an : » Genug ! Diese widerwärtige Szene soll ein Ende haben . Ich will nicht das Kind meiner Tochter in den Händen der Gelieb – « Sie vollendete nicht , ein zorniger Aufschrei von mir ließ sie erschreckt einhalten . » Beleidigen Sie mich nicht , meine gnädige Frau ! « sagte ich mit erhobener Stimme und trat einen Schritt näher . Der Kleine legte ängstlich seinen Kopf an meinen Hals . » Schon der Leutnant v. Eberhardt hat dem Herrn Baron erklärt , daß ich seine Braut war . Wie es kam , daß ich es nicht blieb , das könnte ich Ihnen ebenfalls erzählen . Doch es ist eine häßliche Geschichte , und ich will sie Ihnen ersparen , möglich , daß sie doch einmal vor Ihre Ohren kommt . Ich stehe ganz allein , ganz schutzlos vor Ihnen , augenblicklich besitze ich nichts als meinen guten Ruf , meine Ehre . Es ist Ihnen ein leichtes , mir sie zu rauben , aber noch gibt es , Gott sei Dank , Leute , die es beweisen können , daß ich nie etwas Unrechtes getan habe , daß – « » Verschone mich , ich kann deine Verteidigungsrede nicht mit anhören , mir mangelt die Zeit dazu – gib mir das Kind , ich habe Eile . « Sie machte eine Bewegung nach dem Kleinen , der nun , durch den ganzen , etwas heftigen Wortwechsel erschreckt , in lautes Weinen ausbrach . Ich war zurückgetreten und wollte ihn beruhigen . » Ich habe Eile , bemerkte ich schon einmal « , sagte Frau v. Bendeleben ungeduldig . » Laß ihn immerhin weinen , er wird sich schon wieder beruhigen , und nun zum letzten Male : gib mir das Kind ! « » Das Kind bleibt hier , liebe Tante « , sagte plötzlich eine ruhige Stimme hinter mir . Ich wandte mich und erblickte zu meiner unaussprechlichen Beruhigung Eberhardt , der , die Hand an die Mütze gelegt , der Frau v. Bendeleben eine tiefe Verbeugung machte . » Ich konnte es mir denken « , fuhr er fort , » daß dein gutes Herz dich sofort hierhertreiben würde , um dein Enkelkind in deine großmütterliche Obhut zu nehmen , und ich danke dir dafür herzlich und aufrichtig . Aber leider muß ich dir deinen Wunsch abschlagen . Das Kind bleibt hier , ich kann nichts an dieser Bestimmung ändern . – Aber noch einmal , liebe Tante , meinen innigsten Dank für deine freundliche Absicht . « Er ergriff die feine Hand im hellgrauen Handschuh und drückte einen Kuß darauf . Sprachlos starrte Frau v. Bendeleben den jungen Mann an , der so ruhig und bestimmt seinen Willen kundtat und , mit gänzlichem Übersehen späterer Rechte , sie einfach wieder » liebe Tante « anredete , als ob er nie der Schwiegersohn gewesen wäre . » Ich war schon im Schloß « , begann er aufs neue , als Frau v. Bendeleben ihn immer ansah , als wäre er oder sie irrsinnig , » und hörte , daß du hierhergefahren seiest . Da ging ich gleich hinterher , um Meinungsverschiedenheiten zu verhüten . Ich freue mich , daß ich dich hier noch treffe , da deine Anwesenheit mir Gelegenheit gibt , den Kleinen einmal nach langer Zelt wiederzusehen und der freundlichen Pflegerin zu danken . Noch einen Moment , liebste Tante , ich werde dich , wenn du es gestattest , begleiten , der Onkel hat mir eine Unterredung bewilligt – ich möchte nicht gern im Bösen von euch scheiden , wenn ich euch auch als Schwiegersohn nicht alles – so – so « er brach ab . Eine dunkle Röte färbte einen Augenblick das stolze Gesicht . Er beugte sich zu dem Kinde nieder , das aufgehört hatte zu weinen und , ihn erkennend , ihm zujauchzte . Dann nahm er es auf seinen Arm , und ohne mich anzusehen , setzte er hinzu : » so sollt ihr doch an den Neffen nicht in Groll denken . « » Es ist gut « , sagte Frau v. Bendeleben endlich und ließ ihre dunklen Augen gleichgültig über die anmutige Gruppe von Vater und Sohn schweifen . » Es muß sich finden mit dem Kinde , wem es gerichtlich zuerkannt wird . Meinetwegen mag es solange hier bleiben , es handelt sich ja nur noch um einige Tage . « » Verzeihung , liebe Tante « , unterbrach sie Eberhardt , » das Gericht hat nichts mehr in der Sache zu tun . Ruth und ich haben sie bereits geordnet . Sie war so liebenswürdig , mir heute früh auf meinen Wunsch das Kind zu überlassen , das heißt , sie entsagte feierlich allen Ansprüchen darauf in Gegenwart ihres und meines Anwaltes , und somit dürfte diese Streitigkeit beendet sein . « Wäre ein Blitzstrahl zu Füßen der blassen Frau niedergefahren , sie hätte nicht starrer , nicht erschrockener aussehen können als jetzt . Ihre großen Augen hafteten mit wahrhaft entsetztem Ausdruck an Eberhardt , und über die farblosen Lippen kam endlich ein leises , tonloses : » Es ist nicht möglich ! « » Doch , es ist so , und ich kann dir wiederholen , daß sie freiwillig und sofort auf meinen Wunsch einging – « » Wilhelm ! « rief Frau v. Bendeleben , aufs tiefste erschüttert , und trat einen Schritt näher . » Eine Mutter sollte ihr Kind gleich hergeben ? Wilhelm , sag nein , sag nein ! « Flehend hingen ihre Blicke an seinem Gesicht . Sie tat mir leid , die arme gedemütigte Mutter , der ein einziges Wort den tiefen Schatten in dem Charakter der schönen , über alles geliebten Tochter enthüllte . Wenn sie auch früher manchmal über ihr exzentrisches Benehmen geseufzt , sie getadelt und manche ihrer Handlungen nicht gebilligt hatte , es war ihr doch stets nur als Laune erschienen . Der effektvolle Schluß der jungen Ehe , den die junge Frau so meisterhaft in Szene zu setzen wußte , indem sie durch den Raub meiner früheren Briefe ihren Mann als treulos in den Augen der Eltern hinzustellen versuchte , hatte das Mutterherz vollständig für die arme , betrogene Tochter eingenommen . Sie glaubte natürlich alles , und entschuldigte die Launen der jungen Frau durch die trüben Erfahrungen an der Seite eines Mannes , der seine Gattin hintergeht . Es war ja natürlich , daß bittere Gemütsstimmungen einkehren mußten in ein so armes , gequältes Herz . Nun noch der Schimpf , als der Mann sein Kind in die Hände derjenigen gab , die sie als Urheberin dieser ganzen traurigen Geschichte betrachtete . Sie war heute hierhergekommen , um den » Skandal « ein Ende zu machen , um das Kind der armen , gekränkten Mutter wieder zuzuführen , und nun wurde ihr gesagt , daß diese tiefgekränkte , verkannte Frau ganz ruhig und bereitwillig das Kind – ihr Kind – dem verabscheuten Gatten überließ ! Sie sah zum Erbarmen aus , diese stolze , jetzt so gedemütigte Frau . Auch Eberhardt empfand dies . Einen Augenblick leuchtete es wie Triumph aus den dunklen Augen , dann gewann schnell das gute Herz wieder die Oberhand . Er trat einen Schritt näher und sagte freundlich : » Wundert dich das so sehr , liebe Tante ? Nach dem Vorspiel kann dich der Schluß wenig befremden , sollte ich meinen . Ich glaube , daß der Kleine Ruth stets sehr wenig interessiert hat , und der beste Beweis ist die plötzliche Abreise mit dir nach – – – Ihr waret ja wohl in der Schweiz ? Sie hat nicht einmal einen Abschiedskuß auf den kleinen Mund gedrückt . – Sie dachte , verzeih , liebe Tante , auch du dachtest – das Kind ist ja während der Abwesenheit der Mutter in Wien bei dem Vater und der Wärterin wohl aufgehoben gewesen , warum nicht auch jetzt ? Leider stand diesmal die Sache anders . Das Gerücht unserer gestörten Verhältnisse verbreitete sich , und eines Tages gingen mir Kinderfrau , Stubenmädchen und Köchin davon . Wo sollte ich hin ? Zum Onkel , von dem ich aufs tiefste erzürnt geschieden war ? Das ging nicht . Ich wußte ja nicht einmal , ob er von meinem Kinde etwas wissen wollte , das die eigene Mutter vergessen zu haben schien . Sollte ich die Frau eines Kameraden bitten , sich des Kleinen anzunehmen ? Das hätte nur den Skandal vergrößert . Mit einem Worte , ich wußte niemand weiter auf der ganzen Welt als diejenige , die ich auf unerhörte Weise beleidigt und gekränkt hatte um Ruths willen . Und sie nahm das Kind mit Freuden auf . – Wenn du , liebe Tante , darüber nachdenkst , so kann dich die Handlungsweise Ruths nicht in Erstaunen fetzen . Ihr würde der kleine Schelm doch nur eine lästige Fessel sein , um so mehr , da sie , wie sie mir heute früh selbst erklärte , schon in einigen Tagen nach Wien zu gehen gedenkt . Fessellos will sie sein , und sie versteht es auch , die Ketten zu brechen , das hat sie mir bewiesen . « Er seufzte tief auf , als er die letzten Worte leise vor sich hin sprach . Frau v. Bendeleben war kraftlos auf den Stuhl gesunken und hielt sich ihr Taschentuch vor die Augen . Eine bange Pause trat ein , nur ein qualvolles Stöhnen drang unter dem weißen Tuche hervor , das die zitternden Hände hielten . » Ich kann es nicht glauben , ich will es nicht glauben ! « stieß sie endlich heraus . » Ich will sie selbst sprechen , sie ist durch die Aufregung der ganzen Angelegenheit verwirrt gewesen . Es kann nicht sein , es darf nicht sein ! « Sie erhob sich . » Komm , ich will klarsehen . « » Verwirrt ? « fragte Eberhardt mit leiser Stimme , indem er mir das Kind zurückgab . » Ach nein , Tante , ich glaube , wenn du plötzlich die ganze Reihe dieser Verwirrungen übersehen könntest – du würdest schmerzlich erstaunen ! « » Eberhardt « , unterbrach ihn Frau v. Bendeleben bittend , » laß mich das Kind mitnehmen . Glaube mir , es soll meine heiligste Pflicht sein , es zu erziehen . Ich will alles wieder gutmachen , was die Mutter an ihm gesündigt – gib mir das Kind ! « Über das Gesicht Eberhardts , zu dem ich ängstlich aufblickte , als hinge mein Leben von der Antwort ab , die nun folgen mußte , flog ein eigentümlicher , beinahe spöttischer Zug . » Ich danke dir , liebe Tante Bendeleben « , sagte er ruhig und fest , » aber es bleibt bei dem , was ich beschlossen habe . Es wäre überdies nur eine kurze Zeit , die das Kind bei dir verleben könnte . Du wirst es begreiflich finden , daß ich meinen Sohn bei mir oder wenigstens in meiner Nahe zu behalten wünsche . Da ich hoffen darf , daß man mir auf mein Gesuch die Versetzung in ein anderes Regiment gewahren wird , und ich das Kind jedenfalls dorthin mitzunehmen entschlossen bin , so würde es nur ein unnötiges Herausreißen aus seinen Gewohnheiten sein , was ja kleinen Kindern nicht guttun soll . « » Und wer soll denn dort in deiner künftigen Garnison das Kind pflegen und erziehen , da du es ja doch nicht allein kannst , wie du vorhin bemerktest ? « fragte Frau v. Bendeleben und sah ihn verletzt an . » Oh , Tante « , erwiderte er , und seine Augen leuchteten freudig auf , während ein süßer Schreck durch mein Herz fuhr . » Oh , Tante , das ist mein Geheimnis . Aber glaube mir , die beste , liebreichste Hand wird mein Kind pflegen , und das edelste Herz wird es lieben , wenn sich meine Hoffnungen verwirklichen . « Ein rascher verständnisvoller Blick streifte mich . Ich fühlte , ich war dunkelrot geworden . » Ich glaube zu verstehen « , sagte die Baronin und zuckte mit den Achseln . » Wäre Ruth eine Ahnung davon gekommen , was mir jetzt klar zu werden beginnt , sie hätte dir das Kind nicht gelassen , um keinen Preis der Welt . Ich selbst würde sie auf den Knien darum gebeten haben , es nicht fortzugeben . Oh , daß ich mit der Reise nachgab ! Wären wir doch hiergeblieben , diese Schande hätte nie unsere Familie treffen können ! « » Weiß Gott , Tante « , brauste jetzt Eberhardt auf und stieß unmutig mit dem Fuße an den kleinen Kinderwagen , daß er weit über den Grasplatz rollte und dort in einem großen Päonienbeet steckenblieb , » du machst es mir sehr schwer , in Frieden ober wenigstens in Ruhe von euch zu scheiden . Ich habe die Ehrerbietung gegen dich und den Onkel stets zu bewahren gesucht . Aber diese Reden könnten selbst ein Lamm zur höchsten Wut reizen . Ich bin dir für meine zukünftigen Handlungen auch nicht die geringste Rechenschaft schuldig , deine Familie und die meinige magst du ganz ruhig als vollständig getrennt betrachten , damit du die › Schande ‹ , wie du dich auszudrücken beliebst , von dem Standpunkte einer Unbeteiligten kritisieren kannst . Ich tue , was ich für recht halte , und wenn alle Bendelebens der Welt meine Handlungsweise als eine › Schande ‹ auffassen . Wollte Gott , ich wäre früher schon meinem Rechtsgefühl gefolgt und hätte mich nicht von einem verführerischen Irrlicht in den Sumpf locken lassen . « Er hatte mit lauter , heftiger Stimme gesprochen – Frau v. Bendeleben stand da und zuckte mit keiner Wimper . » Ist deine Rede beendet , oder hast du mir noch etwas zu sagen ? « fragte sie eisig . » Dann mache rasch , ich habe nicht mehr lange Zeit und darf wohl kaum erwarten , daß du Lust hast , nach dieser Auseinandersetzung noch mit ins Schloß zu kommen . « » Allerdings komme ich noch mit ins Schloß « , versetzte er gereizt . » Der On – der Baron v. Bendeleben erwartet mich zu einer Unterredung , und ich wüßte nicht , warum ich sie wie ein Feigling vermeiden sollte . « » Dann bitte ich , mich zurückziehen zu dürfen « , sagte sie ebenso eisig wie vorhin . » Meine Nerven können ohnedies ein solches Wortgefecht nicht vertragen . « Sie schritt , ohne mich oder das Kind anzusehen , den Weg entlang zwischen den Stachelbeer- und Johannisbeersträuchern , äußerlich ruhig – doch ihre innere Aufregung mußte furchtbar sein . Denn als die Spitzen ihres Kleides in einem solchen Strauch hängenblieben , riß sie dieselben so hastig los , daß ein ganzes Stück des prachtvollen Gewebes sitzenblieb . Eberhardt beugte sich rasch zu dem Kleinen und drückte einen Kuß auf seine Stirn , dann sah er mich an und sagte : » Leb wohl , Margarete , du wirst von mir hören . Hab Dank für alle deine Liebe « , und schritt auch hinaus . Was mochte in der Seele dieser stolzen Frau toben und wühlen ? Das Mutterherz lehnte sich auf und wollte nicht an den frivolen Charakter der Tochter glauben , obgleich sich die Wahrheit mit siegender Macht ihr aufdrängte . Sie begann einzusehen , daß doch nicht alles so sein könne , wie man ihr vorgeredet hatte . Sie war eine rechtliche Natur , und das Bewußtsein , vielleicht ungerecht geurteilt zu haben , war ihr ein schrecklicher Gedanke . Das wußte ich , ebensogut wußte ich aber auch , daß die Hindeutung Eberhardts auf meine Person von ihr richtig verstanden worden war , und daß diese Verirrung , wie sie stets die Liebe eines Adligen zu einer Bürgerlichen zu nennen pflegte , imstande war , den letzten schwachen Rest von Zuneigung für mich in ihrem Herzen vollständig zu zerstören . Sie tat mir leid , ich wußte , sie kämpfte schwer – wer konnte ihr diesen Kampf ersparen . Einige Tage nach diesem Vorfall erschien Friedel und brachte mir einen langen Brief von Eberhardt . Es war ein banges und doch wunderschönes Gefühl , als ich ihn in meiner Hand hielt . – Seit langer Zeit wieder ein Brief von ihm . Er schrieb : Margarete ! Dein unvergleichlich edles , gutes Herz gibt mir den Mut , diese Zeilen an Dich zu richten . Ich weiß es , Du hast mir verziehen , hast Dich meines verlassenen Kindes angenommen , ohne mir den leisesten Vorwurf für meine – nennen wir die Sache beim richtigen Namen – Treulosigkeit zu machen . Wäre etwas imstande gewesen , mir mein Vergehen noch schwärzer erscheinen zu lassen , so war es Deine Milde , Dein Erbarmen für mich und mein Kind . Ich danke Dir , Margarete , und bitte Dich zugleich , nimm in den folgenden Zeilen das ganze reumütige Bekenntnis meiner Irrtümer , meiner Vergehen hin . Ich schreibe es Dir , denn ich weiß , wollte ich es Dir mündlich zu Deinen Füßen bekennen , so würde Deine liebe Hand sich leise auf meinen Mund legen , und Deine Augen würden mild versöhnend auf mir ruhen , während Du sagtest : » Oh , ich vergab dir schon lange , ich mag das garstige Zeug nicht mehr hören , was du mir da erzählen willst ! « Das weiß ich bestimmt , denn ich kenne Dein gutes Gemüt . Du würdest mir auf jeden Fall eine Beschämung ersparen wollen , die ich mir nicht ersparen kann , und Du mußt und sollst alles wissen . Es ist nötig für – doch davon später . Gretchen , ich habe Dich geliebt , rein , aufrichtig und schwärmerisch . Du warst eben meine erste Liebe , das ist genug gesagt , das mußt Du aber auch gefühlt haben . Ich war glücklich , sehr glücklich , und mein einziges Sehnen gipfelte in dem Wunsche , Dich mein Weib nennen zu können . – Da kam die Gräfin Ruth Satewski in das Schloß . Wir hatten einmal in frühester Jugend eine Leidenschaft füreinander gehabt , als das kleine graziöse Mädchen noch mit eingeflochtenen Zöpfen und im kurzen Kleidchen einhersprang . Aber so jung , so klein sie war , das reizende Kind verstand damals schon , den Kopf des blöden Kadetten vollständig zu verdrehen . Wir bildeten uns ein , Brautleute zu sein , und quälten einander sogar mit Eifersucht , z. B. wenn ich ein anderes kleines Mädchen öfter beim Drittenabschlagen geklopft oder beim Fanchonspielen gehascht hatte , oder wenn sie mit gar zu verführerischer Miene mit meinem Vetter , dem langen Edgar , zu flüstern beliebte . Das war während der Sechswochenferien in Bonn bei meinen Eltern . Dann ging ich wieder ins Korps nach Potsdam und sie mit ihrer Gouvernante ins heimatliche Schulzimmer , wo uns wahrscheinlich die romantischen Ideen unter lateinischen und französischen Vokabeln verschwanden . Ich hatte sie nicht wiedergesehen , ich hatte nur gehört , daß sie vermählt war , und dachte manchmal , sie muß eine schöne Frau geworden sein , dieses kleine brünette Geschöpf mit den wunderbaren Augen . Dann kam eine Zeit , Gretchen , wo ich alle Augen der Welt über Deinen süßen blauen Sternen vergaß , die glücklichste , gesegnetste Zeit meines Lebens . Und da auf einmal strahlten mir wieder jene dämonischen dunklen Augen entgegen . Ich gestehe es ehrlich – ich war frappiert von der außergewöhnlichen Schönheit meiner Cousine , doch fühlte ich mich so sicher in Deinem Besitz , daß mir gar nicht der Gedanke kam , sie könne uns gefährlich werden . Doch die junge Witwe war nicht allein schön , sie war auch klug und kokett , und in der Langeweile ihres Witwenstandes fing sie an , ihre Netze nach mir auszuwerfen . Sie stieß auf Widerstand , ich war geflissentlich ungalant und mitunter sogar ungezogen gegen sie , das reizte sie noch mehr . Mit der ihr eigenen Schlauheit sagte sie sich : » Es muß ein Grund da sein , weshalb er sich von mir zurückzieht . Ein Mann läuft nicht ohne weiteres davon vor einer schönen Frau , wenn nicht Motive vorhanden sind , die ihn dazu zwingen – suchen wir die Ursache dieses Sprödetuns ! « – Sie suchte und fand – fand , daß ich Dich liebte ! Ich bin überzeugt , daß sie gelacht hat , als sie dies entdeckte , und zu sich selbst gesagt : » Wenn es weiter nichts ist ? « Sie fing ihren Feldzugsplan sehr fein an , sprach von Dir als von einem guten , lieben Mädchen , entfaltete ihr ganzes brillantes Unterhaltungstalent in glänzendster Weise , plauderte , neckte und mokierte sich auf die pikanteste und angenehmste Art der Welt . Und als es ihr gelungen war , als sie sah , daß mich diese sprühende , oft frivole Unterhaltung amüsierte , und ich ihr belustigt zuhörte , da fing sie an , mich auf den Pastor Renner aufmerksam zu machen , zuerst mit ein paar hingeworfenen Worten , so daß ich kaum ahnen konnte , sie seien für mich berechnet . Dann erzählte sie allerliebst komisch eine Szene – wobei sie bewunderungswürdig seinen Gang und seine Sprache nachahmte – wie er Dich anschmachte , und was er sage , und wie sehr sie sich über so eine beginnende Liebe à la Voß ' Luise amüsiere . Zuerst achtete ich nicht darauf , dann kam etwas wie Eifersucht über mich und ich beschloß aufzupassen – möglich , daß man in dieser Leidenschaft alles sieht , was man sehen will . Ich glaubte zu bemerken , daß Du Dich dem jungen Manne gegenüber keineswegs so benahmst , wie es einer Braut zukommt , und daß er geradezu unverschämt war . In meinem Unmut wurde ich kühler gegen Dich , ich nahm öfter meine Zuflucht zu meiner Cousine , saß ganze Abende lang in ihrem Boudoir , während sie im spitzenbesetzten Negligé auf der Chaiselongue ausgestreckt lag , und plötzlich war ich so weit gekommen , daß ich für das schöne kokette Weib eine heiße Leidenschaft fühlte . Zwar zuckte mein Herz im Anfang noch krampfhaft auf , wenn sie mir von Deiner heimlichen Verlobung mit dem jungen Prediger erzählte , aber ein Blick auf das schöne Gesicht ließ es wieder ruhig werden . Offen gestanden , Gretchen , ich habe nie recht eigentlich an Deine Untreue geglaubt , aber ich wünschte mitunter , es möchte der Fall sein , damit ich nicht diese Qual zu ertragen brauchte . Ruth zog mich an sich , wie einen Nachtschmetterling das Licht . Wenn ich bei ihr war , hatte ich alles vergessen , auch Dich , Gretchen ! Und dann sah ich später Deine verweinten Augen , Dein bleiches Gesicht , und war in einer Stimmung , daß ich mir am liebsten eine Kugel vor den Kopf geschossen hätte – so erbärmlich , so ekelhaft kam ich mir vor . Das einfachste wäre gewesen , ich hätte Dich gefragt : Gretchen , liebst du mich noch , oder ist es wahr , was man mir erzählt ? Dann wäre ja alles gut geworden – aber ich wollte nicht , der Bruch mit Ruth wäre unvermeidlich gewesen , und ich konnte nicht leben ohne sie . So ließ ich es gehen – wie mir zumute war , das hat mir wohl jeder ansehen können . So kam ein Abend , an dem ich wieder mit kaum zu bemeisternder Sehnsucht nach Bendeleben geritten war und in das kleine Boudoir Ruths trat . Ich hatte einige Tage vorher einen Brief für Dich an die Schloßgärtnerin abgegeben , er war in einer Anwandlung von Reue geschrieben . Antwort hatte ich darauf nicht erhalten . Ruth lag nicht wie sonst auf dem Sofa , sondern ging aufgeregt , mit blitzenden Augen und leicht geröteten Wangen im Zimmer hin und her . Als ich eintrat , verbarg sie schnell ein Papier in ihrer Tasche . Ich sah sie ganz entzückt an , schöner war sie mir noch gar nicht erschienen als in dieser Aufregung in dem leichten , weißen Hauskleide . Sie schien erfreut , mich zu sehen , und – Gretchen , was soll ich diese Szene ausmalen ! – ich sagte ihr , daß ich sie liebe . Zur Belohnung dafür erzählte sie mir , daß es definitiv gewiß sei , du wärst verlobt mit dem jungen Pastor , allerdings noch heimlich . Ich gestehe , ich erhielt einen Augenblick meine Besinnung zurück , ich starrte sie an , als phantasiere sie . Aber bald fühlte ich eine namenlose Verachtung für Dich , ich war wütend über Deine Untreue und vergaß ganz , daß ich ebenfalls treulos handelte . Eine häßliche , frivole , verzweiflungsvolle Stimmung erfaßte mich , ich konnte der schönen , eben noch so heiß begehrten Frau kein Wort mehr von Liebe sagen , und in beißender Rede ergoß sich meine Laune über sie , über Dich , über jeden , der mit mir sprach . Ich sah Dich dann nachher bei Tische neben dem vermeintlichen Bräutigam und hörte Dich das Lied singen , das Du einst an jenem Abend gesungen hast , wo ich Dir zuerst begegnete . Ich stürzte fort , ich wollte nichts hören und lief wie ein Wahnsinniger in dem dunklen Park umher . Ich verfluchte alle Weiber , ich haßte Ruth , ich haßte Dich noch mehr – da trafen wir uns . Ich höre noch Deine bebende , flehende Stimme , mit der Du meinen Namen riefst . Ich nahm mich gewaltsam zusammen – Du solltest nicht wissen , wie ich litt – und ging anfangs stumm an Dir vorüber , ich wollte Dir zeigen , wie grenzenlos ich Dich verachtete . Ich ritt dann , nach einer stürmischen Szene mit Bergen und dem Onkel , in der Nacht fort wie ein Verrückter , Bergen jagte mir nach – seine Fragen , seine Zusprache machten mich nur noch wütender . Zum Glück war ein Kommando auf einige Monate nach Potsdam zu stellen . Bergen vermittelte , daß ich es übernehmen durfte ; er blieb bei mir bis zur Abreise . Noch vorher kam Dein Brief . Ich warf ihn ungelesen ins Feuer . Bergen ahnte wohl , um was es sich handelte . Er fragte mich auch nach Dir , ich aber antwortete ihm nicht und verließ G. mit zerrissenem Gemüt . Kaum war ich in Potsdam angelangt , so traf bereits ein Brief meiner Cousine ein , dann noch einer und noch einer . Schließlich fand ich Gefallen an den kleinen , eleganten , kapriziösen Billetten . Ich antwortete zuerst nur kurz , dann länger , regelmäßig , und schließlich hatte mich die Schreiberin ebenso bezaubert wie in Person . Diese Briefe waren zuletzt Liebesbriefe in aller Form geworden , und als ich Weihnachten von meinem Kommando zurückkehrte , wußte ich schon , daß mich eine zärtliche Braut erwartete . Onkel und Tante waren hoch erfreut , nur Bergens betrachteten mich mißtrauisch . Hanna mied geflissentlich meine Nähe . Die Wahrheit zu sagen , der Gedanke war mir peinlich , ich könnte Dir begegnen . Ich hatte erfahren , daß Du keineswegs die Braut des jungen Pastors geworden warst . Es dämmerte mir bereits eine Ahnung auf , meine schöne Braut könne ein unredliches Spiel gespielt haben . Doch ein Blick auf diese zierliche Gestalt und dies strahlende Gesicht ließen mich jeden Zweifel vergessen . Einmal erzählte mir der reizende Mund unter allerhand Plaudereien auch von Dir , daß Dein geistlicher Freier sich urplötzlich von Dir zurückgezogen habe . Diese Äußerung zog eine Reihe von Gedanken nach sich . Ich glaubte zuerst , der junge Mann habe vielleicht von unserem früheren Verhältnis Kunde bekommen und sei deshalb zurückgetreten . Dann aber kam mir wie ein blendendes Licht der Gedanke : sie hat ihm einen Korb gegeben ! Ach , Gretchen , welch ein Rätsel ist doch das Menschenherz ! – Ich war treulos , ich liebte mit aller Glut eine andere , und doch , die Vorstellung , Du könntest mich noch lieben , könntest meinetwegen jenen abgewiesen haben , rief ein unsäglich wonniges Gefühl in mir hervor . Diese Vorstellung schwand nicht . Ich horchte mit Eifer auf jedes Wort , was auf Dich Bezug hatte , und dabei rückte die Zeit näher und näher , die mich für immer mit Ruth vereinigen sollte . Manchmal war ich in unbeschreiblicher Aufregung . Es gab Tage , wo ich stundenlang an meinem Schreibtische saß , mit leerem Briefbogen vor mir . Ich wollte an Dich schreiben , Dir sagen , wie alles gekommen , um Aufklärung bitten – und dann schien es mir wieder unmöglich . Ich warf die Feder weg und ging unter die Kameraden . Dort , wo man mich als Bräutigam der schönsten Frau beneidete , wo ich die Fragen nach dem Befinden der Gräfin beantworten , die Komplimente der älteren Offiziere über mein Glück , die begeisterten Reden über Ruths wunderbare Schönheit hören mußte , schalt ich mich selbst einen dummen Teufel und warf mit aller Gewalt die peinigenden Gedanken und Zweifel in den finstersten Winkel meines Herzens . Ich zwang mich , stolz und glücklich zu scheinen . Am andern Tage ritt ich dann zu meiner Braut , und wenn ich sie so vor mir stehen sah in all dem Zauber , dann glaubte ich selbst einen Augenblick , das Glück habe mir seine köstlichste Perle in den Schoß geworfen . Unter solchen Kämpfen und Zweifeln kam der Hochzeitstag . Nun gab es keine Umkehr mehr . – Am Tage vorher war ich in unsere , mit allem erdenklichen Luxus eingerichtete Wohnung , war in Ruths blaues , spitzenduftiges Boudoir getreten und hatte daran gedacht , wie ich mir früher dies alles so anders ausgemalt hatte .