wollen Sie nichts hören ; den Künstler- oder Dichter ­ ruhm müßten Sie mit zu vielen Andern teilen . In Ihnen wühlt der Ehrgeiz , etwas ganz Neues , nie Dagewesenes zu leisten . Aber , mein Fräulein , an diesem Ehrgeiz werden Sie zu Grunde gehen ! Schaffen Sie , wenn es Sie zu Produzieren drängt , Ihren Ideen Gestalten , die für sich selbst reden , schaffen Sie ein künstlerisches Gebild ; denn in ihm ist Friede , es ist ein Ganzes , Fertiges für sich , und in ihm ruht die Seele von ihren Mühen aus . Eine dichterische Idee kann im Kunstwerk erschöpft werden , eine wissenschaft ­ liche Hypothese aber ist unerschöpflich , weil sie , wenn auch abgeschlossen und bewiesen , immer neue Schlüsse nach sich zieht ! Solch rastloses Weiterstreben ohne Ruhepunkt erträgt nur die Kraft des Mannes , die zarte Natur der Frau muß ihm erliegen , gerade wenn sie so starken Geistes ist , daß sie mit der brennenden Begierde , der atemlosen Spannung des Forschers arbeitet . Und wenn es ihr selbst gelingt , mit Aufopferung ihres Lebens irgend einen neuen Beitrag zur allgemeinen Forschung zu liefern , so hat sie doch nur den kleinsten Teil dessen geleistet , was der Mann mit leichter Mühe vollbringt . Der Todesschweiß einer Sterbenden hängt an ihrem Werke und die Welt sagt höchstens achselzuckend : „ Für eine Frau alles Mög ­ liche ! “ Ist solch ein bedingtes Lob mit Gesundheit und Leben nicht zu teuer erkauft ? “ Ernestine hatte ihm in atemloser Spannung ge ­ lauscht . Ihr dunkles Auge haftete mit einem über ­ wältigenden Ausdruck auf dem schönen Gesicht des Sprechenden . Als er schwieg , ließ sie die Arme in den Schoß sinken : „ Sie tun mir schweres Unrecht , wenn Sie die Bewunderung der Welt für die einzige Triebfeder meines Tuns halten . Ja , ich sehne mich nach Anerkennung , das habe ich Ihnen gesagt . Aber diese hätte ich auf anderen Gebieten wohl leichter ge ­ funden und mein Oheim ließ mir die Wahl . Ich er ­ griff aus Neigung die Naturforschung und insbesondere die Physiologie . Die Geschichte war mir gleichgültig , weil mir die Menschen gleichgültig sind . Die Phi ­ losophie ist mir zu dogmatisch , wie die Religion — in der Natur allein quillt immer neues , greifbares Leben . „ Da weiß ich doch “ , wie Johannes Müller sagt , „ wem ich diene und was ich habe . “ Die Phy ­ siologie hat eine neue Welt vor mir aufgetan , oder besser , sie hat mir die alte erst neu geschenkt , — denn jetzt erst bin ich sehend , seit ich begreife , was ich sehe ; jeder Sonnenstrahl , der sich in einem Tautropfen bricht , ist mir bedeutsam , jede Tonwelle , die aus der Ferne an mein Ohr dringt , ruft eine Reihe von Vor ­ stellungen wach . O , welcher Genuß käme dem gleich , den diese mächtige Wissenschaft uns bietet , ja wahr ­ lich , die Wirklichkeit macht sie zum Wunder und was uns Wunder schien , macht sie zur Wirklichkeit . Und auf dies hohe Gut soll ich verzichten , weil ich ein Weib bin ? Und dieses beseligende Erforschen alles Lebens sollte mir den Tod bringen ? O nein , ich kann ’ s , ich will ’ s nicht denken ! “ Johannes reichte ihr die Hand . „ Sie sind eine schöne , große Seele und begreifen das Wesen der Wissenschaft . Doch gesetzt auch , Sie hätten körperlich und geistig die seltene Zähigkeit , die Aufgabe , welche Sie sich stellten , durchzuführen , so könnte dies nur auf Kosten Ihres weiblichen Berufs geschehen . Denn das Weib kann nicht zweien Aufgaben genügen , deren jede seine volle Kraft in Anspruch nimmt . Sie müssen als Gelehrte ausschließlich Ihren Studien leben — die Pflichten der Gattin , der Mutter wür ­ den Sie zu sehr abziehen , denn diese fordern für sich ein ganzes Leben ! Jetzt haben Sie den Mut , die Armut an Glück und Liebe zu ertragen , welche aus dieser Einseitigkeit erwächst : Werden Sie ihn auch später haben ? Wenn nun Alter und Krankheit über Sie hereinbrechen , wenn Sie schwach und hilflos werden und einer treuen , wohltätigen Hand bedürfen , die Sie pflegt , eine warme Brust suchen , an der Sie ausruhen könnten von manchem Weh — und Sie haben dann Niemanden , der sich Ihnen hingibt , weil Sie sich Niemandem hingaben , wie wird es dann sein ? Haben Sie keine Ahnung von solchem Elend ? Ist denn kein Verlangen nach An ­ lehnung , keine Sehnsucht nach Liebe in Ihrer ver ­ schlossenen Seele ? “ Ernestine schaute finster vor sich hin . „ Ich kenne die Liebe nicht , wie kann ich mich nach etwas sehnen , was mir fremd ist ? “ „ Mein Gott , wie ist das möglich ? Sie hatten doch Eltern , Pfleger , Verwandte , denen Ihr Herz anhing ? “ „ Nein ! Meine Mutter starb , als sie mich ge ­ boren , mein Vater , als ich zehn Jahre alt war , er hat mich nur mißhandelt und war mir fremd . Mein Vormund ward mein Lehrer und Erzieher und weihte mich in die Wissenschaften ein . Weder als Kind , noch als Erwachsene durfte ich mit meines Gleichen ver ­ kehren und ich wollte es auch nicht , weil ich es nicht anders gewohnt war . Seine eigene kleine Tochter schickte er in eine Pension und lebte ganz für mich ; aber das Band , das mich an ihn knüpfte , war doch nur mein Interesse für die Wissenschaften und seine Bereitwilligkeit , dasselbe zu befriedigen . Er ist kalt und ich bin es , ich fühlte nie etwas Anderes für ihn als Dankbarkeit . Einsam war und blieb ich und habe nie einen Menschen geliebt ! “ Johannes war tief ergriffen . „ Armes Weib “ , sagte er , „ wenn Du Dich wehklagend um den Tod einer Mutter , eines Vaters oder Gatten vor mir zur Erde würfest und in Tränen Dein Antlitz badetest — es könnte mich nicht so erbarmen , als dies eine ruhige Wort : Ich habe nie geliebt ! — Sie blicken mich staunend an ! Es wird die Zeit kommen , wo Sie mich verstehen , wo Sie an Ihren Schmerzen die Freuden ermessen lernen , um die man Sie betrog ; dann aber wird Ihnen der Mann zur Seite stehen , den Sie jetzt vielleicht als Ihren Feind betrachten und an seiner Brust mögen Sie dann weinen um ein verlorenes Leben , — vielleicht auch ein neues , besseres beginnen ! “ Ernestine wendete sich in tiefster Erschütterung von Johannes ab , sie wollte ihm nicht zeigen , was in ihr vorging , sie hauchte nur leise hin : „ Leben Sie wohl “ , und wollte sich entfernen . „ Sie verlassen mich ? Sie zürnen mir ? Darf ich nicht wiederkommen ? “ fragte Johannes tief be ­ kümmert . Ernestine blieb stehen und schwieg . „ Darf ich nicht ? “ wiederholte er und in seinem Tone lag eine so schmerzlich inbrünstige Bitte , daß Ernestine im Innersten davon berührt war . Einen Augenblick des Kampfes noch und da stand sie vor ihm , reichte ihm die Hand und sagte mit einem feuchtschimmernden Blick , der Johannes das Herz über ­ strömen ließ : „ Kommen Sie wieder . “ „ Gott segne Sie für dieses Wort “ , rief er mit einem tiefen Atemzug , küßte ihr ehrerbietig die Hand und verließ das Zimmer . Sie blieb regungslos in sich versunken . Die Äolsharfe klang so süß , die Rosen dufteten so berauschend , die Vögel zwitscherten und die Sonnen ­ strahlen gossen solch mildes Licht durch die blauen Vorhänge herein . Sie beachtete es nicht , ihr Blick war nach innen gekehrt und verfolgte ein seltsames Doppelbild , das ihre Seele mit sich hinwegzog in eine ferne längst entschwundene Vergangenheit , immer weiter zurück bis in die Tage der Kindheit . — Warum war es ihr , als rausche jene Eiche über ihrem Haupte , auf die sie einst geflüchtet vor dem herr ­ lichen Jüngling ? Warum sah sie die kleine Angelika auf einmal so deutlich , wie sie die Puppe im Arme hielt , die ihr der Bruder geschickt , und so sicher hoffte , ihre Zärtlichkeit könne dieselbe zum Leben erwecken ? Und wie sie so dastand und träumte in dem hol ­ den Durcheinanderweben von Harfenklang , Duft und Licht , da glich sie selbst der Statue des Pygmalion , als sich unter dem Hauch seiner Liebe die erste Lebens ­ wärme durch die starre Marmorbrust ergoß und der erste Atemzug die steinernen Lippen öffnete ! 34 Drittes Kapitel . In der Dorfschule . Als Johannes Ernestine verließ , wandte er seine Schritte rasch dem Dorfe zu . Ein edles beglückendes Bewußtsein leuchtete von seiner Stirn — das , welches so selten einem Menschen ganz und ungetrübt zu Teil wird : für das Glück eines Anderen zu sorgen , indem man für das eigene sorgt ! So schritt er hin mit dem festen , sicheren und doch so elastischen Tritt , wie er einem hochgewachsenen Manne in der Blüte der Jahre eigen ist , und wo sein freier klarer Blick hinfiel , da streute er eine Saat von Wohlwollen um sich , die auf jedem Gesicht , das ihm begegnete , in ein freundliches Lächeln aufging . Er nahm seinen Weg zu einem kleinen , rebenbewachsenen Häuschen , in dem der Patriarch des Ortes , der Schullehrer , wohnte . Vor dem Hause stand Hilsborns Wägelchen , dessen ungeduldig scharrendes Pferd unaufhörlich von einem alten , dicken Kettenhund angekläfft wurde , welchem man auf den ersten Blick ansah , daß er mehr aus Pflicht ­ gefühl denn aus Mißgunst dies unliebsame Amt ver ­ waltete . Johannes schritt an ihm vorüber und klopfte seinen breiten struppigen Rücken , was er sich zwar der Konsequenz halber knurrend , aber doch nicht ungern , gefallen ließ . Dann trat Johannes in das Haus , dessen gastliches Dach so niedrig war , daß der große Mann sich bei dem Eintreten durch die rebenumrankte Tür bücken mußte , weil seine Stirn an die herabhängenden unreifen Trauben stieß . Von der halbdunklen Hausflur gelangte er in die Wohnstube . Dort fand er Hilsborn mit dem Schulmeister auf einer Fensterbank sitzend ; die Frau Schulmeisterin Brigitte mit Flicken beschäftigt , auf der anderen . Der Schulmeister war ein ältlicher hagerer Mann mit langen ergrauten Haaren . Er hatte seltsame , unsicher blickende Augen , in deren Grunde jener unheimliche weiße Schein lauerte , welcher der unerbittlichste Todfeind des Lichtes ist . „ Ah , der Herr Professor “ — sagte der alte Herr erfreut und ging Johannes entgegen . „ Wir dachten schon , Sie seien in dem Zauberschlosse gleichfalls be ­ zaubert worden und kämen uns nicht wieder ! “ „ Sie könnten nicht so Unrecht haben ! “ bemerkte Johannes , die dargebotene Hand des Schulmeisters schüttelnd . „ Ja , lange genug hast Du uns die Zeit werden lassen ! “ meinte Hilsborn . „ Liebe ! Willst Du wohl den Tisch besorgen ? Die Herren machen uns vielleicht die Freude , unser kleines Mittagsmahl mit uns zu teilen , für sie ist unsere Eßstunde eben die Frühstückszeit ! “ sagte der Schulmeister zu seiner Frau , die bei Johannes ’ Ein ­ tritt aufgestanden war und nur auf die Erlaubnis , sich zu entfernen , harrte . Johannes und Hilsborn lehnten Alles ab . Die Frau Schulmeisterin hatte jedoch bereits das Zimmer verlassen . So wie sich die Tür hinter ihr schloß , wurde der alte Mann sehr ernst . „ Herr Professor “ , begann er und seine Stimme klang ein wenig heiser , seine Hände zitterten kaum merklich , „ jetzt sind wir allein — jetzt , bitte ich , sagen Sie mir die Wahrheit . Ich habe Sie in Gegenwart meiner Frau nicht danach gefragt , denn ich möchte der Guten den Kummer so lange als möglich ersparen ; ich aber will und muß es wissen , denn die Zukunft meines Sohnes ist davon abhängig . Nicht wahr , Herr Professor , Sie haben keine Hoffnung für meine Augen ? “ Hilsborn schwieg , seine zarte Seele schauderte davor , dem alten Manne das Messer in das Herz zu stoßen . Unschlüssig wechselte er einen raschen Blick mit Johannes , den der Lehrer jedoch bemerkte . „ O meine lieben Herren , den Blick sah ich , wenn ich auch halb blind bin , er sagte mir so viel , als Ihr Schweigen . Ich habe mir längst keine Hoffnung mehr gemacht . Schon bei meiner Augenentzündung vor einem Jahre glaubte ich , die Katastrophe würde ein ­ treten , die Ihre Sorgfalt mir noch so lange fern hielt . Die Hauptfrage ist nur die : kann ich operiert werden ? “ Hilsborn zögerte wieder . Es widerstrebte seinem Ehrgefühl , den würdigen Mann zu belügen und mit einer falschen Hoffnung hinzuhalten , deren Enttäuschung dann um so bitterer sein mußte , und doch — wer , der ein Herz hat , kann einem Menschen so furchtbare Wahrheiten in das ängstlich fragende Antlitz sagen ? „ Ich vermag Ihnen darauf jetzt noch nicht mit Ge ­ wißheit zu antworten “ , brachte er endlich mühsam hervor . Der geduldige Mann faltete bittend die Hände und seine glanzlosen Augen bestrebten sich , in Hilsborns Zügen zu lesen . „ Glauben Sie nur nicht , bester Herr Professor , daß es ein gutes Werk wäre , mich zu täuschen . Sehen Sie , wenn ich weiß , daß ich unheilbar bin , dann kann ich sogleich tun , was mir später viel schwerer fallen würde , nämlich : meinen Sohn von der Universität nehmen und ihn zu meinem Stellvertreter ausbilden . Sie werden begreifen , daß ich ihm nichts mehr geben kann , die akademische Lauf ­ bahn fortzusetzen , wenn ich dienstunfähig werde , und daß es am besten ist , den jungen Mann so früh als möglich die Vernichtung seiner Hoffnungen wissen zu lassen , damit er sich darauf vorbereitet , vom Hör ­ saal in die Schulstube herabzusteigen . Ich weiß , wie hart das ist , denn auch mir hatte sich eine schöne wissenschaftliche Laufbahn erschlossen , aus der mich der zu frühe Tod meines Vaters riß . Und sehen Sie , hat mein Sohn diesen Schlag überwunden — dann gibt es nichts mehr , was ich fürchte ! “ Seine Stimme zitterte , indem er das schwere Wort aussprach , er fühlte es und schwieg , weil er seine Bewegung nicht zeigen wollte . Johannes und Hilsborn standen ratlos vor ihm . Sie konnten dem unglücklichen Vater den Trost nicht geben , daß er keines Stellvertreters bedürfe — sie wußten nur zu gut , wie notwendig die Maßregel sei , die der gewissenhafte Vater ergreifen wollte . Und Hilsborn sagte endlich mit der ihm eigenen Schonung und Milde : „ Wenn Sie für den schlimmsten Fall sich einen Stellvertreter sichern wollen , so ist es allerdings schon deshalb besser , es bald zu tun , weil Sie , auch bei einer möglichen Operation , längere Zeit dienst ­ unfähig werden könnten und ich überdies nicht für den Erfolg derselben einstehen kann ! “ „ Ich danke Ihnen , werter Herr — Sie haben gesprochen als ein Ehrenmann und ich weiß nun ge ­ nug “ , sagte der Lehrer und trocknete sich mit dem buntgedruckten groben Kattuntuch die tränenden Augen . „ Hab ’ ich Ihnen nicht gesagt “ — schalt Hils ­ born , „ Sie sollen sich hiezu nur feiner Battisttücher bedienen ? “ „ Ach ja “ , sagte der bleiche , kummervolle Mann , sich zum Lächeln zwingend , „ aber wo soll Unsereiner so etwas herbekommen ? “ „ Nun , Euer Schloßfräulein soll es Euch geben ! “ meinte Hilsborn . „ Das würde sie gewiß gerne tun — aber ich konnte mich nicht entschließen , eine so unbescheidene Bitte zu wagen , denn seit sie mit den übrigen Dorf ­ bewohnern überworfen , hat sie auch uns gemieden , und ich fürchte , sie hat etwas von dem Groll über die schmähliche Behandlung , die sie erfuhr , auf uns übertragen . “ „ Nun , dann werde ich für Sie bitten “ , rief Johannes : „ Ich gehe auf das Schloß zurück — in wenig Augenblicken bringe ich das Gewünschte . “ Indem er sprach , trat die Schulmeisterin mit einer Flasche Wein und der Suppe ein . Ihr gutes altes Gesicht strahlte vor Freude , den verehrten Gästen etwas vorsetzen zu dürfen . Der Lehrer nahm rasch die Hände der beiden Herren und flüsterte , während sie mit Tellern und Gläsern klapperte : „ Nicht wahr , meine Herren , Sie versprechen mir , Niemanden etwas von meinem bevorstehenden Unglück mitzuteilen , da ­ mit es kein Zufall meiner armen Frau verrate und so die wenigen frohen Tage , die ihrer noch warten , gekürzt würden . “ „ Wir versprechen es Ihnen “ , sagten die Her ­ ren ernst . „ Darf ich vielleicht den Herren Professoren mit etwas aufwarten ? “ fragte Brigitte mit dem ihr eigenen biederen und ein wenig altväterischen Zeremoniel , denn es geht mit den Höflichkeitsformen auf dem Lande wie mit den Kleidermoden . Eine städtische Tracht erreicht erst das Dorf , wenn sie in der Stadt schon lange einer andern gewichen ist — und eine Form der Artigkeit erst , wenn sie in der Stadt längst als nicht mehr „ bon genre “ verworfen wurde . Und doch haben derartige altmodische Redensarten und Gebärden , die wir als Kind noch an Großeltern , Großtanten und Onkels beobachteten , etwas so Rührendes , weil sie uns die lieben Dahingeschiedenen und manche freundliche Erinnerung der Kindheit zurück ­ rufen . Wer hat nicht in seinen ersten Jahren irgend eine alte Tante oder Großmama bei der Zurückweisung eines dringend angebotenen fünften Schälchens Kaffee die Tasse umstülpen und fein säuberlich den Löffel darüber legen sehen ? Und wenn er die gleiche Zeremonie nach zwanzig , dreißig oder mehr Jahren an irgend einer Frau Landpfarrerin oder Schulmeisterin wahrnimmt , wird nicht solch eine längst begrabene Gestalt plötzlich wieder vor ihm stehen und ihm mit milder Hand das spöttische Lächeln von der Lippe streifen ? — Wer gedenkt nicht aus seiner Kindheit der wohlwollenden Teilnahme , welche Freunde und Verwandte an dem glücklichen Ereignis eines kräftigen Niesens nahmen ? Und wenn ihm ein Vierteljahrhundert später eine gutmütige Landseele bei demselben Ereignis „ Wohlbekomm ’ s “ oder „ Zum Wohlsein “ zu ­ ruft — ist es ihm da nicht , als müsse er , wie einst , sagen : „ Ich danke , liebe Großmama ! “ und wird dann nicht ein ganz leises Heimweh nach der guten alten Großmutter durch seine Seele ziehen ? So war der Eindruck , den die freundliche Frau Schulmeisterin auf die jungen Männer machte und mit gerührten Blicken beobachteten sie ihre wirtliche Zuvorkommenheit und Geschäftigkeit . „ O bitte , geben Sie uns die Ehre , ein paar Bissen zu verkosten “ — ermahnte sie nochmals , in ­ dem sie die rauhen , dicken Servietten von eigenem Ge ­ spinnst auf die Teller legte . Es war den Beiden nach dem ernsten Gespräch mit ihrem unglücklichen Gatten nicht um Essen und Trinken zu tun , aber die Freundlichkeit der un ­ wissenden , heiteren Frau durfte , konnte nicht zurück ­ gewiesen werden , und sie setzten sich , wenn auch schwei ­ gend , an den großen plumpen Tisch . Einen Augen ­ blick war es so still , daß man das Ticken des Holz ­ wurms in der Ofenbank hörte . Da goß der Schulmeister den Wein ein , seine Hand zitterte ein wenig , er mußte gar sehr Acht haben , daß er nichts ver ­ schüttete , weil er nicht recht sehen konnte , wann die Gläser voll waren , — dann aber hob er das seine empor und rief mit fester Stimme : „ Sie sollen leben , meine Herren , und mit Ihnen die edle , deutsche Wis ­ senschaft ! Sie lebe hoch ! “ Da klirrten die Gläser zusammen , aber es schnitt Hilsborn in die Seele , als er in das von schöner Gastfreundlichkeit verklärte Antlitz seines Wirtes sah , dem diese Wissenschaft , die er hoch leben ließ , noch vor wenig Minuten zur grausamen Prophetin eines trostlosen Alters geworden . Auch Johannes senkte den Blick wehmütig auf das Glas nieder , mit dem er angestoßen hatte , und der Tropfen , den er daraus trank , schmeckte ihm bitter . „ Komm her , Alte — stoße mit mir an “ , sagte der Schullehrer zu seiner Ehehälfte . „ Trink , laß Dir ’ s schmecken ! — Das Weinchen ist eine kleine , stille Passion meiner lieben Frau “ — erklärte er , „ aber wir trinken es nur , wenn wir so werte Gäste haben , wie Sie , meine Herren ! “ „ Und warum nur dann ? “ fragte Hilsborn . „ Weil er uns besser schmeckt , wenn wir auch Andere sich daran erquicken sehen “ , war die einfache lächelnde Antwort . „ Sie sollten es sich selbst mehr gönnen “ — meinte Johannes , „ dieser alte , edle Wein ist Ihnen gut , er gibt Ihnen Stärkung . “ Der Greis blickte trübe auf die wenigen Tropfen , die er sich eingegossen hatte und die noch unberührt dastanden . „ Sie vergessen wohl , daß ich meiner Augen wegen schon lange keinen Wein mehr trinken dürfte , wenn ich auch wollte . “ „ Der arme Mann “ , klagte die Schulmeisterin und streichelte seine hagere Wange . „ Er muß sich so Vieles versagen . “ Johannes und Hilsborn wechselten Blicke , dann sagte der Letztere : „ Ich hebe das Verbot auf , Herr Leonhardt . Gönnen Sie sich von nun an immerhin ein gutes Schlückchen . Es kann Ihren Augen nicht mehr so viel schaden , als es Ihnen im Allgemeinen nützen wird ! “ „ Gott sei Dank “ , rief die Frau erfreut — „ das ist ein Beweis , wie viel besser es Dir jetzt geht . “ „ Oder wie viel schlechter “ — sagte Leonhardt lateinisch zu Hilsborn und sah ihn ernst an , dann wandte er sich aber gleich wieder freundlich seiner Gattin zu und leerte langsam und bedächtig sein Glas , indem er ihr zuflüsterte : „ Unser Walter soll leben ! “ Die alte Frau nickte vergnügt . „ Der gute Junge , wenn er nur erst Doktor wäre ! “ Leonhardt faltete mit einem tiefen Seufzer die Hände : „ das ist Alles , um was ich Gott bitte ! “ „ Sprechen Sie von Ihrem Sohn ? “ riefen die Herren , — „ da wollen auch wir mit anstoßen : Er lebe zur Freude und Stütze Ihres Alters . “ „ Er ist ein talentvoller junger Mensch “ , fügte Johannes hinzu . „ Seine Preisarbeit hatte nach der des Fräuleins von Hartwich die meisten Stimmen . “ „ Wirklich ? “ sagte der Schulmeister . „ Das freut mich . Ach — das Fräulein ist glücklich . Sie hat Alles , um die nötigen Studien zu machen : Bücher und Apparate . Wohl nie ist eine Bibliothek und ein Laboratorium von solchem Werte in den Händen einer Privatperson gewesen . “ Johannes horchte hoch auf : „ Wirklich ? Woher wissen Sie das ? “ „ Mein Sohn hat sich neben seinen Studien auch als Mechaniker ausgebildet , weil er sagt , daß dies für einen Naturforscher ein großer Vorschub sei und Fräulein von Hartwich , welche das zufällig erfahren hatte , übertrug ihm eine Reparatur an einem ihrer Geräte . Bei dieser Gelegenheit sah er , über welche Schätze sie verfügt . “ Johannes blickte sinnend vor sich hin : „ Hm — so viel ich weiß , ist das Vermögen der Hartwich nicht so bedeutend , um solche großartige Ausgaben von den laufenden Zinsen zu machen , — der Herr Oheim müßte denn seine ehemalige Mündel veranlaßt haben , das Kapital anzugreifen , was eine neue Gewissenlo ­ sigkeit wäre ! “ Nach kurzem Bedenken wandte er sich an den Schulmeister : „ Herr Leonhardt , eine Frage . Wenn ein Mensch eine Gegend von einem bösen , gefährlichen Tier befreien will , tut er besser , dies Tier mit List und Vorsicht in seinen Schlupfwinkeln auszuspü ­ ren , um es dann desto sicherer zu überfallen , oder soll er es durch Lärm und Gewaltmaßregeln zur Unzeit aufscheuchen und warnen , — damit es sich aus dem Staube machen oder zur Wehr setzen kann , be ­ vor man ihm zu nahen vermochte ? “ Der Schulmeister sah ihn befremdet an : „ Ei nun , ein kluger Mann wird sicherlich das Erstere tun . “ „ Das denk ’ ich auch . Nun sehen Sie — Herr Leonhardt , so will ich den Doktor Leuthold Gleissert in seinen Verstecken aufsuchen . Ich habe die Überzeugung , daß dieser Mann ein abgefeimter Bösewicht ist , aber es fehlt mir an Beweisen für diese meine persönliche Ansicht . Ich kann daher nicht eher offen gegen ihn auftreten , bis ich jene gesammelt habe , was natürlich ganz in der Stille geschehen muß . Hiezu , Herr Leonhardt , sollen Sie mir helfen , denn Sie kennen diesen Mann und sein Treiben gewiß besser , als wir Alle . Geben Sie mir Handhaben zur An ­ klage gegen ihn , damit es mir möglich werde , jenes auserlesene Wesen , seine Nichte , von seinem Einfluß zu befreien . “ „ Das will ich gerne “ , sagte Leonhardt . „ Doch lebt er so schlau verborgen , daß ich Ihnen schwerlich Mitteilungen von Gewicht werde machen können ! Das Einzige , was ich allenfalls überwachen könnte , sind seine Korrespondenzen ; denn , da wir im Orte keine Post haben , ist an meinem Hause eine Brief ­ lade angebracht , welche der Briefbote in meiner Stube zu entleeren pflegt . Ich kann also , wenn ich will , die Aufschriften aller im Kasten enthaltenen Briefe lesen . Vielleicht könnten Sie daraus einige Schlüsse ziehen . “ „ Sehr wohl “ , erwiderte Johannes , „ Sie werden mich durch solche Fingerzeige tief verpflichten . “ Er leerte sein Glas und erhob sich . „ Und nun ge ­ ben Sie mir Feder und Tinte , ich will zwei Zeilen an das Schloßfräulein schreiben . “ Der Schulmeister öffnete einen kleinen altmodi ­ schen Pult und legte alles Nötige zurecht . Johan ­ nes schrieb : Mein liebes und geehrtes Fräulein ! Werden Sie mir zürnen , wenn ich Ihnen Gelegen ­ heit gebe , sich auch innerhalb Ihrer weiblichen Grenzen auszuzeichnen , — ich , der sich diesen Mor ­ gen Ihren Unwillen zuzog , da er gegen das Überschreiten derselben eiferte ? In dem kleinen friedli ­ chen Hause des Schulmeisters Leonhardt wird sich bald eine Tragödie entwickeln , wo der materielle und geistige Beistand einer Frau , wie Sie , notwendig wird . Kommen Sie — sehen Sie sich die Leute an , die von Allen im Dorfe Ihrer Güte am würdigsten sind und sie am wenigsten suchten . Lassen Sie je ­ doch die Frau Leonhardt von den obigen Andeutun ­ gen nichts merken . Der arme Mann bedarf feiner Battistläppchen für seine kranken Augen und wagte es nicht , Sie darum zu bitten . Dies wird Ihnen zum Vorwande dienen , eine Beziehung zu den Leuten anzuknüpfen , — wenn Sie wollen — und ich weiß : Sie wollen ! Ich weiß , ich werde Gutes von Ihnen hören , wenn ich wiederkehre — und ich werde wiederkehren — wieder und immer wieder ! Ihr Freund von wenigen Stunden , aber fürs Leben . Johannes siegelte den Brief und gab ihn dem Schulmeister : „ Hier , Herr Leonhardt ist die Bittschrift um Battisttücher . Schicken Sie dieselbe der Hartwich zu . Sollte sie aber vielleicht selbst kommen , so bitte ich Sie und Ihre Gattin , meinen Namen zu verschweigen . Ich möchte dem Fräulein gerne noch einige Zeit unbekannt bleiben . Versprechen Sie es mir ! “ Das alte Paar gelobte Schweigen und nach freundlichem Abschied bestiegen die Herren den Wagen . Johannes nahm die Zügel und weit ausgreifend flog das feurige Roß dahin , als freue es sich der nervigen Hand , die es so leicht und sicher führte . Das alte Paar kehrte in das Haus zurück und beendete sein Mittagsmahl , denn es ging schon auf 12 Uhr , wo in den Dörfern die Nachmittagsschulen wieder beginnen , dann sandten sie den Brief an Ernestine und der Lehrer begab sich in das der Wohnstube gegenüber befindliche Schulzimmer , um seine Schützlinge zu erwarten . Mit dem Schlage Zwölf trampelten und trippelten die verschiedenen grö ­ ßeren und kleineren Füße der Dorfjugend durch den Hausflur und verschiedene Finger und Fingerchen hämmerten und tippten an die Türe , bis das be ­ dächtige „ Herein “ erscholl , welches abgewartet werden mußte ; denn Herr Leonhardt hielt gar sehr auf Zucht und Ordnung , und er wußte auch , sich in Respekt zu setzen . Die Stunden in der Schule waren bei den meisten Kindern die artigsten ihres ganzen Lebens . Es war sonderbar . Herr Leonhardt schlug kein Kind , er