abzuwarten , wandte sie sich an die Kammerfrau : » Melden Sie Seiner Hoheit , daß ich bereit bin . « Sie winkte Klaudine und schritt mit ihr durch ihr eigenes Zimmer in den roten Saal . Das reiche Gemach war von Blumenduft erfüllt . Auf einem Seitentisch hatte man die Geschenke geordnet , Spielsachen , Bücher , ein prachtvolles kleines Gewehr . In diesem Augenblick öffnete ein Diener die Tür , und der Erbprinz trat herein , gefolgt von dem Herzog , der den jüngsten Prinzen auf dem Arme trug und den zweiten an der Hand führte . Jubelnd wollte der Prinz zu seiner Mutter hinüber , aber sein Schritt stockte , ebenso wie der Herzog stehen blieb und auf die Frauengestalt schaute , die dort so seltsam starr und fremd am Tische stand . Sie sah ihrem Gemahl in die Augen , als wollte sie ihm bis auf den Grund der Seele schauen . Unten begann eben das Ständchen , durch das offene Fenster scholl es feierlich : » Lobe den Herrn , den mächtigen König der Ehren . « Einen Augenblick schien es , als könne sie die Fassung nicht bewahren , sie schwankte und preßte ihr Gesicht in das Haar des Erbprinzen . » Mama , gratuliere mir doch ! « bat der Knabe ungeduldig , denn er durfte erst nach dem Handkuß zu seinen Gaben . » Gott segne dich ! « flüsterte sie und setzte sich in den Stuhl , den ihr der Herzog jetzt herzurollte . Klaudine hatte sich zurückgezogen , als dieser eingetreten war , sie mußte es tun , es war Familienfeier im engeren Kreise und niemand hatte sie gebeten zu bleiben . Sie stand im Nebenzimmer am Fenster . Das Jubeln der fürstlichen Kinder vermischte sich mit dem lustigen Marsch , der von unten herauftönte . » Was , um Gottes willen , war es mit der Herzogin ? « fragte sie bang . » Die Großmama ! Die Großmama ! « scholl es jauchzend . Ein freudiger Schreck durchfuhr das Mädchen , ihre geliebte , verehrte Herrin , die immer Gütige , war gekommen . Es zuckte ihr in den Füßen , sie hätte hinfliegen mögen , um ihr die Hand zu küssen . Und jetzt klang die milde Frauenstimme herüber , aber bebte sie nicht seltsam schmerzlich heute ? » Mein liebes Kind , meine gute Elisabeth , wie geht es dir ? « Lange blieb es still dort drüben . Dann sprach dieselbe schmerzbebende Stimme : » Altenstein scheint dir nicht gutgetan zu haben , Elisabeth . Ich nehme dich mit nach Bayern . « » Oh , ich bin ganz gesund « , erwiderte jetzt die Herzogin laut , » so gesund ! Du glaubst nicht , Mama , was ich ertragen kann ! « Die lärmende Musik draußen verschlang die fernere Unterhaltung . Klaudine stand wie auf Kohlen . Fragte denn Ihre Hoheit nicht nach ihr ? Sie wußte doch , daß sie bei der Herzogin weilte , sie hatte es ihr ja selbst geschrieben . Freilich , eine Antwort hatte sie nicht erhalten , es fiel ihr erst jetzt bedeutungsvoll auf . Jene unerklärliche Bangigkeit von heute früh kam wieder über sie . Dort innen war es allmählich still geworden , die Herzoginmutter mochte sich entfernt haben , um nach der langen Fahrt zu ruhen . Die Kinder waren in ihre Gemächer zurückgekehrt . Man hörte nur die Schritte Seiner Hoheit , der ungeduldig im Zimmer auf und ab ging . » Klaudinel « rief die Herzogin . Sie wollte es ertragen lernen , die beiden zusammen zu sehen . Und als die Gerufene erschien , blickte sie von ihr zu dem Herzog hinüber . Wie gut sie sich in der Gewalt hatten ! Seine Hoheit streifte dieses schöne Mädchen kaum mit einem Blick . Sie mußten sich tüchtig eingeübt haben im Verstellen ! Ach nein , sie hatten so leichtes Spiel ihr , der vertrauenden gläubigen Törin , gegenüber ! Einen Augenblick kam eine brennende Eifersucht über sie , eine Lust , diejenige , die jetzt neben ihr stand , mit einem Schlage zu vernichten . » Reichen Sie Seiner Hoheit jenes Glas Wein , Klaudine « , sagte sie . » Seine Hoheit vergaß , daß ich es ihm vorhin anbot . « Klaudine tat , wie ihr geheißen . Die Herzogin hatte sich währenddem erhoben und war hinausgeschritten . » Was ist ' s mit der Herzogin ? « fragte der Herzog und runzelte die Stirn , indem er den Wein austrank . » Hoheit , ich weiß es nicht ! « erwiderte Klaudine . » Gehen Sie der Herzogin nach ! « sagte er kurz . » Ihre Hoheit befinden sich im Schlafzimmer und wollen nicht gestört sein und wünschen , Fräulein von Gerold in einer Stunde im grünen Zimmer zu sehen « , berichtete die Kammerfrau , die eben eintrat . Klaudine schritt zu einer anderen Tür hinaus und begab sich nach ihrem Zimmer . Im Schlafgemach der fürstlichen Frau waren die Vorhänge niedergelassen , und in dieser Dämmerung lag die Herzogin auf ihrem Ruhebette . Sie wußte Klaudine mit ihm allein . Jetzt würde er ihr die Hand küssen und sie an sich ziehen , ihr sagen : » Ertrage die Launen , mein Lieb , sie ist eine kranke Frau , ertrage sie meinetwegen ! « Und in beider Augen würde die Hoffnung schimmern auf eine bessere Zukunft , dann wenn da unten im Gewölbe der Schloßkirche ein neuer Sarg – Sie schauerte nicht bei diesem Gedanken , sie lächelte nur , es ist ja gut , daß man weiß , es kommt ein Ende ! » Es ist so tröstlich , daß es ein Vergessen gibt und Schlaf – wenn es nur nicht so lange mehr dauert , dies Wachen , das man Leben heißt ! Wenn nur die Kinder nicht wären ! « Nun , sie würden die kränkelnde , leidende Mutter kaum vermissen und – es sind ja Buben . Wie gut das ist ! Keine arme , beklagenswerte Prinzessin ! Ach , und da draußen die Welt ! Ob man es dort wußte ? Ob man lächelte und flüsterte über die verratene Frau , welche die Geliebte ihres Mannes für eine Freundin hielt ? Sie stöhnte schmerzlich auf , der Druck auf der Brust wurde immer schwerer . Wäre der Tag erst vorüber ! Wäre die Nacht da , wo sie allein sein und weinen durfte ! Unten rollten Wagen in den Hof , auf dem Flur erklangen Schritte geschäftiger Diener , Schleppen rauschten , die Gäste verfügten sich nach dem Zimmer vor dem alten Geroldschen Bankettsaal , der in einem Zwischenbau lag , welcher die beiden Flügel des Schlosses verband . Auch Klaudine , die in ihrem Zimmer regungslos in einem Sessel saß , hörte es . Sie wandte bei jedem Tritt ihr Haupt , und wenn er vorüberging , lief eine flüchtige Röte über ihr Gesicht . Warum befahl die Herzoginmutter sie nicht ? Warum kam nicht wenigstens Fräulein von Böhlen , ihre Nachfolgerin bei der alten Hoheit , sie zu begrüßen ? Es war doch üblich , daß die Damen sich besuchten . Und bei Frau von Katzenstein hatte die blasse junge Dame mit dem rötlichblonden Haar und den unzähligen Sommersprossen schon vor einer halben Stunde angeklopft . Vor ihr auf dem Tischchen lag die Uhr . Um dreiviertel auf zwei mußte sie hinübergehen nach dem grünen Zimmer , wo die Herzogin sie erwartete , um dieselbe von dort zu den Gästen zu begleiten . Es war Zeit zum Gehen . Auf dem Flur traf Klaudine mit Fräulein von Böhlen zusammen , die augenscheinlich in das Zimmer ihrer Gebieterin wollte . Die Damen kannten sich von den Hoffestlichkeiten her , Fräulein von Böhlen war namentlich oft bei der Herzoginmutter im kleinen Kreise gewesen . Aber Fräulein von Böhlens rotblonder Kopf war vermutlich von einer Art Krampf in den Nacken zurückgezogen , sie schien ihn mit aller Gewalt nicht zu einem Gruß beugen zu können . Klaudine , die in ihrer vornehmen , stillfreundlichen Art ihr die Hand entgegenreichte , stand plötzlich allein . Die cremefarbige Schleppe der jungen Dame war ohne Aufenthalt an ihr vorübergerauscht und verschwand in einer der hohen altersbraunen Flügeltüren am Ende des Ganges . Gelassen wandte sich Klaudine und trat in das kleine Vorzimmer zu den Gemächern der Herzogin . Frau von Katzenstein machte ein so seltsames Gesicht , so gutmütig , mitleidig und so verlegen . » Hoheit hat noch kein Lebenszeichen von sich gegeben « , stotterte sie , dann ward sie still , die Herzogin war auf die Schwelle getreten . Ihr erster Blick streifte die Freundin , Klaudine sah vielleicht nie schöner aus , als in dem leichten mädchenhaften Kleid . Die Herzogin neigte leise den Kopf und schritt durch das Gemach der gegenüberliegenden Tür zu . Man vernahm dort innen die gedämpfte Stimme des Herzogs und das kalte Organ der Prinzeß Thekla . Die Herzogin war stehen geblieben . » Gib mir deinen Arm , Klaudine « , sagte sie dann fast heiser , und so traten sie nebeneinander unter dem roten Türvorhang hervor , welchen die Diener zurückrafften . In dem Zimmer , wo sich ungefähr zwanzig Personen befanden , herrschte augenblicklich eine lautlose Stille . War das noch die Herzogin ? Eine kleine zierliche Gestalt , dort hinter den Fächerpalmen halb verborgen , griff wie nach Halt suchend in den Purpursammet der Vorhänge , die zitternden Knie versagten fast den Dienst bei der tiefen Verbeugung . Prinzeß Helene trat auf den Wink der Mutter ein paar Schritt vor , aber ihr dunkler Kopf senkte sich vergeblich , der Kuß der fürstlichen Cousine unterblieb heute . Man setzte sich nicht . Plaudernd stand man umher . Baron Gerolds Augen hingen an Klaudine . Der Arm der Herzogin lag noch immer in dem des Mädchens . Ihre Augen waren auf die Mitteltür gerichtet , und jetzt ging die Röte der Freude über ihr schönes Gesicht – die Herzoginmutter war eingetreten . Auf diesem gefurchten gütigen Antlitz , unter dem silberweißen Scheitel , lag heute eine ungewöhnliche Härte . Aber Klaudine sah es nicht . Auf des Mädchens Arm gestützt schritt die Herzogin ihrer Schwiegermutter entgegen und beugte sich auf die Hand der alten Dame nieder , während Klaudine sich tief verneigte . Die Augen des jungen Mädchens sahen erwartungsvoll freudig in das Antlitz der fürstlichen Greisin . » Ah , Fräulein von Gerold , ich bin erstaunt , Sie hier zu sehen . Sagten Sie mir nicht , daß Sie Ihrem Bruder unentbehrlich seien ? « Die alte Dame hatte die Hände fest übereinandergelegt , bei den letzten Worten sah sie zu Frau von Katzenstein hinüber , als wäre Klaudine nicht anwesend . Stolz trat Klaudine zurück , und einen einzigen Augenblick trafen ihre Blicke die des Vetters . Atemlos still war es , nur die alte , jetzt so milde Frauenstimme sprach freundlich weiter mit der › lieben ‹ Katzenstein . Klaudine sah sich nicht um , es war ein lähmendes Entsetzen über sie gekommen , sie wollte sprechen , aber in diesem Augenblick wurden die Türen geöffnet , der Erbprinz , der heute die Ehre hatte , seine Großmama zur Tafel zu geleiten , trat feierlich vor die alte Dame mit seiner kleinen Person , und schon im nächsten Augenblick rauschte die silbergraue Schleppe der durchlauchtigsten Mutter über den Teppich . » Gestatten Hoheit , daß ich mich zurückziehe « , stammelte Klaudine zu der Herzogin gewendet , » meine heftigen Kopfschmerzen – « Einen Augenblick regte es sich in dem Herzen der unglücklichen Frau wie Mitleid mit dem Mädchen , dessen geisterhaft blasse Züge eine furchtbare Gemütserregung verrieten . » Nein ! « erwiderte sie flüsternd , denn eben kam Seine Hoheit herüber . » Ich selbst bin krank und kämpfe . Kommen auch Sie – « Klaudine schritt mit den anderen den Flur hinab und trat neben Lothar hinter den Herrschaften in das Empfangszimmer . Die Hoheiten begrüßten ihre Gäste , der Erbprinz nahm Glückwünsche entgegen , dann öffneten sich die Türen zum Speisesaal . Klaudine fand ihren Platz Lothar gegenüber . Sie hatte keine klare Vorstellung , wie das Essen vorüberging , sie antwortete wohl auf die Fragen ihres Nachbarn , sie aß , sie trank , aber es war wie im Traume . Prinzeß Helene , neben Baron Lothar , sprach auffallend hastig und saß dann wieder stumm , zuweilen schauten ihre schwarzen , funkelnden Augen zu Klaudine hinüber , und wenn die seltsam abwesenden Blicke Klaudines sie trafen , ward sie rot und fiel in ihre gezwungene Lebhaftigkeit zurück . Und wie es kam , wer mag es ergründen ? Es schwebte in der Luft , es perlte in den Sektkelchen , es sagten es sich Blicke und Mienen , ein jeder an der Tafel wußte es : dort oben in den fürstlichen Gemächern war etwas vorgefallen , die Herzoginmutter war gekommen , um dazwischenzufahren . Mit dieser idealen Freundschaft hatte es ein Ende , die schöne Gerold saß dort zum letzten Male . Es lag wie lähmend auf allen diesen anscheinend so fröhlich plaudernden Menschen , gleich einem Gewitter , dessen Ausbruch jeder herbeisehnt und doch fürchtet . Endlich , endlich erhob sich die Herzogin . Der Kaffee wurde im anstoßenden Zimmer gereicht . » Ihre Hoheit hat sich zurückgezogen und wünscht Sie zu sprechen « , flüsterte Frau von Katzenstein Klaudine zu . Das Mädchen flog die Stufen empor und den Flur entlang . Nur Gewißheit wollte sie – was hatte sie denn getan , verbrochen ? Die Herzogin saß auf ihrem Ruhebett , den Kopf gegen die Lehne gestützt . » Ich will dich fragen « , begann sie mit verzerrtem Gesicht – dann schrie sie auf . » Jesus – ich – Klaudine ! « und ein Blutstrom ergoß sich aus ihrem Munde . Das junge Mädchen hielt sie in ihren Armen , sie zitterte nicht , sie sprach kein Wort , während die Kammerfrau fortstürzte , um Hilfe zu holen . Der Kopf der Herzogin lag an ihrer Brust , sie war völlig bewußtlos . In der nächsten Minute erschien der Arzt , der Herzog und die alte Herzogin . Die Kranke wurde aufs Bett getragen . Klaudine mit ihrem vor Schreck entstellten Gesicht , mit ihrem blutbefleckten Kleide stand unbeachtet dort . So oft sie auch die Hand ausstreckte zu helfen , niemand beachtete es , niemand schien es nur zu bemerken . » Ist irgend etwas geschehen , was Ihre Hoheit beunruhigte ? « fragte der Arzt . Der Herzog wies auf Klaudine . » Fräulein von Gerold , Sie waren zuletzt bei ihr . Wissen Sie – « » Ich ahne es nicht « , antwortete sie . In diesem Augenblick traf der Blick der alten Herzogin das Mädchen , streng und feindlich . Sie hielt ihn aus , diesen Blick , sie senkte nicht schuldbewußt das Haupt . » Ich weiß nichts ! « wiederholte sie noch einmal . Dort unten begann wieder das Konzert . Der Herzog verließ hastig das Krankenzimmer , um den Fortgang des Konzerts zu verbieten – da stand er Prinzeß Helene gegenüber , noch atemlos von raschem Lauf . Sie war im Garten gewesen , als man ihr die Schreckenskunde zuraunte . Ihre angstvollen Augen sprachen deutlicher , als Worte es vermochten . » Hoheit « , sagte der Arzt , der dem Herzog gefolgt war , » es wäre besser , nach H. zu telegraphieren an Professor Thalheim . Ihre Hoheit sind sehr schwach . « Der Herzog sah ihn groß an , er war bleich geworden . » Nicht sterben ! Um Gottes willen nicht ! « flüsterte Prinzeß Helene , » nur das nicht ! « Entsetzt wich sie zurück , als Klaudine mit blutbeflecktem Kleide heraustrat . In ihrem Zimmer traf Klaudine Beate . » Herrgott , wie schrecklich ! « rief diese , » paß auf , Schatz , nun ist unser Fest schuld daran . « » Ach nein « , sagte das Mädchen leise beim Ablegen der Kleider . » Ängstige dich nicht so , Klaudine , du siehst ja entsetzlich aus ! Dort unten « , fuhr Beate fort , » stiebt alles auseinander . Ich habe die Kinderfrau mit Leonie und Elisabeth tiefer in den Park hineingeschickt . Die Prinzen sind in ihrem Zimmer , der Erbprinz weint zum Gotterbarmen . Wer hätte das auch gedacht ! « » Willst du so freundlich sein und mich in deinem Wagen mitnehmen ? « fragte Klaudine . Beate , die ihren Hut vor dem Spiegel aufsetzte , wandte sich hastig um . » Du willst doch jetzt nicht fort , Klaudine ? Das kannst du nicht ! « » Doch , ich kann , ich will – « » Ihre Hoheit wünscht Fräulein von Gerold zu sprechen « , flüsterte die Kammerfrau durch die Tür . » Nun , siehst du , Klaudine , du kannst nicht fort « , sagte Beate und band die blaßgelbe Schleife ihres Hutes . In der Krankenstube war es still und dunkel . Man hatte alle entfernt , nur im Vorzimmer ging der Herzog mit unhörbaren Schritten auf und ab . Klaudine saß auf einem Stuhl zu Füßen des Lagers , wohin eine Handbewegung der Kranken sie gewiesen hatte . Mit schwachem Flüstern hatte dieselbe sie gebeten , hier zu bleiben , weil sie wichtiges mit ihr zu besprechen habe . Unten in dem Zimmer des Erbprinzen hockte Prinzeß Helene neben dem schlanken Jungen auf dem Teppich , sie weinte nicht , sie hatte nur die Hände gefaltet , als ob sie bete oder jemand um Verzeihung bitten wolle . Prinzeß Thekla befand sich in den Gemächern der Herzoginmutter . Die alte Dame saß völlig erschüttert in einem Lehnsessel , sie hörte kaum auf das , was Ihre Durchlaucht mit leiser Stimme vortrug . Sie war entsetzt , in welchem Zustande sie › die Liesel ‹ gefunden . » Ja , derartige Gemütsbewegungen – « seufzte die alte Prinzessin , » es ist auch kaum zu fassen , sie ist eine Intrigantin , diese sanfte Klaudine . « » Meine liebe Cousine « , erwiderte die greise Herzogin , » es ist eine alte Erfahrung , den Mann trifft stets die größere Hälfte der Schuld in solchen – vergessen wir das nicht , bitte ! « » Aber warum duldet man sie noch länger hier ? « ereiferte sich die gereizte Prinzessin . » Wollen Sie sich gefälligst erinnern , daß Seine Hoheit hier allein befiehlt , meine Teure ? « » Allerdings – Verzeihung – aber es ist sonderbar , wenn man denkt – « » Ja , aber es gibt Fälle , wo man besser tut , man denkt nicht , Cousine « , klang seufzend die Antwort . » Baron Gerold bittet um die Gnade , Ihre Hoheit in einer wichtigen Angelegenheit sprechen zu dürfen « , meldete Fräulein von Böhlen . Die alte Hoheit bejahte augenblicklich . Im nächsten Augenblick stand Lothar im Gemach . Prinzeß Thekla lächelte ihm liebenswürdig zu und erhob sich . » Eine geheime Audienz ? Gestatten Hoheit ? « » Es würde Eurer Durchlaucht Gegenwart in keiner Weise hinderlich sein , meine Bitte zu Füßen Ihrer Hoheit zu legen , um so weniger , als Durchlaucht sicher ein gewisses Interesse an diesem meinem Anliegen nehmen werden . « Die alte Hoheit warf einen forschenden Blick unter ihrem Blondenhäubchen hervor . » Sprechen Sie , Gerold « , sagte sie . Fräulein von Böhlen , die sich langsam zurückzog , wußte aus der müden Art ihrer sonst so ratbereiten liebenswürdigen Gebieterin , daß ihre Gedanken sich nur ungern von dem Krankenbette der Herzogin losrissen . Dort innen in dem Gemache der Herzoginmutter war es still . Einigemal nur erhob sich des Barons Stimme , dann ein schrilles , helles Lachen der Prinzeß Thekla , und im nächsten Augenblick stand die hagere Gestalt Ihrer Durchlaucht vor der erschreckten Hofdame . » Prinzeß Helene ! Suchen Sie die Prinzessin ! « stieß sie mühsam hervor . Fräulein von Böhlen flog davon . Atemlos kam die Prinzessin herauf . » Wir fahren nach Neuhaus ! Wo ist die Komtesse ? « schallte es ihr entgegen . » Um Gottes willen , Mama , was ist geschehen ? « Prinzessin Helene kannte so gut die Stimmung , die sich auf dem Gesichte der alten Durchlaucht abspiegelte . » Komm ! « war die Antwort . » Nein , Mama , liebste Mama , laß mich hier , ich halte es vor Angst in Neuhaus nicht aus ! « flehte die Prinzessin . » Wer sagt dir , daß du es aushalten sollst ? Wir fahren heute abend mit dem Schnellzug nach Berlin . Komm ! « » Nein , ich kann nicht ! « klang es zurück von den blassen Lippen . » Zwinge mich nicht , ich laufe dir unterwegs davon – ich kann nicht fort von hier ! « Die alte Dame übermannte der Zorn , sie ergriff mit ihren knöchernen Händen den zierlichen Arm . » Vorwärts ! Wir haben nichts mehr hier zu tun ! « zischte sie . Aber die Prinzessin-Tochter riß sich los . » Ich tue , was meine Pflicht ist ! « rief sie außer sich und floh aus dem Zimmer . Prinzessin Thekla fuhr mit Komtesse Moorsleben allein nach Neuhaus . Vor ihnen rollte der Wagen mit Beate und den Kindern . Die Komtesse stand dann mit blassem Gesicht vor Frau von Berg , die eiligst herbeigekommen . Das junge Mädchen war außer sich über die Behandlung , die Ihre Durchlaucht während der Fahrt ihr hatte angedeihen lassen . » Oh , ich reiste am liebsten auf der Stelle zu Mama ! « rief sie , » was kann ich dafür , daß Ihre Hoheit einen Blutsturz bekam ? « Frau von Berg lächelte noch immer , aber sie war plötzlich blaß geworden . » Einen Blutsturz ? « fragte sie . » Ja , und zwar recht schlimm . Sie haben nach H. telegraphiert . « » Und Prinzeß Helene ? « » Sie wollte nicht mit , sie tut , als möchte sie sich am liebsten auf die Schwelle des Krankenzimmers legen . « » Und wo ist der Baron ? « » Bei Ihrer Hoheit der Herzoginmutter . Wenigstens war er da , als wir wegfuhren . Die Böhlen sagte , er habe bei der alten Hoheit um eine Unterredung bitten lassen . « » Nun , und Fräulein von Gerold ? « Die hübsche Komtesse zuckte die Achseln . » In aller Leute Mund « , erwiderte sie . » Sie tut mir leid . Man sagt , die Herzogin habe die Untreue ihres Gatten entdeckt . Seine Hoheit sieht aus , als wolle er die Welt in Brand stecken . « » Mein Gott , einmal mußte doch dieser Skandal ans Licht kommen « , sagte Frau von Berg achselzuckend . » Aber wo in aller Welt ist sie denn nun ? Sitzt sie im Turm des Eulenhauses und lugt erwartungsvoll nach Altenstein hinüber , oder ist sie in den Schloßteich gelaufen , die stolze Klaudine ? « Komtesse Moorsleben sah in das Antlitz , das so wenig seine Genugtuung zu verbergen verstand . Die wilde Freude flackerte nur so aus den schwarzen Augen . » Gnädige Frau « , sagte die niedliche Komtesse boshaft , » ich habe mich schon den ganzen Morgen besonnen – von wem ist das Wort : › Wer im Glashause sitzt , soll nicht mit Steinen werfen ‹ ? « » Ich fragte Sie , Komtesse , wo Fräulein von Gerold nach dem klaren Beweis von Ungnade geblieben ist ? « betonte die Dame zornesrot . » Ich verstehe Sie nicht , liebe Frau von Berg « , antwortete die Komtesse so sanft , als ihr möglich war . » Sie wissen mehr als ich – Ungnade ? Fräulein von Gerold sitzt am Krankenbett Ihrer Hoheit . « Frau von Berg schnappte nach Luft und rauschte in das Zimmer Ihrer Durchlaucht , von wo soeben ein wahres Sturmgeläute ertönte . 24. Die Herzogin schlief , im ganzen großen Gebäude herrschte Todesstille . In dem Zimmer des Rittmeisters von Rinkleben saß Baron Gerold , er hatte den liebenswürdigen Offizier gebeten , sich hier aufhalten zu dürfen , er wolle die nächste Nachricht von dem Befinden Ihrer Hoheit abwarten . Er hatte ein Buch genommen , aber ihm fehlte die Ruhe zum Lesen . Eine finstere Sorge lag über seinem Gesichte und eine qualvolle Unruhe ließ ihn unaufhörlich hin und her wandern . Herr von Palmer hatte seine Stube verriegelt , er befand sich in der denkbar schlechtesten Laune . Ein netter Tag , der heutige , wahrhaftig ! Als er diesen Morgen zum Vortrag in das Arbeitszimmer Seiner Hoheit trat , war ihm der Herzog mit einer ziemlich verwunderten Miene und einem offenen Briefe entgegengekommen . Es war ein vertrauliches Schreiben des Prinzen Leopold , seines Vetters , und enthielt die Frage , wie es zugehe , daß das Hofmarschallamt seit nahezu drei Jahren der Firma C. Schmidt in R. am Rhein keinerlei Zahlung mehr geleistet habe . Der Chef der Firma habe nun des Prinzen Vermittlung erbeten , da auf direkte Anfragen zwar stets neue Bestellungen , aber immer nur ausweichende Antworten betreffs der Rückstände eingetroffen seien . Ja , in dem letzten Schreiben sei mitgeteilt , daß bei fernerem Drängen die Lieferungen dem Hause entzogen werden würden . Herr von Palmer hatte gelächelt und gesagt , es liege ein grobes Mißverständnis vor , Seine Hoheit aber hatte sehr energisch den Wunsch ausgesprochen , diese Angelegenheit so bald wie möglich und bestens geordnet zu sehen . Es war sehr unangenehm , sehr ! Als ob solch Krämerpack nicht borgen müßte bis in alle Ewigkeit , wenigstens so lange bis Herr von Palmer nach einigen Jahren in der Lage sein würde , mit aller Ruhe irgendwohin abzureisen ! Es war doch ein Trost , diese Berg zur Seite zu haben . Wie glänzend hatte sie dieses » Unmöglichmachen « in Szene gesetzt , am Geburtstage des Prinzen ! Die alte Herzogin hatte Klaudine fallen lassen , das war ja unbezahlbar ! Der Mutter gegenüber würde selbst Seine Hoheit nicht den Mut finden , dieses Schäferspiel weiter zu treiben . Wundervoll ! Ganz wundervoll ! Durch das hohe , breite Fenster im Schlafzimmer der Herzogin fielen die letzten Strahlen der scheidenden Sonne . » Klaudine ! « flüsterte eine matte Stimme . Das Mädchen , das in tiefen , schweren Gedanken gesessen , erhob sich und kniete neben dem Bette der Kranken . » Wie geht es dir , Elisabeth ? « fragte sie . » Oh – es geht – es geht besser . Ich fühle , daß das Ende kommt – « » Elisabeth , sprich nicht so ! « » Ist jemand hier , der uns hören könnte ? « fragte die Herzogin . » Nein , Elisabeth , Seine Hoheit ist hinuntergegangen zu den kleinen Prinzen , die Kammerfrau ist mit der Krankenschwester im Nebenzimmer und Frau von Katzenstein bei der Herzoginmutter . « Die Kranke lag ganz still und folgte mit den Augen dem glühendroten Sonnenfleck auf dem Bilde an der Wand , der unmerklich höher und höher glitt , zuletzt noch auf dem Blattwerk des Goldrahmens funkelte und dann erlosch . » Warum hattest du kein Vertrauen zu mir ? « fragte sie plötzlich mit trauriger Stimme , » warum sagst du mir nicht offen alles , alles ? « » Elisabeth , ich hatte dir nichts zu verbergen . « » Lüge nicht , Klaudine ! « rief die Herzogin feierlich , » eine Sterbende soll man nicht belügen ! « Klaudine hob stolz den Kopf . » Ich habe dich nie belogen , Elisabeth . « Ein bitteres Lächeln flog über das bleiche , abgezehrte Gesicht der Kranken . » Du hast mich belogen mit jedem Blick ! « sagte sie entsetzlich klar und kalt , » denn du liebst meinen Gatten . « Ein wahrer Aufschrei unterbrach sie , und schwer lag Klaudines Kopf auf der roten Seidendecke des Krankenbettes . Was sie gefürchtet , was sie bis zur Gewißheit gefühlt hatte , das sagte ihr jetzt der Mund der Frau , die sie so treu , so innig liebte . » Ich mache dir ja keinen Vorwurf , Klaudine , ich will nur , daß du mir versprichst , nach meinem Tode – « » Barmherziger Gott ! « stöhnte das Mädchen und richtete sich wild empor . » Wer hat dieses entsetzliche Mißtrauen in dir geweckt ? « » Mißtrauen ? Wenn du noch fragtest : wer öffnete dir die Augen , um die entsetzliche Wahrheit zu erkennen ? Und er – liebt dich – er liebt dich ! « flüsterte die Herzogin weiter . » Ach Gott , es ist ja so natürlich ! « » Nein ! Nein ! « rief Klaudine außer sich und rang die Hände . » Ach , schweige doch « , bat die Kranke müde , » oder laß uns ruhig sprechen . Ich habe noch so viel zu sagen . « Klaudine war aufgestanden , ihr schwindelte . Was sollte sie tun , um zu beweisen , daß sie unschuldig sei ? Auf den Wangen der Kranken schimmerte es wieder so rot , sie atmete so schwer . » Elisabeth , nur dieses eine Mal noch glaube mir , vertraue mir « , flehte das Mädchen . Die Kranke richtete sich plötzlich auf . » Kannst du schwören « , fragte sie ruhig , » kannst du schwören , daß nie zwischen dir und dem Herzog von Liebe die Rede war ? Schwöre es , schwöre es bei dem Andenken an deine Mutter , und wenn