zusammen am andern Ende der Gallerie , unterhielten sich mit lieblicher und gedämpfter Lebhaftigkeit und stiegen dann , fast so geräuschlos , wie ein heller Nebel den Hügel hinunterrollt , die Treppe hinab . Ihr vereintes Erscheinen hatte einen Eindruck von vornehmer Eleganz in mir zurückgelassen , wie ich ihn noch nie empfunden . Ich fand Adele beschäftigt , durch die Thür des Schulzimmers zu blicken , die sie ein wenig geöffnet hatte . „ Was für schöne Damen ! “ rief sie in englischer Sprache . „ O ! ich wollte , ich könnte zu ihnen gehen . Glauben Sie nicht , Herr Rochester werde uns nach der Mittagstafel rufen lassen ? “ „ Nein , das glaube ich in der That nicht ; Herr Rochester hat etwas Anderes zu bedenken . Laß die Damen nur für diesen Abend : vielleicht wirst Du sie morgen sehen : hier ist etwas für Dich zu essen . “ Sie war wirklich hungrig , und das Hühnchen und die Torten dienten eine Zeitlang dazu , ihre Aufmerksamkeit zu beschäftigen . Es war gut , daß ich mir diese Lebensmittel zu verschaffen gesucht , sonst würden wir und Sophie , der ich einen Theil unseres Vorrathes überbrachte , wohl gar Nichts zu essen bekommen haben , denn unten war Alles zu sehr beschäftigt , um an uns zu denken . Das Dessert wurde erst um neun Uhr aufgetragen , und um zehn liefen noch die Bedienten mit Kaffeetassen hin und her . Ich erlaubte Adelen , viel länger als gewöhnlich aufzubleiben , denn sie erklärte , sie könne nicht schlafen , während die Thüren unten beständig , auf- und zugemacht würden , und die Leute beständig umherliefen . Ueberdies , fügte sie hinzu , könne möglicherweise eine Einladung von Herrn Rochester kommen , und wie Schade , wenn sie dann schon ausgekleidet wäre . Ich erzählte ihr Geschichten , so lange sie zuhören wollte , und nahm sie dann zur Abwechselung in die Gallerie . Die Lampe in der Vorhalle war jetzt angezündet , und sie unterhielt sich damit , über das Treppengeländer zu blicken und die Diener hin- und hergehen zu sehen . Als die Nacht schon weit vorgerückt war , hörten wir Musik im Gesellschaftszimmer , wohin man das Pianoforte gebracht hatte . Adele und ich setzten uns auf die oberste Stufe der Treppe , um zuzuhören . Augenblicklich vereinte sich eine Stimme mit den vollen Klängen des Instruments : es war eine Dame , welche sang , und ihre Töne waren sehr lieblich . Auf das Solo folgte ein Duett , und ein heiteres und freudiges Gemurmel der Unterhaltung füllte die Pausen aus . Ich horchte lange und entdeckte plötzlich , daß mein Ohr beschäftigt war , die gemischten Töne zu unterscheiden , und unter der Verwirrung die Stimme des Herrn Rochester zu erkennen . Dies war bald geschehen , und dann fand es weitere Beschäftigung , die Töne , die durch die Entfernung undeutlich wurden , in Worte umzubilden . Die Uhr schlug elf . Ich sah Adele an , die ihren Kopf an meine Schulter lehnte ; ihre Augen wurden schwer , und ich trug sie in meinen Armen zu ihrem Bette . Es war fast ein Uhr , ehe die Herren und Damen in ihre Zimmer gingen . Der nächste Tag war ebenso schön , wie der vorhergehende , und die Gesellschaft hatte ihn zu einem Ausfluge nach einem benachbarten Landsitze bestimmt . Sie machten sich am Vormittag früh auf den Weg . Einige waren zu Pferde und die Uebrigen im Wagen , und ich beobachtete ihre Abfahrt und Rückkehr . Wie vorher war Miß Ingram die einzige Reiterin , und wie vorher galoppirte Herr Rochester an ihrer Seite . Beide hatten sich ein wenig von den Uebrigen getrennt . Auf diesen Umstand machte ich Mistreß Fairfax aufmerksam , die mit mir am Fenster stand . „ Sie sagten , es wäre nicht wahrscheinlich , daß sie daran dächten , sich mit einander zu verheirathen , “ sagte ich ; „ aber Sie sehen , wie Herr Rochester sie offenbar den andern Damen vorzieht . “ „ Ja , ohne Zweifel bewundert er sie . “ „ So wie sie ihn , “ fügte ich hinzu ; „ sehen Sie nur , wie sie ihren Kopf zu ihm hinneigt , als ob sie sich sehr vertraut mit ihm unterhielte ! Ich wollte , ich könnte ihr Gesicht sehen ; ich habe es bisher nicht beobachten können . “ „ Sie werden sie diesen Abend sehen , “ antwortete Mistreß Fairfax . „ Ich machte zufällig gegen Herrn Rochester die Bemerkung , wie sehr Adele wünsche , bei den Damen eingeführt zu werden , und er sagte : O ! lassen Sie sie nach der Tafel in das Gesellschaftszimmer kommen , und bitten Sie Miß Eyre , sie zu begleiten . “ „ Ja – er sagte das aus bloßer Höflichkeit ; ich bin gewiß , ich sollte nicht gehen , “ antwortete ich . „ O nein ; ich sagte ihm , Sie wären nicht an Gesellschaft gewöhnt , und ich dächte , Sie würden nicht gern vor einer so vornehmen Gesellschaft erscheinen , die Ihnen ganz fremd wäre ; da antwortete er auf seine rasche Weise : Unsinn ! wenn sie Einwendungen macht , so sagen Sie ihr , es wäre mein ausdrücklicher Wunsch , und wenn sie sich widersetze , würde ich zur Strafe kommen und sie holen . „ Ich will ihm nicht diese Mühe machen , “ antwortete ich . „ Ich will gehen , wenn es nicht anders sein kann , aber es gefällt mir nicht . Werden Sie dort sein , Mistreß Fairfax ? “ „ Nein , ich entschuldigte mich , und er nahm meine Entschuldigung an . Ich will Ihnen sagen , wie Sie es machen können , um die Verlegenheit eines förmlichen Eintritts zu vermeiden , was das Unangenehmste bei der ganzen Sache ist . Sie müssen in das Gesellschaftszimmer gehen , so lange es noch leer ist , und ehe die Damen die Tafel verlassen , wählen Sie sich Ihren Sitz in einem ruhigen Winkel , der Ihnen gefällt ; und wenn Sie nicht wollen , dürfen Sie nicht lange nach dem Eintritt der Herren da bleiben ; machen Sie nur , daß Herr Rochester sieht , daß Sie da sind , und schleichen sich dann fort – Niemand wird es beachten . “ „ Glauben Sie , daß diese Leute lange bleiben werden ? “ „ Vielleicht zwei oder drei Wochen , gewiß nicht länger . Nach den Osterferien muß Sir George Lynn , der kürzlich zum Parlamentsmitglied für Millcote erwählt ist , in die Stadt gehen und seinen Sitz einnehmen . Ich denke , Herr Rochester wird ihn begleiten , denn es wundert mich , daß er sich schon so lange in Thornfield aufgehalten . Mit einigem Beben sah ich die Stunde herankommen , wo ich mit meiner Schülerin im Gesellschaftszimmer erscheinen sollte . Adele war den ganzen Tag über in Entzücken verloren gewesen , nachdem sie gehört , daß sie am Abend den Damen solle vorgestellt werden , und erst , als Sophie sie anzukleiden begann , wurde sie ruhiger . Jetzt machte die Wichtigkeit dieser Handlung sie sogleich gesetzter , und als ihre Locken wohlgeordnet und geglättet waren , als sie ihr rothseidenes Kleid , ihre lange Schärpe und ihre Spitzenhandschuhe anhatte , sah sie so ernsthaft aus , wie ein Richter . Es war nicht nöthig , sie zu warnen , ihre Kleidung nicht zu verderben , denn als sie angezogen war , setzte sie sich ehrbar auf ihren kleinen Stuhl , trug Sorge , ihren seidenen Saum aufzuheben , um ihn nicht zu zerdrücken , und beruhigte mich auf diese Weise , daß sie nicht eher aufstehen werde , als bis ich bereit sei . Dies war schnell geschehen : mein bestes Kleid – das silbergraue , welches ich mir zu Miß Temple ' s Hochzeit gekauft und seitdem nicht wieder getragen – war bald angezogen ; mein Haar bald gemacht und mein einziger Schmuck , die Tuchnadel mit der Perle , bald angesteckt . So gingen wir hinunter . Zum Glück war noch ein anderer Eingang zu dem Gesellschaftszimmer , als durch den Speisesaal , wo sie Alle bei der Tafel saßen . Wir fanden das Zimmer leer ; ein großes Feuer brannte still in dem marmornen Kamin , und Wachskerzen schimmerten in heller Einsamkeit unter den ausgesuchten Blumen , womit die Tische geschmückt waren . Der karmoisinrothe Vorhang hing vor dem Bogen : so leicht die Scheidewand war , die diese Draperie zwischen der Gesellschaft im anstoßenden Salon bildete , so konnte man doch von ihrer Unterhaltung Nichts weiter , als ein gedämpftes Gemurmel vernehmen , da sie leise sprachen . Adele , die noch immer unter dem Einflusse des feierlichsten Eindrucks war , setzte sich , ohne ein Wort zu reden , auf einen Fußschemel nieder , den ich ihr angewiesen . Ich zog mich in eine Fenstervertiefung zurück , nahm ein Buch von einem Tische und versuchte zu lesen . Adele rückte ihren Schemel zu meinen Füßen hin und berührte bald darauf mein Knie . „ Was ist , Adele ? “ „ Darf ich nicht eine von diesen prächtigen Blumen nehmen , Mademoiselle ? nur um meine Toilette vollständig zu machen . “ „ Du denkst zu viel an Deine Toilette , Adele ; aber Du sollst eine Blume haben . “ Und ich nahm eine Rose aus einer Vase und befestigtes sie an ihrem Gürtel . Sie seufzte vor unaussprechlicher Wonne , als sei der Kelch ihres Glückes jetzt voll . Ich wendete mein Gesicht ab , um ein Lächeln zu verbergen , welches ich nicht unterdrücken konnte ; es lag etwas Lächerliches und zugleich Schmerzliches in dem Ernst und der angeborenen Ehrfurcht , womit die kleine Pariserin die Angelegenheiten der Toilette betrachtete . Ein leises Geräusch des Aufstehens wurde jetzt hörbar ; der Vorhang des Bogens wurde zurückgeschlagen , durch welchen , sich das Speisezimmer zeigte , dessen angezündeter Kronleuchter Licht auf das Silber und Glas eines prächtigen Dessertservice niedergoß , womit ein langer Tisch bedeckt war . Eine Gruppe von Damen stand in der Oeffnung ; sie traten ein , und der Vorhang fiel hinter ihnen . Es waren ihrer nur acht ; aber als sie hereintraten , erschien mir ihre Anzahl viel größer . Einige von ihnen waren sehr groß , die meisten weiß gekleidet , und Alle hatten eine Fülle von Putz an sich , wodurch ihre Personen vergrößert wurden , wie ein Nebel den Mond vergrößert . Ich stand auf und verneigte mich gegen siez Einige nickten mir wieder zu , die Andern aber starrten mich nur an . Sie zerstreuten sich im Zimmer , und erinnerten mich durch die Leichtigkeit und den Schwung ihrer Bewegungen an eine Schaar weißgefiederter Vögel . Einige warfen sich in halb liegender Stellung auf die Sophas und Ottomanen , Einige neigten sich über die Tische und betrachteten die Blumen und Bücher ; die Uebrigen sammelten sich in einer Gruppe um das Feuer , und Alle sprachen in leisem aber deutlichem Tone , der ihnen zur Gewohnheit geworden zu sein schien . Ich erfuhr später ihre Namen , und kann sie eben so gut jetzt gleich erwähnen . Zuerst will ich Mistreß Eshton mit ihren beiden Töchtern erwähnen . Sie war offenbar ein schönes Frauenzimmer gewesen und hatte sich noch gut conservirt . Amv , die ältere von ihren Töchtern , war ziemlich klein , naiv und kindlich von Gesicht und Benehmen ; ihr weißes Mousselinkleid und ihre blaue Schärpe standen ihr gut . Louise , die zweite , war von größerer und eleganterer Gestalt , mit einem sehr hübschen Gesicht von jener Classe , welche die Franzosen minois chiffonne nennen . Beide Schwestern waren weis wie Lilien . Lady Lynn war eine große , rüstige Person von etwa vierzig Jahren , sehr gerade , sehr stolz aussehend und mit einem prächtigen changirenden seidenen Kleide angethan . Ihr dunkles Haar schimmerte glänzend unter dem Schatten einer blauen Feder innerhalb der Umkreisung einer Schnur von Edelsteinen . Die Oberstin Dent war weniger scheinend , doch schien sie mir mehr das Ansehen einer feinen Dame zu haben , als Alle . Sie hatte eine schlanke Gestalt , ein sanftes Gesicht und blondes Haar . Ihr schwarzes Atlaßkleid , ihre Schärpe von kostbaren fremden Spitzen und ihr Perlenschmuck gefiel mir besser , als die Regenbogenstrahlen der betitelten Dame . Aber die drei ausgezeichnetsten Personen – zum Theil vielleicht , weil sie den höchsten Wuchs von der Gruppe hatten – waren die verwittwete Lady Ingram und ihre Töchter Blanca und Maria . Alle Drei waren von der höchsten weiblichen Statur . Die Wittwe mochte zwischen vierzig und fünfzig sein : ihre Gestalt war noch schön : ihr Haar , wenigstens bei Kerzenlicht , noch schwarz , und auch ihre Zähne schienen noch vollkommen zu sein . Die meisten Leute würden sie für das Muster einer Frau ihres Alters gehalten haben , das war sie auch in , physischer Hinsicht ohne Zweifel ; aber es lag ein Ausdruck unerträglichen Stolzes in ihrem Wesen und Gesicht . Sie hatte römische Züge und ein doppeltes Kinn , welches in einen Hals , wie ein Pfeiler , überging : aber diese Züge schienen mir nicht nur von Stolz aufgeblasen und verdunkelt , sondern sogar gefurcht , und nach demselben Grundsatz wurde das Kinn fast übernatürlich ausrecht getragen . Sie hatte auch ein zorniges und strenges Auge , welches mich an das der Mistreß Reed erinnerte ; sie sprach mit vollem Munde ; ihre Stimme war tief , die Betonung pomphaft und gemessen – kurz , ganz unerträglich . Sie war mit einer Robe von rothem Sammet und einem Shawlturban von golddurchwirktem indischen Stoffe , wie sie ohne Zweifel dachte , mit wahrhaft kaiserlicher Würde bekleidet . Blanca und Maria waren von gleicher Statur – gerade und hoch wie Pappeln . Maria war zu schmächtig für ihre Größe , aber Blanca war wie eine Diana gebildet . Ich betrachtete sie natürlich mit besonderem Interesse . Für ' s Erste wünschte ich zu sehen , ob ihre Erscheinung mit der Beschreibung der Mistreß Fairfax übereinstimme : zweitens , ob sie einem Bilde gleiche , welches ich in meiner Phantasie von ihr entworfen ; und drittens – es muß heraus ! – ob sie eine Person sei , sie meiner Ansicht nach dem Geschmacke des Herrn Rochester entsprechen konnte . Hinsichtlich ihrer Person entsprach sie in jeder Hinsicht meinem Bilde und der Beschreibung der Mistreß Fairfax . Die edle Büste , die zierlich abfallenden Schultern , der graziöse Hals , die dunklen Augen und schwarzen Ringellocken waren alle da — aber ihr Gesicht ? — ihr Gesicht glich dem ihrer Mutter ; dasselbe jugendliche ungefurchte Bild , dieselbe niedrige Stirn , dieselben hinaufgezogenen Gesichtszüge , derselbe Stolz . Es war indessen kein so finsterer Stolz , denn sie lachte beständig ; doch ihr Lachen war satirisch , und dies war der gewohnte Ausdruck ihrer gewölbten und übermüthigen Lippe . Man sagt , daß das Genie selbstbewußt ist : ich kann nicht sagen , ob Miß Ingram ein Genie war , aber selbstbewußt — auffallend selbstbewußt war sie in der That . Sie ließ sich mit der sanften Mistreß Dent in eine Unterredung über Botanik ein . Mistreß Dent schien diese Wissenschaft nicht studirt zu haben , obgleich sie sagte , sie liebe die Blumen , besonders die wilden ; aber Mistreß Ingram hatte hierin Studien angestellt , und sie durchlief ihr ganzes Wörterverzeichniß mit gelehrter Miene . Ich bemerkte sogleich , daß sie Mistreß Dent mit ihrer Unwissenheit aufzog : ihr Aufziehen mochte witzig sein , aber es war offenbar nicht gutmühig . Sie spielte : ihr Vortrag war brillant : sie sang : ihre Stimme war schön ; sie sprach allein mit ihrer Mutter französisch . sie sprach es gut , mit Geläufigkeit und gutem Accent . Maria hatte ein milderes und offneres Gesicht , als Blanca , auch sanftere Züge und eine etwas weißere Haut Miß Ingram war dunkel wie eine Spanierin aber es fehlte Marien an Leben : ihr Gesicht entbehrte des Ausdrucks , ihr Auge des Glanzes ; sie wußte Nichts zu sprechen , und wenn sie einmal ihren Sitz eingenommen , hielt sie sich ruhig , wie eine Statue in einer Nische . Beide Schwestern waren in fleckenloses Weiß gekleidet . Nur hielt ich jetzt Miß Ingram für eine solche Wahl , wie Herr Rochester sie wahrscheinlich treffen werde ? Ich konnte es nicht sagen — ich kannte seinen Geschmack in Betreff weiblicher Schönheit nicht . Wenn er das Majestätische liebte , so war sie das Urbild der Majestät : überdies war sie talentvoll und geistreich . Ich dachte , die meisten Herren müßten sie bewundern , und davon , daß er sie bewundere , glaubte ich schon einen Beweis zu haben : um den letzten Schatten des Zweifels zu entfernen , mußte man sie nur noch beisammen sehen . Du darfst nicht die Vermuthung hegen , lieber Leser , als sei Adele diese ganze Zeit über bewegungslos auf dem Schemel zu meinen Füßen sitzen geblieben nein , als die Damen eintraten , stand sie auf , ging ihnen entgegen , verneigte sich stattlich und sagte mit Ernst : „ Bon jour , mes dames . “ Miß Ingram blickte mit ihrer spöttischen Miene auf sie nieder und rief : „ O ! welch eine kleine Puppe ! “ Lady Lynn bemerkte : „ Es ist vermuthlich Herrn Rochester ' s Mündel — das kleine französische Mädchen , von der er gesprochen . “ Mistreß Dent reichte ihr freundlich die Hand und küßte sie . Amy und Louise Eshton riefen zugleich : „ Welch ein Engel von einem Kind ! “ Und dann führten sie sie zu einem Sopha , wo sie jetzt zwischen Beiden saß und abwechselnd französisch und gebrochen englisch plapperte , die Aufmerksamkeit nicht nur der beiden jungen Damen , sondern auch der Mistreß Eshton und der Lady Lynn in Anspruch nahm und nach Herzenslust gehätschelt wurde . Endlich brachte man den Kaffee und rief die Herren herein . Ich sitze im Schatten — wenn in diesem glänzend erleuchteten Zimmer ein Schatten zu finden ist — und der Fenstervorhang verbirgt mich halb . Wieder öffnet sich der Eingang . Das vereinte Eintreten der Herren , gleich dem der Damen , ist sehr imposant : sie sind alle schwarz kostümirt ; die meisten von ihnen sind groß und einige jung . Heinrich und Friedrich Lynn sind sehr feine junge Männer , und Oberst Dent ist ein schöner , kriegerisch aussehender Mann . Herr Eshton , das Parlamentsmitglied für die Grafschaft , hat ein vornehmes Wesen : sein Haar ist ganz weiß , seine Augenbrauen und sein Bart noch schwarz , was ihm das Ansehen eines guten Familienvaters auf dem Theater verleiht , und Lord Ingram ist gleich seinen Schwestern sehr groß und schön wie sie , theilt aber das zerstreute und theilnahmlose Wesen seiner Schwester Maria : er scheint mehr Länge der Glieder , als Lebhaftigkeit des Bluts oder Stärke des Gehirns zu haben . Und wo ist Herr Rochester ? Er kommt zuletzt : ich blicke nicht nach dem Bogen , und doch sehe ich ihn eintreten . Ich richte meine Aufmerksamkeit auf die Stricknadeln und die Maschen der Börse , die ich stricke — ich wünsche nur an die Arbeit zu denken , die ich in Händen habe , nur die Silberperlen und die Seidenfäden zu sehen , die in meinem Schooße liegen , und doch erblicke ich deutlich seine Gestalt , und erinnere mich unwillkürlich des Augenblicks , wo ich sie zuletzt gesehen , gerade nachdem ich ihm , wie er sagte , einen wesentlichen Dienst geleistet — wie er meine Hand gehalten , auf mein Gesicht niedergeblickt , und mich mit Augen betrachtet , die ein bis zum Ueberfließen volles Herz andeuteten , und an dessen Regungen ich Antheil hatte . Wie nahe hatte ich ihm in jenem Augenblicke gestanden ! Was war seitdem geschehen , um unsere gegenseitige Stellung zu verändern ? Aber jetzt , wie fern und fremd waren wir einander geworden ! So entfremdet , daß ich nicht erwartete , er werde zu mir kommen und mich anreden . Ich wunderte mich nicht , als er , ohne mich anzusehen , sich auf der andern Seite des Zimmers niedersetzte und mit einigen von den Damen sprach . Sobald ich sah , daß seine Aufmerksamkeit auf sie gerichtet war , und daß ich ihn unbemerkt ansehen konnte , richteten sich meine Augen unwillkürlich auf sein Gesicht : ich hatte meine Augenlider nicht mehr in meiner Macht : sie erhoben sich , und die Pupille wendete sich zu ihm . Ich sah ihn an und empfand ein lebhaftes Vergnügen — ein kostbares und doch qualvolles Vergnügen , wie reines Gold mit einem stählernen Punkte der Qual : ein Vergnügen , gleich dem , welches der vor Durst umkommende Mensch empfinden mag , wenn er weiß , daß die Quelle , zu der er hinschleicht , vergiftet ist , sich aber dennoch niederbeugt und das göttliche Getränk einschlürft . Sehr wahr ist es , daß Schönheit in dem Auge des Beschauers liegt . Das farblose , olivengelbe Gesicht , die eckige , massive Stirn , die breiten , schwarzen Augenbrauen , die tiefen Augen , die markirten Züge , der feste und trotzige Mund — Nichts als Energie , Entschiedenheit und fester Wille — waren der Regel nach nicht schön : aber sie waren mehr als schön für mich : sie waren voll Interesse und hatten einen Einfluß , der sich meiner völlig bemeisterte — der meinem Gefühle , meiner eigenen Macht entging und sie an die seinigen fesselten . Ich hatte nicht beabsichtigt , ihn zu lieben : der Leser weiß , ich hatte mich lebhaft angestrengt , in meiner Seele die Keime der Liebe auszurotten , die ich dort entdeck ; und jetzt , bei dem ersten Wiedersehen , schlugen sie wieder aus , wurden grün und stark ! Ich mußte ihn lieben , ohne daß er mich ansah . Ich verglich ihn mit seinen Gästen . Was war die galante Anmuth der Lynns , die matte Beredtsamkeit des Lord Ingram — selbst die militairische Auszeichnung des Obersten Dent gegen seinen Blick angeborener Glut und ächter Kraft ? Ich fand kein Interesse an ihrer Erscheinung , an ihren Ausdrücken , doch stellte ich mir vor , daß die meisten Beobachter sie anziehend , schön und imposant nennen würden , während sie Herrn Rochester ' s Züge für rauh und seinen Ausdruck für melancholisch erklären müßten . Ich sah sie lächeln , heiter lachen — es war Nichts — das Licht der Kerzen hatte eben so viel Seele , als ihr Lächeln , das Klingeln der Schelle eben so viel Bedeutung , als ihr Lachen . Ich sah Herrn Rochester lächeln : seine strengen Züge wurden milde , sein Auge glänzend und sanft , und sein Strahl zugleich durchdringend und lieblich . Er sprach in diesem Augenblick mit Louise und Amy Eshton . Ich wunderte mich , daß sie diesem Blicke mit Ruhe begegneten , der mir so durchdringend schien . Ich erwartete , daß ihre Augen sich senken und ihre Farbe sich erhöhen werde ; doch war es mir lieb , zu sehen , daß sie auf keine Weise bewegt wurden . „ Er ist nicht für sie , was er für mich ist , “ dachte ich „ er ist nicht von ihrer Art. Ich glaube , er ist von meiner Art — ich bin dessen gewiß — ich fühle mich ihm verwandt — ich verstehe die Sprache seines Gefühls und seiner Bewegungen : obgleich Rang und Reichthum uns weit von einander trennen , so habe ich doch etwas in Kopf und Herzen , in Blut und Nerven , was mich geistig mit ihm vereint . Sagte ich nicht vor wenigen Tagen , ich habe Nichts weiter mit ihm zu thun , als meinen Gehalt von ihm zu empfangen ? Verbot ich mir nicht , ihn in einem andern Lichte anzusehen , denn als meinen Zahlmeister ? Lästerung gegen die Natur ! jedes gute , wahre und kräftige Gefühl , das ich besitze , sammelt sich instinktmäßig um ihn . Ich weiß , ich muß meine Empfindungen verbergen : ich muß meine Hoffnung unterdrücken : ich muß mich erinnern , daß er sich nicht viel um mich kümmern kann . Wenn ich sage , ich bin von seinerArt , so meine ich nicht damit , daß ich seine Macht , Einfluß zu üben , und seinen Zauber der Anziehungskraft besitze : ich meine nur : daß ich einen gewissen Geschmack und gewisse Gefühle mit ihm gemein habe . Ich muß also beständig wiederholen , daß wir auf immer getrennt sind — und doch muß ich ihn lieben , so lange ich athme und denke . “ Der Kaffee wird herumgereicht . Seit die Herren eingetreten , fin die Damen lebhaft wie Lerchen geworden : die Unterhaltung wird heiter und belebt . Oberst Dent und Herr Eshton unterreden sich über Politik , und ihre Frauen hören zu . Beide stolzen Wittwen Lady Lynn und Lady Ingram besprechen sich miteinander . Sir George , den ich , beiläufig gesagt , zu beschreiben vergessen , und der ein sehr wohlbeleibter und frisch aussehender Landedelmann ist , steht , die Kaffeetasse in der Hand , vor ihrem Sopha und mischt von Zeit zu Zeit ein Wort ein . Herr Frederick Lynn hat neben Maria Ingram Platz genommen und zeigt ihr die Kupfer in einem Prachtwerke : sie sieht und lächelt von Zeit zu Zeit , scheint aber wenig zu sprechen . Der große und phlegmatische Lord Ingram lehnt sich mit gefalteten Armen auf die Stuhllehne der kleinen und lebhaften Amy Eshton ; sie blickt zu ihm auf und plappert wie ein Zaunkönig : ihr gefällt er besser als Herr Rochester . Heinrich Lynn hat eine Ottomane zu Louisens Füßen in Besitz genommen ; Adele theilt dieselbe mit ihm : er versucht , französisch mit ihr zu reden und Louise lacht über seine Fehler . Zu wem wird sich Bianca Ingram gesellen ? Sie steht allein am Tisch , graziös über ein Album geneigt . Sie scheint zu warten , bis man sie aufsucht ; doch sie will nicht zu lange warten : sie sucht sich selber einen Gefährten . Nachdem Herr Rochester die Eshtons verlassen , steht er so einsam am Kamin , wie sie am Tische da ; sie wendet sich zu ihm und stellt sich an die andere Seite des Kamins . „ Herr Rochester , ich meinte , Sie wären kein Freund von Kindern ? “ „ Das bin ich auch nicht . “ „ Was bewog Sie denn , sich jener kleinen Puppe anzunehmen ? “ sagte sie , auf Adele deutend . „ Wo haben Sie sie aufgelesen ? “ „ Ich habe sie nicht aufgelesen , sondern man ließ sie in meinen Händen . “ „ Sie hätten sie in eine Schule schicken sollen . “ „ Ich konnte nicht so viel aufwenden ; die Kostschulen sind so theuer . “ „ Ei , Sie halten wohl gar eine Erzieherin für sie : ich sah eben eine Person bei ihr — ist sie fort ? O nein , da sitzt sie hinter dem Fenstervorhange . Sie müssen sie doch natürlich bezahlen , und das , dächte ich , müßte eben so viel kosten oder noch mehr , denn Sie müssen Beide noch obendrein erhalten . “ Ich fürchtete oder ich sollte sagen , ich hoffte — daß diese Anspielung Herrn Rochester bewegen werde , nach mir hinzublicken , und ich zog mich unwillkürlich weiter in den Schatten zurück ; aber er wendete seine Augen nicht zu mir . „ Ich habe den Gegenstand nicht überlegt , “ sagte er gleichgültig und gerade vor sich hinsehend . „ Nein — Ihr Männer denkt doch nie an Sparsamkeit und gesunden Verstand . Sie sollten Mama über das Kapitel der Erzieherinnen reden hören : Maria und ich haben zu unserer Zeit wenigstens ein Dutzend gehabt ; die eine Hälfte war abscheulich und die andere lächerlich — lauter Kobolde , nicht wahr , Mama ? “ „ Sprachst Du mit mir , mein liebes Kind ? “ Die junge Dame , welche die Wittwe als ihr Eigenthum in Anspruch genommen , wiederholte die Frage mit einer Erklärung . „ Meine Theuerste , “ antwortete die Mutter , „ nenne nur die Erzieherinnen nicht : das Wort macht mich nervös . Ich habe ein Märtyrerthum ausgestanden bei ihrer Unfähigkeit und ihren Launen : dem Himmel sei Dank , daß ich jetzt Nichts mehr mit ihnen zu thun habe ! “ Mistreß Dent neigte sich hier zu der menschenfreundlichen Dame hinüber und flüsterte ihr etwas ins Ohr : aus der darauf folgenden Antwort schließe ich , es sei eine Erinnerung gewesen , daß eine von dem verurtheilten Geschlecht zugegen sei . „ Um so viel schlimmer ! “ sagte Ihre Herrlichkeit , „ ich hoffe es wird ihr wohl thun . “ Darauf sagte sie in leiserem Tone , aber noch so laut , daß ich es hören konnte : „ Ich beobachtete sie : ich verstehe mich auf die Physiognomik , und in ihrem Gesichte sehe ich alle Fehler ihrer Klasse . “ „ Welches sind die , Madame ? “ fragte Herr Rochester laut . „ Ich will es Ihnen später allein sagen , “ versetzte sie mit furchtbarer Bedeutsamkeit mit ihrem Turban nickend . „ Aber meine Neugierde kann nicht so lange warten und fordert jetzt ihre Nahrung . “ „ Fragen Sie Blanca : sie ist Ihnen näher , als ich . “ „ O ! verweisen Sie ihn nicht an mich , Mama . Ich habe nur ein Wort über das