, aber es fand sich nichts ; endlich gab er sich zufrieden , aber er sah sehr traurig aus . ‚ Weißt Du , Heinrich , ‘ meinte er dann , ‚ das ist mir ein recht harter Verlust ; fünfzig Thaler gebe ich Dir , schaffst Du mir das Herz wieder , ‘ und dann nahm er Hut und Stock , denn er trug immer Civil , wenn er hier war , und sagte , er habe noch einen Gang vor in den Park , ehe er den Damen seine Aufwartung mache ; na , ich wußte ja schon , wo er hin wollte . Mir gingen nun die fünfzig Thaler im Kopf herum , Herr Lieutenant , und so fing ich denn wieder an zu suchen und zu suchen , aber es war nichts , und dann nahm ich das Licht und ging in die anstoßende Schlafstube , und wie ich drinnen bin , da ist ’ s mir , als ob ich nebenan die Thüre gehen höre , so leise und sacht , wie nur möglich , und wie ich rasch wieder hineintrete in die Wohnstube , da pralle ich zurück , denn da steht die Sanna drinnen und schrickt zusammen . Wissen Sie , Herr Lieutenant , ich bin jetzt alt geworden und ruhiger , aber damals konnte ich das hagere Weibsbild mit den kalten grauen Augen , dem schwarzen Haar und der gelben Gesichtsfarbe nicht ausstehen ; es war immer ein falsches Geschöpf , und darum fahr ich sie in drei Teufels Namen an und fragte , was sie hier zu suchen habe . ‚ Die gnädige Frau wollen wissen , ‘ sagte sie , ‚ wann Baron Fritz zurückkehrt ? ‘ Sie nannte mich immer Enrico dazumal ; denn sie war stolz auf ihre italienische Abkunft . ‚ Wo ist der Herr Baron ? ‘ forschte sie noch einmal . ‚ Scheeren Sie sich zum Kukuk ! ‘ schrie ich sie an , ‚ und spioniren Sie nicht ! Ich weiß nicht , wo er ist , ‘ und damit wollte ich sie hinausschieben . ‚ Horch ! ‘ sagte sie , und wie ich still bin , da hören wir vom Dorfe drunten die Glocken läuten , daß wer gestorben ist ; sie fing an sich zu bekreuzigen und ein Ave Maria zu sprechen , ich schob sie aber doch hinaus : ‚ Machen Sie das draußen ab ! Verstehen Sie ? ‘ und da drehte sie sich vor der Thür um und sagte : ‚ Wissen Sie , Enrico , wer da gestorben ? Des Lumpenmüllers Lisett ist ’ s. ‘ Lumpenmüllers Lisett ! Ich erschrak , daß ich zitterte ; heiliger Jesus , was wird Baron Fritz sagen ? war mein erster Gedanke ; er ging so lustig , so glücklich zu ihr – und nun todt , das schmucke junge Blut ! Es war eine Pracht , Herr , wenn man das Mädel sah ; ob Sie jetzt des Lumpenmüllers Lieschen , wollt ’ sagen des Herrn Barons Braut ansehen oder ihre Großtante , es ist fast dasselbe ; wie aus den Augen geschnitten ist Lieschen ihr . Und wie ich noch so dastand , zog ein Sturm heran , daß sich die Bäume bogen , und um die alten Mauern krachte es und heulte es in allen Tonarten . Baron Fritz kam nicht und kam nicht , und mittlerweile wurde das Wetter immer schlimmer und schlimmer , und es war gerad ’ , als ob der Orkan den Thurm umreißen [ 854 ] wollte ; das Auge konnte in der Dunkelheit keinen Gegenstand unterscheiden , so sehr ich mich auch anstrengte und das Gesicht an das Fenster preßte . Die Schloßuhr hatte schon Zehn geschlagen , und immer noch kehrte er nicht zurück . Herr , es war eine furchtbare Nacht ! Auf einmal flog die Thür auf , und als ich mich umwandte , da sahen meine entsetzten Augen den Baron Fritz – er stand schon mitten im Zimmer , und zu seinen Füßen lag bleich und zerzaust die tolle Fränzel und hielt die Hände zu ihm empor in angstvollem Flehen . ‚ Bitte meine Schwägerin , Heinrich , ‘ sagte er mit tonloser Stimme , sie möge einen Augenblick sich herbemühen ! Ich flog zur Thür , Herr Lieutenant , ich wußte , es war etwas Schreckliches geschehen , als ich die gebrochene Gestalt des Mädchens sah , und als ich die Thür aufriß , da stand die Frau Baronin – Ihre Frau Großmutter – draußen und wollte herein . Sie wich zurück , als sie ihren Schwager erblickte ; einen Augenblick zuckte es wie jäher Schreck durch ihre Glieder , und sie verbarg rasch etwas in der Tasche ihres Kleides , aber dann schritt sie scheinbar ruhig in das Zimmer hinein . Herr Lieutenant , eine schönere Frau hat ’ s wohl kaum gegeben , wie sie war , als sie so dastand in dem langen weißen Nachtkleide , die schwarzen Locken halb aufgelöst und mit ihren großen dunklen Augen in dem blauen Antlitze , wie ein Engel der Unschuld gegen das arme winselnde Geschöpf an der Erde . ‚ Mio caro amico , ‘ rief sie dem Baron zu , ‚ was soll das ? ‘ und zeigte wie verwundert mit der Hand auf die Fränzel . ‚ Kommen Sie herein , Frau Schwägerin ! ‘ erwiderte er rauh . ‚ Geh ’ , Heinrich , und schließ ’ die Thür ! ‘ – Jetzt erst wendete er mir das Gesicht zu – Herr , ich war damals ein strammer wilder Bursch , aber ich habe gezittert , so sah er aus – die Augen schienen eingesunken ; das junge blühende Gesicht war alt und verfallen im wahnsinnigen Schmerze , und um den Mund zuckte es wild wie in furchtbarem Zorne . In meinem Leben vergesse ich nie den Anblick und die Todesangst , die ich empfand , als ich die Thür hinter der Baronin schloß ; mir klapperten die Zähne vor Aufregung , und ich blieb wie gebannt auf dem Corridor stehen . Die Sanna schlich auch herzu , und so standen wir Beide da und wagten nicht zu athmen . Zuerst war es unverständlich , was sie da drinnen sprachen , man hörte nur die weiche Stimme der gnädigen Frau und dazwischen das Schluchzen der Fränzel , aber dann vernahmen wir die Donnerworte des Herrn Barons deutlich draußen ; Mörderin nannte er die Baronin und verfluchte sie und sein Haus ; ich stand stumm und starr , und dann flog die Thür plötzlich auf , und die Baronin stürzte hinaus und floh wie ein verfolgtes Wild den Corridor entlang und die Treppe hinab ; schrecklich sah sie aus , und da unten schlang sie , wie nach einem Halt suchend , die Arme um die Säule und glitt bewußtlos zu Boden ; ich sehe sie noch vor mir , die weiße zusammengesunkene Gestalt , und wie Sanna ihr schreiend folgte und sie auf ihren Armen davontrug . Und fast in demselben Momente wurde die Fränzel hinausgestoßen und der Herr Baron stand in der Thür : ‚ Mein Pferd ! ‘ befahl er mit heiserer Stimme , und als ich hinunter eilte , lief eben die Fränzel aus der Halle , die Hände vor dem Gesichte , in die Nacht und das Sturmtoben hinaus . Ich führte dem Herrn Baron sein Pferd vor ; er schwang sich hinauf mit seinem bleichen verzerrten Gesichte – das arme Thier ; es bäumte sich hoch auf – so preßte er ihm die Sporen in die Seiten , dann sauste er davon , daß ich meinte , es müsse ein Unglück werden . Und da kam er plötzlich zurück ; ich stand noch in Wind und Wetter auf den Stufen der Freitreppe und horchte , wie das Trappeln des Pferdes näher kam . Er warf mir ein Geldstück zu . ‚ Höre , Heinrich , ‘ sagte er , ‚ geh ’ Du zu meiner alten Mutter und ich lasse ihr Adieu sagen ; mich sieht sie nimmer wieder – ‘ Das Letzte verstand ich kaum noch ; der Sturm verwehte es wohl , oder brach seine Stimme in Weinen , ich weiß es nicht ; er gab mir die Hand , und dann war er fort , Herr , und ist nie mehr wiedergekommen . – Die Fränzel aber , die sah ich noch einmal ; sie lag dort drüben auf dem Platze unter den alten Bäumen auf den Knieen , und als sie ihn fortreiten sah in die finstere unheimliche Nacht , da schrie sie so gellend auf , daß ich hinüber lief . Und da , Herr , fand ich eben ein armes unglückliches Geschöpf , das sich in Reue und Leid verzehren wollte , und da merkte ich auch , daß sie nicht so schlecht war , und ich tröstete sie in ihrem Jammer – nun , damals hat sie mir erzählt , daß der Baron Fritz und die schöne Lisett hatten getrennt werden sollen und daß sie gestorben , weil sie hat glauben müssen , er sei ihr untreu , und – das ist Alles , was ich weiß . “ „ Du meinst , Heinrich , daß meine Großmutter wirklich – “ Die Stimme des jungen Mannes klang gepreßt . „ O Herr , mir kommt es nicht zu , etwas Böses von meiner Herrschaft zu glauben ; ich habe ja keine Beweise , daß Baron Fritz ein Recht hatte zu den schrecklichen Flüchen , aber das weiß ich genau , daß die Frau Baronin mit ihm schon längere Zeit nicht gut stand , weil – nun , er hatte sich einmal in ihre Angelegenheiten gemischt ; dann war sie auch grausam stolz ; sie hätt ’ um keinen Preis des Lumpenmüllers Lisett als Schwägerin anerkannt , und darum – Herr Lieutenant – nichts für ungut ! Ich darf es ja wohl sagen ; ich habe Sie ja in der Wiege liegen und Sie heranwachsen sehen . Nehmen Sie es mir nicht übel – die Lieschen – “ „ Ist meine Braut , Heinrich – “ „ Herr , ich weiß es , und hab ’ mich gefreut , als ich Sie Beide sah , wie ich nicht geglaubt hab ’ , daß ich mich noch einmal freuen würde – ach , Herr , halten Sie Ihre Braut hoch und lassen Sie sie nicht aus den Augen ! Es kann Einem angst werden um so ein junges Menschenkind hier oben im Schlosse ; verzeihen Sie mir , Herr Baron ! Es hat mir beinah ’ das Herz abgedrückt , Ihnen dies zu sagen ; sie hat so viel Aehnlichkeit mit der Lisett , besonders ganz dieselben Augen , just so blau und tief und klar , und ganz denselben Ausdruck darin . Solche Augen , die vergißt man nicht . Gott schenk ’ ihnen nur Freudenthränen ! “ Die Stimme des Alten war bewegt , als er nun hinausschritt , und das „ Gute Nacht “ klang nur noch undeutlich in die Ohren Army ’ s ; er achtete auch nicht darauf – vor seiner Seele standen sie eben auch , diese blauen Kinderaugen , aber so schmerzlich , so bang und unsagbar traurig , wie er sie heute Abend gesehen . „ Dieselben Augen , “ wiederholte er halblaut , „ derselbe Ausdruck ! “ aber er sah zu dem Bilde der schönen Agnese Mechthilde hinüber . Das Licht war tief herabgebrannt ; es flackerte nur dann und wann noch unsicher auf und die rothen üppigen Haare verschwammen undeutlich in der matten Beleuchtung , die zwei dunklen traurigen Augen indeß schauten aus dem blassen Gesichte unverwandt zu dem jungen Manne herüber , so leidversunken , so bang , als suchten sie ein verlorenes Glück . Das waren sie ja , die Augen , an welche er vorhin beim Aussteigen aus dem Wagen hatte denken müssen – die Augen der schönen Agnese Mechthilde ! 18. Am folgenden Morgen ging Army nach der Mühle ; sein Schwiegervater hatte eine Unterredung mit ihm gewünscht . Lieschen sah er nicht , die Muhme , die aus der Küche kam und ihm die Thür zu des Hausherrn Zimmer öffnete , antwortete ihm auf seine Fragen , daß das junge Mädchen noch schlafe , und ein Bischen Ruhe würde wohl nöthig sein und gut thun , wenn Eins so die ganze Nacht geweint habe . Ueber seinem Gesicht lag ein tiefer Schatten , als er in das Zimmer seines Schwiegervaters trat ; er hatte sich gesehnt nach Lieschen ’ s Anblick seit dem gestrigen Abend , und der Gedanke , daß sie die ganze Nacht geweint , fiel ihm schwer auf ’ s Herz . Er mußte einige Augenblicke warten . Herr Erving war drüben im Comptoir , und unwillkürlich flogen seine Blicke durch den Raum ; es war ein behagliches Gemach mit seinen dunklen Tapeten , den grünen Möbeln und Vorhängen ; auf einem massiven Schreibtische stand ein Portrait ; es war eine Photographie Lieschen ’ s aus der Kinderzeit ; das liebliche Gesichtchen blickte so naiv schelmisch in das Leben hinaus . Er nahm das Bild empor , um es genauer zu besehen , und hielt es noch in der Hand , als jetzt Herr Erving eintrat . In dem Gesichte des stattlichen Mannes lag ein Ausdruck , den es sonst nicht bot , von Sorge und Abgespanntheit ; er mochte kaum geschlafen haben diese Nacht . „ Verzeihen Sie , daß ich Sie warten ließ ! “ begann er das Gespräch , den jungen Manne die Hand reichend . „ Nehmen Sie Platz ! “ bat er , „ und lassen Sie uns gleich zu unserer Angelegenheit übergehen ! – Ich werde nicht viel unnütze Worte machen , “ fuhr er dann fort und schob sich einen Sessel an den Tisch . „ Zuvörderst denke ich , wir [ 855 ] reisen Beide in Ihre Garnison , um dort die Angelegenheiten zu arrangiren ; alsdann reichen Sie das Abschiedsgesuch ein – Sie dürfen es mir nicht verdenken , daß ich dies so bestimmt verlange ! Sie ist mein einziges Kind “ – seine Stimme bebte bei diesen Worten – „ und ich will sie wenigstens in meiner Nähe , unter meinem Schutz behalten . “ Army verbeugte sich zustimmend , aber das Blut stieg ihm siedend heiß in die Wangen . „ Ich verlange nichts Unbilliges , “ fuhr Jener fort . „ Sie wissen , daß meine Familie in früheren Zeiten von der Ihrigen einen ansehnlichen Theil der umliegenden Ländereien käuflich erworben hat . Nun ist Lieschen unser einziges Kind , und ich habe mit meiner Frau überlegt , daß es das Beste scheint , Sie werden wieder , was Ihre Väter waren , nämlich Herr auf Derenberg . Ich habe bereits heute früh an Hellwig geschrieben wie die Dinge stehen , und ihn zu einer Conferenz mit mir nach S. bestellt , hauptsächlich zu dem Zwecke , um zu versuchen wie viel wir von den Ländereien Ihres Stammgutes , die ohnehin in keineswegs guten Händen sind , wieder erwerben können , um sie dem Ganzen hinzuzufügen ; hoffentlich wird es zum größten Theile gelingen . Von Ihnen erwarte ich dafür , daß Sie sich – – “ er brach plötzlich ab ; dann trat er zum Schreibtische und suchte zwischen Papieren umher . „ Ich habe nicht leichten Herzens mein Jawort gegeben , “ wandte er sich wieder zu dem jungen Manne und seine Stimme klang weich und leise , „ denn ich fürchte , daß meine Tochter vielen Demüthigungen entgegen geht , aber sie wollte es nicht anders . – Ich kenne Sie eigentlich nur aus Ihrer Kindheit , denn als junger Mann haben Sie mein Haus nicht mehr betreten , aber das Wenige , was ich von Ihnen weiß , ist nicht gerade der Art , Ihnen mein Vertrauen rückhaltlos zu schenken . Sie sind bis jetzt getreulich in die Fußstapfen Ihrer Frau Großmutter getreten , die in Leuten meines Standes tief untergeordnete Geschöpfe sieht ; Ihre Vorfahren – das weiß ich – dachten anders . Ich habe Ihnen jetzt das Liebste gegeben , was wir , meine kränkliche Frau und ich , auf der ganzen Welt besitzen , und dafür fordere ich , daß Sie mein Kind beschützen und hoch halten ; ich will nicht , daß es von Ihrer Frau Großmutter so behandelt wird , wie Ihre unglückliche Mutter ; dieses Versprechen kann ich von Ihnen verlangen , und Sie sollen es mir jetzt geben ; sobald ich Thränen in den Augen meines Kindes sehe , mache ich Sie verantwortlich dafür . Werden Sie es versprechen können , Alles thun zu wollen , um mein Kind vor dem Hochmuthe jener Frau zu schützen ? “ Er hielt ihm die Hand hin . Am liebsten wäre Army dem Manne um den Hals gefallen ; Derenberg sollte wieder ihm gehören , sein schönster Traum wahr werden ! Und doch lag ein drückender Alp auf seiner Freude . „ Lieschen soll es nie bereuen , daß sie mich vor einer dunklen Zukunft rettete , “ erwiderte er , als seine Hand in der Erving ’ s lag , „ ich werde sie zu schützen wissen in jeder Weise – auch vor meiner Großmutter ; ich muß sofort zu ihr . “ Ein rascher , forschender Blick Erving ’ s glitt über das Gesicht des jungen Mannes vor ihm ; dieser schien ruhig , nur seine Augen blitzten erregt . „ Lassen Sie sich nicht fortreißen ! “ ermahnte ihn der ältere Mann und legte die Hand aus die Schulter Army ’ s , „ sie ist und bleibt die Mutter Ihres Vaters und das Alter soll man ehren . Ich verlange weiter nichts , als daß sie meinem Kinde nicht weh thut , im Uebrigen mag sie handeln , wie sie will . Also Ruhe , Army , hören Sie wohl ? Sie ist eine alte Frau . “ Es war das erste Mal , daß er den jungen Officier beim Vornamen anredete . Fast gerührt sah dieser zu ihm auf ; das war der Mann , von dem er einst in thörichtem Stolze gesagt hatte , er könne nicht unter seinem Dache verkehren , und jetzt sorgte er für ihn wie ein Vater ; ihm verdankte er jetzt Alles , Alles , seine ganze Zukunft . „ Gehen Sie jetzt , Army ! “ mahnte er , als dieser seine Hand ergriff und sie wortlos drückte , „ und heute Nachmittag reisen wir . Gehen Sie – und noch einmal – Mäßigung ! “ Er ging wie im Traume ; dort oben am Ende der Allee tauchte das Schloß auf und das mächtige wappengeschmückte Portal . Er heftete einen Moment seine Blicke darauf , er kam sich heute so klein vor , so erbärmlich . Er richtete den Kopf hoch , und ein Zug von Entschlossenheit lag auf seinem Gesicht , als er jetzt die Stufen der Treppe emporschritt , die zu dem Zimmer seiner Großmutter führte . Da kam ihm Nelly entgegengelaufen ; ihre Augen leuchteten wie Sonnenschein . „ Wie geht es Lieschen , Army ? “ fragte sie und schlang , auf einer Stufe stehend , beide Arme um seinen Hals . Er schaute ihr in das lachende Gesicht . „ Willst Du mir einen Gefallen thun , Kleine ? “ fragte er , und strich ihr die Locken aus der Stirn . Sie nickte eifrig . „ Dann geh ’ zu ihr – ja ? Aber bald , gleich , und sage ihr , ich lasse sie grüßen und sie soll nicht mehr weinen , ich ließe sie sehr bitten darum – hörst Du ? “ Er machte eilig ihre Händchen los und wandte sich ab ; als er einen erstaunten , fragenden Ausdruck in ihren Zügen las , rief er zurück : „ Geh ’ nur bald ! und bleib ein wenig bei ihr ! Ich habe jetzt mit der Großmama zu sprechen . “ – Aus dem Corridor huschte Sanna an ihm vorbei ; ihr Gruß war etwas schnippisch . „ Kann ich die Großmama jetzt sprechen ? “ fragte er . „ Ich war schon zweimal in Ihrem Zimmer , Herr Baron , “ erwiderte sie , „ die Frau Großmama wartet mit Ungeduld . “ Er ging rasch an ihr vorüber und trat ein . Die alte Dame saß auf ihrem gewöhnlichen Platze am Kamin ; sie grüßte flüchtig mit dem Kopfe und wies auf einen Sessel . „ Du hast mich lange warten lassen , “ sagte sie . „ Ich hatte eine nothwendige Unterredung mit meinem zukünftigen Schwiegervater , “ erwiderte er , Platz nehmend , „ er war so gütig , mir die Pläne für unsere Zukunft mitzutheilen . “ „ Das Experiment ist also doch geglückt ? “ fragte sie , seine eigenen Worte gebrauchend . „ Nun , jedenfalls habt Ihr die Ringe noch nicht gewechselt ; es läßt sich also über die Sache noch reden . “ Er machte eine ungeduldige Bewegung . „ Du erlaubst doch , daß ich Dir noch ein paar Worte sagen darf ? “ fragte sie . Army verbeugte sich leicht und heftete seine Blicke plötzlich auf ein Briefblatt , das die schlanken Finger seiner Großmutter hielten ; er kannte dieses starke cremefarbige Papier , und auf einmal schoß ihm das Blut siedend heiß zum Herzen . „ Zuerst , “ begann die alte Dame und nahm von dem neben ihr stehenden Tischchen ein zweites Blatt , „ ist hier ein sehr liebenswürdiges Schreiben des Herzogs ; er wünscht Deine Verhältnisse kennen zu lernen und verspricht mir , in jeder Weise sich für Dich zu interessiren ; es ist das ein Versprechen , dessen Tragweite Du hoffentlich zu würdigen verstehst ; Deine Stellung als Officier ist gesichert , Deine Carriere zweifellos . “ Sie sah ihn forschend an . „ Mein Rath ist der , Du endigst diese lächerliche Farce da unten in der Mühle und reisest sofort nach S. ab . “ „ Großmama , “ erwiderte er ruhig , „ das kann unmöglich Dein Ernst sein . “ „ Er ist es – gewiß ! “ versicherte sie ; „ Du bist mit vollen Segeln in die obscursten Verhältnisse hinein gerannt , und ich möchte Dich daraus in standesgemäßere retten . “ „ Standesgemäßere ? “ fragte er , „ schwerlich ; die Verhältnisse , in die ich trete , sind die besten , die es giebt . “ „ Vielleicht als Compagnon des Herrn Schwiegervaters – Lumpenmüller Numero Zwei ! Nicht wahr ? “ „ Bitte Großmama , brechen wir das Capitel ab ! Ich werde nie mein Wort zurücknehmen , selbst wenn mich Dein Vorschlag verlocken könnte – um so weniger aber , da ich ganz und gar keine Lust verspüre , zurückzutreten . “ „ Dann gehe ich aus dem Hause ! “ rief sie gereizt , „ noch ehe Deine Frau den Fuß hineinsetzt . “ „ Es sollte mir leid thun , Großmama , Du könntest mit ein wenig Güte so vieles gut machen ; freilich wenn Du – “ „ Es ist doch besser , daß ich gehe , meinst Du ? “ fragte sie . „ Gut , Army , ich will es auch ; sieh hier , da ist ein Ausweg . “ Sie hielt ihm den crêmefarbenen Brief vor die Augen ; er erkannte die zierlichen Schriftzüge seiner treulosen Braut , unwillkürlich trat er zurück . „ Blanka ? “ fragte er tonlos , „ sie schreibt an Dich ? “ „ Weißt Du , was sie mir schreibt ? Sie bittet mich , sie auf einer Reise nach Italien zu begleiten , weil der Oberst dienstlich verhindert ist , mitzugehen . Am liebsten würde ich ihr diesen Wisch mit den süßschmeichelnden Worte in ’ s Gesicht schleudern [ WS 2 ] [ 856 ] aber unter diesen Verhältnissen giebt ’ s keinen andern Ausweg ; ich nehme ihr Anerbieten an . “ „ Du wolltest – Du könntest das ? Du könntest zu ihr gehen , die mich betrogen hat , Großmama ? “ fragte der junge Mann und faßte nach ihrer Hand . „ Es bleibt mir nichts Anderes übrig ; ich mag nicht mit jenen Leuten dort unten Gemeinschaft haben ; ich will es nicht , und ich thue es nicht , “ beharrte sie . „ Dann ist es freilich besser , Du gehst , “ sagte er leise und wandte sich um . „ Das ist also der Dank für all meine Liebe ! Das ist die Erfüllung aller Hoffnungen die ich auf Dich gesetzt hatte ! “ stieß sie hervor . Incredibile ! „ Wenn ich mir denke , Du dort unten im Comptoir auf dem Schreibstuhl des Herrn Schwiegervaters ! “ fuhr sie athemlos fort , „ schreibend und Geschäftsbücher führend , Du , der Du die Aussicht auf eine glänzende Carriere so unsinnig um die Ohren schlägst – “ „ Ich müßte auch zufrieden sein , hätte mir mein Schwiegervater den Schreibstuhl angewiesen , aber er hat es besser mit mir gemacht , Lieschen bringt mir als Mitgift unser altes Familiengut zu , ich werde wieder Herr auf Derenberg sein . “ Er hatte langsam gesprochen und jedes Wort betont . Sie wandte sich mit einem Ruck herum ; ihre großen Augen sahen wie verschleiert zu ihm herüber , als glaube sie seinen Worten nicht . „ Theuer genug erkauft ! “ stieß sie dann mühsam hervor . „ Wieso ? “ „ Weil Du unaufhörlich an eine Frau gekettet sein wirst , die Deine Standesgenossen über die Achsel ansehen , und endlich , die Du nicht liebst , nie lieben wirst ! “ „ Wer sagt Dir das ? “ fragte er , und ein feines Lächeln spielte um seinen Mund , „ sollte das Letztere so unmöglich sein ? Ich dächte , Du wüßtest das Gegentheil aus eigener Erfahrung . Denke doch an den verschollenen Großonkel Fritz und die schöne Lisett ! – “ Die alte Dame antwortete nicht ; sie setzte sich mit einer heftigen Bewegung in den Lehnstuhl zurück , und ihre Finger zerknitterten den Brief Blanka ’ s , aber ihr Gesicht war bleich geworden , so bleich , wie die Spitzen ihrer Haube . „ Mein Schwager hat nie daran gedacht , jenes Mädchen zu heirathen , “ sagte sie endlich , „ darauf hin muß ich ihn in Schutz nehmen , es war so eine Liebschaft , wie Cavaliere sie zu Dutzenden zu haben pflegen ; die Kenntniß dieser Geschichte sollte Dich erst recht von dem unsinnigen Gedanken abhalten , ein Mädchen aus jenem Hause zu Deiner Frau zu machen ! “ „ O nicht doch , im Gegentheil ! Wenn mich etwas in meinem Beschluß noch bestärken konnte , so war es dies , ich mache dadurch in Etwas gut , was sinnloser Hochmuth und unedle Rache einst verbrach . “ „ Diese dunklen Andeutungen sind mir gänzlich unverständlich , “ unterbrach sie ihn , und erhob sich erregt , „ der Bruder Deines Großvaters war ein Mensch , der keine Direction über sich hatte , der ein lockeres , leichtsinniges Leben führte – er ist verkommen , Gott weiß wo ? Er war ein Heuchler , der seine frivolen Gesinnungen unter der Maske eines biederen ehrenwerthen Exterieurs vortrefflich zu verbergen wußte ; es thut mir leid , daß Du Dir eine Legende aufbinden ließest , in welcher dieser moralisirende Husarenofficier sammt jener Lisett die Rolle der Heiligen spielt . – Aber deshalb gerade , weil bereits einmal solch unpassende Beziehungen angeknüpft waren zwischen uns und Jenen dort unten , Beziehungen , die – Gott sei Dank ! – durch ein höheres Einsehen zerrissen wurden , deshalb wiederhole ich Dir , werde ich nun und nimmermehr das Mädchen als Deine Braut betrachten , nun und nimmermehr ihr je meine Hand reichen , und bestehst Du auf Deinen Willen – gut , so gehe ich – ich weiß jetzt wohin “ – sie hob den Brief Blanka ’ s empor ; „ und obgleich es mir schwer wird , diesen Schritt zu der zu thun , die Dich betrog , ich ziehe ihn doch vor gegenüber der Aussicht , mit dieser Person in einem Hause zu leben . “ Ihre Lippen bebten , und ihre Augen funkelten im Zorn . „ Gut , so geh ’ , Großmama ! Es thut mir leid , daß es so kommt , aber Du hättest das vollste Recht , zu sagen , ich sei kein Mann , ich sei ein weichlicher Träumer , dem das bischen Unglück den Arm gelähmt hat – wenn ich meinen Entschluß änderte ; ich kann es nicht als Mann von Ehre , ich will es nicht , weil ich nicht so thöricht sein werde , eine ganze Zukunft voll Glück von mir zu werfen . “ „ Du selbst heißest mich gehen ? “ fragte die alte Dame athemlos . „ Nein , Großmama , am liebsten sähe ich , daß Du in meinem Hause friedlich weiter lebtest , aber da Du mich vor die Wahl stellst : Dich oder sie – so kann ich nur aus vollster Seele sagen : ‚ meine Braut ! ‘ “ Er hatte laut gesprochen , und die Worte hatten einen ehrlichen , freudigen Klang . „ Gut , “ erwiderte sie , „ ich gehe , und wenn Du auf den Knieen vor mir lägest und Ihr Alle zusammen händeringend flehtet , ich sollte bleiben , ich werde dennoch gehen . Es ist schändlich ; es ist unerhört – “ Sie riß mit zitternder Hast an der Glockenschnur und begann verschiedene Fächer ihres Schreibtisches auszuziehen ; Briefe , Kästchen , kleine Schachteln flogen in wirrem Durcheinander hinaus . „ Meine Reisekoffer , “ befahl sie der