, aber abschütteln werden Sie mich nicht ... Meine Kirche verlangt von ihrem Priester , daß er wache und faste , daß er in rastloser Thätigkeit hier wie ein Maulwurf den Boden unterminiere und dort eine Brücke durch die Lüfte schlage – wie ganz anders noch wird mich diese fanatische Hingebung an das Ziel beseelen , bis – Sie mein sind ! « Ungekannte Schauer überliefen sie . Jetzt wußte sie , daß er nicht um ihre Seele für seine Kirche ringe – der eidbrüchige Priester liebte das Weib in ihr . Diese Entdeckung machte ihr fast das Blut gerinnen – sie schüttelte sich vor Entsetzen , und doch , wie die Sünde berückend sein kann , so wirkte diese energische Beredsamkeit , die in erschütternden Lauten alle Kämpfe , Stürme und Leiden der Seele bloßlegte , halb abstoßend , halb magnetisch auf die junge Frau – sie hatte ja noch nie die unverstellte Sprache tiefer , alles vergessender Leidenschaft von Männerlippen gehört ... Las er dieses Gemisch von Grauen und augenblicklichem , halb unbewußten Hinlauschen in dem verstörten Ausdrucke , mit welchem sie das liebliche , tieferblaßte Antlitz ihm zuwandte ? Er trat plötzlich unter einem leidenschaftlichen Zurückwerfen des Kopfes auf sie zu und breitete niedersinkend beide Arme aus , um die Kniee der jungen Frau flehend zu umfassen – das grüne Lampenlicht floß grell über das marmorartige Oval seines Gesichts , über den leblosen weißen Fleck inmitten der dunkellockigen Haarmassen – ihr war , als zeige ein unsichtbarer Finger auf diesen Fleck als auf ein Kainszeichen – sie floh , während ihre schönen Hände wild nach dem knieenden Manne stießen . » Fälscher ! « rief sie heiser und tonlos aus . » Eher will ich drüben im See ertrinken , als daß ich auch nur mein Kleid von Ihren Fingerspitzen berühren lasse . « – Die Hände angstvoll auf die Brust drückend , zog sie die schmiegsamen Schultern eng zusammen , wie ein Kind , das eine entsetzliche Berührung fürchtet und sich doch nicht von der Stelle traut . Sie durfte nicht gehen , solange sie das Dokument in seinen Händen wußte – sie hatte unverantwortlich kopflos ihre Mitwisserschaft verraten . Der Hofprediger erhob sich langsam . In die plötzlich eintretende atembeklemmende Stille klang heranbrausendes Rädergeroll , und gleich darauf knirschte drunten der Kies unter den Hufen der Apfelschimmel ; Mainau kam schon zurück – er mußte wie toll gefahren sein . Bei diesem Geräusch stampfte der Hofprediger mit dem Fuße auf und wandte in sprachlosem Grimme den Kopf nach den verhüllten Fenstern – man sah , er hätte am liebsten den ersten besten schweren Gegenstand ergreifen und zermalmend auf die Equipage und ihren Insassen hinabschleudern mögen . Die junge Frau schöpfte tief Atem – es war kein Augenblick zu verlieren . » Ich muß Sie bitten , Hochwürden , das Papier wieder an seinen Platz zu legen , « sagte sie , vergeblich bemüht , ihrer Stimme Klang und Festigkeit zu geben . » Trauen Sie mir das wirklich zu , gnädige Frau ? Eine so – stupide Gutmütigkeit ? « rief er heiser auflachend . » Sie meinen , Ihr todwundes Opfer habe nicht die Kraft mehr , sich zu wehren ? O , ich kann noch denken . Ich will Ihnen sagen , wie Sie rechnen . Sie sind hier heraufgekommen , um sich des wichtigsten Geheimnisses zu bemächtigen – mit dem Mikroskope in der Hand werden Sie Ihrem Gemahle und dem Hofmarschalle beweisen , daß im Hause Mainau ein abscheulicher Betrug , respektive eine Erbschleicherei verübt worden ist . Man läßt Sie selbstverständlich mit diesem Geheimnisse nicht nach Rudisdorf zurückkehren und bittet Sie , zu bleiben ... Was aber erringen Sie damit ? Baron Mainau liebt sie nicht , wird Sie nie lieben , schöne Frau – sein Herz gehört trotz alledem und alledem der Herzogin . Jetzt sind Sie ihm noch vollkommen gleichgültig – nach der Entdeckung aber wird er sie hassen , und – sehen Sie , wie selbstlos meine Liebe ist – das will ich verhindern . « Ehe sie sich dessen versah , hatte er auch den rosenfarbenen Brief der Gräfin Trachenberg ergriffen und stand mittels weniger Sätze am Kaminfeuer . Es half ihr nichts , daß sie aufschreiend nachflog und ihre Hände um den Arm des Mannes , der sie nie berühren sollte , selbstvergessen klammerte – Dokument und Brief lagen inmitten eines Flammenmeeres und sanken eben zu Aschenstäubchen in sich zusammen . » So , nun klagen Sie mich an , gnädige Frau ! Wer nach dem Zettel sucht , wird auch den Brief der Gräfin Trachenberg vermissen , und daß ich ihn verbrannt habe , wird Ihnen niemand glauben . « Er hielt noch die hocherhobene Linke abwehrend vor die Kaminöffnung , obgleich auch nicht der kleinste verkohlte Rest der Papiere liegen geblieben war . Die junge Frau ließ schlaff ihre Hände von seinem Arme niedersinken – ihr von den Flammen hell angestrahltes Gesicht zeigte eine namenlos schmerzliche Bestürzung . Dem ränkevollen Geiste des Priesters war diese zwar starke , aber zu reine unschuldigsvolle Mädchenseele freilich nicht gewachsen , und wie sie dastand , so blumenhaft zart und schlank , so hilflos , mit erschrockenen Augen in die Glut starrend und die samtweiche Schläfe unbewußt nahe an die Schulter des Mannes geneigt , da sah es aus , als bedürfe es nur einer seiner energischen Bewegungen , um sich ihrer zu bemächtigen – es war wie eine Lähmung über sie gekommen – nur ein tiefer zitternder Seufzer kam wie ein Hauch von ihren Lippen – er streifte die Wange des Geistlichen . » Gnädige Frau , noch ist es Zeit , « rief er – alles Blut war ihm bei der Berührung aus dem Gesichte gewichen . – » Seien Sie mild und barmherzig gegen mich , und ich gehe sofort zu den Herren von Schönwerth , um zu bekennen . « Sie trat stolz zurück und maß ihn vom Kopf bis zu den Füßen . » Das ist einzig und allein Ihre Sache – handeln Sie , wie Ihnen beliebt ! « sagte sie – ihre Stimme klang schneidend , vernichtend . » Ich habe allerdings innig gewünscht , Gabriel zu retten – ich würde mich vielleicht sogar zu einem Fußfalle vor – der Herzogin , um des guten Zweckes willen , haben hinreißen lassen ; aber in Gemeinschaft mit einem – Jesuiten zu handeln , das vermag ich nicht ... Ich kann dem Knaben nicht mehr helfen – mag sich sein grausames Geschick erfüllen ... Aber , wahrlich , Deutschland ist im Rechte , wenn es diese Gesellschaft Jesu von seinem Boden verjagt , wenn es endlich die Rute aufnimmt , um die grimmigsten Feinde des patriotischen Sinnes , der geistigen Entwickelung und des konfessionellen Friedens in das Gesicht zu schlagen ... Das war mein letztes Wort an Sie , Hochwürden . Und nun gehen Sie , um die › Briefintrigue ‹ gegen mich einzufädeln – fein , aber mit unvergleichlicher Sicherheit – wie es dem Jünger Loyolas ziemt ! « Sie wandte ihm den Rücken und wollte mit raschen Schritten den Saal verlassen , da wurde seitwärts eine Thür geöffnet , und der Hofmarschall , auf seinen Krückstock gestützt , sah herein . » Wo bleiben Sie denn , verehrter Freund ? « rief er – seine Augen fuhren suchend durch den Salon . » Mein Gott , braucht es denn so lange Zeit , einen Schlüssel abzuziehen ? « Die junge Frau war bei seinem Erscheinen stehen geblieben und wandte ihm voll das Gesicht zu , während der Hofprediger in seiner Stellung am Kamine verharrte und nur seine weißen , vollen Hände gegen die Flammen hielt , als friere er . Der Hofmarschall stelzte herein ; er vergaß , die Thür hinter sich zu schließen , so sehr frappierte ihn die Situation . » Ei , meine Gnädigste , Sie auch schon hier ? « sagte er , den Krückstock vor sich auf das Parkett stemmend . » Oder wie – Sie können doch unmöglich die ganze lange Zeit über in dem halbdunklen Salon verblieben sein – undenkbar bei Ihrer Gewohnheit , jede Sekunde spießbürgerlicherweise thätig auszunützen . « Urplötzlich , als dämmere eine Ahnung in ihm auf , wandte er den Kopf nach dem Schreibtische mit den Raritätenkästen – das verhängnisvolle Schubfach war noch so weit aufgezogen , daß man meinen konnte , es falle im nächsten Moment aus den Fugen . Ein langgezogenes » Ah ! « kam von den Lippen des alten Herrn . » Wie , meine Gnädigste , Sie haben – gekramt ? « fragte er unter einem grausamen Lächeln fast sanft , wie ein gewiegter Untersuchungsrichter , der einen gewandten Angeklagten eben den Stützpunkt verlieren sieht . Er wiegte bedächtig den feinen Kopf . » Impossible – was sagte ich ? Diese schönen Hände , diese aristokratischen Hände einer Dame , die so glücklich ist , sich die Enkelin einer Prinzessin von Thurgau nennen zu dürfen , ich sage , solch hochgeborene Hände können sich doch unmöglich so weit herablassen , in dem Eigentume anderer Leute herumzustöbern – fi donc – Verzeihung , meine Gnädigste ! Ich habe unpassend gescherzt ! « Er humpelte nach dem Schreibtische , sah in den Kasten , und sich mit der Linken mühsam auf den Stock stützend , warf er suchend die Papiere durcheinander . Liane kreuzte die Arme krampfhaft fest unter dem Busen – sie sah Furchtbares kommen . Dort der Mann im langen schwarzen Rock bog sich so angelegentlich nach den Flammen hin , als höre er nicht ein Wort von dem , was hinter seinem Rücken vorgehe – er war wohl bereits fertig mit seinem Feldzugsplane . Der Hofmarschall drehte sich um . » Sie haben auch gescherzt , meine Gnädigste , « rief er und zeigte lachend sein schneeweißes Gesicht . » Sie haben mir einen kleinen Schabernack zufügen wollen . Nicht mehr als billig – ich bin heute der Frau Herzogin gegenüber ein wenig indiskret gewesen – aber ich will künftig artiger sein – ich verspreche es Ihnen . Und nun , bitte , bitte , geben Sie mir mein reizendes Billetdoux zurück , an welchem mein ganzes Herz hängt , wie Sie wissen ! – Wie , Sie weigern sich ? ... Ich wollte drauf schwören , ich sähe dort aus Ihrer Kleidertasche ein herziges , rosenfarbenes Briefeckchen gucken . – Nein ? – Wo ist der Brief der Gräfin Trachenberg , frage ich ? « fügte er plötzlich mit völlig veränderter , zornig knurrender Stimme hinzu – im Uebermaße seiner hervorbrechenden Wut vergaß er sich so weit , den Krückstock drohend zu heben . » Fragen Sie den Herrn Hofprediger ! « antwortete die junge Frau mit totenbleichen Wangen . » Den Herrn Hofprediger ? Ist die Gräfin Trachenberg seine Mutter ? ... Hm ja , möglicherweise hat er – den kühnen Eingriff belauscht , und Sie appellieren nun an seine Ritterlichkeit und christliche Milde , respektive an seine rettende Hand – aber das hilft Ihnen nichts , schöne Frau . Ich will direkt aus Ihrem Munde hören , wo der Brief ist . « Die junge Frau zeigte nach dem Kamine . » Er ist verbrannt , « sagte sie in klanglosem , aber festem Tone . In diesem Augenblicke wandte der Hofprediger zum erstenmal den Kopf ein wenig – er warf einen verstörten , halb wahnwitzigen Seitenblick nach der Sprechenden , der es nicht einfiel , zu dem einzigen Mittel , dem Leugnen , zu greifen . Der Hofmarschall stieß einen heisern Wutschrei aus und sank , unfähig , sich länger auf seinen kranken Füßen zu halten , in den nächsten Lehnstuhl . » Und Sie sind Zeuge gewesen , Hochwürden ? Sie haben diese Infamie ruhig geschehen lassen ? « preßte er zwischen den Zähnen heraus . » Ich kann Ihnen in diesem Momente nicht darauf antworten , Herr Hofmarschall – Sie müssen erst ruhiger werden . Die Sache liegt doch anders , als Sie annehmen mögen , « versetzte der Hofprediger ausweichend . Er trat vom Kamine weg und kam mit zögernden Schritten näher . » Nun wahrhaftig , es hat noch gefehlt , daß auch Sie ablenken . Macht denn der ketzerische Geist dort unter den roten Flechten alle Männerköpfe rebellisch ? Raoul traue ich schon längst nicht mehr « – er biß sich auf die Lippen ; die letzten Worte waren ihm offenbar wider Willen herausgefahren – auf den Hofprediger aber wirkten sie wie ein unerwarteter Schlag in das Gesicht ; mit einem Blick voll zornigen Schreckens nach der Zuhörerin hob er rasch die Hand , als wolle er sie auf den unvorsichtigen Mund des alten Herrn legen . » Ich verstehe Sie nicht , Herr Hofmarschall , « sagte er , in drohendem Warnungstone jedes Wort markierend . » Mein Gott , ich sprach in bezug auf seinen gut katholischen Glauben , « rief der Hofmarschall ärgerlich . Der Mann , um dessen » Glauben « es sich eben handelte , kam in diesem Moment die große , mit den byzantinischen Teppichen belegte Haupttreppe herauf . Liane stand der noch immer offenen Thür gegenüber – der stark beleuchtete Gang , welchen sie übersehen konnte , mündete in dem Treppenhause , das auch in einem förmlichen Lichtermeere schwamm . Auf der obersten Stufe blieb Mainau , noch in seinen dunklen Regenmantel gehüllt , einen Moment stehen . Sah er die hellgekleidete Gestalt seiner Frau inmitten des dämmernden Salons ? Er war jedenfalls im Begriffe gewesen , nach seinen Zimmern zu gehen – jetzt lenkte er sofort in den Gang ein . » Aha , da kommt er ja ! Sehr gelegen ! « sagte der Hofmarschall sichtlich frohlockend bei den sich rasch nähernden , wohlbekannten Schritten – er richtete sich kampffertig im Stuhle auf und rieb sich kichernd die dürren , trockenen Hände aneinander . » Herr Hofmarschall , ich muß Sie dringend bitten , vorläufig noch zu schweigen , « rief der Hofprediger in seltsam gebietendem , halbem Flüsterton , dem man aber doch die Angst anhörte . Aber da stand Mainau schon auf der Schwelle . » Soll ich ' s nicht wissen , Hochwürden ? « fragte er schneidend – sein scharfes , argwöhnisches Ohr hatte den Zuruf erfangen . Durchbohrend glitt sein flammender Blick von dem Geistlichen hinweg auf das Gesicht der jungen Frau . » Ein Geheimnis also – ein Geheimnis zwischen dem Herrn Hofprediger und – meiner Frau , das du nicht verraten sollst , Onkel ? « setzte er mit langsamem Nachdruck hinzu . » Ich muß gestehen , das könnte mich lebhaft interessieren . Ein Geheimnis zwischen einem strengkatholischen Priester und einer › Ketzerin ‹ – wie pikant ! ... Rate ich recht , interessante Bekehrungsversuche , Onkel ? « » Denke nicht dran , Raoul – unser Hofprediger ist viel zu klug und verstandesüberlegen , um sich nicht zu sagen , daß da Hopfen und Malz verloren ist – die Frau Baronin ist ja nicht einmal protestantisch ... Nein , mein Freund , das Geheimnis gehört der Gnädigen ganz allein , und der Hofprediger , der es unfreiwillig belauscht , ist so ritterlich und christlich , sie nicht kompromittieren zu wollen ... Auch ich würde geschwiegen haben – mein Gott , man ist und bleibt ja doch Kavalier – aber was soll ich dir nun sagen ? Mein Kopf ist viel zu unbeholfen und auch zu alt , um rasch ein Märchen zu erfinden – « » Zur Sache , Onkel ! « rief Mainau mit harter , gepreßter Stimme – sein Gesicht mit den krampfhaft nach innen gezogenen Lippen und den wie im Fieber glimmenden Augen war furchtbar anzusehen . » Nun ja doch – es ist rasch erzählt . Du hast den Schlüssel am Schreibtisch stecken lassen , just an dem Kasten , in welchem der Brief der Gräfin Trachenberg lag . Ich muß mich freilich anklagen , die Frau Baronin allzuhäufig mit dem kleinen , interessanten Aktenstück geneckt zu haben , und da hat sie wohl gemeint , es sei doch besser , wenn es eines schönen Tages für immer verschwinde ... Sie war allein hier im Salon , hat den günstigen Zufall benutzt und meinen kleinen Liebling , das hübsche , rosenrote Briefchen in – das Kaminfeuer geworfen – eh , was sagst du dazu ? ... Es war nur sehr fatal , daß ich kurz vorher das Fehlen des Schlüssels bemerken mußte – der Herr Hofprediger erbot sich , ihn mir zu holen , und so hat ihn seine Gefälligkeit zum unfreiwilligen Zeugen des Autodafees gemacht . Als ich , über sein allzulanges Ausbleiben beunruhigt , hier plötzlich eintrat , da stand mein verehrter Freund in sichtlicher Bestürzung noch am Kamin , und die Frau Baronin macht zu spät den Versuch , vor mir zu fliehen ... Sieh ' hin ! Das offenen Schubfach sagt genug . « Die junge Frau , die den drohenden Sturm nun völlig entfesselt auf sich losstürzen sah , ließ jetzt das Taschentuch sinken , das sie an ihre Lippen gepreßt hatte , und trat mit entfärbtem , fast wachsweißem Gesichte ihrem Mann einen Schritt näher . » Lasse das , Juliane ! « sagte er kalt wie Eis , indem er zurückwich und die Rechte , Schweigen gebietend , erhob . » Der Onkel beurteilt die Sachlage von seinem vorurteilsvollen kurzen Gesichtspunkt aus – du hast das Papier nicht berührt – ich weiß es , und wehe dem , der es wagt , diese gemeine Beschuldigung zu wiederholen ! ... Dagegen muß ich mein Befremden aussprechen , dich zu dieser Zeit hier zu sehen – « » Aha – wir gehen von ein und demselben Punkte aus , « lachte der Hofmarschall kurz auf . » Die Theestunde ist noch fern – « fuhr Mainau fort , ohne den Einwurf zu beachten – » bei dieser armseligen Beleuchtung kannst du unmöglich gestickt haben – ich sehe auch weder deinen Arbeitskorb , noch ein Buch , das auf irgend eine Beschäftigung schließen ließe – du bist ferner stets die Erste , die geht und sich in ihre Appartements zurückzieht , und die Letzte beim Wiedererscheinen aller . Ich wiederhole , aus allen diesen Gründen befremdet mich deine Anwesenheit hier höchlichst , und ich kann sie nur so erklären : Es ist irgend eine Aufforderung an dich ergangen , hierher zu kommen , und – du bist ihr gefolgt . Juliane – der Vogel hat also doch den Kopf in die Schlinge gesteckt , und ich gebe ihn verloren , unrettbar verloren . Du bist an die Hand gefesselt , die , sicher ohne deine Billigung und wohl auch zu deinem eigenen Schrecken , dir den Liebesdienst erwiesen hat , den kompromittierenden Brief zu verbrennen ... Gefallen bist du noch nicht , aber verloren dennoch – warum bist du gekommen ? « » Was soll denn das heißen , Raoul ? Was sprichst du da für tolles Zeug ? « rief der Hofmarschall ganz verblüfft . Mainau lachte auf , so bitter und so schallend , daß es von den Wänden widergellte . » Lasse dir ' s vom Herrn Hofprediger übersetzen , Onkel ! – Er hat so lange die fetten Karpfen in das große römische Fischernetz getrieben , daß es ihm nicht zu verdenken ist , wenn er auch einmal auf eigene Faust fischt und ein schönes , schlankes Goldfischlein für sich behalten will ... Hochwürden , Ihr heiliger Orden leugnet zwar in neuester Zeit den oft citierten Grundsatz › der Zweck heiligt die Mittel ‹ . Möglich , daß er aus Vorsicht niemals niedergeschrieben worden ist – desto energischer wirkt er als zugeflüstertes Losungswort , und ich mache Ihnen mein Kompliment darüber , wie Sie diese kostbare Abfindung mit dem Gewissen auch im Privatinteresse zu verwerten wissen – oder sollen wirklich die schönen Lippen dort lediglich den Rosenkranz beten ? « » Ich muß gestehen , ich weiß nicht , was Sie damit sagen wollen , Herr Baron , « versetzte der Hofprediger vollkommen unbefangen . Er hatte Zeit gefunden , eine imponierend ruhige , ja herausfordernde Haltung anzunehmen , wenn auch die rachefunkelnden Augen in dem fahlgewordenen Gesicht durchaus nicht auf inneren Gleichmut schließen ließen . » Possen – ich verstehe absolut nicht , wo du hinaus willst , Raoul , « sagte der alte Herr , ungeduldig auf seinem Stuhle hin und her rückend . » Ich weiß es , Mainau , « murmelte die junge Frau wie vernichtet – dann streckte sie plötzlich mit einer stummen Gebärde die Arme gegen den Himmel – ihr war , als stürze mit der Erkenntnis verzehrendes Feuer auf sie herab . » Komödie ! « sagte der Hofmarschall mit seiner scharrenden Stimme und wandte indigniert den Kopf zur Seite – aber der Hofprediger trat mit dröhnenden Schritten vor ihn hin . » Versündigen Sie sich nicht , Herr Hofmarschall ! « warnte er streng und gebieterisch . » Diese arme , gequälte junge Dame steht unter meinem Schutze . Ich leide nicht , daß man die himmlische Reinheit ihrer Seele – « » Kein Wort weiter , Herr Hofprediger ! « rief Liane empört mit flammenden Augen . » Sie wissen doch , daß ich mich › mit einer einzigen Wendung meines Hauptes über das Gesindel stelle , das in den Staub gehört ‹ – Sie wissen , daß ich › hochmütig bin , wie kaum eine aristokratisch Geborene , die Fürstenblut in ihren Adern weiß ‹ – Ihre eigenen Worte von vorhin , Herr Hofprediger ! – Und dennoch wagen Sie es , unaufgefordert sich zu meinem Verteidiger aufzuwerfen ? Sagen Sie sich nicht selbst , daß die Gräfin Trachenberg eine solche Aufdringlichkeit nicht duldet , sondern gebührend zurückweist ? ... Da steht der Schauspieler , der Komödiant ohnegleichen , Herr Hofmarschall ! « – sie streckte die Hand gegen den Geistlichen aus . – » Werden Sie mit ihm fertig – lassen Sie sich von ihm die Vorgänge hier im Salon erklären , wie es ihm und Ihnen am bequemsten ist ! Ich halte es für verlorenen Mühe und auch meiner selbst nicht würdig , Ihnen gegenüber zu meiner Verteidigung auch nur die Lippen zu öffnen . « Sie wandte sich rasch ab und blieb vor ihrem Manne stehen – sie standen Auge in Auge . » Ich gehe , Mainau , « sagte sie – so energisch und fest sie eben noch gesprochen , jetzt mischte sich eine Art Schluchzen in die Töne . » Vor wenigen Tagen noch hätte ich Schönwerth verlassen können , ohne auch dir gegenüber ein Wort zu meiner Ehrenrettung zu verlieren – heute ist das anders – seit ich einen tieferen Blick in deinen Geist gethan , bin ich ihm näher getreten ; ich achte ihn , wenn ich mich auch in diesem Augenblicke wieder zu meinem Schmerze überzeugen muß , wie schwach und verblendet du sein kannst , und wie vergiftet deine Anschauungsweise ist , daß du nicht mehr an den Abscheu vor der Sünde in der Seele anderer zu glauben vermagst ... Ich selbst kann dir freilich den wahren Sachverhalt weder sagen noch schreiben – aber ich habe ja Geschwister – durch sie sollst du von mir hören . « Sie schritt durch den Saal nach dem Ausgange . » Um Gotteswillen , keinen Skandal , Raoul ! – Du wirst doch dieser abgefeimten Intrigantin nicht glauben ? – Bei dem Andenken deines Vaters beschwöre ich dich , lasse dich nicht hinreißen gegen den bewährten , treuen Freund unseres Hauses ! O Gott – liebster , bester Hofprediger , führen Sie mich fort – schnell – in mein Schlafzimmer ! Mir ist sehr unwohl , « hörte die junge Frau den Hofmarschall angstvoll und gellend aufschreien , als die Thür hinter ihr zugefallen war . In der That , da war ein Komödiant des anderen würdig ! Dieses fingierte Unwohlsein war die Flagge , unter welcher der Herr Hofmarschall seinen Freund , seinen Vertrauten vor einem Zusammenstoß mit dem aufgeregten Neffen in sein Schlafzimmer rettete . 21. Bitter lächelnd und die emporquellenden Thränen gewaltsam niederkämpfend , stieg die junge Frau die Treppe hinab . Die drei , die sie da oben zurückließ , blieben vielleicht einige Tage lang auf gespanntem Fuße , dann aber nivellierten Zeit und Etikette die aufgerüttelten feindlichen Elemente , und über dem Opfer , das bei der Katastrophe in die aufgerissene Kluft stürzen mußte , schloß sich der Boden – wer dachte dann noch an die geschiedene Frau ? – In der vornehmen Welt wächst das Gras unglaublich schnell über unliebsame Vorfälle . Vor dem großen Spiegel im Ankleidezimmer brannten die Lampen – Hanna hatte jedenfalls vorausgesetzt , ihre Dame werde noch vor dem Thee die leichte Sommertoilette mit einem warmen Hauskleid vertauschen – es war ja abscheulich feucht und kalt geworden . Der weiße Porzellanofen , der ausnahmsweise in dieser Jahreszeit geheizt worden war , strömte behagliche Wärme aus und ließ durch die Oeffnung der blanken Messingthür den rotglühenden Schein des Kohlenfeuers über den Fußboden spielen . Und in dieses behagliche Heim , das sie still und traulich umfing , trat die junge Frau mit fieberisch kreisendem Blut und umflorten Blicken zum letztenmal , um sich zum Weggehen zu rüsten ... Sie schickte die Kammerjungfer zum Abendbrot in das Domestikenzimmer und verschloß hinter ihr die Thür , die nach dem Säulengange führte . Vor allen Fenstern lagen bereits die Läden , nur im blauen Boudoir standen noch beide Fensterflügel weit offen – Liane schloß sie selbst , aus Besorgnis , ihre schönen Azaleenbäume könnten durch fremde , ungeschickte Hände beschädigt werden ... Wie das draußen unermüdlich rauschte und niederschoß vom dämmernden Himmel ! Und wie feuchtschwer die Luft hereinschlug und mit triefendem Atem die gleißenden Atlaswände behauchte ! In längeren Pausen stöhnte der Sturm noch immer grollend auf – dann trommelte und schüttete es mit doppelter Vehemenz auf den schwimmenden Kies nieder ; in den Windharfen wurden die Akkorde lebendig und zogen , halb getragen vom Sturm , halb erstickt durch die stürzenden Wassermassen , ersterbend über die Gärten hin . Liane stand einen Augenblick am offenen Fenster – sie schüttelte sich unwillkürlich – in dieses Unwetter , in die hereinbrechende Nacht mußte sie hinaus , und zwar – wandernd . Sie wollte Schönwerth so still und geräuschlos verlassen , daß niemand sagen konnte , wann sie gegangen ... Unter dem Dach dessen , der sie der Hinneigung zur Treulosigkeit beschuldigt , der sie für unrettbar verloren erklärt hatte , durfte sie auch nicht eine Nacht mehr bleiben – man hatte so viel ehrverletzende Anklagen auf ihr Haupt gehäuft , und durch die perfide Handlungsweise des Hofpredigers war sie so vollkommen aller Beweismittel beraubt worden , daß sich nur eine in eigenen Ränken und Hinterlisten geübte Frauenseele der Situation gewachsen zeigen konnte – ihr , der durch ihre Seelenreinheit Hilflosen , blieb eben nur der Ausweg , zu den Geschwistern zu flüchten und in deren Hände ihre Verteidigung zu legen . Sie schloß das Fenster und ließ das Rouleau nieder – da kamen plötzlich rasche Schritte durch das anstoßende Vorzimmer , und eine ungestüme Hand ergriff das Thürschloß , aber das blaue Boudoir war verschlossen ... Liane preßte beide Hände auf ihr wild schlagendes Herz – Mainau stand draußen und begehrte Einlaß ... Nein , um keinen Preis wollte sie ihm noch einmal gegenüberstehen . – Er hatte all und jedes Entgegenkommen ihrerseits verwirkt . Mit hartem Finger klopfte er an die Thür . – » Juliane , öffne ! « rief er gebieterisch . Sie stand wie zu Stein erstarrt – auch nicht der leiseste Atemzug säuselte von den Lippen , nur die Augen glitten angstvoll am Kleide nieder , daß auch nicht das schwächste Rauschen einer Falte ihre Anwesenheit verrate . Zweimal wiederholte er seinen Anruf , wobei er heftig an der Thür rüttelte ; dann hörte sie ihn zurückschreiten und die große Ausgangsthür nach dem Säulengang öffnen – sie bemerkte , daß der Flügel nicht wieder geschlossen wurde ; Mainau war offenbar in heftiger , zorniger Aufregung fortgestürmt . Tief aufseufzend ging sie nach dem Ankleidezimmer zurück – warum weinte sie ? – Sie schämte sich dieser Thränen . Gibt es auf Gottes weiter Erde etwas Inkonsequenteres , Rätselvolleres , als das Frauenherz ? Drohte es nicht in diesem Augenblicke zu brechen in stummer Qual ? Sie verbarg das Gesicht in den Händen , als könne ein höhnender Blick in die Wandlung ihrer Seele eindringen – mit dem Selbstbelügen war es vorbei . Wäre er jetzteingetreten , sie wäre wohl schwach genug gewesen , ihm zu sagen : » Ich gehe zwar , aber ich weiß , daß ich dich nie vergessen werde « ... Welcher Triumph für diesen dämonischen Charakter ! Ihm widerstand also wirklich kein Weib . Selbst die Gemißhandelte , die er , in beleidigt reservierter Haltung und sich ernstlich gegen jede Annäherung ihrerseits verwahrend , dennoch neben sich gerissen , um seine Rache an einer anderen , immer noch Heißgeliebten zu kühlen – diese Frau , der er wohl seinen Namen , in Wirklichkeit aber nur die Stellung einer Gouvernante in seinem Hause zugestanden , selbst sie warf die Waffen des Stolzes , der mädchenhaften Würde von sich , um ihm zuzurufen : » Ich werde dich nie vergessen « ... Nein – Gott sei Dank , er war fort . Er sah diesen Sieg nicht – er erfuhr ihn nie . Ein harter , fremder Zug grub sich um ihre Lippen . Sie sah im Geiste die Apfelschimmel vor dem Portale des herzoglichen Schlosses halten ; sie sah den kühnen Lenker im dunklen Mantel am Schlage stehen , und die höchstgestellte , stolzeste Frau des Landes , von seinem Arm gehalten , den Wagen verlassen – vielleicht war diese Heimfahrt entscheidend für beide gewesen – die junge Frau war jetzt verbittert und mißtrauisch genug , um zu vermuten , Mainau habe sie droben absichtlich