusehen vermochte , “ ergänzte Flora mit triumphierendem Hohne . Sie maß die Schwester von unten bis oben mit einem boshaft funkelnden Blicke . „ Schau , Du kannst ja auch ganz allerliebst impertinent sein , Kleine ! Ich bin förmlich frappiert von der hübschen Wendung , die Du vorhin meinem Gleichnisse gegeben hast . … Ei nun ja , eine ganz respectable Dosis bürgerlichen Hausverstandes ist Dir ja nicht abzusprechen , aber sie reicht gerade so weit , um die Ausbrüche einer genialen Natur , einer Feuerseele mißzuverstehen – was weißt Du von einem psychologischen Räthsel ! Hätte ich gestern von abtrünniger Freundschaft gesprochen , dann hättest Du Recht , Dich über meine plötzliche innere Wandlung zu skandalisieren und sie für Komödie zu halten , denn aus Freundschaft wird niemals Liebesleidenschaft , wohl aber liegen Haß und Liebe in der Menschenseele eng zusammen ; sie entzünden sich an einander , und dem glühend gezeigten Hasse liegt oft ein Uebermaß von Liebe zu Grunde . Ihr , mit Eurem stumpfen Gefühle , fasset das freilich nicht . Ihr kocht dem beleidigten Manne ein Lieblingsessen , um ihn zu versöhnen , während eine Natur wie die meine in eclatanter Sühne für ihn ein Verbrechen begehen , für ihn den Tod erleiden kann . “ Sie legte ihre geballte Rechte unter den Busen , als drücke sie sich bereits ein Stilet in das Herz . „ Und nun lasse Dir sagen : Nie habe ich Bruck leidenschaftlicher , hingebender geliebt , als seit ich weiß , daß er wie ein Märtyrer gelitten , wie ein Held geschwiegen hat , seit ich mir sagen muß , daß ich ihn tödtlich gekränkt habe , aber auch noch nie “ – sie erfaßte plötzlich Käthe ’ s Hand und zog sie an sich , und die schmalen Finger , die sich um das warme , blühende Fleisch des jungen Mädchens klammerten , waren kühl wie der Zugwind , der jetzt vom Wasser herkam – „ noch nie , “ flüsterte sie Käthe ins Ohr , „ war ich so glühend eifersüchtig . Merke Dir das , mein Kind ! … Hier ist mein Revier . Und wenn mir auch nichts ferner liegt , als Dich für gefährlich zu halten – Du bist ihm durchaus nicht sympathisch , das habe ich längst gemerkt , auch hat er ja bis in alle Ewigkeit nur Aug ’ und Ohr für mich – so bin ich doch nicht gewohnt , irgend ein Menschenkind neben mir zu dulden , das so absichtlich die Angenehme spielt . Den ‚ hausmütterliches ‘ Schalten und Walten hier , Dein ungeniertes Kommen und Gehen in diesem Hause gefällt mir nicht . Du wirst das in Zukunft bleiben lassen – verstanden , Schatz ? “ Das hieß deutlich und energisch gesprochen , und nun faltete sie ihre rauschende Schleppe zusammen und schritt so eilig dem Hause zu , als wolle sie jede Erwiderung abschneiden – ein ganz überflüssiges Manöver , denn das junge Mädchen hatte die blaßgewordenen Lippen fest geschlossen . Auf ein solch gerüttelt volles Maß des Uebermutes , der Willkür und der beispiellosesten Doppelzüngigkeit hatte die ehrliche , unverdorbene Jugend keine Antwort . 18. Es war im Mai . Die Bäume hatten bereits ihren Blüthenschnee wieder von sich geschüttelt , und der prachtvolle , krokusbesäumte Hyacinthenflor , der sich , Aufsehen erregend , über das weite Rasenparterre vor der Villa Baumgarten hingebreitet , war längst verblüht . Dafür färbten sich die Dolden der Syringenbüsche weiß und lila ; das glänzende Kettengeschmeide des Goldregens schaukelte halbentfaltet an den Zweigen ; aus den Blätterbüscheln der Rosenbäume streckten sich die spitzen , grünen Fühlfäden der ersten Knöspchen , und der Schatten auf den Zickzackwegen der Boscage und in der alte Lindenallee wurde intensiver . Der Fluß brauste wieder klarwellig durch die grünen Guirlanden seines Ufergebüsches , und über das alte , liebe Haus hinter ihm flocht sich ein maienduftiges Gewebe , das mit jedem neuen Morgen weniger von den weißen Mauern sehen ließ – die dicken , kräftigen Weinstöcke trieben ihre safttropfenden Ranken bis unter das vorspringende Dach hinauf . Das Fremdenzimmer stand wieder leer . Henriette war längst in die Villa übergesiedelt ; sie hatte sich scheinbar wieder erholt , ja , es schien sogar ein momentaner Stillstand in ihrer Krankheit eingetreten zu sein , und diese Wohlthat schrieb die Tante Diakonus einzig und allein Käthe ’ s Pflege zu . Die beiden Schwestern führten in der Beletage ein reiches , isoliertes Zusammenleben , das einen wunderbaren Reiz erhalten hatte , seit der neue Flügel in Käthe ’ s Zimmer stand . Aber nicht allein die Pflege der Schwester , auch der intime Verkehr mit der Tante hatte günstig auf Henriette eingewirkt ; sie war in dem einfachen , gemüthlichen Fremdenzimmer anders geworden in ihren Lebensansichten und Lebensgewohnheiten – die Stille eines zurückgezogenen Lebens , die sie früher wie ein Gespenst geflohen , heimelte sie jetzt an , und sie blieb ruhig und wunschlos , mochte auch unter ihren Füßen der Gesellschaftstrubel noch so geräuschvoll werden . Das Haus des Kommerzienrates aber war nie geselliger gewesen , als gerade jetzt , nachdem sein Besitzer geadelt worden . Es fanden sich manche neue , sehr willkommene Elemente ein , denen zu Ehren verschiedene Festivitäten arrangiert werden mußten , und darin waren die Erfindungsgabe der Präsidentin und die Börse des Kommerzienrates unerschöpflich . Der Mann hatte ein wunderbares Glück . Nie hörte man von einem Verluste , von einem Mißlingen ; wo die Wünschelrute seines Geschäftsgenies einschlug , da sprudelte die Goldquelle – man schätzte ihn nach Millionen . Und er verstand es , wie selten ein Glückskind , die neue Glorie der Auszeichnung vor so vielen anderen Erdgeborenen zu tragen , sie interessant und zum nie versiechenden Gesprächsthema für Hoch und Niedrig zu machen . Die Promenade vor der Villa Baumgarten war zur fashionablesten geworden ; man zeigte die herrliche Besitzung , die sich Tag für Tag verschönerte , den Fremden ; man sprach von den kostbaren Gemälden und Skulpturwerken , von den seltenen Sammlungen , die der Kommerzienrat unablässig hinter den marmorverzierten Wänden aufspeicherte , von der Silberkammer , mit der sich die des fürstlichen Hofes kaum messen könne ; man blieb gefesselt stehen , wenn eine seiner Equipagen vor dem Portale hielt , und wunderte sich , daß die leichten , aufstiebenden Wölkchen , die der trockene Frühlingswind von den Sandwegen über den Rasen hinstreute , nicht Goldstaub waren . Es wurde fortwährend gebaut ; ganze Strecken des Parkes waren deshalb kaum mehr zu passieren . Man schritt an aufgethürmten Quadern und schneeweißen Marmorblöcken hin , die beim Bau und der Einrichtung neuer Pferdeställe verwendet wurden – die alten , sehr geräumigen waren der Passion des Kommerzienrates für schöne Pferde längst zu eng geworden . Große Berge ausgegrabenen Erdreichs versperrten die Wege – für den sehr umfangreichen See , dem diese Massen Platz machen sollten , war das Terrain nicht günstig ; er und das Palmenhaus , eine beabsichtigte Merkwürdigkeit für die Residenz , verschlangen Unsummen . Zu alledem erschien eines Tages auch noch eine Anzahl Bauhandwerker und machte sich an einem hübschen , großen Pavillon zu schaffen , der bis dahin unbenutzt und verschlossen gestanden hatte . Er lag eine ziemliche Strecke von der Villa entfernt , im Dickicht , aber von seinen oberen Fenstern aus hatte man doch den Blick auf die Promenade und die Stadt . Das zierliche Haus erhielt einen eleganten Anbau ; es wurden neue Fenster mit ungebrochenen Scheiben eingesetzt , und dann und wann zog der Kommerzienrat Tapetenproben oder Zeichnungen für das Parquet aus der Tasche und bat die Präsidentin , auszuwählen . Sie wurde zwar jedes Mal sehr spitz und ungnädig , und Flora kicherte in das Taschentuch , aber wählen mußte die alte Dame doch , und wenn sie auch dabei versicherte , daß die Ausbesserung der alten Baracke sie ganz und gar nicht interessiere , daß sie zeitlebens übergenug für die Instandhaltung der Villa zu denken und zu sorgen habe , und sich nicht auch nochum das „ Logirhaus “ fremder Geschäftsfreunde kümmern könne , welches sie doch niemals mit einem Fuße betreten werde . Sie ignorierte denn auch den Neubau , trotz des beharrlich fortgesetzten und stets herüberklingenden Hämmerns und Pochens , wie nur je die herrschsüchtige Gemahlin eines Regierenden ihren zukünftigen Witwensitz ignorieren kann . Zwischen diesem Trubel , diesem hastigen Beginnen und Vollenden aber kam und ging der Kommerzienrat wie ein Zugvogel . Er verreiste sehr oft in Geschäften , aber nur noch für kürze Zeit , wie er manchmal sagte , dann wollte er sich ein schönes Rittergut kaufen und Landedelmann werden . Hatte er aber einmal „ ein paar Erholungstage “ , dann war er sehr viel in der Beletage ; den Nachmittagskaffee trank er regelmäßig droben , zum großen Aerger der Präsidentin , die dadurch ihr Lieblingsstündchen im Wintergarten verlor – sie war selbstverständlich viel zu aufmerksam , um „ den lieben Moritz “ bei der verdrießlichen Kranken und dem jungen Backfisch allein zu lassen , und brachte das Opfer , stets fast zugleich mit ihm zu erscheinen . Käthe war das sehr erwünscht ; sie empfand nun einmal eine unüberwindliche , beklemmende Scheu vor dem Schwager und Vormunde , seit er sich so wunderlich zuvorkommend und zärtlich ihr gegenüber und dabei so falsch , so heimtückisch bei äußerlich unveränderter Liebenswürdigkeit gegen die Präsidentin zeigte . Sie nahm unwillkürlich die befangene Zurückhaltung der erwachsenen Dame an , wo sie sich früher harmlos kindlich gezeigt hatte . Aber gerade das schien ihn zu belustigen und in seiner seltsamen Art zu bestärken . Er las ihr ihre Wünsche von den Augen ab ; er hatte längst seine Einwilligung gegeben , daß der unbenutzte Theil des Mühlengartens an die Arbeiter verkauft werde – nie setzte er dem Wohlthätigkeitssinne des jungen Mädchens irgendwie Schranken , und war ihre Börse auch noch so oft leer , er füllte sie ohne Widerrede . „ Du darfst Dir den Spaß schon erlauben , Käthe – ich werde bald einen zweiten Eisenspind anschaffen müssen , “ sagte er dabei im Hinblick auf das staunenswerthe Anwachsen des Kapitals . Sie nahm eine solche Aeußerung stets mit finsterem Schweigen auf – er hatte auf ihre ernsten Fragen mit all ’ seinen diplomatischen Wendungen und Finessen die Anklage des Volkes , daß ihr Reichtum auf erbarmungslose Weise erwuchert sei , nicht widerlegen können , auch ließ die Präsidentin keine Gelegenheit vorübergehen , wo sie diesen Vorwurf begründen konnte – das kindlich naive Ergötzen , mit welchem Käthe es früher „ so über alle Maßen hübsch “ gefunden , reich zu sein , hatte sich in eine Art von Furcht und Angst vor den Geldmassen verwandelt , die so riesig , auf so dämonenhafte Weise anschwollen , als müßten sie eines Tages in gerechter Vergeltung erdrückend über sie herstürzen . Sie war überhaupt ernster geworden ; das sonnige Lächeln , das ihr erregbares , heiteres Temperament sonst so oft und rasch über ihre Züge hinfliegen ließ , zeigte sich nur selten . So recht herzensfreudig war sie nur noch im Hause am Flusse , und auch da nur in gewissen Stunden . Die Tante Diakonus unterrichtete nämlich seit lange eine Anzahl bedürftiger Kinder unentgeltlich im Nähen und Stricken – das geschah Jahr aus , Jahr ein an den Mittwoch- und Sonnabendnachmittagen . In diesen kleinen Kreis hatte sich Käthe mit der freudigen Bewilligung der alten Frau eingeschmuggelt . Der Umgang mit Kindern war ihr völlig neu und machte Saiten in ihrer Seele erklingen , die sie bis dahin nicht geahnt hatte – es war die zärtlichste Hinneigung zu den kleinen Geschöpfen und die plötzliche Erkenntniß , daß sie im Grunde ihres Herzens den Beruf , die jungen Wesen an Leib und Seele zu stützen , sie kräftig und gesund zu erhalten und bildend auf sie einzuwirken , jedem anderen weit vorziehe . Sie kleidete die Kinder , wo es noth that – in ihrem Nähkorb lag stets ein angefangenes Röckchen oder Schürzchen ; sie sorgte – was die Tante Diakonus nicht hatte ermöglichen können – nun auch für ein reichliches Vesperbrod während der Unterrichtsstunden , und eine wahre Augenweide war es für die alte Frau , wenn das junge Mädchen mit dem Korb voll Obst und Brödchen erschien und mit wahrhaft mütterlicher Würde an den schönsten , rotbackigen Apfel eine Belohnung zu knüpfen wußte . Für den Sommer verlegte die Tante den Unterricht in den Garten ; die Kinder , meist in den engsten und dumpfesten Straßen der Stadt wohnend , sollten nun auch die Wohlthat genießen , sich in reiner , gesunder Luft auf dem Rasen , unter schattigen Obstbäumen , tummeln zu dürfen . Käthe hatte zu dem Zweck hübsche , tragbare Bänke angeschafft , zugleich aber auch eine Anzahl Bälle und Reifen für die Spiel- und Erholungsstunde , die sich nunmehr an die Unterrichtszeit anschloß . Flora war tieferbittert über diesen Verkehr , der sie , ihrer Meinung nach , in ihren Rechten , ihrer Beziehung zu der Tante beeinträchtigte , aber sie war klug genug , das im Haus am Flusse nicht verlauten zu lassen – man kam ja bei „ der Alten “ stets so schlecht an , wenn man „ das große Mädchen mit der Plebejerröthe auf dem Sommerschen Gesicht nicht für eine wahre Musterkarte aller erdenklichen Tugenden hielt “ . Die schöne Braut kam auch täglich in das Haus ; sie hatte sich weiße , mit Stickerei garnierte Latzschürzchen dutzendweise machen lassen und erschien nie ohne diesen häuslichen Schmuck , der ihr allerliebst stand . Den Vorwurf konnte man ihr nicht machen , daß sie nicht Alles aufgeboten hätte , den Beifall der Tante Diakonus zu erringen . Sie setzte ihr zartes Gesicht der Glut des Küchenfeuers aus , um Pfannkuchen backen zu lernen ; sie ließ sich über das Einmachen der Obstfrüchte und Gemüse , über die Behandlung der Wäsche belehren und nahm wohl auch einmal der Magd das Bügeleisen aus der Hand , um versuchsweise ein Stück Hauswäsche zu plätten , allein so groß auch das Opfer war , das damit gebracht wurde , es vermochte nicht , die alte Frau aus der überaus höflichen , aber doch sehr reservierten Haltung , die sie seit jenem unheilvollen Abend angenommen , herauszulocken – es war , als ob sie genau wisse , daß Flora nach dergleichen Anstrengungen wie zu Tode erschöpft in ihr Ankleidezimmer wankte , dort die Schürze mit einer halbunterdrückten Verwünschung in die Ecke schleuderte , und sich dann zur Erholung meist in den Wagen warf , um die Runde bei den Freundinnen zu machen , deren schwer zu verbergender Neid eine unerschöpfliche Quelle der Genugtuung für sie war . Diese Freundinnen behaupteten einstimmig , die Frau Universitäts-Professorin in spe liege mit ihren bauschenden Falbeln wie ein radschlagender Pfau im Coupé , und ihr Uebermut sei kaum noch zu ertragen . Der jähe Umschwung in Doktor Bruck ’ s Karriere wurde noch immer wie ein Wunder angestaunt . Daß der zuvor kaum noch mitleidig über die Achsel angesehene , so hart verurtheilte und verfehmte junge Arzt plötzlich als fürstlicher Hofrath durch die Straßen der Residenz schritt , konnte Mancher nur schwer begreifen . Der Mann wuchs nun in den Augen des Publikums und der gesammten Hofgesellschaft himmelhoch , und weil er durch seine Uebersiedelung nach L … .. g für die Zukunft unerreichbar wurde , so wollte jeder Leidende womöglich noch von ihm hergestellt sein . So kam es , daß Doktor Bruck auf einmal mit einer kaum zu bewältigenden Praxis förmlich überbürdet war . Sein angefangenes Manuscript blieb unberührt auf dem Schreibtisch liegen ; er schlief in der Stadtwohnung , aß meist eilig im Hotel , das angebotene Kouvert im Hause des Kommerzienrates konsequent ablehnend , und mußte die flüchtige Besuchszeit in der Villa und bei der Tante Diakonus , wie er sich ausdrückte , seinen Patienten abstehlen . Käthe sah ihn nicht oft , und deshalb fiel es ihr um so mehr auf , wie sehr er sich verändert habe – jedenfalls in Folge der Anstrengung , meinte sie . Er sah bleich und ermüdet aus , und sein früher wohl zurückhaltendes , nachdenklich stilles , aber überaus mildes Wesen war einer finsteren Verschlossenheit gewichen . Mit Käthe hatte er seit jenem Moment , wo sie ihn , von Flora ’ s Armen umstrickt , im Flur überrascht hatte , kaum zwei Worte gewechselt , und zwar in so scheuer , schnell abbrechender Weise , daß sie sich nicht verhehlen konnte , er zürne ihr ihres damaligen unwillkommenen Erscheinens wegen . Sie ging ihm deshalb auch verletzt , mit einem Gemisch von Trotz und Verlegenheit aus dem Wege , wo sie nur konnte . In seinem Verhalten zu Flora dagegen war nicht die leiseste Wandlung eingetreten ; er war genau ein so ernster , würdevoller Bräutigam , wie an dem Tage , wo Käthe die Verlobten zum ersten Male zusammen gesehen . Sie mußte manchmal denken , der ganze entsetzliche Auftritt im Fremdenzimmer der Tante Diakonus sei entweder ein toller Spuk ihrer eigenen Phantasie gewesen , oder Doktor Bruck müsse vergessen und unliebsame Erinnerungen in seinem Gedächtnisse so spurlos auslöschen können , wie selten ein Mensch . Flora mochte freilich erwartet haben , daß mit ihrer Bitte um Verzeihung , mit ihreroffen an den Tag gelegten Reue sofort wieder jenes schöne , innige Verhältniß eintreten werde , wie es zu Anfang ihrer Brautschaft bestanden . Mußte er nicht , bei seiner unzerstörbaren Leidenschaft für sie , namenlos glücklich sein , sie nun unwiderruflich besitzen zu dürfen ? Vielleicht barg er tief innen dieses Glück , aber zeigte es nur nicht , und seine schöne Braut tröstete sich mit dem Gedanken , daß ein Mann wie Bruck allerdings nicht so rasch versöhnlich sein dürfe ; wußte sie doch , daß mit der Hochzeit , die nunmehr für den September festgesetzt worden war , Alles anders werden müsse . Mittlerweile war der 20. Mai , Flora ’ s Geburtstag , herangekommen . Auf allen Tischen ihres Zimmers dufteten Blumen , welche die guten Freundinnen herkömmlicher Weise gebracht hatten . Auch die Fürstin hatte der Braut des Hofraths , welcher mit Gnadenbeweisen förmlich überschüttet wurde , ein prachtvolles Bouquet geschickt , und von den „ stolzesten Granden “ des Hofes waren Glückwünsche in der schmeichelhaftesten Form eingelaufen . Ja , es war ein Tag des Triumphes für die schöne Braut , ein Tag , an welchem sie wieder einmal so recht bestärkt wurde in ihrer felsenfesten Ueberzeugung , daß sie wirklich ein Liebling der Götter , eine für einen auserwählten Lebensweg Geborene sei . Und doch lag ein leichter Schatten auf ihrer Stirn , und sie runzelte öfter ungeduldig und ärgerlich die Brauen . Auf dem Tische inmitten des Zimmers , zwischen den Gaben der Großmama und der Schwestern , stand eine hübsche Tischuhr von schwarzem Marmor ; Doktor Bruck hatte sie am frühen Morgen mit einem begleitenden Glückwunschbillet geschickt und sich für die Vormittagsstunden wegen seines Nichterscheinens entschuldigt , da er einen Schwerkranken vorläufig nicht verlassen dürfe . „ Ich begreife Leo nicht , daß er nichts Hübscheres für mich zu finden gewußt hat , als das steinerne Unding da , “ sagte sie , verdrießlich auf die Uhr zeigend , zu der Präsidentin , die das Bouquet der Fürstin aus der Vase genommen hatte und unablässig daran roch , als müsse es einen ganz besonderen Duft ausströmen . „ Ein schwarzes Geburtstagsgeschenk giebt man doch nicht gern ; ich für meinen Theil finde es zum Mindesten geschmacklos . “ „ Die Uhr ist vollkommen passend , gerade in Deinem Geschmacke gewählt , Flora ; sie soll jedenfalls das wunderlich tiefsinnige Arrangement dieses Zimmers vervollständigen , “ sagte Henriette . Sie lag auf dem roten Ruhebette und streifte mit einem spöttischen Blicke die schwarzen Säulenstücke in den vier Zimmerecken . „ Unsinn ! Du weißt so gut wie ich , daß ich diese Einrichtung nicht mitnehmen kann . Moritz hat das Zimmer nach meiner speciellen Angabe eingerichtet , wie es ist , aber geschenkt hat er mir meines Wissens weder Möbel noch Ausschmückung . Ich möchte den Kram auch um Alles nicht mitschleppen ; man sieht sich ebenso satt und müde an einer stereotypen Zimmereinrichtung , wie an einer oft getragenen Toilette . Was in aller Welt soll ich nun mit der schwarzen Figur da in meinem L … .. ger Boudoir anfangen , das lila dekoriert und mit Bronzegeräth geschmückt sein wird ? “ „ Ein frisches Bouquet wäre mir auch lieber gewesen , aber Du bist ja nicht sentimental , Flora , “ meinte Henriette , nicht ohne einen boshaften Anflug in der Stimme . Käthe aber , heute zum ersten Male schneeweiß gekleidet , stand neben einem herrlich entwickelten Myrthenbaume , welchen die Tante Diakonus selbst gezogen und herüber geschickt hatte , und ließ die Hand mit einem wehmüthigen Lächeln wie schmeichelnd über die feinblättrigen , biegsamen Zweige gleiten . Niemand beachtete das selten schöne Geschenk , dessen Hingabe jedenfalls ein schweres inneres Opfer gekostet hatte . Nach Tische hielt man sich im Balkon- und Empfangszimmer auf , weil immer noch Gratulanten kamen und gingen . Sämmtliche Thüren der Zimmerreihe waren zurückgeschlagen ; es war ein herrlicher Aufenthalt , dieses untere Stockwerk . Durch das vergoldete Bronzegitter des Balkons zogen weiche Lüfte , die den Duft vom jungen Lindenlaube der Allee und aus den halboffenen Blüthenknospen der Boscage herübertrugen , und in die hohen Fenster fiel das goldene Maienlicht ; nur dem dunkelpurpurnen Zimmer vermochte es keinen Reflex abzulocken , das sah grämlich und kalt aus wie immer , und dem weichen Gefühle mußte der aufgehäufte Reichtum lebender Blumen zwischen diesen vier Wänden geradezu grausam erscheinen . Henriette lag in einem Schaukelstuhle , der offenen Balkonthür gegenüber . Sie hatte auch gern „ maienhaft wie Käthe “ aussehen wollen und ihr hageres Figürchen in eine ganze Wolke weißer Mullgarnirungen gesteckt , aber fröstelnd hüllte sie den Oberkörper in einen weichen Shawl von gesticktem Crêpe de Chine , und darüber her wogte aufgelöst ihr reiches , blondes Haar , das sie seit dem letzten schweren Leidensanfalle nicht mehr aufnestelte . So still liegend und vom halbgedämpften Sonnenlichte überspielt , mit den weitoffenen , blauglänzenden und schwarzbewimperten Augen , der kalkweißen Haut , die nur in der Nähe der zarten Schläfen ein fieberhaft roter Anhauch betupfte , sah sie heute aus wie ein Wachspüppchen . Sie hatte Käthe an den Flügel im Musiksalon geschickt und wartete nun mit in den Schooß gefalteten Händen auf den Anfang des Schubert ’ schen Liedes „ Lob der Thränen “ . Da verdunkelten sich plötzlich die Fieberflecken auf dem schmalen Gesichtchen zum tiefsten Karmin , und die verschränkten Hände fuhren unwillkürlich nach dem Herzen – Doktor