der Stelle kam , wo die Erscheinung ohne Kopf vor mir gestanden und mir die schwarzroten Körner hingehalten hatte , konnte er es kaum erwarten , den Schluß zu erfahren . » Also , aus der Hand geschlagen haben Sie sie ihm « , murmelte er sinnend . » Ich hätte nie gedacht , daß es einen dritten Weg geben könnte . « » Es war das kein dritter Weg « , sagte ich , » es war derselbe , wie wenn ich die Körner abgelehnt hätte . « Er lächelte . » Glauben Sie nicht , Herr Laponder ? « » Wenn Sie sie abgelehnt hätten , wären Sie wohl auch den Weg des Lebens gegangen , aber die Körner , die magische Kräfte bedeuten , wären nicht zurückgeblieben . - So sind sie auf den Boden gerollt , wie Sie sagen . Das heißt : sie sind hiergeblieben und werden von Ihren Vorfahren so lange gehütet , bis die Zeit des Keimens da ist . Dann werden die Kräfte , die in Ihnen jetzt noch schlummern , lebendig werden . « Ich verstand nicht : » Von meinen Vorfahren werden die Körner behütet ? « » Sie müssen es teilweise symbolisch auffassen , was Sie erlebt haben « , erklärte Laponder . » Der Kreis der bläulich strahlenden Menschen , der Sie umstand , war die Kette der ererbten Iche , die jeder von einer Mutter Geborene mit sich herumschleppt . Die Seele ist nichts Einzelnes , - sie soll es erst werden , und das nennt man dann : Unsterblichkeit ; Ihre Seele ist noch zusammengesetzt aus vielen Ichen - so , wie ein Ameisenstaat aus vielen Ameisen ; Sie tragen die seelischen Reste vieler tausend Vorfahren in sich : - die Häupter Ihres Geschlechtes . Bei allen Wesen ist es so . Wie könnte denn ein Huhn , das aus einem Ei künstlich erbrütet wurde , sich sogleich die richtige Nahrung suchen , wenn nicht die Erfahrung von Jahrmillionen in ihm stäke ? - Das Vorhandensein des Instinkts verrät die Gegenwart der Vorfahren im Leib und in der Seele . - Aber , verzeihen Sie , ich wollte Sie nicht unterbrechen . « Ich erzählte zu Ende . Alles . Auch das , was Mirjam über den » Hermaphroditen « gesagt hatte . Als ich innehielt und aufblickte , bemerkte ich , daß Laponder weiß geworden war wie der Kalk an der Wand und Tränen über seine Wangen liefen . Rasch stand ich auf , tat , als sähe ich es nicht , und ging in der Zelle auf und nieder , um abzuwarten , bis er sich beruhigt haben würde . Dann setzte ich mich ihm gegenüber und bot meine ganze Beredsamkeit auf , ihn zu überzeugen , wie dringend nötig es wäre , den Richtern gegenüber auf seinen krankhaften Geisteszustand hinzuweisen . » Wenn Sie wenigstens den Mord nicht eingestanden hätten ! « , schloß ich . » Aber ich mußte doch ! Man hat mich auf mein Gewissen gefragt « , sagte er naiv . » Halten Sie denn eine Lüge für schlimmer als - als einen Lustmord ? « , fragte ich verblüfft . » Im allgemeinen vielleicht nicht , in meinem Fall gewiß . - Sehen Sie : als ich vom Untersuchungsrichter gefragt wurde , ob ich gestünde , hatte ich die Kraft , die Wahrheit zu sagen . Es stand also in meiner Wahl , zu lügen oder nicht zu lügen . - Als ich den Lustmord beging - - bitte , ersparen Sie mir die Details : es war so gräßlich , daß ich die Erinnerung nicht wieder aufleben lassen möchte - - als ich den Lustmord beging , da hatte ich keine Wahl . Wenn ich auch bei vollkommen klarem Bewußtsein handelte , so hatte ich dennoch keine Wahl : Irgend etwas , dessen Vorhandensein in mir ich nie geahnt hatte , wachte auf und war stärker als ich . Glauben Sie , wenn ich die Wahl gehabt haben würde , ich hätte gemordet ? - Nie habe ich getötet - nicht einmal das kleinste Tier , - und jetzt wäre ich es schon gar nicht imstande . Nehmen Sie an , es wäre Menschengesetz : zu morden , und auf der Unterlassung stünde der Tod - ähnlich , wie es im Krieg der Fall ist , - augenblicklich hätte ich mir den Tod verdient . - Weil mir keine Wahl bliebe . Ich könnte ganz einfach nicht morden . Damals , als ich den Lustmord beging , lag die Sache umgekehrt . « » Um so mehr , wo Sie sich jetzt quasi als ein anderer fühlen , müssen Sie alles aufbieten , dem Richterspruch zu entgehen ! « , wandte ich ein . Laponder machte eine abwehrende Handbewegung : » Sie irren ! Die Richter haben von ihrem Standpunkt aus ganz recht . Sollen sie einen Menschen wie mich vielleicht frei umherlaufen lassen ? Damit morgen oder übermorgen wieder das Unheil losbricht ? « » Nein ; aber in einer Heilanstalt für Geisteskranke sollte man Sie internieren . Das ist es doch , was ich sage ! « » Wenn ich irrsinnig wäre , hätten Sie recht « , erwiderte Laponder gleichmütig . » Aber ich bin nicht irrsinnig . Ich bin etwas ganz anderes , - etwas , was dem Irrsinn sehr ähnlich sieht , aber gerade das Gegenteil ist . Bitte , hören Sie zu . Sie werden mich sogleich verstehen . - - - Was Sie mir vorhin von dem Phantom ohne Kopf - ein Symbol natürlich : dieses Phantom ; den Schlüssel können Sie leicht finden , wenn Sie darüber nachdenken - erzählten , ist mir einst genauso passiert . Nur habe ich die Körner angenommen . Ich gehe also den Weg des Todes ! - Für mich ist das Heiligste , das ich denken kann : meine Schritte vom Geistigen in mir lenken zu lassen . Blind , vertrauensvoll , wohin der Weg auch führen mag : ob zum Galgen oder zum Thron , ob zur Armut oder zum Reichtum . Niemals habe ich gezögert , wenn die Wahl in meine Hand gelegt war . Darum habe ich auch nicht gelogen , als die Wahl in meiner Hand lag . Kennen Sie die Worte des Propheten Micha : » Es ist dir gesagt , Mensch , was gut ist , und was der Herr von dir fordert , « ? Würde ich gelogen haben , hätte ich eine Ursache geschaffen , weil ich die Wahl hatte ; - - als ich den Mord beging , schuf ich keine Ursache ; nur die Wirkung einer in mir schlummernden , längst gelegten Ursache , über die ich keine Gewalt mehr besaß , wurde frei . Also sind meine Hände rein . Dadurch , daß das Geistige in mir mich zum Mörder werden ließ , hat es eine Hinrichtung an mir vollzogen ; dadurch , daß mich die Menschen an den Galgen knüpfen , wird mein Schicksal losgelöst von dem ihrigen : - ich komme zur Freiheit . « Er ist ein Heiliger , fühlte ich , und das Haar sträubte sich mir vor Schauder über meine eigene Kleinheit . » Sie haben mir erzählt , daß Sie durch den hypnotischen Eingriff eines Arztes in Ihr Bewußtsein lange die Erinnerung an Ihre Jugendzeit vergessen hatten « , fuhr er fort . » Es ist das das Kennzeichen , - das Stigma - aller derer , die von der Schlange des geistigen Reiches gebissen sind . Es scheint fast , als müßten in uns zwei Leben aufeinandergepfropft werden , wie ein Edelreis auf den wilden Baum , ehe das Wunder der Erweckung geschehen kann ; - was sonst durch den Tod getrennt wird , geschieht hier durch Erlöschen der Erinnerung - manchmal nur durch eine plötzliche innere Umkehr . Bei mir war es so , daß ich scheinbar ohne äußere Ursache in meinem 21. Jahr eines Morgens wie verändert erwachte . Was mir bis dahin lieb gewesen , erschien mir mit einemmal gleichgültig : Das Leben kam mir dumm vor wie eine Indianergeschichte und verlor an Wirklichkeit ; die Träume wurden zu Gewißheit - zu apodiktischer , beweiskräftiger Gewißheit , verstehen Sie wohl : zu beweiskräftiger , realer Gewißheit , und das Leben des Tages wurde zum Traum . Alle Menschen könnten das , wenn sie den Schlüssel hätten . Und der Schlüssel liegt einzig und allein darin , daß man sich seiner Ichgestalt , sozusagen seiner Haut , im Schlaf bewußt wird , - die schmale Ritze findet , durch die sich das Bewußtsein zwängt zwischen Wachsein und Tiefschlaf . Darum sagte ich vorhin : ich wandere und nicht : ich träume . Das Ringen nach der Unsterblichkeit ist ein Kampf um das Zepter gegen die uns innewohnenden Klänge und Gespenster ; und das Warten auf das Königwerden des eigenen Ichs ist das Warten auf den Messias . Der schemenhafte Habal Garmin , den Sie gesehen haben , der Hauch der Knochen der Kabbala , das war der König . Wenn er gekrönt sein wird , - dann reißt der Strick entzwei , mit dem Sie durch die äußeren Sinne und den Schornstein des Verstandes an die Welt gebunden sind . Wieso es kommen konnte , daß ich trotz meinem Losgetrenntsein vom Leben über Nacht zum Lustmörder werden konnte , fragen Sie mich ? Der Mensch ist wie ein Glasrohr , durch das bunte Kugeln laufen : bei fast allen im Leben nur die eine . Ist die Kugel rot , heißt der Mensch : schlecht . Ist sie gelb , dann ist der Mensch : gut . Laufen zwei hintereinander - eine rote und eine gelbe , dann hat man einen ungefestigten Charakter . Wir von der Schlange Gebissenen , machen in einem Leben durch , was sonst an der ganzen Rasse in einem Weltenalter geschieht : die farbigen Kugeln rasen hintereinander her durch das Glasrohr , und wenn sie zu Ende sind - - dann sind wir Propheten , - sind die Spiegel Gottes geworden . « Laponder schwieg . Lange konnte ich kein Wort sprechen . Seine Rede hatte mich fast betäubt . » Weshalb fragten Sie mich vorhin so ängstlich nach meinen Erlebnissen , wo Sie doch so viel , viel höher stehen als ich ? « , fing ich endlich wieder an . » Sie irren , « sagte Laponder , » ich stehe weit unter Ihnen . - Ich fragte Sie , weil ich fühlte , daß Sie den Schlüssel besitzen , der mir noch fehlte . « » Ich ? Einen Schlüssel ? O Gott ! « » Jawohl Sie ! Und Sie haben ihn mir gegeben . - Ich glaube nicht , daß es einen glücklicheren Menschen auf Erden gibt , als ich es heute bin . « Draußen entstand ein Geräusch ; die Riegel wurden zurückgeschoben , - Laponder achtete kaum darauf : » Das mit dem Hermaphroditen war der Schlüssel . Jetzt habe ich die Gewißheit . Schon deshalb bin ich froh , daß man mich holen kommt , denn bald bin ich am Ziel . « Vor Tränen konnte ich Laponders Gesicht nicht mehr unterscheiden , ich hörte nur das Lächeln in seiner Stimme . » Und jetzt : leben Sie wohl , Herr Pernath , und denken Sie : das , was man morgen aufhenkt , sind nur meine Kleider ; Sie haben mir das Schönste eröffnet , - das Letzte , was ich noch nicht wußte . Jetzt geht ' s zur Hochzeit - - - , « er stand auf und folgte dem Gefangenwärter - » es hängt mit dem Lustmord eng zusammen « , waren die letzten Worte , die ich hörte und nur dunkel begriff . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - So oft seit jener Nacht der Vollmond am Himmel stand , glaubte ich immer wieder Laponders schlafendes Gesicht auf der grauen Leinwand des Bettes liegen zu sehen . In den nächsten Tagen , nachdem er weggeführt worden war , hatte ich ein Hämmern und Zimmern aus dem Hinrichtungshof heraufdröhnen hören , das manchmal bis zum Morgengrauen dauerte . Ich erriet , was es bedeutete , und hielt mir stundenlang die Ohren zu vor Verzweiflung . Monat um Monat verfloß . Ich sah , wie der Sommer zerrann , am Krankwerden des kümmerlichen Laubs im Hof ; roch es an dem pelzigen Hauch , der aus den Mauern drang . Wenn mein Blick bei den Rundgängen auf den sterbenden Baum fiel und das eingewachsene Glasbild der Heiligen in seiner Rinde , zog ich unwillkürlich jedesmal den Vergleich , wie tief sich auch Laponders Gesicht in mich eingegraben hatte . Beständig trug ich es in mir herum , dieses Buddhagesicht mit der faltenlosen Haut und dem seltsamen , immerwährenden Lächeln . Ein einziges Mal noch - im September - hatte mich der Untersuchungsrichter holen lassen und mißtrauisch gefragt , wie ich es begründen könne , daß ich bei dem Bankschalter gesagt , ich müsse dringend verreisen , und warum ich in den Stunden vor meiner Verhaftung so unruhig gewesen wäre und meine sämtlichen Edelsteine zu mir gesteckt hätte . Auf meine Antwort , ich sei mit der Absicht umgegangen , mir das Leben zu nehmen , hatte es wieder hinter dem Schreibtisch höhnisch gemeckert . - Bis dahin war ich allein in meiner Zelle gewesen und konnte meinen Gedanken , meiner Trauer um Charousek , der , wie ich fühlte , längst tot sein mußte , und Laponder und meiner Sehnsucht nach Mirjam nachhängen . Dann kamen wieder neue Gefangene : diebische Kommis mit verlebten Gesichtern , dickwanstige Bankkassierer , - » Waisenkinder « , wie der schwarze Vóssatka sie genannt haben würde , - und verpesteten mir die Luft und die Stimmung . Eines Tages gab einer von ihnen voll Entrüstung zum besten , daß vor geraumer Zeit ein Lustmord in der Stadt geschehen sei . Zum Glück hätte man den Täter sogleich erwischt und kurzen Prozeß mit ihm gemacht . » Laponder hat er geheißen , der Schuft , der gottserbärmliche « , schrie ein Kerl mit einer Raubtierschnauze , der wegen Kindsmißhandlung zu - 14 Tagen Gefängnis verurteilt worden war , dazwischen . » Auf frischer Tat habn ' s ' n g ' faßt . Die Lampen is umg ' fallen bei dem Krawall und ' s Zimmer is ausbrennt . Die Leich ' von dem Mädel is dabei so verkohlt , daß mer bis zum heutigen Tage noch nöt hat rausbringen können , wer sie eigentlich war . Schwarze Haar hat ' s g ' habt und a schmal ' s G ' sicht , dös is alls , was mer weiß . Und der Laponder hat net ums Verrecken rausg ' rückt mit ihrem Namen . - Wann ' s nach mir gangen wär , i hätt ihm d ' Haut ab ' zogen und Pfeffer drauf g ' streut . - Dös san halt die feinen Herren ! Mörder san ' s , alle z ' samm . - - - - Als ob ' s net anderne Mittel g ' nua gebet , wann aner a Mädel los sein wüll « , setzte er mit zynischem Lächeln hinzu . Die Wut kochte in mir , und am liebsten hätte ich den Halunken zu Boden geschlagen . Nacht für Nacht schnarchte er in dem Bett , auf dem Laponder gelegen . Ich atmete auf , als er endlich freigelassen wurde . Aber selbst da war ich ihn noch nicht los : seine Rede hatte sich wie ein Pfeil mit Widerhaken in mich eingebohrt . Fast beständig , hauptsächlich in der Dunkelheit , nagte jetzt in mir der grausige Verdacht , Mirjam könnte das Opfer Laponders gewesen sein . Je mehr ich dagegen ankämpfte , desto tiefer verstrickte ich mich in dem Gedanken , bis er beinahe zur fixen Idee wurde . Manchmal , besonders wenn der Mond grell durchs Gitter schien , wurde es besser : ich konnte mir die Stunden , die ich mit Laponder verlebt , dann lebendig machen , und das tiefe Gefühl für ihn verscheuchte mir die Qual , - aber nur zu oft kamen die gräßlichen Minuten wieder , wo ich Mirjam ermordet und verkohlt im Geiste vor mir sah und glaubte , vor Angst den Verstand verlieren zu müssen . Die schwachen Anhaltspunkte , die ich für meinen Verdacht hatte , verdichteten sich in solchen Zeiten zu einem geschlossenen Ganzen , - zu einem Gemälde voll unbeschreiblich entsetzenerregender Einzelheiten . Anfangs November gegen 10 Uhr abends , es war bereits stockfinster und die Verzweiflung in mir hatte einen derartigen Höhepunkt erreicht , daß ich mich , um nicht laut aufzuschreien , in meinen Strohsack verbiß wie ein verdurstendes Tier , öffnete plötzlich der Gefangenwärter die Zelle und forderte mich auf , mit ihm zum Untersuchungsrichter zu kommen . Ich fühlte mich so schwach , daß ich mehr taumelte als ging . Die Hoffnung , jemals dieses schreckliche Haus verlassen zu dürfen , war längst in mir gestorben . Ich machte mich darauf gefaßt , wieder eine kalte Frage gestellt zu bekommen , das stereotype Gemecker hinter dem Schreibtisch zu hören und dann zurück in die Finsternis zu müssen . Der Herr Baron Leisetreter war bereits nach Hause gegangen und nur ein alter , buckliger Schreiber mit Spinnenfingern stand im Zimmer . Dumpf wartete ich , was mit mir geschehen würde . Es fiel mir auf , daß der Gefangenwärter mit hereingekommen war und mir gutmütig zublinzelte , aber ich war viel zu niedergeschlagen , als daß ich mir über die Bedeutung alles dessen hätte klarwerden können . » Die Untersuchung hat ergeben « , fing der Schreiber an , meckerte , stieg auf einen Sessel und kramte erst lange auf dem Bücherbord nach Schriftstücken , ehe er fortfuhr : » hat ergeben , daß der in Frage kommende Karl Zottmann vor seinem Tode anläßlich einer heimlichen Zusammenkunft mit der unverehelichten ehemaligen Prostituierten Rosina Metzeles , die damaliger Zeit den Spitznamen die rote Rosina führte , dann später von einem taubstummen , nunmehr unter polizeilicher Aufsicht stehenden Silhubettenschneider namens Jaromir Kwáßnitschka aus dem Weinsalon Kautsky losgekauft wurde und seit einigen Monaten mit Seiner Durchlaucht dem Fürsten Ferri Athenstädt im gemeinsamen , wilden Konkubinate als Maiteresse lebt , von hinterlistiger Hand in ein unterirdisches , aufgelassenes Kellergewölbe des Hauses Nummer conscriptionis 21873 , gebrochen durch römisch III , der Hahnpaßgasse , laufende Numero sieben , gelockt , dortselbst eingeschlossen und sich selbst , beziehungsweise dem Tode durch Verhungern oder Erfrieren überlassen wurde . - - Der obenerwähnte Zottmann nämlich « , erklärte der Schreiber mit einem Blick über die Brille hinweg und blätterte ein paarmal um . » Die Untersuchung hat weiters ergeben , daß der obenerwähnte Karl Zottmann allem Anscheine nach - nach eingetretenem Ableben - seiner sämtlichen bei ihm getragenen Habseligkeiten , insbesondere seiner sub faszikel römisch P gebrochen durch Bäh beigeschlossenen doppelmanteligen Taschenuhr « - der Schreiber hob die Uhr an der Kette in die Höhe - » beraubt wurde . Der eidesstattlichen Aussage des Silhubettenschnitzers Jaromir Kwáßnitschka , verwaisten Sohnes des vor 17 Jahren verstorbenen Hostienbäckers gleichen Namens : die Uhr im Bette seines inzwischen flüchtig gegangenen Bruders Loisa gefunden und an den Altwarenhändler und mehrfachen , inzwischen aus dem Leben geschiedenen Realitätenbesitzer Aaron Wassertrum gegen Inempfangnahme von Geldeswert veräußert zu haben , konnte mangels Glaubwürdigkeit kein Gewicht beigelegt werden . Die Untersuchung hat weiters ergeben , daß die Leiche des erwähnten Karl Zottmann in der rückwärtigen Hosentasche zur Zeit ihrer Auffindung ein Notizbuch bei sich trug , in der sie vermutlich bereits einige Tage vor erfolgtem Ableben mehrere den Tatbestand erhellende und die Ergreifung des Täters durch die k.k. Behörden erleichternde Eintragungen vorgenommen hatte . Das Augenmerk einer hohen k. und k. Staatsanwaltschaft wurde demzufolge auf den nunmehr durch die Zottmannschen letztwilligen Notizen dringend verdächtig gewordenen Loisa Kwáßnitschka , zurzeit flüchtig , gelenkt und unter einem verfügt , die Untersuchungshaft gegen Athanasius Pernath , Gemmenschneider , dermalen noch unbescholten , aufzuheben , und das Verfahren gegen ihn einzustellen . Prag im Juli gezeichnet Dr. Freiherr von Leisetreter . « - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Der Boden schwankte unter meinen Füßen , und ich verlor eine Minute das Bewußtsein . Als ich erwachte , saß ich auf einem Stuhl , und der Gefangenwärter klopfte mir freundlich auf die Schulter . Der Schreiber war vollkommen ruhig geblieben , schnupfte , schneuzte sich und sagte zu mir : » Die Verlesung der Verfügung hat sich bis heute hinausgezogen , weil Ihr Name mit einem Päh beginnt und naturgemäß im Alphabet erst gegen Schluß vorkommen kann . « - Dann las er weiter : » Überdies ist der Athanasius Pernath , Gemmenschneider , in Kenntnis zu setzen , daß ihm laut testamentarischer Verfügung des im Mai mit Tod abgegangenen stud . med . Innocenz Charousek ein Drittel von dessen gesamter Verlassenschaft ins Erbe zugefallen ist , und ist er zur Unterfertigung des Protokolles hiermit anzuhalten . « Der Schreiber hatte bei dem letzten Wort die Feder eingetunkt und fing an zu schmieren . Ich erwartete gewohnheitsmäßig , daß er meckern würde , aber er meckerte nicht . » Innocenz Charousek « , murmelte ich ihm wie geistesabwesend nach . Der Gefangenwärter beugte sich über mich und flüsterte mir ins Ohr : » Kurz vor seinem Tode war er bei mir , der Herr Dr. Charousek , und hat sich nach Ihnen erkundigt . Er läßt Sie viel-vielmals grüßen , hat er g ' sagt . Ich hab ' s natürlich damals nicht ausrichten dürfen . Es ist streng verboten . Ein schreckliches Ende hat er übrigens genommen , der Herr Dr. Charousek . Er hat sich selbst entleibt . Man hat ihn tot auf dem Grabhügel des Aaron Wassertrum , auf der Brust liegend , gefunden . - Er hat zwei tiefe Löcher in die Erde gegraben gehabt , sich die Pulsadern aufgeschnitten und dann die Arme in die Löcher gesteckt . So ist er verblutet . Er ist wahrscheinlich wahnsinnig gewesen , der Herr Dr. Char - - - « Der Schreiber schob geräuschvoll seinen Stuhl zurück und reichte mir die Feder zum Unterschreiben . Dann richtete er sich stolz auf und sagte genau im Tonfall seines freiherrlichen Vorgesetzten : » Gefangenwärter , führen Sie den Mann hinaus . « - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Wie vor langer , langer Zeit hatte wiederum der Mann mit Säbel und Unterhosen im Torzimmer seine Kaffeemühle vom Schoß genommen ; nur daß er mich diesmal nicht untersuchte und mir meine Edelsteine , das Portemonnaie mit den zehn Gulden darin , meinen Mantel und alles übrige zurückgab . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Dann stand ich auf der Straße . » Mirjam ! Mirjam ! Jetzt endlich naht das Widersehen ! « - Ich unterdrückte einen Schrei wildesten Entzückens . Es mußte Mitternacht sein . Der Vollmond schwebte glanzlos wie ein fahler Messingteller hinter Dunstschleiern . Das Pflaster war mit einer zähen Schicht von Schmutz bedeckt . Ich wankte auf eine Droschke zu , die im Nebel aussah wie ein zusammengebrochenes vorsintflutliches Ungeheuer . Meine Beine versagten fast den Dienst ; ich hatte das Gehen verlernt und taumelte - auf empfindungslosen Sohlen wie ein Rückenmarkskranker . - - » Kutscher , fahren Sie mich , so rasch Sie können , in die Hahnpaßgasse 7 ! - Haben Sie mich verstanden ? : - Hahnpaßgasse 7. « Frei Nach wenigen Metern Fahrt blieb die Droschke stehn . » Hahnpaßgassä , gnä ' Herr ? « » Ja , ja , nur rasch . « Wieder fuhr der Wagen ein Stück weiter . Wieder blieb er stehen . » Um Himmels willen , was gibt ' s denn ? « » Hahnpaßgassäü , gnä ' Herr ? « » Ja , ja . Ja doch . « » In die Hahnpaßgassä kann me doch nicht fahrrähn ! « » Warum denn nicht ? « » Ise sich doch ieberall Pflaste aufgrissen , Judenstadt wirde sich doch assaniert . « » Also fahren Sie eben , soweit Sie können , aber jetzt rasch gefälligst . « Die Droschke machte einen einzigen Galoppsprung und stolperte dann gemächlich weiter . Ich ließ die klapprigen Fenster herunter und sog mit gierigen Lungen die Nachtluft ein . Alles war mir so fremd geworden , so unbegreiflich neu : die Häuser , die Straßen , die geschlossenen Läden . Ein weißer Hund trabte einsam und mißgelaunt auf dem nassen Trottoir vorüber . Ich sah ihm nach . - Wie sonderbar ! ! Ein Hund ! Ich hatte ganz vergessen , daß es solche Tiere gab . - Vor Freude kindisch rief ich ihm nach : » Aber , aber ! Wie kann man nur so verdrossen sein . « - - - Was Hillel wohl sagen würde ! ? - Und Mirjam ? Nur noch wenige Minuten und ich war bei ihnen . Nicht eher wollte ich aufhören , an ihre Tür zu klopfen , bis ich sie aus den Federn getrieben . Jetzt war ja alles gut - all der Jammer dieses Jahres vorüber ! - Würde das ein Weihnachten werden ! Diesmal durfte ich es nicht verschlafen , wie das letztemal . Einen Augenblick lähmte mich wieder das alte Entsetzen : die Worte des Sträflings mit der Raubtierschnauze fielen mir ein . Das verbrannte Gesicht - der Lustmord - aber nein , nein ! - Ich schüttelte es gewaltsam ab : nein , nein , es konnte , es konnte nicht sein . - Mirjam lebte ! Ich hatte doch ihre Stimme aus Laponders Mund gehört . Nur noch eine Minute - eine halbe - - und dann - Die Droschke hielt vor einem Trümmerhaufen . Barrikaden aus Pflastersteinen überall ! Rote Laternen brannten darauf . Beim Schein von Fackeln grub und schaufelte ein Heer von Arbeitern . Halden von Schutt und Mauerbrocken versperrten den Weg . Ich kletterte umher , versank bis ans Knie . Das hier , das mußte doch die Hahnpaßgasse sein ? ! Mühsam orientierte ich mich . Nichts als Ruinen ringsum . Stand denn da nicht das Haus , in dem ich gewohnt hatte ? Die Vorderseite war eingerissen . Ich kletterte auf einen Erdhügel ; tief unter mir lief ein schwarzer , gemauerter Gang die ehemalige Gasse entlang . Ich schaute empor : wie riesige Bienenzellen hingen die bloßgelegten Wohnräume nebeneinander in der Luft , halb vom Fackelschein , halb von dem trüben Mondlicht beschienen . Das dort oben , das mußte mein Zimmer sein - ich erkannte es an der Bemalung der Wände . Nur noch ein Streifen davon war übrig . Und daranstoßend das Atelier - Saviolis . Mir wurde plötzlich ganz leer im Herzen . Wie seltsam ! Das Atelier ! - Angelina ! - - So weit , so unabsehbar fern lag das alles hinter mir ! Ich drehte mich um : von dem Haus , in dem Wassertrum gewohnt , kein Stein mehr auf dem andern . Alles dem Erdboden gleichgemacht : der Trödlerladen , die Kellerwohnung Charouseks - - - alles , alles . » Der Mensch geht dahin wie ein Schatten « - fiel mir ein Satz ein , den ich einmal irgendwo gelesen . Ich fragte einen Arbeiter , ob er nicht wisse , wo die Leute jetzt wohnten , die hier ausgezogen seien ; ob er vielleicht den Archivar Schemajah Hillel kenne . » Nix daitsch « , war die Antwort . Ich schenkte dem Mann einen Gulden : er verstand zwar sofort deutsch , konnte mir aber keine Auskunft geben . Auch von seinen Kameraden niemand . Vielleicht , daß beim » Loisitschek « etwas zu erfahren wäre ? Der » Loisitschek « sei gesperrt , hieß es , das Haus würde renoviert . Also irgend jemand in der Nachbarschaft wecken ! - Ging das nicht ? » Weit a breit wohnt sich keine Katz , « sagte der Arbeiter ; » weil ise behärdlich verbotten . Von wägen Typhus . « » Der Ungelt ? Der wird doch offen haben ? « » Ungelt ise sich geschlossen . « » Bestimmt ? « » Bestimmt ! « Aufs Geratewohl nannte ich ein paar Namen von Höcklern und Tabaktrafikantinnen , die in der Nähe gewohnt hatten ; dann die Namen Zwakh , Vrieslander , Prokop - - Bei allen schüttelte der Mann den Kopf . » Vielleicht kennen Sie den Jaromir Kwáßnitschka ? « Der Arbeiter horchte auf . » Jaromir ? Ise sich taubstumm ? « Ich jubelte . Gott sei Dank . Wenigstens ein Bekannter . » Ja , er ist taubstumm . Wo wohnt er ? « » Schneid ' e sich Bildeln aus ? Aus schwarzem Pappjir ? « » Ja . Er ist es schon . Wo kann ich ihn wohl treffen ? « So umständlich wie möglich bezeichnete mir der Mann ein Nachtcaféhaus in der inneren Stadt und fing sofort wieder an zu schaufeln . Über eine Stunde lang watete ich durch Schuttfelder , balancierte über schwankende Bretter und kroch unter Querbalken durch , die die Straßen versperrten . Das ganze Judenviertel war eine einzige