; er ist eingeschlafen und hat das Licht brennen lassen ; so gerieten die Vorhänge in Brand ; aber zum Glück ist er aufgewacht , ehe die Betten oder das Holz der Bettstelle Feuer fingen , und es ist ihm gelungen , das Feuer mit dem Wasser aus dem Waschkruge zu löschen . « » Eine seltsame Geschichte ! « sagte ich leise , dann fuhr ich fort und blickte sie fest an : » Hat Mr. Rochester niemanden geweckt ? Hat niemand das Geräusch vernommen , welches er doch notwendigerweise dabei machen mußte ? « Wiederum blickte sie zu mir auf , und diesmal glaubte ich etwas wie Schuldbewußtsein in ihren Augen zu entdecken . Sie schien mich genau zu prüfen , dann entgegnete sie : » Sie wissen , Fräulein , die Dienstboten schlafen so weit fort ; wahrscheinlich würden sie ihn nicht gehört haben . Mrs. Fairfaxs Zimmer und das Ihrige sind dem Zimmer des Herrn am nächsten ; aber Mrs. Fairfax sagt , daß sie nichts gehört hat ; wenn Leute älter werden , haben sie oft einen festen Schlaf . « Sie hielt inne und fügte dann mit einer gewissen angenommenen Gleichgültigkeit , aber immer noch in sehr bedeutsamem und markiertem Tone hinzu : » Aber Sie sind jung , Fräulein , und ich sollte doch meinen , daß Sie einen leichten Schlaf haben . Vielleicht haben Sie das Geräusch vernommen ? « » Das habe ich ! « sagte ich so leise wie möglich , so daß Leah , welche noch immer die Scheiben putzte , mich nicht hören konnte , » und anfangs glaubte ich , daß es Pilot sei ; aber Pilot kann nicht lachen ; und ich bin sicher , daß ich ein Lachen vernommen habe , ein sehr seltsames noch dazu . « Sie nahm einen neuen Faden für ihre Nadel , wichste ihn sorgsam , fädelte ihn mit fester Hand ein und bemerkte dann mit vollkommener Fassung : » Es ist kaum denkbar , Fräulein , daß der Herr gelacht haben sollte , wenn er in solcher Gefahr war , sollt ich meinen . Sie müssen geträumt haben . « » Ich habe nicht geträumt , « sagte ich mit einiger Heftigkeit , denn ihre eiserne Ruhe reizte mich . Wiederum blickte sie mich an und mit denselben durchdringenden , prüfenden Blicken . » Haben Sie dem Herrn gesagt , daß Sie ein Lachen gehört haben ? « fragte sie . » Ich habe noch nicht die Gelegenheit gefunden , heute Morgen mit ihm zu sprechen . « » Ist es Ihnen denn nicht eingefallen , Ihre Thür zu öffnen und in die Galerie hinauszusehen ? « fragte sie weiter . Sie schien ein Kreuzverhör mit mir anstellen zu wollen , indem sie mir unvermutet Antworten zu entreißen suchte . Plötzlich kam mir der Gedanke , daß wenn sie entdeckte , daß ich von ihrer Schuld etwas wisse , sie mir einige von ihren boshaften Streichen spielen würde . So hielt ich es denn für ratsam , auf meiner Hut zu sein . » Im Gegenteil , « sagte ich , » ich verriegelte meine Thür . « » So pflegen Sie Ihre Thür also nicht jeden Abend zu verriegeln , bevor Sie sich schlafen legen ? « » Zum Teufel ! Sie will meine Gewohnheiten ausforschen , damit sie danach ihre Pläne schmieden kann ! « Empörung trug wiederum den Sieg über die Vorsicht davon . Ich erwiderte scharf : » Bis jetzt habe ich es stets unterlassen , den Riegel vorzuschieben ; ich hielt es nicht für notwendig . Ich wußte nicht , daß in Thornfield-Hall irgend eine Gefahr oder ein Ärger zu erwarten sei ; aber in Zukunft , « und ich legte einen besonderen Nachdruck auf die Worte , » in Zukunft werde ich die Vorsicht gebrauchen , nachzusehen , ob alles in Ordnung ist , bevor ich mich schlafen lege . « » Es wird geraten sein , das zu thun , « lautete ihre Antwort , » diese Gegend ist so ruhig und sicher wie irgend eine , und seitdem Thornfield-Hall ein Herrenhaus ist , habe ich nicht gehört , daß irgend ein Raubversuch gemacht worden ist , obgleich sich in der Silberkammer Silbergeschirr im Werte von vielen hundert Pfund befindet , wie jedermann wohl weiß . Und sehen Sie , für ein so großes Haus befinden sich nur wenig Dienstboten hier , weil der Herr sich nur selten im Herrenhause aufhält . Und da er ein Junggeselle ist , braucht er , selbst wenn er kommt , nur sehr wenig Aufwartung und Bedienung . Aber ich halte es immer für das Beste , wenn man die Vorsicht ein wenig übertreibt ; eine Thür ist bald geschlossen , und es kann nicht schaden , wenn man einen vorgeschobenen Riegel zwischen sich und allem möglichen Unheil hat . Es giebt eine Menge Leute , Fräulein , die dafür sind , alles der Vorsehung anheim zu stellen ; aber ich sage , die Vorsehung will nicht , daß man die Mittel verschmäht , obgleich sie dieselben oft segnet , wenn sie vernünftig angewendet werden . « Und damit schloß sie ihre Rede . Es war eine sehr lange für sie und sie hielt dieselbe mit dem Ernst einer Quäkerin . Ich stand noch vollständig erstarrt und verdutzt über das , was ich für ihre wunderbare Selbstbeherrschung und undurchdringliche Heuchelei hielt , als die Köchin eintrat . » Mrs. Poole , « sagte sie zu Grace gewendet , » das Mittagessen der Dienstboten wird bald bereit sein . Wollen Sie nicht herunterkommen ? « » Nein . Aber setzen Sie mir ein Viertel Porter und einen Bissen Pudding auf ein Speisebrett ; das will ich dann nach oben holen . « » Wollen Sie kein Fleisch haben ? « » Nur einen kleinen Bissen und ein Stück Käse , das ist alles , was ich brauche . « » Und der Sago ? « » Den brauche ich jetzt nicht ; ich werde noch vor dem Thee hinunterkommen : ich werde ihn selbst machen . « Hier wandte die Köchin sich zu mir und zeigte mir an , daß Mrs. Fairfax mich erwarte . Dann ging ich . So sehr war ich damit beschäftigt , mein Gehirn über Grace Poole ' s rätselhaften Charakter zu zermartern , daß ich während des Mittagessens Mrs. Fairfaxs Erzählung von dem Vorhangbrand gar nicht hörte . Und noch mehr dachte ich über ihre Stellung in Thornfield-Hall nach , ich fragte mich , weshalb man sie an diesem Morgen nicht ins Gefängnis gesteckt habe , oder sie doch wenigstens aus Mr. Rochesters Dienst entlassen habe . Am vorhergehenden Abend hatte er mir ja fast mit klaren Worten seine Überzeugung von ihrer Schuld mitgeteilt ; welche geheimnisvolle Ursache hielt ihn denn zurück , sie anzuklagen ? Weshalb hatte er auch mir die tiefste Verschwiegenheit anempfohlen ? Es war doch seltsam . Ein kühner , mutiger , rachsüchtiger , hochmütiger Gentleman schien in der Macht einer der niedrigsten seiner Untergebenen zu sein ; so sehr in ihrer Macht , daß er nicht einmal wagte , sie öffentlich anzuklagen , viel weniger sie zu bestrafen , als sie ihre Hand gegen sein Leben erhob . Wenn Grace jung und schön gewesen wäre , so würde ich geglaubt haben , daß zartere Gefühle als Furcht oder Vorsicht Mr. Rochester in Bezug auf sie beherrschten ; aber häßlich und unangenehm und alt wie sie war , konnte ich einem solchen Gedanken nicht Raum geben . » Und doch , « dachte ich weiter , » sie ist einmal jung gewesen ; ihre Jugend muß mit der ihres Brotherrn zusammengefallen sein ; Mrs. Fairfax hat mir einmal erzählt , daß sie schon seit vielen Jahren hier lebt . Ich kann nicht glauben , daß sie jemals schön gewesen ist . Aber vielleicht besitzt sie Originalität und Charakterstärke , welche für den Mangel äußerer Reize entschädigen . Mr. Rochester ist ein Liebhaber des Entschiedenen und Excentrischen ; Grace ist wenigstens excentrisch . Was , wenn eine frühere Laune , möglicherweise eine Grille , wie sie bei einer so heftigen , plötzlichen Natur wie die seine wohl vorkommen kann , ihn in ihre Hände geliefert hätte und sie jetzt auf seine Handlungen und Bewegungen einen geheimen Einfluß übt , das Ergebnis seiner eigenen Indiskretion , welchen er nicht abzuschütteln und nicht zu mißachten wagt ? « Als ich aber bei diesem Punkt meiner Vermutungen angekommen war , standen Mrs. Poole ' s vierschrötige , flache Figur , ihr häßliches , unangenehmes , trockenes , sogar rohes Gesicht so deutlich vor meinem inneren Auge , daß ich dachte : » Nein , unmöglich ! Meine Voraussetzung kann nicht begründet sein . Doch , « sagte wieder die geheime Stimme , die in unserem Herzen zu uns spricht , » auch du bist nicht schön , und vielleicht findet Mr. Rochester trotzdem Gefallen an dir ; auf jeden Fall war dir oft ums Herz , als thäte er es , und diese letzte Nacht – denk an seine Worte ; denk an seine Blicke ; denk an seine Stimme . « Ich erinnerte mich an alles , an seine Sprache , an seinen Blick , an seinen Ton ; alles stand wieder lebendig vor mir . Jetzt war ich im Schulzimmer ; Adele zeichnete ; ich beugte mich über sie und führte ihren Zeichenstift . Plötzlich fuhr sie zusammen und blickte zu mir auf . » Qu ' avez-vous , Mademoiselle ? « sagte sie . » Vos doigts tremblent comme la feuille , et vos joues sont rouges : mais , rouges comme des cerises ! « [ Fußnote ] » Mir ist heiß , Adele , weil ich mich zu dir niedergebeugt habe ! « Sie fuhr fort mit dem Zeichnen , ich mit dem Denken . Ich beeilte mich , den verhaßten Gedanken , welchen ich in Bezug auf Grace Poole gefaßt hatte , aus meinem Gehirn zu verjagen , er ekelte mich an . Ich verglich mich mit ihr und fand , daß wir sehr verschieden waren . Bessie Leaven hatte gesagt , daß ich wie eine Dame aussähe , und sie sagte die Wahrheit : ich war eine Dame . Und jetzt war ich viel hübscher als damals , wo Bessie mich aufgesucht : ich hatte frische Farben und war stärker geworden ; mein Geist war erwacht , ich war voll Leben und Lebenslust , weil ich fröhlichere Hoffnungen und innigere Freuden hatte . » Der Abend kommt , « sagte ich und blickte zum Fenster hinaus . » Ich habe heute während des ganzen Tages weder Mr. Rochesters Stimme noch seinen Schritt im Hause gehört . Aber ich werde ihn gewiß noch vor Abend sehen ; heute Morgen noch fürchtete ich die Begegnung , jetzt wünsche ich sie , weil meine Erwartung so lange getäuscht worden , daß sie in Ungeduld ausgeartet ist . « Als die Dämmerung vollständig hereingebrochen war , und Adele mich verlassen hatte , um mit Sophie in der Kinderstube zu spielen , sehnte ich mich nach einem Wiedersehen . Ich horchte , ob die Glocke unten in der Halle nicht ertönen werde ; ich horchte , ob Leah nicht mit einem Bescheid nach oben kommen würde ; zuweilen bildete ich mir ein , Mr. Rochesters Schritt zu hören und ich wandte mich der Thür zu in der festen Erwartung , ihn eintreten zu sehen . Die Thür blieb geschlossen , nur Dunkelheit blickte ins Fenster . Und doch war es noch nicht spät ; oft schickte er erst um sieben , acht Uhr , um mich holen zu lassen , und jetzt war es erst sechs Uhr . Heute Abend konnte er mich doch nicht umsonst hoffen lassen , heute , wo ich ihm so viel zu sagen hatte ! Ich beabsichtigte noch einmal , das Gespräch auf Grace Poole zu lenken , um zu hören , was er mir antworten würde ; ich wollte ihn fragen , ob er wirklich glaube , daß sie den schändlichen Mordversuch von gestern Abend begangen , und wenn es der Fall , weshalb er dann ein Geheimnis aus ihrer Schlechtigkeit mache . Es sollte mich wenig kümmern , ob meine Neugierde ihn ärgerte ; ich kannte das Vergnügen , ihn abwechselnd zu reizen und wieder zu besänftigen ; es war eins , an dem ich besondere Freude fand , und ein sicherer Instinkt bewahrte mich stets davor , zu weit zu gehen ; über die Grenze des Reizens ging ich niemals hinaus , aber ich liebte es , meine Geschicklichkeit auf der äußersten Grenze zu prüfen . Indem ich selbst die kleine Förmlichkeit der Hochachtung , jede Pflicht meines Standes beobachtete , konnte ich mich doch ohne unbehaglichen Zwang , ohne Furcht mit ihm auf Argumente einlassen , und dies unterhielt sowohl ihn wie mich . Endlich knarrte die Treppe unter Fußtritten ; Leah trat ein , aber es war nur um mir anzuzeigen , daß der Thee in Mrs. Fairfaxs Zimmer bereitet sei . Dorthin begab ich mich , froh überhaupt hinuntergehen zu können , denn ich bildete mir ein , daß dies mich wenigstens Mr. Rochesters Person etwas näher brächte . » Sie müssen nach Ihrem Thee Verlangen tragen , « sagte die gute Dame , als ich zu ihr ins Zimmer kam , » Sie haben heute Mittag so wenig gegessen . Ich fürchte , « fuhr sie fort , » daß Sie heute nicht ganz wohl sind , Sie sehen fieberhaft und erhitzt aus . « » O , ich bin durchaus wohl , ich habe mich niemals wohler gefühlt . « » Dann beweisen Sie es mir , indem Sie einen guten Appetit zeigen ; wollen Sie die Theekanne anfüllen , während ich diese Nadel abstricke ? « Als sie mit ihrer Arbeit zu Ende war , erhob sie sich , um den Vorhang herabzulassen , der bis jetzt aufgezogen gewesen , wahrscheinlich um noch das letzte Tageslicht für die Strickerei benützen zu können . Jetzt ging die Dämmerung in vollständige Dunkelheit über . » Es ist ein schöner Abend , « sagte sie , indem sie einen Blick durch die Scheiben warf , » wenn es auch nicht gerade sternenklar ist . Im Ganzen hat Mr. Rochester einen sehr schönen Tag für seine Reise gehabt . « » Reise ! – Ist Mr. Rochester verreist ? Ich wußte nicht einmal , daß er nicht im Hause sei . « » Ah ! er ist gleich nach dem Frühstück aufgebrochen ! er ist nach Leas , der Besitzung von Mr. Eshton , die zehn Meilen jenseits Millcote liegt . Ich glaube , es ist dort eine große Gesellschaft versammelt , Lord Ingram , Sir John Lynn , Oberst Dent und noch viele andere . « » Erwarten Sie ihn heute Abend noch zurück ? « » Nein . Und morgen auch noch nicht . Ich halte es für sehr wahrscheinlich , daß er eine Woche und noch länger fortbleibt ; wenn diese reichen , vornehmen , fashionablen Leute zusammenkommen , sind sie derartig von Eleganz und Fröhlichkeit umgeben , so gut mit allem versehen , was gefällt und unterhält , daß sie durchaus keine Eile zeigen , wieder auseinander zu gehen . Besonders Herren werden bei solchen Gelegenheiten oft gesucht , und Mr. Rochester ist in Gesellschaft so liebenswürdig und lebhaft , daß ich glaube , er ist ein allgemeiner Liebling . Die Damen haben ihn sehr gern , obgleich Sie vielleicht der Ansicht sind , daß sein Äußeres ihn nicht gerade in ihren Augen begehrenswert erscheinen läßt ; aber ich vermute , daß seine Kenntnisse und seine Talente , vielleicht auch sein Reichtum und sein alter Name ein wenig für seinen Mangel an Schönheit entschädigen . « » Sind in Leas auch Damen ? « » Mrs. Eshton und ihre drei Töchter sind dort , sehr elegante junge Damen in der That ; und dann sind noch die hochwohlgeborene Blanche und Mary Ingram da , wie ich vermute sehr schöne Frauen ; in der That , ich habe Blanche einmal vor ungefähr sechs oder sieben Jahren gesehen , als sie ein junges Mädchen von achtzehn Jahren war . Sie kam hierher zu einer Weihnachtsgesellschaft mit Ball , welche Mr. Rochester gab . An jenem Tage hätten Sie sehen sollen , wie reich das Speisezimmer dekoriert war , wie herrlich es erleuchtet war ! Ich glaube , es waren mindestens fünfzig Herren und Damen hier – alle aus den ersten Familien der Grafschaft . Und Miß Ingram war die Schönheit des Abends . « » Sie sagen , daß Sie sie gesehen haben , Mrs. Fairfax ? Wie sah sie aus ? « » Ja , ich habe sie gesehen . Die Thüren des Speisezimmers waren geöffnet ; und da es Weihnachtszeit , war es den Dienstboten gestattet , sich in der Halle zu versammeln , um einige der Damen singen und spielen zu hören . Mr. Rochester wollte , daß ich hineinkomme , und so setzte ich mich in einen stillen Winkel und beobachtete sie alle . Niemals in meinem Leben habe ich ein prächtigeres Bild gesehen ; die Damen waren in den kostbarsten Toiletten ; – die meisten – wenigstens die jüngeren – sahen sehr schön aus ; aber Miß Ingram war entschieden die Königin . « » Und wie sah sie aus ? « » Groß , eine herrliche Büste , breite Schultern , einen schlanken Hals : einen matten , dunklen , klaren Teint , edle Züge ; Augen , welche denen Mr. Rochesters gleichen , groß und schwarz und ebenso strahlend wie ihre Juwelen . Und dann hat sie das köstlichste Haar , rabenschwarz , und so kleidsam geordnet ; rückwärts eine Krone von dicken , breiten Flechten und vorn die längsten , glänzendsten Locken , die ich jemals gesehen habe . Sie war in das klarste Weiß gekleidet ; eine bernsteinfarbene Schärpe war über Schultern und Brust geschlungen , an der Seite geknüpft , und in langen Fransen bis an den Saum des Kleides herabfallend . Sie trug eine ebenfalls bernsteinfarbene Blume im Haar , welche mit der rabenschwarzen Masse ihrer Locken wunderbar kontrastierte . « » Und natürlich war sie sehr bewundert ? « » Ja , in der That , und nicht allein um ihrer Schönheit , sondern auch um ihrer Talente willen . Sie war eine der Damen , die sang , ein Herr begleitete sie auf dem Piano . Sie und Mr. Rochester sangen ein Duett . « » Mr. Rochester ? Ich wußte nicht , daß er singt . « » O , er hat eine sehr schöne Baßstimme und ein feines Ohr für Musik . « » Und Miß Ingram ? Was für eine Stimme hatte sie ? « » Eine sehr reiche , volle und mächtige . Sie sang entzückend . Es war ein Genuß , ihr zuzuhören ; und später spielte sie . Ich habe kein Urteil über Musik , aber Mr. Rochester hat ein sehr treffendes . Und ich hörte ihn sagen , daß ihre Technik eine außergewöhnlich gute sei . « » Und diese schöne und talentvolle Dame ist noch nicht verheiratet ? « » Wie es scheint nicht . Ich glaube , daß weder sie noch ihre Schwester ein bedeutendes Vermögen haben . Die Güter des alten Lord Ingram waren zum größten Teil Fideikommiß , und der älteste Sohn hat beinahe alles geerbt . « » Aber es nimmt mich Wunder , daß kein reicher Edelmann oder Gentleman sich in sie verliebt hat , Mr. Rochester zum Beispiel . Er ist doch sehr reich , nicht wahr ? « » O ja ! Aber sehen Sie , es ist ein beträchtlicher Unterschied im Alter . Mr. Rochester ist beinahe vierzig , und sie kann nicht älter als fünfundzwanzig sein . « » Was bedeutet das ! Es werden täglich viel ungleichere Ehen geschlossen . « » Das ist wohl wahr ! Doch ich glaube kaum , daß Mr. Rochester einen solchen Gedanken hegen würde . Aber Sie essen ja nicht . Sie haben nichts gegessen , seitdem Sie sich an den Theetisch gesetzt haben . « » Nein , ich bin zu durstig , um zu essen . Wollen Sie mir noch eine Tasse Thee geben ? « Ich war im Begriff , auf die Möglichkeit einer Verbindung zwischen Mr. Rochester und der schönen Blanche zurückzukommen , als Adele ins Zimmer kam und die Unterhaltung in andere Bahnen gelenkt wurde . Als ich wieder allein war , dachte ich über die Mitteilungen nach , welche mir gemacht worden ; ich sah in mein eigenes Herz , prüfte seine Gedanken und Empfindungen , und bemühte mich ernstlich , solche , welche durch die end- und pfadlose Wüste der Einbildungskraft geschweift waren , mit fester Hand in die enge Bahn der Vernunft zurückzuführen . Vor meine eigenen Gerichtsschranken geführt , hatte mein Gedächtnis Zeugnis abgelegt von den Hoffnungen , Wünschen und Gefühlen , die seit der letzten Nacht in mir erstanden waren – von dem allgemeinen Gemütszustand , dem ich mich seit beinahe vierzehn Tagen hingegeben hatte ; die Vernunft war vorgetreten und hatte in ihrer eigenen ruhigen Weise eine einfache , ungeschmückte Erzählung gegeben , wie ich die Wirklichkeit verworfen und das Ideal mit Heißhunger verschlungen hatte – da sprach ich folgendes Urteil : » Daß eine größere Närrin als Jane Eyre niemals auf diesem Erdenrund geatmet habe ; daß keine phantastischere Idiotin jemals in süßeren Lügen geschwelgt , daß niemals ein denkendes Geschöpf mit größerer Begierde Gift verschlungen habe , als wenn es Nektar wäre . « » Du , « sagte ich , » von Mr. Rochester wohl gelitten ? Du mit der Macht begabt , ihm zu gefallen ? Du von irgend einer Bedeutung für ihn ? Geh ! Deine Thorheit widert mich an . Du hast an zufälligen Zeichen der Bevorzugung Freude gefunden – sehr zweideutige Zeichen , welche ein Gentleman von Familie , ein Mann von Welt einer Unerfahrenen , einer Untergebenen zu teil werden läßt . Wie konntest du nur ? Arme , dumme Närrin ! – Konnte nicht einmal dein eigenes Interesse dich weiser machen ? Du hast dir heute Morgen die kurze Scene der letzten Nacht immer und immer wieder vor Augen geführt ? – Verhülle dein Angesicht und schäme dich ! Er sagte etwas zum Lobe deiner Augen , wie ? Blinde Thörin ! Öffne deine verblendeten Lider und sieh auf deine eigene verfluchte Sinnlosigkeit ! Es ist keinem Weibe gut , wenn es sich von einem Höherstehenden schmeicheln läßt , der unmöglich die Absicht hegen kann , es zu heiraten ; und jede Frau begeht eine Thorheit , wenn sie eine heimliche Liebe in sich wachsen läßt , die , wenn sie unerwiedert und unentdeckt bleibt , das Leben verzehren muß , durch welches es genährt wird ; und welche , wenn sie entdeckt und erwidert wird , wie ignis fatuus in sumpfige Wildnis führen muß , aus der es keinen Ausweg mehr giebt . » Jane Eyre , höre also deinen Urteilsspruch : nimm morgen den Spiegel , stelle ihn vor dich und zeichne dann so getreu wie möglich dein eignes Bild , ohne irgend einen Mangel zu verdecken , ohne eine harte Linie fortzulassen ; gleiche keinen unliebsamen Schönheitsfehler aus , und schreib darunter : Porträt einer armen , alleinstehenden , häßlichen Gouvernante . » Später nimm eine Platte weißen Elfenbeins – Du hast eine solche in deinem Malkasten vorbereitet ; nimm deine Palette , mische deine frischesten , schönsten , klarsten – Farben ; wähle deine zartesten Kameelhaarpinsel ; zeichne mit Sorgfalt das schönste Gesicht , welches deine Einbildungskraft dir vorzaubert , male es in den weichsten Tönen und süßesten Farben nach der Beschreibung , welche Mr. Fairfax dir von Blanche Ingram gemacht hat . Vergiß nicht die rabenschwarzen Locken , das orientalische Auge – was ! Du willst dir diejenigen Mr. Rochesters zum Vorbilde nehmen ? – Ordnung ! – Kein Schluchzen ! – kein Gefühl ! – kein Bedauern ! – Ich werde nur Vernunft und feste Entschlossenheit gelten lassen . Rufe dir die majestätischen und doch harmonischen Linien , den griechischen Nacken , die antike Büste ins Gedächtnis zurück ; laß den runden , blendenden Arm sichtbar sein , und die zarte Hand ; vergiß weder das Armband , noch den Diamantring ; male getreu den Anzug , die luftig zarten Spitzen , den schillernden Atlas , die graziöse Schärpe , die goldene Rose ; nenne es : » Blanche , eine liebenswürdige und schöne Dame von Rang ! « » Wenn du dir jemals in Zukunft einbilden solltest , daß Mr. Rochester gut von dir denkt , so nimm diese beiden Bilder vor und sage : Mr. Rochester würde wahrscheinlich die Liebe dieser edlen Dame gewinnen , wenn er sich die Mühe geben wollte , dieselbe zu erobern , – ist es aber wahrscheinlich , daß er dieser armen , unbedeutenden Plebejerin auch nur einen Gedanken schenken würde ? » Ich werde es thun , « beschloß ich , und nachdem dieser Entschluß besiegelt war , wurde ich ruhig und fiel in einen tiefen Schlaf . Ich hielt mein Wort . Eine oder zwei Stunden genügten , um mein eigenes Bild in Crayon zu zeichnen ; und in weniger als einer Stunde hatte ich ein Miniaturbild der imaginären Blanche Ingram auf Elfenbein vollendet . Es war ein gar liebliches Bild , und wenn ich es mit dem der Wirklichkeit nachgezeichneten Kopfe in Crayons verglich , so war der Kontrast so groß , wie die Selbsterkenntnis ihn nur immer wünschen konnte . Die Arbeit war eine Wohlthat für mich . Sie hatte meinen Kopf und meine Hände beschäftigt und den neuen Eindrücken , welche ich unauslöschlich in mein Herz graben wollte , Kraft und Festigkeit verliehen . Es dauerte nicht lange , und ich hatte alle Ursache , mir zu dem Verlauf der strengen Disziplin , welcher ich meine Gefühle in dieser Weise unterworfen hatte , Glück zu wünschen . Dank ihr , war ich imstande , später folgenden Begebenheiten mit der nötigen , gebührenden Ruhe zu begegnen , Begebenheiten , die , wenn sie mich unvorbereitet gefunden hätten , mir wahrscheinlich sogar jede äußere Fassung geraubt haben würden . Siebenzehntes Kapitel . Eine Woche verging , und von Mr. Rochester kam keine Nachricht . Zehn Tage ; und immer kam er noch nicht . Mrs. Fairfax sagte , daß sie durchaus nicht erstaunt sein würde , wenn er von Leas direkt nach London und von dort nach dem Kontinent gehen würde , ohne vor Ablauf eines ganzen Jahres den Fuß wieder nach Thornfield-Hall zu setzen . Schon oft habe er das alte Haus ebenso unerwartet und jäh verlassen . Als ich dies hörte , kam eine ohnmächtige Schwäche über mich , mein Herz stand fast still . Ich erlaubte mir in der That , ein betäubendes , niederschmetterndes Gefühl der Enttäuschung zu verspüren ; aber all meinen Verstand zusammenraffend und mich meiner erst kürzlich gefaßten Grundsätze erinnernd , rief ich mit aller Gewalt meine Vernunft wieder zur Ordnung , und es war wunderbar , wie ich meine temporäre Tölpelei wieder gut machte ; wie ich mir selbst erklärte , daß es ein grober Irrtum sei , wenn ich vermeinte , daß Mr. Rochesters Thun und Lassen ein bedeutendes Interesse für mich habe . Nicht daß ich mich mit einer sklavischen Idee von Niedrigkeit gedemütigt hatte – im Gegenteil , ich sagte nur : » Du hast weiter nichts mit dem Besitzer von Thornfield zu thun , als das Gehalt von ihm anzunehmen , das er dir dafür zahlt , daß du seinen Schützling unterrichtest ; weiter hast du ihm dankbar zu sein für die achtungsvolle und gütige Behandlung , die du von ihm zu erwarten hast , wenn du deine Pflicht gewissenhaft erfüllst . Sei fest überzeugt davon , das ist das einzige Band zwischen euch , das er in Wahrheit anerkennen wird . Mache ihn also nicht zum Gegenstande deiner zärtlichen Gefühle , deines Entzückens , deiner Qualen u. s. w. u. s. w. Er ist nicht von deiner Art , bleib bei deines Gleichen , und hege zu viel Achtung vor dir selbst , um die Liebe deines ganzen Herzens , deiner Seele und all deine Kräfte da zu verschwenden , wo eine solche Gabe nicht verlangt wird und nur verschmäht werden würde . « Ruhig verrichtete ich die Geschäfte des Tages ; aber dann und wann drängten sich meinem Hirn Gründe auf , die mir als Vorwand dienen könnten , um Thornfield-Hall zu verlassen ; und unwillkürlich setzte ich Annoncen auf und stellte Betrachtungen über neue Stellungen an ; diese Gedanken zu unterdrücken hielt ich nicht für nötig , Sie sollten nur keimen und Früchte tragen , wenn es möglich war . Mr. Rochester war ungefähr vierzehn Tage abwesend gewesen , als die Post einen Brief für Mrs. Fairfax brachte . » Er ist von unserem Herrn , « sagte sie , als sie die Adresse las . » Vermutlich werden wir jetzt erfahren , ob wir ihn bald zurückerwarten dürfen oder nicht . « Und während sie das Siegel brach und den Inhalt langsam durchlas , fuhr ich fort , meinen Kaffee zu trinken , ( wir saßen nämlich beim Frühstück ) , er war sehr heiß , und diesem Umstände schrieb ich es zu , daß eine feurige Glut plötzlich mein Gesicht überzog . Weshalb meine Hand zitterte , und ich unwillkürlich die Hälfte des Inhalts meiner Tasse in die Unterschale vergoß – darüber wollte ich nicht weiter nachdenken . » Nun , manchmal ist mir ' s , als lebten wir hier zu einsam ; aber jetzt werden wir für eine kurze Weile vielleicht genug zu thun bekommen , « sagte Mrs. Fairfax , während sie noch immer den Brief vor ihre Brillengläser hielt . Bevor ich mir noch