der nicht davon gesprochen wurde , obgleich dort auch mehrere Dameu beim Nachmittagskaffee saßeu . Aeuue sah bleich aus und war sehr still , trotz ihres vorgestrigen neue Triumphes , den sie im Rathaussaal zu Bredenburg errungen haae . Dafür war Papa May aber noch ganz selig über feinen Liebling . Anch hatte Mama May ihr Herz höher schlagen gesühlt , als sie die schöne Dochter auf dem Podium fteheu fah , von nicht euden wollendem [ 243 ]  Beifall umrauscht . Beiuahe fo , hatte sie sich vorgestellt , müsse ihr zu Mute seiu , wenn Aenne in der bis auf den legten Platz besetzten Schloßarche im Atlaskleid uud Schleier vor dem Altar stehe . Und heute , ach , da war Mama Mays augenblickliche Ve . geisterung schon bebeutend herabgestimmt , es war ackes so ganz anders gekommeu , uud nur eine ganz leise Hossnung blieb noch immer - vielleicht saub sich boch einer , ber , leichtsinnig genug , eine Sängerin zur Frau nahm ! Sehr schwach war biese Hoffnung allerbings , denn wenn einer ihrer Söhne mit einer Küustleriu käme - o , sie würde ihn sagen , sie würde ihm den Stanbpnnkt klarmachen ! Lieber gleich hängen ! Ein Glück würbe es ja boch nie . Ach , es ist eine elenbe Welt ! Unb die alte Frau sah , währeud sie in ihrer Kasseetasse rührte , zu einer üppigen hübschen Dame hinüber , bie uebeu Aenne saß , sehr elegant in marineblauen Foularb mit weißen Tüpfelchen gekleibet , und die so beglückt lächelte , als fei Aennes herrliches Dalent ihr eigenes Verdienst . , ,So kommtboch alles einmal an die Sonne , sagte Frau May uoch zwischeu Scherz und Ernft . , ,Ich haae bis vorgestern keine Ahnung bavon , daß Sie , Fräuleiu Hochleituer , mit Aeuue hinter uuserem Rücken verkehrt haben , und ich bachte , ich sähe nicht recht , als Sie beibe nach dem Konzert aus einmal sich in den Armen lagen . Was wirb man nur noch ackes ersahren ! klagte sie senfzeub . Und Fräulein Hochleitner lachte die ganze Donleiter hinauf unb herab . , ,Ach , meine befte Frau Rat , es hat mir ja kau ' Ruh ' ' lassen bis i das Kiuberl aus dem Pobium g ' sehu hab ' . Der Direktor von unserm Theater hat g ^ slucht unbg ' weaert schon nit mehr schön , aber i hab ' halt auf dem Urlaub b ' ftanb.eu. - Gelt , Annerl , ' s is halt ein altes Versprechen ? Ach , und meine beste Frau Rat , fuhr sie fort , als die alte Dame nicht aufhörte , fauer breiuzuschaueu , , , uub jetzt , waun i nur bürft ' , i erzählet Ihnen geru noch ' was , bamit Sie an aubers G ' sicht kriegeteu , zum Beispiel , wie i amal so heiser ' worbn biu , so ganz plötzli , daß i law anzigen Don rausbracht hab ' . Dös war a Remasuri , heilige Muttergvaes - grab ' am Hochzeitstag vom Kerkow is ' g ' wesen . Aenne nickte ihr zu und lächelte wieber . , ,Und wo ' s jetzt so gut ' gangen is , kann i ' s ja eing ' fteh ' n , baß i ' s war , die Ihr Döchterl g ' hetzt und g ' ftoß ' u hat auf die Kuustearrien ! Ro , i beul ' , ba hab ' i bo ' was orbeutlich ' s z ' staub ' bracht ! , ,Ich sockt ' s meiueu , gab Dante Emilie stolz zu , , , beukeu Sie uur , über acht Dage siugen wir in Leipzig im Gewaudhaus . Fräuleiu Hochleitner lachte , daß ihre prächagen Zahnreihen blitzten . , , Siugen wir im Gewaubhaus ! I köuut mi totlacheu - gelt , das Dauterl meiut , wenn sie net babei is , geht ' s nimmer - g ' rab ' wie mein Mntterl ! , ,Ohne Dante könnte sie freilich nicht reisen brummte Frau Rat , , , bas Umhervagabvubiereu gesäckt mir überhaupt am weuig . steu babei . Eigeutlich kauu ' s bir boch auch nicht behagen waudte sie sich an ihre Dochter , , , bist gar nicht so auferzogen , haft boch wahrhafag kein Zigennerblut in bir . Aenne ftanb plötzlich auf und breitete die Arme aus , als wvckte sie davvufaegen aber sie sagte uichts , sie sah nur mit laugem Blick über beu völlig leereu Schloßplatz , auf den eudlos öde der Regen uiederpraffelte . , ,Ia , zu feheu ist hier freilich uichts , seufzte die Rätin , , , aber wenn man sein Hauswefeu hat uud seine Familie , dauu ift ' s doch schöu , überack schöu , und wer das mißachtet - nn ich sag ' nur , ich hoffe , sie kriegt noch ihre Swafe . Aenne sah betroffen die Muaer au . , ,Sie meint die Doui Kerkow , erklärte Dante Emilie . , ,Ah fo ! sagte Fräulein Hochleitner , , , bös fockman wisfn ! Na , meine Meinung is , wenn sich zwei schon nimmer veraag ' n , dann is ' s beffer , das Weltmeer wimmert zwischen ihnen - frei nach Schiller - , ,Es kommt von der Unzufriedenheit , rebete Frau Rat weiter , , , keiner will mehr die Schranken anerkennen , die ihm ge . zogen worden sind , uud das ist der Geift der heuagen Iugeud . Ihr zwei feid auch nicht besser , Sie nicht uud meine Aenne nicht- das ist meine Meinung ! , ,Ra , dös laßl m ' r g ' sacken , lachte Fräuleiu Hochleitner . , ,Was sackt Ihnen denn ein , Frau Rat , daß S ' mit so scharfe Fidschtpfeil ' auf uns schckeßeu ? Wenn i Ihnen auf die verehrten ^ Zecherln ' tret ' n sein sockt ' , thut ' s mir leid , mich können S ' bald los werden , .das Annerl aber hat Ihnen doch kein Steinderl in den Weg g ' worfen , fockt ' i denken - im Gegenteil - , ,Rehmen Sie ' s nicht für ungut , murmelte Frau Rat , , , Sie haben recht . Daun fetzte sie die Tassen ineinander uud ging hinans . , ,Was hat denn die Mutter nur ? sragte Aeuue die Taute . , ,Ach , die alte Geschichte , autwortete diese . , ,Vorhiu ist die kleiue Agues von Obersörsters dagewesen , henlend und schreieud . Fräuleiu von Kerkow ist uatürlich steheuden Fußes zum Bruder hiuausgeeilt , uud die Kiuder drübeu sitzeu wie die Bogel im Rest , deueu die Alte weggesaugen ist . Der Papa habe seiue Vüchse geuommen uud sei trotz des böseuWeaers in den Wald gegangen , gleich nachdem das Fräuleiu sort war , uud der Junge klage über Halsschmerzen - der Herr Rat soll kommen ! , , Lieber Gott , sagte Aenne , , , das ist ja ackes sehr traurig , aber dasür kann ich doch nicht ! , ,Freilich können S dasür , bemerkte Fränlein Hochleitner ärgerlich . , ,.Wenn S ' den Wittiber damals g ' nommen hätt ' n , alsdann wär ' ihm jetzt die Seinige net davon g ' lansem Iessas , kaun denn die Frau Rat dös noch uet vergess ' n ? Sieht s ' deuu immer noch uet ein daßdüs Kind zu ' was Höherem b ' stanmtist ? , , Seien Sie nur gut , Liebste , beschwichagte Aeuue die Er . zürute . , ,Die Dreuuung von mir liegt meiner alten Mutter schou wieder im Sinn und macht sie uuwirsch . Ich werd ' eiumal mit ihr reden ! Sie ging die alte Frau sucheu uud saud sie eudlich weiueud am Feuster sitzen . , ,Mamn bat das Mädchen .. , ,sei doch gut , laß doch die alten Geschichten , ich möchte so geru noch ein paar friedliche Stunden zu Hanfe verleben ! Sieh ' mal , ich kann gar nicht so froh her . denken von draußeu , wenn ich dich hier so hab ' weinen fehen . , ,In ja , s ^ gte die Mutter .. , ,es hilft ja auch nichts - haft recht . Aber ich - uud wieder schüttelte sie der Schmerz , , , ich verwiud ' ' s uicht , ich kann mich nicht hiueinfmden in die neu . modischeu Ansichten mir ist ^ s , als müßte sich ' s Herz umdrehen weuu dich tauseud Augen so augasseu . Du bist mir zu gut dazu , uud ich schäme mich für dich und bin froh , daß ich ' s nicht mit anznfehen branche , das Bänkelfängerleben . , ,Dn bist nugerecht , ^ sagte Aeuue verletzt . , ,Reiu , ueiu - ich habe dich nur lieb , ich möchte dich vor ackeu Euttäuschungen behüteu uud bewahren uud ich fag ' , daß es ein Uuglück ift , daß du damals den Günther nicht nahmst , für dich uud für ihu ! Da sitzeu uuu die Würmer ackein uud er läuft aus Verzweiflung im Wald umher . , ,Sei ' mal vernünftig , Mntter , bat Aenne , vor ihr nieder . knieend . , ,Ich gebe dir das Versprechen , wenn ich einmal einen Mann lieb haben werde , dann nehme ich ihn - aber nur dann . Und den Günther hatte ich nicht lieb , verftehft du ? , ,Doch ! Doch ! Hast ' s nur selbst nicht gewußt . Und die Schlauge im Paradiese ist die Hochleituer gewefeu , die hat dir dummes Zeug eingeblasen - wahrhafag , ich könnte ihr dafür etwas anthun ! , ,Du armes , kleines , rabiates Mntterl , sagte Aenne uud ftreichelte fie . , ,Ach du ! Ich möchte dich so geru beruhigeu , aber wie sock ich ' s deuu beginnen ? Ich vermag ' s nicht , mir ist das Herz selbst so schwer . Komm , sei gut , wir köuueu auf dieser Welt uicht alle desfelbeu Glückes teilhaftig werdeu , uud wir wockeu recht daukbar sein daß ich solch ein großes , ungewühuliches habe . Siehft du , ich freue mich fo , daß Papa uun wieder ein Glas Wein wird winken könueu , feiueu geliebteu griechischeu Weiu , den er bisher immer von der Frau Herzogiu zu Weihuachteu bekam , wie heißt er doch gleich ? Richag - Mavrodaphue ! Daß du feruer uicht mehr so zu rechueu brauchst mit der Wirachaftskaffe , daß ich deu Vrüderu ein weuig helfeu kauu , das ackes wäre mir uumöglich , weuu ich als FrauGüuther da uebeuau fäße , Mutter- nicht wahr ? , ,Ia , an andere denkst du ! , ,Das ist auch ein Glück . , ,Aber nicht deines ! rief die alte Frau , von neuem auf . schluchzeud , uud preßte den Kopf des Mädcheus in ihren Schoß . , ,Richt deines ! Und du wirft immer Sehufucht habeu und - und - ihre Stimme erfackte in Dhräueu . Ach , Aeuue verftaud die Mutter so gut ! , ,Macht mir ' s doch nicht so schwer ! murmelte sie uud drückte sich fefter an die Weiueude . [ 244 ]  Nuu war der Sommer vorübergezogen uud der Herbst ge . kommeu , ein öder , regeuuasfer , früher Herbft . Verlaffeuer deun je schaute Schloß Breiteufels aus das stille Städkcheu herab ^ wäre nicht das eiufame Licht hoch drobeu im Erkerzimmer fo regelmäßig aufgefprüht fedeu Abeud , nichts hätte mehr barau eriuuert , daß es bewohut fei . Der Herzog hatte in diefem Jahre auch die Jagdeu abbestellt , er weilte in Eauues mit feiuem bruft . kraukeu Sohu , uud die Patrioteu des Herzogtums Breiteufels faßeu abeuds an ihrem Stammasche uud redeteu von der Zeit , wo sie preußisch werden würdeu . Soust war alles beim alten , nur die besahrte Hofdame war geftorbeu , an eiuem der letzteu heißeu Augusttage hatte sie der Tod ereilt . Nach der üblicheu Frist war sie dauu mit allem von ihr gewüuschteu Pomp be . grabeu wordeu druuteu aus dem Kirchhof . Aber uichk da , wo alle buut durcheiuander lageu , wie sie gerade starbeu , ueiu , Frau vou Gruber haae ihre letzteu Sparpseuuige dazu bestimmt , au der Mauer beerdigt zu werdeu , in welche eine wappeugeschmückte Saudfteiutafel über dem Hügel eiugelaffeu wurde . Gauz , ,de . plaeiert wollte sie auch im Tode uichk seiu , wenn ihr gleich eiust die Familiengruft verkauft wordeu war mitsamt dem Stammschloß ! Bei dem Begräbuis hatteu die Breiteufelfer den Schloßhaupt . manu zum letzteumal gefehew daß er überhaupt noch lebte , das merkte man nur noch daran daß seine Lampe dork oben über ihnen brannte . - Auch der Oberförster sah Abeud für Abeud das Licht . Er faß läuger deuu je in feiuer Stube uud ging nicht mehr in der Dämmerung zu feiueu Kindern , um sie fiugen zu hören . sie faugen auch nicht wehr , es war ja uiemaud da , der ihnen dazu fpielte ! Mitunter überkam den großen ftarkeu Mann eine wahnsinnige Angst uud Uuruhe , eine Ungeduld , ein Zoru , der ihu ungerecht machte gegen seiue Umgebung , gegen sich felbft , fo daß er die Mütze von der Waud riß uud hinauslief , ftnudeulaug wie fouft auch , nur daß er nicht mit Friedeu im Herzeu heimkehrte , der Wald haae seine beruhigeude Sprache für ihn verloreu . Mitteu aus dem Rauschen aus dem seierlicheu Flüsteru .glaubte er dauu plötzlich eine ruhige , klare Fraueustimme zu .hören , wie er sie tausendmal gehört während der letzten Jahre . Und er stierte aus die Wege , als köuute er dort den Abdruck eiues schmaleu Fraueusußes entdecken , wie er ihn vor seiner Hausthür gesuudeu an jeuem Abeud , da sie zu ihm kam , um sein ver . waiftes Hanswesen zu überuehmen . Und wenn er heimkehrte , müde uud abgefpauut , dauu öffuete er reiu mechauisch die Thür der Wohufwbe uud schaute uach dem Feustertrat , auf dem eiue feine Gestalt sonst gesessen , die Iüngste neben sich - da aber ftand der leere Stuhl . Und die Uhr an der Waud tickte auch uicht , und die Blumeu am Feufter hiugen die Köpfe . In den Ecken oder am Dach lümmelten müßig die Kinder umher oder balgteu sich im Garteu , uud die Hunde hatten es sich wieder be . guem gemacht auf dem Sofa uud fuhren scheu mit eiugezogener Rute an ihm vorüber , obgleich er nicht daran dachte , sie zu ftrafen . Er feufzte nur uud uahm der Aeltefteu das Buch fort , au dem sie sich einen roteu Kopf geschmökert hatte , uud hieß fie mit barscheu Worteu , sich um die Geschwister kümmeru . Dauu ging er in seine Stube , wo er sich vor feiueu Arbeitsasch setzte , aber nichts arbeitete . Er hakte hier so geru geweilt , uameutlich zu der Zeit , als er sein Hauswefeu in Zucht und Ordnung wußte , uud nie hatte er daran gedacht , daß es anders werden könnte , so ein thörichter alter Patron war er gewesen ! Run war es anders geworden , und der Doktor May hatte zu ihm gefagt , er müffe wieder eine Dame haben , ob seine Frau ihm eine engagieren falle ? Die Kinder verkämen ja reinweg ! Nein , nein , er wallte es nicht , er könnte keine andere da fitzen fehen auf dem Platz am Feufter ! Es müßte fa gehen , es müßte ! Oftern würde die Agnes konfirmiert , dann komme ihr auch wohl der Verstand mit dem Amte . - Merkwürdig , daß Hede Kerkow nie wieder heruuterge . kommen war ! Die Kinder ließ sie sich zwar znweileu hiuauf . holeu , uud dann kamen sie ordentlich gekämmt uud ausgeflickt wieder . Er felbft hätte es nicht gemerkt , aber . die Karo . liue sagte es , uud die Karoliue schickte dauu auch höchft uu . geuiert die zerriffeueu Höscheu , Röckcheu uud Strümpfe der wilden Raugen durch Agues zu Fräuleiu Kerkow , deun dazu habe sie keine Zeit , behauptete sie ^ uud seit ein paar Dagen stieg das Iüugste jedeu Morgen um zehu Uhr hiuaus uud wurde vou Daute Kerkow in der Kuust des Lesens uud Rechuens weiter uuterrichtet , das heißt , es machte seine Schulaufgaben droben uuter ihrer Aufficht , wie bisher in der Kinderftube nuten , nur beffer . Heute war des Oberförsters Geburtstag . Er selbft hatte uicht darau gedacht , aber der Strauß Afteru und buuter Wald . blätter , der auf dem Kaffeeasch staud , eriuuerte ihn daran , uud ebeuso die seierlicheu erwartungsvolleu Gesichter der Kiuder , deren jedes sein Berscheu sagten Tante Kerkow hatte sie dieselben gelehrt . Es ward ihm sonderbar zu Mut , uud der Dauk wollte uicht recht aus der Kehle . Er mußte an die Geschichte mit Aeune ^ denken . - - Einmal in seinem Lebeu war ein Sturmwind über ihn gebraust , hatte ihn in heißer Leideuschast geschüttelt uud gebeugt , uud da ^ ^ ueiu , das würde er uie verwinden , das würde ein wnnder Fleck bleiben zeitlebens ! Und neben diesen Erinnerungen her lief ein anderes Gefühl , etwa als kühle ein linder Hauch diesen wuudeu Fleck , daß er ihn zuweileu doch vergeffen kouute , uud der Hauch ging aus von dem Walteu , dem bescheidenen , faft unsichtbareu Walteu eiues gebildeten , verständnis . vollen Wesens , das ein Zufall ihm ius Haus geführt , das wie der gute Geist selber in seinen vier Pfähleu geherrscht hatte ! Es war iknn der Gedauke uie gekommen , sie zu fesselu für immer , kam ihm auch heute uicht , er häae nicht den Mut ge .. habt , die Haud uach der Edeldame auszuftreckeu - er verehrte sie audächag , aus der Ferue , als guten Engel feines Hanfes . Und nuu , feit sie ihn verlassen wuchs ihm ein sonderbares , starkes Verlangen in die Seele hinein , daß er nichts denken konnte als das einet ohne sie geht es gar nicht , ist es kein Leben ! Und er sah sie beständig da drüben wieder sitzen am Fenster , die Kinder um sich - es war zum Verzweiselu , reiu zum Verzweifelu ! Er lachte über sich und schüttelte den Kopf , daß die Kinder verwuudert aufhorchteu uud sich mit den Ellbogen saeßeu ob des Vaters souderbareu Wefeus . Und dann fuhr er aus seiuem Brüteu empor uud strich dem stämmigen Bubeu über den Kops . , ,Nuu , was kann ich euch deuu heute Gutes thuu , damit ihr merkt , daß mich eure Gedichte erfreut habeu ? Sie faheu sich uutereiuauder an uud schwiegeu . , , Wollt ihr Ehokolade uud Brezelu ? Die Karoliue soll fie euch uachmittags briugen . Sie schüttelten dieKöpse , uud die beideu Iüugfteu drängten sich an die Aelteste und der Junge wifperte ihr etwas zu . , ,Tante Hede soll wiederkommeu , wir habeu solche Sehn sucht uach ihr ! platzte der laugausgeschoffeue Backfisch eudlich los uud die Thräueu schoffeu ihm in die blaueu Augen . , ,Wir haben Sehnfucht ! echoten die beiden anderen , und der Iunge erklärte altkluge , , ' s ist ja gar kein Leben mehr , das hat Karline auch gefagt ! Der Oberförfter ftaud auf uud trat von feiuem Häuflein fort , er mochte sie nicht feheuiu ihrem kiudlicheu Iammer . , Tante Hede muß den kleinen Heini jetzt pflegen , der hat keine Muaer mehr , sagte er gepreßt . , ,Wir habeu auch keine Mama , rief die Iüugfte schmolleud . , ,Aber ihr feid nicht die Berwaudteu der Taute ' , der Heini ist ihr Neffe uud ist krauk , das wüßt ihr bedeuten , ,Weuu sie nicht wieder kommt , werde ich aber auch krauk ! trotzte der Junge . , ,Vielleicht scheukt uns die Taute einen Nachmittag uud trinkt Kaffee mit uus ! Geht alle Drei hiuauf uud biaet fie darum , schlug er vor . Und die Eile , mit der sein Vorschlag ausgeführt wurde , ließ ihn trübe lächeln Er versolgte die Kiuder , am Feufter fteheud , mit feinen Blicken ^ sie sprangen den Schloßberg hinaus , wie losgelaffeue Füllen uud er ftaud da uoch , als sie wiederkamen mit hängenden Köpfen . Und er , der Vierzig . jährige , hatte Herzklopfen wie ein Gymnasiast ^ Sie fingen alle Drei zngleich an zu reden , ,Sie kommt nicht , Vater , Taute kann nicht - hier ist ein Brief , Vater ! , ,Sie will nicht ! dachte er niedergeschlagen - aber war . um ? Er nahm das Schreiben uud ging hinüber in seine Stube . Ihre Vifiteukarte fiel ihm eutgegeu , unter zierlich geftocheuem Wappeu der Namet Hedwig von Kerkow , uud dazu geschriebeut , ,wüuscht herzlich Glück zum heuagen Tage ! Hätte sie doch lieber gar nicht gratuliert ! dachte er uud das Blut schnß ihm in die Stiru . Er legte das Blättchen auf die Spiegelkousole uud rückte uäher zu feiueu Bücheru und Papieren , um sich in die Arbeit zu vertiefeu . Die Aelteste trat [ 246 ] nach einer ganzen Weile herein und schlich zu ihm . „ Tante Hede sagt , sie wäre selbst gekommen , aber sie kann leider nicht fort ; sie hat gerad ’ den Diener schicken wollen mit der Karte . “ „ So , so ! “ nickte er . „ Ich kann euch nun nicht helfen ihr müßt eure Chokolade ohne Tante trinken . “ „ Vater , ich glaube , Heini muß sterben , “ begann das Kind von neuem , „ Tante Hede sah so blaß aus und war so traurig ! “ „ Erzählte sie euch das ? “ „ Nein - ich denke nur so . Und sie hat uns alle geküßt und gesagt , wir sollten sehr artig sein heute . “ „ Dann seid es nur auch , “ mahnte der Oberförster . „ Zur Chokolade komme ich hinüber , heute nachmittag . “ Das Kind ging . Der Vater warf die Feder fort und starrte vor sich hin . Hatte er ihr eigentlich etwas zuleide gethan ? Er grübelte und grübelte , aber er fand nichts . - Sie hatte fort gewollt , und er hatte als ehrlicher bescheidener Mensch seine Wünsche den ihrigen nachgesetzt . Nicht einmal zu sagen hatte er gewagt . „ Das geschieht mir zu großem Leid ! “ Er hatte einfach gesprochen : „ Wenn das so liegt , darf ich Sie nicht zurückhalten . “ Er kam gar nicht darauf , der gute einfache Mensch , daß seine Bescheidenheit mißverstanden werden konnte . Also er fand nichts , er glaubte nur , sie habe ihren alten Stolz hervorgesucht ; nun , da es ihr möglich war , wieder standesgemäß zu leben , und - - na ja die Pflege des kranken Würmchens . - Den Nachmittag vergaß er die festliche Chokolade und mußte erst geholt werden . Und die Kinder mochten das Getränk nicht , denn Karoline hatte es anbrennen lassen , Mariechen warf ihre Tasse um und begoß sich von allen Seiten ; es war kalt uud ungemütlich im Zimmer und der Junge heulte über Zahnschmerzen . Der Oberförster verlangte Karoline zum Heizen . Die Aelteste ging in die Küche , um diesen Wunsch des Vaters zu melden , die vielgeplagte Karoline aber war schlechter Laune und schimpfte entsetzlich , daß sie vom Auswaschfaß fort sollte , es sei eine heillose Wirtschaft jetzt im Hause , und sie könne das bald nicht mehr aushalteu , und wenn einer Witwer sei und habe Gelegenheit zum Heiraten und er thue es dann nicht , so sei das man - „ dumm ! “ Und der droben könne ja eine Pflegerin halten für sein krankes Kind . Wenn seine Schwester die Frau Oberförsterin nun schon wäre , dann hätte er sie ja auch nicht können so ganz einfach hier wegholen und hätte sich eine andere suchen müssen . So ’ ne Wirtschaft , wie die Wirtschaft jetzt hier sei , das wär ’ ja , um auf die Bänme zu klettern ! Der Backfisch kam ganz blaß wieder ins Wohnzimmer . Sie stand zuerst hüstelnd umher , setzte sich dann auf den verlassenen Fensterplatz und betrachtete ihren Vater , der , die eine Hand auf dem Rücken , mit der andern den leise weinenden Jungen führend , auf und ab schritt , als sähe sie ihn in ihrem Leben zum erstenmal . „ Vater , “ sagte sie endlich , „ Karoline ist böse auf dich . “ „ So ? Warum denn ? “ „ Sie sagt , du hättest Tante Kerkow man heiraten sollen , dann wäre die ganze Ravage nicht . “ Er stand plötzlich still und starrte das Kind an ; eine jähe Röte war in sein Gesicht geschossen und er hatte eine heftige Antwort auf der Zunge . Aber er beherrschte sich , ließ den Jungen los und ging mit wuchtigen Schritten aus dem Zimmer . [ 261 ] „ Einer nach dem andern , “ sagten die Leute in Breitenfels ; „ von der alten Garde oben im Schloß ist nächstens keiner mehr da ! “ Nun war auch der alte Medizinalrat an die Reihe gekommen . In der Adventszeit hatte er die müden Augen geschlossen . „ Ein schöner Tod ! “ sagten die Leute auch . Der alte Herr war vormittags noch auf dem Schlosse gewesen bei dem kleinen Kerkow , hatte sich nach dem Mittagsessen auf das Sofa gelegt , und als er gar so lange geschlafen , war die Frau Medizinalrat hinübergekommen , um ihn zu wecken . Aber er schlief so fest , der wackere Mann , daß ihn weder der thränenlose Schrei der Frau , noch der Jammer der jungen Magd aufzuwecken vermochte . Ein Kollege hatte an die Kinder telegraphiert , und Hede Kerkow war heruntergekommen vom Schloß und die Nacht über bei der ganz gebrochenen alten Frau geblieben . Ob sie denn abkommen könne , hatte der Oberförster sie gefragt , der am andern Morgen erschien , um sich zu erkundigen , ob er irgend etwas thun könne für die alte Frau , und um sich zu entschuldigen , daß er nicht gestern bereits gekommen , er habe jedoch erst heute die Trauerkunde erfahren , da er gestern nicht daheim gewesen sei . „ O ja ! “ hatte Hede geantwortet , gleichgültig und kurz . Sie sahen sich seit langer Zeit zum erstenmal wieder , es war in der Eßstube der Frau Rat , die wie ein Steinbild im Lehnstuhl saß und nur von Zeit zu Zeit fragte . „ Wie [ 262 ] spät ist es denn ? “ Aenne sollte um zwei Uhr auf der Station eintreffen . Der Oberförster sah Hede Kerkow scheu von der Seite an . Das trübe Licht des Dezembertages zeigte ihm ein ganz verändertes , vergrämtes Gesicht , die heitere wohlthuende Ruhe war verschwunden es lag etwas Gespanntes darin auch die Bewegung der Hand – sie strich wie gedankenlos die Rechte der alten Frau , die schlaff über die Lehne des Stuhles hing – war nervös . In diesem Augenblick erschien das Mädchen und meldete , es könne keinen Wagen auftreiben , um das Fräulein abzuholen ; alles sei zur Holzauktion und die feinen Kaleschen hätten Ballfuhren auf den Abend . „ Ich werde es Heinz sagen , Frau Rätin , sein Wagen kann fahren , “ erklärte Hede Kerkow . „ Ach Gott , “ jammerte die alte Frau , „ giebt es denn keinen der sich erbarmt und sie darauf vorbereitet , daß ihr Vater schon tot ist ? Sie weiß ja nur , daß er schwer erkrankte ! “ „ Doch , Frau Rätin , ich will mitfahren , “ Hede nahm ihren Mantel wieder um und ging . – Heinz lehnte im Sofa und las ein Aktenstück , das Erkenntnis des Gerichtes – seine Ehe war geschieden ! Heini , der einen größeren Fahrstuhl bekommen hatte , saß , von Polstern unterstützt , aufrecht und malte mit der linken Hand Buchstaben auf eine Schreibtafel , die rechte konnte der kleine Kerl nicht gebrauchen . Hede trug kurz ihre Bitte vor , und der Bruder bestellte sofort das Anspannen . „ Möchtest du das arme Mädchen nicht abholen ? “ fragte Hede , nachdem der Diener gegangen war , „ ich fühle mich so abgespannt , “ setzte sie zögernd hinzu . In Wahrheit wollte sie ihn aufrütteln aus seiner Lethargie . „ Fräulein May abholen ? Ich ? – Nein ! eine Frau versteht es besser , derartige Mitteilungen zu machen . – Ich – ich bitte dich , verlange das nicht ! “ antwortete er . Er starrte sein Aktenstück wieder an , verschloß es dann in seinen Schreibtisch , ergriff eine Zeitung und begann zu lesen . So that er immer , wenn er allein zu sein wünschte . „ Verzeih ’ mir ! “ murmelte sie , strich noch einmal über Heinis Blondhaar und verließ das Zimmer . Heinz sah sie abfahren vom Fenster aus , aber er dachte kaum noch an den traurigen Zweck dieser Fahrt . Er war ein ganz gebrochener , fast stumpfsinniger Mensch geworden – und das wußte er selbst am besten , er – für den es nur noch ein Lebenswertes auf der Welt gab , das Kind . Von heute an war er ein freier Mann , aber er wußte nichts mehr anzufangen mit dieser Freiheit . Und wenn er auch die Energie noch gehabt hätte – das Kind durfte er doch nicht mit hinausnehmen in das ungewisse Leben , in die weite Welt